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Soviel Hass: Wenn Fans von Fler, den Böhsen Onkelz und U2 schreiben

24. November 2014 | Von |

Ob U2, Fler, Die Böhsen Onkelz oder die „Let’s Play“-Gemeinde: Wie sogenannte Trolle Fallbeispiele liefern, um das Für und Wider digitaler Kommentarspalten zu diskutieren.

Haben nicht ausschließlich entspannte Fans: Die Böhsen Onkelz in ihrem Comebackjahr 2014. (Foto: PR)

Haben nicht ausschließlich entspannte Fans: Die Böhsen Onkelz in ihrem Comebackjahr 2014. (Foto: PR)

Trolle und Gepöbel im World Wide Web sind so alt wie das Internet selbst. Um deren Auswüchse weiß man ausführlich nach der Lektüre des Texts „Die dunklen Seiten: Zu Besuch bei Trollen, Hetzern und Forennazis“ von Jamie Bartlett, Nikolaus Röttger und Anja Rützel in der aktuellen Ausgabe der deutschen „Wired“. Die Fratze dieses Phänomens zeigt sich gegenwärtig aber auch im Popjournalismus. Was vor ein paar Tagen auf Welt Online abging, entpuppte sich als eine Hetzjagd, deren naheliegenden Vergleich ich hier lieber nicht äußere. Journalist Frédéric Schwilden hat dort unter dem Titel „Gangsta-Rap schützt nicht vor Altersarmut“ eine Glosse zur Veröffentlichung gebracht, die sich, der satirischen Form nach naturgemäß ironisch, mit dem Rapper Fler und der deutschen Rapszene beschäftigt. Anlass für Schwilden und die Redaktion von Welt.de war die Tatsache, dass Fler „anstelle eines neuen Albums sein polizeiliches Führungszeugnis“ veröffentlicht hat, und das aus den verdonnerten Tagessätzen errrechnete monatliche Einkommen von Fler ist offenbar nicht so hoch, wie man es sich als Gangstagröße mutmaßlich wünschen würde.

In der Kommentarspalte und via Twitter drohen Schwilden nicht nur Fans, sondern sogar Fler selbst vollkommen humorbefreit mit Gewalt, wenn besagte Glosse nicht wieder verschwinde. Einige User haben bereits die Adresse des Autors ausfindig gemacht und, schlimmer noch, Fotos seiner Haustür im Netz gepostet. Schwilden selbst hat die Geschehnisse selbst dokumentiert, Welt Online geht zum Glück in die Gegenoffensive. Und Szeneexperte Marcus Staiger hat den Vorfall auf ZEIT Online kommentiert.

Trolle im Internet (Symbolbild).

Trolle im Internet (Symbolbild).

Mit digitalen Pöbeleien und Hasstiraden, um nicht Shitstorm zu sagen, habe ich selbst vor ein paar Monaten einschlägige Erfahrungen machen dürfen müssen. Auf der Homepage des Musikexpress, für die ich als Redakteur arbeite, erschien im Februar dieses Jahres ein Text mit der Überschrift „Danke für Nichts – Die Wahrheit über Die Böhsen Onkelz“. Der Text war von mir und natürlich als Polemik verfasst, eine derart polarisierende Band als öffentliche Person sowie ihre Fans sollten sowas aushalten (wenn schon nicht drüber lachen) können. Die erwartbaren Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten: Neben im- sowie expliziten Gewaltandrohungen war da von „Herrenmensch“, „Klassismus“ und „Schmierfink“ die Rede, von „Milchbubi-Warmduscher-Weichei“, „intolerantem linksfaschistoiden geschmiere“ und „dumm, dümmer, Fabian Soethof“, dem „dümmsten Autoren, den es gibt“. Per Mail oder Facebook-Nachricht drohte man mir indirekt mit dem Hinweis, man wisse ja, wo ich arbeite; ein Onkelz-Fan bot mir hingegen gar ein Ticket für ihr Comeback-Konzert am Hockenheimring an, damit ich mir mal selbst ein Bild machen könne. Ich verzichte darauf, die diversen Anschuldigungen hier zu versammeln, so wie auch hier keine Rechtfertigung oder Erklärung folgt. Weitere, teilweise sogar differenzierte Reaktionen sind öffentlich in der Kommentarspalte oder in diversen Onkelz-Fanforen nachzulesen – passiert ist aber, zum Glück, weiter nichts.

Die Reaktionen der Fans von Fler und den Böhsen Onkelz sind nur zwei Beispiele von vielen, um das Für und Wider digitaler Kommentarspalten zu diskutieren. Allgegenwärtig ist das Thema seit Jahren allemal: Der Journalist und Autor Sebastian Leber etwa dokumentierte im „Tagesspiegel“ vor ein paar Monaten seinen ersten Shitstorm, Comedian Oliver Polak wurde nach einem Facebook-Posting über ein Tierbordell mit Hunde aus Polen unter anderem mit Kastration gedroht. Die FAZ porträtierte den Troll Uwe Ostertag, deutschlandweit treffen sich unter dem Veranstaltungstitel „Hate Poetry“ regelmäßig Journalisten mit Migrationshintergrund, um auf einer Bühne hasserfüllte Leserbriefe vorzulesen. Unterhaltung und Selbsthilfe zugleich.

Auch beim Musikexpress bringen wir in loser Regelmäßigkeit und ohne die entsprechende Absicht Fanscharen gegen uns auf, etwa bei Verrissen zu Rapplatten von Cro, Casper und Co., der Abwesenheit von Madonna-Liedern in den „700 besten Songs aller Zeiten“, Meinungstexten im Allgemeinen sowie zuletzt ganz besonders bei U2. Deren neues Album „Songs Of Innocence“ gefiel Autor Reiner Reitsamer nicht so dolle, den U2-Jüngern seine Kritik noch weniger. Arno Frank erklärte deren Reaktion so: „Pointierte Urteile, mit Verve geschrieben, die liest man dagegen nicht so gerne. Da fühlt sich die Herde gekränkt und herausgefordert. Dann wird sie böse. Und wer böse wird, argumentiert „ad hominem“, zielt also auf den Menschen.“ Nach ein paar Tagen war wieder Ruhe, nur manchmal, beim nächsten Aufreger, fällt ein paar Usern wieder ein, dass sie sich neulich schonmal aufregten. Bleibt zu hoffen, dass sich auch die Fans von Fler und Fler selbst wieder beruhigen – Frédéric will doch nur spielen! – und die Sache in ein paar Tagen endgültig vergessen ist. Schon wegen so Lappalien wie Pressefreiheit, „freiheitlicher Grundordnung“ (Staiger) und dergleichen. Und weil es manchmal, wie auch die „Wired“ im eingangs zitierten Text feststellte, herrlich profan sein kann: Manche Kommentatoren haben wahrscheinlich schlichtweg Langeweile.

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Ein Kommentar
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  1. […] Gründen, aber ich musste mich noch nie als direkt Betroffener – mit milden Ausnahmen wegen der Böhsen Onkelz und wegen Facebook-Jobkrams, der nicht gegen mich persönlich ging – damit auseinandersetzen. […]

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