2 Ergebnis(se) werden angezeigt

Dein Herz schlägt schneller

Jetzt ist es raus: „Quicken The Heart“ heißt Maximo Parks dritte rockgewordene Liebeserklärung an ihre Heimat Newcastle und die Menschlichkeit da draußen. Frontbarde Paul Smith will damit nicht mehr viel verändern – nur das Leben der Anderen in drei Minuten. Die Zeit läuft.

Sonne in LA statt Regen in Newcastle: Maximo Park
Um seinen Mitteilungsdrang zu stillen, muss heute niemand mehr Popalben aufnehmen: „Gruseliger Traum diese Nacht – in letzter Minute sollte ich in einem Wohltätigkeitsboxkampf gegen Morrissey antreten, der seit Monaten dafür trainierte. L“ heißt es übersetzt im Twitter-Account von Maximo Park am 11. April 2009. Die Nachricht am Tag davor fällt kürzer und reflektierter aus: „To Romanticise is not to Mythologise. P“. L steht für Lukas. Wenn Lukas Wooller nicht gerade davon träumt, von Englands altehrwürdigster Indierock-Ikone eins auf die Zwölf zu bekommen, spielt er Keyboard bei Maximo Park, Newcastles größtem Exportschlager seit dem Fussballverein Newcastle United und dem süffigen Newcastle Brown Ale. P steht für seinen Kumpel Paul. Paul Smith singt in dieser größtmöglichen Lokalband, die sich als erste Band der zweiten britischen New New Wave-Welle aufmachte, ihre Stadt in die Welt zu tragen. Und er, Paul, der Romantiker, tut das mit einer Inbrunst, die an Bestimmung grenzt.

Eigentlich, so will es die Legende, wollte er nie Sänger einer Band werden. Gemeinsame Bekannte aber gabelten diesen stimmlich durchschnittlich talentierten Kunststudenten vor fünf Jahren in einer Karaoke-Bar auf und schleppten ihn zu Duncan Lloyd (Gitarre), Archis Tiku (Bass), Tom English (Schlagzeug) und Lukas Wooller in den Proberaum. Zack, da hatten sie ihren agilen Frontpoeten, den sie suchten. Seitdem verbindet Smith auf seiner künstlerischen Projektionsfläche namens Maximo Park, benannt nach einem öffentlichen Platz in Havanna, seine Liebe zum Pop mit seinem ungebrochenen Interesse an Literatur, Straßenlyrik, Kulturgeschichte und der Wiederkehr vergangener Epochen im Jetzt. Wenn er twitternd feststellt, dass Romantisierung nicht der Mythologisierung gleicht, dann gleicht das in Wahrheit einer Mahnung an sich selbst, zwischen all den besungenen Allgemeinplätzen über die Liebe und die Mädchen das Besondere nie zu vergessen. Maximo Parks Twitter-Impressionen mögen nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt ihres Alltags sein. Aber sie unterstreichen den musikalischen Ansatz ihrer Verfasser: Maximo Park messen sich mit den Großen ihrer Zunft und bedienen sich dazu an den Mitteln, die ihnen ihre Beobachtungsgabe zur Verfügung stellt und die die letzten 20 Jahre Popgeschichte zu dem gemacht haben, was sie ist: eine Ansammlung von persönlichen Geschichten, Liebesschwüren oder Versagungen, von Tagträumen, eine große Referenz auf die unerträgliche und allgegenwärtige Leichtigkeit des Seins. Maximo Park betreten zu einer Zeit die Popbühne, da sie mit ihren Ambitionen nicht alleine dastehen. Diese Zeit aber hat den anhaltenden Erfolg von diesen fünf Kerlen aus Newcastle überhaupt erst möglich gemacht.

„In unseren Songs steckt unser Leben!“ (Paul Smith)

„Hey Paul, sieh mal hier: Starsailor haben ein neues Album! Bizarr…“. Lukas Wooller sitzt unter goldverziertem Stuck und Wandmalereien im königlich restaurierten Flügelzimmer eines Berliner Hotels und blättert in der aktuellen unclesally*s-Ausgabe. Er trägt ein weißes Micky Maus-T-Shirt, Smith seine obligatorische Hutmode über nackenlangen schwarzen Haaren. Obwohl oder vielleicht weil sie schon den ganzen Tag über „Quicken The Heart“, ihr drittes und in Los Angeles aufgenommenes Album, sprechen, sind beide in bester Laune und gewohnt mitteilungsbedürftig. Sie grinsen in einer Tour, wie kleine Jungs, die sehr wohl wissen, was für ein Segen es ist, so zu leben wie gerade jetzt. Mit der gesamten Band waren sie vor zwei Wochen erst in der Stadt, gaben im Kreuzberger Lido die weltweite Livepremiere ihrer neuen Songs. „The Kids Are Sick Again“, die erste Single, war einer der eingängigsten davon. Smith, dieses Duracell-Häschen des Britpops, gab alles, wie immer. Er kann nicht anders. Auf Anhieb aber zündeten die neuen Lieder kaum, sie tun es auch auf dem Album lange nicht. Es fehlt die unbedingte Hetze nach der Hookline, der bittersüße Zuckerguss, der fast jeden Song auf „A Certain Trigger“ und viele von „Our Earthly Pleasures“ zu einem Disco- und Autofahrgaranten machte. Maximo Park haben 2009 keine Hitsingle-Kollektion aufgenommen, sondern ein Rockalbum.

„Heute morgen fragte uns jemand, ob wir nur noch Alben machen, um auf Tour zu gehen und Geld zu verdienen“, erinnert sich Lukas und legt wieder sein schelmisches Grinsen auf. „Was für eine schreckliche Vorstellung.“ „Wir alle haben unsere musikalischen Spielflächen. In unserer Musik mit Maximo Park aber stecken unsere Leben“, sagt Paul vollkommen unironisch und führt den Gedanken aus. „Würde ich es wegen der Kohle machen, hätte ich mir längst einen einfacheren Job gesucht. Wir opfern uns jeden Abend auf Tour auf, das sind wir uns und den Fans schuldig.“ Natürlich, sagen beide, war die Grundmotivation zur Bandgründung, es besser zu machen als alle anderen da draußen; sie ist es bis heute geblieben. „Als wir damals in Newcastle Musik mit unseren Freunden machten, waren wir inspiriert von Bands wie Pavement“, erinnert sich Lukas an die Anfangstage seiner Band. „Dann gehst du in den Pub und triffst Leute, die in ihren Lederjacken herumstehen und ernsthaft denken, Oasis machen herausragende Musik. Und du denkst dir: Da steckt doch viel mehr in Popmusik als das. Wir wollten den Leuten zeigen, dass es auch Echtes gibt von dort, wo wir herkommen. Die Menschen in Newcastle wollten lieber jemand anderes sein.“ „Aus Manchester wollten sie sein!“ wirft Paul, der nicht länger als zehn Sekunden nichts sagen kann, ein. „Und wir dachten uns: warum nicht du selbst sein?“ fährt Lukas fort. „Daher kommen Maximo Park. Wir wollten uns auf eine ehrliche Art und Weise selbst ausdrücken und ohne Klischees direkt mit den Leuten kommunizieren. So war es schon immer, so ist es immer noch.“

„Ich will kein medioker Mensch sein“ (Paul Smith)

Als Maximo Park im Frühjahr 2005 ihr Debüt „A Certain Trigger“ veröffentlichen, ist die Indie-Jugend eigentlich längst gesättigt. Der Erfolg der Strokes aus New York hatte seit 2001 auch den Gitarrenrock der Insel befeuert. Die Presse feiert 2004 Franz Ferdinands Debütalbum als Speerspitze einer New New Wave-Welle, die nach Joy Division auch lebensbejahendere Bands der Achtziger wie die Gang Of Four für sich wiederentdeckt hatte. Davor und danach machen sich unzählige, darunter auch unzählige gute, britische Bands auf, es ihnen gleich zu tun. Dieses Fahrwasser also spült auch Maximo Park mit nach oben, weil sie dem kommerziellen Erfolg nicht hinterher hecheln, ihr Dasein als getriebene, aber bodenständige Künstler in den Vordergrund stellen und auch darüber hinaus vieles richtiger als andere machen: Seit ihrer ersten Single „The Coast Is Always Changing“ haftet jedem ihrer Songs ein unverkennbarer Trademark-Sound an. Lloyds Gitarrenarbeit hat die Hooklines für sich gepachtet; Woollers Purzelbäume auf dem omnipräsenten Keyboard, die in schlechteren Bands mit schlechteren Songs längst die Grenze zum Unerträglichen überschritten hätten, werden von der knackigen Rhythmus-Fraktion im Zaum gehalten; Smiths unkitschige Liebeslyrics kommen mit betont eigenem nordenglischen Akzent um die Straßenecke. Auch abseits der Musik kreieren Maximo Park sich eine Corporate Identity: Ihre Alben und Singles bemühen eine wiederkehrende Weiß-Rot-Ästhetik, auf dem Cover von „A Certain Trigger“ tanzt sich ein stilisierter Paul als Symbol seiner unbändigen Bühnenagilität in Ekstase. Vielleicht fällt er auch im nächsten Moment um. Das „i“ im Bandnamen schreibt sich als sogenannter Heavy Metal-Umlaut (im Englischen: „röck döts“) mit zwei Punkten, wie man es sonst nur von Hardlinern wie Mötley Crüe oder Motörhead kennt. Das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen, wie die Musik von Maximo Park im Indierock der Nuller Jahre. Limitieren diese selbst gesetzten Marken nicht eine Band, die sich auf ihrem dritten Album vom Image lossagen müsste, auf ewig zum Erfüllungsgehilfen vergangener Jugendträume degradiert zu werden?

Paul: „Nicht wirklich. „Quicken The Heart“ hat von seinen Vorgängern gelernt und kreiert etwas Neues. Uns ist bewusst, dass wir limitiert sind in dem, was wir tun. Ich kann nur auf eine Handvoll verschiedene Arten singen, das klingt alles nach mir. Wir alle haben unsere Herangehensweisen. Aber was wir auch versuchen, es kommt immer auf die alles entscheidende Frage zurück: „Ist das ein guter Popsong?“ Außerhalb dessen wollen wir gar nichts. Das ist die Schönheit eines Popsongs: Innerhalb von drei Minuten kannst du soviel behandeln. Du kannst Ideen aus der Avantgarde stehlen und sie in den Mainstream schmuggeln. Für mich klingt das neue Album definitiv wie eine neue Version von uns. Ich fühle mich nicht eingeschränkt, weil ich weiß: falls wir beginnen, uns zu wiederholen, hören wir einfach auf.“

Würdet Ihr selbst merken, wenn es soweit ist?

Paul: „Ich hoffe doch! Wir Fünf sind sehr selbstkritisch. Ich frage mich ständig: Ist das relevant für andere Leute? Ich rede jetzt über den Auswahlprozess der Songs, nicht das Songwriting selbst. Mit Maximo Park haben wir diese Qualitätskontrolle. Wir verstoßen gegen den Mainstream, von dem wir ein Teil sind. Ich möchte nicht wie eine dieser Bands klingen, die im Radio laufen, wie alle anderen klingen und es nur wegen der Kohle tun. Für drei Minuten möchte ich das Leben der Leute ändern! Das ist ambitioniert, aber nur so will ich an unsere Musik herangehen. Ob unsere Songs das Potential dazu haben, fühle ich, bevor wir sie veröffentlichen. Falls wir diese Begeisterung schon in uns nicht finden, hören wir auf. Ich will keine mediokre Person in einer mediokren Band sein.“

Nur Mittelmaß waren Maximo Park bisher nie, ihr Streben nach dem perfekten Popsong in drei Minuten ist ihnen bis heute in jeder Sekunde anzuhören. „Quicken The Heart“ aber will mehr sein als ein Sammelbecken von zwölf Ohrwürmern und ist selbst das erst auf den dritten Blick. Der Opener „Wraithlike“ (frei übersetzt: gespenstisch) wurde vorab zum kostenlosen Download ins Netz gestellt und könnte die Fährte nicht falscher legen: „ Here’s a song that finally you can understand, a minor statement meant to counteract the plan, a list of wraith-like things, that quicken the heart“ singt Smith ungewohnt düster. Klingt so der Soundtrack dieses Frühlings? Ja. „Du kannst zu allen Songs tanzen, obwohl sie keine Tanzsongs sind. Wenn du sie in einem Nachtclub hörst, kannst du mit deinem Kopf dazu nicken“, entwarnt Smith vorsichtig – und soll natürlich Recht behalten. Zum ersten Mal haben Maximo Park ein Album aufgenommen, das sich Zeit lässt, sich keine Zeit zu lassen. „Time Is Overrated“, eine andere Zeile eines an starken Zeilen nicht armen Albums, war ebenfalls als Titel im Rennen. „Es zählt der Moment und nicht die Frage, ob du etwas lieber zu dieser oder jener Zeit tun solltest“, erklärt Smith. Der endgültige Titel blieb bis zuletzt ungewiss. Maximo Park veröffentlichten ihn auf ihrer Homepage, also dort, wo sie twittern und mit ihren Fans auch abseits des Promokarussells der Musikindustrie in Kontakt treten. Die Zeile „Quicken The Heart“ summiert das Grundgefühl der zwölf neuen Songs so, wie es schon die Titel der ersten beiden Alben von Maximo Park ihrerzeit taten. „Die Platte kann dein Herz rasend machen“, glaubt Smith. „Sie ist wie etwas, das zurückkehrt, dich zu jagen, nachdem jemand gegangen ist. Es klingt vermutlich primitiv, das so zu benennen. Aber unser Hauptantrieb lässt sich auf diese Formel runterbrechen: Alles, was uns zu unserer Musik bewegt, ist all das, was dein Herz schneller schlagen lässt.“

Bier für die Flaneure des Indierocks

Die Kunst, die Smith und Maximo Park vor fünf Jahren als die ihre entdeckten, haben sie sich bis heute bewahrt: Sie erkennen das Besondere im Allgemeinen und die Welt als keine Selbstverständlichkeit. Sie führen sich das jeden Tag vor Augen; in ihren Tweets, Songs und Alben auch ihrer Anhängerschaft. „Let’s Get Clinical“ ist vielleicht das chirurgische und lyrische Herzstück eines dritten Albums, das sich selbst nur langsam zur Herzensangelegenheit entwickelt. „I want to map your body out, inch by inch, head to toe“ singt Paul Smith und ist sich der polarisierenden Nebenwirkung seiner Texte in jeder Sekunde bewusst: „All unsere Songs behandeln Details, die andere Leute sich nicht rauspicken würden. Weil sie es nicht interessant genug finden oder so noch nicht darüber nachgedacht haben. Wir wollen eine kleine Geschichte erzählen und durch eine nachvollziehbare Sprache den Leuten erlauben, hereinzutreten. Sie sollen sagen können: „Das ist auch mein Leben, ja“.“

Bei anderen Bands scheppern solche Zeilen mit solchen Umschreibungen haarscharf am Schlager vorbei. Bei Maximo Park gehören sie zum romantischen Selbstbildnis. Smith findet die Erkenntnis „bare ankles used to mean adventure, and with you they still do“ romantischer als die tausendste Beschreibung eines schönen Gesichts. „Romantik ist mehr als physische Liebe“, erkennt er und vergleicht sie mit dem Leben, das er einatmet, bis seine Songs ausgeatmet werden: „Du läufst die Straße herunter, lässt dich von den Dingen inspirieren und suchst nach Schönheit. Ob es nun ein Gebäude von Le Corbussier ist, aus der Ära des Barocks oder aus der Moderne stammt: Die Welt ist voll von diesen Dingen, die jede Zeitperiode zurückgelassen hat. Die Liebe einer Person kannst du anwenden auf diese Umwelt, in der du dich befindest. Es hilft dir, dich an die andere Liebe zu erinnern, und es gibt deinem Leben eine Bedeutung: Du läufst nicht nur die Straße runter, du tust etwas Bedeutungsvolles.“ Frank Zappa sprach einst den oft zitierten Satz: „Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen.“ Paul Smith schreibt Musik darüber, wie er zu Architektur tanzt. Er flaniert durch die Straßen Englands und die Weltgeschichte, absorbiert dieses Erleben mit allen Poren und ist sich im Klaren: Der Weg ist sein Ziel. „Baudelaire nannte das den Versuch, dem alltäglichen Leben Poesie zu geben“, schwärmt Smith, dieser Flaneur des Indierocks, über seine lyrischen Vorbilder. Im selben Moment beginnen Selbst- und Fremdwahrnehmung dieser Band sich auf wundersame Weise zu decken. Auch die Auseinandersetzung mit Maximo Parks Musik gleicht einer Entdeckungsreise in scheinbar so bekanntem Terrain.

Ihre Heimat Newcastle haben Maximo Park auf diese Weise schon oft durchwandert. Entwachsen sind sie, die plötzlichen Popstars, ihr nicht. Im Gegenteil: Anlässlich eines diesjährigen Homecoming-Gigs vor 12 000 Daheimgebliebenen hat Newcastle Brown Ale eine Limited Edition ihres Bieres auf den Markt gebracht: Maximo Brown Ale. Paul freut sich darüber genauso wie über sein Privileg, mit der Band die ganze Welt bereisen zu können:

„Vorher hatten sie nur eine Limited Edition hergestellt: Für Alan Shearer, als er als Spieler bei Newcastle United in den Ruhestand ging! Dabei trinke ich noch nicht einmal Bier.“

Lukas: „Ich trinke Bier. Und es war uns eine Ehre, auf so einer Flasche drauf zu sein. Es gibt nicht viele davon. Wenn du also eine in die Finger kriegst, behalte sie – sie ist eine Menge wert, bestimmt 50 p.“

Paul: „75 p!“

www.maximopark.com

(erschienen in: unclesally*s 5/2009)

zur gedruckten Version

Tod der Szenepolizei

Das einstige Wunderkind der britischen Dance-Szene meldet sich lautstark zurück: Auf „Invaders Must Die“ erfinden sich The Prodigy nicht neu und trotzen dem Zeitgeist. Frontsau Keith Flint erklärt, warum: „Ich feiere immer noch das Jahr 1990“.

Hach, die goldenen Neunziger. Was waren das für Zeiten: Die Plattenfirmen schmissen ihr Geld noch zum Fenster raus, Musikvideos wurden noch von einer Öffentlichkeit wahrgenommen und waren Teil eines Diskurses über Popmusik, die damals noch Skandale auslöste. Zu keiner anderen Zeit hätte eine Band wie The Prodigy einen derartigen Erfolg feiern können wie damals. Ihre Musik, ein gallekotzender Bastard aus Elektro und Punk, war für einen Mainstream niemals konzipiert – und traf genau deshalb derart ins Mark einer gelangweilten Generation. Diese Londoner Party-Bohème diente dem Video zu The Prodigys “Smack My Bitch Up” ebenso als Blaupause wie der zehn Jahre später verfassten und bitterbösen Musikbusiness-Satire ‘Kill Your Friends‘ von John Niven: Fuffies im Club, Koks auf’m Klo, Saufen ohne Morgen, bumsen bis aufs Blut. Der Hedonismus in den englischen Clubs hatte, wie die Karriere von The Prodigy, seinen Höhepunkt erreicht.

‘Smack My Bitch Up‘, nach ‘Firestarter‘ und ‘Breathe‘ die dritte Single-Auskopplung aus ‘The Fat Of The Land‘, wurde erst zum Soundtrack dieser Ära, dann zu ihrem Abgesang. MTV verbannte das Video aus seinem familienfreundlichen Programm. Das wahre Verdienst von The Prodigy aber war nicht allein, den Zeitgeist zu Grabe zu tragen, der sie als Band erst hervorgebracht hatte. Mit ‘The Fat Of The Land‘, einem der meistverkauftesten britischen Alben der Neunziger, brachten sie den Elektro zu den Massen und revolutionierten den Dancefloor.

Technobeats in Tokio: Keith Flint, Liam Howlett, Maxim Reality (v.l.)

‘Invaders Must Die‘ heißt das neue Album von The Prodigy. Es ist das fünfte in der 19-jährigen Bandgeschichte, zitiert seine Vorgänger nur am Rande und stampft durch die Clubs, als ob es den Bigbeat im Breakbeat gerade erst erfunden hätte. Wer also den Stellenwert von The Prodigy, diesem einstmaligen Phänomen, in der Pop-Geschichte einordnen will, muss wissen, woraus diese Band erwachsen ist.

Im London der späten achtziger Jahre feiert eine Subkultur Hochkultur: Unter der Flagge ‘Acid House‘ belagern DJs leere Warehouses, schmeißen Drogen und Parties. Der Smiley wird zum Symbol einer Rave-Kultur, die statt Gitarren (wie noch die Hippiekultur von 1968) Turntables als ihr Instrument sexueller Befreiung erkennt, sich selbst und ihre neuen technischen Möglichkeiten gerade erst kennen lernt und höchstens erahnt, welch kleine Revolution sie in der Popmusik damit anzetteln würde. In dieser Zeit beginnt auch ein gewisser Liam Howlett, sich an HipHop, Rave und DJing auszuprobieren. Zusammen mit dem Tänzer Keith Flint und dem Sänger Leeroy Thornhill gründet er 1990 The Prodigy. Zwei Jahre später, zu einer Zeit, als Tanzkünstler eigentlich noch keine Alben veröffentlichten, erscheint ihr Debüt namens ‘Experience‘. Weniger in Anlehnung an Jimmy Hendrix, mehr als Momentaufnahme dieser Zeit, der sie schon damals ein Stück voraus waren. The Prodigy, das sind doch diese drei Freaks, mit Piercings, bunten Kontaktlinsen, zuviel Adrenalin und haufenweise Visionen?

Schon mit dem Nachfolger ‘Music For The Jilted Generation‘ schießen sie in den britischen Charts von 0 auf Platz 1. Singles wie ‘No Good‘, die Jahre vorher nur in dunklen Clubs funktioniert hätten, stürmen die Dorfdiskotheken. In Deutschland, der anderen Rave-Hochburg, verbucht die Love Parade Besucherrekorde, Sven Väth, Westbam oder gar Marusha erreichen bisher unereichte Hörerschaften. Und noch eine andere Sparte elektronischer Tanzmusik erfreut sich fragwürdiger Beliebtheit: Eurodance-Acts wie Snap, Two Unlimited, Magic Affair und Konsorten nutzen die Welle, die The Prodigy lostraten, um mit austauschbarem Kirmes-Trash ein paar Maxi-Singles zu verkaufen – mit ebenso fragwürdigem Erfolg.

Schon vor der Veröffentlichung des innig erwarteten ‘The Fat Of The Land‘ zählen The Prodigy neben den Chemical Brothers zur Speerspitze einer Rave-Techno-Kultur, die ihre Utopien vom Cyberspace nicht mehr nur träumt, sondern in ihrer Musik lebt: Die Zukunft, die für jeden Elektro-Tüftler eine bessere sein musste, ist plötzlich da. Mit elektronischem Equipment setzen The Prodigy ein Gefühl um, für das Nirvana noch eine Gitarre und vier Akkorde reichten: Wut. ‘The Fat Of The Land“ erscheint, und plötzlich schmückten Howlett, Flint, Thornhill und MC Keith Palmer a.k.a. Maxim Reality auch die Cover einschlägiger Rock-Gazetten. Zu ‘Firestarter‘ gehen selbst die Menschen tanzen, für die elektronische Musik bisher ein Buch in einer fremden Sprache war. Alle können oder wollen sie sich einigen auf diesen im Mainstream bis dato so unerhörten Sound, ein Sound wie ein Mittelfinger. Nur The Prodigy selbst nicht. Nach exzessiven Touren wird es still um die Band. Palmer, Thornhill und Flint versuchen sich an Solokarrieren. Erst sieben Jahre nach ‘The Fat Of The Land‘ erscheint mit ‘Always Outnumbered, Never Outgunned‘ ein Comeback-Album, das keines ist: Für diese einst so wahnsinnige Band will sich außerhalb der einschlägigen Clubs niemand mehr so Recht begeistern, außer die Band selbst:

Immer noch in Tokio: The Prodigy

War „Always Outnumbered, Never Outgunned“ eine Katharsis für Euch? Ein Album, das so passieren musste, aber kein weiteres Mal?

Liam Howlett: Ja. Ich fühlte mich, als hätte ich Keith und Maxim ausgesondert. Totaler Quatsch, im Nachhinein. Unter keinen Umständen wollten wir „Fat Of The Land“ Teil Zwei aufnehmen. Die Plattenfirma fand diesen Ansatz sehr mutig von uns. Wir steckten in einem Tief, die Kommunikation lief nicht. Wir mussten diese Platte machen, um die Band auf Neustart zu bringen. Darauf konnten wir wieder aufbauen. Hätten wir „Always Outnumbered, Never Outgunned“ nicht gemacht, gäbe es heute auch kein „Invaders Must Die“.

Maxim Reality: In den Jahren 2002 und 2003 tourten wir sehr exzessiv und brauchten danach eine Pause. An dem Punkt aber gerieten wir unter den Druck, ein neues Album zu machen, was, wie Liam sagte, eben kein „Fat Of The Land“ Teil Zwei werden sollte.

Howlett: Es war kein Spinner-Album wie „Paul’s Boutique“ von den Beastie Boys. Obwohl: Jede Band, die vier oder fünf Alben macht, hat eines dabei, das eher schräg ist.

Keith Flint: Wenn du Teil von The Prodigy bist, dann bist du eben „Always Outnumbered“. Die Leute mussten diese Platte entdecken, wir schmissen sie ihnen nicht so ins Gesicht wie „The Fat Of The Land“. Ich mag das. Alle großen Bands haben so ein Album. Die Platte war für die Öffentlichkeit und die Presse verwirrender als für uns. Das Gefühl, dass man es auf uns abgesehen hatte, war neu.

Howlett: Daher kommt ja auch der neue Titel „Invaders Must Die“.

Flint: Wir waren wie eine Gang, zu der die Leute keinen Zugang fanden, aber wollten. Wie du da sitzt, könntest du Liam fragen: „Warum hast du Maxim nicht aufs Album genommen?“ Es grassierte eine Paranoia um uns herum. Wir fühlten uns wie unter Invasion. Bis jemand sagte, dass diese Eindringlinge sterben müssen!

„Invaders Must Die“ beginnt mit dem Titeltrack und der wiederkehrenden Zeile „We are The Prodigy“. Der Sound ist von der ersten Sekunde Euer bekannter Trademark-Sound. Wie macht Ihr das?

Howlett: Das ist das, was wir als Band tun können. Wir können kein Dubstep, wir können kein Drum’n’Bass. Das können die anderen, wir können das hier. Mit „Invaders Must Die“ wollten wir wieder ein Statement abliefern und sagen: Wir sind The Prodigy! Wir sind zurück (reißt den Arm in die Luft)! Der Rest des Albums folgt dem ersten Track, der instrumental ist und sagt: Wir sind keine Band des Wortes, wir sind eine Musik-Band. Die Musik ist so wichtig wie die Texte.

Flint: Ich weiß genau, was Liam meint: Wir sind keine Band im traditionellen Sinne. Wenn ein Track rockt, dann soll er das tun, ob mit oder ohne Worte. So funktionieren wir.

Maxim: Die Vocals sind ein Geräusch, ein Teil dieses Albums.

Ein anderer gewichtiger Teil des Albums ist Euer Gespür für Melodien. Habt Ihr das über die Jahre entwickeln können?

Howlett: Das war zumindest eines unsere Ziele. Musikalisch sollte die Platte mehr Tiefe aufweisen. Je mehr die Musik sich bewegt, desto mehr Platz finden auch die Vocals. Jeder Track wurde um ein Riff, um einen Groove herum gebaut. In der Vergangenheit lief das linearer ab.

Flint: Der Schreibprozess begann zu relaxt. Da dauerte es, bis wir unseren Fokus fanden.

Howlett: Wir gingen ins Studio wie drei kleine Kinder: „Wir machen ein Album, yeah!“. Ich versuchte, die Kontrolle zu übernehmen, die Ideen zu bündeln und zu Ende zu denken. In drei Monaten hatten wir 30 Ideen – da fällt es schwer, sich zu erinnern…

Flint: Gute Tracks vergisst du nicht – dachten wir!

Howlett: Als wir dann endlich konzentriert von 8.00 bis 24.00 Uhr in ein neues Studio gingen und uns nicht aus den Augen ließen, wurde es endlich ernsthafter. Wir machten uns einen Zeitplan und merkten, dass wir den Scheiß hier wirklich machen wollten.

Auf dem Song „Run With The Wolves“ spielt Dave Grohl Schlagzeug. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Howlett: Wir tourten mit den Foo Fighters und umgekehrt, wir kennen uns seit zehn Jahren.

Flint: Dave schrieb uns eine E-Mail: „Unsere Tour ist vorbei, ich bin Drummer und will Schlagzeug zu spielen – was sollen wir da tun?“ „Wir beenden gerade die Aufnahmen für unser Album“, antworteten wir. Er schickte uns dann eine Festplatte: vier Stunden voller Dave Grohl-Drumming, massive Energie, toller Sound – das inspirierte uns zu „Run With The Wolves“. Wir verheirateten einen unserer noch offenen Gesangsparts mit den Teilen, die Liam aus Daves Drums gebastelt hatte. Das schickten wir uns hin und her. Einen großen Rock’n’Roll-Moment gab es also nicht, wir hingen nicht im Studio ab und tranken Tequila.

Howlett: Das hab ich ohnehin schon lange nicht mehr gemacht! Die meisten Kollaborationen laufen mittlerweile über diesen Weg.

Flint: Jetzt ist Dave auf dem Album und wir sind stolz. Er ist ein großer Kopf, war Teil von Nirvana. Ich respektiere ihn wirklich.

Howlett: Somit gehört diese Geschichte zu unserem Album dazu. Wir passen aber auf, dass die Personen nicht wichtiger werden als die Musik. Aus diesem Grund haben wir keine Gesangskollaborationen auf der Platte.

Flint: Dave nahmen wir, weil wir wussten: Das Ergebnis wird ein neuer cooler The Prodigy-Track. Nicht, weil er Dave Grohl ist.

Seit bald 20 Jahren seid Ihr nun als Band unterwegs. Liam, hattest Du ein Bandkonzept im Kopf, als Du mit dem Schreiben anfingst?

Howlett: Ich hätte auch ein Soloalbum machen können.

Flint (grinst): Wolltest Du nicht die HipHop-Kultur revolutionieren?

Howlett: Ich habe mich hin und wieder am HipHop versucht. Dann aber entdeckte ich die Rave-Szene und traf Euch beide beziehungsweise diesen anderen Typen!

Flint: Den Plattendeal hatte Liam ja schon. Wir wollten nur abhängen und so ein Teil davon sein.

Howlett: Leeroy und Keith sagten: „Wir lieben Deine Musik. Die Bands da oben auf der Bühne – das sollten wir sein!“ Da gab es dieses Festival in London, `90 oder ´91. Alle großen DJs legten dort auf. Ich sagte mir: Wenn wir da spielen, haben wir es geschafft! Was soll ich sagen, so kam es dann. Fünf Monate später spielten wir dort. Uff!

Und 15 Jahre später küren Euch die Kollegen vom Q Magazin zu den fünf einflussreichsten britischen Bands der Neunziger.

Flint: Ich lese die Presse nicht. Liam tut es, Maxim überfliegt sie.

Howlett: Ich bleibe gerne wütend. Und wenn ich die Presse lese, werde ich wütend. Ich finde immer etwas, das ich nicht mag. Deshalb mache ich Musik. Wäre ich fröhlich, ich würde keine Musik schreiben. Es ist niemals alles gut, überall steckt etwas Negatives drin.

Eure Musik wurzelt in den späten Achtzigern und frühen Neunzigen. Glorifiziert Ihr diese Zeit im Nachhinein, würdet Ihr gar gerne dorthin zurück?

Flint: Ich fühlte mich niemals mehr derart Teil einer Szene wie damals. Die Musik, die Menschen, der Spaß, nie liebte ich etwas mehr. Diese Zeit kann man nicht zurückholen. Ich hoffe aber, dass andere Leute heute noch dieses Gefühl erleben dürfen, in einer Szene, die ihnen wahr und schön erscheint, ihre Nächte und ihre Tage so wichtig und großartig vorkommen wie mir damals. Wenn etwas so underground ist, dass die Journalisten nicht wissen, wie sie es nennen sollen, wo sie es finden, wie es passiert, wenn sie sich fragen: Was ist das für eine Musik? Wer macht die? Und wo? Wenn etwas unberührbar und unentdeckt scheint – all das ist für mich ein Zauber. Das kannst du nicht kreieren, das passiert auf natürlichem Wege. Und ich hoffe, dass gerade irgendwo so etwas gedeiht. Deutschland war für uns der einzige andere Ort, der eine Rave-Szene hatte – und immer noch hat!

Howlett: Wir kamen nach Deutschland, als… Wann fiel die Mauer? ´91?

1989.

Howlett: ´89. Wir waren ´91 hier, ich erinnere mich: Berlin war der erste Ort in Deutschland, den wir überhaupt besuchten. Von dort an kamen wir jedes Jahr, spielten auf der Mayday und anderen Raves. Deutschland hat die tollsten Locations dafür.

Flint: Gerade im Osten. Die Menschen verließen die alten Fabriken und Lagerhallen, und jeder aus dem Westen schmiss dort seine Parties. So funktionierte die englische Raveszene: Finde ein Gebäude, stopf ein Soundsystem rein und feiere eine Party, bis die Polizei dich wieder raus schmeißt! Das war Punkrock!

Geht Ihr in England immer noch auf Rave-Parties?

Howlett: Es gibt keine mehr. Die Raves heute sind anders. Die Musik ist nicht mehr mein Fall.

Und Ihr wollt trotzdem noch als The Prodigy weitermachen?

Flint: Als ich damals meinen Freunden erzählte, dass ich diesen Kerl namens Liam getroffen habe, der geile Songs macht, zu denen ich performen werde, und dass da auch noch dieser Maxim mit seinen Vocals am Start war, ich also eine coole Band gründete, klopften sie mir alle auf die Schulter und freuten sich für mich: „Super, das wird ein tolles Jahr werden für dich, genieße es!“ Wir hangelten uns von Gig zu Gig, nie weiter. Tja, dieses Jahr erlebe ich immer noch. Ich sehe zu, die jeweils nächste Show zu rocken, mit diesen beiden Typen hier geil abzuliefern. Das ist unsere Philosophie. Ende der Geschichte.

www.theprodigy.com

(erschienen in: unclesallys*s 03/2009, Titel)