Listenwahn: Die Alben des Jahres 2015
18.April 2016
2015 war mal wieder ihr Jahr: Deichkind. (Foto: PR / Jonas Lindström)

2015 war mal wieder ihr Jahr: Deichkind. (Foto: PR / Jonas Lindström)

Noch einmal kurz und schmerzlos und Monate zu spät: Wie schon 2014, hier meine 20 Lieblingsalben des Jahres 2015, wie ich sie für die Redaktions-Wahl der „50 besten Platten des Jahres 2015“ beim Musikexpress einreichte. Damit hier mal wieder was los ist. Unnötig zu sagen, dass auch diese Liste schon einen Tag nach Abgabe völlig veraltet war.

1. Deichkind – NIVEAU WESHALB WARUM

2. Sufjan Stevens – CARRIE & LOWELL

3. Villagers – DARLING ARITHMETIC

4. Bilderbuch – SCHICK SCHOCK

5. Low – ONES & SIXES

6. Jamie xx – IN COLOUR

7. Wanda – BUSSI

8. Hot Chip – WHY MAKE SENSE?

9. Faith No More – SOL INVICTUS

10. Locas In Love – USE YOUR ILLUSION 3 & 4

11. Wilco – STAR WARS

12. Beirut – NO NO NO

13. Blur – THE MAGIC WHIP

14. Deafheaven – NEW BERMUDA

15. Noel Gallagher’s High Flying Birds – CHASING YESTERDAY

16. Florence & The Machine – HOW BIG, HOW BLUE, HOW BEAUTIFUL

17. Jamie Woon – MAKING TIME

18. Brandon Flowers – THE DESIRED EFFECT

19. Desaparecidos – PAYOLA

20. The Libertines – ANTHEM FOR DOOMED YOUTH

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Listenwahn: Die 15 Serien des Jahres 2015
15.April 2016

An dieser Stelle bleibt mir nichts anderes übrig, als den Einstieg meines letzten, über ein Jahr zurückliegenden Blogpost zu zitieren: Wer anhand der an einem Finger abzählbaren Blogposts hier vermutet, der Betreiber dieser Seite hätte das komplette letzte Jahr auf der faulen Haut gelegen, der täuscht gewaltig: Nicht nur habe ich den Blogschwerpunkt aus Nachwuchsgründen nach nebenan auf „New Kid And The Blog“ verlegt – ich habe auch, wenn schon sonst nichts, ziemlich viele Serien geschaut. Das strengt an – auf der Couch sitzen, Stream oder DVD anschmeißen, Cola trinken, Ihr kennt das“, entschuldigte ich mich damals. Und aus dem wieder gleichen Grund sowie aus technischen Problemen komme ich auch erst jetzt, im April 2016, dazu, mir eine Stunde Zeit zu nehmen für eine Auflistung meiner Lieblingsserien 2015.

Die selbstauferlegten Regeln sind die gleichen wie im vergangenen Jahr: Genannt wird, was im Jahr 2015 gesehen und für mindestens halbwegs gut befunden wurde. Unabhängig vom Produktions- und Erstausstrahlungsdatum.

Bis heute sitzt Steven Avery im Gefängnis. Vermutlich wieder für eine Tat, die er nicht begangen hat. (Foto: Netflix)

Bis heute sitzt Steven Avery im Gefängnis. Vermutlich wieder für eine Tat, die er nicht begangen hat. (Foto: Netflix)

  1. „Making A Murderer“

Zehnteilige Netflix-Doku über den unglaublichen Fall des Steven Avery, der 18 Jahre lang unschuldig im Gefängnis saß und zwei Jahre nach seiner Freilassung wieder festgenommen wird – erneut für ein Verbrechen, das er wahrscheinlich nicht begangen hat. Gab bisher keine Serie, die mich nachhaltiger beschäftigte – vor allem deshalb, weil die Wendungen seit der Ausstrahlung kein Ende nehmen und Averys neue Anwältin angeblich bald Beweise dafür auf den Tisch legt, dass Avery wirklich die Schuld in die Schuhe geschoben wurde.

  1. „Better Call Saul“, Staffel 1

„Breaking Bad“-Spin-off, das die Vorgeschichte des schmierigen Anwalts Saul Goodman erzählt. Bevor er Walter White kennenlernte, hieß Goodman noch Jimmy McGill und haderte mit sich selbst, ob seine Karriere einen sauberen oder schmutzigen Weg einschlagen würde. Die Entscheidung kennen wir, aber der Weg dahin ist ein so tragischer wie lustiger. Ausführlicher zusammengefasst habe ich die Geschehnisse der 1. Staffel für den Musikexpress.

  1. „Game Of Thrones“, Staffel 5

Die fünfte Staffel „Game Of Thrones“ war die erste, bei der ich die Handlung nachvollziehen konnte, ohne meine Frau mindestens einmal pro Folge zu fragen, wer da zwischen Westeros und Essos doch gleich warum gegen wen kämpft. Das große Hauptdarstellersterben ziehen sie weiter durch, die üblen Spoiler auch.

  1. „Narcos“

Die wahre Geschichte von Pablo Escobar. Gerade für Geschichtsbanausen wie mich unvorstellbar, dass all die Korruption, der Drogenschmuggel und der Machtmissbrauch keine Ausgeburten spinnerter Drehbuchautoren sind, sondern im Kolumbien der 70er und 80er und darüberhinaus bittere Realität waren.

  1. „Bloodline“, Staffel 1

Die Familie Rayburn lebt ein scheinbar gutes Leben in Florida Keys. Die Mutter schmeißt ein Hotel, drei ihrer Kinder verfolgen ihre eigenen Karrieren und helfen sich gegenseitig. Bis plötzlich der abtrünnige Bruder Danny auftaucht und die verdrängte Vergangenheit der Familie wieder hervorholt. Eine Tragödie riss sie einst subtil auseinander. Neue Tragödien scheinen plötzlich unvermeidbar.

  1. „House Of Cards“, Staffel 3

Pussy Riot, Edward Snowden, Wladimir Putin: In Staffel 3 haben es die „House Of Cards“-Macher etwas zu gut mit dem Realitätsbezug der Politserie gemeint. Deshalb leider die bis dahin schwächste Staffel. Frank Underwoods rücksichtsloser Pragmatismus, wie immer blendend dargestellt von Kevin Spacey, bleibt dennoch gleichermaßen sehens-, verachtens- und bewundernswert.

  1. „Elementary“, Staffel 1-3

Wie gut und geistesgegenwärtig Jonny Lee Miller als Sherlock Holmes in der US-Version der weltbekannten Detektivgeschichten ist! Wie kreativ und scharfsinnig die Fälle sind! Wie schade nur, dass bei all der Schmissigkeit die umfassendere Story – trotz sehr gekonnter Moriaty-Version – leiden musste, wegen der man auch nach drei jeweils sehr lange Staffeln noch am Ball bleiben will oder eben gerade nicht.

  1. „Unbreakable Kimmy Schmidt“, Staffel 1

Der Preis für die wohl durchgeknalltesten ersten 20 Minuten einer Serie aller Zeiten geht an „Unbreakable Kimmy Schmidt“. Der Preis für die wohl anstrengendsten weiteren Folgen leider auch. Die Komödie lebt von ihren absurden Charakteren und Dialogen, hinter denen Newcomer und gestandene US-Comedians stehen. Zum Glück dauert eine Episode nur 20 Minuten, das verkraften die Synapsen so gerade noch.

  1. „Ray Donovan“, Staffel 3

In der dritten Staffel „Ray Donovan“ reitet der namensgebende Protagonist sich und seine Familie noch tiefer in die moralische Scheiße als bisher. Räumte der stets mimikarme und wortkarge Donovan (Liev Schreiber) zuletzt noch den kriminellen Dreck diverser Hollywood-Größen weg, zwingt ihn ein Medienmogul nun zu einer Art Festanstellung. Schlimmer als er selbst ist nur sein Vater, Ex-Knacki Micky (Jon Voight). Ein echter Opportunist, der angeblich nur den Boxclub seiner Söhne zusammenhalten und ein paar Mark nebenbei machen will.

  1. „Bates Motel“, Staffel 3

Eigentlich ist die dritte Staffel der Serienadaption des „Bates Motel“ ziemlich verzichtbar: Normans Mutter Norma weiß nun endgültig von der psychischen Störung ihres Sohnes und deckt ihn bis aufs Blut. Nach dem packenden Hin und Her der ersten beiden Staffeln ist Norman von jetzt an offiziell böse, denn er weiß es auch. Der Fokus der Staffel verschiebt sich entsprechend auf den Rest der kaputten Familie, nämlich auf Normans Bruder Dylan und ihren Onkel Caleb, der gleichzeitig Normans Vater ist.

  1. „The Leftovers“, Staffel 2

Die zweite Staffel „The Leftovers“ beweist einmal mehr die Vorliebe von „Lost“-Machern für Mystery-Geschichten über Leben, Tod und Parallelwelten: Während in der 1. Staffel der u.a. von Damon Lindelof produzierten Serie Menschen in der fiktiven Kleinstadt Mapleton plötzlich verschwanden und sich deren Hinterbliebene mit ihrem Verlust arrangieren mussten, versucht die Familie des Hauptcharakters Kevin Garvey Jr. (Justin Theroux) einen Neuanfang in Miracle, Texas – der einzigen Stadt, in der bisher kein Mensch verschwand. Klar, dass ihn die Vergangenheit und seine eigenen psychischen Probleme trotzdem einholen. Ein sehr düsteres Drama voller Bibelverweise und Glaubensfragen, das zum Glück eine dritte und finale Staffel erhalten soll.

  1. „The Returned“

Nach Tod kommt Wiederauferstehung: Von Carlton Cuse („Lost“) produziertes US-Remake einer französischen Mystery-Serie, in der in einer us-amerikanischen Kleinstadt plötzlich Menschen wiederkehren, die jahrelang verschwunden oder eigentlich wirklich tot waren. Der Cast besteht aus alten Serienbekannten wie Jeremy Sisto („Six Feet Under“), Michelle Forbes („24“, „True Blood“) und Mark Pellegrino („Lost“). Es geschehen wohl konsumierbare menschliche Dramen, die offenbar nicht genug Anklang fanden: Eine zweite Staffel wurde nie in Auftrag gegeben.

  1. „The Killing“, Staffel 2

Rosie Larsson ist immer noch tot, ihr Mörder noch immer nicht gefunden. Wie Jahre zuvor „The Wire“ erzählt „The Killing“ – ein US-Remake der dänischen Serie „Komissarin Lund“ – nahezu quälend lang von einem einzigen Fall, in den auch Polizei und ranghohe Politiker verwickelt sind. Man muss schon arg viel Puste und Langeweile haben, um nach erfolgreicher Auflösung des Mordfalls zum Ende der 2. Staffel noch die dritte gucken zu wollen, in der es um einen neuen Fall geht.

  1. „Orange Is The New Black“, Staffel 3

Auch die dritte Staffel der Frauenknast-Serie kann sich nicht entscheiden, ob sie Drama, Komödie, beides oder gar nichts davon sein will. Ein bisschen wie die gesichtslose Piper Chapman: Zu ihrer Ex Alex Voss fühlt sie sich trotz allen Verrats wieder hingezogen. Den Rest habe ich fast vergessen, andere Handlungsstränge waren Schwängerung von Insassinnen durch Wärter, Schlägereien und Entlassungen.

  1. „True Detective“, Staffel 2

Erwähne ich hier eigentlich nur wegen der bis auf ihr Ende hervorragenden ersten Staffel. Statt Woody Harrelson und Matthew McConaughey auf Serienmörder-Jagd im sumpfigen Süden der USA sehen wir nun aber Rachel McAdams und Colin Farrell sowie Vince Vaughn in einem ungleich langweiligeren Fall, in dem es um eine Bahnstrecke durch Kalifornien, den Mord an einem Politiker und Korruption auf allen Ebenen geht. Schade und nur stellenweise spannend, dieser Abfall.

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Listenwahn: Die 15 Serien des Jahres 2014
19.Januar 2015

Von „Bates Motel“ bis „Ray Donovan“ – 15 Serien des Fernsehjahres 2014.

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Listenwahn: Die Alben des Jahres 2014
15.Dezember 2014

Ja, Panik - LibertatiaKurz und schmerzlos: meine 20 Lieblingsalben des Jahres 2014, wie ich sie für die Redaktions-Wahl der „50 besten Alben des Jahres 2014″ beim Musikexpress einreichte. Unnötig zu sagen, dass diese Liste schon einen Tag nach Abgabe völlig veraltet war. Ob von The War On Drugs, Felice Brothers oder Matthew Ryan – 2014 erschienen schon noch ein paar mehr sehr gute Alben, die ich schlichtweg zu spät hörte. Oder gar nicht.

1. Ja, Panik – „Libertatia“
2. Wanda – „Amore“
3. FKA twigs – „LP1″
4. Element Of Crime – „Lieblingsfarben und Tiere“
5. Damien Rice – „My Favourite Faded Fantasy“
6. Caribou – „Our Love“
7. Bonnie ‚Prince‘ Billy – „Singer’s Grave – A Sea Of Tongues“
8. Banks – „Goddess“
9. Jessie Ware – „Tough Love“
10. Rise Against – „The Black Market“
11. Afghan Whigs – „Do To The Beast“
12. Kate Tempest – „Everybody Down“
13. The Notwist – „Close To The Glass“
14. Morrissey -„World Peace Is None Of Your Business“
15. How To Dress Well – „What Is This Heart?“
16. Thom Yorke – „Tomorrows Modern Boxes“
17. Jungle – „Jungle“
18. SOHN – „Tremors“
19. Beatsteaks – „Beatsteaks“
20. Der Nino aus Wien – „Bäume/Träume“


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Soviel Hass: Wenn Fans von Fler, den Böhsen Onkelz und U2 schreiben
24.November 2014

Ob U2, Fler, Die Böhsen Onkelz oder die „Let’s Play“-Gemeinde: Wie sogenannte Trolle Fallbeispiele liefern, um das Für und Wider digitaler Kommentarspalten zu diskutieren.

Haben nicht ausschließlich entspannte Fans: Die Böhsen Onkelz in ihrem Comebackjahr 2014. (Foto: PR)

Haben nicht ausschließlich entspannte Fans: Die Böhsen Onkelz in ihrem Comebackjahr 2014. (Foto: PR)

Trolle und Gepöbel im World Wide Web sind so alt wie das Internet selbst. Um deren Auswüchse weiß man ausführlich nach der Lektüre des Texts „Die dunklen Seiten: Zu Besuch bei Trollen, Hetzern und Forennazis“ von Jamie Bartlett, Nikolaus Röttger und Anja Rützel in der aktuellen Ausgabe der deutschen „Wired“. Die Fratze dieses Phänomens zeigt sich gegenwärtig aber auch im Popjournalismus. Was vor ein paar Tagen auf Welt Online abging, entpuppte sich als eine Hetzjagd, deren naheliegenden Vergleich ich hier lieber nicht äußere. Journalist Frédéric Schwilden hat dort unter dem Titel „Gangsta-Rap schützt nicht vor Altersarmut“ eine Glosse zur Veröffentlichung gebracht, die sich, der satirischen Form nach naturgemäß ironisch, mit dem Rapper Fler und der deutschen Rapszene beschäftigt. Anlass für Schwilden und die Redaktion von Welt.de war die Tatsache, dass Fler „anstelle eines neuen Albums sein polizeiliches Führungszeugnis“ veröffentlicht hat, und das aus den verdonnerten Tagessätzen errrechnete monatliche Einkommen von Fler ist offenbar nicht so hoch, wie man es sich als Gangstagröße mutmaßlich wünschen würde.

In der Kommentarspalte und via Twitter drohen Schwilden nicht nur Fans, sondern sogar Fler selbst vollkommen humorbefreit mit Gewalt, wenn besagte Glosse nicht wieder verschwinde. Einige User haben bereits die Adresse des Autors ausfindig gemacht und, schlimmer noch, Fotos seiner Haustür im Netz gepostet. Schwilden selbst hat die Geschehnisse selbst dokumentiert, Welt Online geht zum Glück in die Gegenoffensive. Und Szeneexperte Marcus Staiger hat den Vorfall auf ZEIT Online kommentiert.

Trolle im Internet (Symbolbild).

Trolle im Internet (Symbolbild).

Mit digitalen Pöbeleien und Hasstiraden, um nicht Shitstorm zu sagen, habe ich selbst vor ein paar Monaten einschlägige Erfahrungen machen dürfen müssen. Auf der Homepage des Musikexpress, für die ich als Redakteur arbeite, erschien im Februar dieses Jahres ein Text mit der Überschrift „Danke für Nichts – Die Wahrheit über Die Böhsen Onkelz“. Der Text war von mir und natürlich als Polemik verfasst, eine derart polarisierende Band als öffentliche Person sowie ihre Fans sollten sowas aushalten (wenn schon nicht drüber lachen) können. Die erwartbaren Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Neben im- sowie expliziten Gewaltandrohungen war da von „Herrenmensch“, „Klassismus“ und „Schmierfink“ die Rede, von „Milchbubi-Warmduscher-Weichei“, „intolerantem linksfaschistoiden geschmiere“ und „dumm, dümmer, Fabian Soethof“, dem „dümmsten Autoren, den es gibt“. Per Mail oder Facebook-Nachricht drohte man mir indirekt mit dem Hinweis, man wisse ja, wo ich arbeite; ein Onkelz-Fan bot mir hingegen gar ein Ticket für ihr Comeback-Konzert am Hockenheimring an, damit ich mir mal selbst ein Bild machen könne. Ich verzichte darauf, die diversen Anschuldigungen hier zu versammeln, so wie auch hier keine Rechtfertigung oder Erklärung folgt. Weitere, teilweise sogar differenzierte Reaktionen sind öffentlich in der Kommentarspalte oder in diversen Onkelz-Fanforen nachzulesen – passiert ist aber, zum Glück, weiter nichts.

Die Reaktionen der Fans von Fler und den Böhsen Onkelz sind nur zwei Beispiele von vielen, um das Für und Wider digitaler Kommentarspalten zu diskutieren. Allgegenwärtig ist das Thema seit Jahren allemal: Der Journalist und Autor Sebastian Leber etwa dokumentierte im „Tagesspiegel“ vor ein paar Monaten seinen ersten Shitstorm, Comedian Oliver Polak wurde nach einem Facebook-Posting über ein Tierbordell mit Hunde aus Polen unter anderem mit Kastration gedroht. Die FAZ porträtierte den Troll Uwe Ostertag, deutschlandweit treffen sich unter dem Veranstaltungstitel „Hate Poetry“ regelmäßig Journalisten mit Migrationshintergrund, um auf einer Bühne hasserfüllte Leserbriefe vorzulesen. Unterhaltung und Selbsthilfe zugleich.

Auch beim Musikexpress bringen wir in loser Regelmäßigkeit und ohne die entsprechende Absicht Fanscharen gegen uns auf, etwa bei Verrissen zu Rapplatten von Cro, Casper und Co., der Abwesenheit von Madonna-Liedern in den „700 besten Songs aller Zeiten“, Meinungstexten im Allgemeinen sowie zuletzt ganz besonders bei U2. Deren neues Album „Songs Of Innocence“ gefiel Autor Reiner Reitsamer nicht so dolle, den U2-Jüngern seine Kritik noch weniger. Arno Frank erklärte deren Reaktion so: „Pointierte Urteile, mit Verve geschrieben, die liest man dagegen nicht so gerne. Da fühlt sich die Herde gekränkt und herausgefordert. Dann wird sie böse. Und wer böse wird, argumentiert „ad hominem“, zielt also auf den Menschen.“ Nach ein paar Tagen war wieder Ruhe, nur manchmal, beim nächsten Aufreger, fällt ein paar Usern wieder ein, dass sie sich neulich schonmal aufregten. Bleibt zu hoffen, dass sich auch die Fans von Fler und Fler selbst wieder beruhigen – Frédéric will doch nur spielen! – und die Sache in ein paar Tagen endgültig vergessen ist. Schon wegen so Lappalien wie Pressefreiheit, „freiheitlicher Grundordnung“ (Staiger) und dergleichen. Und weil es manchmal, wie auch die „Wired“ im eingangs zitierten Text feststellte, herrlich profan sein kann: Manche Kommentatoren haben wahrscheinlich schlichtweg Langeweile.

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Listenwahn: Die Alben des Jahres 2013
23.Mai 2014

Schwermut, Rotwein, Grummelrock: The National haben mit „Trouble Will Find Me“ mal wieder ein ziemlich gutes Album aufgenommen.

Wenn ich doch wenigstens von Prokrastination sprechen könnte. Schlappe sechs Monate hat es gedauert, bis ich mir nun eine halbe Stunde Zeit nehme, um hier meine Lieblingsalben 2013 aufzulisten. Ein eigentlich liebgewonnenes Hobby, diese Listen, das aber schon letztes Jahr einriss, als ich bereits drei Monate dafür brauchte – immerhin aber über meine Lieblingsalben 2012 noch meine Lieblingsserien sowie -filme zusammenstellte. Später irgendwann.

Im Kalenderjahr 2013 lagen die Prioritäten anders: Jobwechsel, Familiengründung, neues Blog, solche Sachen. Für ein paar gute Serien – „Breaking Bad“-Finale, „Walking Dead“, „Hannibal“, „Game Of Thrones“, „Bored To Death“, „Freaks And Geeks“, „Pan Am“ und Co., nur die letzte Staffel „Dexter“ nicht – blieb noch Zeit, für noch mehr gute Musik berufsbedingt sowieso. Beim Musikexpress kürte ich bereits die 20 für mich besten Alben des Jahres 2013, die da lauten:

1. The National – TROUBLE WILL FIND ME

2. Arcade Fire – REFLEKTOR

3. Kanye West – YEEZUS

4. Iron & Wine – GHOST ON GHOST

5. Moderat – II

6. James Blake – OVERGROWN

7. Volcano Choir – REPAVE

8. Jon Hopkins – IMMUNITY

9. Turbostaat – STADT DER ANGST

10. Queens Of The Stone Age – …LIKE CLOCKWORK

11. Blood Orange – CUPID DELUXE

12. Daft Punk – RANDOM ACCESS MEMORIES

13. Cut Copy – FREE YOUR MIND

14. Low – THE INVISIBLE WAY

15. Tocotronic – WIE WIR LEBEN WOLLEN

16. Babyshambles – SEQUEL TO THE PREQUEL

17. Phoenix – BANKRUPT!

18. Chuckamuck – JILES

19. Arctic Monkeys – AM

20. Biffy Clyro – OPPOSITES

Völlig verpasst und 2014 nachgeholt habe ich SCHAU IN DEN LAUF HASE, das ganz und gar wunderbare Debüt von Die Höchste Eisenbahn. Auch gut waren unter anderem Okkervil Rivers THE SILVER GYMNASIUM, Erdmöbels KUNG FU FIGHTING, Frank Turners TAPE DECK HEART und stellenweise sogar noch Jupiter Jones‘ DAS GEGENTEIL VON ALLEM sowie Pearl Jams LIGHTNING BOLT. Was ich deshalb eher als Enttäuschung abhaken müsste. Aber was solls, das Popjahr 2014 ist ja längst in vollem Gange.

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25 Dinge, die ich über Amerika (und sein Fernsehprogramm) noch nicht wusste
31.März 2014

Vor einiger Zeit reiste ich drei Wochen durch den Westen der USA. Hier nur ein paar der damaligen Auffälligkeiten zwischen San Francisco, Las Vegas, San Diego und Los Angeles. Da besagte Zeit mittlerweile in Jahren angegeben werden kann – Prioritäten verschieben sich -, verzichte ich auf erklärende illustrierende Fotos zu jedem einzelnen der Punkte. Obwohl es sie gäbe.

Foto-Eindrücke von mir bei Instagram

Foto-Eindrücke bei Instagram

 

  • Barack Obama mag Honey Boo Boo.
  • eine Eismarke wirbt mit einem Eisbären und heißt Bimbo.
  • Die offenbar bekanntesten Kondome in den USA heißen tatsächlich Trojans. Wie vertrauenserweckend.
  • Vielleicht hat es doch ein Häftling geschafft, lebend aus Alcatraz zu fliehen.
  • Verkehrsschilder weisen freundlich darauf hin, in bestimmten Gegenden keine Hitchhiker mitzunehmen – „Prison Area“!
  • Die Kultur des Frühstücksfernsehens ist dort von „Kelly & Michael“ bis zu achtjährigen Nachwuchspredigern deutlich ausgeprägter als bei uns. Vom Frühstück selbst kann man das leider nicht sagen.
  • Whoopi Goldberg hat eine eigene Talkshow namens „The View“ und dort unter anderem Prince zu Gast – der aussieht wie sein eigener Imitator.
Die traurige Wahrheit des Krustyland: außen Kulisse, innen nur 3D-Achterbahn.

Die traurige Wahrheit des Krustyland: außen Kulisse, innen nur 3D-Achterbahn.

 

  • Verstärkung gesucht: Die San Diego Police wirbt sogar Rentner für ihr Team.
  • Im Yosemite Park wird auf Schildern vor Berglöwen gewarnt. Letzter Hinweis: „If attacked – fight back.“ Humor haben sie ja doch.
  • Waschbären mögen Sour-Cream- & Onion-Chips, sind dreist und wissen sehr genau, wie man Chipstüten präzise öffnet.
  • Die Hausdame des Curry Village nennt sich Mother Curry. Können von Glück reden, dass wir trotz ursprünglicher Spontan-Planung nicht bei ihren Hanta-Mäuschen übernachtet haben.
  • Cameron, der laut Karte letzte Ort vorm Grand Canyon, gibt es nicht. Und Anasazi Inn ist der Vorhof zur David-Lynch-Hölle.
  • Wenn Mutter Kardashian dicke Lippen hat, sieht sie aus wie Sharon Osbourne.
  • Überhaupt: All die TV-Shows, die man jeweils in der Werbepause der anderen Show gucken kann!

    Graceland Chapel, Baby: Hier heiratete auch Jon Bon Jovi.

    Graceland Chapel, Baby: Hier heiratete auch Jon Bon Jovi.

  • Von „Teen Moms“, „So You Think You Can Dance“, „Americas Got Talent“ (mit Howard Stern), „The Voice“ (mit Christina Aguilera, Cee Lo Green, Blake Shelton und Adam Levine) und „X-Factor“ (mit Simon Powell und Britney Spears)…
  • …über einen schwulen Innenarchitekten, der seiner Kundin und Freundin die Dimensionen ihrer geplanten Hochzeitssause kleiner reden will…
  • …bis hin zu Heidi Klum, die Nachwuchsdesigner designen und schneidern lässt und zu irgendwem, der den besten Maskenbildner sucht.
  • Sogar Jerry Springer gibt es immer noch!
  • Ellen DeGeneres, David Letterman, Jimmy Kimmel und wie sie alle heißen sind wirklich gut. Und noch besser, wenn man sie im Vergleich zum Restprogramm sieht.
  • In Elvis‘ Graceland Chapel in Las Vegas hat auch Bon Jovi geheiratet.
  • Zwei Häuser weiter steht der Pawn Shop aus der Sendung „Pawn Stars“. Kannte ich vorher auch nicht.
  • Im Death Valley veranstalten Steine ein bis heute nicht geklärtes und mysteriöses Wettrennen – und das bei der Hitze und mit ihrem Gewicht!
  • One Direction sind eine große Nummer.
  • Krustyland gibt es gar nicht. Alles Attrappe.
  • Mario Barth betreibt im Mirage in Las Vegas ein erfolgreiches Tattoostudio in bester Lage.
  • Ortsnamen wie Barstow und Ludlow – Brandenburg fängt vor der Grenze zu Arizona an.
"Fear And Loathing In Las Vegas", irgendwer?

„Fear And Loathing In Las Vegas“, irgendwer?

 

 

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Listenwahn 2012: Die Serien des Jahres
12.September 2013

Ach. Da war ja noch was. Ein Blog. Postings. Listen. Serien. Freizeit. Vollständigkeitszwang. Nach 2010 und 2011 deshalb jetzt form- und schmerzlos ohne Trailer, Bilder und Texte: die für mich besten, weil letztes Jahr unter anderem gesehenen, Serien 2012. 2013 ist ja auch schon bald Geschichte.

The Sopranos

1. „The Walking Dead“

Die erste Staffel war bloß konventioneller Zombiekram. Spannend und sehr sehr deprimierend wird die Comicverfilmung erst, wenn die Zombies nur noch als Statisten im viel gefährlicheren Kampf zwischen den Überlebenden selbst auflauern.

2. „Breaking Bad“

Der einst krebskranke Chemielehrer Walter White hat die Grenze zwischen Gut und Böse längst weit überschritten und steckt im ersten Teil der finalen Staffel 5 bis zur Stirn in all dem Stress, den ein Doppelleben als Familienvater und berüchtigster Meth-Baron New Mexicos so mit sich bringt. Und dann ist da auch Schwager Hank auf dem Klo…

3. „Homeland“

Claire Danes als labile CIA-Agentin, die einen Kriegsveteran des Terrors bezichtigt und das darin ständige Spiel mit den Erwartungen und Vorurteilen des Zuschauers: „Homeland“ ist trotz einiger Schwächen in Staffel 2 immer noch die subtilere und deshalb bessere Version von „24“.

4. „Dexter“

Schon nach Staffel 4 zeichnete sich wohl ab, dass die Serie um Serienmörder-Mörder und Forensiker Dexter Morgan bald blasser werden könnte als die Opfer des Ice-Truck-Killers. Bis zum Ende des Falls um den Doomsday-Killer und einem, nun ja, einschneidenden Treffen zwischen Dexter und seiner Schwester und Miami-Police-Kollegin Debra darf man aber noch gespannt genug bleiben. Staffel 7 und 8 hingegen – soviel weiß ich jetzt, im September 2013, hätten lieber schweigen sollen.

5. „Game Of Thrones“

Eine Seifenoper im Mittelalter, in der sich keiner gewaschen hat: Die HBO-Verfilmung von George R.R. Martins Fantasy-Romanepos strotzt nur so vor Blut und Gier und Neid und Sex und Krieg und Fehden. Oh, und Drachen gibt es auch.

6. „Der Tatortreinger“

Bjarne Mädel als bauernschlauer Tatortreiniger von der „SpuBe“ (Spurenbeseitigung). Wenige Folgen, viel Herz für ihre Figuren, und bei aller Komik – in jeder Folge trifft Schotti bei seiner Arbeit auf Angehörige, Täter, Gäste oder sonst wie mit den Opfern in Verbindung stehenden Menschen – immer auch die ein oder andere Lebensweisheit parat, die mit Plattitüden so wenig zu tun hat wie Bernd Strombergs (neben dem Mädel zuvor die Rolle des depperten Ernie spielte) Sprüche mit Inhalten.

7. „Sherlock“

Shooting Star Benedict Cumberbatch als moderner Sherlock der Neuzeit, neben ihm Martin Freeman als Dr. Watson. Die Dialoge, die Charaktere, die Fälle, die Gegenspieler, der Humor: so temporeich, geistesgegenwärtig, trocken und auf Zack wie Sherlock Holmes eh und je. Britischer als in dieser BBC-Miniserie gehts indes ebenfalls kaum noch.

8. „The Big Bang Theory“

Please don’t try this auf Deutsch. Pro7 strahlt diese Sitcom immer wieder aus, selten hatte ich etwas Unlustigeres im Fernsehen gesehen. Im Original funktionieren die Zoten um Dr. Sheldon Cooper und seine Nerd-WG nach gewisser Eingewöhnung aber durchaus. Zumal ich Physiker-Witze auch in meiner Muttersprache nicht verstehe.

9. „The Wire“

Von Kritikern und etlichen Fans maßlos gelobte Krimiserie über Polizei und Verbrechen in Baltimore, in der es weniger um die Auflösung bestimmter Fälle geht, sondern um die Dokumentation einer einzigen, großen, korrupten, hamsterradartigen Szenerie über mehrere, bisweilen mühsam anzusehende Staffeln. Don’t try this auf englisch, man versteht vom Straßenslang kaum ein Wort.

10. „Touch“

Kiefer Sutherland als nach 9/11 alleinerziehender Vater eines wohl autistischen Kindes, das dafür übernatürliche Fähigkeiten zu haben scheint und „Butterfly Effect“-mäßig die Schicksale von Menschen auf der ganzen Welt zum Guten zu verbinden weiß. Schön und schlau und rund erzählt, es fehlt aber jeder Cliffhanger und ein unbedingter „Mehr davon“-Effekt.

Abgesehen von seinem Set war ich von der zweiten Staffel von „Boardwalk Empire“ leider nicht mehr allzu beeindruckt – wenngleich Michael Shannon ziemlich groß- und bösartig spielt darin und Steve Buscemi eigentlich immer geht. Meine Frau guckte 2012 weiterhin liebend gerne „Downton Abbey“, ich hingegen habe es auch mal mit JJ Abrams‘ „Revolution“ versucht: naheliegende Grundidee (unserer Welt plötzlich und langfristig ohne Strom), schrecklich langweilige Hochglanz-Umsetzung. Wie „Lost“ mit Soap-Darstellern.

Lobende Erwähnung hingegen für zwei outstanding tv dramas:

„The Sopranos“

Ein getriebener Mann, zwei Familien. Tony Soprano zwischen Mafia und Dr. Melfi. Und James Gandolfini in der Rolle seines Lebens. Es wurde seine letzte große.

„Six Feet Under“

Michael C. Hall war schon vor „Dexter“ in Leichenhallen zu sehen – hier als Erbe des Bestattungsunternehmens seines Vaters. Und wie das zwischen Leben und Tod so ist, erzählt auch „Six Feet Under“ nahbar, komisch und dramatisch von der Hin- und Hergerissenheit zwischen den Erwartungen anderer zu funktionieren und dem Ausbruch daraus – exemplarisch an dem Schicksal jedes Mitglieds der Familie Fisher.

Das waren auch die beiden Serien, die mich 2012 mit Abstand am meisten begeistert und gebannt haben. Weil ich sie erst dieses Jahr sah: „Sopranos“ lief von 1999-2007, „Six Feet Under“ von 2003-2008.

Oh, war jetzt doch mit Texten.

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Listenwahn 2012: Die Alben des Jahres
9.März 2013

Pünktlich zur schon im Vorfeld depperten Echo-Verleihung 2013: meine 20 besten Alben des vergangenen Kalenderjahres. Mit Qualitätsgarantie, garantiert auch ohne Frei.Wild und mit nur einem Megaseller.


1. Max Prosa – „Die Phantasie Wird Siegen“

Kitsch. Pathos. Sturm. Drang. Altklugheit. Reife. Aufgekratzheit. Abgeklärtheit. Versoffenheit. Herz. Schmerz. Beflissenheit. Geste. Gute Ratschläge. Bob Dylan im Geiste. Max Prosas über- und aufgeladenes Debüt „Die Phantasie wird siegen“, mit dem der in Berlin lebende Prosa als Bester seiner Zunft im deutschen Feuilleton eine „Schmerzensmänner“-Debatte anstiftete, hat von allem zuviel, man müsste sich eigentlich angewidert davon abwenden. Vor allem aber hat es Songs wie „Mein Kind“, „Flügel“ und „Visionen von Marie“ in seinen Reihen; Songs, die andere Liedermacher ein ganzes Leben so nicht zu Papier und auf Platte kriegen. Und das Beste: Der Nachfolger „Rangoon“ erscheint bereits im April 2013.

2. Ben Folds Five – „The Sound Of The Life Of The Mind“

Ben Folds, dieser Teufelspianist und Entertainer vor dem Herrn, kann keine schlechten Songs, Melodien, Harmonien und Geschichten schreiben. Das wusste ich spätestens seit „The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner“, dem live schon 2008 wieder gemeinsam aufgeführten dritten Bandalbum aus dem Jahre 1999; Folds’ Soloalben zwischen 2001 und 2011 bestätigten das aufs Herzlichste. Beim Reunion-Album „The Sound Of The Life Of The Mind“ aber hatte ich das vier Durchgänge lang fast vergessen. Bis Folds mich mit „Draw A Crowd“, der ersten Single „Do It Anyway“ (inkl. Fraggles-Video) und über allem dem Titelsong daran erinnerte. Und plötzlich war ich wieder verliebt.

3. The Avett Brothers – „The Carpenter“

Weniger Drama, mehr Introspektive: „The Carpenter“ ist ein nach „I And Love And You“ einmal mehr aufrichtig herzliches Folkrockalbum, mit dem die Avett Brothers einmal mehr im Vorbeigehen beweisen, wie gut sie 1. Popmomente schreiben und einfangen, 2. die verwurzelteren Mumford & Sons werden und 3. als Hochzeitsband Nächte retten könnten. All das alleine wäre ihnen aber vermutlich zu langweilig. Zum Glück.

4. The Gaslight Anthem – „Handwritten“

Auf „American Slang“, ihrem dritten Album, waren The Gaslight Anthem der Sturm und Drang und die Ideen verloren gegangen, sie verwalteten sich bloß selbst. Mit „Handwritten“ und Hymnen wie „45“ und dem Titelsong haben die Arbeiterklasse-Punkrocker aus New Jersey (ja, da wo auch der Boss und Bon Jovi herkommen) zu sich selbst zurückgefunden und sind gleichzeitig den Stadien noch näher gekommen. Karohemden und, Achtung, Kreationismus – eine Mischung, die in Amerika noch besser ankommen müsste als bei uns.

5. Hot Water Music – „Exciter“

Nein, Hot Water Music aus Gainesville haben auf ihrem ersten neuen Album seit acht Jahren weder sich selbst noch den Punkrock neu erfunden. Aber genau das macht „Exciter“ zu so einer Wohltat: Chuck Ragan und Chris Wollard klingen mit all ihrem Herzblut und ihrer Hemdsärmeligkeit gemeinsam einfach markiger als allein, eine so zwingende Lebenskrisenhymne wie „Drag My Body“ haben sie in all den Solojahren und Bandprojekten nicht hinbekommen. Besser waren sie nur auf der Split-EP mit Alkaline Trio.

6. Benjamin Gibbard – „Former Lives“

Solodebüt des Frontmannes von Death Cab For Cutie, das gemessen an den Erwartungen und den Bandvorlagen ein fast zu gefälliges ist. Gibbard fühlt sich hier im Midtempo ein bisschen zu wohl, schon das Duett mit Aimee Mann aber reisst alles raus. Und wenn diese Liste eines verrät, dann, dass ich eine Schwäche für Bens habe.

7. Ben Kweller – „Go Fly A Kite“


Nach seinem Country-Ausflug besinnt sich Ben Kweller auf seine alten Stärken: „Go Fly A Kite“ vereint LoFi-Popsongs mit verschrobener Slackerattitüde, ist kein zweites „Sha Sha“ und zeigt Kweller dennoch als das geschichtenerzählende Songwriter-Wunderkind, das der Texaner auch mit seinen 31 Jahren noch ist.

8. Mumford & Sons – „Babel“

Das zweite Album, mit dem sie durch die Decke gingen: Die Grammy-Preisträger, die Mumford & Sons mittlerweile sind, legten mit „Babel“ einen zwar würdigen Nachfolger ihres umjubelten Debüts vor, aber auch ein Album, auf dem das Banjo präsenter und prägnanter war als die einzelnen Songideen selbst.

9. Kettcar – „Zwischen den Runden“

Nach dem – für Männer über 35 – vergleichsweise wütenden „Sylt“ und eine Dekade nach ihrem maßgeblichen Debüt „Du und wie viele von Deinen Freunden“ besinnen sich Kettcar auf Introspektive, Einsichten und auf das Erzählen daraus resultierender Geschichten über das Leben und den Tod. Sie trauen sich dabei an Bläser, Streicher und fast keinen Ausbruch. Schlecht steht ihnen all das trotzdem nicht. (zum Interview)

10. Michael Kiwanuka – „Home Again“

So jung und schon so schön von gestern: Michael Kiwanuka hat mit seinem Debüt „Home Again“ genau das Songwriter-Soulalbum aufgenommen, das Bob Dylan, Otis Redding, Marvin Gaye und Ben Harper gemeinsam nicht gemacht haben. (zum Interview)

11. Nada Surf – „The Stars Are Different To Astronomy“
12. First Aid Kit – „The Lion’s Roar“
13. The XX – „Coexist“
14. John K. Samson – „Provincial“
15. The Weeknd – „Echoes Of Silence“
16. Frank Ocean – „Channel Orange“
17. Deftones – „Koi No Yokan“
18. Absynthe Minded – „As It Ever Was“
19. Jessie Ware – „Devotion“
20. Kidd Kopphausen – „I“

Auch gut 2012 war zum Beispiel: Die Höchste Eisenbahn (EP), Jake Bugg (Deutschland-VÖ erst 2013), Silversun Pickups, The Lumineers, Sport, Aimee Mann, Kendrick Lamar, Captain Planet, The Shins, Two Gallants, Tom Liwa, Tallest Man On Earth, Muse, Gary, Manual Kant, Ellie Goulding, Sigur Ros, Bloc Party, Maximo Park, Die Türen, Band Of Horses, Kilians, Adam Arcuragi, Regina Spektor, Jens Lekman, Taylor Swift, Carly Rae Jepsen, Enno Bunger, Coheed & Cambria, Benjamin Biolay, Rocky Votolato

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Listenwahn 2012: Die Filme des Jahres
24.Februar 2013

Pünktlich zu den Oscars 2013 schließe auch ich endlich mit dem durchwachsenen Kinojahr 2012 ab. Hier meine Filme des Jahres 2012 – diesmal ohne zwingende Reihenfolge, weil mich nichts aus Hollywood oder sonst wo her nachhaltiger beeindruckte als 2011 zum Beispiel ein einziger Film aus Deutschland.

„Moonrise Kingdom“

Zwei Pfadfinderkinder in den Sechzigern, die Camp und Elternhaus entfliehen und wider gesellschaftlicher Erwartungshaltung ihre große Liebe leben wollen. Das rührende „Moonrise Kingdom“ von Wes Anderson und Roman Coppola wirkt in seiner Ästhetik und den altklugen Hauptfiguren wie Cap & Capper auf LSD. Und ist dank seines A-Casts – Bruce Willis als Inselcop, Edward Norton als unfähiger Pfadfinderleiter, Frances McDormand als sorgende Mutter und so weiter – unfassbar und herzzereißend komisch.

„The Perks Of Being A Wallflower“

Coming-Of-Age-Drama um einen Schuljungen namens Charlie, der als anfänglicher Einzelgänger lieber Bücher liest als sich möglichen Kumpels anzubiedern und später in Sam (Emma Watson) nicht nur seine beste Freundin, sondern auch die große Liebe findet. Rührende Verfilmung des Romans von Stephen Chbosky. Weil es ja jeder irgendwie selbst durch die Pubertät geschafft hat.

„Silver Linings“

Gemessen an den Jubelreden, die über „Silver Linings Playbook“ im Vorfeld verfasst wurden, ist der neue Film von David O. Russell eine kleine Enttäuschung. In Wahrheit aber ist die Geschichte über zwei vereinsamte, psychisch labile und gleichzeitig kerngesunde Menschen, die sich in ihren Gegensätzen anziehen – und sei es nur zum Tanzwettbwerb – natürlich doch eine rührende, weil man Pat (Bradley Cooper, der nicht nur Action und gut aussehen kann) und Tiffany (Jennifer Lawrence) in jeder Sekunde ihres angeknacksten Daseins glaubt. Und weil Robert deNiro als wettsüchtiger Vater für den nötigen Witz sorgt.

„Extrem laut und unglaublich nah“

Achtung, Kitschgefahr: Linda (Sandra Bullock) und ihr Sohn Oskar verlieren bei den Terroranschlägen am 11. September 2001 Ehemann, Vater und Bezugsperson Thomas Schell (Tom Hanks). Um die gemeinsamen Momente zu konservieren und weil er an ein hinterlassenes Rätsel seines Vaters glaubt, begibt sich der elfjährige, hochbegabte und, nun ja, verhaltensauffällige Oskar auf eine märchenhafte Schnitzeljagd durch New York – und lernt dabei viele fremde Menschen, seine Familie und sich selbst kennen. „Extrem laut und unglaublich nah“ basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Jonathan Safran Foer. Und der ist ein Guter.

„The Avengers“

Hulk, etliche andere Superhelden, Robert Downey Jr. und Scarlett Johansson retten die Welt vor dem Untergang. Muss ich noch mehr sagen?

„Ted“

Ein Teddybär, der zum Leben erweckt wird und seinem besten Kumpel (Mark Wahlberg) fortan nicht mehr von der Seite weicht. Klingt nach Walt Disney, endet dank Regisseur, „Family Guy“-Erfinder und Oscar-Moderator Seth MacFarlane aber in einem politisch herrlich inkorrektem Buddymovie voller Drogen, Party und der Kehrseite des Ruhmes, in dem die Moral über Freundschaft, Frauen und Fans nicht zu kurz kommt.

„Drive“

Lange Kamerafahrten und schnelle Schnitte für dunkle Autonächte: Ryan Goslings namenloser Fahrer weiß, wie man Autos repariert, in ihnen durch Los Angeles heizt, mit diesem Talent krumme Dinger dreht, Frauen (Carey Mulligan) kennenlernt und sonst die Klappe hält. „Drive“ gewann nicht durch seine dünne Story oder etwaigen tiefen (oder irgendwelchen) Dialogen auf der Stelle Kultstatus, sondern durch sein unterkühltes Setting, in das Regisseur Nicolas Winding Refn den coolsten neuen Hollywoodstar der Stunde setzt. Soundtrack von Kavinsky inklusive. Wohl aber: In „Gangster Squad“ ist Gosling noch viel cooler.

„Shame“

Shooting Star Michael Fassbender neben dem Android David aus „Prometheus“ in seiner anderen großen Rolle im Kinojahr 2012. „Shame“ tut dem Zuschauer genauso weh wie dem Protagonisten Brandon seine krankhafte Sexsucht. Wenn Brandon nicht gerade Prostituierte, Zufallsbekanntschaften oder in Darkrooms fickt, masturbiert er – vor dem Spiegel, in der Dusche, auf der Arbeit – und denkt daran, wie er das eine oder das andere bald wieder tun muss. Auch seine Schwester (Carey Mulligan) erkennt: Echte Gefühle sind ihm fremd, er gibt sie vor, um überhaupt noch am gesellschaftlichen Miteinander teilnehmen zu können – und hat damit mit Fassbenders anderen Rollen, dem Android aus „Prometheus“, dann ja doch wieder Maßgebliches gemein.

„The Master“

Phillip Seymour Hofmann und Joaquin Phoenix als Meister und Schüler in einer Analogie zur Biografie von Scientology-Gründer Ron L. Hubbard. Nicht zuerst wegen Regisseur Paul Thomas Anderson oder der seltsam indifferenten Erzählweise sehenswert, sondern wegen eines Joaquin Phoenix, der in seiner Leinwandrückkehr nach seinem Mockausflug ins Rapgeschäft ein Schauspiel hinlegt, für das er eher einen Oscar verdient hätte als Denzel Washington und Bradley Cooper zusammen.

„Ralph reichts“

Der ausrangierte „Wreck-It-Ralph“ will nicht länger Bösewicht im gleichnamigen Videospiel sein. Aus der Rolle kommt er trotz Selbsthilfegruppe genau so wenig heraus wie aus der digitalen Welt – und findet am versöhnlichen Ende genauso seinen Platz wie die jungen und früher mal jungen Zuschauer Anspielungen auf andere Spielehelden.

„Liebe“

Leider nicht gesehen.

***
„Zero Dark Thirty“

Startete erst 2013 in den deutschen Kinos. Jessica Chastain als CIA-Agentin auf Bin Laden-Jagd und zwischen Job und Moral zerrissen. „Zero Dark Thirty“ von Kathryn Bigelow ist – verkürzt gesagt – ein bisschen wie „Homeland“ auf Spielfilmlänge. Und in seinem Plot dokumentarischer.

„Django Unchained“

Startete ebenfalls erst 2013 in den deutschen Kinos. Außerdem dürfte das ja der einzige Film sein, den wirklich jeder gesehen hat. Deshalb nur soviel: Christoph Waltz gefiel mir in seiner perfiden Subtilität als Nazi Hans Landa in „Inglourious Basterds“ noch viel besser als in seiner Rolle des Dr. King Schultz.

Auch gut war 2012: „Skyfall“, „Barbara“, „Rock Of Ages“, „Dark Shadows“, „Francine“, „Looper“, „Haywire“

Meine Serien und Alben des Jahres 2012 folgen. Irgendwann.

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