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Die Grande Dame des Bombast-Pop

Mode-Ikone Florence Welch bestätigt mit Orchester in der Berliner C-Halle im April dieses Jahres ihren Ruf als Dämonen bekämpfende Engelserscheinung und Lieblingsmädchen von nebenan.

Florence Welch
Die nahbare Königin: Florence Welch, hier ganz casual bei einem Berliner Dachkonzert im Herbst 2011, aber nicht weniger beeindruckend (Foto: tape.tv/Universal)

Seit Karl Lagerfeld Florence Welch zu seiner Muse erklärt hat, liegt die Modewelt der 25-Jährigen zu Füßen. Entsprechend stilbewusst steht das Publikum des seit fünf Monaten ausverkauften Konzerts vor der Berliner C-Halle Schlange: Stylomädchen, Fashionblogger, Hipsterpärchen, die Checker aus der letzten Reihe. Da kann man sich schon mal kurz Sorgen machen: Geht es hier auch noch um Musik oder interessieren sich diese Menschen nur für die Abendgarderobe der Londonerin?

Das erste Mal kommt Welch (Klamotten: casual) auf die Bühne, nachdem die Vorband Spector sich durch eine anbiedernde Version von „Shake It Out“ polterte. Die Gecoverte bedankt sich und verschwindet. Eine Stunde später und unter frenetischem Jubel erscheint sie wieder, die Grande Dame des Bombast-Pop, mit nichts als ihrem Stimmwunder und einem weißen Engelskleid. Hinter ihr und vor einem Kirchenglas-Imitat baut sich eine siebenköpfige Band an Gitarre, Harfe, Orgel, Pauken und Percussion, Bass, Schlagzeug, Tasten und Backgroundmikrofon auf. Und so sehr diese Band den Sound zu dem Theater macht, das er ist, so sehr bleibt Welch der magnetisierende Mittelpunkt der folgenden 80 Minuten.

Mit „Only If For A Night“, dem programmatischen Opener ihres zweitens Albums Ceremonials und des Abends, gibt sie dessen Takt vor. Sie zelebriert den Song, als ob es bereits der letzte wäre. Sie tanzt, hüpft herum, wirft die ausladenden Arme ihres Kostüms wie Flügel durch die Gegend – und verfängt sich im menschlichsten Moment darin –, erhebt und verneigt sich, steht dann wieder still da, breitet die Arme aus wie eine Prophetin vorm Jüngsten Gericht, umarmt die Welt, wendet sich von ihr ab, singt voller Inbrunst düstere Zeilen wie „Looking for heaven, found the devil in me“, sucht Katharsis. Dann lacht sie wieder derb, erzählt Geschichten davon, dass sie ein bisschen Deutsch könne: „Ich habe eine Katze“, etwa, oder: „Ich habe ein Haus.“ „Das stimmt beides, ich lüge nicht“, sagt sie hinterher und lacht so laut und herzlich, dass man selbst hier an Hall und Dopplung glauben will. Kurzum: Sie ist eine nahbare Königin, ist Diva und das süße Mädchen von nebenan zugleich.

Manchmal kommt nicht jedes Wort und nicht jeder Ton in seiner eigentlichen Reinform an, „Shake It Out“ etwa klingt beinahe blechern. Der Stimmung tut das keinen Abbruch: Die Mädchen lächeln, ihre Freunde auch, sogar die Checker am Tresen haben ein Funkeln in den Augen. „Dog Days Are Over“ geht im Mitgeklatsche auf und unter, eine britische Frauenfußballgruppe pfeift und johlt, als seien sie im Stadion auf der Tribüne. Nein, der Abend ließ keinen kalt. Weil er von Florence inszeniert wurde, als ob es der letzte wäre. Und das macht Bühnenwunder schließlich aus.

(erschienen in: Musikexpress 6/2012, S. 106)

Florence Welch im Interview, hier und da

Vom richtigen Leben im falschen

Eine zwiespältige Angelegenheit: BoySetsFire im Berliner Velodrom

„The evil that you feed improves economy for the rich that run your campaign“
(„Eviction Article“, 2003)

Eine richtige Punkrockband oder eine, die sich so schimpfen will, sollte mindestens einmal in ihrer Karriere Sell-Out-Vorwürfen trotzen müssen. Was sich zum Beispiel einstige Szenegrößen wie Bad Religion, The Offspring, Green Day, Rise Against oder Against Me! nicht alles anhören mussten, als sie von ihren Indie-Plattenfirmchen zu den bösen Majorlabels wechselten, Musikvideos für MTV drehten, für ihre T-Shirts ein paar Dollar mehr als nur die Druck- und Materialkosten verlangten oder mal einen Popsong schrieben! Die Cribs-Villa kann so schnell gar nicht angezahlt werden wie die Szenepolizei „Ausverkauf!“ ruft. Und nun? Machen sich endlich auch die stets das ungeschriebene Regelwerk des Hardcore* („Lebe enthaltsam! Biete jeder Form von Kapitalismus und anderen Ungerechtigkeiten die Stirn oder die Faust!“) befolgenden BoySetsFire aus Newark, Delaware, USA auf, in diese Klasse aufzusteigen: Ihr Reunion-Konzert nach vierjähriger Trennung spielten sie am Sonntagabend im Berliner Velodrom – im Rahmen der Telekom Extreme Playgrounds und flankiert von zahlreichen anderen Sponsoren.

Boysetsfire

„We were never a normal band. We never did the right things. We never looked cool. We did everything exactly the way we wanted. Trends weren’t important. Being hip wasn’t important“, erklärten Nathan Gray, Josh Latshaw, Matt Krupanski, Chad Istvan und Robert Ehrenbrand Anfang Oktober auf der Bandseite Boysetsfire.org und meinten damit eigentlich ihre halbwegs überraschende Wiedervereinigung. Es liest sich aber auch wie eine Erklärung der Umstände im Velodrom: Seit dem Erfolg von Action-Karawanen namens Vans Warped Tour, Eastpak Antidote Tour oder Red Bull-Events sind Punkrockbands, die ihrem Publikum entwachsen sind und während durchgesponserten BMX- und Skateboard-Wettbewerben aufspielen, eigentlich längst nicht weiter der Rede wert. Haben doch schließlich alle was von: Die Kids ihre Lieblingsbands, die Bands ihr Publikum, der Sponsor sein Image. Mit BoySetsFire aber steht dort eine Band auf der Bühne, der Haltung stets wichtiger als Hedonismus war. Eine, die aufbegehrte. 2010 sieht das so aus: Die Einlaufmusik ertönt, der Vorhang fällt, und während Sänger Nathan Gray in altbekannter Manier „Where’s your anger, where’s your fucking rage“ keift, wedeln Kids mit Justin Bieber-Frisuren und erwachsene Emos mit rosafarbenen aufblasbaren Händen des Hauptsponsors durch die Luft. Eine (Gegen-)Haltung, so scheint es, wird zum Freizeitvergnügen.

Der Musik selbst tat das indes kaum einen Abbruch: Gray, der, wie er selbst erkennt, sonst soviel zu sagen hat, ist sprachlos ob der Stimmung, die ihm aus dem Publikum entgegenschlägt. Damit habe er nicht gerechnet, nach über dreieinhalb Jahren Hiatus. Das ist natürlich nah an der Kokettiere, wie sie bei richtigen Rockstars zum Standardrepertoire gehört („Ihr seid die besten Fans von allen!“). Aber man glaubt es ihm. Am besten sind BoySetsFire ohnehin im Pathos, in auch live packenden Songs wie „Empire“, „Handful Of Redemption“ oder „My Life In The Knife Trade“. Immer dann also, wenn Melodie und Geste dominieren; wenn Wehmut die Wut übersteigt. Sie haben – zur Feier des Tages oder zur Zufriedenstellung der laut Veranstalterangaben hochgegriffenen 4000 zahlenden Zuschauer – sogar mit einer anderen eigenen Tradition gebrochen: sie kommen für eine Zugabe zurück auf die Bühne.

„So save your wishes for the sky, diluted and disguised, as a perfect fuel that won’t ignite – but hope will heal us all“ („Last Year’s Nest“, 2003)

Man darf so eine Reunion auch ungeachtet der Beweggründe überflüssig finden. Vielleicht aber haben die neuen alten BoySetsFire erkannt, wogegen sie all die Jahre ansangen: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. In ihrer Erklärung im Oktober hieß es schließlich auch weiter: „There were only two things that were important and sancrosanct; the friendship between the five members of this band, and people who we touched with our music. (…) I think we underestimated how much we would miss it. The communion, the intensity, the genuine outpouring of emotion- it just doesn’t exist for us without BoySetsFire.“ Auch das nämlich liest sich wie eine Erklärung der Umstände im Velodrom, weil neben all den Werbebannern und rosa Fingern auch eine andere Message eindeutig rüber kam: die, dass Boysetsfire tatsächlich wegen ihrer Musik sowie den alten und potentiellen neuen Fans da waren und der Zweck die Mittel, die Nebenschauplätze, heiligen mag. Welches Publikum wäre schließlich empfänglicher für Worte der Aufbegehrung als ein Haufen Skateboard fahrender Teenager, die im Erscheinungsjahr von BoySetsFires bestem Album „After The Eulogy“ (1999) gerade laufen konnten? Dafür nimmt eine Band, die aufbegehrte, offenbar gerne rosafarbene Hauptsponsoren und Sell-Out-Vorwürfe in Kauf – in der Hoffnung, dass da eine Subkultur nicht vom Mainstream vereinnahmt wird, sondern ihn sich zu eigen macht.

*Der Blogger Wash Echte schreibt in seinem Buch „Ich werde ein Berliner“: „Als Faustregel gilt: Je öfter Sie Leute darüber reden hören, wie freigeistig, laissez-faire und gesetzlos ihre Gruppe sei, desto härter geht es im dazugehörigen Regelwerk zu“. Und: „Um sich von der Menge abzuheben und wirklich alternativ zu werden, müssen Sie gewissen bindende Richtlinien befolgen, was Lifestyle, Mode, Ansichten und Einstellungen angeht.“ Er meint damit in erster Linie sogenannte Hipster, aber das gleiche lässt sich 1:1 auch auf Gabbaheads, Kleingärtner oder eben Hardcore-Aktivisten übertragen.

Ein Pilgerleben

Gestern vor zehn Jahren sind bei einem Auftritt von Pearl Jam in Roskilde neun Menschen gestorben. Gestern hat mich Eddie Vedder persönlich daran erinnert. Mit Tränen in den Augen und der Rotweinflasche in der Hand. Es war das vierte Konzert von Pearl Jam in der wunderbaren Berliner Wuhlheide, und eigentlich war alles wie immer: Die Show war seit Monaten ausverkauft, 18000 Menschen aus der ganzen Welt, darunter Gruppenreisende aus Italien, Spanien oder Polen, Die Hard-Fans, die für eine Tour ihrer Lieblingsband ihren Jahresurlaub in Anspruch nehmen, trafen sich bei über 30 °C im Schatten schon mittags, um ihre alten Helden, ihre eigene vergangene Jugend und somit auch sich selbst zu feiern. Und weil eine der größten und aufrichtigsten Rockbands der Welt sich in meiner jugendlich unverdorbenen Wahrnehmung nicht nur das Venue ihres Gastspiels, sondern auch die Vorbands aussuchen kann, spielte um 18:30 Uhr schon ein gewisser Ben Harper auf und an seiner Lapsteel-Gitarre herum. Zwischendurch lud Harper seinen Kumpel Eddie auf die Bühne, und beide coverten gemeinsam Queens „Under Pressure“. Und weil ich in dem Moment gar nicht wusste, wie sehr Pearl Jam tatsächlich unter Druck gestanden haben müssen, fühlte ich mich lediglich darin bestätigt, was ich schon vorher wusste: Das wird ein guter Abend.

Ben Harper und Eddie Vedder unter Druck

Wie sich das für Lieblingsbands gehört, könnte ich jetzt über Pearl Jam viele persönliche und unpersönliche Geschichten erzählen. Wie ich 2006 vom Ruhrgebiet bis nach Berlin fuhr (Fanclubs wie der Vitalogy Health Club werden über solche Lappalien nur müde schmunzeln), den Weg fast ohne Hilfe fand (siehe Foto oben) und auch deswegen so froh war, weil ich bei ihrer „No Code“-Tour 1996 als 15-Jähriger NICHT nach Berlin oder Hamburg fahren durfte (EinsLive übertrug damals von Radio Fritz, ich kann dank Kassettenrekorder jede Moderation mitsprechen). Wie ich nach diesem Konzert bis 6 Uhr morgens im Magnet Club war, nur um zwei Tage später zu erfahren, dass Eddie Vedder, dank seines Bodyguards angeblich unübersehbar, ebenfalls dort abhing, um sich die Black Keys anzusehen. Wie ich mir 2003 am ersten Tag des australischen Vorverkaufs um Punkt 9 Uhr mein Online-Ticket für Melbourne sicherte, nur um damit unter die Hallendecke der Rod-Laver-Arena verdammt zu werden. Wie ich mir wann und wo welches Album kaufte, wie es mir davor und danach ging und wie das Wetter war. Oder wie ich bei Rock Am Ring 2000 Pearl Jam zum ersten Mal live sah – rund drei Wochen, bevor Roskilde passierte.

Es sind solche Geschichten, die Lieblingsbands ausmachen. Geschichten, die man selbst gerne erzählt und die doch nur den interessieren, der sie auch erzählen könnte. Mehr als solche Peripherien sind es aber die Momente, die einen Unterschied machen. Wenn in Melbourne trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ein Kerl auf die Bühne rennt, Vedder bei „Bushleaguer“ die George W.-Maske klaut und Vedder selbst die Securitys zur Entspannung auffordert und den Flitzer auf die Schultern nimmt. Wenn gestern Abend statt eines erwartungsgemäßen Ben Harpers plötzlich Peter Buck und Scott McCaughey von R.E.M. auf die Bühne kommen und mit Pearl Jam „Kick Out The Jams“ von MC5 dahinbrettern (sie waren wegen ihrer neuen Band Tired Pony in der Stadt, vermute ich). Wenn 18000 Kehlen „Black“ mitjaulen und diesen Song trotz „Dudududuudududuuuu“-Lauten einfach nicht kaputt kriegen. Näher können sich Leidenschaft und Wirtschaftsunternehmen, das eine Band und Marke wie Pearl Jam auch längst ist, nicht sein, zumindest habe ich das noch nicht erlebt. Oder wenn einer auf dem Höhepunkt des Sets sagt, dass heute vor zehn Jahren vor seinen Augen neun Menschen zu Tode getrampelt worden sind, nur weil Boxen ausfielen und die hinteren Reihen ihre Lieblingsband hören wollten (über diese Gründe sprach er natürlich nicht). Vedder fragte vorher schon, ob es allen gut ginge, ob jeder bitte auf seinen Nebenmann achten könne. Aber seit Roskilde sagt er das immer. Danach wollten sie schließlich eigentlich nur noch bestuhlte Konzerte spielen.

Es wurde ruhig in der Wuhlheide, es wurden Feuerzeuge gezückt und nach einer Gedenkminute von ungefähr 20 Sekunden fegten Mike McCready, Stone Gossard, Jeff Ament, Matt Cameron, Boom Gaspar und Eddie Vedder mit dem Doppelschlag „Comeback“ / „Alive“ alle Zweifel hinweg: Dieser Moment der Erinnerung an einen anderen Moment, der alles veränderte, hat die Stimmung des Abends nicht gedrückt. Im Gegenteil: Er hat aus einem außerordentlich soliden, zweieinhalbstündigen Konzert, auf dem es längst nicht mehr um gespielte oder nicht gespielte Songs ging, ein besonderes gemacht. Pearl Jam bleiben noch ein bisschen, ich habe mir wieder ein T-Shirt gekauft.