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Dein Herz schlägt schneller

1. Mai 2009 | Von |

Jetzt ist es raus: „Quicken The Heart“ heißt Maximo Parks dritte rockgewordene Liebeserklärung an ihre Heimat Newcastle und die Menschlichkeit da draußen. Frontbarde Paul Smith will damit nicht mehr viel verändern – nur das Leben der Anderen in drei Minuten. Die Zeit läuft.

Sonne in LA statt Regen in Newcastle: Maximo Park

Um seinen Mitteilungsdrang zu stillen, muss heute niemand mehr Popalben aufnehmen: „Gruseliger Traum diese Nacht – in letzter Minute sollte ich in einem Wohltätigkeitsboxkampf gegen Morrissey antreten, der seit Monaten dafür trainierte. L“ heißt es übersetzt im Twitter-Account von Maximo Park am 11. April 2009. Die Nachricht am Tag davor fällt kürzer und reflektierter aus: „To Romanticise is not to Mythologise. P“. L steht für Lukas. Wenn Lukas Wooller nicht gerade davon träumt, von Englands altehrwürdigster Indierock-Ikone eins auf die Zwölf zu bekommen, spielt er Keyboard bei Maximo Park, Newcastles größtem Exportschlager seit dem Fussballverein Newcastle United und dem süffigen Newcastle Brown Ale. P steht für seinen Kumpel Paul. Paul Smith singt in dieser größtmöglichen Lokalband, die sich als erste Band der zweiten britischen New New Wave-Welle aufmachte, ihre Stadt in die Welt zu tragen. Und er, Paul, der Romantiker, tut das mit einer Inbrunst, die an Bestimmung grenzt.

Eigentlich, so will es die Legende, wollte er nie Sänger einer Band werden. Gemeinsame Bekannte aber gabelten diesen stimmlich durchschnittlich talentierten Kunststudenten vor fünf Jahren in einer Karaoke-Bar auf und schleppten ihn zu Duncan Lloyd (Gitarre), Archis Tiku (Bass), Tom English (Schlagzeug) und Lukas Wooller in den Proberaum. Zack, da hatten sie ihren agilen Frontpoeten, den sie suchten. Seitdem verbindet Smith auf seiner künstlerischen Projektionsfläche namens Maximo Park, benannt nach einem öffentlichen Platz in Havanna, seine Liebe zum Pop mit seinem ungebrochenen Interesse an Literatur, Straßenlyrik, Kulturgeschichte und der Wiederkehr vergangener Epochen im Jetzt. Wenn er twitternd feststellt, dass Romantisierung nicht der Mythologisierung gleicht, dann gleicht das in Wahrheit einer Mahnung an sich selbst, zwischen all den besungenen Allgemeinplätzen über die Liebe und die Mädchen das Besondere nie zu vergessen. Maximo Parks Twitter-Impressionen mögen nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt ihres Alltags sein. Aber sie unterstreichen den musikalischen Ansatz ihrer Verfasser: Maximo Park messen sich mit den Großen ihrer Zunft und bedienen sich dazu an den Mitteln, die ihnen ihre Beobachtungsgabe zur Verfügung stellt und die die letzten 20 Jahre Popgeschichte zu dem gemacht haben, was sie ist: eine Ansammlung von persönlichen Geschichten, Liebesschwüren oder Versagungen, von Tagträumen, eine große Referenz auf die unerträgliche und allgegenwärtige Leichtigkeit des Seins. Maximo Park betreten zu einer Zeit die Popbühne, da sie mit ihren Ambitionen nicht alleine dastehen. Diese Zeit aber hat den anhaltenden Erfolg von diesen fünf Kerlen aus Newcastle überhaupt erst möglich gemacht.

„In unseren Songs steckt unser Leben!“ (Paul Smith)

„Hey Paul, sieh mal hier: Starsailor haben ein neues Album! Bizarr…“. Lukas Wooller sitzt unter goldverziertem Stuck und Wandmalereien im königlich restaurierten Flügelzimmer eines Berliner Hotels und blättert in der aktuellen unclesally*s-Ausgabe. Er trägt ein weißes Micky Maus-T-Shirt, Smith seine obligatorische Hutmode über nackenlangen schwarzen Haaren. Obwohl oder vielleicht weil sie schon den ganzen Tag über „Quicken The Heart“, ihr drittes und in Los Angeles aufgenommenes Album, sprechen, sind beide in bester Laune und gewohnt mitteilungsbedürftig. Sie grinsen in einer Tour, wie kleine Jungs, die sehr wohl wissen, was für ein Segen es ist, so zu leben wie gerade jetzt. Mit der gesamten Band waren sie vor zwei Wochen erst in der Stadt, gaben im Kreuzberger Lido die weltweite Livepremiere ihrer neuen Songs. „The Kids Are Sick Again“, die erste Single, war einer der eingängigsten davon. Smith, dieses Duracell-Häschen des Britpops, gab alles, wie immer. Er kann nicht anders. Auf Anhieb aber zündeten die neuen Lieder kaum, sie tun es auch auf dem Album lange nicht. Es fehlt die unbedingte Hetze nach der Hookline, der bittersüße Zuckerguss, der fast jeden Song auf „A Certain Trigger“ und viele von „Our Earthly Pleasures“ zu einem Disco- und Autofahrgaranten machte. Maximo Park haben 2009 keine Hitsingle-Kollektion aufgenommen, sondern ein Rockalbum.

„Heute morgen fragte uns jemand, ob wir nur noch Alben machen, um auf Tour zu gehen und Geld zu verdienen“, erinnert sich Lukas und legt wieder sein schelmisches Grinsen auf. „Was für eine schreckliche Vorstellung.“ „Wir alle haben unsere musikalischen Spielflächen. In unserer Musik mit Maximo Park aber stecken unsere Leben“, sagt Paul vollkommen unironisch und führt den Gedanken aus. „Würde ich es wegen der Kohle machen, hätte ich mir längst einen einfacheren Job gesucht. Wir opfern uns jeden Abend auf Tour auf, das sind wir uns und den Fans schuldig.“ Natürlich, sagen beide, war die Grundmotivation zur Bandgründung, es besser zu machen als alle anderen da draußen; sie ist es bis heute geblieben. „Als wir damals in Newcastle Musik mit unseren Freunden machten, waren wir inspiriert von Bands wie Pavement“, erinnert sich Lukas an die Anfangstage seiner Band. „Dann gehst du in den Pub und triffst Leute, die in ihren Lederjacken herumstehen und ernsthaft denken, Oasis machen herausragende Musik. Und du denkst dir: Da steckt doch viel mehr in Popmusik als das. Wir wollten den Leuten zeigen, dass es auch Echtes gibt von dort, wo wir herkommen. Die Menschen in Newcastle wollten lieber jemand anderes sein.“ „Aus Manchester wollten sie sein!“ wirft Paul, der nicht länger als zehn Sekunden nichts sagen kann, ein. „Und wir dachten uns: warum nicht du selbst sein?“ fährt Lukas fort. „Daher kommen Maximo Park. Wir wollten uns auf eine ehrliche Art und Weise selbst ausdrücken und ohne Klischees direkt mit den Leuten kommunizieren. So war es schon immer, so ist es immer noch.“

„Ich will kein medioker Mensch sein“ (Paul Smith)

Als Maximo Park im Frühjahr 2005 ihr Debüt „A Certain Trigger“ veröffentlichen, ist die Indie-Jugend eigentlich längst gesättigt. Der Erfolg der Strokes aus New York hatte seit 2001 auch den Gitarrenrock der Insel befeuert. Die Presse feiert 2004 Franz Ferdinands Debütalbum als Speerspitze einer New New Wave-Welle, die nach Joy Division auch lebensbejahendere Bands der Achtziger wie die Gang Of Four für sich wiederentdeckt hatte. Davor und danach machen sich unzählige, darunter auch unzählige gute, britische Bands auf, es ihnen gleich zu tun. Dieses Fahrwasser also spült auch Maximo Park mit nach oben, weil sie dem kommerziellen Erfolg nicht hinterher hecheln, ihr Dasein als getriebene, aber bodenständige Künstler in den Vordergrund stellen und auch darüber hinaus vieles richtiger als andere machen: Seit ihrer ersten Single „The Coast Is Always Changing“ haftet jedem ihrer Songs ein unverkennbarer Trademark-Sound an. Lloyds Gitarrenarbeit hat die Hooklines für sich gepachtet; Woollers Purzelbäume auf dem omnipräsenten Keyboard, die in schlechteren Bands mit schlechteren Songs längst die Grenze zum Unerträglichen überschritten hätten, werden von der knackigen Rhythmus-Fraktion im Zaum gehalten; Smiths unkitschige Liebeslyrics kommen mit betont eigenem nordenglischen Akzent um die Straßenecke. Auch abseits der Musik kreieren Maximo Park sich eine Corporate Identity: Ihre Alben und Singles bemühen eine wiederkehrende Weiß-Rot-Ästhetik, auf dem Cover von „A Certain Trigger“ tanzt sich ein stilisierter Paul als Symbol seiner unbändigen Bühnenagilität in Ekstase. Vielleicht fällt er auch im nächsten Moment um. Das „i“ im Bandnamen schreibt sich als sogenannter Heavy Metal-Umlaut (im Englischen: „röck döts“) mit zwei Punkten, wie man es sonst nur von Hardlinern wie Mötley Crüe oder Motörhead kennt. Das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen, wie die Musik von Maximo Park im Indierock der Nuller Jahre. Limitieren diese selbst gesetzten Marken nicht eine Band, die sich auf ihrem dritten Album vom Image lossagen müsste, auf ewig zum Erfüllungsgehilfen vergangener Jugendträume degradiert zu werden?

Paul: „Nicht wirklich. „Quicken The Heart“ hat von seinen Vorgängern gelernt und kreiert etwas Neues. Uns ist bewusst, dass wir limitiert sind in dem, was wir tun. Ich kann nur auf eine Handvoll verschiedene Arten singen, das klingt alles nach mir. Wir alle haben unsere Herangehensweisen. Aber was wir auch versuchen, es kommt immer auf die alles entscheidende Frage zurück: „Ist das ein guter Popsong?“ Außerhalb dessen wollen wir gar nichts. Das ist die Schönheit eines Popsongs: Innerhalb von drei Minuten kannst du soviel behandeln. Du kannst Ideen aus der Avantgarde stehlen und sie in den Mainstream schmuggeln. Für mich klingt das neue Album definitiv wie eine neue Version von uns. Ich fühle mich nicht eingeschränkt, weil ich weiß: falls wir beginnen, uns zu wiederholen, hören wir einfach auf.“

Würdet Ihr selbst merken, wenn es soweit ist?

Paul: „Ich hoffe doch! Wir Fünf sind sehr selbstkritisch. Ich frage mich ständig: Ist das relevant für andere Leute? Ich rede jetzt über den Auswahlprozess der Songs, nicht das Songwriting selbst. Mit Maximo Park haben wir diese Qualitätskontrolle. Wir verstoßen gegen den Mainstream, von dem wir ein Teil sind. Ich möchte nicht wie eine dieser Bands klingen, die im Radio laufen, wie alle anderen klingen und es nur wegen der Kohle tun. Für drei Minuten möchte ich das Leben der Leute ändern! Das ist ambitioniert, aber nur so will ich an unsere Musik herangehen. Ob unsere Songs das Potential dazu haben, fühle ich, bevor wir sie veröffentlichen. Falls wir diese Begeisterung schon in uns nicht finden, hören wir auf. Ich will keine mediokre Person in einer mediokren Band sein.“

Nur Mittelmaß waren Maximo Park bisher nie, ihr Streben nach dem perfekten Popsong in drei Minuten ist ihnen bis heute in jeder Sekunde anzuhören. „Quicken The Heart“ aber will mehr sein als ein Sammelbecken von zwölf Ohrwürmern und ist selbst das erst auf den dritten Blick. Der Opener „Wraithlike“ (frei übersetzt: gespenstisch) wurde vorab zum kostenlosen Download ins Netz gestellt und könnte die Fährte nicht falscher legen: „ Here’s a song that finally you can understand, a minor statement meant to counteract the plan, a list of wraith-like things, that quicken the heart“ singt Smith ungewohnt düster. Klingt so der Soundtrack dieses Frühlings? Ja. „Du kannst zu allen Songs tanzen, obwohl sie keine Tanzsongs sind. Wenn du sie in einem Nachtclub hörst, kannst du mit deinem Kopf dazu nicken“, entwarnt Smith vorsichtig – und soll natürlich Recht behalten. Zum ersten Mal haben Maximo Park ein Album aufgenommen, das sich Zeit lässt, sich keine Zeit zu lassen. „Time Is Overrated“, eine andere Zeile eines an starken Zeilen nicht armen Albums, war ebenfalls als Titel im Rennen. „Es zählt der Moment und nicht die Frage, ob du etwas lieber zu dieser oder jener Zeit tun solltest“, erklärt Smith. Der endgültige Titel blieb bis zuletzt ungewiss. Maximo Park veröffentlichten ihn auf ihrer Homepage, also dort, wo sie twittern und mit ihren Fans auch abseits des Promokarussells der Musikindustrie in Kontakt treten. Die Zeile „Quicken The Heart“ summiert das Grundgefühl der zwölf neuen Songs so, wie es schon die Titel der ersten beiden Alben von Maximo Park ihrerzeit taten. „Die Platte kann dein Herz rasend machen“, glaubt Smith. „Sie ist wie etwas, das zurückkehrt, dich zu jagen, nachdem jemand gegangen ist. Es klingt vermutlich primitiv, das so zu benennen. Aber unser Hauptantrieb lässt sich auf diese Formel runterbrechen: Alles, was uns zu unserer Musik bewegt, ist all das, was dein Herz schneller schlagen lässt.“

Bier für die Flaneure des Indierocks

Die Kunst, die Smith und Maximo Park vor fünf Jahren als die ihre entdeckten, haben sie sich bis heute bewahrt: Sie erkennen das Besondere im Allgemeinen und die Welt als keine Selbstverständlichkeit. Sie führen sich das jeden Tag vor Augen; in ihren Tweets, Songs und Alben auch ihrer Anhängerschaft. „Let’s Get Clinical“ ist vielleicht das chirurgische und lyrische Herzstück eines dritten Albums, das sich selbst nur langsam zur Herzensangelegenheit entwickelt. „I want to map your body out, inch by inch, head to toe“ singt Paul Smith und ist sich der polarisierenden Nebenwirkung seiner Texte in jeder Sekunde bewusst: „All unsere Songs behandeln Details, die andere Leute sich nicht rauspicken würden. Weil sie es nicht interessant genug finden oder so noch nicht darüber nachgedacht haben. Wir wollen eine kleine Geschichte erzählen und durch eine nachvollziehbare Sprache den Leuten erlauben, hereinzutreten. Sie sollen sagen können: „Das ist auch mein Leben, ja“.“

Bei anderen Bands scheppern solche Zeilen mit solchen Umschreibungen haarscharf am Schlager vorbei. Bei Maximo Park gehören sie zum romantischen Selbstbildnis. Smith findet die Erkenntnis „bare ankles used to mean adventure, and with you they still do“ romantischer als die tausendste Beschreibung eines schönen Gesichts. „Romantik ist mehr als physische Liebe“, erkennt er und vergleicht sie mit dem Leben, das er einatmet, bis seine Songs ausgeatmet werden: „Du läufst die Straße herunter, lässt dich von den Dingen inspirieren und suchst nach Schönheit. Ob es nun ein Gebäude von Le Corbussier ist, aus der Ära des Barocks oder aus der Moderne stammt: Die Welt ist voll von diesen Dingen, die jede Zeitperiode zurückgelassen hat. Die Liebe einer Person kannst du anwenden auf diese Umwelt, in der du dich befindest. Es hilft dir, dich an die andere Liebe zu erinnern, und es gibt deinem Leben eine Bedeutung: Du läufst nicht nur die Straße runter, du tust etwas Bedeutungsvolles.“ Frank Zappa sprach einst den oft zitierten Satz: „Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen.“ Paul Smith schreibt Musik darüber, wie er zu Architektur tanzt. Er flaniert durch die Straßen Englands und die Weltgeschichte, absorbiert dieses Erleben mit allen Poren und ist sich im Klaren: Der Weg ist sein Ziel. „Baudelaire nannte das den Versuch, dem alltäglichen Leben Poesie zu geben“, schwärmt Smith, dieser Flaneur des Indierocks, über seine lyrischen Vorbilder. Im selben Moment beginnen Selbst- und Fremdwahrnehmung dieser Band sich auf wundersame Weise zu decken. Auch die Auseinandersetzung mit Maximo Parks Musik gleicht einer Entdeckungsreise in scheinbar so bekanntem Terrain.

Ihre Heimat Newcastle haben Maximo Park auf diese Weise schon oft durchwandert. Entwachsen sind sie, die plötzlichen Popstars, ihr nicht. Im Gegenteil: Anlässlich eines diesjährigen Homecoming-Gigs vor 12 000 Daheimgebliebenen hat Newcastle Brown Ale eine Limited Edition ihres Bieres auf den Markt gebracht: Maximo Brown Ale. Paul freut sich darüber genauso wie über sein Privileg, mit der Band die ganze Welt bereisen zu können:

„Vorher hatten sie nur eine Limited Edition hergestellt: Für Alan Shearer, als er als Spieler bei Newcastle United in den Ruhestand ging! Dabei trinke ich noch nicht einmal Bier.“

Lukas: „Ich trinke Bier. Und es war uns eine Ehre, auf so einer Flasche drauf zu sein. Es gibt nicht viele davon. Wenn du also eine in die Finger kriegst, behalte sie – sie ist eine Menge wert, bestimmt 50 p.“

Paul: „75 p!“

www.maximopark.com

(erschienen in: unclesally*s 5/2009)

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