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Kleine und große Geschäfte

Viele Onlineangebote versprechen Eltern nützlichen Service und Erleichterung des Alltags. Auch diese fünf Berliner Unternehmen setzen auf die Kaufkraft gestresster Mütter und Väter.

Kinderfee

Auf Kinderfee.de vermitteln Stefan Gärtner und Daan Löning deutschlandweit suchenden Eltern den passenden Aufpasser, geprüfte Betreuer oder Tagesväter- oder mütter für Ihr Kind und umgekehrt. Jobsuchende legen Ihr Profil inklusive Foto, Wohnort, Alter, Erfahrung, Sprache, Verfügbarkeit und gewünschtem Stundenlohn an, über ein Formular kann nach Anmeldung Kontakt aufgenommen werden. Das Unternehmen prüft die Plausibilität der Angaben anhand eingereichter Unterlagen, übernimmt aber keine Garantie. Nach erfolgreicher Vermittlung kassiert Kinderfee eine anteilige Provision. Allein in Berlin bieten aktuell rund 400 Babysitter ihre Dienste an. Ein Bewertungssystem über Sternevergabe soll zusätzlich für Transparenz und Entscheidungshilfe sorgen.

PRO: endlich Babysitter finden, ohne Freundeskreis und Familie nerven zu müssen

CONTRA: Vertrauen ist gut, Kennen ist besser

Tausendkind

Online-Shop, Ratgeber und Blog: Seit rund anderthalb Jahren will Tausendkind werdenden Eltern mit wertigen Produkten und Tipps den Alltag erleichtern und verschönern. Schwerpunkt und Geschäftsmodell liegen eindeutig auf klassischem E-Commerce, dem Verkauf von Markenmode, Spielzeug, Lätzchen, Rasseln und haufenweise anderen Produkten, die Babys und Kleinkinder auch über Prenzlauer Berg hinaus brauchen könnten. Die Auswahl ist breit, die Seite übersichtlich – schließlich muss sich Tausendkind gegenüber den Shopgiganten behaupten, die ihr Angebot längst um ein wachsendes Babysegment erweitert haben.

PRO: Bummeln und Shoppen ohne das Kind am Jackenzipfel, das wieder ein angebliches Must-Have entdeckt hat

CONTRA: Anprobe und eventuelle Retour spart das nicht

Meine Spielzeugkiste

Noch besser als Gutes kaufen ist Gutes mieten: „Meine Spielzeugkiste“ macht aus der Not, dass Kinder ihrem Spielzeug so schnell wie ihren Klamotten entwachsen, eine Tugend und verleiht Spielzeug gegen eine monatliche Gebühr ab 14 Euro. Das Prinzip: Gewünschten Lernschwerpunkt des Kindes auswählen, vorgeschlagene Spielzeuge auswählen, Kiste bestellen, zwei Monate später zurückschicken und eine neue bekommen. Die Sharing-Produkte sind entsprechend gebraucht, aber gereinigt und versichert, und aktuell für Kinder zwischen ein bis vier Jahren zu haben. Sachen vom Trödel sind sicher günstiger, doch wem die Zeit für den Flohmarktbummel fehlt, der ist hier richtig.

PRO: mehr Platz im Kinderzimmer, Keller und Dachboden

CONTRA:  für Geschwister-Nachzügler hat das Erstgeborene kein Erbstück mehr

Wummelkiste

Ähnliches Konzept wie „Meine Spielzeugkiste“, anderer Schwerpunkt: In der „Wummelkiste“ finden Eltern für Kinder zwischen drei und sieben Jahren einmal pro Monat Bastelutensilien für den Heimgebrauch. Die Themenideen wechseln je nach Jahreszeit und Förderwunsch. In der Beispielkiste „Licht/Schatten“ etwa befinden sich ein Schattentheater, ein Glühwürmchen-Glas und eine Eulenmaske zum Selbermachen; Sinne, Sprache, Denken und Motorik sollen spielerisch trainiert werden. Ganz günstig ist auch das nicht, der „kleine Wummel“ – drei Monate lang jeweils eine Kiste monatlich mit wechselnder Thematik – kostet 59,95.

PRO: Das Kochhaus-Prinzip: Endlich alle Zutaten in einer Kiste!

CONTRA: Das Finden eigener Bastelideen und -materialien fördert kreatives Denken vermutlich mehr als fertige Sets

petiteBox

Was die Wundertüte für die Kleinen ist, soll die petiteBox für die Großen sein: Statt sich die immer gleichen Gedanken über Geschenkideen für Schwangere und frischgebackene Mütter zu machen, können Gratulanten für die zu Beschenkende eine monatliche Verwöhnbox in drei möglichen Preisklassen (20 Euro, 60 Euro, 120 Euro) abonnieren. Darin stecken dann dem Schwangerschafts-Monat oder dem Alter des Babys entsprechende ausgewählte Markenprodukte und Tipps von Hebammen. Dahinter stehen übrigens die Macher der GLOSSYBOX, die damit das gleiche Prinzip schon auf die sich gerne schminkende Fashionista und pflegebewusste Männer angewandt hatten. Laut den petiteBox-Machern liegt der Paketpreis unter der Summe der Einzelproduktpreise.

PRO: Produkte entdecken, die man selbst vielleicht nie endeckt hätte

CONTRA: Produkte entdecken, die man selbst vielleicht nie entdecken wollte

(erschienen in: zitty, Mai 2012)

Wissenschaft im Teufelskreis

Wenn der Steuerzahler zweimal zahlt: Wollen Berliner Universitätsbibliotheken mit öffentlichen Geldern finanzierte Forschungsergebnisse bereitstellen, müssen sie die Publikationen von Fachverlagen zurückkaufen – mit öffentlichen Geldern. Open Access könnte eine Lösung des Problems sein. (mehr …)

Ein Marktplatz für Musikbooking

Aus der zitty-Serie “Berliner Internet-Start-ups”: Wie gigmit Künstler, Clubs und Veranstalter an einen virtuellen Booking-Tisch bringen will

Die Begrüßung beginnt mit einer Beleidigung. „Fuck Off Bookingstress“ steht auf den Kärtchen, die Marcus Rüssel mit seinen Visitenkarten verteilt. Rüssel ist Gründer und Geschäftsführer von gigmit, einem Start-up, das „Booking Delight“ für Veranstalter und Clubs verspricht. Und die Ansage ist eine klare, die auch die Motivation hinter gigmit auf den Punkt bringt: Wenn der Livemarkt der einzige ist, an dem Musiker heute noch mitverdienen, dann müssen die Buchungsmechanismen für alle Beteiligten einfacher funktionieren als bisher.

gigmit
Könnten den guten alten Bookingagenten am Ende doch überflüssig machen: Marcus Rüssel (3. v. r.) und das Team von gigmit

Die Idee zu gigmit hatte Rüssel erst letzten Sommer. Als Booker, Künstlerberater (u.a. Clueso), Konzert- und Partyveranstalter arbeitete der 27-jährige Dresdner neben seinem Kulturmanagement-Studium schon länger, aber als ihn Freunde baten, ihnen für ein Festival in Thüringen innerhalb von einem Tag Ersatz für einen abgesprungenen Headliner zu organisieren, stieß er bald an seine Grenzen. 125 Leute habe er angerufen, schließlich eine passende Band aufgetrieben, die Lust und Zeit hatte und ins Festivalbudget passte – und danach viele Gespräche geführt, wie man diesen Prozess nachhaltig optimieren könne und müsse. Gute und spielwillige Bands gibt es schließlich genug da draußen, suchende Veranstalter auch, man muss sie eben bloß an einen Tisch bringen.

Das vielversprechende Ergebnis heißt gigmit, versteht sich als transparenter Marktplatz für Musikbooking im Netz und geht im September mit seiner ersten Alpha-Version online. Es funktioniert im Grunde wie MySpace für Geschäftstreibende und hat von der Statik und Unübersichtlichkeit von Konkurrenten wie Sonicbids.com gelernt: Bands legen standardisierte Profilseiten an, die ihre anderen Social Media-Auftritte in einem geschützten Bereich aggregieren und auf denen sie außer Fotos, Musikrichtung und Hörproben zum Beispiel angeben, zu welcher ungefähren Gage sie wo, wann und unter welchen Voraussetzungen auftreten. Veranstalter, etwa von einem Festival, finden Vorschläge und Suchergebnisse, und für jeden zustande gekommenen Vertrag verdient gigmit acht Prozent Vermittlungsprovision und kümmert sich fortlaufend um Hosting und Verwaltung von Verträgen, EPKs, Rechnungen, technischen „Ridern“ und allem anderen Papierkram. „Wir übernehmen Management-Prozesse, an denen ohnehin nie einer Spaß hatte“, erklärt Rüssel und betont, dass man den Booking-Agenten und dessen Feinarbeit nicht ersetzen wolle: „Kleine Bands sparen durch uns lediglich Mitarbeiter, die sie eh nicht haben.“

In einem Friedrichshainer Hinterhof an der Warschauer Straße arbeiten derzeit eine Handvoll Mitarbeiter und ein paar freie Programmierer an gigmit und befinden sich dort in bester Gesellschaft: Nebenan befindet sich die noisy Musicworld, in deren Proberaum- und Studiokomplex im September auch die Konferenz all2gethernow im Rahmen der Berlin Music Week stattfinden wird. Ein paar Meter weiter, in der Capitol Yard Golf Lounge an der Stralauer Allee, wird auch Marcus Rüssel sprechen. Sein Thema: „Booking und Management von morgen – Wie das Netz die Livemusik verändert“.

(erschienen in: zitty 18/2012, 23. August 2012, Seite 70)

Weit weg von jeder Homepage

Aus der zitty-Serie “Berliner Internet-Start-ups”: Wie FarFromHomePage das Webbrowsing von seinen festgefahrenen Strukturen erlösen will

Farfromhomepage
Im Philosophiestudium an der FU lernten sie sich kennen, jetzt wollen sie das Internet revolutionieren: FarFromHomePage-Gründer Manuel Scheidegger und Janosch Asen

Der Name ihres Start-ups deutet es schon an: Mit gewöhnlichen Homepages wollen Manuel Scheidegger und Janosch Asen nichts zu tun haben. Feste Strukturen, die immer gleiche Navigation, Serverkosten und viel Speicherplatz – all das wollen sie mit FarFromHomePage über Bord werfen.

Ihr Tool, das die beiden Firmengründer gerne als iMovie für das ganze Web beschreiben, soll ein Hub werden, das sich aus all dem bedient, was das weite bunte Internet zu bieten hat: Ein YouTube-Video hier, ein Soundcloud-Snippet da, eine Bilderfolge dort, eine Facebook-Wall in dieser Ecke, und so weiter. Der Privatuser soll sich so etwa sein eigenes virtuelles Wohnzimmer einrichten, in dem jeder seiner Freunde und Bekannten vorbeikommen und jeden Tag was anderes erleben kann; Unternehmen können ihr Portfolio, ihre Leistungen oder ihre Ambitionen interaktiv präsentieren. Ein Museum kann zum Beispiel zu einem virtuellen Streifzug laden, den es in der Realität so nie geben würde – auf einer Homepage, die keine ist.

Weil die Dateien alle irgendwo öffentlich im Netz rumliegen, hostet FarFromHomePage nichts selbst. Und genau darin stecken Chance und rechtliche Crux gleichermaßen: Wie beim US-Bilderdienst Pinterest machen sich dort User für ihre Zwecke Daten zu eigen, an denen sie die Rechte streng genommen nicht besitzen. Noch ist das eine Grauzone, eben weil FarFromHomePage ja nichts klaut oder klauen lässt, sondern bloß verlinkt – das YouTube-Video etwa liegt weiterhin auf den Google-Servern. Es müsse juristisch geklärt werden, ob ein neues Werk vorliegt oder nicht, sagte CTO Asen schon im Frühjahr dieses Jahres, ein paar Monate, nach dem er und CEO Scheidegger Ende 2011 die ersten Gehversuche ihres Projektes online stellten und Investoren und Business Angels suchten, die so wie sie an die Idee des „Creative Browsing“ glaubten, um das Internet endlich von seiner Geradlinigkeit zu befreien.

Schwierig werden könnte die rechtliche Gemengelage auch beziehungsweise erst recht, wenn die beiden Firmengründer mit diesen Inhalten Geld verdienen wollen, etwa durch Werbung oder Premiumpakete. Aber wenn es durch diese Probleme nicht zu Fall gebracht wird, könnte FarFromHomePage vieles gleichzeitig werden: ein asynchroner Aggregator für Surfentdeckungen, ein Aufbereiter von Inhalten, ein Tool des neuen Erzählens im Netz.

Farfromhomepage.net

(erschienen in: zitty, 20/2012, 20. September, S. 70)

„Wir führen keinen Kleinkrieg gegen HRS“

Aus der zitty-Serie “Berliner Internet-Start-ups”: Wie JustBook Hotelübernachtungen als Last-Minute-Schnäppchen anbietet

Die gute Werbung war ihnen plötzlich sicher. Nur wenige Wochen, nachdem JustBook am 16. Januar dieses Jahres ihre Smartphone-App für Last-Minute-Hotelbuchungen launchten, erwirkte das Berliner Start-up beim Düsseldorfer Oberlandesgericht eine einstweilige Verfügung gegen HRS. Der Vorwurf: Der bisherige Platzhirsch der Branche nutze seine monopolartige Dominanz, um von Hoteliers Bestpreisbindungen zu verlangen, die andernfalls aus dem Buchungspool des Marktführers fliegen würden. Das Bundeskartellamt mahnte HRS deswegen ab. „Wir führen keinen Kleinkrieg gegen HRS, die machen gute Arbeit,“ sagt JustBook-Geschäftsführer Stefan Menden und beschwichtigt die Gemengelage, „ aber sie haben ihre Marktmacht ausgenutzt.“

Die IOS- und Android-App von JustBook ist einfach, das Geschäftsmodell dahinter naheliegend: Nicht mehr und nicht weniger als drei ausgewählte Hotels in vier Preisklassen werden dort täglich ab 12 Uhr pro Stadt zur Buchung freigegeben, mit einem Preisnachlass zwischen 30-50 Prozent. Deals sozusagen, Last Minute eben. Die Hotels werden ihre freien Betten in einem kleinen geschützten Kanal los, JustBook kann deshalb im Kleinen bieten, was andere, auch HRS, im Großen so nicht bieten. In der Metropole Berlin etwa kann der Spontanbucher vor der Hotelauswahl zwischen Mitte/Ost und West wählen, dann zwischen „Luxury“, „Upscale“, „Design“ und „Comfort“, ab 70 Euro pro Nacht. Für Backpacker und andere Low-Budget-Reisende ist das nichts, eher für Geschäftsreisende, die einen „gewissen Lifestyle pflegen, der Marke vertrauen und nicht in den Gasthof Krone wollen“, wie Menden es sagt. Neben Berlin sind Buchungen aktuell in Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München, Dresden, Leipzig und Wien möglich, weitere Großstädte sollen folgen.

JustBook
In der Hotelbranche muss man Anzug tragen: Stefan Menden (l.) und seine JustBook-Mitgründer

In der Schlüterstraße am Ku’damm arbeiten derzeit rund 20 Programmierer und Vertriebler an JustBook. Die Idee dazu kam Menden, der wie seine vier Mitgründer vorher andere Start-ups aufzog, als der gebürtige Rheinländer regelmäßig seine Freundin in Freising besuchte. Den Kinobesuch oder das Abendessen in München nach der letzten S-Bahn planen, nein, man wolle ja schon mal spontan länger bleiben. „Buchungsportale gab es viele, aber allesamt mit zu vielen Möglichkeiten“, erinnert er sich. Praktisch und übersichtlich sei davon nichts gewesen.

Die Finanzierung soll allein durch Vermittlungsprovision erfolgen – und im Vorfeld natürlich durch Investoren, die Gründer von DailyDeal etwa. Gesponserte Platzierungen, Städtetrips, Mietwagen, Mobile Ads, all das will Menden in seiner App nicht anbieten, er setzt auf ein schlichtes und funktionierendes Produkt. Ein Bewertungssystem für Kunden ist in Planung. Und beides wäre noch bessere Werbung als jede Klage.

(erschienen in: zitty 16/2012)

Ein kleines Quäntchen Größenwahn

Ohne Popkomm, aber mit neuem Optimismus will die Berlin Music Week weg vom Messe-Image – und endlich hinein in das musikalische Herz der Stadt

Anfang September soll es soweit sein. Dann wird die dritte Berlin Music Week (BMW) über die Bühnen der Hauptstadt gehen, aber sie wird dann ganz auf sich allein gestellt sein. Die Popkomm nämlich, einst einer der weltweit größten Branchentreffs der Musikindustrie, wird dieses Jahr „nicht im Rahmen der Berlin Music Week stattfinden“. So teilten es im Januar die Kulturprojekte Berlin, Veranstalter der Berlin Music Week, mit. Tatsächlich wird die Popkomm in diesem Jahr gar nicht stattfinden. Man wolle „konzeptionell neue Wege gehen“, sagte eine Popkomm-Sprecherin. Gemunkelt wird aber, dass die Messe gar keine Zukunft mehr hat.

Gewundert hat die Absage deshalb niemanden. Eine radikale Neuausrichtung der BMW, da sind sich alle Akteure einig, war und ist bitter nötig. Denn schon 2003, als die Branchenmesse Popkomm von Köln nach Berlin umzog, ging es der klassischen Musikindustrie schon längst nicht mehr so gut wie in den goldenen 90er-Jahren. 2009 legte sie eine Zwangspause ein, laut Popkomm-Gründer Dieter Gorny wegen den mit Internetpiraterie verbundenen Umsatzausfällen der Branchenteilnehmer. Tatsächlich aber hatten die damals großen Player zu lange versucht, an alten Geschäftsmodellen festzuhalten und so den rechtzeitigen Schritt ins digitale Zeitalter verpasst. Vermarktung im Internet wurde als Fluch, nicht als Chance begriffen; Standortwechsel allein halfen da wenig. Als Antwort auf diesen Ausfall gründeten Macher der hiesigen Musik- und Medienszene, darunter die Veranstalter der Internetkonferenz re:publica, die Konferenz all2gethernow. Die wiederum war 2010 und 2011 wie die Popkomm Teil der Berlin Music Week, die seit 2010 stattfindet, bislang aber Defizite in der öffentlichen Wahrnehmung aushalten musste. Zu zerfasert schienen die Parallelangebote von all2gethernow und Popkomm, zu dezentral das umfassende Programm aus Workshops, Panels und Konzerten. Selbst das Berlin Festival auf dem Tempelhofer Flughafen hatte mit seiner Aufgabe als öffentlichkeitswirksames Aushängeschild der BMW zu kämpfen und produzierte schlechte Presse: 2010 musste die Veranstaltung wegen Sicherheitsbedenken abgebrochen werden, danach wurden Vorwürfe an die Veranstalter laut.

Das Berlin Festival 2010, schon dort im Rahmen der Berlin Music Week und auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof
Das Berlin Festival 2010, schon dort im Rahmen der Berlin Music Week und auf dem stillgelegten Flughafen Tempelhof

Das alles weiß auch Björn Döring, von den Kulturprojekten Berlin als BMW-Projektleiter eingesetzt. Gemeinsam mit der all2gethernow e.V. hatte er Anfang März dieses Jahres ein Dutzend Vertreter der Verbände der Musikwirtschaft, BMW-Vertreter und einige Akteure aus der Musikszene zu einem Workshop ins Michelberger Hotel geladen. Einziger Tagespunkt des Brainstormings: die Neuerfindung der Berlin Music Week und die Beantwortung der Frage, wie man die Chance, dass die Popkomm ausfällt, nutzen kann. Da saßen sie plötzlich alle an einem Tisch, die Entscheider von Berlin Music Commission, Green Music Initiative, CTM Festival, Seedlab, all2gethernow, dem Verband unabhängiger Musikunternehmen und der einstige Universal-Boss Tim Renner. Sie dachten nach, stritten, argumentierten und tauschten gute und schlechte Erfahrungen von anderen Events aus wie etwa der „South By Southwest“ in Austin, Texas (gut) und der MIDEM in Cannes (schlecht). Einige waren sich alle Anwesenden darin, dass die BMW im Idealfall „eine Plattform für das, was in Berlin eh schon das ganze Jahr passiert“ (Döring) werden könnte, dass man die Euphorie, die Clubtouristen in Berlin spüren, aufgreifen müsse, dass das Konzept der Messe sowieso überholt sei, und dass fortan die Künstler im Mittelpunkt stehen sollten. Die Berlin Music Week 2012 sollte anders werden, die Botschaft lautete: hier wird über die Zukunft nachgedacht.

Aus diesem ersten Brainstorming ist nun ein handfestes Konzept geworden. Das Programm, das Mitte Juni auf einer Pressekonferenz im Spreespeicher an der Stralauer Allee, zwischen nhow-Hotel und Universal, vorgestellt wurde, steht zwar immer noch nicht bis in die letzte Clubecke. Die Macher aber waren fleißig – und haben aus der Vergangenheit gelernt. Zur Eröffnung am 5. September spielen das Filmorchester Babelsberg und verschiedene Bands im Tempodrom auf. Es folgen „Word On Sound“-Debatten in Postbahnhof und Spreespeicher, Berlin Festival mit The Killers, Franz Ferdinand, Sigur Ros, Paul Kalkbrenner, Kraftklub u.v.m. am Tempelhofer Flugfeld, New Music Award 2012 im Admiralspalast, Blogger- und Songwritercamps im Michelberger und nhow-Hotel, Clubabende in Lido, Magnet, Watergate und Co: Berlins neues Medienzentrum zwischen Oberbaumbrücke und Schlesischem Tor soll zum Mittelpunkt der neuen BMW werden.

„Die wichtigsten Geschäfte passieren morgens um drei an der Bar“, sagt Döring über die Absage an Messekonzepte und will auf seiner BMW auch keinen Betroffenheitstalk über die kränkelnde Branche: „Ich kann all das Krisengerede nicht mehr hören.“ Die BMW soll Vernetzungsformate bieten für die, „die damit Geld verdienen oder verdienen wollen“, der Künstler solle im Zentrum stehen. Von Auftritten in Kreuzberger Wohnzimmern über Dachkonzerte des Online-Musiksenders tape.tv an der Spree bis hin zur Silent Disco in Tempelhof mit über 10.000 Kopfhörern haben sich die Kooperationspartner und Gastgeber tatsächlich viel Großes und Kleines vorgenommen, dessen Gegensätze und Bandbreite sie einhellig begeistert wie vollmundig als „kleines Quäntchen Größenwahn“ umreißen.

Ob die Zukunft so großartig wird, wie sie scheint, wird man im September sehen. Neben Döring saß auch Christoph von Knobelsdorff auf dem Podium der Pressekonferenz. Knobelsdorff ist Staatssekretär für Wirtschaft, Technologie und Forschung. Außerdem ist er neuerdings Stammgast bei allen öffentlichkeitswirksamen Groß-Veranstaltungen, die vom Berliner Senat gefördert werden. Auch er weiß zu sagen, dass das Konzept Musikmesse nicht mehr funktioniere, es deshalb toll wäre, das weiterzudenken und dass der Senat will, dass hier Geschäfte entstehen. Die Förderung der Berlin Music Week sei mit 500.000 Euro pro Jahr für die nächsten zwei Jahre schon gesichert, nach Fashion Week und Web Week sieht Knobelsdorff die Zukunft der BMW gar als eine Art „Berlinale der Musik“. Scheinbar gute Nachrichten – aber er hat auch Pläne, die eigentlich gar nicht im Interesse der BMW-Veranstalter liegen dürften: Knobelsdorff denkt laut darüber nach, die alljährliche Verleihung des deutschen Musikpreises „Echo“ ebenfalls unter dem BMW-Dach zu organisieren, weil „die Branche dann eh schon in der Stadt ist“. Doch der „Echo“ steht eben nicht für die Zukunft, nicht für Innovation, sondern ist Symbol einer sterbenden Branche, die sich an überkommene Vorstellungen klammert. Bisher scheitert das Vorhaben allerdings an der Terminfindung. Doch eine „Spring Conference“, ein gemeinsam von BMW und „Echo“ organisierter Warm-Up, sei für das nächste Frühjahr immerhin bereits geplant.

(erschienen in: zitty, 15/2012)

Die Vorherrscher der Dancefloors

Eine Erfolgsgeschichte, die außerhalb ihrer Nische noch keine ist: Wie der Berliner Instrumentenhersteller Native Instruments die elektronische Musik und den Medienstandort Berlin mit verändert und vom Start-up zu einem internationalen Unternehmen wurde

Für einen Weltmarktführer haben sie sich gut versteckt. Im vierten Stockwerk eines Nebeneingangs im dritten Innenhof eines Kreuzberger Altbau-Komplexes befindet sich der kleine Empfang von Native Instruments, und auch dort oben kann man sich verlaufen. Über lange weiße Flure, dutzende Büroräume, zwischen Computern, Kisten, Kabeln und Testprodukten und hinter Nebentüren, Hausübergängen, Treppen und Aufzügen findet man in insgesamt rund 14 Etagenteilen über 270 Mitarbeiter – und von der Schlesischen Straße aus den Eingang kaum. „Wir fühlen uns hier wohl“, sagt der gut gelaunte Geschäftsführer Daniel Haver in seinem Büro mit Blick auf Universal, MTV und das Musikhotel „nhow“, „wir sind hier schließlich im Medienzentrums Berlins“. Von hier aus schickt seine Firma Native Instruments seit zwölf Jahren DJ- und Produktionstools in die Clubs und Studios dieser Welt. An den verschachtelten Räumlichkeiten des Hauptquartiers ist bloß sein Wachstum schuld.

Native Instruments
Der Visionär und der Geschäftsmann: Mate Galic und Daniel Haver von Native Instruments (Foto: Native Instruments)

Die Geschichte von Native Instruments ist eine dieser Berliner Hinterhof-Geschichten, die längst keine mehr ist. 1996 gründen Stephan Schmitt und Volker Hinz die Firma in Berlin und entwickeln den modularen Software-Synthesizer Generator, ein Jahr später holen sie den Hamburger Grafiker und Webdesigner Daniel Haver mit an Bord. Der erkennt die generationswechselnde Industrie dahinter, übernimmt bald die Unternehmensleitung und rekrutiert den damaligen Techno-DJ und Viva-Moderator Mate Galic. Seitdem führen beide Native Instruments, der eine als CEO, Unternehmer und Macher, der andere als CTO, Tüftler und Vordenker. „Ich war als DJ irgendwann an dem Punkt, wo sich die Musik weiterentwickelte, die Tools aber die gleichen waren“, sagt der 37-jährige Galic. „Dann kam der Computer, der immer schneller wurde und der Anruf von Daniel. Das war ein Wendepunkt bei mir.“ Im Jahre 2000 ziehen sie in die Höfe am Spreeufer, eröffnen zwei Jahre später eine Niederlassung in Los Angeles, beschäftigen 2003 60 Mitarbeiter und bis heute alleine 50 in Kalifornien, insgesamt also über 320. Schmitt und Hinz fungieren beide noch als Gesellschafter, Hinz arbeitet heute in der Entwicklungsabteilung der Firma, die er einst mitbegründete.

Das Kerngeschäft von Native Instruments war und ist die Entwicklung und Herstellung elektronischer Musikinstrumente für Produzenten und DJs. Aus ihrem ersten Produkt Generator entwickelten sie die Produktions-Software Reaktor. Ihr Verkaufsschlager ist seit 2001 Traktor, eine Software, die es DJs erlaubt, zwei und mehr Kanäle über einen Computer zu steuern und somit das Schleppen und Auflegen von CDs und Schallplatten zumindest aus technischem Anspruch heraus überflüssig macht. „Der Gedanke: ‚Scheiße, unsere Ideen können wir ja noch gar nicht umsetzen‘‚ treibt uns seit 15 Jahren an“, sagt Haver. Heute macht das Unternehmen 70 Prozent seines Umsatzes mit so genannten Systemprodukten, also mit Software-unterstützter Hardware wie Controllern, und 30 Prozent mit reiner Software.

Ihre berühmtesten Kunden zählen sie schon lange nicht mehr auf. Klar, Typen wie Madonna-Produzent Timbaland gehen hier ein und aus, David Guetta spielt mit Traktor seine Tour, auch Chicago-House-Legende Felix Da Housecat, Metallica und Ibizas aktueller DJ-Überflieger Luciano nutzen ihre Produkte. „Es gibt aber sowieso keinen professionellen Produzenten, der nicht irgendetwas von unseren Instrumenten einsetzt“, behauptet der 45-jährige Haver.

Tatsächlich gibt es in der High-End-Nische, in der Native Instruments sich bewegt, nicht viel Konkurrenz. Am ehesten nennen DJs da noch Ableton, 1999 von zwei ehemaligen Native Instruments-Mitarbeitern gegründet und neben Native Instruments und Soundcloud die dritte große erfolgreiche Berliner Musikfirma. Sascha Schlegel ist einer dieser DJs. Der 26-jährige Radiomoderator legt seit sieben Jahren in Berliner Clubs auf, im Berghain, NBI und Cookies etwa, regelmäßig im Magnet und im White Trash. Traktor nutzt er wegen der Praktikabilität, des Preis-Leistungs-Verhältnisses, dem Support und dem „Vinyl-Gefühl der Oberflächen-Bedienung“. „Als Indie-DJ, der nur Hits abfeuert, brauchst du es nicht“, sagt Schlegel, unter Elektro-DJs aber seien Soft- und Hardware tatsächlich weit verbreitet. Seine Kritik: Der Support für ältere Produkte würde irgendwann eingestellt werden im „Versuch, Geld rauszuschlagen“. Und hier und da ist ihm das Programm vor lauter Samples und Spielereien bald zu überfüllt.

Die 16-jährige Erfolgsgeschichte von Native Instruments erlebte auch ihre Rückschläge. Mit der Dotcom-Blase hatten Haver und Galic zu ebenso zu kämpfen wie, noch davor, mit der Einstellung ausländischer Mitarbeiter, die heute Berlin erst zu dem Start-up-Hotspot macht, der die Stadt ist. Piraterie war bis Mitte der Nuller Jahre ein Problem, bis sie auch Hardware produzierten und Apples Betriebssystem OSX salonfähig wurde. Und die Rezession sei auch jetzt wieder spürbar, in Südeuropa etwa verkaufen sie wegen der Euro-Krise aktuell halb so viele Produkte wie im Vorjahr. Auch wenn die Einstiegshürden ins digitale Musikmachen heute viel geringer sind als in den Neunzigern, muss das Ziel lauten: Die Öffnung aus der Nische, hin zu Consumer-Produkten, um weiter wachsen zu können.

Ihre Hauptquartierslage in Berlin hat Native Instruments jedoch schon immer geholfen. Gerade in den letzten Jahren hat sich der Kiez rund um das Schlesische Tor dank Clubs wie Lido, Magnet, Watergate, Hallen wie Arena, Postbahnhof und 02-World, Indie- und Majorlabels, PR- und Werbe-Agenturen sowie Bars tatsächlich derart zum Musik- und Medienzentrum Berlins entwickelt, dass auch die Berlin Music Week Anfang September den Großteil ihrer Konzerte, Debatten und Workshops dort zentralisiert. „Wenn wir Sachen testen müssen, gehen wir ins Watergate und hören die auf der großen Anlage ab“, sagt Galic und grinst, „Berlin ist ein geiler Standort, es gibt keinen Grund, hier wegzugehen“, sagt Haver. Aber ein weiteres Büro in Tokio, das sei schon geplant.

(erschienen in: zitty 14/2012, 28. Juni 2012, Seite 70-71)

Geh‘ doch nach Berlin

Hadern mit dem Hype: Berlin hat in der deutschen Popmusik den Zenit seiner Beliebtheit überschritten. Nur sagen will das noch nicht jeder.

Berlin war für die Musikszene mal das, was es für Internet-Start-ups heute ist: eine angesagte Stadt. Bärtige Folkhipster aus Williamsburg, schlaue Songschreiber aus Hamburg, erwachsenere Indiekids aus Schwaben oder totgesagte Musiksender und Branchenmessen aus Köln, alle wollten sie hier her ziehen. Viele Kreative wollen es noch immer, weil Berlin – man spricht davon schließlich überall – doch alles hat. So viele Clubs, eine so lebendige Szene, so billige Mieten, so billiges Bier. Und so viel Leerraum! Das ist aber nur noch die halbe Wahrheit: Parallel zum Hype stellt sich ebenso eine Lähmung, eine Antipathie ein, die bestenfalls in müde Ironie verfällt. Weil Berlin sein Versprechen nicht immer einlösen kann, und weil die Reflexe in der Popmusik zwischen Sender und Empfänger die gleichen wie im echten Leben sind: Auf hip folgt Hype, auf Hype folgt Hass, auf Hass folgt Spott und Müdigkeit. Aber von vorne.

Pioniere des Berlin-Hass: Angelika Express in ihrer damaligen Besetzung
Pioniere des Berlin-Hass: Angelika Express in ihrer damaligen Besetzung

Der Verfall des guten Rufs kam schleichend. „Geh doch nach Berlin, wohin Deine Freunde ziehen“ rief das Kölner Trio Angelika Express seinem Umfeld und den Indiekids noch 2003 hinterher. Viva und die Popkomm hatten sich zu dieser Zeit bereits verabschiedet. Auch in Hamburg packten Unternehmen und Künstler die Umzugskisten. Universal zog an die Spree, Bands und Musiker wie Tomte, Olli Schulz, Gisbert zu Knyphausen, Felix Gebhard und Jochen Distelmeyer zogen hinterher, Kettcar und ihr kleines Qualitätslabel Grand Hotel Van Cleef blieben. Vor zwei Jahren erst bezogen die österreichischen Kritikerlieblinge Ja, Panik eine WG in Friedrichshain, „weil sich viel vom Bandalltag bald in Berlin abspielte, wegen banaler Sachen wie der Agentur oder dem Label“, sagte Sänger und Songschreiber Andreas Spechtl damals. Aber sterben wolle er hier nicht. Seine Berliner Labelkollegen Die Türen sangen in ihrem Hit „Indie Stadt“ 2007 gegen elitäre Ausgrenzung an, heute, im Vorab-Video zu ihrer neuen Single „Rentner und Studenten“, protestieren sie im bohémen Prenzlauer Berg immerhin für mehr Freizeit und weniger Stress. Ein Schelm, wer darin Ironie erkennen will. Und letztes Jahr widmeten die einstigen Punkrocker Jupiter Jones, deren aktuelles Album von einem Berlin-Münchner Majorlabel gerade richtig gemolken wird, ihren angeblich nur stellvertretend so betitelten Song „Berlin“ all denen, die ihr Glück in der Ferne suchen und in eine Stadt projizieren, die das nicht erfüllen kann. Das klingt schon fast wieder romantisch.

Der größte Club der Welt

Hatten eigentlich noch nie was gegen Berlin: Kettcar, hier wie im Familienalbum
Hatten eigentlich noch nie was gegen Berlin: Kettcar, hier wie im Familienalbum

„Unser Berlin-Hass ist milder geworden“, gestanden Kettcar der zitty denn auch schon vor vier Jahren. Damals war ein Grund, dass Freund und Labelpartner Thees Uhlmann nach Berlin zog, der Liebe wegen. Sänger Marcus Wiebusch schrieb 2005 eine Ballade über Fernbeziehungen, „48 Stunden“ hieß die, und widmete sie auf Konzerten regelmäßig seinem Kumpel. Heute, in der Single „Im Club“ von Kettcars neuem, viertem Album „Zwischen den Runden“, singt Wiebusch: „Du spürst es, es wird nichts mehr werden, Du fühlst es, in tausenden Scherben, und siehst wie der große Plan zerfällt (…). Kommt zusammen, im allergrößten Club der Welt“. Zeilen, die man ohne Weiteres als Kommentar gegen die Stilisierung von Berlin als Allheilsbringer und Partymetropole lesen kann. „Nein nein nein, damit hat das nichts zu tun, oh je, muss ich den Song doch erklären“, antwortet Wiebusch prompt im Interview und erklärt, dass du und ich und wir alle dieselben Probleme haben. Mit dem Älterwerden, mit den zerplatzenden Träumen, mit dem Arrangieren in der eigenen Bürgerlichkeit. Ein Anti-Vereinzelungs-Song sei das, und nach Berlin gingen ja viele Leute mit ganz verschiedenen Hoffnungen. „Dass das Scheitern dieser Stadt anders innewohnt als Böblingen, liegt in der Natur der Sache“, sagt Wiebusch. Aber nur auf Berlin habe er das niemals gemünzt. Die Völkerwanderung, beobachtet er im Freundeskreis, habe vor drei bis vier Jahren stattgefunden, der Berlin-Hype sei vorbei. Und überhaupt: Gentrifizierung macht er längst auch an der Elbe aus, nachzuhören in „Schrilles buntes Hamburg“.

Dass man mit dem Image von Berlin aber nicht bloß hadern, sondern auch Karriere machen kann, beweisen aktuell Kraftklub aus Chemnitz wie sonst keiner. In ihrem Song „Ich will nicht nach Berlin“ folgen sie der Tradition von Angelika Express und singen gegen Menschen mit kleinen Projekten, großen Brillen, viel Freizeit und wenig Geld, kurz: gegen all das, was man seit ein paar Jahren gemeinhin als Hipster bezeichnet. Witze über den Stereotyp des verhassten Neu-Berliners haben sie damit auf die große Bühne in den Mainstream gebracht: Bei Raabs Bundesvisionsongcontest belegten die fünf Sachsen den fünften Platz und haben, glaubt man dem Erfolg und den seitdem eingefahrenen Vorschusslorbeeren, vielen Zuschauern aus der Seele gesprochen. Vielleicht stimmte aber auch nur die musikalische Mischung aus Indiedisco, zackigem Postpunk, Zitatwahnsinn, Mittelfinger und Augenzwinkern, so genau weiß man das nie, wegen ach so toller Texte rufen die Leute sonst ja nur für Unheilig und Tim Bendzko an. Seitdem werden Kraftklub nicht müde zu betonen, dass sie Berlin gar nicht scheiße fänden, sondern im Gegenteil gerne und oft da wären. Auf ihrem im Januar erschienenen Debüt „Mit K“ machen sie übrigens noch Stimmung gegen die, na klar, „Scheissindiedisko“, Liebeslieder und Liam Gallagher – und für Karl-Marx-Stadt, wie sie ihre Heimat liebevoll nennen.

Berlin bleibt vorerst und im Bestfall eine Hassliebe. Die, die da sind, spielen es runter oder lachen darüber; die, die noch nicht da sind, wollen gar nicht mehr kommen. Exil-Hamburger Olli Schulz, dessen neues Album im März erscheint, beschwerte sich neulich in seiner eigenen Radiosendung auf radioeins, dass wegen so sympathischer Zugezogener wie ihm die Stadt erst so beliebt geworden sei, wie sie ist. „Und was passiert? Jetzt suche ich eine Wohnung und finde keiner mehr!“. Hipsterbashing geht offenbar noch immer. Und Thees Uhlmann, der einstige Vorzeige-Wahl-Berliner, ist übrigens teilweise wieder nach Hamburg gezogen. Mit Berlin und der „Nach mir die Sintflut“-Kultur seiner Bewohner und Touristen, mit all den kaputten Bierflaschen auf der Straße zum Beispiel, sei er einfach nicht warm geworden, sagte er in einem Radio-Interview. Bei Kettcar: kein Grund zur Schadenfreude. „Er hat es der Liebe wegen gemacht – und da verstehe ich erst mal alles“, sagte Wiebusch der zitty schon damals, und heute: „Freuen wir uns einfach, dass er wieder mehr in Hamburg ist.“

(erschienen in: zitty 4/2012)

Das Handy in der Wolke

Aus der zitty-Serie “Berliner Internet-Start-ups”, Folge 11: Wie Phonedeck ein zweiter Bildschirm für das eigene Mobiltelefon werden soll

Phonedeck
Schulte, Fitzek, Klein: Die Phonedeck-Gründer, hier auf einem anderen Dach (Foto: Georg Roske)

Verstecken müssten sie sich mit ihrer Geschäftsidee nicht. Im fünften Stock eines Hinterhof-Neubaus in der Schwedter Straße tüfteln Frank Fitzek, Gerrit Schulte, Jens-Philipp Klein und ihr Team seit rund einem Jahr an Phonedeck.com, einer Art Desktop-Verwaltungsoberfläche für die Endgeräte von Vieltelefonierern. Hinter verschlossenen Türen, Codeschlössern und stählernen Aufzügen wirkt ihr Hauptquartier ein bisschen wie ein Hochsicherheitstrakt. „Für die Lage können wir nichts“, scherzt Mitgründer Fitzek, „das war die Idee von Christophé Maire, der sagte: Als Start-up sollten wir besser nah an Mitte sein“. Und was der umtriebige Berliner Investor und Unternehmer Maire (txtr‘, Soundcloud etc.) anfasst, kann so mißerfolgsversprechend nicht sein.

Phonedeck soll wie ein zweiter Bildschirm und wie eine Fernbedienung für das Mobiltelefon funktionieren. So ist das zuhause oder im Auto vergessene Handy kein Ärgernis mehr, solange ein Computer in der Nähe ist. Dank IP-Schnittstelle kann über alle gängigen Browser auf das Gerät zugegriffen und Anrufe getätigt und entgegengenommen werden. Phonedeck ordnet ferner die Kontakte nach Top-10, nach Kollegen oder nach gemeinsamen Hobbies, zum Beispiel, kumuliert zwei oder mehrere Telefonnummern, archiviert ungenutzte Nummern und generiert detailgenaue Nutzungsstatistiken. Kurzum: Es soll die eigene Handy-Nutzung zu verstehen helfen. Den statistischen Vergleichsaspekt – Phonedeck synchronisiert bestehende Kontakte nicht nur via sozialer Netzwerke wie Facebook und LinkedIn, es veröffentlicht auf Wunsch dort auch eigene Aktionen – nennt Fitzek „Private Benchmarking“. Ein Trend, dem soziale Netzwerke und Ortungsdienste ihren Erfolg erst zu verdanken haben.

Phonedeck ist im eigenen Nutzungsszenario Spielzeug und Effizienzoptimierer gleichermaßen, ein Tool für Privatpersonen und Geschäftskunden. Die ursprüngliche Idee hätten sie schon 2003 gehabt, sagt der 40-jährige Fitzek, der seit über 15 Jahren in der Branche in Berlin arbeitet. Die ersten privaten mobilen Clouds gab es aber erst drei Jahre später. Die Betaversion unterstützt ausschließlich Android-Geräte, andere mobile Betriebssysteme sollen folgen. Geld verdienen will Phonedeck mit Geschäftskundenangeboten und individuellen Firmenlösungen.

Eine Crux hat die Idee dennoch: Low-End-Verbraucher, also Besitzer älterer Handymodelle, profitieren eher von Phonedeck, weil sie ihr olles Gerät nicht mehr in die Hand nehmen müssen. Und Besitzer moderner Smartphones spielen ja nun lieber auf der Touchscreenoberfläche als auf ihrem Schreibtischmonitor. „Klar“, wissen auch die Gründer Fitzek, Schulte und Klein, „wer viel mobil ist, hat vom Dualismus weniger“.

(erschienen in: zitty 8/2012)

„Wir alle sind längst Avatare“

Aus der zitty-Serie “Berliner Internet-Start-ups”, Folge 10: Wie das transmediale Berliner Browserspiel TwinKomplex Realität und Fiktion endgültig vereinen soll

Martin Burckhardt, TwinKomplexGlaubt man Dr. Martin Burckhardt, dann wird in Tempelhof gerade die Welt revolutioniert, wie wir sie kennen. Burckhardt ist Programmierer, Spieleentwickler, Kulturtheoretiker und seit dem letzten Jahr Geschäftsführer der Ludic Philosophy GmbH. Vor allem aber ist er Philosoph. „Sie und ich, wir alle sind längst Avatare“, sagt er und spricht mit der Leidenschaft eines kleinen Jungen von Friedrich Nietzsche, von Norbert Elias, von Sozialprestige durch Social Games, von der Aufgabe des Individuums – und von seinem Sohn, dessen Video- und Computerspielverständnis Burckhardt erst auf die millionenteure Entwicklung von Twinkomplex gebracht habe.

TwinKomplex ist ein kostenloses Browserspiel, das seit November 2011 online ist und seine komplexe und variable Handlung erst in dessen Verlauf offenbart. Als Teil der so genannten „Dezentralen Intelligenz Agentur“ muss der Spieler anhand von Hinweisen aus dem Off, aus dem Netz und von anderen Nutzern auf einer Google Maps-Satelliten-Oberfläche Rätsel lösen, anfangs etwa das mysteriöse Verschwinden einer Frau in Berlin. Ein virtuelles Labor, Mock-Homepages im Netz, Regieanweisungen von Strohmännern und Videoschnipsel von Berliner Orten sollen dabei helfen und davon ablenken. Der Fortschritt des Spiels steht und fällt mit der Teamarbeit mit anderen echten Usern, den Agenten – und hakt in den ersten etwas holprigen Monaten noch an der notwendigen Partizipation der ersten paar tausend Angemeldeten. Ein kurzweiliger Spielspaß ist TwinKomplex ohnehin nicht – laut Drehbuch ist die Geschichte und ihre Missionen auf mehrere Jahre angelegt.

TwinKomplex
Fühlte sich verfolgt und ward plötzlich verschwunden: Andrea Schöning als Annette Lohmann in "TwinKomplex"

Mit Schauspielern wie Anne Ratte-Polle, Irm Hermann, Sebastian Blomberg und Robert de Niros Synchronsprecher Christian Brückner drehte Burckhardt in den Räumen des stillgelegten Tempelhofer Flughafengebäudes, in denen er und seine Programmierer, Autoren und Requisiteure auch arbeiten, über 300 Stunden Bewegtbildmaterial. Die ersten fünf Monate programmierte Burckhardt Nacht für Nacht allein, bis ihm sein „Living Novel“ selbst zu groß wurde. TwinKomplex sei „kein Buch, kein Film, kein Spiel“, sagt er. Von dem vor Jahren mal erfolgreichen Online-Game „Second Life“ hält er nichts, das sei für digitale Hinterwäldler.

Die Kosten einer derart hehren Produktion übernimmt bisher ein Hamburger Privatinvestor. Langfristig finanzieren will und muss sich TwinKomplex durch den Erwerb von virtueller Währung und Gütern sowie durch Product Placement. Den Schritt zur Revolution haben Burckhardt und sein Team bereits getan: Die selbsterschaffene lernfähige Künstliche Intelligenz namens HAL9001 soll „die Welt der Games von der Einengung einer Geschichte durch Entscheidungsbäume befreien“, lassen sie via Agenten-Newsletter verlautbaren.

(erschienen in: zitty 7/2012, S. 66)