Carbon Copies
28.März 2012

Zwei E-Mails aus meinem heutigen Posteingang:

Screenshot

Betreff: Pressemitteilung – Launch der Crowd-Founding-Plattform “___”

Sehr geehrter Damen und Herren,

___ ist der einfachste Weg, ein eigenes Projekt über das Internet zu finanzieren. Dafür kooperiert ___ bereits zum Start mit über 700 verschiedenen Online-Shops, u.a. mit ___, ___, und ___. Werden die Einkäufe über die ___-Website oder das Browser-Add-on getätigt, fließt vom Shopbetreiber ein Bonus in das ausgewählte Projekt. Die Höhe des Bonus variiert von Shop zu Shop. Der Einkauf wird dadurch allerdings nicht teurer. Man muss nichts zahlen oder spenden, sondern das Geld sammeln funktioniert ganz einfach nebenbei, wenn man einen Online-Einkauf tätigt.

Die weiteren Informationen entnehmen Sie bitte der beiliegenden Pressemitteilung.

Für Fragen stehe ich Ihnen gerne jederzeit zur Verfügung.

Herzlichen Gruß,

Christian ___
-Geschäftsführer-

Re: Pressemitteilung – Launch der Crowd-Founding-Plattform “___”

Sehr geehrter Herr ___,

ich schlage als erstes Projekt das Thema “Wie bediene ich meine Email-Software unter besonderer Berücksichtigung des Datenschutzes von

349 Email-Adressinhabern” vor.

Nichts für ungut,

Manuela

(Leerstellen und Schwärzungen von mir)

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Dem Hund geht es nicht gut
14.März 2012

Mich durchfuhr der Hauch eines Schocks beim ersten Anblick der folgenden Überschrift (und das nicht, weil Angelika Milster jetzt wie Gwyneth Paltrow aussähe):

Angelika Milster in der Freizeit Revue: Tod nach Routine-OP?

Angelika Milster in der "Freizeit Revue": "Tod nach Routine-OP"

Ärztepfusch? Allergie? Eine unentdeckte Krankheit? Was ist da bloß passiert? Bevor Sie lange rätseln -

hier die Auflösung:

Angelika Milster und Dackeldame Erna in der Freizeit Revue

"Es braucht noch Zeit für eine neue Liebe": Trauer um Dackeldame Erna, nicht um Angelika Milster

Arme Erna, wirklich. Aber auch: Puuh! Und das war nur die erstbeste Seite, die ich aufschlug. Das wird noch eine wahre Adrenalin-Achterbahnfahrt, die weitere Lektüre der “Freizeit Revue”. Darauf einen Schmortopf.

(Mehr Klatschblatt-Skandale hier, hier und hier, zum Beispiel)

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Listenwahn 2011: Die Serien des Jahres
4.März 2012

Bevor auch 2012 Geschichte ist: Hier, nach den Filmen des Jahres, meine Serien des Jahres 2011. Nehmt das, Deadlines!

1. “Dexter”

Ein Vater, der bei der Mordkommission Miami Mordschauplätze analysiert und in seiner Freizeit selbst ein Serienmörder ist – Hölle, ja! In der sechsten Staffel holten die Macher zum biblischen Rundumschlag aus: Dexter Morgan, seine ewig fluchende und zur Abteilungsleiterin aufgestiegene Schwester Deborah und der Rest des Teams jagen den oder die Doomsday Killer, der/die seine/ihre Taten durch Gott rechtfertigt/-en und mit Bibelstellen belegt/-en – während Dexter auf persönliche Rachefeldzüge geht und sich mit seiner Manie arrangiert. Blut, Präzision, Humor, eine Sympathie für das Gute im Bösen und vice versa – und ein Cliffhanger, der Dexter sein bisheriges Leben kosten könnte.

2. “Breaking Bad”

Der krebskranke Chemielehrer und Familienvater Walter White steigt in der vierten Staffel endgültig zum Drogenbaron auf und geht über Leichen. Ähnliche Charakteridee wie bei “Dexter”: ein Mann führt ein Doppelleben zwischen Gut und Böse. White ist ein tragischer Held. Ein Held, der erst nicht anders kann – und irgendwann nicht anders will. Großartiges Kino in Serienform.

3. “Modern Family”

Ed O’Neill als Sitcom-Patriarch. Da war doch was? Statt sich eierkraulend auf der Couch von seinem Job als Schuhverkäufer zu erholen, spielt der ewige Al Bundy zwölf Jahre nach dem Ende von “Eine schrecklich nette Familie” Jay Pritchett, zurückgenommenes Oberhaupt und Bindeglied einer liebenswürdigen Patchworkfamilie, wie sie im ach so modernen Drehbuche steht. Da wären zum Beispiel seine Tochter aus erster Ehe, Claire, deren Mann Phil Dunphy seinen drei Kindern Haley, Alex und Luke der coole Dad sein will, der er nicht ist. Oder Claires Bruder Mitchell, der mit seinem Freund Cameron die kleine Lily aus Vietnam adoptiert hat. Oder Pritchetts zweite Frau, die leidenschaftliche Kolumbianerin Gloria (Sofia Vergara), deren 13-jähriger Sohn Manny aus erster Ehe sehr altklug und in seine zwei Jahre ältere Stiefnichte Haley verliebt ist. Alles im Mockumentary-Stil gedreht, man bekommt also alle Selbst- und Fremdwahrnehmungen der Charaktere ungeniert mit. Einerseits ein Heidenspaß, der andererseits oft leider noch viel zu brav bleibt – und auf ABC letztes Jahr in die dritte Staffel ging.

4. “Sherlock”

Messerscharfe BBC-Kurzserie, die Arthur Conan Doyles Klassiker mehr noch in die Gadget-Gegenwart holt, als es Steampunk Guy Ritchie tat. Mit einem Benedict Cumberbatch, der an der Seite von Martin Freeman als Dr. Watson den arschcoolsten und neben der Spur stehendsten Sherlock Holmes seit… naja, seit Robert Downey Jr. spielt.

5. “The Big Bang Theory”

Vier Nerds und ein Mädchen. Ein blondes Dummchen und vier schlecht angezogene Uni-Wissenschaftler mit Vorlieben für Comics und Star Wars und entsprechenden Schwächen im Sozialen. Eigentlich Stoff für flachen Stereotypen-Humor und für eine Kalauer-Sitcom. Aber wie clever die geschrieben ist! Und was für ein arroganter, überzogener und untragbarer Soziopath dieser Dr. Sheldon Cooper (Jim Parsons) sein kann! Nur als Kommentar auf die klägliche Geek-Debatte unter deutschen (Interims-)Chefredakteuren funktionieren die fünf Staffeln, ihr Erfolg und ihre Beliebtheit freilich nicht, “The Big Bang Theory” war schließlich vorher da. Bazinga.

6. “Stromberg”

Deutschlands angeblich fiesester Chef war zurück und bekam die Schadensregulierung in der Capitol-Versicherung trotz Frauen- und Ausländerquoten sowie dem üblichen Mobbing noch immer nicht in den Griff. Ulf kann keine Kinder machen, Stromberg will keine haben und der Charakter von Ernie ist leider diesmal ein so maßlos Überzogener, dass bei ihm kaum noch das bisherige “Stromberg”-Erfolgsargument gelten kann, dass es in deutschen Büros und unter deutschen Beamten tatsächlich ähnlich zuginge. Trotzdem und obwohl es immer noch nur eine Kopie des britischen Originals „The Office“ ist, ist “Stromberg” immer noch ein Leuchtturm in der irrlichternden deutschen Comedy.

7. “Walking Dead”

Bisher sechsteilige Serienadaption der legendären Comicvorlage. Beginnt unspektakulärer als ihr Ruf: Bei einem Routine-Einsatz geraten die befreundeten Cops Rick Grimes und Shane Walsh in einen Schusswechsel. Als Grimes (Andrew Lincoln) Tage später im Krankenhaus aufwacht, findet er nichts als verwelkte Blumen und Untote, die nach ihm lechzen. Der einsame Cowboy macht sich auf die Suche nach seiner Familie und anderen Überlebenden und reitet bei seinem Streifzug durch die Gegend um Atlanta über Leichen (wenn sie nicht schon welche wären). „The Walking Dead“ ist bis dahin nicht viel mehr als eine weitere, wenn auch toll gedrehte „Zombies im Kaufhaus“-Version, gewinnt aber an Tiefe und Fahrt durch das soziale Gefüge derer, die noch nicht gebissen wurden – einem kleinen Panoptikum der Klischees und Legenden einer us-amerikanischen Gesellschaft.

8. “Der Tatortreiniger”

Strombergs Ernie-Darsteller Bjarne Mädel als grundsolider Malocher von der “SpuBe”, der Spurenbeseitigung. Trifft bei Tatortreinigungen Hinterbliebene der Opfer und führt mit ihnen zwischen Blut und unfreiwilliger Bekanntschaft philosophische Gespräche über den Sinn des Lebens, ohne es zu wissen. Intelligent, kurzweilig und Grimme-Preis-verdächtig. Müsste wegen des NDR-Programmfiaskos eigentlich erst nächstes Jahr auf dieser Liste stehen. Steht aber alles drüben bei Stefan Niggemeier.

9. “True Blood”

Ach, bitte, liebe „True Blood“-Macher: Kommt wieder runter auf den Boden der fantastischen Kerngeschichten, für die man Euren Serienquatsch immer so gerne sah. Eine Vampir-Opposition, die sich im fiktiven Örtchen Bon Temps in Louisiana wider ihrer Natur und dank des Blutersatz „True Blood““ eine friedliche Koexistenz mit den Menschen aufbauen will; ein sogenannter White Trash, der das Vampirblut „V“ als Kultdroge entdeckt; Barbesitzer, die sich in Hunde und andere Tiere aus der Umgebung verwandeln können; eine blonde Kellner-Zicke, die von dem anfangs so noblen Bill Compton (Stephen Moyer) und dem so eiskalten Eric Northman (Alexander Skarsgård) mindestens sexuell umgarnt wird und selbst unbekannte Kräfte in sich trägt; ihr Bruder, der erst nur ficken und dann Läuterung in einer reaktionären Sekte finden will; Hexen, Medien, Homosexuelle und Politiker – die Serienadaption der Sookie Stackhouse-Romane funktionierte hervorragend als Gesellschaftskommentar („Alle sind gierig, alle sind anders“) auf der zweiten und als Out Of The Box-Vampir-Action voller Sex und Blut auf der ersten Ebene. In der vierten Staffel aber wird dem gemeinen Zuschauer vor lauter unlogischer Wendungen, Wiederkehren, Endzeitalbernheiten und Gefühlsduseleien schwindelig und lässt am Ende nur noch hoffen, dass die kommende fünfte Staffel sich besinnt oder die letzte sein wird.

10. “V – Die Besucher”

Das 2009-Remake des Serienklassikers von 1983 lief im Sommer auf Pro7, zwei Jahre davor auf ABC und wurde nach nur zwei Staffeln vorzeitig abgesetzt – gerade dann, als es endlich spannend wurde. Die Moral nämlich, dass Diktaturen immer wieder passieren können, dass das Fremde in Wahrheit unter und in uns lebt und dass Rassismus an jeder Ecke herrscht sowie der schrecklich stumpfe Charakter von Agentin Erica Evans in der Hauptrolle (“Lost”-Star Elizabeth Mitchell) kam mit dem Weltraumhammer, Logik- und Handlungslücken inklusive. Immerhin war die spätere „Homeland“-Darstellerin Morena Baccarin als Anna schon eine ziemlich attraktive Aliendiktatorin, während ihre Metamorphosen sowie ein angeheuerter Auftragskiller und ein ballernder Priester mit Gewissensbissen für Popcorn-Action sorgten – so fern die denn im Produktionsbudget drin war. Und so komme ich auf zehn Serien. Bis zum nächsten Jahr.

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Listenwahn 2011: Die Filme des Jahres
24.Januar 2012

Wegen der schönen Tradition der Jahresbestenlisten: meine Lieblingsfilme 2011. Lassen Sie sich von der Blockbuster-Dichte bitte nicht abschrecken.

1. “Halt auf freier Strecke”

Weil ich nach “In einem Land vor unserer Zeit” wieder im Kino weinen musste. Mittags um 12.

2. “Melancholia”

Ein paar Fragen, die sich da stellen: Ist Lars von Triers apokalyptischer Zwei-Akter “Melancholia” ein Lehrstück in Optimismus oder Pessimismus? Lohnt sich etwas so Irdisches, Zwischenmenschliches, Konformes wie eine Hochzeit nicht mehr, wenn man weiß, dass die Erde untergeht? Oder dann erst recht? Selbst Jack Bauer kapituliert.

3. “The Future”

Es geht um eine Katze. Und um zwei Thirtysomethings, die sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens in der Richtungslosigkeit ihrer eigenen Generation verlieren. Und um eine Katze.

4. “Beginners”

In Melanie Laurent könnte man sich hier auf der Stelle verknallen. Das bemerkt auch Ewan McGregor, obwohl sein Vater (Christopher Plummer) nach dem Tod seiner Frau als 70-Jähriger sein Coming Out feiert und vorgibt, andere Vorstellungen von der Liebe zu haben.

5. “The King’s Speech”

Merke: Royals sind auch nur Menschen. Colin Firth als stotternder Herzog Albert und späterer König ist einer von ihnen. Und Geoffrey Rush ein Oscar-reifer Schelm.

6. “Black Swan”

Ballerina bis auf’s Blut: Wie Natalie Portman den weißen und den schwarzen Schwan spielt und vor lauter Wahn so wenig wie der Zuschauer weiß, was passiert ist und was nicht, grenzt an tatsächliche Selbstzerstörung. Und an einen Horrorfilm.

7. “Biutiful”

Javier Bardem ist eine arme Sau im aristotelischsten Sinne. Und Barcelona der Vorhof zur Hölle.

8. “Submarine”

Schon die Romanvorlage “Ich, Oliver Tate” (“Submarine” im englischen Originaltitel) von Joe Dunthorne machte deshalb Spaß, weil im Leben des Ich-Erzählers außer der ganz normalen Pubertätswirrungen eigentlich nicht viel passierte. Diese Welt wird in “Submarine” kunterbunt, liebevoll, tragikomisch und sehr britisch in Szene gesetzt. Die wunderbaren Leistungen des Ensembles um Newcomer Craig Roberts, der so aussieht wie Alex Turner von den Arctic Monkeys, sowie die Soundtrack-Songs von Alex Turner von den Arctic Monkeys tun ihr Übriges.

9. “The Ides Of March”

Neben “Margin Call” das vielleicht gelungenste Blockbusterporträt über Männer an der Macht. Auch die Guten sind die Bösen. George Clooney muss als demokratischer Präsidentschaftskandidat-Kandidat scheinbar einsehen, dass es kein richtiges Leben im Falschen gibt, dass Idealismus eine Farce ist und das Bauern geopfert werden müssen. Aber in Wahrheit hatte er das schon vorher gemerkt. Und die eigentliche Hauptrolle spielt hier vom Anfang bis zum Schluss Shooting Star Ryan Gosling in seiner letzten großen Rolle, bevor er die ganz großen Rollen bekommt.

10. “One Day”

Nein, die auf einem Bestseller von David Nicholls basierende Liebesschnulze “One Day” ist kein guter Film, und eigentlich müsste hier “Margin Call”, “Cheyenne”, “The Fighter”, “Sherlock Holmes 2″ oder “Midnight in Paris” stehen. Aber “One Day” ist eine melodramatische Schnulze, die mich mit ihrer kitschigen Botschaft (“Alles kann sofort vorbei sein”, “Schätze, was Du hast”, “Unter der Oberfläche und im Leben und Sterben sind alle Menschen gleich” und so weiter, bah) wider besseren Wissens nach einer wirklich schlechten ersten Stunde offenbar gekriegt hat. Gestehe ich.

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40 Jahre Wanderfreunde
27.Dezember 2011

Aus Stefan Niggemeiers gerne bespielter Rubrik “Original und Kopie”, oder: “Pressemitteilungen und Lokaljournalismus. Eine Symbiose.” Obwohl ich in Wahrheit noch gar nicht weiß, ob es sich bei der Grundlage der bis auf die letzten zwei Sätze fast identischen Texte wirklich um eine Pressemitteilung der Wanderfreunde Nieukerk handelt oder ob die Rheinische Post und das Anzeigenblatt Niederrhein Nachrichten längst eine Mantelredaktion gebildet haben, möchte ich sagen: Die faulen Redakteure machen nicht mal mehr vor meiner Oma halt.

"Freude an der Geselligkeit": Niederrhein Nachrichten, 8. Dezember 2011 (Klick zur Vergrößerung)

Auf einer Lokalseite namens "Heimatreporter": Rheinische Post, 13. Dezember 2011 (Klick zur Vergrößerung)

Nachtrag: Der Vereinsvorsitzende klärt auf Nachfrage per E-Mail hier in der Kommentarspalte auf.

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Was zu beweisen war
22.Dezember 2011

Welt Aktuell - UpdateWelt Aktuell - Leute von Welt






(neben anderen Flüchtigkeitsfehlern gesehen in: Welt Aktuell, 20. Dezember 2011, Seiten 8 und 12)

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„Es wäre besser gewesen, wenn ich einfach gar nicht geredet hätte“
22.November 2011

The Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan im Interview über Wrestling, sein eigenes Ego und verlogene Musikerkollegen

Samstagabend vor Halloween, 19 Uhr in Berlin, 9 Uhr morgens in Los Angeles. Von dort aus ruft Billy Corgan persönlich an (!), um die anstehende Tour seiner Smashing Pumpkins, einer der größten Rockbands der neunziger Jahre, die heute nur noch aus Corgan und vier (ziemlich guten) Aushilfsmusikern besteht, zu bewerben – zumindest muss man dies als Anlass glauben, wenn man weiß, dass Corgan auf seinen letzten Deutschlandbesuchen noch außer ein Fernsehteam kaum Journalisten an sich heran ließ* und ich im Erstauftrag eines Stadtmagazins agierte. Aber man muss ja nicht gleich über Musik sprechen. Uncut-Protokoll eines Telefonats.

Billy, zuhause in Chicago haben Sie mit zwei Partnern eine Wrestlingfirma gegründet! Ist „Resistance Pro“ eine Talentschmiede oder haben Sie schon echte Stars unter Vertrag?

Oh ja! Es ist das, was wir Independent Wrestling Promotion nennen. Wir haben Leute aus den Topklassen, aus der WWE, die jetzt unabhängig arbeiten. Es ist der Alternative- und Punkrock-Szene sehr ähnlich: Wir haben viele junge Untergrundtalente, aber auch ältere bekannte Namen, die für die WWE gearbeitet haben. Einer unserer zentralen Typen ist Harry Smith, der war sechs Jahre bei der WWE.

Und mit all diesen Wrestlern organisieren Sie Kämpfe. Nur in Chicago? Oder gehen Sie auch auf US-Tour?

Wir würden gerne auf US-Tour gehen, aber nur, wenn wir TV-Plätze bekommen. Daran arbeiten wir noch.

In einem Fernsehinterview auf FOX sagten Sie: “Wir versuchen, die glorreichen Tage zurück zu bringen”. Sie meinten die des Wrestlings, oder?

(Pause) Wollen Sie wirklich, dass ich darauf eingehe?

Entschuldigung, aber wir reden doch von dem Show-Wrestling, in dem Stars wie Hulk Hogan, der Undertaker und Konsorten in den Neunzigern bekannt wurden?

Schon, in der Independent-Szene sehen Sie aber eine andere Version davon. Die ist nicht ganz so wie die große Show.

Was fasziniert Sie daran? Sie sagen es ja selbst: Das ist doch alles nur Show.

Ich mag die Psychologie dahinter, ich mag die griechische Tragödie des Ganzen. Die großen Themen im Wrestling sind Betrug, Freundschaft, Loyalität, das fasziniert mich. Im Grunde reflektiert Wrestling das Drama und die Psychologie unseres Lebens, und das interessiert mich.

Auf YouTube kann man sich Videos ansehen, in denen Sie den Kämpfern Tipps geben. Einmal sagen Sie Ihnen: „Es ist so, wie ich es damals schon meiner Band sagte: In dem Moment, in dem du Erfolg hast, wenden sich die Leute von dir ab.“ Wie meinten Sie das?

In jedem Bereich der Kultur gibt es ein übergreifendes Schema, egal ob es Malerei, Videokunst oder sonst was ist. Wenn du auf einem Independentlevel als Künstler erfolgreich bist und dich dann dem Mainstream öffnest, wendet sich die Kunstmeute von dir ab. Sie halten dich für nicht mehr pur genug, weil du ein breiteres Publikum erreichen willst. Das Problem findest du in der Musik, im Wrestling, in jeder Art von Kultur gibt es diese Gruppen, die denken, das alles rein bleiben muss und falls es das nicht ist, ist es nicht wichtig.

Sie schreiben auch Storylines für Kämpfe und Karrieren der Wrestler.

Ich bin verantwortlich für die Storylines unserer Wrestling Promotion, ja. Was die Karrieren angeht, da können wir bestenfalls etwas Sicherheit anbieten.

Mit Poesie, wie Sie sie seit 2004 immer wieder veröffentlichen, hat das nicht viel zu tun. Oder?

Kreativität ist Kreativität. Ich mag es genauso, mit den Wrestlern an ihren Charakteren und ihren Storylines zu arbeiten, wie ich mit meiner Band an neuen Songs arbeite. Für mich ist das die gleiche Art von Leidenschaft. Der Leidenschaft, kreativ zu sein.

Zu Schulzeiten waren Sie selbst ein Sportler und Baseball-Fan. Sind Sie jemals selbst in den Ring gestiegen?

Ja, in den späten Neunzigern und 2000 habe ich etwas Zeugs im Wrestling-Ring gemacht, ja.

Ach, etwa mit Kerlen wie Basketball-Star Dennis Rodman? Der stieg ja zur gleichen Zeit in den Ring!

(lacht) Ich war auf einem kleinen Level, er war auf einem großen Level!

Er ist ja auch größer als Sie. Wären Sie heute noch ein Catcher und würden Ihr eigenes Drehbuch schreiben, wären Sie ein good guy oder ein bad guy?

Bad Guy!

Warum?

Weil das mehr Spaß machen würde.

Weil Sie keine Rücksicht nehmen müssten?

Manchmal, wenn du auf der Bühne stehst, sagst du Dinge, die du nicht sagen solltest. Es würde Spaß machen, all diese Dinge sagen zu dürfen. Wie ein Kind in der Schulklasse, das all das sagt, was es eigentlich nicht darf. Um mehr ginge es mir gar nicht.

Einige Ihrer Wrestler oder die Nachwuchskids haben möglicherweise noch nie von Ihrer Band gehört. Erklären Sie denen, dass vor ihnen der Frontmann einer der größten Rockbands der Neunziger steht?

Nein, das ist mir nicht wichtig.

Ihnen nicht, aber finden die es nicht cool, von Billy Corgan unterstützt zu werden?

Das weiß ich nicht, ich kann nicht für sie sprechen. Mir bedeutet das aber nichts. Ich gehe auch nicht in ein Restaurant und sage „Ich bin Billy Corgan von den Smashing Pumpkins, geben Sie mir einen guten Tisch“. Ich habe verschiedene Leben. Musik ist ein Leben, Wrestling ein anderes, mein persönliches Leben ist wieder ein anderes.

Und wenn Sie ein Wrestlingkid fragen würde, was Sie so für Musik machen, weil es von den Smashing Pumpkins noch nie gehört hat?

Ich würde gar nicht erst darüber reden.

Sie könnten ihm ein Album in die Hand drücken.

Nein, ich würde das Thema gar nicht erst anschneiden. Es ist mir nicht wichtig.

Als Wrestler braucht man ein großes Ego, muss stark sein, wissen, wer man ist. Können Rockstars von denen lernen oder umgekehrt?

Eigentlich sind die meisten Wrestler, die ich kenne, sehr bescheiden, nette und unkomplizierte Zeitgenossen. Im Wrestling habe ich noch nicht viele große Egos gefunden. In der Musik habe ich sehr viel größere Egos ausmachen können.

Deren Namen Sie natürlich nicht nennen möchten nach all den Jahren.

Hahahaha! Ich denke, die haben ihre Namen längst selbst genannt.

Rückblickend: Hat Ihr Ego Ihnen geschadet oder geholfen? Wären die Smashing Pumpkins heute eine andere Band, wenn Sie Dinge anders gemacht hätten als Sie es taten?

Yeah, ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich einfach gar nicht geredet hätte.

Aber das taten Sie.

Nun, ja, Sie fragten mich danach, was ich tun würde, könnte ich es noch mal tun. Und wenn ich das alles noch mal tun müsste, ich würde einfach ruhig sein.

Klappe halten und Musik machen, sozusagen.

Ja, ich denke, ich hätte meine Energie besser in die Musik investieren können. Und das feige Gebrabbel den Politikern überlassen.

Denken Sie gerade an eine konkrete Situation, in der Sie lieber nichts gesagt hätten und es heute bereuen?

Hahahaaaaaaa… (müder werdendes Lächeln, das sagt: Ich sag dir gar nichts….)

via BillyCorgan.jp



Na, zum Beispiel die Anzeige, die Sie 2005 in der Chicago Tribune und der Chicago Sun-Times schalteten und darin sagten, dass Sie Ihre Band zurück wollen. Bereuen Sie das auch oder würden Sie es wieder tun?

Das würde ich wieder tun. Ich habe kein Problem damit, was ich dort gesagt habe. Ich finde, das war doch ziemlich ehrlich und aufrichtig.

Sie sagten in einem jüngeren Interview, dass die Zukunft der Smashing Pumpkins maßgeblich von der Akzeptanz des Online-Albums „Teargarden by Kaleidyscope“ and seinem Nachfolger „Oceania“ abhängt.

Nein, das haben Sie falsch verstanden.

Wie war es dann gemeint?

Wir leben heute in einer anderen Welt, wegen Facebook, wegen Twitter, wegen all der Sozialen Medien. Die Wahrnehmung der Leute ändert sich viel schneller als früher. Die Werte einer Karriere, eines Stücks Arbeit, einer Musik, eines Song, sie werden seichter. Was am Ende passiert: du verwendest mehr Zeit auf die ständige Wahrnehmung als auf die Musik selbst. Da kommt der Punkt, an dem du als Musiker in einer modernen Welt nachdenken musst: Wenn das Publikum nicht annimmt, was du tust, dann solltest du vermutlich etwas anderes tun. Das heißt nicht, dass du mit der Musik aufhören sollst, aber du solltest das Publikum nicht mehr in diese eine bestimmte Richtung drängen. Das wollte ich damit sagen. Es ist aus dem Zusammenhang gerissen und künstlich aufgeblasen worden. Als ob ich da sitzen und darauf warten würde, dass mir das Publikum sagt, ob ich gut bin oder nicht. So gesehen höre ich nicht darauf, was das Publikum sagt. Wenn ich aber immer noch versuche, CDs und Alben zu veröffentlichen, das Publikum aber immer wieder sagt, dass es das nicht interessiert, dann sollte eine Band nicht weiter ihre Energie darauf verschwenden, Alben und CDs zu machen. Sie sollte ihre Energie für zum Beispiel eine DVD, Filme oder irgendeine andere Form der Kreativität aufwenden. Das Publikum sollte aber niemals diktieren, was der Künstler tut, weil das Publikum immer die falsche Wahl treffen wird.

Sie verdienen keinen Cent damit, Ihre Songs gratis online zu veröffentlichen, oder?

Nein, null.

Sie müssen also Touren, DVDs produzieren, eine neue Form der Vermarktung finden. Stephen Malkmus sagte neulich, man könne grundsätzlich jedes Album vergessen, das eine Band nach ihrer Reunion herausbringt, weil sie nie mehr so gut wie früher klängen. Hat er recht?

Er sagt das, weil seine Band nicht imstande ist, neue Musik zu machen.

Er macht jetzt andere Musik mit The Jicks.

Ja, aber die will sich doch auch keiner anhören.

Verglichen mit den Verkaufszahlen, die Sie mal hatten, stimmt das wahrscheinlich sogar.

Verglichen mit mir in diesem Moment!

Ist das so? Ich kenne Ihre Download- und Verkaufszahlen nicht. Naja, jedenfalls…

Lassen Sie mich diese Frage beantworten, bitte.

Gerne.

Er ist der Typ von Musiker, der sich eine eigene Philosophie ausdenken muss, um sein eigenes Handeln zu rechtfertigen. Was er macht: Er negiert, was andere Leute tun, um seine Geschichte sinnvoller dastehen zu lassen. Er hat seine Band nur deshalb wieder zusammengebracht, um Kohle zu machen. Also muss er sich eine Geschichte ausdenken, damit es so aussieht, als wäre es cool, was er macht. Was er macht, ist nicht cool. Deine Band zusammenzubringen um alte Songs zu spielen und Geld zu machen ist nicht cool. Aber anstatt das zu sagen und es zuzugeben und ehrlich zu sein, denkt er sich eine Geschichte aus und macht damit andere Leute runter. Das macht mich verrückt, er ist ein Lügner.

Er hat keine Namen genannt.

Er hätte sagen sollen, dass er seine Band wieder am Start hat, um Geld zu machen. Ich hätte Respekt für einen Künstler, wenn er die Wahrheit sagen würde. Aber stattdessen denkt er sich eine Geschichte aus um Journalisten und Fans vorzugaukeln, er hätte Integrität. Er hat keine Integrität. Wenn er die hätte, hätte er seine Band nicht wieder zusammengetrommelt um Shows zu spielen um Geld zu machen.


The Smashing Pumpkins – Bullet with Butterfly… von EMI_Music

Wenn Sie das so sagen, schließt sich zwingend die Frage an, warum Sie die Smashing Pumpkins reanimierten. Über die damaligen Gründe haben wir gesprochen. Aber heute geht es auch darum, Geld zu verdienen, oder etwa nicht?

Ehm, warum würde ich dann meine Musik umsonst hergeben?

Weil sie Sie dann auf Tour gehen lassen. Nicht, dass eine Band Ihrer Größenordnung solche Argumente bräuchte. Aber sie schaden bestimmt auch nicht.

Ich möchte nicht versuchen, mich mit Ihnen zu streiten. Als Musiker mache ich das, was ich immer schon tat: Ich bringe Musik raus und spiele Shows. Vertrauen Sie mir: Wenn die Musik gut ist, kommen die Leute. Wenn sie nicht gut ist, kommen sie nicht. Es ist nicht so einfach zu sagen: „Hey, ich will Kohle machen“. Glauben Sie mir, wenn ich Kohle machen wollte, könnte ich hier in Hollywood bleiben und Filme machen, oder Werbung. Wer im Rock’n’Roll-Business arbeitet, der weiß: Da ist nicht viel Kohle. Mir ist egal, was andere sagen, es gibt einfach kaum Geld im Moment. Die Menschen sind pleite, die Wirtschaften der Welt stehen übel da, schauen Sie nur nach Griechenland und all diesen Orten. Es ist gerade eine schwierige Zeit für die Menschen. Es geht also nicht um’s Geld, es geht um die Musik. Und wenn du gut in dem bist, was du tust, dann solltest du dein Geld damit verdienen. Wenn es dir aber nur um Kohle geht, dann bist du kein Musiker. Dann bist du ein Gebrauchtwagenhändler. Ich bin kein Gebrauchtwagenhändler, ich bin ein Musiker.

Dieser Tage erscheinen die Re-Issues ihren ersten beiden Alben „Gish“ und „Siamese Dream“.  War das Ihre Idee oder die des Labels?

(in einem Tonfall, der fragen ließ, was die Frage soll) Es war meine Idee?!

Wer soll die kaufen, alte Fans von früher oder Kids, die vorher von den Smashing Pumpkins noch nie etwas gehört haben?

Alle Neuauflagen sind dazu da, mit der Musik ein neues Publikum zu erreichen.

Ich frage mich nur, wie die damalige Rockmusik wohl heute bei den Kids ankommt, ich bin ja keines mehr.

Ich bin auch kein Kid mehr!

Stimmt. Während der Auszeit der Smashing Pumpkins haben Sie andere Bands gegründet, Poesie geschrieben, jetzt sind sie ins Wrestlinggeschäft eingestiegen. Was kommt nach den Pumpkins? Werden Sie vielleicht Geschäftsmann? Schriftsteller? Gründen Sie eine Familie?

Tatsächlich schreibe ich gerade ein Buch über mein Leben. Das sollte also nächstes Jahr herauskommen. Ich spreche auch mit Leuten darüber, ein Broadway-Musical zu schreiben.

Ach. Sie schreiben aber nicht schon heimlich daran?

Nein. Diese Welt bewegt sich sehr langsam und braucht eine Menge Zeit. Das können Sie sich vielleicht vorstellen, wegen der Kosten und wegen der vielen Leute, die involviert sind. Das ist nicht wie ein Album, wo du sagst: „Okay, lass uns ein Album machen“, und schon gehst du ins Studio.  Broadway-Musicals brauchen bestimmt drei Jahre.

Und über Familie möchten Sie lieber nicht sprechen?

Oh, doch, das macht mir nichts. Ich möchte mal Familie haben. Ja, doch, das wäre toll.

Mit Ihrer Freundin Jessica Origliasso, wenn sie denn noch Ihre Freundin ist? Sie müssen mir das natürlich nicht verraten.

Hahahaaa! (Lacht lauter auf)

Immerhin sagt das Ihre Wikipedia-Seite, Sie sollte also ein gesteigertes Interesse an der Auflösung der Frage haben, ob es stimmt oder nicht!

Und wenn Wikipedia das sagt, muss es stimmen, nicht wahr?

Oh ja, es muss stimmen, zumal dort Twitter und einer Ihrer Tweets zitiert wird!

Ja, das stimmt, alles im Internet ist die Wahrheit!

Ja, all die Katzeninhalte und alles andere auch. Letzte Frage: Jetzt wo Sie wieder auf Tour kommen, auch nach Deutschland und Berlin: Dürfen wir außer neuer und hoffentlich alter Songs auch wieder Uli Jon Roth oder andere Mitglieder der Scorpions oder sonst welche Gäste auf der Bühne erwarten?

Nein, niemanden. Nur zwei Stunden puren Rock’n’Roll.

Puren Rock’n’Roll, mit alten und neuen Songs und mit all dem, was da noch so kommen mag?!

Yes, sir!

Billy, vielen Dank für Ihre Zeit. Alles Gute heute in L.A. und bei allem, was da noch so kommen mag.

Danke, Ihnen auch, Bye bye.

*Die Tour wurde in der Zwischenzeit, offiziell wegen “internationaler Verpflichtungen”, auf ein einziges Deutschlandkonzert in Berlin am 23.11. verkürzt

(gekürzt erschienen bei: Teleschau, 16. November 2011)

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Mädchen sind stark im Kommen
20.November 2011

Bisher offenbar unbemerkt arbeiten (die Gagschreiber von) Mario Barth und Stefan Raab auch als Online-Redakteure in Karlsruhe, und das mindestens seit März dieses Jahres:

Wodka-Tampons und Mädchen: Beide offenbar stark im Kommen (Klick zur Bild-Vergrößerung, Screenshot: ka-news.de)

Vielleicht ist es auch umgekehrt.

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Folter, Einhornsex und erwachsene Emos, oder: Wonach Sie suchen (4)
13.September 2011

Die Tendenz der Suchbegriffe, die auch nach meinem letzten, lange zurückliegenden Update im Januar zu dieser Seite hier führten, hat sich verschärft: Neben der Frage, ob “Jackass”-Stuntman Ryan Dunn wirklich tot ist oder nicht, geht es den Usern, diesen unbekannten Wesen, immer noch um Sex in Berlin und mit Schlagerstars. Dann ist das wohl so. Ein paar potentielle Skandale sind aber auch dabei.

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  • wer interessirt sich auch für die deutsche geschichte
  • wie heißt es wenn ein thema von den medien die ganze zeit bequatscht wird?
  • wir suchen hartmut engeler auch genannt hart´l
  • www.fabian der aschloch.de


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„Der Browser ist die wichtigste App die wir haben“
8.September 2011

Sascha Pallenberg über seinen Beruf als Blogger, die Erfolgsaussichten einer deutschen WIRED und die Gegenwart und Zukunft der Printbranche. Das Gespräch führten wir Anfang August anlässlich des heutigen Deutschlandstarts des WIRED-Magazins für die Berliner zitty.

Sascha, Du bist Tech-Blogger. Ein Nerdthema, sagen viele. Stimmt das?

Sascha Pallenberg: Ich sehe es nicht als negativ an, eine Nische zu besetzen. Wenn du dich darin vernünftig positionierst, kannst du sehr erfolgreich sein. Der Großteil unserer Mainstreammedien beackert den Massenmarkt. Wir fokussieren uns auf einen immer noch großen Markt, nämlich auf alles was man nutzen kann um mobil ins Internet zu kommen. Ob man das noch nerdig nennen mag? Mittlerweile leben wir in einer Zeit, wo Geeks und Nerds cool sind und nicht mehr die verpickelten Käsegesichter, die den ganzen Tag im Keller vor ihrem Rechner hocken und sonst nichts im Leben auf die Reihe bekommen.

Du arbeitest in Taipeh und sagst über Dich und Deine Blogs, mittlerweile selbst Quelle für News zu sein. Was waren früher, bevor es Blogs gab, Deine Quellen?

Im Internet waren US-amerikanische Seiten meine wichtigsten Quellen.  Meine erste Computerzeitschrift, die ich 1982 gekauft habe, war die Byte, die gerade online gerelauncht wurde. Das war ein riesiger Zwei-Kilo-Schinken, den man am Bahnhof kaufen konnte. In Deutschland war es ganz klar die c’t. Es gibt wenige IT-Magazine weltweit, die einen ähnlichen Qualitätsstandard halten wie die c’t.

Woran bemerkst Du das?

Sie sind professionell, es ist kein boulevardesker Journalismus, wie ihn Chip oder Computer Bild oder PC Welt machen, die uns im Turnus von drei Monaten mit Titelblättern namens „Die 100 besten Downloadadressen“ oder „So tunen Sie Ihren Windows-PC richtig“ kommen. Die c’t hingegen hat sich über 30 Jahre ihre Leserschaft selbst erzogen. Du wirst mit der Terminologie und ihrem sehr technischen Anspruch vor den Kopf gehauen. Aber es bewirkt, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Wenn ich auf meinem Blog mit Begriffen um mich schmeiße, gehe ich davon aus, dass die Leute auch eine Google-Suche anwerfen können. Man muss nicht alles erklären.

Das sagte auch schon Jeff Jarvis: „Do what you do best, and link to the rest.“

Genau. Dazu noch eine Anekdote: Mit einer amerikanischen Kollegin bin ich mal in ein deutsches Kiosk rein. Sie sah die deutsche IT-Magazin-Landschaft und fragte erstaunt, was denn hier los sei. Der Wettbewerb auf dem deutschen Markt ist unvergleichlich. Du kriegst hier deutlich mehr deutsche IT-Magazine als zum Beispiel us-amerikanische, und der Markt dort ist viereinhalb mal so groß. Die krebsen hier alle zwischen gut und böse rum.

Sascha Pallenberg

Du plädierst also für weniger Alleskönner und mehr Spezialisten?

Die Besetzung der Nischen ist wichtig. Absolute Fachmagazine können, wenn sie entsprechend mit ihrer Infrastruktur haushalten, sehr profitabel arbeiten. Magazine wie Chip, PC Welt und wie sie alle heißen werden sich nicht ewig über Wasser halten können. Darin ist alles so austauschbar. Wir haben ein Überangebot von ihnen in Deutschland. Die kämpfen um den letzten Leser. Ihre so genannten News sind Sachen, die aus dem Netz zusammenaggregiert und dann durch die Druckmaschinen gehauen werden. Die Leute, die sowieso IT-affin sind, haben alle einen Rechner, und ich gehe davon aus, dass auch 99,9 Prozent davon einen Internetanschluss haben.

Auf diesen Markt tritt nun WIRED. Ist das nötig?

Dazu zwei Sachen: Ich liebe die WIRED und kenne viel Leute von der us- und Onlineausgabe. Die WIRED ist ein sehr wichtiges globales Medium, um Trends im Netz, aber auch Hardwaretrends einzufangen. Ich will nicht unbedingt Lifestyle für Geeks sagen, aber sie hat viel dafür getan, dass dieses Geeksein eine Art von Lifestyle ist und nicht mehr etwas, für das man sich schämen muss. Und dafür, dass Technologie cool ist und es interessant ist sich damit zu beschäftigen. Das kann die WIRED sich auf die Fahnen schreiben. Funktioniert das in Deutschland? (zögert) Ich kann es mir so nicht vorstellen. Die haben gute Leute in der Redaktion, die sich mit dem Medium Netz sehr gut auskennen, die wunderbar schreiben können, die sich mit der Diskussionskultur im Netz über Jahre auseinandergesetzt haben und in Deutschland zum Teil auch mitbestimmt haben für ihre spezielle Nische. Die Frage aber ist: Wer ist das Zielpublikum, und ist dieses Publikum in irgendeiner Art und Weise noch printaffin? Da sage ich ganz klar nein, zumal der Chefredakteur mit Thomas Knüwer einer ist, der seit Jahren kräftig gegen printmediale Publikationen schießt und sagt, das sei sowas von gestern. Und jetzt wird er auf einmal Chefredakteur eines Printmagazins.

Leitender Entwicklungsredakteur.

Ich mag ihn wirklich gerne, er ist eigentlich der ideale Chefredakteur für eine deutsche Ausgabe von WIRED. Muss ich aber deswegen davon ausgehen, dass es ein Erfolg wird? Absolut nicht. Ich glaube, dass sie ein bisschen zu blauäugig sind, um für die WIRED in Deutschland einen Markt zu sehen. Das Zielpublikum was sie erreichen wollen ist online und liest online. Ich wüsste nicht, wie sich die eine WIRED derart von anderen Magazinen und Onlineangeboten absetzen kann, so dass ich sage: Die kauf ich jetzt. Und ob das als Beilage der GQ gut geht? Als ich das gelesen habe, stellten sich bei mir alle Fußnägel auf.

Wired

So sieht die erste deutsche WIRED also aus. Konnten wir im August ja nicht wissen.

Das kritisieren auch andere Blogger. Aber ist die Zielgruppe so unterschiedlich?

Nein, überhaupt nicht. Da sind wir aber schon wieder im Stereotyp einer von Männern bestimmten Nerdwelt unterwegs, und auch das ist nicht mehr so. Es sind genug Frauen unterwegs. Und es geht mir mittlerweile ehrlich gesagt auf den Sack, auf der re:publica andauernd irgendwelche feministischen Bloggerpanels zu sehen. Hört mal auf mit diesem Ding, die achtziger Jahre sind vorbei und nachher holt Ihr mir noch die Alice Schwarzer her! Die haben sich alle emanzipiert, sind integriert in die Bloggerszene, ich kenne es gar nicht anders. Meine Business-Partnerin ist ein Mädel. Da ist kein Genderding mehr im Kopf. Zur WIRED selbst: Es ist und bleibt paradox für mich, den New Media-Markt bedienen zu wollen und dann ein altes Medium dafür zu nutzen. Vielleicht wäre der bessere Weg gewesen, sie hätten sich die Erfahrung der us-amerikanischen WIRED in Bezug auf deren elektronische Ausgabe geschnappt – die mit viel Euphorie gelauncht wurde und auch hübsch anzusehen war, subscribertechnisch aber ganz schwer nach unten ging – und gesagt: Wir versuchen jetzt nicht das Printmedium neu zu erfinden in dem wir ein Branchoffice von einer erfolgreichen us-amerikanischen Publikation aufmachen. Sondern wir sind wirklich innovativ, progressiv und modern und machen es nur online, nur über Apps, und die gehen wir richtig an. Nicht wie ein 1:1-Abklatsch eines Printmagazins mit ein paar lustigen Animationen und Links und Videos. Das kann ich mir auch auf einem Blog angucken. Das ist übrigens auch der Grund, warum all diese Apps da draußen nicht so erfolgreich sind wie uns die Döpfners dieser Welt erzählen wollten und sagten, „die holen uns aus dem Tal der sinkenden Abonnentenzahlen raus“. Da hätten sie richtig was machen können mit einer deutschen WIRED. Einen vernünftigen Youtube-Videokanal aufbauen, Livestreams und was weiß ich nicht was machen, über Apps auf iPad, Android Tablets und Smartphones, mit einer sehr interessant gestalteten Webseite.

Das wird eine Verlags-, keine Redaktionsentscheidung gewesen sein. Wenn Blogs und Apps aber wirklich den Magazinen das Wasser abgegraben haben: Warum hat denn das gedruckte US-Magazin so einen Erfolg? Oder wird es als einstige Stammmarke etwa zunehmend dahinsiechen?

Ich glaube, dass Leute, die sich die deutsche WIRED kaufen würden, sich genauso die us-amerikanische Ausgabe kaufen könnten. Da also wieder die Frage, wie ich mich als deutsches Magazin explizit genug platzieren kann? Welcher Content ist in Deutschland da? Ich kenne den Umfang nicht der Wired. Vielleicht sind es ja nur zehn Seiten. Dann kann das ja alles funktionieren! Sie haben das richtige Team, sind aber nicht auf dem richtigen Markt. Werden sie US-Content übersetzen und Themen durch den Mixwolf drehen? Das werden wir alle wissen bei der ersten Ausgabe.

Du glaubst also nicht, darin Themen in einer Tiefe zu erfahren, wie Du sie online nicht findest.

Das wäre ein Argument für den Kauf, ja. Aber wann lese ich denn mal Printmagazine? Wenn ich im Flieger sitze. Selbst die c’t kann ich wunderbar übers iPad abonnieren. Ich halte den Browser für die wichtigste App die wir haben. Er ist mein Fenster zu jeglicher Information und eine Wissensdatenbank der gesamten Menschheitsgeschichte. Warum begreifen wir nicht, dass diese oft herabwürdigend titulierte Kostenloskultur, die es im Netz ja angeblich gibt, so kostenlos gar nicht ist? Meine Leser bekommen vielleicht kostenlosen Content auf meiner Seite. Ich mache aber mit ihnen Geld, da ist also ein Mehrwert in beide Richtungen. Nein, ich kann mir nicht mehr vorstellen, ein Printmagazin zu abonnieren.

Und wenn Du gefragt worden wärst, ob Du bei einem Magazin wie WIRED mitmachen möchtest – würdest Du?

Nein, da kannst Du nur verlieren. Gerade ich würde damit auf die Schnauze fallen. Publikationstechnisch bin ich ein absolutes Embryo im Vergleich zu einem printmedialen Verlag. Ich publiziere „just in time“, da würde mich ein Printmagazin an emotionale Grenzen stoßen lassen. Wenn ich einen neuen Artikel auf meinem Blog raushaue, ist er schon wieder alt. Er fängt dann aber auch erst an zu leben, in dem du Diskussionen erzeugst, indem er in sozialen Netzwerken geteilt wird und andere Leute darauf Bezug nehmen. Das fehlt mir im printmedialen Bereich völlig. Außerdem halte ich es für Quatsch, dass wir nach wie vor Informationen auf Papier drucken. Vor 3000 Jahren gab es auch Steintafeln, da hätten sie dir auch gesagt: „Bezüglich Haltbarkeit gibt’s nicht besseres.“ Wir fahren auch nicht mehr mit Kutschen durch die Gegend, außer in Wien.

Guter Journalismus ist und bleibt aber auch eine Frage des Geldes, und das liegt dafür noch bei den Verlagen und den dortigen Entscheidungsträgern.

Richtig, das liegt aber daran, dass wir dort Infrastrukturen haben, die sich über 100 Jahre aufgebaut haben. Im Hauptquartier der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung arbeiten vielleicht 20 Prozent Journalisten und 80 Prozent Verwalter. Das ist der riesige Kropf, den Du da hängen hast, der dieses Geld auffrisst. Wenn die Verlage nicht begreifen, dass sich diese Infrastruktur nicht mehr tragen lässt, wird das über kurz oder lang kollabieren, egal wie lange sie auf irgendwelche Tagesschau-Apps schimpfen. Eine peinliche Diskussion, die Einblicke in die Denke der deutschen Verlage gibt. Was schade ist, weil es genug kluge Köpfe gibt, die was tun könnten. Ob es die WIRED wird, wage ich zu bezweifeln.

Condé Nast-Herausgeber Moritz von Laffert ist da in vielen Punkten anderer Meinung. Und ich gehe nach so vielen Spekulationen und Tweets jetzt endlich zum Kiosk. Heute Morgen vor der U-Bahn hatte ich noch keinen Erfolg beim Finden des GQ/WIRED-Doppelpacks.


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Moritz von Laffert im Interview: “Wer glaubt, dass Internet-Vielnutzer grundsätzlich nur digitale Medien wollen, versteht diese Zielgruppe nicht”
7.September 2011

Zum Deutschland-Start des US-Magazins WIRED: Condé Nast-Herausgeber Moritz von Laffert über budgetäre Freiheiten, männliche Zielgruppen und den Kultstatus der WIRED als Erfolgsmodell.

Für das Berliner Stadtmagazin zitty habe ich zum Deutschland-Start der WIRED unter anderem mit Entwicklungsredakteur Thomas Knüwer, Condé Nast-Herausgeber Moritz von Laffert und Techblogger Sascha Pallenberg sprechen wollen. Knüwer wollte oder durfte als “temporärer Dienstleister” keine Interviews geben (später offenbar doch), mein Hintergrundgespräch mit Pallenberg folgt an dieser Stelle, von Laffert war bis Mitte August nur per Mail über seine Pressestelle erreichbar, stellte sich dafür später auf dem hauseigenen Magazinblog den Fragen der eventuellen Leserschaft. Hier seine von mir unkommentierten, naturgemäß PR-lastigen Antworten auf meine Fragen – schließlich muss ich das Doppelpack GQ/WIRED morgen erstmal am Kiosk finden, kaufen und mir ein eigenes Bild machen. Ich freue mich darauf.

Herr von Laffert, warum bringt Condé Nast WIRED in Deutschland heraus?

Moritz von Laffert (Foto: Condé Nast)Moritz von Laffert: Die US-Ausgabe von WIRED hat weit über das Silicon Valley hinaus Kultstatus, und auch in Deutschland hat die Marke zahlreiche Anhänger. Wir glauben aber, dass es ein deutlich größeres Potential für die Marke in Deutschland gibt. Technik und Wissenschaft haben unser Leben in den vergangenen 15 Jahren dramatisch verändert. Dies wirft neue Fragestellungen für unsere Gesellschaft auf. Viel wichtiger als die Frage, wie Technologien im Detail funktionieren, ist heute die Reflexion darüber, wie sie unsere Welt verändern und wie wir sie in unser Leben integrieren. Genau das sind Themen mit denen WIRED sich auseinandersetzt. Es ist ein guter Zeitpunkt, um der Marke ein Entrée auf dem deutschen Markt zu ermöglichen.

Warum bringen Sie WIRED zumindest vorerst nur als einmalige Beilage heraus?

Diese Neu-Entwicklung ist ein Pilotprojekt, bei dem es nicht allein darum geht, die Erfolgsaussichten für den Titel in Deutschland abzustecken. Die vorerst einmalige Ausgabe ist für uns eine Art Case Study, durch die wir die Marktchancen des Titels besser einordnen und zugleich die flexible, konvergente Arbeitsweise unseres Hauses – sowohl von der redaktionellen und technologischen Seite, als auch aus der Vermarktungsperspektive – ausspielen können.

(keine Frage)

Wir haben ein hervorragendes Team zusammengestellt, das ausgestattet mit budgetären und kreativen Freiheiten, großem Enthusiasmus und dem Rückenwind der internationalen Marke ein tolles, ganz eigenständiges Produkt entwickelt hat. Die deutsche WIRED hält das Versprechen der internationalen Marke – aber mit einem klar erkennbar deutschen thematischen Fokus.

GQ und WIRED, wie passen deren Zielgruppen zusammen?

Wir wissen, dass sich viele der naturgemäß vorwiegend männlichen Leser von GQ für Technologie- und Wissenschaftsthemen interessierten, folglich gehen wir davon aus, dass auch WIRED hier auf Interesse stößt. WIRED wird vor allem von gebildeten, vielseitig interessierten Männern gelesen. Unter den Lesern der US WIRED sind überdurchschnittlich viele Akademiker (82%) und beruflich erfolgreiche Männer mit entsprechend gutem Einkommen. Von einer ähnlichen Leserschaftsstruktur kann perspektivisch auch für Deutschland ausgegangen werden.

Kaufen die potentiellen deutschen WIRED-Leser nicht ohnehin schon das Original?

Ja, wir wissen, dass WIRED eine echte Fangemeinde in Deutschland hat und, dass Heft und die iPad-App auch hier gelesen werden. Das war ja einer der Gründe für diese deutsche WIRED-Ausgabe. Die bisherigen deutschen Leser sind Kenner der Marke, die in der digitalen Szene zu Hause sind. Wir glauben aber, dass es ein deutlich größeres Potential für die Marke in Deutschland gibt – das Interesse an solche Themen ist vorhanden.

Was wird oder soll eine deutsche Version bringen, was die internationalen Ausgaben nicht können?

Es geht nicht um können oder nicht können. Es geht darum – wie übrigens bei allen unseren Magazinen, die in mehreren internationalen Märkten erscheinen – die richtige Tonalität zu treffen. Eine Zeitschrift muss das Lebensgefühl der Menschen in dem jeweiligen Land wiedergeben. Sicher sind die großen technologischen Trends globale Phänomene von internationaler Relevanz – wie Menschen damit umgehen und wie eine Redaktion sie interpretiert und einordnet ist von der Mentalität und anderen gesellschaftlichen Faktoren abhängig. Unsere Erfahrung zeigt aber, dass selbst internationalsten Themen eine länderspezifische Aufbereitung und Schwerpunktlegung brauchen, um das Interesse der jeweiligen Leser voll zu treffen. Zudem gibt es natürlich auch in Deutschland – und das wird die erste Ausgabe zeigen – viele, spannende Themen. Themen, die in anderen deutschen Medien so gut wie gar keine Beachtung finden.

Wen wollen Sie erreichen?

Siehe oben. Und: In den ersten vier Wochen nach dem Start haben sich bereits 700.000 Deutsche bei Google+ angemeldet. Diese Menschen, die offen und neugierig auf digitale Innovationen reagieren, gehören definitiv in unsere Zielgruppe.

Wie will man sich inhaltlich von all den Tech-Blogs da draußen einerseits, andererseits von der etwaigen Heftkonkurrenz (c’t, ComputerBild, PC Welt, CHIP und so weiter) absetzen?

Wer die Marke WIRED kennt, weiß, dass sie eine Alleinstellung hat. Ein Techblog ist ein nicht vergleichbares, vollkommen anderes Medium und innerhalb des Zeitschriftengenres bildet WIRED einen direkten Gegenentwurf zu klassischen Computerzeitschriften, weil sie sich technologisch-wissenschaftlichen Fragestellungen aus einer ganz eigenen Perspektive nähert.

Warum keine App statt einem gedruckten Magazin?

WIRED Deutschland erscheint parallel mit einer iPad-App, die das Magazin um zusätzliche Inhalte anreichert. Wer glaubt, dass Internet-Vielnutzer grundsätzlich nur digitale Medien wollen, versteht diese Zielgruppe nicht.

Wonach werden Sie entscheiden, ob WIRED weiter erscheint, vielleicht sogar als eigenständiges Magazin?

Es gibt verschiedene Faktoren, die bei so einer Entscheidung berücksichtigt werden – angefangen bei den Verkäufen auf verschiedenen Medienkanälen, die entsprechende Rückschlüsse und Prognosen ermöglichen, bis hin zur Resonanz bei Anzeigenkunden und Media-Agenturen. Die Aussagekraft dieser Daten ist bei einer einmaligen Ausgabe natürlich begrenzt. Bei Condé Nast werden Medienmarken aber nicht allein nach marktwirtschaftlichen Kriterien bewertet – es wird auch auf das verlegerische Gespür vertraut, das bei so einer Entscheidung mit einfließt.


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Pokerstrategien
23.August 2011

Neulich im Büro. Handy klingelt. Gehe ran. Am anderen Ende spricht eine sehr freundliche junge Frau und fragt, ob ich frei sprechen könne. Auszüge eines Dialogs.

“Guten Tag Herr Soethof, mein Name ist (…) von der (…). Können Sie frei sprechen?”

“Einen Moment bitte…. so, jetzt, ja.”

“Ich rufe an im Auftrag von Pokerstrategy.com, wir suchen einen Onsite-Marketing Texter.”

“Und darf ich fragen, wie Sie da auf mich kommen?”

“Internetrecherche. Haben Sie denn schon mal von Pokerstrategy gehört?”

“Nicht direkt, aber ich glaube, Sie haben neulich schon bei einer Bekannten von mir angerufen.”

“Wir? Nein, also wir waren das bestimmt nicht. Darf ich Ihnen denn kurz schildern, worum es geht?”

“Bitte.”

“Onsite-Marketing Texter… Online-Auftritt… tolles Umfeld…Arbeitsort Gibraltar…”

“Kommt mir bekannt vor. Also, vielen Dank für Ihr freundliches Angebot, es ist aber aus drei Gründen nicht interessant für mich: 1. Würde ich einen neuen Job suchen, ich würde weiterhin dem Journalismus treu bleiben wollen. 2. Ich habe von Poker keine Ahnung, was man natürlich ändern könn..”

“Müssen Sie auch nicht!”

“3. Gibraltar.”

“Hm,  ja, das kann ich durchaus nachvollziehen, Herr Soethof. Aber Sie können es sich ja nochmal durch den Kopf gehen lassen. Vielleicht kennen Sie ja auch andere Menschen in Ihrem Umfeld, für die dieser Job interessant wäre!?”

“Hm, spontan nicht. Aber ich habe ja jetzt Ihre Nummer, die kann ich dann ja weitergeben.”

“Ich kann Ihnen auch mal die Ausschreibung per E-Mail schicken, die können Sie ja dann an Interessierte weiterleiten oder uns einen Tipp geben, für welchen Ihrer Kontakte die Position interessant sein könnte.”

“Danke, schicken Sie es gerne rüber, das mache ich dann vielleicht.”

“Super, das würde uns freuen. Vielen Dank Ihnen und einen schönen Tag noch!”

“Danke, Ihnen auch!”

Leider steht im Kleingedruckten der zugesandten pdf-Datei, dass die in den Unterlagen enthaltenen Angaben und Informationen ausschließlich für den Empfänger bestimmt seien. Sie seien streng vertraulich zu behandeln, eine Vervielfältigung und Weitergabe an Dritte sei untersagt. Der subtil verzweifelten Bitte um Verbreitung komme ich natürlich trotzdem gerne nach. Vielleicht ist hier ja einer, der.


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Claudia Schiffers Modelkörper
29.Juli 2011

“Was wären wir ohne Photoshop?”, fragt Sueddeutsche.de in einer mehrteiligen Bilderstrecke. Es geht darin um die schreckliche Wahrheit, wie Werbegesichter und -körper ohne Bildbearbeitung aussehen und am Rande um die Frage, was “wir” an Frauen als schön empfinden (gemäßigte Kurven, glatte Haut und so weiter, also nichts Neues). In den Neunzigern, da seien Schönheiten noch echte Superstars gewesen. Und das ist die eigentliche Sensation, die das Content Management System von Sueddeutsche.de (das vor einiger Zeit bereits einen Nichtrauch-Skandal um das frisch vermählte Ehepaar Prinz William und Kate Middleton [sic] aufdeckte) jetzt subtil enthüllt: Schauen Sie mal, wie gut der Traumkörper von Topmodel Claudia Schiffer auch ohne Hals in Form ist!

Claudia Schiffers Körper (Unterstellung)
(Screenshot, mit Dank an Ines N.)


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BILD kennt die Täter zuerst
24.Juli 2011

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle die gestrige Titelseite der BILD-Zeitung posten. Es wäre um den Aufmacher der Ausgabe vom 23. Juli 2011 gegangen, den ich gestern an einem Kiosk in, Achtung, Palma de Mallorca überflog. Darin ging es um eine explodierte Bombe in Oslo, und weil es sich um den ersten Andruck der BILD, wie sie Urlauber im Ausland zu lesen kriegen, handelte, war darin von einem späteren Amoklauf in Utøya noch nicht die Rede. Die paar Zeilen Bericht Text Spekulation begannen sinngemäß mit den nur außerhalb der BILD-Logik widersprüchlichen Worten:

Die Terroristen haben wieder Europa im Visier! Am Freitag zündeten Unbekannte eine Bo…

Leider ahnte ich in dem Moment (kein Internet im Urlaub!) nicht, dass noch mehr passiert war und die Inland-Ausgabe der BILD mehr wissen würde. Aber es ist ja nicht so, als hätte es nicht noch andere Vorverurteilungen gegeben.


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Wie Facebook für Berufstätige
1.Juli 2011

Die für ihre Online-Kompetenz in Kritikerkreisen gefürchtete Rheinische Post warnt in ihrer Ausgabe vom vergangenen Mittwoch vor allzu gedankenloser Nutzung sozialer Netzwerke – und erklärt sie freundlicherweise dem gemeinen Leser. Unter der Überschrift “NRW: Fahndung mit Facebook” (für 2,38 Euro auch online lesbar) dokumentiert die Zeitung – übrigens nicht zum ersten Mal – die immer üblicher werdende Online-Recherche der Polizei, deren Arbeit bei der Identifizierung von Straftätern dadurch erleichtert würde und dank Facebooks neuer Gesichtserkennung ja topaktuell ist: “Wenn das Bild im Internet vorliegt, muss es nicht erst beim Einwohnermeldeamt angefordert werden”, heißt es da. Das bedingt überraschende Fazit: Wer Fotos inklusive Namen von sich im Internet veröffentlicht, ist selbst schuld und “datenschutzrechtlich ausgeliefert.”

Nur: Im geschilderten Fall eines drängelnden Autofahrers, der mit seinem BMW in eine Radarfalle geraten war und prompt behauptete, nicht selbst gefahren zu sein, wurde das Blitzerfoto entgegen der Behauptung in der Überschrift nicht mit dem Facebook-Profilbild des Beschuldigten verglichen und als Beweis herangezogen, sondern mit dessen Foto auf Xing. Und glaubt man der Rheinischen Post, so sind die Unterschiede dieser beiden sozialen Netzwerke vor allem im sozialen Status ihrer Nutzer zu finden: “Xing ist ähnlich wie Facebook ein soziales Netzwerk, in dem sich vor allem Berufstätige aufhalten.”

Fahndung mit Facebook
(RP, Klick zur Großansicht)


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