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Wir haben uns Eva Hermans „Interview“ mit Xavier Naidoo in voller Länge gegeben – und es ist genauso gaga, wie Ihr denkt

7. Mai 2020 | Von |

Der Wallraff des Wahnsinns: In 45 Minuten sagen Eva Herman und Xavier Naidoo nicht einen konkreten Satz, wissen angeblich aber alles über eine neue Weltordnung, Pädophilie, Bill Gates und Angela Merkel. Das wäre halbwegs lustig – wenn es nicht so gefährlich wäre.

Screenshot aus dem Video des „Interviews“ von Eva Herman mit Xavier Naidoo

Eva Herman hat Xavier Naidoo interviewt. Das wäre vor 20 Jahren noch keine Nachricht wert gewesen, im Jahr 2020 sollte es erst recht keine sein. Die einstige „Tagesschau“-Sprecherin Herman, die dank ihres ehemaligen Jobs eigentlich einen unerschütterlichen Glauben in Demokratie, unabhängigen Journalismus, den deutschen Rechtsstaat und sein Grundgesetz haben müsste, hat vor ungewisser Zeit all das über Bord geworfen. Erst fiel sie mit sehr konservativen Meinungen auf, Frauen zurück an den Herd und so. Es folgten weitere verbale und niedergeschriebene Totalausfälle, Zusammenarbeiten mit dem Kopp Verlag, RT Deutsch und der „Wissensmanufaktur“, einem verschwörungstheoretischen YouTube-Kanal, mit dessen Betreiber Andreas Popp die 62-Jährige praktischerweise liiert ist.

Auf eben jenem Kanal ist nun auch ein 45-minütiges Interview namens „Wir erleben die letzten Atemzüge der BRD“ mit dem in den von ihm und seinesgleichen so kritisierten Mainstreammedien aka Lügenpresse in Ungnade gefallenen Xavier Naidoo erschienen. Ein Gipfeltreffen der Aussätzigen, wenn man so will, und die beiden Protagonisten wollen es ja selbst nicht anders: Herman begrüßt im Videotelefonat Naidoo als alten Bekannten, mit dem sie „vor vielen Jahren“ schon auf ARD-Bühnen gestanden habe und sie beide ja inzwischen „aus dem System herausgeflogen wurden“ (sic!). Sie stellt ihm zum Auftakt die von ihr selbst beantwortete Frage, ob Naidoo gerade den entscheidenden Schritt aus „dem System“ tue, wie sie es selbst schon tat. Naidoo: „Mir war klar, dass ich mit dem System früher oder später clashen würde, wegen meiner Meinung und der Lieder die ich schreibe. Wegen denen habe ich es aber auch immer wieder hereingeschafft.“

Wenig überraschend: Genau so selbstreferentiell, vage und apokalyptisch geht das Geplänkel weiter. Ein Interview im eigentlichen Sinne, also mit kritischem Hinterfragen, der Einnahme von Gegenpositionen oder wenigstens der erkennbaren Absicht, irgendetwas Neues in Erfahrung zu bringen, erleben wir hier nicht. Eva Herman interviewt Xavier Naidoo – das ist in etwa so, als ob Alexander Gauland Björn Höcke interviewen würde. Verfechter der angeblichen Wahrheit bestätigen sich selbst.

Reichsbürger-Popstar: Die gefährlichsten Reaktionen auf Xavier Naidoos Ein- und Ausfälle

In dem knapp 45 Minuten dauernden, schrecklich nichtssagenden Gespräch, in dem minütlich Naidoos Handy vibriert, geht es um Stichworte, Andeutungen, Selbstversicherung sowie Verunsicherung von anderen. „Du machst den Mund auf“, lobt ihn Herman zu Beginn – wozu genau, sagt sie nicht. Naidoo fühle sich seinen teilweise schon vor Jahren geschriebenen Liedern verpflichtet und würde, so denkt er, sich selbst verraten, wenn er nicht dementsprechend agieren würde. Er dürfte zum Beispiel „Marionetten“ von den Söhnen Mannheims meinen, seine „Wölfe“-Flüchtlingshetze von vor ein paar Wochen sowie all die Songs, die er angeblich noch in der Schublade liegen hat.

Es geht im weiteren Verlauf des Gesprächs um Religion und Glaube, um die Verpflichtung gegenüber einer höheren Kraft, um Gott, um Kindeswohl. Um einen prägenden Vorfall, den Naidoo in Charleroi erleben musste. Was ihm passierte, sagt er nicht, aber eine Woche später sei der Fall Marc Dutroux an Licht gekommen und „heute weiß man mehr, früher habe ich mich über Jahre herantasten müssen an diese Sache“. Er spielt auf Pädophilenringe, Pizzagate und organisierte Kriminalität „von ganz oben“ an. Als Herman gesteht, dass sie erst durch Naidoo von diesem Ausmaß an Kindesmissbrauch durch die Elite gehört habe („Wir müssen ja beide nun versuchen die Kinder zu schützen“), freut er sich und lächelt stolz. Adrenochrom sei auch ihm nicht bekannt gewesen, bis ihm ein Augenzeuge – ein US-amerikanischer Soldat einer Sondereinheit, der Fan von Naidoos Musik war – geschildert habe, was er sah. Er recherchierte weiter, „das gibt es auch in Deutschland, darüber habe ich noch nie gesprochen“. Stichwort „Sachsensumpf“, wirft Herman ein. „Wir müssen da auch gar nicht tiefer reingehen, du hast Ärger genug“, sagt sie hinterher, nachdem beide fabuliert haben, warum man solche Organisationen, auf denen ein ganzes Land aufgebaut sei, nicht stürzen könne.

Naidoo und Herman – da haben sich zwei gefunden, die die Welt retten wollen

Ganz klar: Eva Herman ist Fan von Naidoo, attestiert ihm „Heldenmut“ und freut sich wie Bolle, dass Naidoo jetzt „einer von uns“ ist – er sich auch. Sie fragt völlig unjournalistisch, weil sie nichts in einen Kontext setzt, sondern nur andeutet und Leute wie Naidoo verstehen die Stichworte schon. Man weiß als „Nicht-Wacher“, also noch Schlafender oder Schaf, um einmal die hanebüchene Rhetorik von Verschwörungstheoretikern zu verwenden, zu keiner Zeit, worüber sie gerade genau reden. Es gibt ausschließlich Andeutungen, man darf und muss vermuten. Geschwafel ist deshalb das richtige Wort für das, was Naidoo und Herman da von sich geben.

„Truther“ wie er nutzten nun die Coronazeit, um den Menschen zuhause die ein oder andere Wahrheit näher zu bringen. Aber Herr Gott nochmal, welche denn? Es geht jetzt um Freiheitsraub durch Corona, um Meinungsdiktatur und am Rande um sein Musikbranchen-Umfeld. „Ich habe mich auf die Zeit nach DSDS vorbereitet. Ich wusste, dass ich dann mein Album herausbringe und habe mich von allen distanziert, die mich kennen. Ich will da niemanden mit reinziehen.“

Es folgen besonders wahnwitzige, nahezu irre und gefährliche Sätze von Naidoo:

„Jetzt sehen die Menschen, was Bill Gates und unsere Regierungen im stillen Kämmerlein geplant haben, um die neue Weltordnung einzuführen. Die totale Kontrolle. Chip in die Haut, den wir schon aus der Offenbarung Jesajas, der Beschreibung des jüngstes Gerichts, kennen.“

„Impfungen sind gefährlich und tödlich wie man in Afrika und Indien sieht. Man kann nicht 7 Milliarden Menschen gegen ihren Willen impfen, die da oben haben schon verloren, ihr Plan ist aufgeflogen. Militär muss losgeschickt werden, Deutschland muss einen Friedensvertrag bekommen, wir werden sonst ewig im Krieg sein.“

„Wir haben uns zusammengefunden, um das Grundgesetz zu verteidigen.“ Wie bitte? Das von der Bundesrepublik Deutschland, die es laut Naidoo doch gar nicht gibt?

„’Wir‘ agieren am Ende für die ganze Welt.“

„Ich will der anderen Seite keinen Dritten Weltkrieg eingestehen, keine Pandemie, keinen Nuklearschlag.“

„Wir können alles neu schreiben, der Herr ist mit uns.“

„Ihr sollt nicht alles Verschwörung nennen, was das Volk Verschwörung nennt.“ (Herman zitiert Jesaja)

„Die Wahrheiten, die noch über uns kommen, werden manche Menschen gar nicht aushalten.“

„Richtig eingestellt ist man, wenn man weiß, dass etwas auf uns zu kommt, was wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht vorstellen können. Genießt die letzte Zeit, die wir hier miterleben.“

Abschließend geht es noch um Sonja Zietlow, um Diskriminierung (Naidoo wurde früher Bimbo genannt, Herman vergleicht das damit, dass heute jeder Mensch diskriminiert werde, weil er oder sie zum Beispiel keine Atemschutzmasken trage), um die Frage, wann die anderen aufwachen (Naidoo: „Vielleicht sehen wir hier das exponentielle Wachstum, das es beim Virus nicht gibt und nie gab“) und um den sogenannten Lockdown. Ob der wirklich noch ins nächste Jahr reingeht, will Herman wissen. Naidoo: „Niemals! Das ist jetzt bald vorbei. Das sind die letzten Atemzüge, die die BRD dort tut. Wir wissen doch alle, was Phase ist. Niemand wird sich impfen lassen, da gibt es Mord und Totschlag, bevor das passiert. Die Leute sind entlarvt. Unsere Regierung, jeder weiß alles über Tedros [WHO-Chef, Anm. d. Red.], über Bill und Melinda [Gates, Anm. d. Red.]. Ich gehe sogar soweit, dass ich nicht glaube, dass Konzerte ausfallen. Wenn Veranstalter sie denn durchführen können.“ Äh, ja.

Post von Xavier Naidoos Fans

Man mag nun einwerfen: Das war doch klar! Warum guckt Ihr Euch so einen Scheiß überhaupt an? Na weil es unwahrscheinlicherweise hätte sein können, dass Naidoo – der ja immerhin einer der erfolgreichsten Popstars Deutschlands war oder noch ist – an irgendeiner Stelle einen Funken Restverstand durchblitzen lässt. Dass man sagen kann: Okay, Naidoo ist zwar auch abseits von seiner Musik endgültig nicht mehr vertretbar – aber in diesem oder jenen Punkt hat er einen. Hätte auch sein können, dass Naidoo in seinem New-World-Order-Gelaber wenigstens mal konkret wird und auch für Menschen ohne Aluhut nachvollziehbar erklärt und belegt, wo wir von wem und WARUM kontrolliert werden. Aber dafür müssten all diese Theorien ja zu Ende gedacht sein. Das traurige und gefährliche Urteil lautet: Naidoo hat unsere Umlaufbahn und die von Rationalität und Logik endgültig verlassen und zeigt das nun. Traurig, weil man ihm ein gewisses gesangliches Talent attestieren muss, das ja überhaupt erst dazu geführt hat, dass sich nun so viele Menschen für seine wirren Theorien interessieren. Und gefährlich eben deshalb: Würden dem Mann nicht auf Facebook 1,2 Millionen Fans und Zehntausende auf seine Konzerte folgen, könnte man seine Ergüsse zum geleugneten Klimawandel, zu Vernichtungsplänen Deutschlands, zur „bösen“ Angela Merkel, zu Adrenochrom, zum angeblichen SPD-Faschismus und so weiter getrost ignorieren. So aber muss man davor warnen.

Wir leben gerade in einer Zeit, in der es gesund und besonders logisch wäre, Wissenschaftler*innen, die ihren Standpunkt täglich aufs Neue überprüfen, statt unbelegbaren Theorien zu glauben. Leider erleben wir mit jeder Verlängerung der Maßnahmen eine Hinwendung zum Gegenteil. Und DAS gefährdet wirklich unser aller Leben, dafür reicht ein Blick in die YouTube-Kommentare.

Dann doch lieber die hier:

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Deutschland als besetztes Land ohne eigene Verfassung bezeichnen, aber als vermeintliches Widerstandssymbol das…

Gepostet von Mathias Richel am Montag, 4. Mai 2020

Dieser Meinungstext erschien zuerst am 6. Mai 2020 auf musikexpress.de.

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