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Die Kinder fressen ihre Revolution

29. September 2010 | Von |

Das britische Graffiti-Phantom Banksy gilt als Popstar unter den Straßenkünstlern. Jetzt könnte ihm der größtmögliche Hoax der popmodernen Kunstgeschichte gelungen sein: die Film-Dokumentation „Exit Through The Gift Shop“.

Banksy ist ein Popstar, der keiner ist. Sein Werk steht vor dem Künstler, aber das nur, weil eben jener Künstler als Phantom die Öffentlichkeit meidet – und sich dadurch zu einem Popstar stilisiert, wie es Popstars seit Jahren nicht mehr gibt: Er inszeniert eine größtmögliche Unnahbarkeit. Banksy ist mit seinen via Schablone gesprühten Scherenschnitt-Graffiti, von Ratten bis zu knutschenden Polizisten, von Los Angeles bis Palästina, längst selbst eine Marke geworden. Er weiß das natürlich ebenfalls, und so wirft auch sein neuester Streich, der Film „Exit Through The Gift  Shop“, mehr Fragen als Antworten auf. Er ist eine Dokumentation, die vielleicht keine ist.

„Das hier ist eine Dokumentation über einen, der versucht, über mich eine Dokumentation zu drehen“, erklärt ein im Dunkel sitzender und vermummter Banksy zu Beginn. Er meint Thierry Guetta, einen Filmnerd aus Frankreich, dessen Cousin sich als Street Artist „Space Invader“ entpuppt. Als Kameramann rutscht der so faszinierte Guetta Ende der Neunziger in die noch junge Szene, die die größte Gegenbewegung seit Punk werden sollte. In seiner Heimat Los Angeles trifft er den Sprayer Shepard Fairey, hört von Banksy und will den Star der entdeckten Subkultur vor die Kamera bekommen. Ihm gelingt das Unwahrscheinliche, er dreht einen Film, Banksy findet ihn schrottig und schickt Guetta mit ein paar warmen Worten weg. Mit fatalen Folgen: Von Banksy motiviert macht Thierry Guetta sich als „Mr. Brainwash“ auf, der Größte zu werden und vermischt fortan Kunst und Kommerz, wie es vor ihm keiner tat. Er kopiert die ohnehin schon als Kopien angelegten Werke seiner Vorbilder, „er macht sie wirklich bedeutungslos“ (Banksy über Guetta). Guetta will sich selbst ein Denkmal zimmern – und hämmert so den Sargnagel auf das, was ihn inspirierte. Street Art wird bei Sothebys und Co. gehandelt. Die Subkultur ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und im gleichen Moment tot. Plötzlich kommt man nur noch durch den Souvenirladen raus.

Ob Grungemusik, Skateboarding oder Street Art: „Exit Through The Gift Shop“ ist eine Parabel auf alle Bewegungen, die in Nischen heranwuchsen und vom Mainstream vereinnahmt wurden. Und deshalb ist es egal, ob das, was diese Dokumentation zeigt – der Aufstieg und Fall der Street Art und des Thierry Guetta – der Wahrheit entspricht oder nicht: Ein unterhaltsamer „Behind The Scenes“-Kommentar von Banksy zur Lage der Nation und ein Paradebeispiel viralen Marketings ist es allemal. Und falls Guetta selbst tatsächlich eine Erfindung von Banksy sein sollte, wäre er mehr als nur ein Popstar. Er wäre ein anonymes Genie.

(erschienen in: unclesally*s, Oktober 2010)

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