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Song für Song: So dämlich klingt das neue Rammstein-Album

23. Mai 2019 | Von |

Ich habe endlich auch das neue Rammstein-Album gehört und lasse meinen ersten Eindrücken hier freien Lauf.

Provokation bis zum Schluss: Rammstein im Jahr 2019 (Foto: Jes Larsen)

Provokation bis zum Schluss: Rammstein im Jahr 2019 (Foto: Jes Larsen)

Auch wenn der Output auf diesem Blog hier mutmaßen lässt, ich wäre für zehn Jahre ohne Internet verreist gewesen: Ich war mit meiner Familie eine Woche im Urlaub. Details dazu dort oder da auf Instagram oder hier auf Facebook, vielleicht bald auch direkt auf meinem anderen, lebendigeren Blog. Die kleine Reise jedenfalls fiel in den Zeitraum, in dem zwei aus verschiedenen Gründen große Platten veröffentlicht wurden.

Auf der einen Seite brachten am 17. Mai 2019 die von mir hoch geschätzten Rotwein-Romanciers The National ihr neues Album I AM EASY TO FIND heraus. Auf der anderen Seite erschien am selben Tag RAMMSTEIN, das erste neue Album der gleichnamigen Teutonen-Industrial-Rocker seit zehn Jahren. Eines, das ich mir schon aus Neugier anhören wollte. Schließlich sind Rammstein noch immer der größte deutsche musikalische Exportschlager nach, äh, Tokio Hotel und Nena.

The Nationals neue Songs durfte ich wegen meines Jobs beim Musikexpress schon vorab hören. Rammsteins elf neue „Bretter“, wie ihre Fans sagen würden, habe ich mir erst jetzt, nach dem Urlaub und ihrer Veröffentlichung, geben können. Und muss ein paar erste Eindrücke loswerden, die mit einer fundierten Plattenrezension freilich nichts zu tun haben.

Lustig, dämlich, manchmal sogar gut: So klingt das neue Rammstein-Album

„Deutschland“

Wie stark Rammstein sein können! Dachte ich nach dem epischen Kurzfilm, den Rammstein Ende März zeitgleich als Musikvideo zu ihrer Comebacksingle „Deutschland“ auf die Welt losließen. Fand ich ganz geil, wirklich. Wie durchschnittlich dieser Song ohne diese Bilder ist! Dachte ich, als ich ihn nun, als Albumopener und ohne Video, nochmal hörte. Es stimmt: Textlich ist das einer der besseren Rammstein-Songs, den viele Fans leider falsch auslegen werden (grausiger Gedanke, wenn auf der bevorstehenden Tour abertausende Kehlen „Deutschland! Deutschland!“ skandieren werden). Es stimmt aber auch: Rammstein bleiben eine audiovisuelle Band, die ihr volles Wirken nur in Kombination von Musik-, Text- und Bildgewalt entfalten kann. Da kann sich ihr Gitarrist noch so oft in Interviews darüber beschweren, dass er es satt sei, dass Rammstein auf ihre Pyro-Show reduziert werden würden. Weil Rammstein eine einzige Pyroshow IST.

„Radio“

Oh je, ist das dämlich – oder wahlweise auch ach wie schlau: „Radio“ ist ein Popsong über eine Zeit (Rammsteins Kindheit in der DDR), in der man keine Popsongs hören durfte. Dazu ästhetische Parallelen in Bild und Ton zu Kraftwerk, der wohl maßgeblichsten deutschen Band aller Zeiten. Und, im Video, Szenen von tanzenden Soldaten sowie von Frauen, die mit Volksempfängern masturbieren, ein bisschen Provokation muss eben immer sein. „Radio“ ist ein unhörbarer Ohrwurm, der, wie jeder neue Song, auch eine Rammstein-Parodie sein könnte – aber längst nicht so übertrieben, wie es einst „Amerika“ war („Coca Cola, wunderrrbarrr!“).

„Zeig dich“

Oha, ein Latein-Kirchenchor. Klare Sache: Zu „Zeig dich“ wird das vor Monaten geteaserte Nonnenvideo kommen, dafür spricht ja auch die Platzierung als dritter Song und somit wohl dritter Single des Albums. Worum geht es? Kritik an der katholischen Kirche! Mit dem „Rammstein“-Riff aus „Lost Highway“! Die Gesangslinie von Lindemann im Refrain gefällt. Mal etwas Abwechslung.

„Ausländer“

Die ersten dreißig Sekunden könnten auch ein Rammstein-Cover eines EDM-Tracks sein. Dass Till Lindemann in der Strophe ausplaudert, dass er gerne viel reise, spricht ja auch für ein Faible für den Lifestyle von Weltstar-DJs. In der Bridge die erste Zeile, die diesen Sommer am Ballermann mitgesungen werden könnte: „Ich bin kein Mann für eine Nacht, ich bleibe höchsten ein, zwei Stunden.“ Die Hi-Hat imitiert vorsorglich die Handclaps, im Refrain rastet die Großraumdisco völlig aus: „Ich bin Ausländer! Mi amor, mon cherie!“ Endlich hat die deutsche Kartoffel wieder einen Hit, in dem sie verstanden und als solche akzeptiert wird. #Facepalm. Das mitunter subversiv Gemeinte wird bei der typischen Rammstein-Zielgruppe nämlich so wenig ankommen wie die eigentliche Message in „Deutschland“, deshalb schreiben wir es hier einmal nieder: Nein, Kerle, Frauen stehen nicht darauf, von Euch besoffen und notgeil mit billigsten Sprachfetzen angebaggert zu werden. Und nein, „Deutschland“ ist kein Hymne auf Euer Vater- und Mutterland, sondern ein schwermütiger Abgesang.

„Sex“

Klingt wie Muse auf Schlager. Test: Ersetzt doch mal „Geschlecht“ mit „Gesicht“, „Sex“ mit „Liebe“, denkt Euch ein Kirmes-Keyboard statt der Gitarrenriffs – und sagt nicht, dass das spätestens zum Gabalier’schen/ Unheiligem Chorus-Chor „Wir lieben nur einmal! Wir lieben das Leben!“ kein lupenreiner anstößiger Wiesn-Hit wäre! Gar nicht auszumalen, welche bedrohlichen Szenen sich ergeben werden, wenn die ersten besoffenen „Rock am Ring“-Proleten „Sex!“ über den Campingplatz grölen. Ein neuer romantischer Tiefpunkt Deutschlands, den auch kein Effektbrett rettet.

P.S.: Wer es noch nicht wusste: Till Lindemann hat mal einen Songtext für Roland Kaiser geschrieben.

„Puppe“

Musikalisch interessantester Anfang bisher. Dissonante Gitarrenmelodie, aus der ein richtiger Song erwachsen könnte. Der musikalische Ausbruch bleibt erst aus – bis Lindemanns Pervo-Zeilen rausgekotzt kommen: „Und dann reiß ich der Puppe den Kopf ab!“ Seine Stimme klingt hier gut, weil noch einmal anders. Schreiend. Unterm Strich der Versuch, ein gruseliges Kinderlied zu produzieren, einen Soundtrack für einen deutschen Horrorfilm. Schockt halt trotzdem nicht, aber wie auch, wenn immer ständig alles schocken soll.

„Was ich liebe“

Zirpen von R2D2-Motherboards. Wieder ein getragener Beginn. Gezügelter Rocksong mit okayem Text: „Was ich liebe, das wird verderben. Was ich liebe, das muss sterben.“ Man könnte fast Mitleid mit Lindemanns Persona haben, wenn er damit aus der Sicht eines unglücklich Verliebten und nicht eines Psychopathen singen würde.

„Diamant“

Streicher, Seefahrer-Sound, Ballade. Zeilen wie „Du bist so schön, so wunderschön. Ich will nur dich, immer nur dich ansehen. Lässt die Welt um mich verblassen. Kann den Blick nicht von dir lassen.“ Man wartet förmlich auf den anstößigen Outburst – der einfach nicht kommen will. Haben Rammstein etwa ein lupenreines Liebeslied geschrieben? Natürlich nicht. Lindemanns Stimme schwingt sich kurz bedrohlich auf, als er singt: „Wollte dich ins Herzen fassen, doch was nicht lieben kann, muss hassen. Und dieses Funkeln deiner Augen will die Seele aus mir saugen.“

„Weit weg“

Unerreichte Körper, unerreichte Liebe. Synthesizer, die zu opulent sind, um ähnlich frappierend an Kraftwerk zu erinnern, wie bei „Radio“. Aber ins Radio passen würde dieser Midtempo-Ami-Rocksong ebenfalls. In die Herzen der Fans, denen eh fast alles zu gefallen scheint, passt „Weit weg“ wegen seines „Sonne“-Zitats garantiert auch.

„Tattoo“

Endlich wieder ein rrrrichtiges (immergleiches) Signature-Rammstein-Riff! Dann die erste Strophe: „Ich trage einen Brrief an mir! Die Worte brrrennen auf dem Papier! Das Papier ist ma-meine Haut! Die Worte Bilder bunt und so laut! ZEIG MIR DEINS, ICH ZEIG DIR MEINS!“ Ernsthaft?

Wem das nicht flach genug ist – im Refrain kommt es noch schlimmer: „Wenn das Blut die Tinte küsst, wenn der Schmerz das Fleisch umarmt!“ Danach: „Wer schön sein muss, der will auch leiden.“ Und so weiter. Alter.

Bitte nicht hauen für die gemeine These: Wer Rammstein hört, der trägt auch ein Arschgeweih (Frauen) oder ein Tribal auf dem Oberarm (Männer). Dieser Song ist ihre neue Hymne, er holt sie alle ab. „Tattoo“ legitimiert nicht nur ihre Jugendsünden und ihren Lifestyle, er wird als Dauerbeschallung bei jedem Kleinstadt-Tatöwierer fungieren. Ironie des Schicksals, dass gleichzeitig kein Hörer um den Gedanken an Sophia Thomallas Tattoo ihres damaligen Freundes Till Lindemann (sein Gesicht auf ihrem Arm) herumkommen wird. Aber hey: Trotz der Kunstfiguren, die Rammsteins Mitglieder (eventuell und teilweise) darstellen, sind sie schließlich noch immer „welche von uns“.

Humor beweisen Rammstein hier aber auch. Witzigste (und musikalisch angenehmst untermalte) Textstelle auf dem ganzen Album: „Deinen Namen stech‘ ich mir. Dann bist du für immer hier. Aber wenn du uns entzweist, such‘ ich mir jemand, der genauso heißt…“

„Hallomann“

Rammsteins Nu-Metal-Abschluss: Die Basssaiten hängen bei ihrer Einstiegsline so tief wie bei Korns Fieldy und wie die Hosen seiner Bandmitglieder. Lindemann haucht wie Jonathan Davis ins Mikrofon. Die Drums setzen ein, der Refrain schwingt sich aber nicht wie erwartet zu einem Rockdisko-Pogo-Smasher, sondern zu einem qualvollen Endzeitdrama auf, das „Hallomann“ für sein lyrisches Gegenüber ist: Lindemann singt hier aus der Sicht eines Kindesentführers und versucht sich somit an einer (vorerst?) letzten großen Provokation. Funktioniert nur deshalb nicht, weil Rammstein auf eben diesem Stilmittel ihre ganze riesengroße Karriere aufgebaut haben. Die einzig wahre Provokation wäre ihnen gelungen, hätten die fünf Wahlberliner ein Feelgood-Album über Blumen, Sommer, Sonne, Strand und gute Laune aufgenommen. Würde wahrscheinlich aber keiner hören wollen.

Rammsteins neues Album „RAMMSTEIN” hier im Stream:

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