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Vom Metal zum Mallorcaschlager: Wie aus einem Rocksänger die Ballermannfigur Richard Bier wurde

15. Januar 2020 | Von |

Wenn Boysetsfire und Mickie Krause in einem Satz fallen: Patrick Portnicki aka Richard Bier im Interview über seinen Ballermannhit „Bierkäpitän“, seinen Hardcore-DIY-Background, die dunklen Seiten der Partyschlagerszene, Sexismus, Alkoholismus und den Irrglauben, stumpfe Lieder könnte jeder schreiben.

Patrick Portnicki aka Richard Bier am Strand von, na klar, El Arenal. (Foto: © richardbier.com / David Portnicki)

Patrick Portnicki aka Richard Bier am Strand von, na klar, El Arenal. (Foto: © richardbier.com / David Portnicki)

 

Wer im Jahr 2019 nur ein einziges Mal am Ballermann, auf einer Aprés-Ski-Party oder beim Karnevalsstunk war, kennt diese Nummer – alle anderen haben wohl noch nie von ihr gehört: Der „Bierkapitän“ zählt zu den größten deutschen Partyschlagerhits der Saison. Zeilen wie „Hier spricht der Bierkapitän, darf ich bitte mal die Bierbäuche sehen? Wohin es geht, ist scheißegal, Bier ist international!“ könnte man in einer unjecken Welt unter zwei Promille also getrost ignorieren – wenn ihr Erfinder und Interpret nicht so eine für die Branche unkonventionelle Karriere hingelegt hätte.

Der „Bierkapitän“ wird gesungen von einem Sonnenbrille, umgedrehte Basecap, „Bierzeps“-Shirt und Shorts tragenden Act namens Richard Bier. Richard Bier heißt eigentlich Patrick Portnicki, ist 37, arbeitete früher im Vertrieb einer Synchronsprecheragentur – und sang in der Aachener Metalcore-Rockband Start A Revolution. Heute tourt er zwischen Arenal, deutschen Großraumdiskotheken und seinem Heimstudio in Hermeskeil umher, hat mit seinem Bruder das Label „Geile Mucke Records“ gegründet und schmeißt von Produktion über Booking und Buchhaltung alles selbst. Rund 50 Auftritte kamen 2019 zusammen.

Wenn Mickie Krause und Boysetsfire in einem Satz fallen: Wir haben mit Patrick Portnicki aka Richard Bier im Interview über seinen DIY-Background, Hitformeln für Ballermannschlager, Schützenhilfe von Markus Becker, die dunklen Seiten der Partyschlagerszene, Sexismus, Alkoholismus und den Irrglauben gesprochen, stumpfe Lieder könnte jeder schreiben.

Patrick Portnick aka Richard Bier im Interview: „Ich trinke kein Bier und war noch nie besoffen!“

Wie zur Hölle kommt man vom Hardcore zum Ballermannschlager?

Mit meiner Band Start A Revolution feiern wir bald 15-jähriges Bestehen. Wir waren viel auf Tour, haben zwei Alben aufgenommen, es läuft gut, wir hatten immer Spaß. Auf dem Weg zu ein paar Konzerten in Polen vor drei Jahren haben wir im Bus stundenlang Partyschlager gehört und uns über die Texte kaputtgelacht. Da habe ich mich spontan gefragt: Ey, Patrick, wenn du jetzt nach Hause fährst und einen Partyschlagersong schreibst, wie weit würdest du kommen?

Wo jeder im Suff von träumt, es nüchtern aber nicht versucht oder schafft.

Ich sagte mir: Singen kannst du einigermaßen. Kreative Ideen hast du ohne Ende. Zuhause habe ich in einer halben Stunde den „Bierkapitän“ geschrieben. Seitdem hat mich diese Musik nicht mehr losgelassen.

Warst du nüchtern, als du den Text schriebst?

Ich war noch nie betrunken. Einmal bin ich von einem Weinglas beim Abendessen eingeschlafen.

Wie kann man diese Szene nüchtern aushalten?

Das frage ich mich manchmal auch und löse es eher professionell. Ich verschwinde zwischendurch. Zwingt mich ja keiner, acht Stunden in einem Club oder Biergarten zu verbringen, wenn ich am Ballermann bin.

Die Hauptzeile vom „Bierkapitän“ hattest du aber vorher schon im Kopf, bevor du den Rest schriebst, oder? 

Innerhalb der halben Stunde, in der ich den Song schrieb, hatte ich aus kreativ-schöpferischer Sicht zwei geniale Minuten. Ich war auf der Suche nach einer Hitformel und habe sie mir selbst geschrieben: Ich schuf eine Identifikationsfigur, die zum Ballermann passt, gepaart mit einer Handlungsaufforderung, die mehr hergibt als nur „put your hands up in the air“. So kam ich zum Kapitän, der die Bierbäuche sehen will. 

So sieht Patrick Portnicki aus, wenn er nicht gerade als Richard Bier unterwegs ist.
So sieht Patrick Portnicki aus, wenn er nicht gerade als Richard Bier unterwegs ist. (Foto: Ferdinand Kießling)

Gibt es ein grundsätzliches Erfolgsschema? Hattest du dich vorher mit dem Aufbau von Ballermann-Hits beschäftigt?

Nachdem ich den „Bierkapitän“ schrieb, habe ich von jetzt auf gleich aufgehört Metalmusik im Auto zu hören. Fast nur noch Partyschlager. Um die Musik zu verstehen. Mittlerweile bin ich hauptberuflich Produzent und Songwriter für diverse Künstler.

Welche Punkte sind Erfolgsgaranten? Wiederkehrende Elemente, zum Beispiel?

Die Ballermannhits der vergangenen Jahre hatten jeder für sich eine ganz eigene Hitformel. Wenn man vorher wüsste, welche Formel funktioniert, könnte man sie immer wieder reproduzieren. Nachdem „Johnny Däpp“ und „Mama Laudaaa“ die größten Hits der vergangenen Jahre waren, war mir wichtig, eine eigene Formel zu schreiben. Der „Bierkapitän“ spricht alle Altersklassen an, weil er eher ein etwas klassischerer Partyschlager ist, der sich auch dadurch vom EDM-lastigen Sound der letzten Jahre abheben konnte.

Gibt es Ähnlichkeiten zum Songwriting deiner Band? 

Im Grundsatz schon. Start A Revolution ist zwar eine Rock- und Metalband, unsere Songs sind von der Struktur her aber Popsongs. Mir war immer wichtig, dass Songs eingängig sind, eine Hook haben, die ins Ohr geht, hängen bleibt und direkt mitsingbar ist. Ich verstehe mich auch als Popsongwriter. Songs von Metallica dauern manchmal sieben Minuten. Das entspricht nicht meiner Idee eines Songs, der hängen bleibt.

War für dich klar, dass du den „Bierkapitän“ selbst singt und eine Kunstfigur dazu erschaffst? Oder wolltest du das Lied ursprünglich an einen etablierten Act verkaufen? 

Ich wollte das schon gerne selbst verkörpern. Als ich damals in Bad Dürkheim über den Wurstmarkt, eine Kirmes, lief, sponn ich schon rum. Am Autoscooter standen Graffitimotive von Stars, einer davon war Richard Gere. Und daraus wurde schließlich Richard Bier.

Verstehen Menschen unter 30 diesen Namenswitz noch?

Nein, überhaupt nicht. Kaum wer kennt mehr Richard Gere. Bei der Ü-30-Fraktion kannst du Glück haben.

Warst du selbst vorher privat auf Mallorca? Wusstest du, worauf du dich einlassen würdest? 

Ich war öfter im Familienurlaub dort, aber nie am Ballermann. 2008 war ich mit Freunden in Cala Ratjada und wir fuhren für einen Abend mit dem Bus nach Arenal. Es war nüchtern wirklich nicht auszuhalten. Als wir um 18 Uhr aus dem Bus stiegen, kotzte mir prompt einer vor die Füße. Herzlich Willkommen! Wir gingen ins „Rio Palace“ und in den „Bierkönig“, „Megapark“, die üblichen Verdächtigen. Mittlerweile kann ich aber sagen, dass Arenal auch seine liebenswerten Seiten hat.

Du warst noch nie besoffen, trinkst nur manchmal eine Kleinigkeit. Und deine Bandkollegen?

Och, die trinken schon. Aber gemäßigt.

Straight Edge wart ihr also nie?

Nein, gar nicht.

Deine alten Freunde fühlten sich also nicht von dir verraten, dass du plötzlich Musik für Party-Alkoholiker machst?

Nein, tatsächlich nicht. Bandkollegen und Fans fanden es anfangs lustig, dass so einer wie ich auf die Idee kommt, sich Richard Bier zu nennen und vom „Bierkapitän“ zu singen. Dass der Song Potential hat, attestierte mir aber jeder. Auch wenn man diese Musikrichtung nicht mag: Wer den Song einmal hört, hat ihn auch zwei Wochen später noch im Ohr. Das zeigte mir, dass das Ding irgendwas bewegen wird, wenn es erscheint. So ist es dann 2019 passiert.

Patrick Portnicki live mit seiner Band Start A Revolution
Patrick Portnicki live mit seiner Band Start A Revolution (Foto: Norman Mauer)

Solche Hits müssen stumpf und eingängig sein, womit ich nicht „doof“ oder „einfach“ meine –  ist ja auch eine Kunst, etwas so Stumpfes spitz zukriegen. 

Stumpf alleine und einfach ist es wirklich nicht. Das ist ein cleverer Scheiß, den nicht jeder beherrscht. Es gibt am Ballermann nur ein paar Köpfe, die das wirklich gut machen. 95 Prozent aller Künstler schreiben ihre Songs nicht selbst, weil es eben doch eine Kunst ist. Es ist nicht dumm, was da geschrieben wird.

Aber es muss bei 2,5 Promille hängen bleiben. 

Mindestens teilweise, ja. Beim „Bierkapitän“ bleiben auch nur drei Wörter hängen, neben dem Titel noch „Bierbäuche sehen“, den Rest reimt man sich im Suff so zusammen.

Wie und warum kam die Durchbruchsversion mit Markus Becker zustande?

Es ergab sich eine Situation, in der ein etablierter Ballermannkünstler auf die Idee kam, eine eigene „Bierkapitän“-Version aufzunehmen. Das wäre für mich als Newcomer schlecht ausgegangen. Für meine Version hätte sich niemand mehr interessiert. Mein Okay hätte er nicht gebraucht, rechtlich hätte er das zu dem Zeitpunkt leider machen dürfen. Becker fand den Song beim ersten Hören eigentlich scheiße. Er erinnerte sich aber daran, dass er vor elf Jahren „Das rote Pferd“ auch scheiße fand, es aber sein größter Hit wurde. „Also machen wir das zusammen“, sagte er.

Wie sieht eine deiner Shows aus? Drei Hits und tschüss?

Mit Intro, Ansagen, 1-2 Coversongs, einem Livemedley bekannter Lieder und drei bis vier eigenen Songs komme ich auf 35 Minuten pro Auftritt, in denen ich das Publikum anheize und zum Mitsingen bringe. Es muss permanent bei der Stange gehalten werden, ihm darf in keiner Minute langweilig werden.

Müssten solche Konzerte nicht besonders leichte Arbeit sein, weil das Publikum schon halb betrunken ist und nur beschallt werden will? Oder ist es gerade deshalb schwer?

Ich kann jedem raten, der denkt, es sei einfach, sich selbst einmal auf so eine Bühne zu stellen. Die Megapark-Bühne zum Beispiel ist bekannt als die Bühne des Todes, weil sie und das Publikum ein großer Kellnergraben trennt. Die Leute stehen also an Tischen statt am Bühnenrand. Außerdem gibt es eine Dezibelauflage. Die Musik ist relativ leise, man versteht den Bühnenact kaum. Entsprechend schwer ist es, die Leute zu animieren. In Deutschland stehe ich andererseits manchmal vor 1.200 Leuten, die alle vollkommen wahnsinnig auf den „Bierkapitän“ sind und 35 Minuten Vollgas geben. 

Mit den Auftritten verdienst du wahrscheinlich das meiste Geld? Oder etwa doch durch Streaming oder gar CD-Verkäufe?

Die Einnahmen aus Verkäufen und Streams sind schon sehr gut, im Vergleich zu einer Veröffentlichung meiner Band sogar jenseits des jemals Erreichbaren. Die Haupteinnahmequelle sind aber die Auftrittsgagen. Das Livegeschäft ist so lukrativ, dass ich dafür seit Monaten die Musikproduktionen zurückstelle. Letztere bringen im Vergleich weniger Ertrag für viel mehr Aufwand, es bleibt eine Frage der Effizienz.

Was kostet mich ein Abend mit Richard Bier?

Ich nenne keine genauen Summen, solange du keine Buchungsanfrage stellst! Aber es ist ein Betrag im vierstelligen Bereich, der mich zufriedenstellt. Mit acht bis zehn Auftritten pro Monat ist das schon viel und für jemanden mit einem 9-to-5-Job in Festanstellung nicht vorstellbar.

Du selbst hast für Richard Bier auch deinen Job gekündigt. Wie lang kann man den Scheiß machen?

Wenn man es professionell angeht, lange. Ich gehe fest davon aus, dass ich in dem Berufsfeld bleiben werde. Auch wenn der Markt sehr hart umkämpft ist. Ich glaube einfach, dass ich einer derer in der Branche bin, der vieles selber kann. Viele Partyschlagersänger haben in der Hinsicht einen Nachteil: Sie sind auf Songs anderer Autoren angewiesen, weil sie keine eigenen Ideen haben. Sie müssen die Produktion zahlen, sich an Verträge binden. Müssen Booker finden. Meine Situation ist vergleichsweise luxuriös. Dieses Standing möchte ich nicht verschenken. 

Ein Standing, dass nicht nur du selbst als solches wahrnimmst, sondern von dem du weißt, dass auch andere dich so sehen?

Ja, denn ich ecke hier und da auch an. Von den Mitbewerbern ist ein Gegenwind spürbar. Aber auch Zuspruch. Richard Bier ist ein Thema, über das in der Branche gesprochen wird, ob nun positiv oder negativ.

Woher der Gegenwind?

Wenn einer wie ich auf den Markt kommt und aus dem Nichts 100 Auftritte abgreift, die sonst jemand anderes gekriegt hätte, für den das die Existenzgrundlage bedeutet, dann verstehe ich schon, dass sich nicht jeder freut.

Wie macht sich dieser Gegenwind bemerkbar?

Über Details möchte ich öffentlich lieber nicht sprechen.

Du deutest damit die „unseriösen Mitbewerber“ an, die du im Vorfeld unseres Interviews erwähnt hast und wegen derer es „nicht nur Sonnenseiten im Partyschlager-Biz“ gibt. Hast du selbst deswegen noch nie ans Aufhören gedacht? 

Natürlich muss man abwägen. Ich habe auch meiner Familie gegenüber eine Verantwortung und befinde mich beruflich in der luxuriösen Situation, einen gut bezahlten Job zu haben.

Wer waren oder sind deine Vorbilder?

Auch wenn wir Meinungsverschiedenheiten haben: Mickie Krauses Karriere ist für mich beispiellos. Der ist seit 21 Jahren am Start und hat die Trennung zwischen Privatleben und öffentlicher Person immer vorbildlich gehalten. Er hält seine Familie heraus, hat sich nie ins Dschungelcamp oder zum Promi Big Brother gesetzt. In dieser Hinsicht ist er ein Vorbild für mich. Er macht viele Dinge so, wie ich sie auch machen würde.

Und musikalisch?

Musikalische Vorbilder habe ich keine. Klar, mit Krause fing es an, „Geh mal Bier holen (GmBh)“ war ein starker Song. Aber da eh fast alle ihre Songschreiber haben, habe ich auch keine Partyschlagervorbilder. In der Rockmusik hatte ich früher schon ein Vorbild: Nathan Gray von Boysetsfire. Die haben mich und meine Band schon immer inspiriert.

„Mein Partyschlagerding ist für mich in jeder Hinsicht eine Erfüllung“

Diese Band und euer Dunstkreis gelten als politisch aufgeschlossen mit moralisch gefestigten Standpunkten, die, abgesehen von der Musik, die Attitüde am Ballermann gewiss nicht gutheißen würden. Songs von genanntem Mickie Krause („10 nackte Friseuren“,„Zeig doch mal die Möpse“) und vielen anderen sind schlichtweg sexistisch. Hast du damit nie ein Problem gehabt?

Nein. Ich differenziere die Parodie ganz klar vom Underground-Rapper, der unter Umständen tatsächlich ein frauenfeindliches Werteverständnis hat, wobei ich das nicht verallgemeinern möchte. Was das Thema Alkohol angeht, so hatte ich selbst mit mehr Gegenwind gerechnet. Unter dem „Bierkapitän“-Video hatte ich einen einzigen negativen Kommentar zu dieser Thematik. Einer schrieb, mein Text sei alkoholverherrlichend. Ich habe meine Gründe, warum ich selbst nie betrunken war und habe dann erstmal hinterfragt, ob das vertretbar ist, dass ich über Bierkonsum singe, denn ich habe eine soziale Verantwortung. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich ein erwachsenes Publikum anspreche und meine Parodie für trinkendes Volk gedacht ist. Ich gehe mit meiner Botschaft nicht in einen Kindergarten. Deswegen habe ich wegen dem „Bierkapitän“ keinen Gewissenskonflikt. 

Du bestätigst die Leute also eher in dem, was sie eh schon tun?

Ich werde die Leute nicht ändern, in dem ich dem Ballermannvolk eine Standpauke zum Umgang mit Alkohol halte. Ich bin für viele jetzt der Hitschreiber Richard Bier, als Bierkapitän auch ein Idol, so sagen mir zumindest viele. In dieser Position habe ich sogar mehr Einfluss darauf, dass Menschen bewusster mit Alkohol umgehen, denn im Anschluss an meine Auftritte führe ich häufig noch stundenlang Gespräche mit Fans, die sich wundern, dass ich fast keinen Alkohol trinke.

Nochmal zum Sexismus: Dass Kollegen, mit denen du die Bühne teilst, „Titten raus“ fordern, war für dich noch nie ein Problem?

Wenn wir von Sexismus reden, muss ich nochmal dringend darauf hinweisen, dass diese Künstler ihr Werk als Parodie verstehen. Sie sind Comedians, die Musik für einen ganz bestimmten Markt machen. Das wird von der Zielgruppe auch so verstanden, im Publikum stehen schließlich 50 Prozent Frauen, die „Dicke Titten Kartoffelsalat“ mitgröhlen. Partyschlager ist keine Männerdomäne. Natürlich hatte ich mich eingangs gefragt, wie es für mich sein würde, wenn ich für solch ein Publikum performe, denn du kannst Aufmerksamkeit von Leuten mit zwei Promille sehr schnell verlieren. Man glaubt es vielleicht nicht, aber genau dieses Publikum ist sehr kritisch, schonungslos, aber halt zu 100 Prozent ehrlich und direkt. Das schätze ich sehr und ich respektiere es genau so wie mein Rock- und Metalpublikum.

Inwiefern?

Was mir mit Start A Revolution immer gefiel: In der Rock-Hardcore-Metal-Nische hast du eher selten das große Publikum, dafür ein sehr treues. Einmal gewonnene Fans bleiben das für Jahrzehnte und reisen dir hinterher. Im Partyschlager hingegen wird vorrangig erstmal dein Song abgefeiert, das Interesse am Künstler kommt dann erst mit der Zeit, was vollkommen okay ist.

Du hast bereits erklärt, dass es ein Trugschluss ist, dass das Songschreiben eines Ballermannhits eine stumpfe Angelegenheit wäre. Fühlst du dich trotzdem noch als Künstler oder eher als Dienstleister? Du bist ja nicht zuerst Richard Bier geworden, um dich künstlerisch auszudrücken, sondern um Erfolg zu haben. 

Oooh! Das wird mir tatsächlich öfter unterstellt: „Du machst das doch fürs Geld!“ Nein, die Auftritte als Richard Bier machen mir sogar mehr Spaß, als in den jüngeren Jahren mit meiner Band auf die Bühne zu gehen. Aus verschiedenen Gründen.

Zum Beispiel?

Als Band triffst du dich jede Woche im Proberaum. Man fährt mitunter ewig zu Auftritten. erstmal Equipment einladen, 600 Kilometer fahren um dann schlimmstenfalls vor 20 Leuten auf der Bühne zu stehen. Das ist manchmal nicht so einfach. Mit fünf Leuten ein Album aufzunehmen, wird erwartet und ist zeit- und arbeitsintensiv. Im Partyschlager geht es von Song zu Song. Das ist für mich als Songwriter erfüllend, weil ich meine Lieder selber schreibe. Es ist auf der Bühne erfüllend, weil die Diskotheken, Clubs und Parties immer sehr voll sind und die Leute das, was ich geschrieben habe, so massiv abfeiern, dass ich mich ehrfürchtig vor dem, was da passiert ist, verneige und genieße, dass ich das machen darf. Das ist ein Privileg und das muss man auch so sehen. Dafür bin ich dankbar und versuche bodenständig zu bleiben.

Deine Band sieht dich also nicht wieder?

Doch, ich bin der Band erhalten geblieben. Sie machen Auftritte mit Aushilfssängern, ein oder zwei mache ich demnächst auch wieder mit.

Dieses Interview erschien im Dezember 2019 auf musikexpress.de.

Wie ich einmal fast selbst am Ballermann gelandet wäre? So.

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