Listenwahn: Die Alben des Jahres 2013
23.Mai 2014

Schwermut, Rotwein, Grummelrock: The National haben mit “Trouble Will Find Me” mal wieder ein ziemlich gutes Album aufgenommen.

Wenn ich doch wenigstens von Prokrastination sprechen könnte. Schlappe sechs Monate hat es gedauert, bis ich mir nun eine halbe Stunde Zeit nehme, um hier meine Lieblingsalben 2013 aufzulisten. Ein eigentlich liebgewonnenes Hobby, diese Listen, das aber schon letztes Jahr einriss, als ich bereits drei Monate dafür brauchte – immerhin aber über meine Lieblingsalben 2012 noch meine Lieblingsserien sowie -filme zusammenstellte. Später irgendwann.

Im Kalenderjahr 2013 lagen die Prioritäten anders: Jobwechsel, Familiengründung, neues Blog, solche Sachen. Für ein paar gute Serien – “Breaking Bad”-Finale, “Walking Dead”, “Hannibal”, “Game Of Thrones”, “Bored To Death”, “Freaks And Geeks”, “Pan Am” und Co., nur die letzte Staffel “Dexter” nicht – blieb noch Zeit, für noch mehr gute Musik berufsbedingt sowieso. Beim Musikexpress kürte ich bereits die 20 für mich besten Alben des Jahres 2013, die da lauten:

1. The National – TROUBLE WILL FIND ME

2. Arcade Fire – REFLEKTOR

3. Kanye West – YEEZUS

4. Iron & Wine – GHOST ON GHOST

5. Moderat – II

6. James Blake – OVERGROWN

7. Volcano Choir – REPAVE

8. Jon Hopkins – IMMUNITY

9. Turbostaat – STADT DER ANGST

10. Queens Of The Stone Age – …LIKE CLOCKWORK

11. Blood Orange – CUPID DELUXE

12. Daft Punk – RANDOM ACCESS MEMORIES

13. Cut Copy – FREE YOUR MIND

14. Low – THE INVISIBLE WAY

15. Tocotronic – WIE WIR LEBEN WOLLEN

16. Babyshambles – SEQUEL TO THE PREQUEL

17. Phoenix – BANKRUPT!

18. Chuckamuck – JILES

19. Arctic Monkeys – AM

20. Biffy Clyro – OPPOSITES

Völlig verpasst und 2014 nachgeholt habe ich SCHAU IN DEN LAUF HASE, das ganz und gar wunderbare Debüt von Die Höchste Eisenbahn. Auch gut waren unter anderem Okkervil Rivers THE SILVER GYMNASIUM, Erdmöbels KUNG FU FIGHTING, Frank Turners TAPE DECK HEART und stellenweise sogar noch Jupiter Jones’ DAS GEGENTEIL VON ALLEM sowie Pearl Jams LIGHTNING BOLT. Was ich deshalb eher als Enttäuschung abhaken müsste. Aber was solls, das Popjahr 2014 ist ja längst in vollem Gange.

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25 Dinge, die ich über Amerika (und sein Fernsehprogramm) noch nicht wusste
31.März 2014

Vor einiger Zeit reiste ich drei Wochen durch den Westen der USA. Hier nur ein paar der damaligen Auffälligkeiten zwischen San Francisco, Las Vegas, San Diego und Los Angeles. Da besagte Zeit mittlerweile in Jahren angegeben werden kann – Prioritäten verschieben sich -, verzichte ich auf erklärende illustrierende Fotos zu jedem einzelnen der Punkte. Obwohl es sie gäbe.

Foto-Eindrücke von mir bei Instagram

Foto-Eindrücke bei Instagram

 

  • Barack Obama mag Honey Boo Boo.
  • eine Eismarke wirbt mit einem Eisbären und heißt Bimbo.
  • Die offenbar bekanntesten Kondome in den USA heißen tatsächlich Trojans. Wie vertrauenserweckend.
  • Vielleicht hat es doch ein Häftling geschafft, lebend aus Alcatraz zu fliehen.
  • Verkehrsschilder weisen freundlich darauf hin, in bestimmten Gegenden keine Hitchhiker mitzunehmen – “Prison Area”!
  • Die Kultur des Frühstücksfernsehens ist dort von “Kelly & Michael” bis zu achtjährigen Nachwuchspredigern deutlich ausgeprägter als bei uns. Vom Frühstück selbst kann man das leider nicht sagen.
  • Whoopi Goldberg hat eine eigene Talkshow namens “The View” und dort unter anderem Prince zu Gast – der aussieht wie sein eigener Imitator.
Die traurige Wahrheit des Krustyland: außen Kulisse, innen nur 3D-Achterbahn.

Die traurige Wahrheit des Krustyland: außen Kulisse, innen nur 3D-Achterbahn.

 

  • Verstärkung gesucht: Die San Diego Police wirbt sogar Rentner für ihr Team.
  • Im Yosemite Park wird auf Schildern vor Berglöwen gewarnt. Letzter Hinweis: “If attacked – fight back.” Humor haben sie ja doch.
  • Waschbären mögen Sour-Cream- & Onion-Chips, sind dreist und wissen sehr genau, wie man Chipstüten präzise öffnet.
  • Die Hausdame des Curry Village nennt sich Mother Curry. Können von Glück reden, dass wir trotz ursprünglicher Spontan-Planung nicht bei ihren Hanta-Mäuschen übernachtet haben.
  • Cameron, der laut Karte letzte Ort vorm Grand Canyon, gibt es nicht. Und Anasazi Inn ist der Vorhof zur David-Lynch-Hölle.
  • Wenn Mutter Kardashian dicke Lippen hat, sieht sie aus wie Sharon Osbourne.
  • Überhaupt: All die TV-Shows, die man jeweils in der Werbepause der anderen Show gucken kann!

    Graceland Chapel, Baby: Hier heiratete auch Jon Bon Jovi.

    Graceland Chapel, Baby: Hier heiratete auch Jon Bon Jovi.

  • Von “Teen Moms”, “So You Think You Can Dance”, “Americas Got Talent” (mit Howard Stern), “The Voice” (mit Christina Aguilera, Cee Lo Green, Blake Shelton und Adam Levine) und “X-Factor” (mit Simon Powell und Britney Spears)…
  • …über einen schwulen Innenarchitekten, der seiner Kundin und Freundin die Dimensionen ihrer geplanten Hochzeitssause kleiner reden will…
  • …bis hin zu Heidi Klum, die Nachwuchsdesigner designen und schneidern lässt und zu irgendwem, der den besten Maskenbildner sucht.
  • Sogar Jerry Springer gibt es immer noch!
  • Ellen DeGeneres, David Letterman, Jimmy Kimmel und wie sie alle heißen sind wirklich gut. Und noch besser, wenn man sie im Vergleich zum Restprogramm sieht.
  • In Elvis’ Graceland Chapel in Las Vegas hat auch Bon Jovi geheiratet.
  • Zwei Häuser weiter steht der Pawn Shop aus der Sendung “Pawn Stars”. Kannte ich vorher auch nicht.
  • Im Death Valley veranstalten Steine ein bis heute nicht geklärtes und mysteriöses Wettrennen – und das bei der Hitze und mit ihrem Gewicht!
  • One Direction sind eine große Nummer.
  • Krustyland gibt es gar nicht. Alles Attrappe.
  • Mario Barth betreibt im Mirage in Las Vegas ein erfolgreiches Tattoostudio in bester Lage.
  • Ortsnamen wie Barstow und Ludlow - Brandenburg fängt vor der Grenze zu Arizona an.
"Fear And Loathing In Las Vegas", irgendwer?

“Fear And Loathing In Las Vegas”, irgendwer?

 

 

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Listenwahn 2012: Die Serien des Jahres
12.September 2013

Ach. Da war ja noch was. Ein Blog. Postings. Listen. Serien. Freizeit. Vollständigkeitszwang. Nach 2010 und 2011 deshalb jetzt form- und schmerzlos ohne Trailer, Bilder und Texte: die für mich besten, weil letztes Jahr unter anderem gesehenen, Serien 2012. 2013 ist ja auch schon bald Geschichte.

The Sopranos

1. “The Walking Dead”

Die erste Staffel war bloß konventioneller Zombiekram. Spannend und sehr sehr deprimierend wird die Comicverfilmung erst, wenn die Zombies nur noch als Statisten im viel gefährlicheren Kampf zwischen den Überlebenden selbst auflauern.

2. “Breaking Bad”

Der einst krebskranke Chemielehrer Walter White hat die Grenze zwischen Gut und Böse längst weit überschritten und steckt im ersten Teil der finalen Staffel 5 bis zur Stirn in all dem Stress, den ein Doppelleben als Familienvater und berüchtigster Meth-Baron New Mexicos so mit sich bringt. Und dann ist da auch Schwager Hank auf dem Klo…

3. “Homeland”

Claire Danes als labile CIA-Agentin, die einen Kriegsveteran des Terrors bezichtigt und das darin ständige Spiel mit den Erwartungen und Vorurteilen des Zuschauers: “Homeland” ist trotz einiger Schwächen in Staffel 2 immer noch die subtilere und deshalb bessere Version von “24″.

4. “Dexter”

Schon nach Staffel 4 zeichnete sich wohl ab, dass die Serie um Serienmörder-Mörder und Forensiker Dexter Morgan bald blasser werden könnte als die Opfer des Ice-Truck-Killers. Bis zum Ende des Falls um den Doomsday-Killer und einem, nun ja, einschneidenden Treffen zwischen Dexter und seiner Schwester und Miami-Police-Kollegin Debra darf man aber noch gespannt genug bleiben. Staffel 7 und 8 hingegen – soviel weiß ich jetzt, im September 2013, hätten lieber schweigen sollen.

5. “Game Of Thrones”

Eine Seifenoper im Mittelalter, in der sich keiner gewaschen hat: Die HBO-Verfilmung von George R.R. Martins Fantasy-Romanepos strotzt nur so vor Blut und Gier und Neid und Sex und Krieg und Fehden. Oh, und Drachen gibt es auch.

6. “Der Tatortreinger”

Bjarne Mädel als bauernschlauer Tatortreiniger von der “SpuBe” (Spurenbeseitigung). Wenige Folgen, viel Herz für ihre Figuren, und bei aller Komik – in jeder Folge trifft Schotti bei seiner Arbeit auf Angehörige, Täter, Gäste oder sonst wie mit den Opfern in Verbindung stehenden Menschen – immer auch die ein oder andere Lebensweisheit parat, die mit Plattitüden so wenig zu tun hat wie Bernd Strombergs (neben dem Mädel zuvor die Rolle des depperten Ernie spielte) Sprüche mit Inhalten.

7. “Sherlock”

Shooting Star Benedict Cumberbatch als moderner Sherlock der Neuzeit, neben ihm Martin Freeman als Dr. Watson. Die Dialoge, die Charaktere, die Fälle, die Gegenspieler, der Humor: so temporeich, geistesgegenwärtig, trocken und auf Zack wie Sherlock Holmes eh und je. Britischer als in dieser BBC-Miniserie gehts indes ebenfalls kaum noch.

8. “The Big Bang Theory”

Please don’t try this auf Deutsch. Pro7 strahlt diese Sitcom immer wieder aus, selten hatte ich etwas Unlustigeres im Fernsehen gesehen. Im Original funktionieren die Zoten um Dr. Sheldon Cooper und seine Nerd-WG nach gewisser Eingewöhnung aber durchaus. Zumal ich Physiker-Witze auch in meiner Muttersprache nicht verstehe.

9. “The Wire”

Von Kritikern und etlichen Fans maßlos gelobte Krimiserie über Polizei und Verbrechen in Baltimore, in der es weniger um die Auflösung bestimmter Fälle geht, sondern um die Dokumentation einer einzigen, großen, korrupten, hamsterradartigen Szenerie über mehrere, bisweilen mühsam anzusehende Staffeln. Don’t try this auf englisch, man versteht vom Straßenslang kaum ein Wort.

10. “Touch”

Kiefer Sutherland als nach 9/11 alleinerziehender Vater eines wohl autistischen Kindes, das dafür übernatürliche Fähigkeiten zu haben scheint und “Butterfly Effect”-mäßig die Schicksale von Menschen auf der ganzen Welt zum Guten zu verbinden weiß. Schön und schlau und rund erzählt, es fehlt aber jeder Cliffhanger und ein unbedingter “Mehr davon”-Effekt.

Abgesehen von seinem Set war ich von der zweiten Staffel von “Boardwalk Empire” leider nicht mehr allzu beeindruckt – wenngleich Michael Shannon ziemlich groß- und bösartig spielt darin und Steve Buscemi eigentlich immer geht. Meine Frau guckte 2012 weiterhin liebend gerne “Downton Abbey”, ich hingegen habe es auch mal mit JJ Abrams’ “Revolution” versucht: naheliegende Grundidee (unserer Welt plötzlich und langfristig ohne Strom), schrecklich langweilige Hochglanz-Umsetzung. Wie “Lost” mit Soap-Darstellern.

Lobende Erwähnung hingegen für zwei outstanding tv dramas:

“The Sopranos”

Ein getriebener Mann, zwei Familien. Tony Soprano zwischen Mafia und Dr. Melfi. Und James Gandolfini in der Rolle seines Lebens. Es wurde seine letzte große.

“Six Feet Under”

Michael C. Hall war schon vor “Dexter” in Leichenhallen zu sehen – hier als Erbe des Bestattungsunternehmens seines Vaters. Und wie das zwischen Leben und Tod so ist, erzählt auch “Six Feet Under” nahbar, komisch und dramatisch von der Hin- und Hergerissenheit zwischen den Erwartungen anderer zu funktionieren und dem Ausbruch daraus – exemplarisch an dem Schicksal jedes Mitglieds der Familie Fisher.

Das waren auch die beiden Serien, die mich 2012 mit Abstand am meisten begeistert und gebannt haben. Weil ich sie erst dieses Jahr sah: “Sopranos” lief von 1999-2007, “Six Feet Under” von 2003-2008.

Oh, war jetzt doch mit Texten.

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Listenwahn 2012: Die Alben des Jahres
9.März 2013

Pünktlich zur schon im Vorfeld depperten Echo-Verleihung 2013: meine 20 besten Alben des vergangenen Kalenderjahres. Mit Qualitätsgarantie, garantiert auch ohne Frei.Wild und mit nur einem Megaseller.


1. Max Prosa – „Die Phantasie Wird Siegen“

Kitsch. Pathos. Sturm. Drang. Altklugheit. Reife. Aufgekratzheit. Abgeklärtheit. Versoffenheit. Herz. Schmerz. Beflissenheit. Geste. Gute Ratschläge. Bob Dylan im Geiste. Max Prosas über- und aufgeladenes Debüt „Die Phantasie wird siegen“, mit dem der in Berlin lebende Prosa als Bester seiner Zunft im deutschen Feuilleton eine „Schmerzensmänner“-Debatte anstiftete, hat von allem zuviel, man müsste sich eigentlich angewidert davon abwenden. Vor allem aber hat es Songs wie „Mein Kind“, „Flügel“ und „Visionen von Marie“ in seinen Reihen; Songs, die andere Liedermacher ein ganzes Leben so nicht zu Papier und auf Platte kriegen. Und das Beste: Der Nachfolger „Rangoon“ erscheint bereits im April 2013.

2. Ben Folds Five – „The Sound Of The Life Of The Mind“

Ben Folds, dieser Teufelspianist und Entertainer vor dem Herrn, kann keine schlechten Songs, Melodien, Harmonien und Geschichten schreiben. Das wusste ich spätestens seit „The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner“, dem live schon 2008 wieder gemeinsam aufgeführten dritten Bandalbum aus dem Jahre 1999; Folds’ Soloalben zwischen 2001 und 2011 bestätigten das aufs Herzlichste. Beim Reunion-Album „The Sound Of The Life Of The Mind“ aber hatte ich das vier Durchgänge lang fast vergessen. Bis Folds mich mit „Draw A Crowd“, der ersten Single „Do It Anyway“ (inkl. Fraggles-Video) und über allem dem Titelsong daran erinnerte. Und plötzlich war ich wieder verliebt.

3. The Avett Brothers – „The Carpenter“

Weniger Drama, mehr Introspektive: „The Carpenter“ ist ein nach „I And Love And You“ einmal mehr aufrichtig herzliches Folkrockalbum, mit dem die Avett Brothers einmal mehr im Vorbeigehen beweisen, wie gut sie 1. Popmomente schreiben und einfangen, 2. die verwurzelteren Mumford & Sons werden und 3. als Hochzeitsband Nächte retten könnten. All das alleine wäre ihnen aber vermutlich zu langweilig. Zum Glück.

4. The Gaslight Anthem – „Handwritten“

Auf „American Slang“, ihrem dritten Album, waren The Gaslight Anthem der Sturm und Drang und die Ideen verloren gegangen, sie verwalteten sich bloß selbst. Mit „Handwritten“ und Hymnen wie „45“ und dem Titelsong haben die Arbeiterklasse-Punkrocker aus New Jersey (ja, da wo auch der Boss und Bon Jovi herkommen) zu sich selbst zurückgefunden und sind gleichzeitig den Stadien noch näher gekommen. Karohemden und, Achtung, Kreationismus – eine Mischung, die in Amerika noch besser ankommen müsste als bei uns.

5. Hot Water Music – „Exciter“

Nein, Hot Water Music aus Gainesville haben auf ihrem ersten neuen Album seit acht Jahren weder sich selbst noch den Punkrock neu erfunden. Aber genau das macht „Exciter“ zu so einer Wohltat: Chuck Ragan und Chris Wollard klingen mit all ihrem Herzblut und ihrer Hemdsärmeligkeit gemeinsam einfach markiger als allein, eine so zwingende Lebenskrisenhymne wie „Drag My Body“ haben sie in all den Solojahren und Bandprojekten nicht hinbekommen. Besser waren sie nur auf der Split-EP mit Alkaline Trio.

6. Benjamin Gibbard – „Former Lives“

Solodebüt des Frontmannes von Death Cab For Cutie, das gemessen an den Erwartungen und den Bandvorlagen ein fast zu gefälliges ist. Gibbard fühlt sich hier im Midtempo ein bisschen zu wohl, schon das Duett mit Aimee Mann aber reisst alles raus. Und wenn diese Liste eines verrät, dann, dass ich eine Schwäche für Bens habe.

7. Ben Kweller – „Go Fly A Kite“


Nach seinem Country-Ausflug besinnt sich Ben Kweller auf seine alten Stärken: „Go Fly A Kite“ vereint LoFi-Popsongs mit verschrobener Slackerattitüde, ist kein zweites „Sha Sha“ und zeigt Kweller dennoch als das geschichtenerzählende Songwriter-Wunderkind, das der Texaner auch mit seinen 31 Jahren noch ist.

8. Mumford & Sons – „Babel“

Das zweite Album, mit dem sie durch die Decke gingen: Die Grammy-Preisträger, die Mumford & Sons mittlerweile sind, legten mit „Babel“ einen zwar würdigen Nachfolger ihres umjubelten Debüts vor, aber auch ein Album, auf dem das Banjo präsenter und prägnanter war als die einzelnen Songideen selbst.

9. Kettcar – „Zwischen den Runden“

Nach dem – für Männer über 35 – vergleichsweise wütenden „Sylt“ und eine Dekade nach ihrem maßgeblichen Debüt „Du und wie viele von Deinen Freunden“ besinnen sich Kettcar auf Introspektive, Einsichten und auf das Erzählen daraus resultierender Geschichten über das Leben und den Tod. Sie trauen sich dabei an Bläser, Streicher und fast keinen Ausbruch. Schlecht steht ihnen all das trotzdem nicht. (zum Interview)

10. Michael Kiwanuka – „Home Again“

So jung und schon so schön von gestern: Michael Kiwanuka hat mit seinem Debüt „Home Again“ genau das Songwriter-Soulalbum aufgenommen, das Bob Dylan, Otis Redding, Marvin Gaye und Ben Harper gemeinsam nicht gemacht haben. (zum Interview)

11. Nada Surf – „The Stars Are Different To Astronomy“
12. First Aid Kit – „The Lion’s Roar“
13. The XX – „Coexist“
14. John K. Samson – „Provincial“
15. The Weeknd – „Echoes Of Silence“
16. Frank Ocean – „Channel Orange“
17. Deftones – „Koi No Yokan“
18. Absynthe Minded – „As It Ever Was“
19. Jessie Ware – „Devotion“
20. Kidd Kopphausen – „I“

Auch gut 2012 war zum Beispiel: Die Höchste Eisenbahn (EP), Jake Bugg (Deutschland-VÖ erst 2013), Silversun Pickups, The Lumineers, Sport, Aimee Mann, Kendrick Lamar, Captain Planet, The Shins, Two Gallants, Tom Liwa, Tallest Man On Earth, Muse, Gary, Manual Kant, Ellie Goulding, Sigur Ros, Bloc Party, Maximo Park, Die Türen, Band Of Horses, Kilians, Adam Arcuragi, Regina Spektor, Jens Lekman, Taylor Swift, Carly Rae Jepsen, Enno Bunger, Coheed & Cambria, Benjamin Biolay, Rocky Votolato

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Listenwahn 2012: Die Filme des Jahres
24.Februar 2013

Pünktlich zu den Oscars 2013 schließe auch ich endlich mit dem durchwachsenen Kinojahr 2012 ab. Hier meine Filme des Jahres 2012 – diesmal ohne zwingende Reihenfolge, weil mich nichts aus Hollywood oder sonst wo her nachhaltiger beeindruckte als 2011 zum Beispiel ein einziger Film aus Deutschland.

„Moonrise Kingdom“

Zwei Pfadfinderkinder in den Sechzigern, die Camp und Elternhaus entfliehen und wider gesellschaftlicher Erwartungshaltung ihre große Liebe leben wollen. Das rührende „Moonrise Kingdom“ von Wes Anderson und Roman Coppola wirkt in seiner Ästhetik und den altklugen Hauptfiguren wie Cap & Capper auf LSD. Und ist dank seines A-Casts – Bruce Willis als Inselcop, Edward Norton als unfähiger Pfadfinderleiter, Frances McDormand als sorgende Mutter und so weiter – unfassbar und herzzereißend komisch.

„The Perks Of Being A Wallflower“

Coming-Of-Age-Drama um einen Schuljungen namens Charlie, der als anfänglicher Einzelgänger lieber Bücher liest als sich möglichen Kumpels anzubiedern und später in Sam (Emma Watson) nicht nur seine beste Freundin, sondern auch die große Liebe findet. Rührende Verfilmung des Romans von Stephen Chbosky. Weil es ja jeder irgendwie selbst durch die Pubertät geschafft hat.

„Silver Linings“

Gemessen an den Jubelreden, die über “Silver Linings Playbook” im Vorfeld verfasst wurden, ist der neue Film von David O. Russell eine kleine Enttäuschung. In Wahrheit aber ist die Geschichte über zwei vereinsamte, psychisch labile und gleichzeitig kerngesunde Menschen, die sich in ihren Gegensätzen anziehen – und sei es nur zum Tanzwettbwerb – natürlich doch eine rührende, weil man Pat (Bradley Cooper, der nicht nur Action und gut aussehen kann) und Tiffany (Jennifer Lawrence) in jeder Sekunde ihres angeknacksten Daseins glaubt. Und weil Robert deNiro als wettsüchtiger Vater für den nötigen Witz sorgt.

„Extrem laut und unglaublich nah“

Achtung, Kitschgefahr: Linda (Sandra Bullock) und ihr Sohn Oskar verlieren bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 Ehemann, Vater und Bezugsperson Thomas Schell (Tom Hanks). Um die gemeinsamen Momente zu konservieren und weil er an ein hinterlassenes Rätsel seines Vaters glaubt, begibt sich der elfjährige, hochbegabte und, nun ja, verhaltensauffällige Oskar auf eine märchenhafte Schnitzeljagd durch New York – und lernt dabei viele fremde Menschen, seine Familie und sich selbst kennen. „Extrem laut und unglaublich nah“ basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Jonathan Safran Foer. Und der ist ein Guter.

„The Avengers“

Hulk, etliche andere Superhelden, Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson retten die Welt vor dem Untergang. Muss ich noch mehr sagen?

„Ted“

Ein Teddybär, der zum Leben erweckt wird und seinem besten Kumpel (Mark Wahlberg) fortan nicht mehr von der Seite weicht. Klingt nach Walt Disney, endet dank Regisseur, „Family Guy“-Erfinder und Oscar-Moderator Seth MacFarlane aber in einem politisch herrlich inkorrektem Buddymovie voller Drogen, Party und der Kehrseite des Ruhmes, in dem die Moral über Freundschaft, Frauen und Fans nicht zu kurz kommt.

„Drive“

Lange Kamerafahrten und schnelle Schnitte für dunkle Autonächte: Ryan Goslings namenloser Fahrer weiß, wie man Autos repariert, in ihnen durch Los Angeles heizt, mit diesem Talent krumme Dinger dreht, Frauen (Carey Mulligan) kennenlernt und sonst die Klappe hält. „Drive“ gewann nicht durch seine dünne Story oder etwaigen tiefen (oder irgendwelchen) Dialogen auf der Stelle Kultstatus, sondern durch sein unterkühltes Setting, in das Regisseur Nicolas Winding Refn den coolsten neuen Hollywoodstar der Stunde setzt. Soundtrack von Kavinsky inklusive. Wohl aber: In „Gangster Squad“ ist Gosling noch viel cooler.

„Shame“

Shooting Star Michael Fassbender neben dem Android David aus “Prometheus” in seiner anderen großen Rolle im Kinojahr 2012. “Shame” tut dem Zuschauer genauso weh wie dem Protagonisten Brandon seine krankhafte Sexsucht. Wenn Brandon nicht gerade Prostituierte, Zufallsbekanntschaften oder in Darkrooms fickt, masturbiert er – vor dem Spiegel, in der Dusche, auf der Arbeit – und denkt daran, wie er das eine oder das andere bald wieder tun muss. Auch seine Schwester (Carey Mulligan) erkennt: Echte Gefühle sind ihm fremd, er gibt sie vor, um überhaupt noch am gesellschaftlichen Miteinander teilnehmen zu können – und hat damit mit Fassbenders anderen Rollen, dem Android aus „Prometheus“, dann ja doch wieder Maßgebliches gemein.

„The Master“

Phillip Seymour Hofmann und Joaquin Phoenix als Meister und Schüler in einer Analogie zur Biografie von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard. Nicht zuerst wegen Regisseur Paul Thomas Anderson oder der seltsam indifferenten Erzählweise sehenswert, sondern wegen eines Joaquin Phoenix, der in seiner Leinwandrückkehr nach seinem Mockausflug ins Rapgeschäft ein Schauspiel hinlegt, für das er eher einen Oscar verdient hätte als Denzel Washington und Bradley Cooper zusammen.

„Ralph reichts“

Der ausrangierte “Wreck-It-Ralph” will nicht länger Bösewicht im gleichnamigen Videospiel sein. Aus der Rolle kommt er trotz Selbsthilfegruppe genau so wenig heraus wie aus der digitalen Welt – und findet am versöhnlichen Ende genauso seinen Platz wie die jungen und früher mal jungen Zuschauer Anspielungen auf andere Spielehelden.

„Liebe“

Leider nicht gesehen.

***
„Zero Dark Thirty“

Startete erst 2013 in den deutschen Kinos. Jessica Chastain als CIA-Agentin auf Bin Laden-Jagd und zwischen Job und Moral zerrissen. “Zero Dark Thirty” von Kathryn Bigelow ist – verkürzt gesagt – ein bisschen wie “Homeland” auf Spielfilmlänge. Und in seinem Plot dokumentarischer.

„Django Unchained“

Startete ebenfalls erst 2013 in den deutschen Kinos. Außerdem dürfte das ja der einzige Film sein, den wirklich jeder gesehen hat. Deshalb nur soviel: Christoph Waltz gefiel mir in seiner perfiden Subtilität als Nazi Hans Landa in „Inglourious Basterds“ noch viel besser als in seiner Rolle des Dr. King Schultz.

Auch gut war 2012: „Skyfall“, „Barbara“, „Rock Of Ages“, „Dark Shadows“, „Francine“, „Looper“, „Haywire“

Meine Serien und Alben des Jahres 2012 folgen. Irgendwann.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Maja Grundler, Dr. Schernberger, Klaus Wowereit
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum auch veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens Die Wahrheit über Die Ärzte verschiedenen Wegbegleitern der besten Band der Welt eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Die Ärzte-Fan Maja Grundler, der Arzt Dr. Ralph Schernberger und der Regierende Bürgermeister Berlins Klaus Wowereit.

Maja Grundler, Die Ärzte-Fan

Sind Die Ärzte sexy?

Maja Grundler: Nee! Die sind ja schon älter. Aber es gibt ganz junge Mädchen, die kreischen auf den Konzerten extrem. Ich kann mir vorstellen, dass da manche auf mehr aus sind. Aber mit denen hab ich nichts zu tun.

Dr. Ralph Schernberger

+++

Sind Die Ärzte krank?

Dr. Ralph Schernberger: Da sie sich schon so lange gehalten haben, würde ich ihnen eine gute Gesundheit attestieren. Es gibt speziellen Gehörschutz für Leute, die schon etwas länger im Business sind, damit sie keinen Tinnitus und keinen Hörschaden kriegen. Das würde ich ihnen raten. Und ein Prostata-Screening.

+++

Sind Die Ärzte die beste Band Berlins, Herr Wowereit?

“Vielen Dank für Ihre Anfrage. Der Regierende Bürgermeister wird sich daran nicht beteiligen”.

Klaus Wowereit über Die Ärzte

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, eine Plattenhändlerin, Hagen Liebing, Nagel und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum auch veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens Die Wahrheit über Die Ärzte verschiedenen Wegbegleitern der besten Band der Welt eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Corinna Bochmann, 42, juristische Referentin bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Wegen stumpfer Neonazis und anderen Gewaltbereiten hier ohne Bild.

Sind Die Ärzte noch eine Gefahr für die Jugend?

Corinna Bochmann: Es gibt noch zwei Alben, die aufgrund des Titels „Geschwisterliebe“ als indizierungsrelevant eingestuft sind, „Die Ärzte“ und „Ab 18“. Da wird Inzest und Mißbrauch in der Familie verherrlicht, das ist als Satire nicht klar genug erkennbar. Die Alben stehen noch auf dem Index. Seitdem gab es keine neuen Anträge zur Prüfung neuerer Stücke. Wenn Die Ärzte „Geschwisterliebe“ auf Konzerten spielten, was sie ja manchmal tun und ihr Publikum singen lassen, wäre das nach wie vor ein Problem. Aber eben nicht unseres, weil wir nicht für Konzerte zuständig sind. Da kann das Jugendamt oder das Ordnungsamt hingehen und so ein Konzert für einen jugendgefährdenden Ort erklären.

Und was ist mit den Songs „Schlaflied“ und „Claudia hat `nen Schäferhund“?

Corinna Bochmann: Die Ärzte haben sich 2004 an uns gewandt. Bei uns besteht die Möglichkeit, zehn Jahre nach Aufnahme in die Liste einen Antrag auf Streichung zu stellen. Das wird dann etwa damit begründet, dass heutige Jugendliche medienerfahren sind und das alles anders verstehen. Damals ging es um drei Lieder, um das „Schlaflied“, „Claudia hat `nen Schäferhund“ und „Geschwisterliebe“. Bei „Claudia hat `nen Schäferhund“ und „Schlaflied“ hat das Gremium bei der Prüfung gesagt: Das ist heute eindeutig als Satire erkennbar, auch für Jugendliche. Deswegen konnte das Album „Debil“ gestrichen werden. Die Ärzte hatten alle drei Alben zur Streichung beantragt – auf „Die Ärzte“ und „Ab 18“ war aber „Geschwisterliebe“ drauf.

Liegt Ihnen auch schon vor?

Corinna Bochmann: Nein. Uns liegt nichts vor, wir machen nichts von Amtswegen. Wir werden erst tätig, wenn von einer der im Jugendschutz genannten Behörden etwas zur Prüfung eingereicht wird. Wir machen keine Marktbeobachtung. Bei Musik und anderen Tonträgern gibt es anders als bei Filmen und Computerspielen ja auch keine Alterskennzeichnung. Wenn also ein Album oder ein Song auftritt, das oder der einem Elternteil nicht gefällt, wendet der sich vielleicht an das örtliche Jugendamt – und die würden das bei uns einreichen.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und Nagel.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Hagen Liebing
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Hagen Liebing, Ex-Bassist von Die Ärzte und Redakteur des Berliner Stadtmagazins tip.

Hagen Liebing

Früher mal einer von Die Ärzte, heute Redakteur beim Berliner Stadtmagazin tip: Hagen Liebing

Waren Die Ärzte früher besser?

Hagen Liebing: Ich würde nicht sagen, dass sie früher besser waren. Sie waren authentischer. Vor allem bezogen auf das Verhältnis zu ihren Fans. Als ich damals mit den Ärzten auf der Bühne stand, war ich 25, und die Zuschauer zehn Jahre jünger als wir. Diesen Unterschied empfand ich schon als schräg. Nun sind Die Ärzte doppelt so alt wie ihr Publikum. Das ist wirklich schräg, belegt aber auch die Attraktivität der Band. Dazu noch ein Beispiel: Ich selbst habe einen 18-jährigen Sohn. Als ich beim letzten Album die Single „Junge“ hörte, musste ich erstaunt feststellen, dass meine Ex-Bandkumpels zwar so alt sind wie ich, aber gedanklich und in ihren Texten die Erlebniswelt meines Sohnes einnehmen und ihm Ratschläge erteilen. Komische Sache.

Einmal abgesehen vom Publikum: Waren Die Ärzte früher besser?

Hagen Liebing: Da will ich jetzt nicht ungerecht sein. Schon damals, als ich sie kennengelernt habe, waren das sehr gute Musiker. Jetzt läuft das aus dem Effeff. Da fehlt mir inzwischen ein bisschen die Dringlichkeit von jungen Leuten, die nicht so viel können, aber das Wenige so intensiv wie möglich machen. Aus dem entspannten Alleskönnen ist für mich mittlerweile so eine relaxte Beliebigkeit geworden.

Sind Die Ärzte nicht bald zu alt für diesen Popzirkus? Wie lange werden sie noch durchhalten?

Hagen Liebing: Also ich persönlich würde mich zu alt fühlen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie solange durchhalten. Ab jetzt kann es auch noch ewig gehen. Das ist ihre Identität. Die sind nicht Geier Sturzflug oder die Wildecker Herzbuben, wo sich Leute ein Kostüm anziehen und sagen, sie sind jetzt diese oder jene. Die Ärzte sind wie sie sind. Vielleicht machen sie irgendwann keine Platten mehr, weil sie keine Lust mehr haben. Aber anders als Die Ärzte würden sie dann eh nicht wahrgenommen werden.

Und wenn ein neuer Bassist gesucht werden würde, Du würdest nicht nochmal “Ja” sagen?

Hagen Liebing: (lacht) Nein, ich würde nicht nochmal “Ja” sagen, das stimmt!

Von einer derart langen Karriere ahntest Du ja damals nichts.

Hagen Liebing: Nein, natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Wir haben uns damals freiwillig aufgelöst, in meinem Beisein, 1988, weil wir das Gefühl hatten, das Maximum wäre erreicht, mehr geht nicht an Erfolg und Belastung durchs Musikgeschäft. Wir wollten das nicht ertragen oder uns dem unterwerfen.

Wäre im Nachhinein aber wohl ein lukrativerer Job gewesen als Dein jetziger.

Hagen Liebing: Naja, mein Leben ist ja kein Job. Das was ich in meinem Leben erreicht habe, liegt für mich weit oberhalb von dem, was man mit Geld bezahlen kann.

Auch gefragt waren: Nagel, ein Arzt, ein Fan, Florian Hayler, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, John Niven und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: John Niven
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Schriftsteller, Dozent und Ex-A&R John Niven, Autor der Pop-Satiren “Kill Your Friends” und “Gott Bewahre”. Bela B. las Nivens Hörbuch und ging mit ihm auf Lesetour.

John Niven / Jas Lehal

John Niven. So unbequem und schräg wie seine Bücher. (Foto: Jas Lehal)

Zuerst: Kennen Sie auch die Musik von Die Ärzte oder nur die Typen?

John Niven: Ich kenne Bela, die anderen nicht. Ihre Musik habe ich kaum gehört bisher.

Hat Bela eine schöne Stimme?

John Niven: Ha, eine reizende Stimme sogar! Ich hatte keine Ahnung, dass er hier so ein großer Rockstar ist. Für gewöhnlich kommen rund 100 Leute zu meinen Lesungen. In Leipzig waren da plötzlich über 500, und ich dachte nur: „Boa, in Leipzig bin ich offenbar sehr beliebt!“ Und dann waren sie doch nur wegen Bela da.

Wie entstand denn die Zusammenarbeit?

John Niven: Mein Redakteur Markus schickte Bela damals eine sehr frühe Kopie von „Kill Your Friends“. Für das Hardcover gab er uns darauf ein fantastisches Zitat – er war einfach von Anfang an ein großer Fan des Buches.

Und warum mögen Sie seine Stimme, warum passt Sie gut zu „Kill Your Friends“ auf Lesungen und als Hörbuch?

John Niven: Ich glaube einfach, weil er das Buch so gut verstanden hat. So gut, dass er es mit der richtigen Portion Autorität lesen konnte. Es gibt da eine Szene im Buch, die besonders lusig ist, wenn er sie liest. Nämlich die, wenn Steven Stelfox mit einem deutschen Dance-Produzenten namens Rudi spricht. Wir lasen die Stelle immer gemeinsam, ich Steven, er Rudi, und er immer so: „Schteven!“

Sie waren mal A&R-Manager – hätten Sie Die Ärzte unter Vertrag genommen?

John Niven: Ich bin ein großer Punkrockfan. Musikalisch mag ich den Sound, den sie machen. Als sie begannen, hätte ich sie deshalb wahrscheinlich unter Vertrag genommen. Heute ist es für eine Band deutlich schwieriger, einen Vertrag zu bekommen. Aber ja, wahrscheinlich hätte ich.

Haben Die Ärzte noch eine Chance auf eine internationale Karriere?

John Niven: Ich weiß es nicht. Deutschland hat… wir haben U2… Ach, ich will nicht nein sagen. Es ist ja bekanntlich immer alles möglich.

Sie sind also nicht zu alt dafür?

John Niven: Als ich mit Bela abhing, kam er stets deutlich jünger rüber als er ist!

Ihr aktuelles Buch “The Second Coming” (dt. Titel: “Gott bewahre”) dreht sich im Pop, Fernsehen und Religion. Es…

John Niven: Deutschland ist das Land, in dem mein Buch den größten Erfolg hat!

Wie erklären Sie sich das?

John Niven: Ich weiß es nicht! Es läuft auch in UK, Italien und Spanien gut. Aber in Deutschland waren sie gleich alle auf die Hardback-Copies wild, seit Monaten. Ein phänomenaler Erfolg.

Es liest sich wie ein Drehbuch, das es ja ursprünglich auch war.

John Niven: Ja, die ersten 70 Seiten schrieb ich als Drehbuch und machte erst dann einen Roman daraus, weil ich nicht glaubte, dass daraus einer einen Film machen würde. Ironischerweise gibt es aber ein paar Angebote, nun doch einen Film daraus zu machen, ja. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Und ein neues Buch?

John Niven: Ja, ich beende gerade ein neues, es heißt „Cold Hands“ und soll im Oktober oder November erscheinen.

Und siehe da: Mittlerweile ist John Nivens „Cold Hands“, ein Thriller, sogar auf deutsch unter dem Titel „Das Gebot der Rache“ erhältlich.

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Auch gefragt waren: Nagel, ein Arzt, ein Fan, Florian Hayler, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Flo Hayler
25.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Flo Hayler vom Berliner Ramones-Museum (und Musikjournalist). Einer, der sich mit Punk doch auskennen müsste.

Sind Die Ärzte noch Punkrock, Flo?

Hey Ho, Let's Go: Flo Hayler, Gründer des Berliner Ramones-Museums

Flo Hayler: Sie waren Punkrocker, sind Punkrocker und werden immer Punkrocker bleiben. Wenn man einmal Punk war, verliert man das nicht mehr. Die Art, wie sie ihre Alben machen, wie sie sich geben, ihre Konzerte spielen und mit ihren Fans umgehen, das ist alles sehr nett, freundschaftlich und familiär. Punk ist das total. Weil auch dieser Community-Aspekt im Punk ganz wichtig ist.

Dennoch: Waren sie früher mehr oder weniger Punkrock als heute?

Flo Hayler: Die waren früher wahrscheinlich sogar noch weniger Punkrock, oder? Die haben doch mal gesagt, sie möchten auch eine Popband sein und das, was Anfang der Achtziger als Punk gegolten hat – dieses Politische, dieses Steife, dieses Arme-Verschränker-Punksein – aufbrechen. Sie nannten sich also bewusst provokativ Popband. Und sie heute als Rockphänomen zu beschreiben ist glaube ich passender als Popphänomen. Und auch passender als Punkphänomen, weil sie ihre Fans nicht nur aus Punkkreisen rekrutieren, sondern gesamtgesellschaftlich relevant sind.

Aber Rockstars sind sie auch.

Flo Hayler: Sie sind Rockstars, total. Sehr gut aussehende Rockstars sogar. Die sitzen dir gegenüber und du denkst: Wie damals in der Bravo!

Kann sich so eine Band überhaupt noch ausverkaufen?

Flo Hayler: Wir kennen das doch alle. Die haben jeden von uns begleitet und beeinflusst. Das ist das Tolle an den Ärzten, dass jeder eine Geschichte zu denen hat. Jeder bringt einen Lebensabschnitt mit den Ärzten in Verbindung. Von daher kannst du da so oder so nicht rangehen. Jeder ist parteiisch. Die Ärzte haben einen nie enttäuscht. Es gab nichts in ihrer Karriere, von dem man gesagt hätte, dass das jetzt wirklich kacke war.

Auch gefragt waren: John Niven, Nagel, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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