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Niemals mehr zur Arbeit gehen

Punk und Hardcore im Herzen, Rock, Indie und Angry Pop Music auf Platte: Mit ihrem Comeback-Album loten Muff Potter die eigenen Grenzen und Möglichkeiten neu aus – und entwerfen ein frustriertes Sittenbild unserer kapitalistischen Gesellschaft. Sänger, Songschreiber und Buchautor Thorsten Nagelschmidt sagt: Von jetzt an will er wieder für immer in einer Band spielen.

Muff Potter im Jahr 2022: Thorsten Nagelschmidt, Dominik Laurenz, Thorsten Brameier und Felix Gebhard (Foto: Bastian Bochinski)

Das Jovel in Münster, 12. Dezember 2009. Vor 1500 Leuten spielen Muff Potter acht Monate nach ihrem siebten Album GUTE AUSSICHT und 16 Jahre nach ihrer Gründung im benachbarten Rheine ein rund zweistündiges Abschiedskonzert. Im Zugabenset covern sie EA80 mit „Auf Wiedersehen“ und verkaufen ihre Version als letzte Amtshandlung auf Vinyl. Die Show endet mit der Emopunkrockhymne „100 Kilo Herz“ und markiert, mal abgesehen von Festivalshows und ihren Supportslots für Die Ärzte ein Jahr zuvor, eines der größten Konzerte ihrer heute Abend vorerst endenden Karriere. Nun, 13 Jahre und eine Wiedervereinigung später, treten sie pünktlich zur Veröffentlichung ihrer neuen Platte BEI ALLER LIEBE erneut als Vorband für Die Ärzte auf. Ein neues Kapitel, das ein altes aufgreift – aber nicht nahtlos daran anschließt.

„Vielleicht hätten wir uns gar nicht auflösen müssen“, sagt Thorsten Nagelschmidt heute rückblickend im Interview über die Zäsur, während er in seiner kleinen Zweitwohnung in einem Dorf in Brandenburg sitzt. Vielleicht hätte es auch eine unbestimmte Pause getan. Über die Gründe, die zur Trennung führten, will er im Detail noch immer nicht sprechen, aber dieser Rucksack namens Band, den musste er dringend mal ablegen. Nagel, wie er sich in bestem Punkerklischee nennen ließ, verbrachte zu diesem Zeitpunkt schon mehr Lebensjahre mit als ohne Muff Potter. Als Teenager gründete er sie aus einem DIY-Ethos heraus, nennt bis heute …But Alive, Hüsker Dü, Dinosaur Jr., Fugazi, Sonic Youth, Jawbreaker, Leatherface, Samiam und Co. als Einflüsse, trat mit ihnen unter anderem mit Hot Water Music und Kettcar auf, schrieb selbst so einflussreiche Platten wie BORDSTEINKANTENGESCHICHTEN, deren selbst etikettierte „Angry Pop Music“ sich nie nur einer Szene zuordnen ließ – und hat die Zeit ohne seinen alten Rucksack auch für andere Musik und Ausflüge genutzt: Während Drummer Thorsten „Brami“ Brameier wieder Fensterputzen ging, Bassist Dominik „Shredder“ Laurenz als Schreiner arbeitete und Gitarrist Dennis Scheider andere Bands produzierte, spielte Nagelschmidt etwa bei den Blood Robots und gründete die Band NAGEL. Nichts davon funzte so richtig. Was funzte, war seine Autorenschaft: Nach drei mindestens halbbiografischen Büchern erschien 2020 sein kapitalismuskritischer Gesellschafts- und Berlin-Roman „Arbeit“, dessen Recherche auch die Texte zu BEI ALLER LIEBE beeinflussen würde. Dass eine Reunion eines Tages stattfinden würde, sei damals keineswegs klar gewesen: „Es gibt Revivals, bei denen alle nur die alten Songs hören wollen und die Band die neuen live versteckt. Das ist nicht die Art, wie wir eine neue Platte rausbringen wollen. Die Frage war, ob wir als Muff Potter noch was Freshes anzubieten haben. Hat unsere Musik auf künstlerischem Niveau für uns und das Publikum eine Daseinsberechtigung?“ Spoiler: Sie hat.

Krise? Zeitgeist!

Ein erstes neues musikalisches Lebenszeichen von Muff Potter gab es schon 2018 bei einer Lesung zu Nagelschmidts Roman „Abfall der Herzen“ im Festsaal Kreuzberg. Der Autor dementiert: Mit Muff Potter habe dies nichts zu tun gehabt, zwei Drittel seiner alten Bandfreunde hätten mit ihm sowie Weggefährte Felix Gebhard (Home Of The Lame, Hansen Band, Einstürzende Neubauten, ZAHN) lediglich ein paar Songs zum Buch gespielt. Die Fans waren trotzdem angefixt, der Elefant einer Reunion und eines neuen Albums stand seitdem im Raum. Aus diesem Grund gaben sie auch nach ihrem Überraschungsauftritt beim „Jamel Rockt den Förster“-Festival und während der folgenden ausverkauften Tour 2019 (fast) keine Interviews. Sie wollten dieser Frage aus dem Weg gehen – und erstmal selbst rausfinden, ob sie wirklich noch gemeinsam Musik machen können und wollen. Ende 2019 verbrachten sie, damals noch mit Scheider, ein paar Tage im Haus Nottbeck in Oelde. Die nächste Session war für April 2020 geplant und fiel wegen der Coronapandemie aus. Kurzerhand hauten Muff Potter den neuen Song „Was willst du“ in Eigenregie heraus. „Rein karrieristisch betrachtet war das vielleicht nicht so schlau“, erinnert sich Nagelschmidt, schließlich gab es weder eine Platte noch eine Tour zu bewerben, „aber für uns war das ein wichtiger Schritt: Wir bewiesen uns, dass wir das wirklich noch können.“

Live aufgenommen wurde BEI ALLER LIEBE im August 2021 im Studio Nord in Bremen nach einem Personalwechsel: Scheider stieg zuvor endgültig aus, über die „eigentlich unspektakulären“ Gründe wollen sie nicht öffentlich sprechen. Ersatz fand man mit Intimus Gebhard. Er war mit Muff Potter schon als deren Support, als Backliner sowie als Tourmanager unterwegs und erklärt auf Nachfrage selbst, warum er sofort einstieg: „Wir kommen aus derselben Szene. Das waren somit Typen, mit denen ich keine neue Sprache erfinden musste“. Ihre Art von Musik sei ihm von Anfang an vertraut gewesen. In den neuen Songs, von denen die meisten schon vor seinem Einstieg geschrieben wurden, würden teilweise Wege eingeschlagen, kompositorisch und soundmäßig, die ihm im Kontext dieser Band als „neu und sehr interessant“ erschienen. Er findet: Die meisten der 10 neuen und reifen Songs hätten vor zehn oder fünfzehn Jahren nicht auf einem Muff-Potter-Album enthalten sein können.

Einer dieser neuen Songs, auf den Nagelschmidt besonders stolz ist, heißt „Nottbeck City Limits“. In dem fast siebenminütigen Spoken-Word-Stück geht es mitnichten um Fleischskandale bei der Firma Tönnies unweit von Muff Potters Zusammenkunft in Oelde, sondern um Blasen und verschiedene Arbeitswelten. „Wir können ganz luxuriös unsere kritische linksradikale Musik machen, uns als Anti inszenieren, aber gleichzeitig in der ersten aller Welten stattfinden – währen zehn Kilometer weiter finsterster Manchester-Kapitalismus herrscht“, erkennt er und führt auf Nachhaken aus: Nein, es gibt kein richtiges Leben im Falschen, nicht solange einige sehr viel und andere gar nichts haben. Ein Grund für Fatalismus oder Moral zwecks Denunzierung – looking at you, Twitter – sei das aber nicht. Selbst in Nummern wie dem tanzbaren Indiediskohit „Ich will nicht mehr mein Sklave sein“, dem wie HipHop aufgebauten „Wie Kamelle raus“ oder dem anderen, fast achtminütigen Kernstück „Ein gestohlener Tag“ mit Bläsern, Postrockgitarre und Timothy Learys um ein herzliches „Fuck Off“ erweitertes „Turn On, tune in, drop out“-Zitat in Wahnsinnschleife sucht man tätowierbare Befindlichkeitsfixiertheits-Punchlines vergeblich – okay, vielleicht bis auf „Niemals mehr zur Arbeit gehen“.

Beobachter Nagelschmidt singt nun, ohne Zweitstimme Scheider, all diese Songs selbst. Auf dem Album sind trotzdem Gäste zu hören, zum Beispiel Kristof Hahn (Swans) an der Pedal-Steel-Gitarre, Messers Hendrik Otremba und, im Background-Gesang vom Turbostaat’schem Privatisierungskommentar „Privat“, die Kinder von Brameier und Gebhard. Nagelschmidt selbst hat und will keine, die Gründe dafür hört man in den Texten oder in den Nachrichten. Die Leitthemen auf BEI ALLER LIEBE lauten, wie im Roman „Arbeit“, Kapitalismus, Neoliberalismus und die Monotonie des Alltags. Ob das nun Punk, Alternative Rock oder eben Angry Pop Music ist, spielt für den Songwriter keine Rolle. „Ich finde Genrefragen nicht ergiebig. Wer 1995 Punk sagte, meinte Chaostage und die ewig gleichen Songs über Bullen und Bier. Schon damals beeinflusste uns auch Indie, Hardcore und Pop.“ Was zählt, ist der kreative Prozess und das Ergebnis, und das stimmt heute mehr denn je: „Ich bin immer noch glücklich mit dieser Platte, was ich früher nicht immer ausnahmslos war. Ich habe gelernt, Sachen zu goutieren: Mit Freunden in einer Band zu spielen, in der künstlerisch was Gutes bei rumkommt, das Leute auch noch hören wollen, ist etwas Wertvolles. Und ich möchte in einer Band spielen. Das Soloding hat mich abgesehen von der Literatur nie interessiert. Schon als Achtjähriger habe ich Bands erfunden, in denen ich Mitglied war.“ Anders als es im EA80-Cover von „Auf Wiedersehen“ heißt, ist bei Muff Potter 13 Jahre später offenbar doch noch nicht alles gesagt, sind noch längst nicht alle Geschichten erzählt. Ein neuer Roman ihres Sängers ist übrigens ebenfalls in Arbeit.

So sieht der hier veröffentlichte Text in gedruckter Form aus.

Dieser Text ist zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 09/2022 erschienen. Muff Potters neues Album BEI ALLER LIEBE erscheint am 26. August 2022.

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