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Listenwahn 2011: Die Alben des Jahres

28. Mai 2012 | Von |

Was ich zumindest mir nach den Filmen und Serien und nunmehr fünf Monaten des laufenden Jahres noch schuldig war: Meine Lieblingsplatten 2011. Lalala.

1. Bon Iver – „Bon Iver“

Vier Jahre lang hatten sie und du und ich und wir alle auf den Nachfolger von „For Emma, Forever Ago“, dem nahbarsten Songwriterdebüt der letzten zehn Jahre, in dem es laut Justin Vernon selbst mitnichten um Trennung gegangen sei, warten müssen. Und dann wurden „Bon Iver“ und sein Schöpfer endgültig zu dem, was sie vorher schon waren: ein Album und ein Mann, auf das und den sich mit Ansage Fans, Kritik und Feuilleton einigten. Vernon trug wohl nur zufälligerweise auch einen Bart, solche Männer waren 2011 ja ohnehin beliebt. Mein Lieblingssong, vielleicht sogar des Jahres: „Perth“. Pathetisch, prätentiös und großartig.

2. Ja, Panik – „DMD KIU LIDT“

Die Dandys der deutschsprachigen Pop-Boheme. Andreas Spechtl singt frei nach Falco in breitestem Flaneurs-Denglisch mit österreichischem Dialekt, Ja, Panik zitieren dabei Roxy Music, Mick Jagger, Pete Doherty und all das, was man gemeinhin mal Hamburger Schule nannte – und gehören seit ihrem Umzug nach Berlin, der Freundschaft zu ihrem Label Staatsakt und Musikern wie Christiane Rösinger und Die Türen sowie ihrem 15-minütigem Titelsong DMD KIU LIDT (Die Manifestation des Kapitalismus in unserem Leben ist die Traurigkeit), ein Manifest wider der Gleichgültigkeit, endgültig zur Speerspitze intelligenter Diskurs-Musik. Zweitbester Song des Jahres: „Nevermind“.

3. Foo Fighters – „Wasting Light“

ROCK. Weiße Limousinen und Lemmy Kilmister. Pat Smear. „Wasting Light“ ist tatsächlich das beste Album der Foo Fighters seit ihrem ’97er-Meilenstein „The Colour And The Shape“. Das liegt natürlich auch an selbst für Grohl’sche Verhältnisse allzu gefälligen Corporate Rock-Alben wie „Echoes, Silence, Patience, Grace“, aber zuerst an der wiedergefundenen Brachialität, Rohheit, Härte, dem Spaß an der Destruktion und entsprechend lauten Songs wie „Bridge Is Burning“ auf der einen, und Foo Fighters-Ohrwürmern mit Knaller-Hooklines wie „Walk“ auf der anderen Seite. Und dann ist dieser Dave Grohl auch immer noch so ein arschcooler Typ.

4. K.I.Z. – „Urlaub fürs Gehirn“

Rapmusik und Millieustudie mit dreifachem Boden: Ja, K.I.Z. singen auf semantischer Ebene über und gegen Schwule, Arbeitslose, Frauen und dem Stammtisch nach dem Mund. Ja, das klingt so knallhart, weil die Satire dahinter – K.I.Z. sind übrigens Mitglied in Martin Sonneborns „Die Partei“ – wie jede gute Satire nicht als Satire erklärt wird. Und oh nein: die Kids auf den Konzerten hängen K.I.Z. selbst bei Hitler-Shoutouts und Schlager- und Volksmusikanleihen im Popkorsett derart an den Lippen, dass man selbst staunend und verängstigt dasteht. Vielleicht ist dieses Publikum besonders dumm, vielleicht besonders schlau. Vielleicht hat sich die Verwendung von Wörtern und Vergleichen in bestimmten Altersklassen auch schlichtweg so weit weg von ihrem Ursprung bewegt, dass man beides nicht behaupten kann. Nur am Stammtisch kann man noch viel behaupten.

5. Death Cab For Cutie – „Codes And Keys“

Kein einziger Hit, kein „Transatlanticism“, nicht mal Teeniepop, aber ein schleichendes Album einer prinzipiell ewigen Lieblingsband, das man hunderte Male durchhören kann, an keiner Stelle weiß, welchen Song man da gerade hört und das auch gar nicht wissen will, weil „Codes And Keys“ an jeder Stelle und immer wieder homogen, erhaben und durchdacht erscheint. Repeat.

6. Jupiter Jones – „Jupiter Jones“

Majordebüt einer Band, die mich lange begleitete und die schon auf ihren drei in Eigenregie gestemmten Alben davor durch Punkrock im Geiste und einem Gespür für Popsongwriting in den Melodien und Texten auffiel. Der sensationelle Erfolg nach zehn Jahren Ackerei ist dank der Radioballade „Still“ nun also nur konsequent und von Herzen vergönnt – und gleichzeitig schade, weil die krachenden Emopunkrocknummern der ersten Stunden („Endorphinbatterie“, irgendwer?) entweder ganz untergehen oder so glattpoliert wiederveröffentlicht werden, wie es der neuen Plattenfirma in die Strategie zu passen scheint. Zumindest denen und der neuen Käuferschaft dürfte es gefallen, dass Jupiter Jones in Musik und Vermarktung (Bundesvisionsongcontest, Bravo-Hits, „Nordpol/Südpol“-Neuaufnahme) heute tatsächlich näher an Revolverheld als an Muff Potter dran sind. Solange das Herz noch am rechten Fleck sitzt.

7. Young Legionnaire – „Crisis Works“

Mit ihrem energetischem Postcore-Sound zwischen Cave-In und Placebo hätten Young Legionnaire vor zehn Jahren ein richtig großes Ding werden können. Heute erinnern die Mitglieder von Bloc Party, The Automatic und yourcodenameis:milo damit immerhin noch an die stürmische alte Zeit und sorgen für eine Dreiviertelstunde Bock und Teenage Angst.

8. Rise Against – „Endgame“

Vor ein paar Jahren noch behauptete ich stets, dass ein neues Album der Punkrock-Aktivisten Rise Against immer nur ein Problem hätte: das Album davor. Das kann man bei „Endgame“ nicht mehr behaupten, der Vorgänger „Appeal To Reason“ machte es sich beinahe bequem darin, unbequem sein zu wollen. Auf ihrem sechsten Album nun, das in Melodie und thematisierten Ungerechtigkeiten eingängig wie eh und je daherkommt, versetzt sich Frontmann Tim McIlrath in die auf Hilfe wartenden Opfer des Hurricanes Katrina („Help Is On The Way“), spricht wegen Mobbings suizidgefährdeten Schülern Mut zu („Make It Stop“) und landet damit unglaublicherweise sogar auf Platz 1 der deutschen Charts. Was Rückgrat, Durchhaltevermögen, gute Songs und eine loyale Fanbase alles bewirken können.

9. Dan Mangan – „Oh Fortune“

Ein Album, das dauert. Auch, weil sein Vorgänger „Nice, Nice, Very Nice“ mit dem Song „Robots“ etwa mit ein paar der schönsten Live-Singalongs aufwartete, die die jüngere Indiefolkgeschichte zu bieten hatte. Der kanadische Songwriter schreibt, singt und spielt enthusiastische kleine Schätzchen für sich und an die Welt da draußen, man muss sie nur entdecken (und entdecken wollen). Wie eben auch dieses tragikomische Album „Oh Fortune“: Wenn es einmal da ist, will man es nicht wieder gehen lassen.

10. Blink 182 – „Neighborhoods“

Adolescent Angst! Spaß! Autofahren! Natürlich ist „Neighborhoods“, Blink 182’s erstes gemeinsames Album seit acht Jahren, weder die Neuerfindung dieser Band noch von irgendwas. Aber es wartet auch längst nicht mehr mit dem spätpubertierenden Fäkalgehabe auf, das Blink 182 zu „American Pie“-Zeiten einst berühmt gemacht hatte. Sondern mit Hooklines und Hits von drei versierten Kerlchen, die mittlerweile selbst jenseits der 30 und ein bisschen erwachsener geworden sind – für Menschen wie mich, die Blink 182 trotz aller Anstrengung immer schon irgendwie auch cool fanden.

Auch gut gewesen: Bombay Bicycle Club, Chuckamuck, Samiam, James Blake, Waters, Feist, James Vincent McMorrow, Wilco, Bright Eyes, Thees Uhlmann, Ghost Of Tom Joad, City And Colour, Peter Licht, Mayer Hawthorne, We Are The Ocean, Frank Turner, Erdmöbel, Jay-Z & Kanye West, Living With Lions, The Head & The Heart u.v.m.

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