25 Dinge, die ich über Amerika (und sein Fernsehprogramm) noch nicht wusste
31.März 2014

Vor einiger Zeit reiste ich drei Wochen durch den Westen der USA. Hier nur ein paar der damaligen Auffälligkeiten zwischen San Francisco, Las Vegas, San Diego und Los Angeles. Da besagte Zeit mittlerweile in Jahren angegeben werden kann – Prioritäten verschieben sich -, verzichte ich auf erklärende illustrierende Fotos zu jedem einzelnen der Punkte. Obwohl es sie gäbe.

Foto-Eindrücke von mir bei Instagram

Foto-Eindrücke bei Instagram

 

  • Barack Obama mag Honey Boo Boo.
  • eine Eismarke wirbt mit einem Eisbären und heißt Bimbo.
  • Die offenbar bekanntesten Kondome in den USA heißen tatsächlich Trojans. Wie vertrauenserweckend.
  • Vielleicht hat es doch ein Häftling geschafft, lebend aus Alcatraz zu fliehen.
  • Verkehrsschilder weisen freundlich darauf hin, in bestimmten Gegenden keine Hitchhiker mitzunehmen – “Prison Area”!
  • Die Kultur des Frühstücksfernsehens ist dort von “Kelly & Michael” bis zu achtjährigen Nachwuchspredigern deutlich ausgeprägter als bei uns. Vom Frühstück selbst kann man das leider nicht sagen.
  • Whoopi Goldberg hat eine eigene Talkshow namens “The View” und dort unter anderem Prince zu Gast – der aussieht wie sein eigener Imitator.
Die traurige Wahrheit des Krustyland: außen Kulisse, innen nur 3D-Achterbahn.

Die traurige Wahrheit des Krustyland: außen Kulisse, innen nur 3D-Achterbahn.

 

  • Verstärkung gesucht: Die San Diego Police wirbt sogar Rentner für ihr Team.
  • Im Yosemite Park wird auf Schildern vor Berglöwen gewarnt. Letzter Hinweis: “If attacked – fight back.” Humor haben sie ja doch.
  • Waschbären mögen Sour-Cream- & Onion-Chips, sind dreist und wissen sehr genau, wie man Chipstüten präzise öffnet.
  • Die Hausdame des Curry Village nennt sich Mother Curry. Können von Glück reden, dass wir trotz ursprünglicher Spontan-Planung nicht bei ihren Hanta-Mäuschen übernachtet haben.
  • Cameron, der laut Karte letzte Ort vorm Grand Canyon, gibt es nicht. Und Anasazi Inn ist der Vorhof zur David-Lynch-Hölle.
  • Wenn Mutter Kardashian dicke Lippen hat, sieht sie aus wie Sharon Osbourne.
  • Überhaupt: All die TV-Shows, die man jeweils in der Werbepause der anderen Show gucken kann!

    Graceland Chapel, Baby: Hier heiratete auch Jon Bon Jovi.

    Graceland Chapel, Baby: Hier heiratete auch Jon Bon Jovi.

  • Von ”Teen Moms”, “So You Think You Can Dance”, “Americas Got Talent” (mit Howard Stern), “The Voice” (mit Christina Aguilera, Cee Lo Green, Blake Shelton und Adam Levine) und “X-Factor” (mit Simon Powell und Britney Spears)…
  • …über einen schwulen Innenarchitekten, der seiner Kundin und Freundin die Dimensionen ihrer geplanten Hochzeitssause kleiner reden will…
  • …bis hin zu Heidi Klum, die Nachwuchsdesigner designen und schneidern lässt und zu irgendwem, der den besten Maskenbildner sucht.
  • Sogar Jerry Springer gibt es immer noch!
  • Ellen DeGeneres, David Letterman, Jimmy Kimmel und wie sie alle heißen sind wirklich gut. Und noch besser, wenn man sie im Vergleich zum Restprogramm sieht.
  • In Elvis’ Graceland Chapel in Las Vegas hat auch Bon Jovi geheiratet.
  • Zwei Häuser weiter steht der Pawn Shop aus der Sendung “Pawn Stars”. Kannte ich vorher auch nicht.
  • Im Death Valley veranstalten Steine ein bis heute nicht geklärtes und mysteriöses Wettrennen – und das bei der Hitze und mit ihrem Gewicht!
  • One Direction sind eine große Nummer.
  • Krustyland gibt es gar nicht. Alles Attrappe.
  • Mario Barth betreibt im Mirage in Las Vegas ein erfolgreiches Tattoostudio in bester Lage.
  • Ortsnamen wie Barstow und Ludlow - Brandenburg fängt vor der Grenze zu Arizona an.
"Fear And Loathing In Las Vegas", irgendwer?

“Fear And Loathing In Las Vegas”, irgendwer?

 

 

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Listenwahn 2012: Die Serien des Jahres
12.September 2013

Ach. Da war ja noch was. Ein Blog. Postings. Listen. Serien. Freizeit. Vollständigkeitszwang. Nach 2010 und 2011 deshalb jetzt form- und schmerzlos ohne Trailer, Bilder und Texte: die für mich besten, weil letztes Jahr unter anderem gesehenen, Serien 2012. 2013 ist ja auch schon bald Geschichte.

The Sopranos

1. “The Walking Dead”

Die erste Staffel war bloß konventioneller Zombiekram. Spannend und sehr sehr deprimierend wird die Comicverfilmung erst, wenn die Zombies nur noch als Statisten im viel gefährlicheren Kampf zwischen den Überlebenden selbst auflauern.

2. “Breaking Bad”

Der einst krebskranke Chemielehrer Walter White hat die Grenze zwischen Gut und Böse längst weit überschritten und steckt im ersten Teil der finalen Staffel 5 bis zur Stirn in all dem Stress, den ein Doppelleben als Familienvater und berüchtigster Meth-Baron New Mexicos so mit sich bringt. Und dann ist da auch Schwager Hank auf dem Klo…

3. “Homeland”

Claire Danes als labile CIA-Agentin, die einen Kriegsveteran des Terrors bezichtigt und das darin ständige Spiel mit den Erwartungen und Vorurteilen des Zuschauers: “Homeland” ist trotz einiger Schwächen in Staffel 2 immer noch die subtilere und deshalb bessere Version von “24″.

4. “Dexter”

Schon nach Staffel 4 zeichnete sich wohl ab, dass die Serie um Serienmörder-Mörder und Forensiker Dexter Morgan bald blasser werden könnte als die Opfer des Ice-Truck-Killers. Bis zum Ende des Falls um den Doomsday-Killer und einem, nun ja, einschneidenden Treffen zwischen Dexter und seiner Schwester und Miami-Police-Kollegin Debra darf man aber noch gespannt genug bleiben. Staffel 7 und 8 hingegen – soviel weiß ich jetzt, im September 2013, hätten lieber schweigen sollen.

5. “Game Of Thrones”

Eine Seifenoper im Mittelalter, in der sich keiner gewaschen hat: Die HBO-Verfilmung von George R.R. Martins Fantasy-Romanepos strotzt nur so vor Blut und Gier und Neid und Sex und Krieg und Fehden. Oh, und Drachen gibt es auch.

6. “Der Tatortreinger”

Bjarne Mädel als bauernschlauer Tatortreiniger von der “SpuBe” (Spurenbeseitigung). Wenige Folgen, viel Herz für ihre Figuren, und bei aller Komik – in jeder Folge trifft Schotti bei seiner Arbeit auf Angehörige, Täter, Gäste oder sonst wie mit den Opfern in Verbindung stehenden Menschen – immer auch die ein oder andere Lebensweisheit parat, die mit Plattitüden so wenig zu tun hat wie Bernd Strombergs (neben dem Mädel zuvor die Rolle des depperten Ernie spielte) Sprüche mit Inhalten.

7. “Sherlock”

Shooting Star Benedict Cumberbatch als moderner Sherlock der Neuzeit, neben ihm Martin Freeman als Dr. Watson. Die Dialoge, die Charaktere, die Fälle, die Gegenspieler, der Humor: so temporeich, geistesgegenwärtig, trocken und auf Zack wie Sherlock Holmes eh und je. Britischer als in dieser BBC-Miniserie gehts indes ebenfalls kaum noch.

8. “The Big Bang Theory”

Please don’t try this auf Deutsch. Pro7 strahlt diese Sitcom immer wieder aus, selten hatte ich etwas Unlustigeres im Fernsehen gesehen. Im Original funktionieren die Zoten um Dr. Sheldon Cooper und seine Nerd-WG nach gewisser Eingewöhnung aber durchaus. Zumal ich Physiker-Witze auch in meiner Muttersprache nicht verstehe.

9. “The Wire”

Von Kritikern und etlichen Fans maßlos gelobte Krimiserie über Polizei und Verbrechen in Baltimore, in der es weniger um die Auflösung bestimmter Fälle geht, sondern um die Dokumentation einer einzigen, großen, korrupten, hamsterradartigen Szenerie über mehrere, bisweilen mühsam anzusehende Staffeln. Don’t try this auf englisch, man versteht vom Straßenslang kaum ein Wort.

10. “Touch”

Kiefer Sutherland als nach 9/11 alleinerziehender Vater eines wohl autistischen Kindes, das dafür übernatürliche Fähigkeiten zu haben scheint und “Butterfly Effect”-mäßig die Schicksale von Menschen auf der ganzen Welt zum Guten zu verbinden weiß. Schön und schlau und rund erzählt, es fehlt aber jeder Cliffhanger und ein unbedingter “Mehr davon”-Effekt.

Abgesehen von seinem Set war ich von der zweiten Staffel von “Boardwalk Empire” leider nicht mehr allzu beeindruckt – wenngleich Michael Shannon ziemlich groß- und bösartig spielt darin und Steve Buscemi eigentlich immer geht. Meine Frau guckte 2012 weiterhin liebend gerne “Downton Abbey”, ich hingegen habe es auch mal mit JJ Abrams’ “Revolution” versucht: naheliegende Grundidee (unserer Welt plötzlich und langfristig ohne Strom), schrecklich langweilige Hochglanz-Umsetzung. Wie “Lost” mit Soap-Darstellern.

Lobende Erwähnung hingegen für zwei outstanding tv dramas:

“The Sopranos”

Ein getriebener Mann, zwei Familien. Tony Soprano zwischen Mafia und Dr. Melfi. Und James Gandolfini in der Rolle seines Lebens. Es wurde seine letzte große.

“Six Feet Under”

Michael C. Hall war schon vor “Dexter” in Leichenhallen zu sehen – hier als Erbe des Bestattungsunternehmens seines Vaters. Und wie das zwischen Leben und Tod so ist, erzählt auch “Six Feet Under” nahbar, komisch und dramatisch von der Hin- und Hergerissenheit zwischen den Erwartungen anderer zu funktionieren und dem Ausbruch daraus – exemplarisch an dem Schicksal jedes Mitglieds der Familie Fisher.

Das waren auch die beiden Serien, die mich 2012 mit Abstand am meisten begeistert und gebannt haben. Weil ich sie erst dieses Jahr sah: “Sopranos” lief von 1999-2007, “Six Feet Under” von 2003-2008.

Oh, war jetzt doch mit Texten.

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Listenwahn 2012: Die Alben des Jahres
9.März 2013

Pünktlich zur schon im Vorfeld depperten Echo-Verleihung 2013: meine 20 besten Alben des vergangenen Kalenderjahres. Mit Qualitätsgarantie, garantiert auch ohne Frei.Wild und mit nur einem Megaseller.


1. Max Prosa – „Die Phantasie Wird Siegen“

Kitsch. Pathos. Sturm. Drang. Altklugheit. Reife. Aufgekratzheit. Abgeklärtheit. Versoffenheit. Herz. Schmerz. Beflissenheit. Geste. Gute Ratschläge. Bob Dylan im Geiste. Max Prosas über- und aufgeladenes Debüt „Die Phantasie wird siegen“, mit dem der in Berlin lebende Prosa als Bester seiner Zunft im deutschen Feuilleton eine „Schmerzensmänner“-Debatte anstiftete, hat von allem zuviel, man müsste sich eigentlich angewidert davon abwenden. Vor allem aber hat es Songs wie „Mein Kind“, „Flügel“ und „Visionen von Marie“ in seinen Reihen; Songs, die andere Liedermacher ein ganzes Leben so nicht zu Papier und auf Platte kriegen. Und das Beste: Der Nachfolger „Rangoon“ erscheint bereits im April 2013.

2. Ben Folds Five – „The Sound Of The Life Of The Mind“

Ben Folds, dieser Teufelspianist und Entertainer vor dem Herrn, kann keine schlechten Songs, Melodien, Harmonien und Geschichten schreiben. Das wusste ich spätestens seit „The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner“, dem live schon 2008 wieder gemeinsam aufgeführten dritten Bandalbum aus dem Jahre 1999; Folds’ Soloalben zwischen 2001 und 2011 bestätigten das aufs Herzlichste. Beim Reunion-Album „The Sound Of The Life Of The Mind“ aber hatte ich das vier Durchgänge lang fast vergessen. Bis Folds mich mit „Draw A Crowd“, der ersten Single „Do It Anyway“ (inkl. Fraggles-Video) und über allem dem Titelsong daran erinnerte. Und plötzlich war ich wieder verliebt.

3. The Avett Brothers – „The Carpenter“

Weniger Drama, mehr Introspektive: „The Carpenter“ ist ein nach „I And Love And You“ einmal mehr aufrichtig herzliches Folkrockalbum, mit dem die Avett Brothers einmal mehr im Vorbeigehen beweisen, wie gut sie 1. Popmomente schreiben und einfangen, 2. die verwurzelteren Mumford & Sons werden und 3. als Hochzeitsband Nächte retten könnten. All das alleine wäre ihnen aber vermutlich zu langweilig. Zum Glück.

4. The Gaslight Anthem – „Handwritten“

Auf „American Slang“, ihrem dritten Album, waren The Gaslight Anthem der Sturm und Drang und die Ideen verloren gegangen, sie verwalteten sich bloß selbst. Mit „Handwritten“ und Hymnen wie „45“ und dem Titelsong haben die Arbeiterklasse-Punkrocker aus New Jersey (ja, da wo auch der Boss und Bon Jovi herkommen) zu sich selbst zurückgefunden und sind gleichzeitig den Stadien noch näher gekommen. Karohemden und, Achtung, Kreationismus – eine Mischung, die in Amerika noch besser ankommen müsste als bei uns.

5. Hot Water Music – „Exciter“

Nein, Hot Water Music aus Gainesville haben auf ihrem ersten neuen Album seit acht Jahren weder sich selbst noch den Punkrock neu erfunden. Aber genau das macht „Exciter“ zu so einer Wohltat: Chuck Ragan und Chris Wollard klingen mit all ihrem Herzblut und ihrer Hemdsärmeligkeit gemeinsam einfach markiger als allein, eine so zwingende Lebenskrisenhymne wie „Drag My Body“ haben sie in all den Solojahren und Bandprojekten nicht hinbekommen. Besser waren sie nur auf der Split-EP mit Alkaline Trio.

6. Benjamin Gibbard – „Former Lives“

Solodebüt des Frontmannes von Death Cab For Cutie, das gemessen an den Erwartungen und den Bandvorlagen ein fast zu gefälliges ist. Gibbard fühlt sich hier im Midtempo ein bisschen zu wohl, schon das Duett mit Aimee Mann aber reisst alles raus. Und wenn diese Liste eines verrät, dann, dass ich eine Schwäche für Bens habe.

7. Ben Kweller – „Go Fly A Kite“


Nach seinem Country-Ausflug besinnt sich Ben Kweller auf seine alten Stärken: „Go Fly A Kite“ vereint LoFi-Popsongs mit verschrobener Slackerattitüde, ist kein zweites „Sha Sha“ und zeigt Kweller dennoch als das geschichtenerzählende Songwriter-Wunderkind, das der Texaner auch mit seinen 31 Jahren noch ist.

8. Mumford & Sons – „Babel“

Das zweite Album, mit dem sie durch die Decke gingen: Die Grammy-Preisträger, die Mumford & Sons mittlerweile sind, legten mit „Babel“ einen zwar würdigen Nachfolger ihres umjubelten Debüts vor, aber auch ein Album, auf dem das Banjo präsenter und prägnanter war als die einzelnen Songideen selbst.

9. Kettcar – „Zwischen den Runden“

Nach dem – für Männer über 35 – vergleichsweise wütenden „Sylt“ und eine Dekade nach ihrem maßgeblichen Debüt „Du und wie viele von Deinen Freunden“ besinnen sich Kettcar auf Introspektive, Einsichten und auf das Erzählen daraus resultierender Geschichten über das Leben und den Tod. Sie trauen sich dabei an Bläser, Streicher und fast keinen Ausbruch. Schlecht steht ihnen all das trotzdem nicht. (zum Interview)

10. Michael Kiwanuka – „Home Again“

So jung und schon so schön von gestern: Michael Kiwanuka hat mit seinem Debüt „Home Again“ genau das Songwriter-Soulalbum aufgenommen, das Bob Dylan, Otis Redding, Marvin Gaye und Ben Harper gemeinsam nicht gemacht haben. (zum Interview)

11. Nada Surf – „The Stars Are Different To Astronomy“
12. First Aid Kit – „The Lion’s Roar“
13. The XX – „Coexist“
14. John K. Samson – „Provincial“
15. The Weeknd – „Echoes Of Silence“
16. Frank Ocean – „Channel Orange“
17. Deftones – „Koi No Yokan“
18. Absynthe Minded – „As It Ever Was“
19. Jessie Ware – „Devotion“
20. Kidd Kopphausen – „I“

Auch gut 2012 war zum Beispiel: Die Höchste Eisenbahn (EP), Jake Bugg (Deutschland-VÖ erst 2013), Silversun Pickups, The Lumineers, Sport, Aimee Mann, Kendrick Lamar, Captain Planet, The Shins, Two Gallants, Tom Liwa, Tallest Man On Earth, Muse, Gary, Manual Kant, Ellie Goulding, Sigur Ros, Bloc Party, Maximo Park, Die Türen, Band Of Horses, Kilians, Adam Arcuragi, Regina Spektor, Jens Lekman, Taylor Swift, Carly Rae Jepsen, Enno Bunger, Coheed & Cambria, Benjamin Biolay, Rocky Votolato

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Listenwahn 2012: Die Filme des Jahres
24.Februar 2013

Pünktlich zu den Oscars 2013 schließe auch ich endlich mit dem durchwachsenen Kinojahr 2012 ab. Hier meine Filme des Jahres 2012 – diesmal ohne zwingende Reihenfolge, weil mich nichts aus Hollywood oder sonst wo her nachhaltiger beeindruckte als 2011 zum Beispiel ein einziger Film aus Deutschland.

„Moonrise Kingdom“

Zwei Pfadfinderkinder in den Sechzigern, die Camp und Elternhaus entfliehen und wider gesellschaftlicher Erwartungshaltung ihre große Liebe leben wollen. Das rührende „Moonrise Kingdom“ von Wes Anderson und Roman Coppola wirkt in seiner Ästhetik und den altklugen Hauptfiguren wie Cap & Capper auf LSD. Und ist dank seines A-Casts – Bruce Willis als Inselcop, Edward Norton als unfähiger Pfadfinderleiter, Frances McDormand als sorgende Mutter und so weiter – unfassbar und herzzereißend komisch.

„The Perks Of Being A Wallflower“

Coming-Of-Age-Drama um einen Schuljungen namens Charlie, der als anfänglicher Einzelgänger lieber Bücher liest als sich möglichen Kumpels anzubiedern und später in Sam (Emma Watson) nicht nur seine beste Freundin, sondern auch die große Liebe findet. Rührende Verfilmung des Romans von Stephen Chbosky. Weil es ja jeder irgendwie selbst durch die Pubertät geschafft hat.

„Silver Linings“

Gemessen an den Jubelreden, die über “Silver Linings Playbook” im Vorfeld verfasst wurden, ist der neue Film von David O. Russell eine kleine Enttäuschung. In Wahrheit aber ist die Geschichte über zwei vereinsamte, psychisch labile und gleichzeitig kerngesunde Menschen, die sich in ihren Gegensätzen anziehen – und sei es nur zum Tanzwettbwerb – natürlich doch eine rührende, weil man Pat (Bradley Cooper, der nicht nur Action und gut aussehen kann) und Tiffany (Jennifer Lawrence) in jeder Sekunde ihres angeknacksten Daseins glaubt. Und weil Robert deNiro als wettsüchtiger Vater für den nötigen Witz sorgt.

„Extrem laut und unglaublich nah“

Achtung, Kitschgefahr: Linda (Sandra Bullock) und ihr Sohn Oskar verlieren bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 Ehemann, Vater und Bezugsperson Thomas Schell (Tom Hanks). Um die gemeinsamen Momente zu konservieren und weil er an ein hinterlassenes Rätsel seines Vaters glaubt, begibt sich der elfjährige, hochbegabte und, nun ja, verhaltensauffällige Oskar auf eine märchenhafte Schnitzeljagd durch New York – und lernt dabei viele fremde Menschen, seine Familie und sich selbst kennen. „Extrem laut und unglaublich nah“ basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Jonathan Safran Foer. Und der ist ein Guter.

„The Avengers“

Hulk, etliche andere Superhelden, Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson retten die Welt vor dem Untergang. Muss ich noch mehr sagen?

„Ted“

Ein Teddybär, der zum Leben erweckt wird und seinem besten Kumpel (Mark Wahlberg) fortan nicht mehr von der Seite weicht. Klingt nach Walt Disney, endet dank Regisseur, „Family Guy“-Erfinder und Oscar-Moderator Seth MacFarlane aber in einem politisch herrlich inkorrektem Buddymovie voller Drogen, Party und der Kehrseite des Ruhmes, in dem die Moral über Freundschaft, Frauen und Fans nicht zu kurz kommt.

„Drive“

Lange Kamerafahrten und schnelle Schnitte für dunkle Autonächte: Ryan Goslings namenloser Fahrer weiß, wie man Autos repariert, in ihnen durch Los Angeles heizt, mit diesem Talent krumme Dinger dreht, Frauen (Carey Mulligan) kennenlernt und sonst die Klappe hält. „Drive“ gewann nicht durch seine dünne Story oder etwaigen tiefen (oder irgendwelchen) Dialogen auf der Stelle Kultstatus, sondern durch sein unterkühltes Setting, in das Regisseur Nicolas Winding Refn den coolsten neuen Hollywoodstar der Stunde setzt. Soundtrack von Kavinsky inklusive. Wohl aber: In „Gangster Squad“ ist Gosling noch viel cooler.

„Shame“

Shooting Star Michael Fassbender neben dem Android David aus “Prometheus” in seiner anderen großen Rolle im Kinojahr 2012. “Shame” tut dem Zuschauer genauso weh wie dem Protagonisten Brandon seine krankhafte Sexsucht. Wenn Brandon nicht gerade Prostituierte, Zufallsbekanntschaften oder in Darkrooms fickt, masturbiert er – vor dem Spiegel, in der Dusche, auf der Arbeit – und denkt daran, wie er das eine oder das andere bald wieder tun muss. Auch seine Schwester (Carey Mulligan) erkennt: Echte Gefühle sind ihm fremd, er gibt sie vor, um überhaupt noch am gesellschaftlichen Miteinander teilnehmen zu können – und hat damit mit Fassbenders anderen Rollen, dem Android aus „Prometheus“, dann ja doch wieder Maßgebliches gemein.

„The Master“

Phillip Seymour Hofmann und Joaquin Phoenix als Meister und Schüler in einer Analogie zur Biografie von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard. Nicht zuerst wegen Regisseur Paul Thomas Anderson oder der seltsam indifferenten Erzählweise sehenswert, sondern wegen eines Joaquin Phoenix, der in seiner Leinwandrückkehr nach seinem Mockausflug ins Rapgeschäft ein Schauspiel hinlegt, für das er eher einen Oscar verdient hätte als Denzel Washington und Bradley Cooper zusammen.

„Ralph reichts“

Der ausrangierte “Wreck-It-Ralph” will nicht länger Bösewicht im gleichnamigen Videospiel sein. Aus der Rolle kommt er trotz Selbsthilfegruppe genau so wenig heraus wie aus der digitalen Welt – und findet am versöhnlichen Ende genauso seinen Platz wie die jungen und früher mal jungen Zuschauer Anspielungen auf andere Spielehelden.

„Liebe“

Leider nicht gesehen.

***
„Zero Dark Thirty“

Startete erst 2013 in den deutschen Kinos. Jessica Chastain als CIA-Agentin auf Bin Laden-Jagd und zwischen Job und Moral zerrissen. “Zero Dark Thirty” von Kathryn Bigelow ist – verkürzt gesagt – ein bisschen wie “Homeland” auf Spielfilmlänge. Und in seinem Plot dokumentarischer.

„Django Unchained“

Startete ebenfalls erst 2013 in den deutschen Kinos. Außerdem dürfte das ja der einzige Film sein, den wirklich jeder gesehen hat. Deshalb nur soviel: Christoph Waltz gefiel mir in seiner perfiden Subtilität als Nazi Hans Landa in „Inglourious Basterds“ noch viel besser als in seiner Rolle des Dr. King Schultz.

Auch gut war 2012: „Skyfall“, „Barbara“, „Rock Of Ages“, „Dark Shadows“, „Francine“, „Looper“, „Haywire“

Meine Serien und Alben des Jahres 2012 folgen. Irgendwann.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Maja Grundler, Dr. Schernberger, Klaus Wowereit
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum auch veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens Die Wahrheit über Die Ärzte verschiedenen Wegbegleitern der besten Band der Welt eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Die Ärzte-Fan Maja Grundler, der Arzt Dr. Ralph Schernberger und der Regierende Bürgermeister Berlins Klaus Wowereit.

Maja Grundler, Die Ärzte-Fan

Sind Die Ärzte sexy?

Maja Grundler: Nee! Die sind ja schon älter. Aber es gibt ganz junge Mädchen, die kreischen auf den Konzerten extrem. Ich kann mir vorstellen, dass da manche auf mehr aus sind. Aber mit denen hab ich nichts zu tun.

Dr. Ralph Schernberger

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Sind Die Ärzte krank?

Dr. Ralph Schernberger: Da sie sich schon so lange gehalten haben, würde ich ihnen eine gute Gesundheit attestieren. Es gibt speziellen Gehörschutz für Leute, die schon etwas länger im Business sind, damit sie keinen Tinnitus und keinen Hörschaden kriegen. Das würde ich ihnen raten. Und ein Prostata-Screening.

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Sind Die Ärzte die beste Band Berlins, Herr Wowereit?

“Vielen Dank für Ihre Anfrage. Der Regierende Bürgermeister wird sich daran nicht beteiligen”.

Klaus Wowereit über Die Ärzte

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, eine Plattenhändlerin, Hagen Liebing, Nagel und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum auch veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens Die Wahrheit über Die Ärzte verschiedenen Wegbegleitern der besten Band der Welt eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Corinna Bochmann, 42, juristische Referentin bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Wegen stumpfer Neonazis und anderen Gewaltbereiten hier ohne Bild.

Sind Die Ärzte noch eine Gefahr für die Jugend?

Corinna Bochmann: Es gibt noch zwei Alben, die aufgrund des Titels „Geschwisterliebe“ als indizierungsrelevant eingestuft sind, „Die Ärzte“ und „Ab 18“. Da wird Inzest und Mißbrauch in der Familie verherrlicht, das ist als Satire nicht klar genug erkennbar. Die Alben stehen noch auf dem Index. Seitdem gab es keine neuen Anträge zur Prüfung neuerer Stücke. Wenn Die Ärzte „Geschwisterliebe“ auf Konzerten spielten, was sie ja manchmal tun und ihr Publikum singen lassen, wäre das nach wie vor ein Problem. Aber eben nicht unseres, weil wir nicht für Konzerte zuständig sind. Da kann das Jugendamt oder das Ordnungsamt hingehen und so ein Konzert für einen jugendgefährdenden Ort erklären.

Und was ist mit den Songs „Schlaflied“ und „Claudia hat `nen Schäferhund“?

Corinna Bochmann: Die Ärzte haben sich 2004 an uns gewandt. Bei uns besteht die Möglichkeit, zehn Jahre nach Aufnahme in die Liste einen Antrag auf Streichung zu stellen. Das wird dann etwa damit begründet, dass heutige Jugendliche medienerfahren sind und das alles anders verstehen. Damals ging es um drei Lieder, um das „Schlaflied“, „Claudia hat `nen Schäferhund“ und „Geschwisterliebe“. Bei „Claudia hat `nen Schäferhund“ und „Schlaflied“ hat das Gremium bei der Prüfung gesagt: Das ist heute eindeutig als Satire erkennbar, auch für Jugendliche. Deswegen konnte das Album „Debil“ gestrichen werden. Die Ärzte hatten alle drei Alben zur Streichung beantragt – auf „Die Ärzte“ und „Ab 18“ war aber „Geschwisterliebe“ drauf.

Liegt Ihnen auch schon vor?

Corinna Bochmann: Nein. Uns liegt nichts vor, wir machen nichts von Amtswegen. Wir werden erst tätig, wenn von einer der im Jugendschutz genannten Behörden etwas zur Prüfung eingereicht wird. Wir machen keine Marktbeobachtung. Bei Musik und anderen Tonträgern gibt es anders als bei Filmen und Computerspielen ja auch keine Alterskennzeichnung. Wenn also ein Album oder ein Song auftritt, das oder der einem Elternteil nicht gefällt, wendet der sich vielleicht an das örtliche Jugendamt – und die würden das bei uns einreichen.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und Nagel.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Hagen Liebing
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Hagen Liebing, Ex-Bassist von Die Ärzte und Redakteur des Berliner Stadtmagazins tip.

Hagen Liebing

Früher mal einer von Die Ärzte, heute Redakteur beim Berliner Stadtmagazin tip: Hagen Liebing

Waren Die Ärzte früher besser?

Hagen Liebing: Ich würde nicht sagen, dass sie früher besser waren. Sie waren authentischer. Vor allem bezogen auf das Verhältnis zu ihren Fans. Als ich damals mit den Ärzten auf der Bühne stand, war ich 25, und die Zuschauer zehn Jahre jünger als wir. Diesen Unterschied empfand ich schon als schräg. Nun sind Die Ärzte doppelt so alt wie ihr Publikum. Das ist wirklich schräg, belegt aber auch die Attraktivität der Band. Dazu noch ein Beispiel: Ich selbst habe einen 18-jährigen Sohn. Als ich beim letzten Album die Single „Junge“ hörte, musste ich erstaunt feststellen, dass meine Ex-Bandkumpels zwar so alt sind wie ich, aber gedanklich und in ihren Texten die Erlebniswelt meines Sohnes einnehmen und ihm Ratschläge erteilen. Komische Sache.

Einmal abgesehen vom Publikum: Waren Die Ärzte früher besser?

Hagen Liebing: Da will ich jetzt nicht ungerecht sein. Schon damals, als ich sie kennengelernt habe, waren das sehr gute Musiker. Jetzt läuft das aus dem Effeff. Da fehlt mir inzwischen ein bisschen die Dringlichkeit von jungen Leuten, die nicht so viel können, aber das Wenige so intensiv wie möglich machen. Aus dem entspannten Alleskönnen ist für mich mittlerweile so eine relaxte Beliebigkeit geworden.

Sind Die Ärzte nicht bald zu alt für diesen Popzirkus? Wie lange werden sie noch durchhalten?

Hagen Liebing: Also ich persönlich würde mich zu alt fühlen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie solange durchhalten. Ab jetzt kann es auch noch ewig gehen. Das ist ihre Identität. Die sind nicht Geier Sturzflug oder die Wildecker Herzbuben, wo sich Leute ein Kostüm anziehen und sagen, sie sind jetzt diese oder jene. Die Ärzte sind wie sie sind. Vielleicht machen sie irgendwann keine Platten mehr, weil sie keine Lust mehr haben. Aber anders als Die Ärzte würden sie dann eh nicht wahrgenommen werden.

Und wenn ein neuer Bassist gesucht werden würde, Du würdest nicht nochmal “Ja” sagen?

Hagen Liebing: (lacht) Nein, ich würde nicht nochmal “Ja” sagen, das stimmt!

Von einer derart langen Karriere ahntest Du ja damals nichts.

Hagen Liebing: Nein, natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Wir haben uns damals freiwillig aufgelöst, in meinem Beisein, 1988, weil wir das Gefühl hatten, das Maximum wäre erreicht, mehr geht nicht an Erfolg und Belastung durchs Musikgeschäft. Wir wollten das nicht ertragen oder uns dem unterwerfen.

Wäre im Nachhinein aber wohl ein lukrativerer Job gewesen als Dein jetziger.

Hagen Liebing: Naja, mein Leben ist ja kein Job. Das was ich in meinem Leben erreicht habe, liegt für mich weit oberhalb von dem, was man mit Geld bezahlen kann.

Auch gefragt waren: Nagel, ein Arzt, ein Fan, Florian Hayler, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, John Niven und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: John Niven
28.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Schriftsteller, Dozent und Ex-A&R John Niven, Autor der Pop-Satiren “Kill Your Friends” und “Gott Bewahre”. Bela B. las Nivens Hörbuch und ging mit ihm auf Lesetour.

John Niven / Jas Lehal

John Niven. So unbequem und schräg wie seine Bücher. (Foto: Jas Lehal)

Zuerst: Kennen Sie auch die Musik von Die Ärzte oder nur die Typen?

John Niven: Ich kenne Bela, die anderen nicht. Ihre Musik habe ich kaum gehört bisher.

Hat Bela eine schöne Stimme?

John Niven: Ha, eine reizende Stimme sogar! Ich hatte keine Ahnung, dass er hier so ein großer Rockstar ist. Für gewöhnlich kommen rund 100 Leute zu meinen Lesungen. In Leipzig waren da plötzlich über 500, und ich dachte nur: „Boa, in Leipzig bin ich offenbar sehr beliebt!“ Und dann waren sie doch nur wegen Bela da.

Wie entstand denn die Zusammenarbeit?

John Niven: Mein Redakteur Markus schickte Bela damals eine sehr frühe Kopie von „Kill Your Friends“. Für das Hardcover gab er uns darauf ein fantastisches Zitat – er war einfach von Anfang an ein großer Fan des Buches.

Und warum mögen Sie seine Stimme, warum passt Sie gut zu „Kill Your Friends“ auf Lesungen und als Hörbuch?

John Niven: Ich glaube einfach, weil er das Buch so gut verstanden hat. So gut, dass er es mit der richtigen Portion Autorität lesen konnte. Es gibt da eine Szene im Buch, die besonders lusig ist, wenn er sie liest. Nämlich die, wenn Steven Stelfox mit einem deutschen Dance-Produzenten namens Rudi spricht. Wir lasen die Stelle immer gemeinsam, ich Steven, er Rudi, und er immer so: „Schteven!“

Sie waren mal A&R-Manager – hätten Sie Die Ärzte unter Vertrag genommen?

John Niven: Ich bin ein großer Punkrockfan. Musikalisch mag ich den Sound, den sie machen. Als sie begannen, hätte ich sie deshalb wahrscheinlich unter Vertrag genommen. Heute ist es für eine Band deutlich schwieriger, einen Vertrag zu bekommen. Aber ja, wahrscheinlich hätte ich.

Haben Die Ärzte noch eine Chance auf eine internationale Karriere?

John Niven: Ich weiß es nicht. Deutschland hat… wir haben U2… Ach, ich will nicht nein sagen. Es ist ja bekanntlich immer alles möglich.

Sie sind also nicht zu alt dafür?

John Niven: Als ich mit Bela abhing, kam er stets deutlich jünger rüber als er ist!

Ihr aktuelles Buch “The Second Coming” (dt. Titel: “Gott bewahre”) dreht sich im Pop, Fernsehen und Religion. Es…

John Niven: Deutschland ist das Land, in dem mein Buch den größten Erfolg hat!

Wie erklären Sie sich das?

John Niven: Ich weiß es nicht! Es läuft auch in UK, Italien und Spanien gut. Aber in Deutschland waren sie gleich alle auf die Hardback-Copies wild, seit Monaten. Ein phänomenaler Erfolg.

Es liest sich wie ein Drehbuch, das es ja ursprünglich auch war.

John Niven: Ja, die ersten 70 Seiten schrieb ich als Drehbuch und machte erst dann einen Roman daraus, weil ich nicht glaubte, dass daraus einer einen Film machen würde. Ironischerweise gibt es aber ein paar Angebote, nun doch einen Film daraus zu machen, ja. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Und ein neues Buch?

John Niven: Ja, ich beende gerade ein neues, es heißt „Cold Hands“ und soll im Oktober oder November erscheinen.

Und siehe da: Mittlerweile ist John Nivens „Cold Hands“, ein Thriller, sogar auf deutsch unter dem Titel „Das Gebot der Rache“ erhältlich.

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Auch gefragt waren: Nagel, ein Arzt, ein Fan, Florian Hayler, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Flo Hayler
25.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Flo Hayler vom Berliner Ramones-Museum (und Musikjournalist). Einer, der sich mit Punk doch auskennen müsste.

Sind Die Ärzte noch Punkrock, Flo?

Hey Ho, Let's Go: Flo Hayler, Gründer des Berliner Ramones-Museums

Flo Hayler: Sie waren Punkrocker, sind Punkrocker und werden immer Punkrocker bleiben. Wenn man einmal Punk war, verliert man das nicht mehr. Die Art, wie sie ihre Alben machen, wie sie sich geben, ihre Konzerte spielen und mit ihren Fans umgehen, das ist alles sehr nett, freundschaftlich und familiär. Punk ist das total. Weil auch dieser Community-Aspekt im Punk ganz wichtig ist.

Dennoch: Waren sie früher mehr oder weniger Punkrock als heute?

Flo Hayler: Die waren früher wahrscheinlich sogar noch weniger Punkrock, oder? Die haben doch mal gesagt, sie möchten auch eine Popband sein und das, was Anfang der Achtziger als Punk gegolten hat – dieses Politische, dieses Steife, dieses Arme-Verschränker-Punksein – aufbrechen. Sie nannten sich also bewusst provokativ Popband. Und sie heute als Rockphänomen zu beschreiben ist glaube ich passender als Popphänomen. Und auch passender als Punkphänomen, weil sie ihre Fans nicht nur aus Punkkreisen rekrutieren, sondern gesamtgesellschaftlich relevant sind.

Aber Rockstars sind sie auch.

Flo Hayler: Sie sind Rockstars, total. Sehr gut aussehende Rockstars sogar. Die sitzen dir gegenüber und du denkst: Wie damals in der Bravo!

Kann sich so eine Band überhaupt noch ausverkaufen?

Flo Hayler: Wir kennen das doch alle. Die haben jeden von uns begleitet und beeinflusst. Das ist das Tolle an den Ärzten, dass jeder eine Geschichte zu denen hat. Jeder bringt einen Lebensabschnitt mit den Ärzten in Verbindung. Von daher kannst du da so oder so nicht rangehen. Jeder ist parteiisch. Die Ärzte haben einen nie enttäuscht. Es gab nichts in ihrer Karriere, von dem man gesagt hätte, dass das jetzt wirklich kacke war.

Auch gefragt waren: John Niven, Nagel, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Mr. Dead and Mrs. Free
25.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Ina Winkels, Plattenhändlerin bei Mr. Dead and Mrs. Free in Berlin-Schöneberg, dem Plattenladen, dem auch Die Ärzte vertrauen.

Sind Die Ärzte gute Kunden?

Ina Winkels: Anderthalb Ärzte bedienen wir. Bela kommt häufiger, Rod selten, den anderen habe ich noch nie hier gesehen. Doch, einmal.

Ina Winkels, Mr. Dead And Mrs. Free

Kennt Die Ärzte auch als ihre Kunden: Ina Winkels vom berühmten Berliner Plattenladen Mr. Dead And Mrs. Free

Was heißt häufig?

Ina Winkels: Kommt darauf an, wie oft er in Berlin ist, Bela pendelt ja immer zwischen Berlin und Hamburg hin und her. Je seltener er kommt, desto mehr kauft er dann. Er neigt zum Großeinkauf. Und er bevorzugt Damen! Er kauft gerne Musik von attraktiven Frauen. Nicht etwa von krawalligen tätowierten Männern, dann doch eher von gut geschminkten tätowierten Frauen!

Zum Beispiel?

Ina Winkels: Zum Beispiel Lanie Lane, eine Australierin. Fifties-Retrolook, Ausschnitt, rote Lippen, enge Röcke.

Vinyl oder CDs?

Ina Winkels: Er kauft CDs.

Nochmal: Die Ärzte sind also gute Kunden?

Ina Winkels: Sie sind sehr gerne gesehene Kunden. Bela ist ein sehr angenehmer, einfacher Kunde, der weiß, was er will, sich aber auch gerne beraten lässt. Wir können seinen Geschmack gut einschätzen. Ein dankbarer Kunde, ein echtes Win-Win. Rod weiß immer was er will. Diese eine Platte, die ihm fehlt. Der kauft nicht so Tonnen.

Die Ärzte haben also einen guten Musikgeschmack?

Ina Winkels: Ja. Für Jan kann ich nicht sprechen, aber Bela definitiv. Der hat auch einen sehr offenen, breiten Geschmack und ist kenntnisreich, hört nicht nur Sachen die sich zum Beispiel anhören wie Die Ärzte.

Gab es denn nie einen Fehlgriff?

Ina Winkels: Eigentlich nie, nein. Er ist auch ein sehr treuer Käufer von anderen deutschen Bands, ein richtiger Unterstützer des lokalen Nachwuchses. Da fragen wir manchmal schon: “Bist Du sicher, dass Du das wirklich brauchst?” Und er sagt: “Ich weiß, dass das nicht so gut ist, aber ich muss die unterstützen!” Er oder seine Entourage müssten dort nur einmal anrufen, und die Bands würden ihm ihre CDs mit Kusshand schenken. Er legt aber Wert darauf, sie zum vollen Preis zu kaufen. Und wenn er sie dann weiterverschenkt. Dafür kauft er die Platten manchmal gleich zweimal. Er ist ja auch wie seine Band ein großer Unterstützer ihrer Supportbands. Das finde ich total sympathisch.

Ist er Euch immer treu geblieben oder geht er fremd?

Ina Winkels: Wenn er nicht in Berlin ist, kauft er sich natürlich mal eine Platte im Internet – und ist danach immer ganz aufgelöst. „Die musste ich mir jetzt schon bei Amazon kaufen, weil ich nicht warten konnte bis ich wieder in Berlin bin“. Und dann kommt er ein zweites Mal und verschenkt die dann. Damit er sie nicht nicht hier gekauft hat! Echt total nett, noch netter geht es nicht. Die Ärzte sind sehr einfach lieb zu haben.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, Nagel, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Die Wahrheit über Die Ärzte: Nagel
25.Januar 2013

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Autor und Künstler Nagel, der mit seiner ehemaligen Band Muff Potter mal im Vorprogramm von Die Ärzte spielte.

Nagel

Früher mal mit Muff Potter im Vorprogramm von Die Ärzte unterwegs, heute ohne Ärzte und mit neuer Band, die so heißt wie er: Nagel

Sind Die Ärzte gute Gastgeber?

Nagel: Sehr gute! Als wir 2008 eine Woche mit ihnen tourten fühlten wir uns sehr willkommen. Wir wurden als Vorband sogar bezahlt. Das sollte natürlich normal sind, ist es aber leider ganz und gar nicht. Farin, Bela und Rod haben uns abwechselnd angesagt, da hat einen das Publikum gleich etwas lieber. In Hannover haben mir deswegen sogar 14.000 Leute „Happy Birthday“ gesungen. Da war ich schon ein bisschen gerührt. Nach dem ersten Soundcheck kamen sogar deren Techniker und haben uns erstmal unsere Gitarren alle schön bundrein gemacht. Das war ein bisschen onkelig, aber schön onkelig. Die Großen kommen an und helfen den Kleinen.

Sind Die Ärzte ordentlich im Backstage?

Nagel: Da hat ja jeder seinen eigenen Backstageraum. Ich kann nicht sagen, was darin passiert. Aber von Farin weiß man ja, dass dort drogenmäßig totale Abstinenz herrscht. Unsere Backstageräume sahen wahrscheinlich schlimmer aus als deren.

Sind Die Ärzte Rockstars für Dich?

Nagel: Ich kenne Farin und Bela ja nun einigermaßen. Mit dem Wort Freunde muss man vorsichtig sein, aber wir sind schon recht freundschaftlich verbunden und haben auch außerhalb von Die Ärzte und Muff Potter gemeinsame Sachen gemacht. Dadurch ist es schwer, jemanden noch als Rockstar zu sehen. Aber klar: Wenn irgendwelche Musiker in Deutschland dieses Rock- oder Popstar-Ding zu recht tragen, diese Aura, die sie auch zurecht umgibt, dann sind das auf jeden Fall Die Ärzte.

Und das schließt nicht aus, dass sie auch noch eine Punkrockband sind?

Nagel: Ja, das ist doch super, dass bei den Ärzten so viel zusammen kommt. Dass sich eine gewisse Art von Glamour und Integrität nicht ausschließen, sieht man ja an der Band ganz wunderbar, das ist doch das Schöne. Integer und smart zu sein heißt nicht, für immer immer der Typ von nebenan in Jeans und Turnschuhen zu bleiben. Diese Aura von Glamour, die die Band umgibt, gehört für mich zur Popmusik dazu. Wunderbar, wie Die Ärzte dazu in ihren Songs und Kostümen immer schon gespielt haben. Wie sich inszenieren, „Ich bin ein Papapapapa-Papapapapa-Popstar“, solche Sachen. Das macht den Reiz dieser Band aus.

Sind Die Ärzte für Dich Vorbilder?

Nagel: Musikalisch: null. Gar nicht.Vorbild ist auch ein schwieriges Wort, davon möchte ich mich eigentlich fernhalten. Aber für so eine gewisse Art, wie man eine Band macht, könnten sie natürlich Role Models sein. Ich habe Die Ärzte neulich erst im Auftrag der “Intro” interviewt. Beim Pre-Listening des neuen Albums fiel mir auf, dass ich dort wirklich zum ersten Mal seit 20 Jahren eine Ärzte-Platte von vorne bis hinten gehört habe. Soviel zum Thema, wie wichtig mir die Band musikalisch ist.

Sagen Die Ärzte immer die Wahrheit? Oder stricken sie Legenden um sich?

Nagel: Ob Wahrheit oder Legende weiß ich jetzt nicht, aber sie sind natürlich die absoluten Promomaschinen. Auch mir gegenüber. Thomas Venker von der Intro bat mich, das Interview zu machen, weil ich Die Ärzte doch gut kennen würde. Könnte doch ein persönliches und intimes Interview werden, dachte er. Da habe ich schon laut gelacht und gesagt, dass er das doch nicht ernsthaft glaubt. Die Band gibt es seit 30 Jahren, die sind die absoluten Vollprofis. Ich werde ankommen, der Kumpel Nagel sein, dann werde ich das Aufnahmegerät anmachen und 45 Minuten lang der Typ von der Intro sein. Dann werde ich das Gerät ausmachen und wieder der Kumpel Nagel sein. Und genau so war’s auch. Ich finde das beeindruckend, wie man so professionell unterscheiden kann.

Und muss.

Nagel: Ja, Die Ärzte sind da ja auch gebrannte Kinder, auf eine Art, wegen Bravo und Co. damals. In diesem Kontext funktionierten die plötzlich. Da wurde es schnell sehr privat, da sind die einfach vorsichtig.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

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Ralf, Du darfst jetzt ein Mann sein
11.Oktober 2012

Nostalgie als Marketingkonzept: Warum die Neuauflage der “YPS” kaum das halten kann, was sie verspricht

Diese verdammten Urzeitkrebse. Wasser zu kalt, Wasser zu warm, Futter zu wenig, Futter zu viel. Irgendwas war immer, das dieses Gimmick nie zu mehr als einem Gimmick wachsen ließ. Die Krebse, unterm Mikroskop schwammen sie tatsächlich, einmal, vielleicht einen Tag, damals, in meinem Kinderzimmer. Sie lagen der YPS, dem damals so cleveren Magazin für Jungs und ein paar Mädchen, bevor die sich für die Bravo und sich selbst interessierten, schließlich 21-mal in kleinen Tütchen bei, irgendwann musste das ja funktionieren. Und wenn nicht, dann züchtete ich eben Ostereierbäume, schlug das Abenteuer-Zelt, weil es nicht mehr als eine bedruckter Plastikschlauch war, neben meinem Bett auf, wies mich als YPS-Agent aus (siehe Foto) und testete all die anderen Gimmicks, die der YPS Woche für Woche so beilagen und das Heft zur Micky Maus meiner Generation machten. Bei Licht betrachtet waren die Gimmicks natürlich nichts als gut verpackter “Knoff Hoff”-Schrott, aber darum ging es nicht: Einmal schickte ich sogar ein Foto an die Redaktion, auf dem ich stolz vor meinen gesammelten Ausgaben posiere. Abgedruckt wurde das nie, die anderen Kinder waren mir schon in der Menge ihrer Hefte einfach voraus. Warum ich all das erzähle? Weil von heute an die YPS wieder am Kiosk liegt, und ich, glaubt man dem Verlag und meiner Kinderzeit, auch heute noch beziehungsweise wieder genau der Zielgruppe entspreche.

YPS-Agentenausweis

Eat this, Jack Bauer: Mein YPS-Agentenausweis, Ausstellungsjahr unbekannt

“Das Magazin richtet sich an die Kinder von früher, die heute 30- bis 45-jährigen”, verkündete der Verlag Egmont Ehapa gestern und bereits im April dieses Jahres, als der Remake-Plan öffentlich wurde. Beide Male stellte sich neben viel reflexartiger Euphorie besonders im Internet (als überholtes Synonym für Blogs, Twitter, Facebook) sofort der Reflex ein, das kommende Produkt schon jetzt scheiße finden zu müssen*. Wegen der Zielgruppenansage, wegen der Macher, wegen der bloßen Tatsache, sich an diesen grünkarierten Gral der Kindercomics zu wagen. Und schon das neue Cover scheint die Kritiker nun zu bestätigen: Themen wie “Jetzt noch Spion werden”, “Dinosaurier finden” und “12 Zaubertricks für die nächste langweilige Party” wären ohne das Zusatz-Motto “Eigentlich sind wir doch schon erwachsen!” ganz schön nah dran am Original – wodurch sich die Frage aufdrängt: Warum nicht gleich ein YPS für die tatsächlichen Kinder von heute machen? Aus Angst vor zuviel Konkurrenz durch verlagsinterne und -externe Gimmickblättchen wie Spongebob, Pokémon, Wendy und so weiter? Weil Nostalgie als stärkstes Kaufargument im Businessplan steht? Weil der Werbemarkt und potentielle Umsätze zu klein sind, da Kinder nicht viel Geld haben (nur deren Eltern)? Andererseits steht wohl auch fest: Hätten Egmont Ehapa und ihr ehemaliger FHM-Chefredakteur Christian Kallenberg die damalige zwischen den Zeilen als solche verstandene Drohung wahrgemacht und aus der YPS ein ähnlich Klischee-beladenes Anzeigen-Männermagazin gemacht, wie sie es vor rund einem Jahr mit “Donald” versuchten, dann wäre das Geschrei der Ablehnung garantiert noch größer geworden. Na, immerhin bestand nie die Gefahr, nach Condé Nast-Vorbild (die erste deutschsprachige WIRED lag Anfang des Jahres der GQ bei) die YPS gleich zur FHM zu packen – Egmont Ehapa stieß die deutsche Lizenz daran schon 2010 ab.

YPS

Ganz in schwarz: Das neue YPS-Cover, mit dem die Kinder von damals wiedergewonnen werden sollen

Die Überraschungen auf den 100 Seiten hinter dem YPS-Titelblatt, das dank seiner wirren Typographie, seiner fehlenden Linie und dem pechschwarzen Hintergrund auf jeden Fall ein Hingucker am Kiosk ist, halten sich im Guten wie im Schlechten in Grenzen. Das Inhaltsverzeichnis provoziert ein Flashback, es ist so hässlich gelayoutet wie damals – und kommt deswegen angenehm unaufgeregt daher. Auf der letzten Seite stehen maue Kinderwitze aus alten Ausgaben. Dazwischen: Promis, Alt-Leser und -Redakteure erinnern sich. Die Preisung achso neuer Gimmicks, die “leider nicht dem Heft beiliegen können”, zum Beispiel USB-Tassenwärmer, Pizzasägen und selbstumrührende Becher (!). Früher/Heute-Vergleiche anderer Produkte (Fahrräder, Schuhe, Kettcars, Cola-Dosen). Porträts und Interviews von und mit Comiczeichner Heinz Körner, Abenteurer Rüdiger Nehberg, Komiker Maddin Schneider und Achtziger-Schwimmstar Michael Groß. Die Geschichte der Videospiele (Konsole vs. Computer). YPS-Spionagetools in echten Geheimdiensten, Papas Autos. Die alten Bekannten YPS, Kaspar, Patsch und Willy, Yinni und Yan und ein paar neue Comics. Und noch ein bisschen mehr. Die größeren Themen könnten teilweise keine so schlechten Magazinthemen sein, wenn sie nur nicht in ein derart lauwarmes Umfeld eines Heftes gebettet wären, das seine Leser weder als Kinder noch als Erwachsene ernst nimmt, sondern wegen seines naiven Duktus als, pardon, irgendwie zurückgeblieben. Man merkt an den besten Stellen, dass bei der neuen YPS Journalisten arbeiten, die aus Konzeptgründen kaum welche sein dürfen. Und die Werbekunden? Mercedes-Benz, Sony, RTL, DMAX, Sport1 und eine Modestrecke mit Produktempfehlungen, mehr nicht. Zumindest nicht auf den ersten und zweiten Blick.

Zielgruppen sind in der Regel bloß Erfindungen von Marktforschungsinstituten und Anzeigenabteilungen. So auch hier: Die YPS-Leser von damals lesen heute bestenfalls die WIRED, schlimmstenfalls gar nichts. Sie erinnern sich gerne an früher (siehe oben), und sie wollen bestimmt auch einen Blick in die Neuauflage ihres alten Lieblingshefts werfen. Schnell werden sie aber sehen, dass außer alter Lizenz und entsprechender CI, um Werbesprech zu bemühen, viel nicht geblieben ist, weil die Erinnerung allein eben doch kein neues Heft trägt. Nicht jedes Comeback muss forciert werden, das dürfen sich Hollywood und eben die Verlage auch gerne mal genauer überlegen, obgleich sie das natürlich tun: Wenn die YPS von ihren 120.000 Exemplaren auch bloß die Hälfte für je 5,90 Euro verkauft, dürften dank fleißiger Anzeigen- und PR-Abteilung die Personal-, Bild- und Produktionskosten wahrscheinlich wieder drin sein (oder so, für die Milchmädchen-Rechnung gibt’s bestimmt auf den Deckel). Und Verlag und Vertrieb haben bis zur nächsten Ausgabe, die für März 2013 angekündigt ist, genug Zeit, noch ein paar mehr Werbekunden davon zu überzeugen, was für ein Erfolg diese Neuauflage der YPS doch ist und bleiben wird. Gerade bei dieser ach so gebildeten, einflussreichen und gut verdienenden Zielgruppe (nennt mir eine Anzeigenabteilung, die anderes über ihre Leser behauptet), die heute so alt ist wie Ralf, der Urzeitkrebs, aus der zugegeben ziemlich guten Fernsehwerbung zur neuen YPS:

(Geschenkt, dass das gelogen ist, denn dass die Urzeitkrebse nie erwachsen wurden, weiß jeder, der sie einmal züchten wollte – siehe oben)

Was kommt als nächstes? Die Bravo für die heute über 18-Jährigen? Ach nein, die gibt es ja schon. Sie heißt noch immer FHM.

P.S.: Es gab vor sieben Jahren schon einmal drei neue Ausgaben der YPS. Die erste hatte aber schon damals wegen ihrer lieblosen Mickrigkeit und ihren Druck- und Rechtschreibfehlern nicht mehr als ein müdes Durchblättern am Kiosk verdient.

*Nilz Bokelberg und René Walter zum Beispiel haben sich die neue YPS nun noch genauer angesehen.

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Hauptsache Berlin
9.Oktober 2012

Öl ins Feuer aller soge- und selbsternannten Gentrifizierungsgegner: Folgende Nachricht aus Brasilien erreichte mich letzte Woche Dienstag (!) via Facebook.

Hi Fabian! How are you doing?

I am XXXX’s friend. She gave me your contact.

I have going to Berlin on thursday and I am looking for a place to stay until I can find a room to rent. By any chance is it possible to stay with you for a few days? Maybe until monday?

I don’t know if XX told me why I am going to Berlin but the main reason is to study cinematography and try to find a job as a director of photography (Film movies, commercials and TV Series). Do know anyone in this working field in Berlin that I could contact? Do you know as well someone the might need a room mate?

Thanks a lot for your attention!

(Namens-Auskreuzungen und Hervorhebung von mir)

Ihre Vorurteile über Berlin-Touristen und -Zugezogene setzen Sie bitte hier ein: _________________

***

Update 1:
Höflich wie ich bin, habe ich dem Absender, Y., einen Kontakt für eine mögliche Zwischenmiete gegeben. Seine Antwort:

“(…) I am waiting for my EU citizen to come out. If it works it can stay for a long term. Otherwise I will be back home in maybe 3 months or so.”

Update 2:
Die potentielle Zwischenvermieterin hat Kontakt mit Y. aufgenommen. Seine Antwort:

“(…) Is it EUR 500 for the whole 55 days? If yes, sounds good. I am interested. I would like to meet your friend and take a look at the apartment if it is possible.

Danke!”

Und sie:

“Dear Y,

No, I’m afraid that’s the monthly rent. Welcome to gentrified Neukölln…”

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Listenwahn 2011: Die Alben des Jahres
28.Mai 2012

Was ich zumindest mir nach den Filmen und Serien und nunmehr fünf Monaten des laufenden Jahres noch schuldig war: Meine Lieblingsplatten 2011. Lalala.

1. Bon Iver – “Bon Iver”

Vier Jahre lang hatten sie und du und ich und wir alle auf den Nachfolger von “For Emma, Forever Ago”, dem nahbarsten Songwriterdebüt der letzten zehn Jahre, in dem es laut Justin Vernon selbst mitnichten um Trennung gegangen sei, warten müssen. Und dann wurden “Bon Iver” und sein Schöpfer endgültig zu dem, was sie vorher schon waren: ein Album und ein Mann, auf das und den sich mit Ansage Fans, Kritik und Feuilleton einigten. Vernon trug wohl nur zufälligerweise auch einen Bart, solche Männer waren 2011 ja ohnehin beliebt. Mein Lieblingssong, vielleicht sogar des Jahres: “Perth”. Pathetisch, prätentiös und großartig.

2. Ja, Panik – “DMD KIU LIDT”

Die Dandys der deutschsprachigen Pop-Boheme. Andreas Spechtl singt frei nach Falco in breitestem Flaneurs-Denglisch mit österreichischem Dialekt, Ja, Panik zitieren dabei Roxy Music, Mick Jagger, Pete Doherty und all das, was man gemeinhin mal Hamburger Schule nannte – und gehören seit ihrem Umzug nach Berlin, der Freundschaft zu ihrem Label Staatsakt und Musikern wie Christiane Rösinger und Die Türen sowie ihrem 15-minütigem Titelsong DMD KIU LIDT (Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit), ein Manifest wider der Gleichgültigkeit, endgültig zur Speerspitze intelligenter Diskurs-Musik. Zweitbester Song des Jahres: “Nevermind”.

3. Foo Fighters – “Wasting Light”

ROCK. Weiße Limousinen und Lemmy Kilmister. Pat Smear. “Wasting Light” ist tatsächlich das beste Album der Foo Fighters seit ihrem ’97er-Meilenstein “The Colour And The Shape”. Das liegt natürlich auch an selbst für Grohl’sche Verhältnisse allzu gefälligen Corporate Rock-Alben wie “Echoes, Silence, Patience, Grace”, aber zuerst an der wiedergefundenen Brachialität, Rohheit, Härte, dem Spaß an der Destruktion und entsprechend lauten Songs wie “Bridge Is Burning” auf der einen, und Foo Fighters-Ohrwürmern mit Knaller-Hooklines wie “Walk” auf der anderen Seite. Und dann ist dieser Dave Grohl auch immer noch so ein arschcooler Typ.

4. K.I.Z. – “Urlaub fürs Gehirn”

Rapmusik und Millieustudie mit dreifachem Boden: Ja, K.I.Z. singen auf semantischer Ebene über und gegen Schwule, Arbeitslose, Frauen und dem Stammtisch nach dem Mund. Ja, das klingt so knallhart, weil die Satire dahinter – K.I.Z. sind übrigens Mitglied in Martin Sonneborns “Die Partei” – wie jede gute Satire nicht als Satire erklärt wird. Und oh nein: die Kids auf den Konzerten hängen K.I.Z. selbst bei Hitler-Shoutouts und Schlager- und Volksmusikanleihen im Popkorsett derart an den Lippen, dass man selbst staunend und verängstigt dasteht. Vielleicht ist dieses Publikum besonders dumm, vielleicht besonders schlau. Vielleicht hat sich die Verwendung von Wörtern und Vergleichen in bestimmten Altersklassen auch schlichtweg so weit weg von ihrem Ursprung bewegt, dass man beides nicht behaupten kann. Nur am Stammtisch kann man noch viel behaupten.

5. Death Cab For Cutie – “Codes And Keys”

Kein einziger Hit, kein “Transatlanticism”, nicht mal Teeniepop, aber ein schleichendes Album einer prinzipiell ewigen Lieblingsband, das man hunderte Male durchhören kann, an keiner Stelle weiß, welchen Song man da gerade hört und das auch gar nicht wissen will, weil “Codes And Keys” an jeder Stelle und immer wieder homogen, erhaben und durchdacht erscheint. Repeat.

6. Jupiter Jones – “Jupiter Jones”

Majordebüt einer Band, die mich lange begleitete und die schon auf ihren drei in Eigenregie gestemmten Alben davor durch Punkrock im Geiste und einem Gespür für Popsongwriting in den Melodien und Texten auffiel. Der sensationelle Erfolg nach zehn Jahren Ackerei ist dank der Radioballade “Still” nun also nur konsequent und von Herzen vergönnt – und gleichzeitig schade, weil die krachenden Emopunkrocknummern der ersten Stunden (“Endorphinbatterie”, irgendwer?) entweder ganz untergehen oder so glattpoliert wiederveröffentlicht werden, wie es der neuen Plattenfirma in die Strategie zu passen scheint. Zumindest denen und der neuen Käuferschaft dürfte es gefallen, dass Jupiter Jones in Musik und Vermarktung (Bundesvisionsongcontest, Bravo-Hits, “Nordpol/Südpol”-Neuaufnahme) heute tatsächlich näher an Revolverheld als an Muff Potter dran sind. Solange das Herz noch am rechten Fleck sitzt.

7. Young Legionnaire – “Crisis Works”

Mit ihrem energetischem Postcore-Sound zwischen Cave-In und Placebo hätten Young Legionnaire vor zehn Jahren ein richtig großes Ding werden können. Heute erinnern die Mitglieder von Bloc Party, The Automatic und yourcodenameis:milo damit immerhin noch an die stürmische alte Zeit und sorgen für eine Dreiviertelstunde Bock und Teenage Angst.

8. Rise Against – “Endgame”

Vor ein paar Jahren noch behauptete ich stets, dass ein neues Album der Punkrock-Aktivisten Rise Against immer nur ein Problem hätte: das Album davor. Das kann man bei “Endgame” nicht mehr behaupten, der Vorgänger “Appeal To Reason” machte es sich beinahe bequem darin, unbequem sein zu wollen. Auf ihrem sechsten Album nun, das in Melodie und thematisierten Ungerechtigkeiten eingängig wie eh und je daherkommt, versetzt sich Frontmann Tim McIlrath in die auf Hilfe wartenden Opfer des Hurricanes Katrina (“Help Is On The Way”), spricht wegen Mobbings suizidgefährdeten Schülern Mut zu (“Make It Stop”) und landet damit unglaublicherweise sogar auf Platz 1 der deutschen Charts. Was Rückgrat, Durchhaltevermögen, gute Songs und eine loyale Fanbase alles bewirken können.

9. Dan Mangan – “Oh Fortune”

Ein Album, das dauert. Auch, weil sein Vorgänger “Nice, Nice, Very Nice” mit dem Song “Robots” etwa mit ein paar der schönsten Live-Singalongs aufwartete, die die jüngere Indiefolkgeschichte zu bieten hatte. Der kanadische Songwriter schreibt, singt und spielt enthusiastische kleine Schätzchen für sich und an die Welt da draußen, man muss sie nur entdecken (und entdecken wollen). Wie eben auch dieses tragikomische Album “Oh Fortune”: Wenn es einmal da ist, will man es nicht wieder gehen lassen.

10. Blink 182 – “Neighborhoods”

Adolescent Angst! Spaß! Autofahren! Natürlich ist “Neighborhoods”, Blink 182′s erstes gemeinsames Album seit acht Jahren, weder die Neuerfindung dieser Band noch von irgendwas. Aber es wartet auch längst nicht mehr mit dem spätpubertierenden Fäkalgehabe auf, das Blink 182 zu “American Pie”-Zeiten einst berühmt gemacht hatte. Sondern mit Hooklines und Hits von drei versierten Kerlchen, die mittlerweile selbst jenseits der 30 und ein bisschen erwachsener geworden sind – für Menschen wie mich, die Blink 182 trotz aller Anstrengung immer schon irgendwie auch cool fanden.

Auch gut gewesen: Bombay Bicycle Club, Chuckamuck, Samiam, James Blake, Waters, Feist, James Vincent McMorrow, Wilco, Bright Eyes, Thees Uhlmann, Ghost Of Tom Joad, City And Colour, Peter Licht, Mayer Hawthorne, We Are The Ocean, Frank Turner, Erdmöbel, Jay-Z & Kanye West, Living With Lions, The Head & The Heart u.v.m.

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Carbon Copies
28.März 2012

Zwei E-Mails aus meinem heutigen Posteingang:

Screenshot

Betreff: Pressemitteilung – Launch der Crowd-Founding-Plattform “___”

Sehr geehrter Damen und Herren,

___ ist der einfachste Weg, ein eigenes Projekt über das Internet zu finanzieren. Dafür kooperiert ___ bereits zum Start mit über 700 verschiedenen Online-Shops, u.a. mit ___, ___, und ___. Werden die Einkäufe über die ___-Website oder das Browser-Add-on getätigt, fließt vom Shopbetreiber ein Bonus in das ausgewählte Projekt. Die Höhe des Bonus variiert von Shop zu Shop. Der Einkauf wird dadurch allerdings nicht teurer. Man muss nichts zahlen oder spenden, sondern das Geld sammeln funktioniert ganz einfach nebenbei, wenn man einen Online-Einkauf tätigt.

Die weiteren Informationen entnehmen Sie bitte der beiliegenden Pressemitteilung.

Für Fragen stehe ich Ihnen gerne jederzeit zur Verfügung.

Herzlichen Gruß,

Christian ___
-Geschäftsführer-

Re: Pressemitteilung – Launch der Crowd-Founding-Plattform “___”

Sehr geehrter Herr ___,

ich schlage als erstes Projekt das Thema “Wie bediene ich meine Email-Software unter besonderer Berücksichtigung des Datenschutzes von

349 Email-Adressinhabern” vor.

Nichts für ungut,

Manuela

(Leerstellen und Schwärzungen von mir)

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