Neues Album von Ja, Panik: Vorsicht vor den reichen Kindern

Don’t call it a comeback: Dass „Don’t Play With The Rich Kids“, das siebte Album der österreichischen Wahl-Berliner Ja, Panik ein derartiges Formhoch darstellt, ist auch einem Tiefpunkt ihres Sängers und Songschreibers Andreas Spechtl, den Corona-Lockdowns, Raumwechseln und der Sonnenallee geschuldet.

Sebastian Janata, Laura Landergott, Stefan Pabst und Andreas Spechtl sind Ja, Panik (Foto: Luca Celine / Bureau B)

Die erste gute Nachricht: Auf ihrem neuen Album holen die Indierock-Dadaisten Ja, Panik nicht nur ihre eigene frühere Sturm-und-Drang-Phase ins Hier und Jetzt. Sie beweisen damit beiläufig, dass Gitarrenmusik mit deutschen Texten auch im Jahr 2024 klug, humorvoll, geschichtsbewusst, spielfreudig und im Spannungsfeld zwischen Rückwärtsgewandtheit und digitalem Fortschritt progressiv sowie, um ein Wiener Quasi-Adjektiv einzubringen, ur relevant klingen kann. Derartige Akzente setzten neben Die Nerven, International Music und Tocotronic zuletzt allein Ja, Panik selbst. Die zweite gute Nachricht lautet, dass es keine schlechte gibt: Die Ungewissheit, ob eine Phase wie die jetzige jemals wieder so kommen würde, konnte abgewendet werden. „Von jetzt an wird es uns in irgendeiner Form immer geben“, sagt sogar Sänger und Songschreiber Andreas Spechtl. Zumindest in der Rezeption seines Schaffens blieb eine Antwort auf die Frage nach der Zukunft seiner so wichtigen Band lange Zeit im Ungefähren.

Es ist nunmehr 15 Jahre her, dass die Gruppe Ja, Panik nicht nur als Österreichs größte neue Indierock-Hoffnung galt. Hiesige Musikmagazine lobpreisten schon ihr zweites Album „The Taste And The Money“ als wichtigste deutschsprachige Platte seit Blumfelds „L’état Et Moi“. Mit dem von Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic, Seeed, Turbostaat) produzierten „DMD KIU LIDT“ (2011) sowie „Libertatia“ (2014) fanden sich die Kritiker*innen-Lieblinge erneut ganz oben in einschlägigen Jahresbestenlisten wieder. Die Luft schien trotzdem raus, Platten verkauften andere: Fast zeitgleich erreichten Wanda mit „Bologna“ und ihrem Bauch auch die Fans von Wiener Schmäh, die Ja, Panik mit dem Kopf, ihrer zur Schau gestellten Bohème und ihrem zunehmenden Surrealismus nicht abholten. Es wurde still um die aus Wien nach Berlin verlagerte Band. Ihre WG löste sich auf. Spechtl verdingte sich als Haus-und-Hof-Musiker und -Produzent beim Label Staatsakt, nahm mit u.a. Die Türen und Christiane Rösinger sowie Ambient-Soloplatten auf und machte Theatermusik. Ja Panik veröffentlichten 2016 mit „FUTUR II“ zwar eine Art absurde Biografie, in der zwischen verschiedenen Realitäten und Schriftwechseln aber auch ihr Fortbestand infrage gestellt wurde. Drummer Sebastian Janata gründete mit seinem Vater, der Austropop-Legende Herbert Janata, ein anderes Projekt und schrieb einen Roman. Die einst so gefeierte Band schien, sich im eigenen Nebel auflösend, Geschichte zu werden. Corona tat sein Übriges: Spechtl litt schon vor Beginn der Pandemie an Angststörungen und, no pun intended, Panikattacken. Der Lockdown half ihm, plötzlich musste er seine eigene Abschottung nicht länger erklären. Dem in jener Zeit entstandenen, sphärischen Album „Die Gruppe“, wegen seines Inhalts oft als Pandemie-Kommentar missverstanden und laut Spechtl eine „Zwischenstufe, eine Verbindungsplatte“, hört man die räumliche und dadurch menschliche Distanz während der Aufnahmen jedoch an. Erst auf der verschobenen Tour anderthalb Jahre später fanden Ja, Panik als Band wieder zusammen – und fingen wenige Monate danach mit dem Schreiben neuer Songs an.

„Während unser Pause kamen immer wieder mal junge Musiker*innen auf mich zu und erklärten mir, wieviel unsere Musik ihnen bedeute und dass sie davon beeinflusst seien“,sagt ein gut gelaunter Andreas Spechtl heute, während er in seinem Studio in Schöneweide eine Arbeitspause einlegt und relativiert: „‚Wow, arg‘, dachte ich. Das freute und ehrte mich sehr. Gleichzeitig kam eine Angst vor der eigenen Musealisierung in mir hoch.“ Die Gefahr läuft er mit dem neuen Album „Don’t Play With The Rich Kids“ nicht, obwohl es in seiner nahezu unbedingten Schmissig- und Tanzbarkeit im besten Sinne an ihre früheren Tage erinnert. Das Plakativste ist der Titel, einfache Antworten sucht man weiterhin vergebens. Spechtl gibt mit seinem so typischen denglischen Stream of Consciousness noch immer den Flaneur, der einstmals „Lost“ war, heute „Ja, Panik topfit“ attestiert und sich partout nicht finden will. „Früher zerriss es mich manchmal. Heute bin ich total bei mir im Wissen, dass es eine ewige Suche gibt“, sagt er. Seine Band zitiert in Versatzstücken ihren eigenen Irrsinn, Leonard Cohen („Teuferl“), Franz Josef Degenhardt, The Nationals „Bloodbuzz Ohio“ („Kung Fu Fighter“) und die Pixies („Hey Reina“) und demonstriert im „Ushuaia“-Finale durch Noise-Jams, digitale Verzerrer und Übersteuerung die Freude am Wiederfinden des eigenen musikalischen Raumes innerhalb eines physisch selben Raumes.

Die Gründe für diese gefühlte Wiedererstarkung liegen auch in einer geografischen Veränderung in Spechtls Privatleben: Die meiste Zeit des Jahres verbringt der 39-Jährige in Argentinien. Seine Frau Rabea Erradis, Ex-Mitglied von Die Heiterkeit und auch für Ja, Panik eintretende Saxofonistin, arbeitet dort beim Deutschen Akademischen Austauschdienst. Seinen Kiez mit der Postleitzahl „12059“, dem er sogar einen gleichnamigen Song spendiert hat, will er trotzdem nicht missen: „Ich freue mich jedesmal, wenn ich in meine kleine Wohnung komme. Berlin ist für mich alternativlos. Und innerhalb Berlins ist für mich Neukölln alternativlos. Ich liebe die Sonnenallee. Ich mag an ihr, dass die Absurdität der Welt und Deutschlands, dass all unsere Widersprüche dort stattfinden. Sie ist kein schöner und kein widerspruchsfreier Ort, das muss man aushalten können. Sie ist kein Ort, an dem alles funktioniert. Aber innerhalb der Widersprüche tut es das irgendwie doch.“

Dass wie alle seine Vorgänger auch das von der Kritik schon jetzt wieder gefeierte „Don’t Play With The Rich Kids“ Ja, Panik selbst nicht zu (gealterten) rich kids machen würde, ist ein Grund für ihre Fortexistenz: Ihre Karriere sei nur so möglich gewesen, wie sie sie gemacht haben, glaubt Spechtl. Ohne Majorlabel, ohne Sicherheitsnetz, aber mit der über Jahre hinweg aufgebauten Gewissheit, mit der eigenen Kunst trotzdem über die Runden zu kommen und der Selbsterkenntnis, als Indiemusiker damit vergleichweise privilegiert zu sein: „Im Gegensatz zu unseren Eltern wird in unserer Generation das Vermögen hauptsächlich vererbt und nicht mehr selbst erwirtschaftet. In ein Künstler*innenleben gehst du rein mit der Warnung: ‚Davon kannst du eh nicht leben.‘ Deshalb tummeln sich in dem Kosmos immer mehr Leute, die es sich sowieso leisten können. Mit Ende 30 wussten auch die, die vorher das Maul am lautesten aufgerissen haben, dass eine Eigentumswohnung auf sie wartet. Das nimmt ihnen die Gefahr, ihrer Kunst das Gefährliche und Interessante.“ Spechtl selbst plant derweil bereits ein neues Soloalbum für 2024, ein „Folk Music From Austria“-Projekt, in dem er Österreich exotisieren will und ein HipHop-Album, „ein Traum von mir, an dem ich scheitern werde“. Und Ja Panik? „Für die Leute gibt es uns nur, wenn wir alle zwei bis sieben Jahre eine Platte machen. Für uns hat unsere Band nichts damit zu tun. Vielleicht schreiben wir lieber Bücher oder hängen zweimal pro Woche gemeinsam in einer Bar ab. Mit unserem Bassist Stefan mache ich Musik, seit ich 14 Jahre alt bin. Was soll jetzt noch passieren?“

„Don’t Play With The Rich Kids“ von Ja, Panik ist am 2. Februar 2024 via Bureau B / Indigo erschienen.

+++ Dieser Text erschien zuerst am 29. Januar 2024 im „Tagesspiegel“ und auf Tagesspiegel.de +++

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