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Gott als Endgegner

21. Januar 2010 | Von |

Larry Gopnik ist ein bestrafter Mann. Er ist Physikdozent, Familienvater und Jude. Das ist eigentlich nicht schlimm. Aber er ist auch der tragische Hauptcharakter in „A Serious Man“, dem neuen Geniestreich der Gebrüder Coen. Und die spielen niemand Geringeren als Gott gegen Gopnik aus.

Niemand weiß warum, aber Larry Gopnik ist ein bestrafter Mann. Dabei wirkt sein Leben anfangs so normal: Gopnik ist Physikdozent, Familienvater und Jude. Ein koreanischer Student besticht ihn, um rückwirkend nicht durch die Prüfung zu fallen. Zuhause muss die Hausantenne justiert werden, weil sein Sohn sonst seine Lieblingssendung verpasst; seine Tochter spart auf eine Nasen-OP. Larrys Frau indes hat, wie sie ihm beiläufig mitteilt, eine Affäre mit Syd Ableman, dem ach so verständnisvollen Witwer von nebenan – „A Serious Man“, wie Ms. Gopnik findet. Larry findet all das unfair und seine Nachbarin scharf, aber was soll er machen? Mit seinem Bruder, Daueruntermieter und Hobbyforscher Arthur zieht er ins Hotel. Das Eine folgt auf das Andere, Larry Gopniks anstehende Beförderung wackelt plötzlich, auch sein Arzt hat schlechte Nachrichten. Nur: Eigentlich will niemand Larry Böses.

Die grundlegendere Frage in „A Serious Man“, dem neuen Geniestreich der Coen-Brüder, muss nicht lauten, warum Gopnik – glänzend abgeliefert vom bis dato unbekannten Michael Stuhlbarg – Strafe erfährt, sondern: „Von wem?“. Alle Verkettungen und Momente in Gopniks dahinstrudelndem Leben scheinen sich, still und heimlich, in Absurdität übertreffen zu wollen. Typisch Coen. Es scheint aber auch, als gehorchten sie einer höheren Macht. Das beschriebene Unheil nimmt nicht seinen Lauf, nein, vielmehr scheint Gopnik, dieser jüdische Durchschnittsamerikaner wider Willen, von Beginn an darin gefangen.

Das Böse wird man nicht los

Joel und Ethan Coen, dank anderer moderner Klassiker wie „Fargo“, „The Big Lebowski“, „No Country For Old Men“ schon mit Mitte 50 lebende Legenden, sind selbst da groß geworden wo „A Serious Man“ spielt, 1967, irgendwo in einem Vorort von Minneapolis. Dort feierten sie, die heute so großartigen Erzähler, ihre eigene Bar Mitzvah, dort erlebt sie in ihrem Film darüber Larrys Sohnemann Danny – bekifft bis über beide Augen. „A Serious Man“ ist trotzdem keine fiktive Biographie seiner, ja, Schöpfer, es ist auch kein Film über Gott beziehungsweise Haschem, wie die Juden ihn nennen. „A Serious Man“ ist ein Film über dessen Abwesenheit: Wenn Larry Gopnik hilfesuchend von einem Rabbi zum nächsten rennt, weil der Ober-Rabbi angeblich beschäftigt ist, und wenn Larry dann endlich eine Audienz bekommt und der ach so Weise ausholt: „Wenn sich die Wahrheit als Lüge rausstellt und alle Hoffnung stirbt…“ – Gopniks Augen weiten sich ob der da kommenden Moral – und wenn der Rabbi dann selbst nur fragt: „Ja, was dann?“, ja, dann ahnt auch der letzte Atheist, das zumindest sein Leben so schlimm gar nicht ist.

„A Serious Man“ beginnt mit einem Prequel, in dem eine jiddische Hausfrau einen Besucher niederstreckt, weil sie ihn für einen Dämon hält. Der tumbelt fort ins Schtetl, und sie irrt sich: „Gut, dass wir das Böse los sind“. Und so wie in der nächsten Szene Larry Gopnik seinen Studenten das Schrödinger-Paradoxon und die Unschärferelation lehrt, es selbst nicht versteht („Niemand versteht die Unschärferelation!“) und sein Leben doch wie eine Analogie auf die skizzierten Zufallsexperimente mit dem Tod anmutet, so zufällig sehen alle Protagonisten ihrem Schicksal irgendwann doch ins Auge. Und plötzlich dämmert auch eine mögliche komische wie gewichtige Deutung jenes Prequel der Coens und des ganzen großartigen Films: Irgendwas ist da draußen, oben, unten, wo auch immer, und es begleitet dich, ob du willst oder nicht. Vor allem aber: Wer und warum?

„A Serious Man“
Regie: Joel und Ethan Coen
mit: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick u.a.
ab 21. Januar 2010 im Kino

(erschienen auf: BRASH.de, 21. Januar 2010)

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