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Post von Xavier Naidoos Fans

8. Mai 2020 | Von |

Warum Xavier Naidoos Verschwörungstheorien und Attila Hildmanns Anti-Corona-Demos nicht nur gaga, sondern auch gefährlich sind? Habe ich für Musikexpress.de aufgeschrieben und führe ich hier aus.

Screenshot aus dem Video des „Interviews“ von Eva Herman mit Xavier Naidoo

Meine früheste Erinnerung an Xavier Naidoo geht, wie wohl bei allen Ü30-Bürger*innen der Bundesrepublik Deutschland, auf das Jahr 1997 zurück. Damals war der Barde aus Mannheim als Backgroundsänger in Sabrina Setlurs Hit „Freisein“ zu hören. Ein Jahr später erschien sein Debütalbum NICHT VON DIESER WELT inklusive der gleichnamigen Single und schon zu dieser Zeit – ein einschlägiges Interview im Musikexpress 1999 („Ich bin ein Rassist, aber ohne Ansehen der Hautfarbe“) belegt das eindrucksvoll – hätte man ahnen können, dass dieser Titel programmatisch für die Weltsicht seines Erfinders sein könnte. Wie prophetisch dieser Name im Rückblick wirklich zu betrachten ist, konnte sich damals trotzdem wohl nur Naidoo selbst vorstellen. Denn über all die Verschwörungstheorien, über die er dieser Tage immer öffentlicher spricht, denkt er angeblich schon seit über 20 Jahren nach. Umso erstaunlicher, wie unausgegoren sie trotzdem klingen.

Bis Xavier Naidoo für alle erkennbar dort ankam, wo er heute steht, war es trotzdem ein weiter Weg (wusste er auch schon: „Dieser Weg wird kein leichter sein“). Seine Ballade „Sie sieht mich nicht“ wurde 1999 Titelsong des Films „Asterix und Obelix gegen Cäsar“ und berührte auf eine peinliche Art und Weise auch mich, der ich bis dahin doch zwischen Bravo-Hits auf der einen und Rock auf der anderen Seite musikalisch sozialisiert wurde. Naidoo stand und steht seitdem, unter anderem dank Charterfolgen wie „Ich kenne nichts (das so schön ist wie du)“ und „Und wenn ein Lied“ (mit den Söhnen Mannheims) inmitten des Mainstreams. Er wurde zum erfolgreichsten Solokünstler Deutschlands und baute sich nicht nur eine sehr stabile und treue Fanschar auf, sondern auch ein amtliches Netzwerk innerhalb der Musikbranche. TV-Engagements bei „The Voice Of Germany“, „Bundesvision Song Contest“, „Sing meinen Song“ oder zuletzt „Deutschland sucht den Superstar“ – Naidoo profitierte stets von Teilen des Systems, das er heute so arg angeht. Nicht zuletzt durch die absurde Randnotiz, dass er über ein deutsches Gericht erwirken ließ, dass man ihn nicht „Antisemit“ nennen dürfe – und damit über die Judikative eines Staats, dessen Existenz er unter anderem bei seinen Auftritten auf Reichsbürger-Demos infrage stellte.

Wie sehr ihm bis vor ein paar Jahren Großteile seines Umfelds die Treue hielten – vielleicht, weil sie auch von ihm profitieren; vielleicht, weil er privat möglicherweise ein netter Kerl ist –, wurde 2015 beeindruckend öffentlich: Nachdem Naidoo auf Druck der Öffentlichkeit als deutscher ESC-Kandidat geschasst wurde, erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine von Konzertveranstalter Marek Lieberberg finanzierte ganzseitige Anzeige, in der sich unter dem Titel „Menschen für Xavier Naidoo“ andere Musiker*innen, Medienmacher*innen, Schauspieler*innen oder sonstwie Prominente zu Naidoo bekannten. Wow.

Naidoo hielt sich fortan aber nicht zurück, sondern preschte weiter vor: 2017 etwa veröffentlichte er mit den Söhnen Mannheims den Song „Marionetten“, in dem es um die Verschwörungstheorie Pizzagate, um „Volksverräter“ genannte Volksvertreter und darum, dass eben diese von Puppenspielern, also höheren Mächten, gelenkt würden, ging. Damals schrieb ich für Musikexpress.de eine Liste über „Die 6 typischsten und gefährlichsten Reaktionen auf Xavier Naidoos Ein- beziehungsweise Ausfälle“ auf und argumentierte, warum ich die Argumente seiner Verteidiger so dumm und gefährlich finde. Es wurde wieder ruhiger um Naidoo – bis er vor ein paar Monaten wieder volle Fahrt Richtung Absurdistan aufnahm. Es tauchten Videos von ihm auf, in denen er Flüchtlinge als Wölfe beschimpft, in denen er SPD und Linke Faschisten nennt, in denen er den menschengemachten Klimawandel leugnet, in denen er unter Tränen von Pädophilenringen faselt, die Kindern das Hormon Adrenochrom entnehmen und so weiter. Über sein „Interview“ mit der ebenfalls aussätzig gewordenen Eva Herman Anfang Mai schrieb ich ebenfalls, ich tue mir offenbar gerne weh. Genau, das Gespräch, in dem Herman sich an einer Stelle solidarisch mit Schwulen gibt, die Naidoo in einem Song mit Kool Savas 2012 noch mit Kindermördern gleichsetzte („Ich schneid‘ euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ihr tötet Kinder und Föten. Ihr hab einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?“). Die Reaktionen auf meinen wahlweise gruselig oder zum Glück oft gelesenen Text blieben nicht aus, hier einige davon:

(Das Video, das ich ihm als Antwort schickte, war übrigens das hier: „Bill Gates, Zwangsimpfung und die Corona-Biowaffe aus China | Possoch klärt | BR24“)

Ich finde das halbwegs erstaunlich. Warum fühlen sich manche Menschen derart angegriffen, wenn man ihre Meinung nicht teilt? Wie ich schon damals in meinem Text über die Böhsen Onkelz schrieb, auf den noch viel mehr und viel beleidigendere Kommentare und Nachrichten folgten: Ich mag zum Beispiel gerne Bon Iver und (die Songs und Alben von) Kanye West. Wenn ich mir deshalb nun selbst Vorwürfe anhören müsste, dass ich wegen solch weinerlicher Musik bestimmt einen kleinen Pimmel habe und das mit Wests Testosteron-Haushalt kompensieren wolle – es könnte mir egaler nicht sein. Aber gut, es geht dort auch nur um Musikgeschmack, nicht um ein (sehr verzerrtes) Weltbild.

Warum ich das Verschwörungstheoretiker-Geschwurbel trotz seiner Banalität so gefährlich finde? Habe ich per Mail dem obigen Absender beantwortet:

An einem Punkt hatte der Absender leider recht: Wenn ich mir solche „Anti-Corona“-Demos wie die von Attila Hildmann angucke, machen mir die schon Angst. Vor der zur Schau gestellten Dummheit sehr vieler Menschen, die Menschen wie mir natürlich das gleiche entgegen rufen würden. Ich kriege schon wieder Kopfschmerzen.

Attila Hildmann ruft zum Protest

Attila Hildmann rief zum Protest gegen die Corona-Maßnahmen auf. Dass so viele diesen Verschwörungsideologien folgen, ist besorgniserregend.

Gepostet von Supernova am Mittwoch, 6. Mai 2020

Empfehle zur Beruhigung noch dieses Video von Sophie Passmann:

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