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Die Wahrheit über Die Ärzte: Nagel

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum „auch“ veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens „Die Wahrheit über Die Ärzte“ verschiedenen Wegbegleitern der „besten Band der Welt“ eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Autor und Künstler Nagel, der mit seiner ehemaligen Band Muff Potter mal im Vorprogramm von Die Ärzte spielte.

Nagel
Früher mal mit Muff Potter im Vorprogramm von Die Ärzte unterwegs, heute ohne Ärzte und mit neuer Band, die so heißt wie er: Nagel

Sind Die Ärzte gute Gastgeber?

Nagel: Sehr gute! Als wir 2008 eine Woche mit ihnen tourten fühlten wir uns sehr willkommen. Wir wurden als Vorband sogar bezahlt. Das sollte natürlich normal sind, ist es aber leider ganz und gar nicht. Farin, Bela und Rod haben uns abwechselnd angesagt, da hat einen das Publikum gleich etwas lieber. In Hannover haben mir deswegen sogar 14.000 Leute „Happy Birthday“ gesungen. Da war ich schon ein bisschen gerührt. Nach dem ersten Soundcheck kamen sogar deren Techniker und haben uns erstmal unsere Gitarren alle schön bundrein gemacht. Das war ein bisschen onkelig, aber schön onkelig. Die Großen kommen an und helfen den Kleinen.

Sind Die Ärzte ordentlich im Backstage?

Nagel: Da hat ja jeder seinen eigenen Backstageraum. Ich kann nicht sagen, was darin passiert. Aber von Farin weiß man ja, dass dort drogenmäßig totale Abstinenz herrscht. Unsere Backstageräume sahen wahrscheinlich schlimmer aus als deren.

Sind Die Ärzte Rockstars für Dich?

Nagel: Ich kenne Farin und Bela ja nun einigermaßen. Mit dem Wort Freunde muss man vorsichtig sein, aber wir sind schon recht freundschaftlich verbunden und haben auch außerhalb von Die Ärzte und Muff Potter gemeinsame Sachen gemacht. Dadurch ist es schwer, jemanden noch als Rockstar zu sehen. Aber klar: Wenn irgendwelche Musiker in Deutschland dieses Rock- oder Popstar-Ding zu recht tragen, diese Aura, die sie auch zurecht umgibt, dann sind das auf jeden Fall Die Ärzte.

Und das schließt nicht aus, dass sie auch noch eine Punkrockband sind?

Nagel: Ja, das ist doch super, dass bei den Ärzten so viel zusammen kommt. Dass sich eine gewisse Art von Glamour und Integrität nicht ausschließen, sieht man ja an der Band ganz wunderbar, das ist doch das Schöne. Integer und smart zu sein heißt nicht, für immer immer der Typ von nebenan in Jeans und Turnschuhen zu bleiben. Diese Aura von Glamour, die die Band umgibt, gehört für mich zur Popmusik dazu. Wunderbar, wie Die Ärzte dazu in ihren Songs und Kostümen immer schon gespielt haben. Wie sich inszenieren, „Ich bin ein Papapapapa-Papapapapa-Popstar“, solche Sachen. Das macht den Reiz dieser Band aus.

Sind Die Ärzte für Dich Vorbilder?

Nagel: Musikalisch: null. Gar nicht.Vorbild ist auch ein schwieriges Wort, davon möchte ich mich eigentlich fernhalten. Aber für so eine gewisse Art, wie man eine Band macht, könnten sie natürlich Role Models sein. Ich habe Die Ärzte neulich erst im Auftrag der „Intro“ interviewt. Beim Pre-Listening des neuen Albums fiel mir auf, dass ich dort wirklich zum ersten Mal seit 20 Jahren eine Ärzte-Platte von vorne bis hinten gehört habe. Soviel zum Thema, wie wichtig mir die Band musikalisch ist.

Sagen Die Ärzte immer die Wahrheit? Oder stricken sie Legenden um sich?

Nagel: Ob Wahrheit oder Legende weiß ich jetzt nicht, aber sie sind natürlich die absoluten Promomaschinen. Auch mir gegenüber. Thomas Venker von der Intro bat mich, das Interview zu machen, weil ich Die Ärzte doch gut kennen würde. Könnte doch ein persönliches und intimes Interview werden, dachte er. Da habe ich schon laut gelacht und gesagt, dass er das doch nicht ernsthaft glaubt. Die Band gibt es seit 30 Jahren, die sind die absoluten Vollprofis. Ich werde ankommen, der Kumpel Nagel sein, dann werde ich das Aufnahmegerät anmachen und 45 Minuten lang der Typ von der Intro sein. Dann werde ich das Gerät ausmachen und wieder der Kumpel Nagel sein. Und genau so war’s auch. Ich finde das beeindruckend, wie man so professionell unterscheiden kann.

Und muss.

Nagel: Ja, Die Ärzte sind da ja auch gebrannte Kinder, auf eine Art, wegen Bravo und Co. damals. In diesem Kontext funktionierten die plötzlich. Da wurde es schnell sehr privat, da sind die einfach vorsichtig.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Krise? Zeitgeist!

Punk? Pop? Mittelfinger? Durch ihre siebte Platte „Gute Aussicht“ rumpeln Muff Potter so disharmonisch wie noch nie, so angepisst klangen sie zuletzt auf „Bordsteinkantengeschichten“. Mit dem Wechsel vom Majorlabel zu Huck’s Plattenkiste habe das nichts zu tun, erklärt Sänger Nagel. Mit einer Krise schon.

Eigentlich wollten Muff Potter ja eine Pause machen. Ende 2007, nach der Tour zu „Steady Fremdkörper“, ihrem zweiten Album für Universal und sechsten seit der Bandgründung 1993 in Münster. Diese Pause aber währte nur kurz: Sänger Nagel zog mit seinem Debütroman auf Lesetour, Gitarrist Dennis produzierte und veröffentlichte Ghost Of Tom Joad und Myagi, Bassist Shredder widmete sich seinem Job als Schreiner, Nachbar und Drummer Brami putzte Fenster für Omas und spielte die Hauptrolle in einem No Budget-Film. Bis plötzlich ihr 15-jähriges Bandjubiläum vor der Türe stand – und kurz darauf, im vergangenen Herbst, Nagel selbst, mit haufenweise neuen Ideen. Muff Potter bezogen ein Haus im Emsland, schrieben neun Songs in fünf Tagen, spielten Universal erste Hörproben vor. „Da war deren Entscheidung wohl längst gefallen“, vermutet die Band. „Gute Aussicht“ aber musste raus, Nagel brannte es unter den Fingern. Er war dieses Mal der Hauptantrieb, den drei anderen erschien das anfangs ein wenig voreilig. Andere Labels bekundeten Interesse, die gegenwärtige Musikindustrie aber war Muff Potter zu wackelig. Also zurück zum bandeigenen Label „Huck’s Plattenkiste“. Das bedeutete Arbeit: alte Strukturen mussten neu belebt, bezahlbare und altbekannte Promo- und Bookingagenturen überzeugt, ein neuer Vertrieb gefunden werden. Alles aus eigener Vorkasse. Jetzt heißt es wieder mehr denn je: Touren – die einzig nennenswerte Einnahmequelle für Bands jedweder Größenordnung.

Berlin-Neukölln. Nagels Küchentisch zieren Platzdeckchen mit dem Boxermotiv seiner Band. Ein Relikt aus alten Tagen, ein Symbol ihres Durchhaltevermögens. Nagel quetscht eine Zitrone aus. Er ist froh, dass die Wahl der Plattenfirma noch nie Einfluss auf Muff Potters Musik hatte. „Wir haben immer die Platten gemacht, die wir gerade machen wollten. Manchmal haben wir es zu 80 Prozent geschafft, manchmal zu 100 Prozent. Bei der „Von Wegen“ waren es 100 Prozent, bei „Gute Aussicht“ auch. Bei den anderen wäre im Nachhinein noch ein bisschen Luft nach oben gewesen.“ „Gute Aussicht“, ein Mittelfinger gegen Radiotauglichkeit und Melodieversoffenheit, entstand über einen komprimierten und intensiven Zeitraum, „deshalb haben die Songs so eine Wucht, eine Lebendigkeit. Die Live-Einspielung tut da nur ihr Übriges.“ Die schlägt fast teurer zu Buche als reguläre Studioaufenthalte, schließlich brauchten Muff Potter plötzlich „24 statt zwei“ ordentliche Mikrofone, auch Haus- und Hof-Produzent Nikolai Potthoff (Tomtes Live-Bassist) und der neue Engineer Torsten Otto mussten irgendwie bezahlt werden.

Eine wie auch immer geartete Krise aber beeinflusste nicht allein die wirtschaftlichen Nebenschauplätze der Musik. Die entstand bei Muff Potter nie im luftleeren Raum, sie reagierte auf ihre jeweilige Umgebung. Nagel und Dennis wohnen seit zwei Jahren in Berlin, der Stadt also, die sich selbst als „arm aber sexy“ empfindet. Das eingefangene Gefühl aber ist umgreifender. Eine Rhetorik der Angst macht sich in den Köpfen breit, Antworten auf einfache Fragen lauten heute „Danke, gut – aber…“. Niemand weiß, wie lange noch. „Gute Aussicht“ verzichtet auf Liebeslieder und bedient sich dieses Zeitgeistes, in dem es keine klaren Aussagen gibt. „Der schönste Platz ist immer an der Hypotheke“ kläfft Nagel in der ersten Single „Blitzkredit Bop“ und geht noch weiter: „Ich möchte 2009 die Platte hören, die den Nerv der Zeit mehr als „Gute Aussicht“ trifft.“ So wie Unternehmen und Einzelkarrieren der Reihe nach zusammenbrechen, so wenig traut man sich eine Schadenfreude. Man könnte ja der Nächste sein. Diese Unsicherheit, dieses daraus entstehende Gefühl ist allgegenwärtig, diese Wiedersprüchlichkeit bestimmt auch „Gute Aussicht“, sagt Nagel, aus dessen Feder diesmal alle zwölf Songs stammen: „Wahrscheinlich ist es leider eine zeitlose Platte“ – er betont das „leider“ – „weil nächstes Jahr nicht wieder alles oben auf sein wird.“

„Die Party ist vorbei – lass uns tanzen“ („Die Party ist vorbei“)

Aus jeder Krise resultiert naturgemäß eine Chance. So wie Muff Potter sich mit ihrem neuen Album auf das Wesentliche zurückbesinnen (Spielfreude, Punkrock, ihre Umgebung), so trennt sich in der Musikbranche die Spreu vom Weizen. Muff Potter schielten noch nie auf schnelle Hits, „wir sind ja froh, überhaupt Geld damit zu verdienen.“ Seit 15 Jahren liefern sie Qualität ab, das goutieren auch die Fans. „Die Chance gerade ist, dass Inhalte wieder mehr wahrgenommen werden“, hofft Nagel. „Wir sind von so einer Krise weniger stark betroffen als ein „Vanity Fair“-Magazin, wo man einfach sagen kann: das war scheiße, das hat nicht funktioniert, weg vom Fenster, der Nächste bitte.“

Dieses Punkrock-Dasein ist Muff Potter in all den Jahren trotz Majorlabel-Ausflügen nicht verloren gegangen. Im Gegenteil, es spendete ihnen die nötige Puste. Der Niedergang vermeintlich sicherer Karrieren bestätigt sie in ihrem Weg, sagt auch Nagel: „Eigentlich finde ich es ja immer gut, wenn Sachen kaputt gehen. Ich habe nichts gelernt, Karrierismus war Muff Potter schon immer fremd. Wenn nun ein Schema F nicht mehr funktioniert, gleicht das einer Befreiung: ich muss über dieses Schema also nicht mehr nachdenken und kann einfach machen.“ Zum Beispiel eine Platte schreiben, die wütend klingt, weil die Welt wütend ist. Nagel und Muff Potter selbst könnte es ja schlechter gehen: „Ich bin mit mir im Reinen, mache gute Sachen und kann davon leben. Im Umfeld meiner Mutter werden alle arbeitslos, niemand hält einen Job sein Leben lang. So kapiert sie endlich auch, dass ich mein Talent nicht vergeude.“

www.muffpotter.net

(erschienen in: unclesally*s 5/2009)