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Im Tal der nackten Männer

Neulich im Radio behauptete der Moderator, dass im Popjournalismus ja jedes Jahr ein neuer Bob Dylan ausgerufen würde. Erst musste ich an die NBA denken, die immer noch auf den nächsten Michael Jordan wartet. Dann an die argentinische Nationalmannschaft, deren Messi bis jetzt auch noch nicht einem (aktiven) Diego Maradona gleicht. Und dann hörte ich den Künstlernamen des Mannes, der die Dylan-Referenz provoziert hatte und dem es laut Moderator „an Selbstbewusstsein nicht mangeln kann“: Tallest Man On Earth. Hinter diesem Pseudonym steckt der schwedische Songwriter Kristian Mattson. Im Frühjahr hatte Mattson sein zweites Album „The Wild Hunt“ veröffentlicht. Kombiniert mit dem darauffolgenden Song, der da aus dem Radio kam und sich hörbar unwohl gefühlt haben muss, wurde mir schnell der doppelte Boden dieser Namenswahl bewusst: Da oben muss es ganz schön einsam sein. Und warum sollte ich mir Songwriter anhören, wenn sie nicht entweder von Einsamkeit, Melancholie und den üblichen Wirrungen des Lebens, von Dir und mir und der Liebe, von oben und unten, von der bösen Welt, von all diesem emotionalen Kram singen – oder die tollsten Geschichten der Welt erzählen? Eben.

Als kleine Empfehlung für das, was nach dem Sommer kommt, hier also eine kleine, unsortierte und je nach Maßstab jederzeit erweiterbare Auswahl meiner Lieblings-Songwriter der letzten Jahre, von denen ich nicht behaupte, sie seien die Nachfolger von Bob Dylan oder irgendwem. Sie sind plötzlich einfach da gewesen.

Justin Vernon (Bon Iver) – „For Emma“ (a-cappella mit Band im Treppenhaus):

Sufjan Stevens – „John Wayne Gacy Jr.“:

(vom letzten „richtigen“ Album „Illinoise“, 2005)

J. Tilman – „Jesse’s Not A Sleeper“:

(Fleet Foxes-Drummer, vom dritten Soloalbum „Minor Works“, 2006, leider nur mit plapperndem Publikum live zu finden)

Dallas Green (City And Colour) – „The Girl“:

(Alexisonfire-Sänger und -Gitarrist)

Damien Rice – „Rootless Tree“ (mit Lisa Hannigan, live):

Glen Hansard & Marketa Irglova (The Swell Season)- „When Your Mind’s Made Up“:

(vom „Once“-Soundtrack, live)

Pete Yorn – „Crystal Village“:
Pete_Yorn_Crystal_Village

Rocky Votolato – „Suicide Medicine“:

Ryan Adams – „My Winding Wheel“:

Elliott Smith – „Angeles“:

Ben Harper – „Amen Omen“:

(live im Hollywood Bowl, 2003)

Ben Folds – „Magic“:

Antony & The Johnsons – „Cripple & Starfish“:

Gisli – „Worries“:

(ohne Video, von seinem meines Wissens nach bislang einzigen, sechs Jahre alten Album „How About That“)

Nichts zu danken.


(Disclaimer: Der Titel dieses Eintrags ist übrigens auch der Titel einer Hommage des deutschen Liedermachers Tom Liwa an seine Heimatstadt Duisburg, in der ich auch drei Jahre gelebt habe)


“Bon Jovi waren die Coolsten”

Dashboard Confessional sind die Grateful Dead des neuen Jahrtausends: Als erste Band ohne Charterfolge trat die US-amerikanische Emopop-Band 2002 in der legendären MTV Unplugged-Serie auf und versammeln auf ihren Konzerten seitdem Pilger, keine Fans. Wir sprachen mit dem 35-jährigen Sänger und Songschreiber Chris Carrabba über Pin-Up-Boys, seine Kollaboration mit Eva Briegel von Juli und Bon Jovis Publikum.

Herr Carrabba, in der Vergangenheit galten Sie nicht nur als veritabler Songwriter, sondern vor allem als Pin-Up-Boy spätpubertierender Emo-Mädchen. Wie lebt es sich mit diesem Image?

Chris Carrabba: Es tut nicht weh! So ein Image ist zwar nicht das, worauf ich in meiner Musikkarriere am stolzesten wäre. Aber es öffnet mir Türen.

Und füllt Konzertsäle. Funktionieren in den USA all Ihre Shows so messianisch wie Ihr MTV Unplugged-Konzert 2002? Eine derart mitsingende Jüngerschaft kennt man in Deutschland so kaum.

Chris Carrabba: Lustig, dass Sie das sagen. Unsere europäischen Shows laufen nämlich genauso ab. Vielleicht deshalb, weil die Fans US-Shows von mir im Netz, auf DVD oder eben auf MTV gesehen haben. Und für unsere Shows in den Staaten ist das allemal typisch.

Wie erklären Sie sich die Faszination, die Ihrer Musik gerade von jungen Menschen entgegen gebracht wird? Sie liefern ja regelmäßig kleine Hymnen zur Adoleszenz ab.

Chris Carrabba: Die kann ich mir nicht erklären. Ich fange an darüber nachzudenken und ärgere mich schnell, weil ich zumindest verstehe, dass es vergänglich ist. Deshalb denke ich nicht weiter darüber nach. Früher oder später wird dieser Ruhm unvermeidlich vorbei sein.

Zehn Jahre hält dieser Erfolg schon an. Spüren Sie schon beim Songschreiben eine große Verantwortung, weil Sie wissen, dass die Fans wieder jede Zeile mitsingen werden?

Chris Carrabba: Es wäre gefährlich, darüber nachzudenken, während ich schreibe. Ich kann nicht vorhersagen, was die Leute mögen werden und was nicht. Gut so, weil ich mich sonst an den Erwartungen entlang hangeln und nichts Neues versuchen würde. ich weiß nicht, welches Puzzleteil welche Reaktion hervorruft.

Sie wissen nicht, warum die Leute es mögen. Aber denken Sie darüber nach, ob sie es mögen werden?

Chris Carrabba: Nicht beim Schreibprozess, aber bei den Aufnahmen. Beim Schreiben erlaube ich mir eine Art willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit. Ich isoliere mich. Bei den Aufnahmen habe ich die Verantwortung für jeden, der dabei ist. Beim Schreiben kann ich anonym sein und nur die Frage berücksichtigen: Mag ich es selbst? Hat das Qualität? Später machst du die Platte und fängst an dich zu fragen: Wird das funktionieren? Ich glaube aber, es ist ganz normal, sich während des Schreibens zu fragen, was man da gerade macht. Jeder Songwriter wünscht sich doch, dass sein Song irgendjemanden auf der Welt findet, der ihn umarmt.

Umarmen ist ein gutes Stichwort. Sie sind ein Erzähler, der es versteht, allgegenwärtige Gefühle und eigene Erlebnisse in ein „Wir-Gefühl“ zu packen. Sie mögen die erste Person Plural.

Chris Carrabba: Interessant, so habe ich das noch nie gesehen. Ja, mir fallen spontan Momente ein, wo ich „wir“ singe, zum Beispiel in „Everbody Learns From Disaster“: „We went rolling up the coast…“

Plus: Der Titel ist so allgemein gehalten, dem muss jeder in irgendeiner Art und Weise zustimmen.

Chris Carrabba: Ich erzähle in erster Linie eine Geschichte, die mir etwas bedeutet. Bleiben wir bei dem Song: Da ging es nicht um einen Einzelfall, aber um etwas, das ich immer wieder erfuhr. Mit drei Mädchen und zwei Jungs auf einem Trip. Das könnte es sein.

Ihr neues Album „Alter The Ending“ beginnt mit „Get Me Right“, einem Song, der mit Ihrem Powerpop herrlich wenig zu tun hat. Und er klingt nach einer Band. Herr Leffler, Sie machen seit acht Jahren mit Chris Carrabba Musik. Warum brauchen Songwriter eine Band?

John Leffler: Wegen der Abwechslung. Wir brauchen uns gegenseitig. Es gibt Shows nur mit Chris, welche mit uns beiden, andere mit kompletter Band. Und als Band sind wir in den vergangenen acht gemeinsamen Jahren zusammengewachsen. Das hört man unseren Platten hoffentlich auch an.

Herr Carrabba, Sie geben den Ton trotzdem alleine an, oder?

Chris Carrabba: Es war so. Ich war nie Dirigent, hatte aber größeren Einfluss. Es lief den ganz normalen Weg: Anfangs spielten die Jungs nur hier und da mit, eben bei Songs, die mehr Instrumentierung benötigten. Zu der Zeit spielten sie das, was ich auf der Platte spielen wollte. Obwohl jeder Musiker einen anderen Instinkt hat, spielten sie es, wie ich es spielte. Bei der nächsten Platte hatte ich alle Songs geschrieben, bevor ich die Band einlud, ich hatte also schon eine Meinung über die Songs und wie sie sein sollten. Nur selten fragte ich später noch, wie es ihrer Meinung nach klingen sollte. Dann kam „Dusk And Summer“ und „The Shade Of Poison Trees“, und heute erzähle ich ihnen nur noch die Geschichte in meinem Kopf und frage: „Wie würdet Ihr das interpretieren?“

Trotzdem behaupten nicht Wenige, Dashboard Confessional schrieben die immergleichen Songs.

Chris Carrabba: Sie sagen, dass jedes Album wie das andere klingt?

Zumindest 90 Prozent der neuen Sachen klingen wie schon mal gehört. Liegen neuen Alben auch neue Ansätze zugrunde?

Chris Carrabba: Ich versuche jedes Album komplett anders als das vorige zu gestalten. Mein Stil bleibt natürlich gleich, die Kritik ist also vermutlich vollkommen berechtigt.

Was muss denn ein Song denn haben, um ein guter Dashboard Confessional-Song zu sein?

Chris Carrabba: Es geht mehr um ein Gefühl, nicht um einen Baustein. Ich weiß nicht was ein Song braucht, ich merke lediglich, wenn einem Song etwas fehlt. Wenn ich also Glück habe, merke ich, wenn etwas nicht funktioniert und nehme es nicht auf das Album.

Als Kontrollfunktion haben Sie auch die Bandmitglieder.

Chris Carrabba: Ja, und für gewöhnlich sehe ich schon an ihrer Reaktion, wenn sie die Demos hören, wie sie meine Ideen finden.

Seit MTV Unplugged sind Sie auch kommerziell erfolgreich, ohne jemals ganz oben in den Charts mitgemischt zu haben. Werden Sie in den USA oft im Radio gespielt?

Chris Carrabba: Nicht oft, nein. Unsere Fanbase rekrutiert sich eher durch Touren, durch Konzerte, durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Und wenn Sie doch einen Song von sich im Radio hören machen Sie was?

John Leffler: Aufdrehen!
Chris Carrabba: Ja, aufdrehen. Es passiert so selten, dass wir uns immer noch freuen, wenn wir uns hören. Wir fahren ja sonst nicht durch die Gegend und hören uns unser Album an. Ich höre unsere Platten beim mixen und mastern, danach in der Regel nicht wieder, nur zufällig.

Zur Jahrtausendwende brachten Sie ein Album und eine EP mit der christlichen Emocore-Band Further Seems Forever raus, seit zehn Jahren sind Sie als Dashboard Confessional unterwegs. Haben Sie schon einmal daran gedacht, etwas komplett Neues zu beginnen?

Chris Carrabba: Ja, schon. Ich frage mich nur, wann ich mich in diese Richtung gezogen fühle. Ich sehe etwas kommen, aber ich weiß noch nicht was es ist.

Das klingt, als blieben uns Dashboard Confessional noch eine Weile erhalten.

John Leffler: Und das klingt, als könnten Sie unser Ende nicht abwarten!

Nein, es ist nur nicht jedermanns Sache, etwas zehn Jahre am Stück zu tun.

Chris Carrabba: Mit Dashboard Confessional ist das auch mein erstes Mal, und wenn ich sage, dass ich mir noch zehn weitere Jahre vorstellen kann, dann, weil die letzten zehn Jahre so schnell vorbeigingen. Hättest du mir damals gesagt, dass ich das für zehn Jahre machen werde, wäre mir das wie ein ganzes musikalisches Leben vorgekommen. In der Musikindustrie macht niemand etwas zehn Jahre lang! Ich beeile mich nicht, das hier zu beenden. Früher oder später aber werden wir alle was Neues finden.

Zu Deutschland haben Sie eine besondere Verbindung: 2007 nahmen Sie Ihren Song „Stolen“ zusammen mit Eva Briegel von Juli auf. Wie konnte das denn passieren?

Chris Carrabba: Das war cool. Wir haben ein paar gemeinsame Freunde. Sie gaben uns Julis Album und umgekehrt. Eine ungeheuer kraftvolle Band. So kamen wir in Kontakt und sprachen immer öfter darüber, mal was gemeinsam zu machen.

Wer war dieser Freund?

Chris Carrabba: Ein US-Musiker, den Sie wahrscheinlich nicht kennen werden. Er heißt Kevin Devine.

Der New Yorker Songwriter, der hier in Deutschland im Winter sein fünftes Soloalbum veröffentlichte. Und dann haben Sie sich also Julis Album angehört.

Chris Carrabba: Ja, und obwohl ich anfangs kein einziges Wort verstand, hat es mich gleich gefesselt. Eigentlich sind es die Texte, die mich bei Musik in ihren Bann ziehen. Dort aber packten mich schon die Songs allein.

Und als Sie dann das Duett mit Eva Briegel aufgenommen hatten: Mochten Sie es?

Chris Carrabba: Ja!

Es spielte für Sie also nie eine Rolle, wer diese Band ist oder wie sie in Deutschland wahrgenommen wird?

Chris Carrabba: Ich wusste es nicht und weiß es immer noch nicht. Sie waren hier sehr bekannt, richtig?

Ja. Sie waren es und sind es immer noch und feiern als Gitarrenpop-Band große Charterfolge. Bei einem Publikum, das eher Indie und Alternative hört – also das Publikum, das Sie mal erreichten – haben Juli einen schwierigeren Stand.

Chris Carrabba: Vielleicht hatte ich also glücklicherweise davon keinen Schimmer?

Juli gehörten immerhin zu den ersten Bands, die auf Deutsch sangen und damit kommerziell sehr erfolgreich wurden.

Chris Carrabba: Und heute singen viele Bands deutsch?

Heute tut das jeder, aber vor zehn oder 15 Jahren war das noch die Ausnahme.

Chris Carrabba: Warum sollten Musiker nicht in ihrer Muttersprache singen?

Oft versteckt man sich hinter der englischen Sprache. Wenn du deutsch singst, ist es viel schwieriger, die richtigen Worte zu finden, weil es viel schneller kitschig klingt. Der Texter kann sich hinter der englischen Sprache leichter verstecken, der Hörer überhört vieles, was er auf Deutsch als seiner Muttersprache unmittelbarer wahrnehmen würde.

Chris Carrabba: Hm. (Schweigen.)

Dieses Jahr spielen Sie im Vorprogramm von Bon Jovi.

Chris Carrabba: Ja, diesen Monat. Bis jetzt nur in den USA.

Wurden Sie von der Band eingeladen?

Chris Carrabba: Ja.

Ein größeres Publikum kann man kaum erreichen.

Chris Carrabba: Vor allem erreichen wir ein anderes Publikum. Groß, weil es Bon Jovi ist, vor allem aber anders als unseres. Wir haben Respekt vor einer Band, die etwas so lange tut und das so gut, dass wir gespannt sind, was wir von ihnen lernen können auf der Bühne.

Wie groß werden die Spielstätten sein?

Chris Carrabba: 20-30000 Gäste werden schon passen.

Hier in Deutschland kennt man Bon Jovi vor allem als Rockband, die in den frühen Neunzigern noch einen Namen hatte.

Chris Carrabba: Und sie verschwanden nie. Sie veränderten sich und erreichen heute sogar ein modernes Country-Publikum.

Und wir haben die Scorpions.

Chris Carrabba: Sind die nicht in Rente?

Nein, die feiern gerade Ihr letztes Comeback mit einem neuen Album. Und hier versteht niemand, warum diese Band in den USA so erfolgreich ist.

Chris Carrabba: Mit den Scorpions aber verbindet jeder nur die europäischen Achtziger, oder? Bon jovi hingegen blieben relevant.

Blieben sie? Als coole Rockband gelten sie doch seit den Achtzigern nicht mehr.

Chris Carrabba: Sie waren mit Abstand die coolsten!

Und was man heute von Bon Jovi so im Radio hört, klingt wie ein lauwarmer Aufguss, ein misslungener Spagat. Es ist für eine Band natürlich trotzdem schwer auszuschlagen, vor einem so großen Publikum zu spielen.

Chris Carrabba: Und ich verrate Ihnen noch was: Sie haben ein verdammt großes Publikum, falls wir darüber noch nicht sprachen.

Ihre jetzige Minitour ist kleiner. Heute spielen Sie im Roten Salon, vorgestern verkauften Sie eine kleine Show in Mailand.

Chris Carrabba: Ja, innerhalb von drei Wochen. 250 passten rein, 500 Fans waren da.

Ihre Platte ist dort ebenfalls noch nicht erschienen.

Chris Carrabba: Nein, und wir hatten noch nie eine Veröffentlichung in Italien. „Alter The Ending“ wird die erste.

Viel Erfolg dort!

Chris Carrabba: Danke, ich bin gespannt!

Songwriter-Pop:
Dashboard Confessional – „Alter The Ending“ (Geffen/Universal), 2. April 2010.

www.dashboardconfessional.com

(erschienen auf: BRASH.de, 9. April 2010)

Von Affen, Stolz und Wattenmeer

Man kann es drehen wie man will: Turbostaat demonstrieren auf ihrem vierten Album „Das Island Manöver“ nicht nur einen Hang zu ihren Deutschpunk-Wurzeln. Sondern auch zu menschlichen Abgründen.

Männer, die ihre eigenen Frauen köpfen. Außerehelich geschwängerte Mädchen, die ins friesische Watt geschickt werden und niemals wiederkehren. Jungs, die sich tagsüber auf dem Schulhof prügeln, nachts am Rechner hocken und morgen vielleicht Amok laufen. Frühlingsgefühle, die sich im Wunsch manifestieren, doch bitte im Maisfeld erwürgt zu werden, wenn der Sommer kommt. Man muss kein Psychologe sein, um „Das Island Manöver“, das vierte Album der Flensburger Punkrockband Turbostaat, auf zwei Arten zu lesen beziehungsweise zu hören: Entweder als hinterleuchtenden Querschnitt der KriPo-Highlights vergangener Dekaden im Newsticker, oder als fiktiven Film Noir, als Thriller der erschreckenderen Sorte. Beides läuft auf das Gleiche hinaus: Turbostaat haben einen Hang zu menschlichen Abgründen.

Seit ihrer Gründung 2001 kamen Turbostaat in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ohne ihre mutmaßlichen Ziehväter aus. Erst Jens Rachut (Angeschissen, Dackelblut, Oma Hans, Blumen am Arsch der Hölle, Kommando Sonnenmilch), weil Turbostaats erste beiden Alben „Flamingo“ und „Schwan“ auf Rachuts Label Schiffen erschienen und weil Sänger Jan Windmeier wie Rachut Szenarien und Charaktere entwirft anstatt Slogans zu dreschen. Dann die Beatsteaks, weil deren Drummer Thomas Götz die Flensburger ins Vorprogramm ihrer „Smack Smash“-Tour holte und weil „Vormann Leiss“, Turbostaats großartige Dritte, auf einem Tochterlabel von Warner, wo eben auch die Beatsteaks veröffentlichen, rauskam. Die Musik war von all diesen Nebenschauplätzen nie hörbar beeinflusst. Ihre Wahrnehmung schon.

Turbostaat sind in dieser Zeit bessere Songwriter geworden. Das behaupten sie selbst, schließlich sei „Das Island Manöver“ ihr erstes Album, das sie in zusammenhängenden Stücken geschrieben hätten. Das hört man der immer noch minimal-brachialen Rhythmus- und Gitarrenarbeit, die in ihren besten Momenten wie eine zwingende Konstante klingt, weniger an als den paraphrasierten Schicksalen von Windmeier: Selbst wenn man kein Wort versteht, versteht man sie nun doch. „Diese Affen sprechen von Stolz mein Gott was für ein Thema, jeden Morgen, wird Dir erst schlecht selbst bei mittlerem Seegang“ bellt es gleich im Opener „Kussmaul“ los, und weiter: „Hinter Dir die Enkel der Henker, ersoffen im Glauben und tosender Wut.“

„Pennen bei Gluffke (Wie soll denn so was gehen)“ ist die schwächere erste Single als „Harm Rochel“ vom Vorgänger „Vormann Leiss“, aber schon die restlichen Songtitel (ver)sprechen Bände und für sich: „Surt und Tyrann“, „Fünfwürstchengriff“, „Strandgut“. Der Frühlingshit aus Flensburg heißt „Urlaub auf Fuhwerden (Erwürg mich im Maisfeld)“, und all das hinterlässt nicht weniger als den Eindruck: Gehörten Turbostaat nicht längst zu den besten Punkrockbands des Landes, sie gäben ebenso veritable wie krude Drehbuchschreiber ab. „Das Island Manöver“ ist mindestens so zeitgeistig und politisch wie Muff Potters „Gute Aussicht“. Da wurden Lebensgefühle in Krisen umrissen, hier werden Lebensentwürfe zerissen. Vor allem aber ist „Das Island Manöver“ nicht pure Wut und Agression, sondern der Realität entnommene, in impressionistische Fetzen an die Wand geworfene und wieder abgerissene Fiktion. Und die sieht nun mal auch in Flensburg düster aus.

Turbostaat
„Das Island Manöver“
(Same Same But Different / Warner)
9. April 2010

www.turbostaat.de

(erschienen auf: Motor.de, 6. April 2010)

Industrie Unter


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Universal, Oberbaumbrücke, Berlin-Friedrichshain

Von „UtzUtzUtz“ zu „DrDrDr“

20 Jahre nach der ersten „Loveparade“ feiert ein anderes ehemaliges Underground-Phänomen seinen Höhepunkt im Mainstream: Ist Indie das neue Techno?

Techno ist die größte Untergrundbewegung der letzten 40 Jahre deutscher Musikgeschichte. Technomusik hat nicht nur eine bis heute existente Clubkultur hervorgebracht, Techno markiert auch den Höhepunkt (manche sprechen auch von Tiefpunkt) der letzten von genau drei wirklichen Revolutionen in der Popmusik: Erst kamen die verstärkten Gitarren, dann kamen DJs und Hip-Hop, dann die elektronische Computermusik. Seitdem ist, argumentieren Kulturpessimisten, nichts mehr passiert. Ob das heute so inflationär bemühte Genre namens Indie deshalb Techno verdrängt? Natürlich nicht. Indie hat den Mainstream längst so erobert, wie es Techno niemals tat. Zum Glück.

Schuld ist der Mauerfall

Alles fing ganz harmlos an: In England schmiss eine feierwütige Subkultur in leeren Fabrikhallen seit den späten Siebzigern illegal Partys und Drogen. Es ging um freie Liebe und ihre technische Errungenschaft: Livemusik aus der Konserve. Nach dem Fall der Berliner Mauer nahm das Unheil seinen Lauf: Die “Loveparade” zog durch die vereinte Stadt und von dort aus in die Großraumdiskotheken. Marusha, Westbam oder Mark’Oh, einstmals anerkannte Club-DJs, nutzten die Gunst der Stunde und produzierten Chartfutter für die Massen. Selbst in den Dorfdiscos bouncte man sich Mitte der Neunziger zu Bass und englischsprachigen Einzeilern, einer trashigen Spielart namens “Eurodance”, in simpelste Ekstase: “UtzUtzUtz”, da kann ja jeder mitmachen!

Und Indie? Bezeichnet ja eigentlich nur die Bands und Künstler, von denen noch keine breitere Masse jemals einen Ton gehört hat. “Independent” soll für unabhängig und keine bösen Majorlabels stehen. Mit einer Musikrichtung hat das eigentlich nichts zu tun, auch Techno existiert wegen Indielabels. Verbreiteter ist aber folgendes Verständnis: Schlecht aufgenommene Gitarrenmusik aus der Garage, die nur Loser, wie die Bands nach eigener Auffassung selber welche sind, hören wollen. Diese Begrifflichkeit aber hatte sich spätestens in dem Moment ins Gegenteil verkehrt, als The Strokes aus New York 2001 mit “Is This It” debütierten. Plötzlich beeilten sich die Majors, mehr zu entdecken, die Klone und Nutznießer stürmten Bühnen, Charts und das Establishment. Seitdem brüht sich dieses Nicht-Genre selber auf, weil es per Etikett ein Selbstläufer ist: New Wave, Postpunk, Garage Rock, Gitarrenpop, was auch immer – nenn es Indie und es läuft. Selbst in den Dorfdiscos tanzen sie seit Beginn der Nullerjahre wieder: zu den White Stripes, den Arctic Monkeys oder Maximo Park – und johlen: “DrDrDr”!

Techno war nie Mainstream

Ob Indie Techno verdrängt hat? Natürlich nicht. Das MP3 ersetzt nicht das Vinyl, man muss das Neue annehmen, um das Alte wertzuschätzen. Der Unterschied der beiden Musikrichtungen: Indie war selbst in seiner anerkannten Form schnell Mainstream und ist es bis heute, Techno war es nie. Beide beschreiben ein Lebensgefühl: Techno muss gelebt und eingeworfen werden. Indie ist einfach da, wenn man sich für sonst nichts interessiert.

Doch selbst bei so verschiedenen Ansätzen: Am anhaltenden Indierock-Revival sind nicht The Strokes schuld (deren Debüt vom britischen Hype-Blatt NME jüngst zum “größten Album der Dekade” erkoren wurde). Schuld ist Techno und die durch ihn begründete Hochphase des Hedonismus in den späten Neunzigern: Nach The Prodigy, “Smack My Bitch Up” und all dem Exzess kam der Fall, das Nichts, die Langeweile, die Geldknappheit. Kurzum: die Rückkehr des Garagen-DIY. Und bald, wenn es gar keine Majorlabels im Sinne der goldenen Neunziger mehr gibt, ist ohnehin alles Indie. Und deshalb nichts. Zeit für eine neue Revolution.

(erschienen auf: TheEuropean.de, 21. November 2009)

„Es werden viel zu viele mutlose Platten gemacht“

Popmusik, eine Gratwanderung: Virginia Jetzt! veröffentlichen ihr neues Album „Blühende Landschaften“ und sprechen im Blind Date mit dem Musikexpress über Jochen Distelmeyer, die Münchener Freiheit und den Mut zu Kitsch und Indieschlagern. Was zu dieser Zeit noch niemand wusste: Im Mai 2010 würden sich Virginia Jetzt! auflösen.

Blumfeld – „So lebe ich“

Alle (vorm ersten Ton): Blumfeld!
Mathias Hielscher: „So lebe ich“. „Old Nobody“, Lied neun. Wegweisendes Album für uns. Auf unseren letzten drei Platten war immer ein Blumfeld-Moment drauf.

Thomas Dörschel, Mathias Hielscher und Nino Skrotzki. Nicht am Tisch: Drummer Angelo Gräbs.

ME: Wie klingt der?

Thomas Dörschel: Nur eine bestimmte Textzeile, eine Akustikgitarre, Schlagzeug, weicher Gesang. Seit „Old Nobody“ war ich nie mehr richtig aufgeregt, eine neue Platte das erste Mal zu hören.
Nino Skrotzki: Früher habe ich immer meine Eltern belächelt, die ständig sagten, das klänge doch wie die und die Band. Heute denke ich das oft selbst.
Thomas: Blumfeld kam bei uns gerade so rausgeschossen, weil wir damit gerechnet haben. Und wenn bei uns ein Blumfeld-Moment drauf ist, dann beim ersten Lied „So schlägt mein Herz“.
Nino: Bei der Platte mussten sich Blumfeld ja auch viel Kritik anhören wegen des weichen Sounds.

War es nicht Jochen Distelmeyer, der daraufhin gegen Deutschpopbands wie Euch gewettert hat?

Mathias: Eher gegen eine allgemeine Deutschtümelei. Das bezog sich im Nachhinein gar nicht auf uns direkt. Ein Bekannter, der mit Distelmeyer aufgenommen hat, sagte neulich zu mir: „Ach, der mag Euch ja richtig.“

Herbert Grönemeyer – „Halt mich“

Mathias: Elton John?
Thomas : (Gesang setzt ein) Herbert! Wegen „Halt Dich an mich“?

Und weil dieser Song ein Paradebeispiel für die hohe Kunst des unpeinlichen Liebeslieds ist.

Mathias: Gänsehaut. Unfassbar echt. Der sitzt nicht auf einem Turm, sondern macht Fehler wie wir alle.
Thomas: Grönemeyers Saxophonist Frank Kirchner hat übrigens auch auf unserem Album gespielt.

Element Of Crime – „Death Kills“

Mathias (noch vorm Gesang): Element Of Crime? Neue Platte? Nein?
Thomas: Ach, das ist von einer der beiden englischen Platten von früher. Auch nicht? B-Seite?

Vom letztjährigen Soundtrack „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“. Regeners erste englischen Songs seit rund 20 Jahren.

Thomas: Was deutschsprachige Texte angeht, sind Element Of Crime – mit einigen anderen – das Maß aller Dinge. Seine eigene Art hat Regener auf den letzten 25 Alben konsequent durchgezogen, großartig.

Waren englische Texte für Euch jemals eine Option?

Mathias: Wir haben englisch angefangen. Oder eher mit dem, was im Osten als englisch durchgewunken wurde.
Nino: In Poptexten ging es hauptsächlich um Phonetik, kaum um Inhalte. Es ging um Popmusik und Wohlklang.
Thomas: Es gab keine Poesie. Man spielt ja auch das, womit man aufwächst. Wir haben immer auch viel deutsche Musik gehört. Ich könnte mir uns auch auf englisch vorstellen. Aber wir sind nicht vermögend darin, das zu leisten.
Nino: Wir sind mit der Hamburger Schule aufgewachsen, wo vieles sehr kryptisch und sperrig war. Vieles ist in die Alltagssprache übergangen. Wegen Tocotronic. Empfindungssachen wurden rausgerufen. Dann kam HipHop. Und wenn du heute eine Band gründest, ist es nicht mehr sehr unique, deutsche Texte zu machen.

The Killers – „I can’t stay“

Alle: Killers.
Mathias: Der Mut auf ihrer neuen Platte war tatsächlich auch für uns ein Ansporn. Ein Ansporn zu Saxophonsolos, zu Mike Oldfield-Glocken. Was die sich trauen!
Nino: Die wollten auf ihrer zweiten Platte viel zu viel.
Mathias (lacht): Wir wollten aber auch viel zu viel!
Nino: Das klang wie Wolle Petry, nur besser produziert. Und dann den Mut zu haben, sich dem zu stellen, war analog für uns.
Mathias: Es werden viel zu viele mutlose Platten gemacht.
Thomas: Der Mut, kitschige Sachen zu machen, die erst einmal über die Grenzen des guten Geschmacks hinausschießen, finde ich stark.

Ist “Blühende Landschaften” mutig?

Nino: Auf jeden Fall für uns. Es gab Stellen, an denen wir uns fragten, ob man das wirklich bringen kann. Vor zwei Jahren hätten wir mit “nein” geantwortet.
Mathias: Wir haben uns lange gegen den Begriff Indieschlager gewehrt. Bis andere Bands sagten, wie cool das ist, einen eigenen Begriff zu etablieren. Seitdem versuchen wir nicht mehr, jemand anderes zu sein.
Nino: Pop ist unsere Stärke. Nicht Rock. Früher waren wir Everybody’s Darling in Indieland. Mit “Ein ganzer Sommer” dann kam all der Hass. Im Endeffekt hätten wir es nicht anders machen sollen.
Mathias: Wann kommen denn die Beatles?

Münchener Freiheit – „Ohne Dich“

Thomas: Logisch!
Mathias: Wahnsinn. Unsere Lieblingsband, noch vor Blumfeld, vor Tocotronic, vor den Ärzten. Ich sehe mich noch als Achtjähriger mit meiner Cousine im Wohnzimmer stehen und das Lied kommt im Radio. Schon wieder Gänsehaut. 20 Jahre später spielt Stefan Zauner, der Typ also, den ich damals total super fand, auf unserer Platte mit, wir arbeiten mit ihm. Die haben ja selber gesagt: „Solange man Träume noch leben kann“.
Thomas: Diese Band ist ja eindeutig mit dem Schlagersegment behaftet. Aber es muss etwas dran sein, wenn alle Menschen die Augen weiten, die Mundwinkel nach oben ziehen und das Radio lauter drehen. Wahnsinns-Songwriting, Hut ab vor den Texten, auch wenn die manchmal, das muss auch ich sagen, übers Ziel hinausgeschossen sind. Was sie von vielen anderen Schlagerpopbands der Achtziger unterscheidet: Sie haben sich nicht an mittelmäßigen Bands orientiert, sondern an den Beatles, den Bee Gees, Beach Boys, das hört man. Ausgefuchste Arrangements, die Chöre, Wahnsinn. Harmonisch eine Offenbarung.
Nino: Mit 20 hätten wir auch nicht gesagt, dass die Münchener Freiheit das Maß aller Dinge sind. Das kommt erst aus einem gewissen Selbstbewusstsein heraus. Wenn du so was sagst, sagst du ja vermeintlich mehr über dich aus. Dass du auch Heinz-Rudolf Kunze magst und so.

Jupiter Jones – „Nordpol/Südpol (feat. Jana Pallaske)“

Nino: Kettcar? Muff Potter? Ist aber deutsch? (Gesang setzt ein) Heinz-Rudolf Kunze? Die Stimme klingt ja nicht so indie. Eher so Laith Al-Deen-mäßig.
Thomas: Doch die ist schon indie… aber wer das ist?

Ihr habt garantiert schonmal mit denen gespielt. Fangen mit J an.

Nino: Jupiter Jones?! Wirklich?

Mit „Holiday In Catatonia“ sind sie gerade in die Charts eingestiegen.

Mathias: Wenn die nicht tätowiert sind… Jeder Punk entdeckt, dass da ein vierter Akkord ist!
Nino: Man kann ja auch nicht ewig Punkrock machen.
Thomas: Kann man schon! Der einzigen Band, der ich diesen Wandel nicht verzeihen würde, wären Motörhead.

Rio Reiser – „Junimond“

Mathias: Schon wieder Gänsehaut.
Nino: Viele finden den Song ja so verheizt. Aber der ist unkaputtbar. Ich fand auch die Version von Echt super.
Thomas: Auch Reiser hat seine Steinwerfersongs irgendwann gegen Liebeslieder eingetauscht.

Ist er der beste Songschreiber Deutschlands?

Nino: Nein. Einer von denen. Aber dazu gehört auch Stefan Zauner.
Thomas: Grönemeyer. Regener. Holofernes. Udo Jürgens. Stephan Sulke.

Olli Schulz – „Bloß Freunde“

Mathias: Oliver Schulz.
Thomas: Ich muss dringend pinkeln, hat aber nix mit Oliver Schulz zu tun.
Mathias: Ich auch! Zugegeben: Ich finde Schulz persönlich sympathisch, habe aber mit der Musik Probleme. Ich weiß nicht, was das alles soll. Natürlich ist das Leben genauso lustig wie traurig, so verstehe ich auch seine Musik. Für mich hat er sich mit „Bibo“ beim Bundesvisionsongcontest selbst auf den Punkt gebracht. Das ist die Olli Schulz-Essenz. Konsequenterweise müsste er zwei Bands machen. Die würde ich dann auch beide hören.
Nino: Olli hat damals unseren Spruch geklaut: „Ohne proben ganz nach oben“. Da hatten wir sogar Patent drauf angemeldet. Haben uns aber bereits gerächt dafür…
Mathias: Kommen jetzt die Beatles?

Virginia Jetzt! – „Das Beste für Alle“

Mathias: Endlich! Die Beatles des Ostens! Lange nicht mehr gehört.

Könnt Ihr Euch gut Eure alten Songs anhören?

Thomas: Den hier nicht. Das ist kein Lied mit einem großen Haltbarkeitswert. Dafür mit vielen Fehlern.
Nino: Ich war beeindruckt, wie anders Mieze das damals eingesungen hat. Bei uns herrschte Aufbruchsstimmung.

Ihr singt: „In jedem Falle wär‘s das Beste für alle wenn endlich was geschieht auf dem Gebiet der Rockmusik“. Was ist seitdem passiert?

Mathias: Es sind verdammt gute Platten rausgekommen: Tomtes „Hinter all diesen Fenstern“, Wir Sind Helden, zum Beispiel. Auch bei uns ist was passiert.
Nino: Natürlich war das damals augenzwinkernd. Wir waren keine harte Rockband, wir kamen aus bürgerlichen Verhältnissen. Es ging um ein anderes Selbstverständnis. Wir nahmen unsere Musik ernst, aber nicht uns.
Thomas: Wie Nino sang: Schluss mit diesen Eitelkeiten, diesen Ellbogen, diesem Szenedenken.
Mathias: Was haben Tocotronic im Osten nur angerichtet?


Virginia Jetzt! – „Blühende Landschaften“ (Motor/ RoughTrade), 28. August 2009.


www.virginia-jetzt.de

(in gekürzter Fassung erschienen in: Musikexpress, 08/2009, Seite 26)

Ego auf vier Rädern

Die Wirtschaftskrise und ihre Opfer: Geht mit General Motors auch die Ära des Hummers zu Ende? Eine kleine Kulturgeschichte.

Der Kalte Krieg lag noch in seinen letzten Zügen, aus dem Irak rückten die US-Truppen ab, der amerikanische Drang nach Wettrüsten verlagerte sich ins Landesinnere – das Jahr 1991 markierte auch militärisch den Beginn einer neuen Dekade. Die Popmusik ließ da nicht auf sich warten: Als pazifistische Protestform nutzten HipHop-Bands wie Public Enemy schon seit den Achtzigern Worte statt Waffen, das rhetorische „Battlen“ wurde gesellschaftsfähig. Ihre Gegner aber, die Bürger des amerikanisches Establishments, schlossen die aufklaffende Lücke in ihren rivalisierenden Seelen durch den Erwerb von Luxusgütern auf vier Rädern: Als wahrer Nachlass amerikanischer Expansionsindustrie und Symbol der Aufrüstung des Wohlstands wurde der „Humvee“ auf den Garagenstellplatz der aufblühenden „gated communities“ vorgefahren.

Arnold Schwarzenegger, bekanntlich weder Musiker noch Soldat, läutete dieses Machtspiel ein: Nach dem zweiten Golfkrieg kaufte der ehemalige „Mr. Universum“ als erster Zivilist zwei Hummer. Diese überdimensionalen, 1983 von AM General für Kriegseinsätze entwickelten Geländefahrzeuge hatten ihre Schuldigkeit getan. Jeder gewöhnliche Jeep mutete daneben wie ein Spielzeugauto an. Das Militär gab deshalb seine „High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle“ als H1 zur Massenproduktion frei – und zum Spielen. Ironischerweise nämlich war Schwarzenegger nicht nur der einzige Mann, der kein weiteres Muskelpaket an seiner Seite gebraucht hätte. Er war auch einer der wenigen Menschen, deren physische Erscheinung der eines Hummers gerecht wurde.

Vom Golfkrieg zum Gangsta Rap

Der Bodybuilder und Schauspieler ging Jahre später als „Gouvernator“ in die republikanische Politik, der Hummer als Statussymbol in den schwarzen HipHop. Dessen ursprüngliche Motivation, den Kapitalismus und eine konservative Politik anzuklagen, hatte sich in seiner Mainstreambewegung schon Mitte der Neunziger ins Gegenteil verkehrt. Der „Gangsta Rap“ zog als muskelbepackte Spielart des HipHops von den Straßen in die Charts – und nahm die Knarren als Sinnbild wieder sehr physischen Kräftemessens gleich mit. Das Geld floss. Der Hummer überlebte den erschossenen Tupac Shakur und die Karrieren anderer zeigefreudiger Fans, vom Boxer Mike Tyson bis zum Basketballer Shaquille O’Neal. Größer, breiter, glänzender und argwöhnischer konkurrierte der Wettbewerb auch außerhalb ihrer vom echten Leben mitunter abgeschotteten Villen. Goldbehangene Rapper wie Snoop Dogg, Xzibit oder 50 Cent schmückten ihre HipHop-Videos mit fast barbusigen Bikini-Mädchen, die sich auf Motorhaube oder Rückbank eines Hummers H2 rekeln durften. So etablierten sie den Hummer im Musikfernsehen als mobile Gartenmauer, Ort der Geborgenheit, Phallussymbol und ironischen Seitenhieb auf die Kollegen – ganz eindeutig zu interpretieren war das nie. Wer früher in den Slums auf der Straße kämpfen musste, so schien es, zelebrierte auch in den Bergen Hollywoods noch ein Leben in Angst – obwohl die Nachbarn keine schwer bewaffneten Verbrecher waren, sondern Meg Ryan oder Kevin Costner hießen.

Im Jahre 2002 erleichterte die Steuerpolitik der Bush-Regierung den Kauf der so genannten „gas guzzler“, der Spritschleudern. Der H1 kostete immer noch rund 40 000 US-Dollar und verbrauchte durchschnittlich stolze 30 Liter pro hundert Kilometer. Längst waren es nicht mehr nur Sportler und Musiker, die ihren ultimativen Starstatus mit dem Besitz titanischer Geländefahrzeuge beweisen wollten: Playboy-Gründer Hugh Hefner oder Hotelerbin Paris Hilton gehörten zu den „celebrities“, deren Karrieren durch Amerikas Hinwendung zum Hedonismus erst möglich wurden. Die Industrie erkannte den Trend und baute, als eine Art fahrer- und stadtfreundlicheren Hummer „light“, so genannte SUVs (Sport Utility Vehicles), die fortan die Familienkarosse gehobener Mittelstandsfamilien werden sollten.

Doch das Klima drehte sich. Die Ölpreise stiegen. Ein globales Bewusstsein gegen Ressourcenverschwendung und die Bush-Administration machte sich breit. Im Sommer 2003 zerstörten Vandalen mehrere Autohandlungen in Kalifornien und sprühen Aphorismen wie „fette, faule Amerikaner“ an Wände und Fahrzeuge. Andere Kritiker forderten General Motors auf, spritökonomische Standards einzuhalten. Der Detroiter Konzern reagierte auf sinkende Verkaufszahlen, brachte 2005 den noch kleineren H3 auf den Markt und stoppte ein Jahr später die Produktion des ersten Zivil-Hummers H1, von dem insgesamt 12 000 Stück verkauft wurden. Der H3 verkaufte sich bis dahin 50 000-mal, der H2 doppelt so oft. Seit General Motors Anfang 2008 den Produktionsstop des H2 ankündigte, jubeln seine Feinde auf ihrer Homepage www.fuh2.com („Fuck You And Your H2“): „Mission accomplished – Mission erfüllt“.

Nur in Russland steigen die Absätze

Zuletzt ging alles rasend schnell. Renault traute sich unter dem Slogan „Mehr Sein als Schein“ 2007 eine Werbespot, in dem Celebrities in Beverly Hills ihre protzigen Karren nur so lange vor ihren Villen parkten, bis die Touristenbusse weiterfuhren und fuhren dann ihre Kleinwagen vor. Schwarzenegger ließ einen seiner mittlerweile sieben Humvees auf Wasserstoffbetrieb umbauen und die anderen in der Garage stehen. Zum Frühjahr 2008 brachen die Verkäufe bei General Motors um die Hälfte ein, seitdem taumelte der Konzern. Die bis heute unbezahlten „McMansion“-Vorstadtvillen fielen der Finanzkrise vom Fleck weg zum Opfer, die Häuser in den Hollywood Hills stehen noch. Mit dem Ende der Ära des Kriegers George W. Bush stirbt nun auch das Wettrüsten der verschwenderischen neunziger Jahre und seine letzten Symbole – trotz wieder sinkender Ölpreise. Der Hummer ist die metallgewordene und anachronistische Antithese zu Barack Obamas Klimapolitik. Ein Exportschlager war er noch nie – nur im neureichen Russland steigen die Absätze.

Der Niedergang des im ersten Irakkrieg geborenen Hummers begann schon vor sechs Jahren, als er kollaterales Opfer des zweiten Irakkrieges wurde. Sein Erbe lebt freilich weiter: ein SUV gehört trotz oder gerade wegen Smarts und Elektroautos auch in Europa bei jedem namhaften Automobilhersteller noch zum Programm. Der nun insolvente General Motors-Konzern verkaufte seine Geländewagenmarke Hummer Anfang Juni 2009 an den chinesischen Spezialmaschinen-Hersteller „Sichuan Tengzhong Heavy Industrial Machinery Co“. Ob die Produktion des längst überholten amerikanischen Traums also einen neuen Boom erfährt oder nicht: seit Aufstieg und Fall der Regierung Bushs repolitisiert sich auch der „Gangsta Rap“ und stellt wieder Inhalte über imponierendes Machogehabe. Der geschiedende Präsident hat den Hummer vorerst mit in die politischen Annalen genommen. Public Enemy gehen wieder auf Tour. Der HipHop erlebt also eine materielle Gesundschrumpfung durch die Autoindustrie – und umgekehrt.

(erschienen auf: BRASH.de, Juni 2009)

Dredg 2009

Das Wunder von San Francisco

Die Hoffnung starb nie: Vier Jahre nach ihrem letzten Lebenszeichen haben Dredg ein in Licht und Dunkel erstrahlendes „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ ins Jetzt losgelassen. Endlich. Labelwechsel und der Drang nach Perfektion ließen sie nicht früher. Nur: viel reden wollen sie darüber lieber nicht.

Dredg 2009
Drew Roulette, Dino Campanella, Mark Engles, Gavin Hayes (v.l.)
Wahre Kunst bedarf meist keiner Worte. Sie verliert in dem Moment ihr Gesicht, da sie erklärt werden soll. Im Boulevard und in der Popmusik verkehrt sich dieses ungeschriebene Gesetz gern ins Gegenteil. Kein Wort gelesen, noch keinen Ton gehört: oft reicht die Nachricht selbst zur Sensation. Im Falle der kalifornischen Rockband Dredg, die mit Gossip und Mainstream noch nie groß was am Laufen hatte, reichte allein die Ankündigung eines neuen Albums dieses Frühjahr für Endorphinflashs in der halben rockaffinen Generation U20. Von Erhabenheit, Ehrfurcht, Dunkel, Licht und anderen fast-religiösen Vergleichen ist da die Rede. Die noch nicht gehörte Musik auf „The Pariah, The Parrot, The Delusion“, so scheint der einhellige Tenor, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder über jeden Zweifel erhaben sein. Schließlich ist sie das schon seit über zehn Jahren. Und schließlich haben Dredg – „due to perfectionism“, wie sie auf ihrer kargen Homepage nach der dritten Verschiebung der Veröffentlichung verlautbaren ließen – schlappe vier Jahre am Nachfolger zu „Catch Without Arms“ gearbeitet. „Es hat einfach so lange gedauert“, sagt Sänger Gavin Hayes knapp und teilnahmslos in einem an freundlicher Egalität nicht armen Gespräch bei ihrer neuen alten Berliner Plattenfirma. Neben ihm lümmeln sich auch Dino Campanella (Drums), Mark Engles (Gitarre) und Drew Roulette (Bass) am Konferenztisch. „Wir wollten einfach, dass es gut wird.“ Das ist nur die halbe Wahrheit.

Ein Blick zurück: Ihren kleinen Meisterwerken – man muss das auch mal so sagen dürfen – haben die vier ins Land gezogenen Jahre nicht geschadet. Im Gegenteil: Dredgs Musik legt zu wie ein guter Wein. So funktionierte das schon immer mit Lieblingsalben, so erklärt sich auch das Phänomen Dredg, einer Band als frühe Helden einer Alternative Rock-Szene im Wandel. Wir schreiben das Jahr 1999. Korn befinden sich bereits auf dem absteigenden Ast, die Deftones sollen eine eindrucksvolle Neuauslotung ihrer Grenzen mit „White Pony“ noch beweisen. Die Kids wollen nicht mehr nur frustrierte Typen in dicken Hosen sehen. Tool gelten weiter als unerreichbar. Plötzlich geistert eine Platte namens „Leitmotif“ durch die Plattenläden und frühen Online-Foren. Man weiß nicht viel über diese Band mit dem komischen Namen: Dredg kommen aus der Bay Area, und sie versuchten sich auf ihren ersten EPs noch an progressivem New Metal – einer Musik, die schon dem Namen nach zum Scheitern verurteilt war. Die Etikettierung Alternative Rock löst sich, heute gliche sie einer Beleidigung, wie jeder andere Beschreibungsversuch auch. Den New Metal haben Dredg als schimmernder Sargnagel mitbegraben, ihre Progressivität haben sie behalten.

2002 entdeckt „Interscope“ die Band, nimmt sie unter Vertrag und veröffentlicht Dredgs Major-Debüt „El Cielo“, ein fesselndes Konzeptalbum über Schlafstörungen. Besonders in Deutschland schlagen Dredg durch, mausern sich auch wegen ihrer energetischen Liveshows – Drummertier Campanella verfeuert gerne mal mehrere Sticks und spielt gleichzeitig Piano – zur Lieblingsband unter jungen wie gestandenen Rockfans. Drei Jahre und lange Touren später endlich ein neues Album. Wo andere die Flucht im Experiment suchen, versuchen Dredg sich im Pop. Dino Campanella schüttelt noch heute den Kopf: „Warum empfindet alle Welt „Catch Without Arms“ als konventioneller? Nur, weil wir uns dort gegen Instrumentals und für mehr Energie entschieden hatten?“

Jetzt, vier Jahre später, verkörpert „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ die absolute Verschmelzung von Dredgs Trademark-Sound, diesem Höchstmaß an atmosphärischer Dichte und einer rockgewordenen Weltentrücktheit, einem offensiveren Gespür für die Kompaktheit des Pops (trotz Instrumental-Zwischenstücken) sowie zwei Neuheiten in ihrem grenzenlosen Kosmos: Industrial und R’n’B. „Ich hab schon immer R’n’B gehört“, sagt Bandmotor Dino Campanella freundlich distanziert. Das war’s, nächste Frage.

Gibt es irgendwelche Instrumente, die ihr noch nicht ausprobiert habt?

Dino (ungläubig): „Ja, tonnenweise!“

Konkreter?

Dino: „Ich möchte Songs mit einem Barbershop-Quartett versuchen! Hat bisher aber nie geklappt.“

Gavin: „Ich würde gerne so eine traditionelle Barbershop-Band gründen mit vier Sängern aus anderen Bands. Wenn das hier also jemand liest: Schreibt mir eine Mail.“

Dino: „Um zur Frage zurückzukommen, ob es Dinge gibt, die wir wirklich noch ausprobieren wollen? Natürlich. Genau darum geht es in dieser Band. Wir denken über nichts anderes nach.“
Wie könnt Ihr Eurem einmal genügten Anspruch noch eins drauf setzen? Steht ihr Euch da nicht selbst im Weg?

Mark: „Es ist schwer, ja. Du willst dich verändern, gleichzeitig aber gewisse Aspekte beibehalten, die für uns Dredg ausmachen. Du bist ein bisschen ängstlich, Sachen zu schreiben, die sich auf Territorien bewegen, auf denen Du vorher nicht warst. Aber genau das ist das Spannende.“

Und jetzt? Zufrieden?

Mark: „Irgendwas ist immer, das du anders machen möchtest. Gerade bei vier Leuten. Irgendwann kommst du an einen Punkt, an dem du weißt: Okay, das ist das Album. Aber niemand ist jemals 100 Prozent glücklich damit. Maximal 95 Prozent.“

Dredg, © Universal Music 2009
Pressearbeit engt sie ein: Dredg im Kofferraum
Die Aufnahmen zu „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ beginnen Ende Juli 2008 und dauern insgesamt neun Wochen. Das Artwork geben Drew, der auf der Bühne mit durchschnittlich anderthalb Sätzen mehr spricht als im Interview, und Gavin, die zusammen das Booklet zu „Catch Without Arms“ selbst gestalteten, diesmal komplett in die Hände eines Freundes. Dredg geht es um ein Maximum an Ambition, Perfektion und Abstimmung, schließlich geht es um ihre Kunst und um vier Jahre ihres Lebens. Während der Aufnahmen trennt sich Interscope nach acht Jahren von Dredg. Das ist der andere Teil der Wahrheit, warum sich die schlussendliche Veröffentlichung verzögert. Dredg gründen ihr eigenes Label Ohlone Records und schließen sich damit der Promotions- und Vertriebsfirma International Label Group an. In Deutschland stehen sie exklusiv bei Universal unter Vertrag, die sich damals schon für Interscope um Dredg kümmerten. „Jetzt sind wir in einer hervorragenden Lage“, findet Gavin. Von den wirtschaftlichen Nebenschauplätzen wollen Dredg sonst nichts wissen beziehungsweise nur das Nötigste wissen lassen. Die Musik ist wegen der Touren natürlich auch ein Fulltime-Job, sagt Dino. Die Band allein reicht nicht zum Überleben, ein paar Teilzeitjobs hatten sie in der Zwischenzeit immer wieder, verrät Gavin gelangweilt. Dino stöhnt:

„Warum fragen uns das die Leute? Warum ist das so interessant?“

Ich kenne Euch nicht. Aber Eure Musik klingt so, als stecke Euer Leben darin.

Dino: „Ah, okay, das ist ein nettes Kompliment, dankeschön.“

Mark: „Wir sind definitiv pleite, das kannst Du aufschreiben.“

In Szenekreisen genießen Dredg Kultstatus, für den kommerziellen Durchbruch hat es bisher nie gereicht. Nicht, weil Dredg sich konsequent verweigert hätten. Sondern weil es ihnen egal ist. Ein bisschen was vom Zauber der vergangenen und immer noch anwesenden Platten hat „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ leider eingebüßt, weil seine Musik mehr im Jetzt verankert zu sein scheint. Die Single „Information“ schlägt die Brücke zum hochmelodischen „Catch Without Arms“, schöner flirrt nur „Ireland“ und die stellenweise gar an Ryan Adams erinnernde Ballade „Cartoon Showroom“ durch die Hemisphäre. „I Don’t Know“ und „Savior“ stampfen wie ungewohnte Standortbestimmungen nach vorne. Dredg haben sich selbst gefunden, in dem sie sich aufmachten. Dann dürfen sie außerhalb ihrer wirklich bedeutsamen Geschichten auf den Alben auch gerne erzählen, was sie wollen. Bis zum nächsten, wieder über fast jeden Zweifel erhabenes Album.

Ihr redet nicht gerne über Euch, oder? Solche Interviewtage…

Alle: „Horror! Sterbenslangweilig!“

Es steckt also alles in der Musik.

Dino: „Ja – wie ironisch ist das denn?“

Danke trotzdem!

Dino: „Was für ein Ende! Ein zweckloses Interview, das sich erst in der letzten Zeile als solches herausstellt!“

www.dredg.com

(erschienen in: Westzeit 5/2009)

Dein Herz schlägt schneller

Jetzt ist es raus: „Quicken The Heart“ heißt Maximo Parks dritte rockgewordene Liebeserklärung an ihre Heimat Newcastle und die Menschlichkeit da draußen. Frontbarde Paul Smith will damit nicht mehr viel verändern – nur das Leben der Anderen in drei Minuten. Die Zeit läuft.

Sonne in LA statt Regen in Newcastle: Maximo Park
Um seinen Mitteilungsdrang zu stillen, muss heute niemand mehr Popalben aufnehmen: „Gruseliger Traum diese Nacht – in letzter Minute sollte ich in einem Wohltätigkeitsboxkampf gegen Morrissey antreten, der seit Monaten dafür trainierte. L“ heißt es übersetzt im Twitter-Account von Maximo Park am 11. April 2009. Die Nachricht am Tag davor fällt kürzer und reflektierter aus: „To Romanticise is not to Mythologise. P“. L steht für Lukas. Wenn Lukas Wooller nicht gerade davon träumt, von Englands altehrwürdigster Indierock-Ikone eins auf die Zwölf zu bekommen, spielt er Keyboard bei Maximo Park, Newcastles größtem Exportschlager seit dem Fussballverein Newcastle United und dem süffigen Newcastle Brown Ale. P steht für seinen Kumpel Paul. Paul Smith singt in dieser größtmöglichen Lokalband, die sich als erste Band der zweiten britischen New New Wave-Welle aufmachte, ihre Stadt in die Welt zu tragen. Und er, Paul, der Romantiker, tut das mit einer Inbrunst, die an Bestimmung grenzt.

Eigentlich, so will es die Legende, wollte er nie Sänger einer Band werden. Gemeinsame Bekannte aber gabelten diesen stimmlich durchschnittlich talentierten Kunststudenten vor fünf Jahren in einer Karaoke-Bar auf und schleppten ihn zu Duncan Lloyd (Gitarre), Archis Tiku (Bass), Tom English (Schlagzeug) und Lukas Wooller in den Proberaum. Zack, da hatten sie ihren agilen Frontpoeten, den sie suchten. Seitdem verbindet Smith auf seiner künstlerischen Projektionsfläche namens Maximo Park, benannt nach einem öffentlichen Platz in Havanna, seine Liebe zum Pop mit seinem ungebrochenen Interesse an Literatur, Straßenlyrik, Kulturgeschichte und der Wiederkehr vergangener Epochen im Jetzt. Wenn er twitternd feststellt, dass Romantisierung nicht der Mythologisierung gleicht, dann gleicht das in Wahrheit einer Mahnung an sich selbst, zwischen all den besungenen Allgemeinplätzen über die Liebe und die Mädchen das Besondere nie zu vergessen. Maximo Parks Twitter-Impressionen mögen nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt ihres Alltags sein. Aber sie unterstreichen den musikalischen Ansatz ihrer Verfasser: Maximo Park messen sich mit den Großen ihrer Zunft und bedienen sich dazu an den Mitteln, die ihnen ihre Beobachtungsgabe zur Verfügung stellt und die die letzten 20 Jahre Popgeschichte zu dem gemacht haben, was sie ist: eine Ansammlung von persönlichen Geschichten, Liebesschwüren oder Versagungen, von Tagträumen, eine große Referenz auf die unerträgliche und allgegenwärtige Leichtigkeit des Seins. Maximo Park betreten zu einer Zeit die Popbühne, da sie mit ihren Ambitionen nicht alleine dastehen. Diese Zeit aber hat den anhaltenden Erfolg von diesen fünf Kerlen aus Newcastle überhaupt erst möglich gemacht.

„In unseren Songs steckt unser Leben!“ (Paul Smith)

„Hey Paul, sieh mal hier: Starsailor haben ein neues Album! Bizarr…“. Lukas Wooller sitzt unter goldverziertem Stuck und Wandmalereien im königlich restaurierten Flügelzimmer eines Berliner Hotels und blättert in der aktuellen unclesally*s-Ausgabe. Er trägt ein weißes Micky Maus-T-Shirt, Smith seine obligatorische Hutmode über nackenlangen schwarzen Haaren. Obwohl oder vielleicht weil sie schon den ganzen Tag über „Quicken The Heart“, ihr drittes und in Los Angeles aufgenommenes Album, sprechen, sind beide in bester Laune und gewohnt mitteilungsbedürftig. Sie grinsen in einer Tour, wie kleine Jungs, die sehr wohl wissen, was für ein Segen es ist, so zu leben wie gerade jetzt. Mit der gesamten Band waren sie vor zwei Wochen erst in der Stadt, gaben im Kreuzberger Lido die weltweite Livepremiere ihrer neuen Songs. „The Kids Are Sick Again“, die erste Single, war einer der eingängigsten davon. Smith, dieses Duracell-Häschen des Britpops, gab alles, wie immer. Er kann nicht anders. Auf Anhieb aber zündeten die neuen Lieder kaum, sie tun es auch auf dem Album lange nicht. Es fehlt die unbedingte Hetze nach der Hookline, der bittersüße Zuckerguss, der fast jeden Song auf „A Certain Trigger“ und viele von „Our Earthly Pleasures“ zu einem Disco- und Autofahrgaranten machte. Maximo Park haben 2009 keine Hitsingle-Kollektion aufgenommen, sondern ein Rockalbum.

„Heute morgen fragte uns jemand, ob wir nur noch Alben machen, um auf Tour zu gehen und Geld zu verdienen“, erinnert sich Lukas und legt wieder sein schelmisches Grinsen auf. „Was für eine schreckliche Vorstellung.“ „Wir alle haben unsere musikalischen Spielflächen. In unserer Musik mit Maximo Park aber stecken unsere Leben“, sagt Paul vollkommen unironisch und führt den Gedanken aus. „Würde ich es wegen der Kohle machen, hätte ich mir längst einen einfacheren Job gesucht. Wir opfern uns jeden Abend auf Tour auf, das sind wir uns und den Fans schuldig.“ Natürlich, sagen beide, war die Grundmotivation zur Bandgründung, es besser zu machen als alle anderen da draußen; sie ist es bis heute geblieben. „Als wir damals in Newcastle Musik mit unseren Freunden machten, waren wir inspiriert von Bands wie Pavement“, erinnert sich Lukas an die Anfangstage seiner Band. „Dann gehst du in den Pub und triffst Leute, die in ihren Lederjacken herumstehen und ernsthaft denken, Oasis machen herausragende Musik. Und du denkst dir: Da steckt doch viel mehr in Popmusik als das. Wir wollten den Leuten zeigen, dass es auch Echtes gibt von dort, wo wir herkommen. Die Menschen in Newcastle wollten lieber jemand anderes sein.“ „Aus Manchester wollten sie sein!“ wirft Paul, der nicht länger als zehn Sekunden nichts sagen kann, ein. „Und wir dachten uns: warum nicht du selbst sein?“ fährt Lukas fort. „Daher kommen Maximo Park. Wir wollten uns auf eine ehrliche Art und Weise selbst ausdrücken und ohne Klischees direkt mit den Leuten kommunizieren. So war es schon immer, so ist es immer noch.“

„Ich will kein medioker Mensch sein“ (Paul Smith)

Als Maximo Park im Frühjahr 2005 ihr Debüt „A Certain Trigger“ veröffentlichen, ist die Indie-Jugend eigentlich längst gesättigt. Der Erfolg der Strokes aus New York hatte seit 2001 auch den Gitarrenrock der Insel befeuert. Die Presse feiert 2004 Franz Ferdinands Debütalbum als Speerspitze einer New New Wave-Welle, die nach Joy Division auch lebensbejahendere Bands der Achtziger wie die Gang Of Four für sich wiederentdeckt hatte. Davor und danach machen sich unzählige, darunter auch unzählige gute, britische Bands auf, es ihnen gleich zu tun. Dieses Fahrwasser also spült auch Maximo Park mit nach oben, weil sie dem kommerziellen Erfolg nicht hinterher hecheln, ihr Dasein als getriebene, aber bodenständige Künstler in den Vordergrund stellen und auch darüber hinaus vieles richtiger als andere machen: Seit ihrer ersten Single „The Coast Is Always Changing“ haftet jedem ihrer Songs ein unverkennbarer Trademark-Sound an. Lloyds Gitarrenarbeit hat die Hooklines für sich gepachtet; Woollers Purzelbäume auf dem omnipräsenten Keyboard, die in schlechteren Bands mit schlechteren Songs längst die Grenze zum Unerträglichen überschritten hätten, werden von der knackigen Rhythmus-Fraktion im Zaum gehalten; Smiths unkitschige Liebeslyrics kommen mit betont eigenem nordenglischen Akzent um die Straßenecke. Auch abseits der Musik kreieren Maximo Park sich eine Corporate Identity: Ihre Alben und Singles bemühen eine wiederkehrende Weiß-Rot-Ästhetik, auf dem Cover von „A Certain Trigger“ tanzt sich ein stilisierter Paul als Symbol seiner unbändigen Bühnenagilität in Ekstase. Vielleicht fällt er auch im nächsten Moment um. Das „i“ im Bandnamen schreibt sich als sogenannter Heavy Metal-Umlaut (im Englischen: „röck döts“) mit zwei Punkten, wie man es sonst nur von Hardlinern wie Mötley Crüe oder Motörhead kennt. Das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen, wie die Musik von Maximo Park im Indierock der Nuller Jahre. Limitieren diese selbst gesetzten Marken nicht eine Band, die sich auf ihrem dritten Album vom Image lossagen müsste, auf ewig zum Erfüllungsgehilfen vergangener Jugendträume degradiert zu werden?

Paul: „Nicht wirklich. „Quicken The Heart“ hat von seinen Vorgängern gelernt und kreiert etwas Neues. Uns ist bewusst, dass wir limitiert sind in dem, was wir tun. Ich kann nur auf eine Handvoll verschiedene Arten singen, das klingt alles nach mir. Wir alle haben unsere Herangehensweisen. Aber was wir auch versuchen, es kommt immer auf die alles entscheidende Frage zurück: „Ist das ein guter Popsong?“ Außerhalb dessen wollen wir gar nichts. Das ist die Schönheit eines Popsongs: Innerhalb von drei Minuten kannst du soviel behandeln. Du kannst Ideen aus der Avantgarde stehlen und sie in den Mainstream schmuggeln. Für mich klingt das neue Album definitiv wie eine neue Version von uns. Ich fühle mich nicht eingeschränkt, weil ich weiß: falls wir beginnen, uns zu wiederholen, hören wir einfach auf.“

Würdet Ihr selbst merken, wenn es soweit ist?

Paul: „Ich hoffe doch! Wir Fünf sind sehr selbstkritisch. Ich frage mich ständig: Ist das relevant für andere Leute? Ich rede jetzt über den Auswahlprozess der Songs, nicht das Songwriting selbst. Mit Maximo Park haben wir diese Qualitätskontrolle. Wir verstoßen gegen den Mainstream, von dem wir ein Teil sind. Ich möchte nicht wie eine dieser Bands klingen, die im Radio laufen, wie alle anderen klingen und es nur wegen der Kohle tun. Für drei Minuten möchte ich das Leben der Leute ändern! Das ist ambitioniert, aber nur so will ich an unsere Musik herangehen. Ob unsere Songs das Potential dazu haben, fühle ich, bevor wir sie veröffentlichen. Falls wir diese Begeisterung schon in uns nicht finden, hören wir auf. Ich will keine mediokre Person in einer mediokren Band sein.“

Nur Mittelmaß waren Maximo Park bisher nie, ihr Streben nach dem perfekten Popsong in drei Minuten ist ihnen bis heute in jeder Sekunde anzuhören. „Quicken The Heart“ aber will mehr sein als ein Sammelbecken von zwölf Ohrwürmern und ist selbst das erst auf den dritten Blick. Der Opener „Wraithlike“ (frei übersetzt: gespenstisch) wurde vorab zum kostenlosen Download ins Netz gestellt und könnte die Fährte nicht falscher legen: „ Here’s a song that finally you can understand, a minor statement meant to counteract the plan, a list of wraith-like things, that quicken the heart“ singt Smith ungewohnt düster. Klingt so der Soundtrack dieses Frühlings? Ja. „Du kannst zu allen Songs tanzen, obwohl sie keine Tanzsongs sind. Wenn du sie in einem Nachtclub hörst, kannst du mit deinem Kopf dazu nicken“, entwarnt Smith vorsichtig – und soll natürlich Recht behalten. Zum ersten Mal haben Maximo Park ein Album aufgenommen, das sich Zeit lässt, sich keine Zeit zu lassen. „Time Is Overrated“, eine andere Zeile eines an starken Zeilen nicht armen Albums, war ebenfalls als Titel im Rennen. „Es zählt der Moment und nicht die Frage, ob du etwas lieber zu dieser oder jener Zeit tun solltest“, erklärt Smith. Der endgültige Titel blieb bis zuletzt ungewiss. Maximo Park veröffentlichten ihn auf ihrer Homepage, also dort, wo sie twittern und mit ihren Fans auch abseits des Promokarussells der Musikindustrie in Kontakt treten. Die Zeile „Quicken The Heart“ summiert das Grundgefühl der zwölf neuen Songs so, wie es schon die Titel der ersten beiden Alben von Maximo Park ihrerzeit taten. „Die Platte kann dein Herz rasend machen“, glaubt Smith. „Sie ist wie etwas, das zurückkehrt, dich zu jagen, nachdem jemand gegangen ist. Es klingt vermutlich primitiv, das so zu benennen. Aber unser Hauptantrieb lässt sich auf diese Formel runterbrechen: Alles, was uns zu unserer Musik bewegt, ist all das, was dein Herz schneller schlagen lässt.“

Bier für die Flaneure des Indierocks

Die Kunst, die Smith und Maximo Park vor fünf Jahren als die ihre entdeckten, haben sie sich bis heute bewahrt: Sie erkennen das Besondere im Allgemeinen und die Welt als keine Selbstverständlichkeit. Sie führen sich das jeden Tag vor Augen; in ihren Tweets, Songs und Alben auch ihrer Anhängerschaft. „Let’s Get Clinical“ ist vielleicht das chirurgische und lyrische Herzstück eines dritten Albums, das sich selbst nur langsam zur Herzensangelegenheit entwickelt. „I want to map your body out, inch by inch, head to toe“ singt Paul Smith und ist sich der polarisierenden Nebenwirkung seiner Texte in jeder Sekunde bewusst: „All unsere Songs behandeln Details, die andere Leute sich nicht rauspicken würden. Weil sie es nicht interessant genug finden oder so noch nicht darüber nachgedacht haben. Wir wollen eine kleine Geschichte erzählen und durch eine nachvollziehbare Sprache den Leuten erlauben, hereinzutreten. Sie sollen sagen können: „Das ist auch mein Leben, ja“.“

Bei anderen Bands scheppern solche Zeilen mit solchen Umschreibungen haarscharf am Schlager vorbei. Bei Maximo Park gehören sie zum romantischen Selbstbildnis. Smith findet die Erkenntnis „bare ankles used to mean adventure, and with you they still do“ romantischer als die tausendste Beschreibung eines schönen Gesichts. „Romantik ist mehr als physische Liebe“, erkennt er und vergleicht sie mit dem Leben, das er einatmet, bis seine Songs ausgeatmet werden: „Du läufst die Straße herunter, lässt dich von den Dingen inspirieren und suchst nach Schönheit. Ob es nun ein Gebäude von Le Corbussier ist, aus der Ära des Barocks oder aus der Moderne stammt: Die Welt ist voll von diesen Dingen, die jede Zeitperiode zurückgelassen hat. Die Liebe einer Person kannst du anwenden auf diese Umwelt, in der du dich befindest. Es hilft dir, dich an die andere Liebe zu erinnern, und es gibt deinem Leben eine Bedeutung: Du läufst nicht nur die Straße runter, du tust etwas Bedeutungsvolles.“ Frank Zappa sprach einst den oft zitierten Satz: „Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen.“ Paul Smith schreibt Musik darüber, wie er zu Architektur tanzt. Er flaniert durch die Straßen Englands und die Weltgeschichte, absorbiert dieses Erleben mit allen Poren und ist sich im Klaren: Der Weg ist sein Ziel. „Baudelaire nannte das den Versuch, dem alltäglichen Leben Poesie zu geben“, schwärmt Smith, dieser Flaneur des Indierocks, über seine lyrischen Vorbilder. Im selben Moment beginnen Selbst- und Fremdwahrnehmung dieser Band sich auf wundersame Weise zu decken. Auch die Auseinandersetzung mit Maximo Parks Musik gleicht einer Entdeckungsreise in scheinbar so bekanntem Terrain.

Ihre Heimat Newcastle haben Maximo Park auf diese Weise schon oft durchwandert. Entwachsen sind sie, die plötzlichen Popstars, ihr nicht. Im Gegenteil: Anlässlich eines diesjährigen Homecoming-Gigs vor 12 000 Daheimgebliebenen hat Newcastle Brown Ale eine Limited Edition ihres Bieres auf den Markt gebracht: Maximo Brown Ale. Paul freut sich darüber genauso wie über sein Privileg, mit der Band die ganze Welt bereisen zu können:

„Vorher hatten sie nur eine Limited Edition hergestellt: Für Alan Shearer, als er als Spieler bei Newcastle United in den Ruhestand ging! Dabei trinke ich noch nicht einmal Bier.“

Lukas: „Ich trinke Bier. Und es war uns eine Ehre, auf so einer Flasche drauf zu sein. Es gibt nicht viele davon. Wenn du also eine in die Finger kriegst, behalte sie – sie ist eine Menge wert, bestimmt 50 p.“

Paul: „75 p!“

www.maximopark.com

(erschienen in: unclesally*s 5/2009)

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Krise? Zeitgeist!

Punk? Pop? Mittelfinger? Durch ihre siebte Platte „Gute Aussicht“ rumpeln Muff Potter so disharmonisch wie noch nie, so angepisst klangen sie zuletzt auf „Bordsteinkantengeschichten“. Mit dem Wechsel vom Majorlabel zu Huck’s Plattenkiste habe das nichts zu tun, erklärt Sänger Nagel. Mit einer Krise schon.

Eigentlich wollten Muff Potter ja eine Pause machen. Ende 2007, nach der Tour zu „Steady Fremdkörper“, ihrem zweiten Album für Universal und sechsten seit der Bandgründung 1993 in Münster. Diese Pause aber währte nur kurz: Sänger Nagel zog mit seinem Debütroman auf Lesetour, Gitarrist Dennis produzierte und veröffentlichte Ghost Of Tom Joad und Myagi, Bassist Shredder widmete sich seinem Job als Schreiner, Nachbar und Drummer Brami putzte Fenster für Omas und spielte die Hauptrolle in einem No Budget-Film. Bis plötzlich ihr 15-jähriges Bandjubiläum vor der Türe stand – und kurz darauf, im vergangenen Herbst, Nagel selbst, mit haufenweise neuen Ideen. Muff Potter bezogen ein Haus im Emsland, schrieben neun Songs in fünf Tagen, spielten Universal erste Hörproben vor. „Da war deren Entscheidung wohl längst gefallen“, vermutet die Band. „Gute Aussicht“ aber musste raus, Nagel brannte es unter den Fingern. Er war dieses Mal der Hauptantrieb, den drei anderen erschien das anfangs ein wenig voreilig. Andere Labels bekundeten Interesse, die gegenwärtige Musikindustrie aber war Muff Potter zu wackelig. Also zurück zum bandeigenen Label „Huck’s Plattenkiste“. Das bedeutete Arbeit: alte Strukturen mussten neu belebt, bezahlbare und altbekannte Promo- und Bookingagenturen überzeugt, ein neuer Vertrieb gefunden werden. Alles aus eigener Vorkasse. Jetzt heißt es wieder mehr denn je: Touren – die einzig nennenswerte Einnahmequelle für Bands jedweder Größenordnung.

Berlin-Neukölln. Nagels Küchentisch zieren Platzdeckchen mit dem Boxermotiv seiner Band. Ein Relikt aus alten Tagen, ein Symbol ihres Durchhaltevermögens. Nagel quetscht eine Zitrone aus. Er ist froh, dass die Wahl der Plattenfirma noch nie Einfluss auf Muff Potters Musik hatte. „Wir haben immer die Platten gemacht, die wir gerade machen wollten. Manchmal haben wir es zu 80 Prozent geschafft, manchmal zu 100 Prozent. Bei der „Von Wegen“ waren es 100 Prozent, bei „Gute Aussicht“ auch. Bei den anderen wäre im Nachhinein noch ein bisschen Luft nach oben gewesen.“ „Gute Aussicht“, ein Mittelfinger gegen Radiotauglichkeit und Melodieversoffenheit, entstand über einen komprimierten und intensiven Zeitraum, „deshalb haben die Songs so eine Wucht, eine Lebendigkeit. Die Live-Einspielung tut da nur ihr Übriges.“ Die schlägt fast teurer zu Buche als reguläre Studioaufenthalte, schließlich brauchten Muff Potter plötzlich „24 statt zwei“ ordentliche Mikrofone, auch Haus- und Hof-Produzent Nikolai Potthoff (Tomtes Live-Bassist) und der neue Engineer Torsten Otto mussten irgendwie bezahlt werden.

Eine wie auch immer geartete Krise aber beeinflusste nicht allein die wirtschaftlichen Nebenschauplätze der Musik. Die entstand bei Muff Potter nie im luftleeren Raum, sie reagierte auf ihre jeweilige Umgebung. Nagel und Dennis wohnen seit zwei Jahren in Berlin, der Stadt also, die sich selbst als „arm aber sexy“ empfindet. Das eingefangene Gefühl aber ist umgreifender. Eine Rhetorik der Angst macht sich in den Köpfen breit, Antworten auf einfache Fragen lauten heute „Danke, gut – aber…“. Niemand weiß, wie lange noch. „Gute Aussicht“ verzichtet auf Liebeslieder und bedient sich dieses Zeitgeistes, in dem es keine klaren Aussagen gibt. „Der schönste Platz ist immer an der Hypotheke“ kläfft Nagel in der ersten Single „Blitzkredit Bop“ und geht noch weiter: „Ich möchte 2009 die Platte hören, die den Nerv der Zeit mehr als „Gute Aussicht“ trifft.“ So wie Unternehmen und Einzelkarrieren der Reihe nach zusammenbrechen, so wenig traut man sich eine Schadenfreude. Man könnte ja der Nächste sein. Diese Unsicherheit, dieses daraus entstehende Gefühl ist allgegenwärtig, diese Wiedersprüchlichkeit bestimmt auch „Gute Aussicht“, sagt Nagel, aus dessen Feder diesmal alle zwölf Songs stammen: „Wahrscheinlich ist es leider eine zeitlose Platte“ – er betont das „leider“ – „weil nächstes Jahr nicht wieder alles oben auf sein wird.“

„Die Party ist vorbei – lass uns tanzen“ („Die Party ist vorbei“)

Aus jeder Krise resultiert naturgemäß eine Chance. So wie Muff Potter sich mit ihrem neuen Album auf das Wesentliche zurückbesinnen (Spielfreude, Punkrock, ihre Umgebung), so trennt sich in der Musikbranche die Spreu vom Weizen. Muff Potter schielten noch nie auf schnelle Hits, „wir sind ja froh, überhaupt Geld damit zu verdienen.“ Seit 15 Jahren liefern sie Qualität ab, das goutieren auch die Fans. „Die Chance gerade ist, dass Inhalte wieder mehr wahrgenommen werden“, hofft Nagel. „Wir sind von so einer Krise weniger stark betroffen als ein „Vanity Fair“-Magazin, wo man einfach sagen kann: das war scheiße, das hat nicht funktioniert, weg vom Fenster, der Nächste bitte.“

Dieses Punkrock-Dasein ist Muff Potter in all den Jahren trotz Majorlabel-Ausflügen nicht verloren gegangen. Im Gegenteil, es spendete ihnen die nötige Puste. Der Niedergang vermeintlich sicherer Karrieren bestätigt sie in ihrem Weg, sagt auch Nagel: „Eigentlich finde ich es ja immer gut, wenn Sachen kaputt gehen. Ich habe nichts gelernt, Karrierismus war Muff Potter schon immer fremd. Wenn nun ein Schema F nicht mehr funktioniert, gleicht das einer Befreiung: ich muss über dieses Schema also nicht mehr nachdenken und kann einfach machen.“ Zum Beispiel eine Platte schreiben, die wütend klingt, weil die Welt wütend ist. Nagel und Muff Potter selbst könnte es ja schlechter gehen: „Ich bin mit mir im Reinen, mache gute Sachen und kann davon leben. Im Umfeld meiner Mutter werden alle arbeitslos, niemand hält einen Job sein Leben lang. So kapiert sie endlich auch, dass ich mein Talent nicht vergeude.“

www.muffpotter.net

(erschienen in: unclesally*s 5/2009)