196 Ergebnis(se) werden angezeigt

Überfall im Görli

Gute Räuber, schlechte Räuber: Überfälle gibt es nicht nur im Fernsehen oder in der U-Bahn. Ein Bericht.

Manchmal wäre ich gerne Bruce Willis. Dann wäre mir nicht das passiert, was man immer nur in der Zeitung liest: Ich wurde beraubt. Freitagabend, 21:35 Uhr, im Görlitzer Park in Kreuzberg. Einfach so. Kein Streit, keine Provokation, sogar mit dem Fahrrad war ich unterwegs, zur falschen Zeit am falschen Ort. Oppelner Straße Richtung Wiener. „Ey willst Du uns über den Haufen fahren oder was?“ ranzt dieser kleine Typ mit dem weißen Pulli mich an, der sich mir plötzlich am Tiefpunkt der Theatermulde (wie laut Polizei diese Kuhle heißt) in den Weg pflanzt, so dass ich aus Reflex bremsen muss. Nein will ich nicht, wie auch, Ihr standet ja auch eben noch nicht hier und außerdem ist es stockfinster und ich habe ja gebremst. Denk doch mal mit, Du Trottel. Habe ich gedacht. „Nein, sorry, wollte nur hier durch und hab Euch nicht gesehen“, habe ich gesagt. Und wer ist überhaupt „uns“ bzw. „Ihr“? Ah, jetzt merk ich’s, Du und die drei anderen dunklen Gestalten, die mich umzingeln, einer aus jeder Himmelsrichtung. Juchhuu.

„Was is los, Jungs“, versuche ich den Ball flach zu halten, „geht’s auf ne Party?“ „Jaja, Party“ nuschelt einer. Wohin, verrät er leider nicht. Der Typ hinter mir betatscht meine Hosen- und Jackentaschen, als ob er ein Security wäre. Ich wünschte, er wäre einer. Stattdessen grapscht er sich Portemonnaie und Handy. Ich wehre mich nicht, denke nur bei mir: Och nöö, das muss doch jetzt echt nich sein. „Hast Du noch was anderes?“ fragt er dann, der Längste des düsteren Quartetts mit Migrationshintergrund und greift in meinen Rucksack. „Nein hab ich nich“, antworte ich. Das war gelogen und deshalb gefährlich. Aber wer von großen, umhängenden Kopfhörern nicht folgerichtig auf einen iPod schließt, ist selber Schuld. Pah, Ihr Idioten, noch nicht mal richtig abzocken könnt Ihr! „Hey Jungs, behaltet mein Geld, aber könnt Ihr mir bitte meine Ausweise und Karten wiedergeben?“, bitte ich freundlich verzweifelt, „damit könnt Ihr nichts anfangen und ich habe keine Rennerei“. Ob der Kerl vor mir wiedererwartend mitgedacht oder tief in sich einfach ein Herz so groß wie meine Brieftasche hat, weiß ich nicht. Aber er stimmt mir zu, „warte hier.“ Natürlich, ist ja auch nett mit Euch Bastarden. Wieviel Geld drin war, will er wissen, schreitet zu seinem geistig eher abwesenden Kollegen, fordert das Portemonnaie zurück und bringt es mir wieder. Ohne Geld, ohne EC-, dafür mit Kreditkarte. Ich bedanke mich und verschwinde, ohne meinen neuen Kumpel nach seiner Nummer gefragt zu haben. Aber er hat ja jetzt meine.

(erschienen in: zitty 12/2008)

Bremsen für Benni

Wo „Tempo 30“-Schilder übersehen werden, sollen kleine Kumpels helfen

Leben und Sterben macht erfinderisch. Und je trister die Gegend ist, desto gewitzter die Ideen, mit der ihre Bewohner immer wieder um die Ecke kommen. In Charlottenburg boomen die Billig-Bestatter, dem typischen Alt-Neuköllner pumpt mehr Futschi als Blut durch die Adern. Wir stellen vor: Benni Brems. Benni Brems ist us-amerikanischer Abstammung und wurde in Krefeld geboren, dem niederrheinischen Pendant zu Neukölln. Benni Brems ist stolze 82,5 Zentimeter groß und laut eigener Aussage – obwohl er keinen Mund zum Sprechen hat – ein Warnmännchen, das Autofahrer darauf aufmerksam macht, dass Kinder in der Nähe spielen. Das macht er, der Benni, natürlich ziemlich passiv, schließlich steht er ja nur rum, strahlt eine eher ungesunde neongelbe Hautfarbe aus, trägt ein kleines Käppi auf dem Kopf und hält, wenn er noch nicht ausgeraubt wurde, ein rotes Fähnchen in die Luft.

Wer darin nach den gemeinen Rumlungerern oder den Eintracht-Fans nun gleich wieder eine potentielle neue Randgruppe erkennen will, der sollte schleunigst nach Moabit – das wiederum bekanntlich als nordwestliches Pendant zu Neukölln mißverstanden wird – cruisen. Im dortigen Westfälischen Viertel, Moabits familiärer Vorzeige-Ecke zwischen Turmstraße und Spree, verschlimmschönert der gute Benni mit seinen Jungs nämlich seit geraumer Zeit die Bürgersteige und sonst so einsamen Laternen. Benni Brems ist süß und im Vergleich zum benachbarten Knut bei Wind und Wetter anzutreffen. Benni wächst nicht und seine blanke Existenz, die von den Anwohnern aus eigener Tasche finanziert wird, ist noch nicht einmal das rührseligste an diesem kleinen Kerlchen. Es ist der Grad seiner Integration, an der sich ein Roland Koch ein Beispiel nehmen könnte: in Fesseln (siehe Foto).

Spielende Kinder werden, zumindest ohne Eltern, in Bennis Nähe übrigens selten gesichtet. Vielleicht wurde Benni ja erst in den Kiez geholt, als Autounfälle mit Kindern die so trügerische Idylle zu bedrohen begannen und Buckelpiste und Kopfsteinpflaster alleine nicht mehr halfen. Vielleicht haben die Kinder aber auch einfach nur Desinteresse, Respekt oder Angst vorm neuen Chef auf der Bochumer Straße. Benni Brems – demnächst oder schon längst auch in ihrer Nachbarschaft.

www.benni-brems.de

(erschienen in: zitty 07/2008, S. 10)

Dann trinken wir aus Tüten

Die Berliner CDU fordert ein Alkoholverbot an allen öffentlichen Plätzen. Die Drogenbeauftragten des Landes stimmen ein. Muss die Institution Kiosk Angst vor schwindenden Kunden haben?

Die vor Monaten entbrannten Diskussionen um das bundesweite Rauchverbot vernebelten noch die klare Sicht der Berliner Ordnungsämter, als zum Jahreswechsel ein weiteres Gesetz für dünne Luft in der Innenstadt sorgen sollte: Eine Umweltplakette musste her. Während Gastwirten und Autofahrern gleichermaßen der Kopf raucht, wer denn nun wo was darf und was nicht, kommen im Überwachungswahn auch die partylustigen Fußgänger, egal welchen Alters, nicht ungeschoren davon. Frank Henkel, parlamentarischer Geschäftsführer und innenpolitischer Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, forderte vergangene Woche „ein generelles Alkoholverbot auf Straßen, Plätzen und im öffentlichen Nahverkehr.“ Entsprechende Anträge will er dieser Tage im Landesparlament einreichen, weil „niemand mit der Flasche am Hals über den Kurfürstendamm spazieren muss.“

In anderen Städten ist so ein Verbot teilweise bereits Realität: In Magdeburg herrscht rund um den Hasselbachplatz seit dem 01. Februar Trinkverbot, das Kneipenviertel „Bermudadreieck“ in Freiburg ist bereits seit Jahreswechsel alk- und glasfreie Zone. Zumindest abends und am Wochenende und erstmal auf Probe. Marburg zieht nach. Die Stadt Hamburg sprach bisher nur eine Empfehlung an ihre Tankstellen und Trinkhallen aus. Berlin-Spandau bemühte sich erst vor drei Jahren um die Einführung eines öffentlichen Alkoholverbots, vergeblich. Das Berliner Straßengesetz untersagte 1999 erstmalig öffentlichen Alkoholkonsum, 2006 wurde dieses Verbot wegen mangelnder Durchsetzung wieder gestrichen. Seit sich im vergangenen Jahr ein Jugendlicher zu Tode gesoffen hat – in einer Bar – halten die Diskussionen erneut an. Der Prozess gegen den Wirt und zwei Angestellte begann letzte Woche, Henkel nahm das Thema wieder auf seine Agenda. Er argumentiert, die Bürger hören nur bedingt zu.

Das Bier auf der Hand hat sich besonders in jungen Berliner Bezirken wie Kreuzberg, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg genauso im Ortsbild verankert wie Dönerbuden, Latte Macchiato-Trinker oder Kinderwagen. Berlin ist groß, die Wege lang, der nächste Kiosk immer in Sichtweite. Längst ist das Geschäft mit Alkohol nicht mehr nur ein Nebenverdienst, sollte man meinen. Würden wegen eines Konsumverbots in der Öffentlichkeit etliche Kleinunternehmer um ihre Existenz bangen müssen, weil Ihnen die Kunden ausblieben?

Flanieren und trinken

„Ach, der Verkauf von Alkohol macht vielleicht 20 Prozent unseres Gesamt-Umsatzes aus“, sagt Jonas Gebrelassie und beschwichtigt. „Den größten Umsatz machen wir mit Tabakwaren, den größten Gewinn mit Süßigkeiten.“ Gebrelassie arbeitet im Akuna Matata, Berlins wahrscheinlich höchstfrequentiertem Kiosk. Seit über 18 Jahren steht das Geschäft im Zentrum von Prenzlauer Berg, am Treppenaufgang zur U-Bahn-Station Eberswalder Straße. Die Linie U2 verkehrt hier überirdisch, unter ihr treffen Kastanienallee, Schönhauser Allee, Pappelallee, Danziger Straße und Konnopkes alteingesessener Currywurst-Imbiß aufeinander. Ein Verkehrsknotenpunkt, ein Magnet und Ausgangspunkt gleichermaßen.

Hier wird nicht nur getrunken: Das Akuna Matata an der Eberswalder Straße, © prenzlauerberger.wordpress.com

Am Freitagabend um 21 Uhr feiert das Akuna Matata – bei den Suaheli bedeutet sein Name „keine Probleme“ – Hochbetrieb. Es ist warm für einen Februartag und die Leute kaufen sowieso mehr Bier als unter der Woche. Vor allem Touristen landen hier freitags und samstags regelmäßig, die alternative Flaniermeile Kastanienallee findet in jedem Reiseführer Erwähnung. Die nächste U-Bahn fährt unter lautem Geröll ein, die nächste Meute Unternehmungslustiger fällt in das Szeneviertel ein. Flaschen klimpern, Koffer rollen, Sprachen treffen aufeinander. Gebrelassies Radio beschallt das Fußvolk mit lauter Musik. Ein Mann mit Anzug und Aktentasche ist in Eile, kauft eine Packung Zigaretten und verschwindet mit dutzend anderen Passanten über die Straße. Ein Pärchen hat mehr Zeit, kauft auch Zigaretten und wählt aus der durchschnittlichen Bierauswahl zwei Flaschen Becks. 1,40 € pro halber Liter, „günstig hier in Berlin“. Die gleiche Menge Sternburg kostet sogar nur 80 Cent. Andere kaufen ein Bier oder kein Bier, trinken, lesen, beobachten andere Passanten und warten. „Das ist ein Treffpunkt hier“, sagt Gebrelassie gutgelaunt und verkauft eine Flasche Cola über den Tresen.

Christine Köhler-Azara, Berlins Drogenbeauftragte, sieht in Läden wie dem Akuna Matata ein Problem. Alkohol sei in Deutschland viel billiger und überall verfügbar. Zwar hält sie Verbote für kontraproduktiv, wenn sie nicht umzusetzen sind und entkräftet somit die Realisierung von Henkels Vorhaben. Es sei aber „eine Überlegung wert“, in den Spätkaufläden oder Tankstellen den Alkoholverkauf in Abend- und Nachtstunden zu verbieten.

Das Akuna Matata gleicht einem Flagschiff unter den Seinen. Nicht wegen der eigentlich überschaubaren Auslage, sondern wegen seines Durchlaufs. Allein in einem 200 Meter-Radius lassen sich über eine Handvoll weiterer Geschäfte finden, die Alkohol verkaufen. Konkurrenzdenken herrscht nicht. Die Kiosk-Kultur in Berlin boomt. 695 Unternehmen sind in der Branche „Einzelhandel mit Getränken, darunter Wein, Sekt, Spirituosen und sonstige Getränke“ bei der Industrie- und Handelskammer der Hauptstadt gemeldet. Dazu kommen 304 Tankstellen. Das Geschäft mit Alkohol zieht Kunden. Zeitungsläden und Trinkhallen in ehemaligen Arbeiterbezirken wie Moabit oder Wedding begrüßen schon morgens Stammgäste zu Bier und BZ. Touristen oder Discobesucher verlaufen sich in der Regel nicht dorthin. Die Betreiber sind auf jeden Kunden angewiesen.

Das Akuna Matata ist das nicht, und Alkoholiker lungern vor dem freistehenden Kiosk heute Abend keine. Uwe Witter, Stammkunde und Kiezkenner, trinkt Kaffee aus der Selbstbedienungsmaschine, raucht und beobachtet das Treiben. Nebenan begrüßt eine Gruppe Jugendlicher unter Jubel und Applaus zwei verspätete Freunde, die einen Kiste Sternburg im Handgepäck haben. Ein konkretes Ziel haben sie noch nicht, „aber wir gehen hier gerne raus. Manchmal auch an der Warschauer Straße. Discos, Bars, nix Spezielles, Hauptsache Stadt“, sagt die 17-jährige Birgit aus Charlottenburg. Auch ihre Freunde Robert und Moni, beide 18, sind sich einig, dass ein Alkoholverbot Ihnen das Bier auf der Hand vor dem Bier in der Bar nicht nehmen würde. „Dann würden wir es heimlich trinken, aus der Jacke oder einer Tüte. Das ist billiger als in der Kneipe“, erklärt Robert mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze, „und außerdem gehört Vorglühen doch einfach dazu.“ Moni beschreibt die Problematik eines Verbots noch pragmatischer: „Ob ich mich zuhause besaufe und dann auf die Straße gehe oder gleich hier trinke ist doch egal“.

Alter Wein in neuen Tüten?

Jonas Gebrelassie verdient sein Geld nicht zuletzt dank dieser Mentalität seiner Kunden, deren Streifzüge immer öfter in Saufgelage ausarteten. Aber ein Alkoholverbot, wie Henkel es wieder vorgeschlagen hat? „Am liebsten sofort, da wäre ich absolut dafür!“ sagt Gebrelassie entschieden wie überraschend. Der 42-Jährige lebt seit 15 Monaten in Berlin, kam aus Kassel. So was wie hier habe er noch nie gesehen, die Kinder hätten keinerlei Hemmungen mehr, wie die hier alle die Sau rausließen. Natürlich würde der Verkauf etwas zurückgehen, aber das Geschäft mit Alkohol sei eben nicht die Haupteinnahmequelle, und außerdem müsse man nur wegen der paar Euro mehr nicht an sich denken, sondern auch an die anderen. Die Kids würden immer dreister, beauftragten fremde Erwachsene, wenn er Ihnen nichts verkauft. Während er davon erzählt, greift ein Jugendlicher wortlos zur Kaffeemaschine, erschleicht sich drei Pappbecher und stiehlt sich gewollt unauffällig davon. „So geht das nicht, Kollege“, ruft Gebrelassie freundlich und bestimmt, man würde doch wohl noch mal fragen können. Geduckten Hauptes entschuldigt sich der Junge, bedankt sich für die Plastikbecher, die er stattdessen bekommt und geht. Amüsiert wie verständnislos kommentiert Uwe Witter, seit 18 Jahren trockener Alkoholiker, das Geschehen: „Der will sich und seinen Kumpels natürlich um die Ecke ne Schnapsmischung basteln.“ Gebrelassie und seine Kollegen passen auf, nicht nur auf ihre Kunden, auch auf sich selbst und ihren Ruf.

Großstadtidylle. © reifenwechsler.blogspot.com
Ein paar Meter weiter, im Ladenkiosk Notlösung, sieht Besitzer Ingo Reckin das alles nicht ganz so streng: „Dit jehört ins Sommerloch“, schimpft der Berliner, „wieder sone bepisste Idee von Deutschland, die nich umzusetzen is“. Neben Lebensmitteln, Süß- und Tabakwaren hat er außer Bier auch eine große Auswahl an Wein und Spirituosen. Auch sein Umsatzanteil von Alkohol liegt bei vielleicht 25 Prozent, und obwohl hier regelmäßig junge Leute auf dem Weg zur Diskothek Icon vorbeikommen, lebt Reckin von seinen Stammkunden, 60-70 Prozent der Verkäufe machten die aus. Wenn mal jemand zu sehr schwanken würde, ginge Reckin sicherheitshalber selbst zum Kühlschrank und hole dem Kunden sein Bier. Nur wenn der viel zu hacke wäre, würde er sich das mit dem Verkauf noch mal überlegen. Und bei einem Alkoholverbot draußen? „Papptüte und erledigt, wie in Amiland“.

Ein mögliches Alkoholverbot in der Öffentlichkeit: Alter Wein in neuen Tüten? Eine Verschiebung des Problems von außen nach innen? Ein ernstzunehmendes Zukunftsszenario oder ein Thema fürs post-karnevalistische Loch? Fest steht: Wo kein Kläger, da kein Richter. Über einen U-Bahn-Fahrgast mit Feierabend-Bier wird sich wohl kein Berliner echauffieren. Über ausschreitende Besoffene, egal welchen Alters, schon. Sind die Teilverbote von Magdeburg und Freiburg vielleicht tatsächlich ein Vorbild? Unwahrscheinlich. Berlin hat nicht ein Zentrum, sondern jeder Stadtteil sein eigenes. Die Ordnungsämter kämpfen auch in Zukunft weiter mit dem Anti-Raucher-Gesetz, die Polizei hat ebenfalls anderes zu tun. Köhler-Azaras Frage in allen Ohren: Wer soll das alles bloß kontrollieren? Solange es die Gesellschaft nicht tut, lässt sich der Berliner sein Wegebier nicht nehmen.

Die Frau von der Bank

Sie pflanzte Rosen und kümmerte sich um die Nachbarn: Edith Heller wohnt seit 44 Jahren im Hansaviertel und kennt dort jeden

Ihre linke Hand hält sich am Geländer fest, die rechte versteckt sich in der Tasche ihrer roten Sommerjacke. „Ich bin ’ne Blumentante!“, sagt Edith Heller und zupft an einer der farbigen Blüten im Kasten. In braunem Rock, hellgrüner Bluse und Netzpantoffeln mit goldfarbenen Pailletten steht die 72-Jährige auf ihrem großen Balkon, atmet schwer und freut sich über ihre Stiefmütterchen und Geranien. Ein bisschen stolz ist sie auch, während sie von ihrem einzigen Hobby erzählt. „78 Balkons“, sagen zu ihr die Leute, „und keiner sonst hat Blumen!“

Seit 44 Jahren wohnt Edith Heller in ihrer 68-Quadrameter-Wohnung im ersten Stock des langgestreckten Scheibenhauses von Oscar Niemeyer. Alleine war sie nie. Ihr Mann starb vor acht Jahren, aber Klaus, ihr jüngster Sohn, wohnt bei ihr und pflegt sie. Bis sie vor elf Jahren in Rente ging, hat sich Edith Heller um Haus und Garten gekümmert. „Mein Mann und ich, wir haben hier alles bepflanzt. Auch die Rosenbüsche da unten. Nur die Dornenhecke“, sie zeigt auf die weitläufige Wiese an der Altonaer Straße, „die hamse wieder weg jemacht.“ Für die Geschichte des Hansaviertels hatte sie sich nie interessiert, von der Internationalen Bauausstellung kaum etwas mitbekommen. „Suchen wir uns ’ne Hauswartsstelle“, sagte Edith Heller 1963 zu ihrem Mann. Und im Niemeyer-Haus brauchten sie gerade jemanden.

Die Nachbarn kennen Edith Heller auch von ihrem Lieblingsort: Im Sommer sitzt sie gern auf der Parkbank am kleinen Spielplatz vor der Akademie der Künste, allein oder mit anderen Familien, um zu erzählen. „Über Edith kann ich nur Gutes sagen. Sie ist immer hilfsbereit und höflich“, sagt ihre langjährige Nachbarin Sabine Krüger aus Aufgang Vier, „rund um die Bartningallee kennen sie viele“. „Ich bin ja ein bunter Hund hier“, sagt Edith Heller und lacht. Früher ging sie mit ihren Söhnen und später mit ihrer Enkelin zum Spielplatz. „Das war wie eine große Familie, alle kannten sich von dort“, sagt sie, geht langsam vom Balkon zurück in ihre Wohnung und setzt sich auf die dunkelblaue Couch.

Edith Heller hat ihr Leben lang gearbeitet. Zehn Jahre hatte sie neben ihrem Job im Niemeyer-Haus eine Putzstelle im Rathaus Tiergarten, wollte von ihrem Mann unabhängig sein. Als Schülerin bekochte sie ihre Familie und die Nachbarskinder, in ihrem Heimatdorf in Mecklenburg-Vorpommern. Als 19-Jährige packte sie 1954 das Nötigste zusammen und reiste zu Verwandten nach Westberlin, „bei uns gabs ja keene Arbeit mehr“. Dort lernte sie 1960 ihren Mann kennen. Ein Jahr darauf heirateten sie, später kamen drei Söhne. Während sie erzählt, stützt Edith Heller sich auf ihr geschwollenes Bein. Seit drei Jahren leidet sie an Krebs. „Hellerchen, lass dir dat machen!“, zitiert sie ihren Hausarzt, lacht wieder und haut mit der linken Hand auf den Tisch, so, wie andere sich auf die Schenkel klopfen.

Im Hansaviertel lebt Edith Heller immer noch gern – „so viele gute Erinnerungen“ habe sie. In den Sechzigern wohnten hier, „trotz des sozialen Wohnungsbaus“, viele Anwälte, Doktoren, Architekten, „alles nette Leute, keiner war hochnäsig!“. Das Grün, die Spielplätze, die freien Flächen, die Gemeinschaft, der Supermarkt Bolle – an nichts habe es gefehlt.

Etwas Unschönes fällt ihr doch noch ein. „Oben, in dem schon immer ungenutzten Gesellschaftsraum, da konnten die Kinder ja eigentlich gut spielen. Aber ich musste das verbieten, weil der damalige Besitzer Holzmann das so vorschrieb. Da gab es wohl Beschwerden.“ Die Hauswartin Edith Heller war „eigentlich immer die gute Seele hier im Haus“, sagt Christiane Wolff, eine andere Nachbarin aus Aufgang Acht.

Seit die meisten Wohnungen privaten Eigentümern gehörten, findet Edith Heller, trügen viele Bewohner ihre Nase doch etwas höher, obwohl sie ja noch immer nett seien. Wenigstens die Dealer, die schonmal vor ihrem Haus Rauschgift unter den Steinen zwischenlagerten, seien kaum noch da. Und ein schlechtes Gewissen hat sie, in einem anderen Viertel in einem günstigeren Supermarkt einzukaufen, „weil die Rente doch so knapp is‘ und die Miete nicht ganz billig“. Fast 600 Euro zahlt sie warm. Aber wegziehen? „Nich für Jeld und jute Worte!“

Edith Heller fährt sich durchs dunkelgraue Haar, schaut am großen neuen Fernseher, an den alten Möbeln vorbei, blickt aus dem großen Fenster und lächelt zufrieden. Nur an ihrem Lieblingsplatz war sie wegen ihrer Krankheit schon lange nicht mehr. „Am Spielplatz“, sagt Edith Heller, „da läuft der Film meines Lebens nochmal ab“.

(erschienen in: die tageszeitung, 09. November 2007, Sonderbeilage „50 Jahre Hansaviertel Berlin“)

Durchstudieren oder ausprobieren

Was ist besser: Bachelor oder Diplom? Studenten berichten über ihre Erfahrungen mit einer Reform

In der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz geht alles recht gemach vor sich. Das Semester läuft erst langsam an. Ines und Alexa lernen für ihre mündliche Examensprüfung. Doch jetzt brauchen sie „erstmal eine Kaffeepause“. Ines studiert Europäische Ethnologie, Soziologie und Politik an der Humboldt-Universität Berlin und ist froh, noch auf Magister studieren zu können. „Was wäre ich denn mit einem Bachelor-Abschluss? Und dann nochmal Motivation tanken für einen Master? Nein danke“, sagt die 27-Jährige.

Alexa ist 28 und studiert an der Freien Universität Niederlandistik, Philosophie und neue deutsche Literatur – klassische Geisteswissenschaften also. Ihr Studium hatte sie 1998 in Trier begonnen. Mehrere Semester verbrachte sie in Antwerpen und Prag und wechselte 2003 nach Berlin: „Ich musste lange rumrennen, bis ich jemanden gefunden hatte, mir das alles anerkennen zu lassen“, sagt sie. Dafür konnten sich beide Studentinnen die Zeit nehmen, um alles Notwendige unter einen Hut zu bringen: Nebenjobs, Kurse, die sie interessierten und die ihnen bei der Orientierung im bürokratischen Hochschulalltag helfen sollten.

„Um mich auszuprobieren und zu überlegen was ich will – dafür habe ich diese Fächer gewählt“, sagt Ines. „Da musste ich mich nicht gleich zu sehr festlegen. Vorgaben gibt es nur wenige.“

Aber je länger die beiden nachdenken, desto mehr mögliche Vorteile erkennen sie im Bachelor-Studium, das nach und nach flächendeckend eingeführt wird. „Andauernd überschneiden sich bei uns Lehrangebote“, berichtet Ines vom herkömmlichen Magisterstudium, „in Seminaren sind die kleinen Räume bis unter die Decke mit Studenten vollgepackt, manche sitzen sogar auf den Fluren. Und direkte Ansprechpartner gibt es praktisch keine, das ist ein ewiges Suchen nach vertrauenswürdigen Informationen. Ein bisschen mehr Struktur wäre wünschenswert.“

Alexa ergänzt: „Auch wenn es anfangs eine ungeheure Freiheit bietet: Ich fände es cooler, wenn nicht nur die Noten der Examensarbeit und der beiden mündlichen Prüfungen, sondern alle bewerteten Leistungen für das Endergebnis zählen würden. Wenn es drauf ankam, hatte ich dummerweise meist einen schlechten Tag, meine Noten waren vorher immer besser – und eine mündliche Prüfung hatte ich seit dem zweiten Semester nicht mehr.“

Das Studium von Ines und Alexa ist ein Auslaufmodell. Bis 2010 müssen alle Hochschulen auf das neue Studienmodell umstellen. So wurde es 1999 in Bologna für ganz Europa beschlossen. Zum Sommersemester boten in Deutschland bereits 338 Hochschulen 5 660 Bachelor- und Masterstudiengänge an. Die Berliner Unis mischen oben mit: An der Humboldt-Uni gibt es 50 Bachelor- und 37 Masterstudiengänge, das entspricht 90 Prozent der Abschlüsse. An der Freien Universität sind schon 94 Prozent umgewandelt, und die TU hat zum jetzigen Wintersemester bis auf drei Studiengänge die neuen Abschlüsse eingeführt.

Kristin gehört zu den unfreiwilligen Pionier-Studenten dieser Reform. Die 24-jährige studiert seit 2004 Geografie an der FU, ist bald fertig und gehört damit zum ersten Bachelor-Jahrgang ihres Fachbereiches. Ihre Nebenfächer Geschichte und Kulturwissenschaft konnte sie immer noch aus dem Lehrangebot frei wählen – wie beim Magister. Glücklich ist sie mit dieser Kombination nicht: „Ich liebe zwar das Chaos bis zu einem gewissen Punkt, aber das hier kann ich wirklich niemandem empfehlen“, sagt sie. Zwar habe sich die Struktur des Bachelorstudiums seit seinem Beginn durchaus verbessert, aber wirklich überdacht sei das alles immer noch nicht. „Es wurden doppelt so viele Studenten zugelassen wie vorgesehen. Und die Kommilitonen, die ein Semester ins Ausland gehen, planen fest ein, ein Jahr länger studieren zu müssen. All diese neuen Module sind alles andere als kompatibel. In anderen Fachbereichen läuft das vielleicht besser. Ich komme mir aber wie ein Versuchskaninchen vor.“ Außerdem hat sich bei vielen Arbeitgebern der Bachelor als neuer Abschluss auch noch nicht durchgesetzt. „Als ich mich neulich für ein Praktikum bewarb, war die Antwort: ,Bewerben sie sich doch nach Ihrem Vordiplom nochmal'“, erzählt Kristin. Einen Vorteil ihres Studium sieht sie dennoch: „Den Abschluss habe ich in greifbarerer Nähe. Ich trödele nicht, sondern ziehe das durch. Auch wenn ich noch nicht weiß, wofür.“

Ein solches Problem hat Ulrich Wendland nicht. Der 21-jährige Sportfan will später in der Luft- und Raumfahrttechnik arbeiten, forschen und entwickeln. Er kommt gerade von einer Sprechstunde und hat leider erfolglos versucht, ein paar Tipps für die anstehende Mechanik-Klausur zu bekommen, für die er in der Volkswagen-Bibliothek lernt. Ulrich studiert an der TU im fünften Semester Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Verkehrswesen und ist dort Teil des letzten Diplom-Jahrgangs. „Gott sei Dank“, sagt er und wirft einen Blick auf den Stundenplan seiner künftigen Bachelor-Kommilitonen: „Da werden einfach aus dem Lehrplan Veranstaltungen rausgekürzt oder zweisemestrige auf einsemestrige Kurse zusammengestaucht. Teilweise schustert man das Fächerangebot aus unserem Hauptstudium mit in den neuen Stundenplan, damit alles irgendwie abgedeckt wird.“

Mit seinem bevorstehenden Vordiplom kann Ulrich ironischerweise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: „Den Bachelor-Abschluss bekäme ich quasi nebenher, da ich locker alles abdecke, was auch Teil dessen ist. Ich müsste mich nur dafür anmelden und schon hätte ich einen Abschluss sicher.“ Bessere Berufsaussichten bringt der Bachelor alleine aber nicht, auch wenn es in Deutschland bald an Wirtschaftsingenieuren mangeln wird. Gerade im technischen Bereich sei anwendungsorientiertes Fachwissen gefragt, sagt Ulrich. Das Arbeiten mit Bachelorabschluss sei zwar in den US-amerikanischen Standards möglich, „für einen guten Job brauchst du hier aber definitiv einen Master.“

Spätestens hier könnte die Realität das Wunschdenken einholen: Die prognostizierte Zahl zukünftiger Bachelor-Absolventen, so warnen Kritiker, übersteige bei weitem die Kapazitäten der angebotenen Masterplätze. Die mögliche Auswirkung liegt auf der Hand: Aus Mangel an Vertiefungsmöglichkeiten strömten dann nur sehr bedingt berufsqualifizierend ausgebildete Bachelorabsolventen auf den Arbeitsmarkt. Jörg Steinbach, Vizepräsident der TU, bedauert zwar den Abschied der „Marke Dipl.-Ing.“, gibt aber zumindest kurzfristig Entwarnung: „Es stimmt, wir dürfen laut Senat nur 75 Prozent unserer Bachelor-Plätze für den Master bereithalten. Bemessen an den Erfolgsquoten unserer letzten Diplom-Jahrgänge und den kommenden Neuanfängern aber muss erstmal keiner Angst haben: Ein Bachelor-Absolvent hat jede Chance, auch ein Master-Programm machen zu können.“ Und bis dahin, sagt Steinbach, müsse „die tatsächlich gewünschte Durchlässigkeit, die internationale Vergleichbarkeit erreicht werden.“

Wie gut oder schlecht ausgebildet der neue Typus des Bachelor- und Masterabsolventen aus dem Uni-Leben tritt, bleibt sowieso reine Spekulation: „Das werden wir ja erst dann sehen, wenn die Absolventen zu arbeiten anfangen.“, sagt Ulrich Wendland und macht sich wieder an seine Bücher.

(erschienen in: Berliner Zeitung, Semesterstartbeilage, 16. Oktober 2007)

Die Sonate vom guten Menschen

„Ein Schauspieler ist nie so wie er ist“, heißt es in „Das Leben der Anderen“. Als Ulrich Mühe im März 2007 den Oscar für seine Rolle als Stasimitarbeiter entgegennahm, ahnte nur er selbst, dass es um sein eigenes Leben schlechter bestellt war. Porträt eines Schauspielers bis zum Schluss.

Hauptmann Gerd Wiesler – oder buchstäblicher XX-HGW7 – rührt keine Miene. In keiner der unzähligen Nächte, in denen er von einem Dachboden aus den Schriftsteller Georg Dreymann (Sebastian Koch) observiert, 1984 in der DDR. Aber je länger Wiesler zuhört und protokolliert, desto stetiger bröckelt sein selbsterbauter kalter Fels aus Obrigkeitshörigkeit, rigoroser Prinzipientreue und dem Glauben an die Unfehlbarkeit seines Regimes. Der Observierte hingegen ahnt nicht um die Tragweite eines von ihm laut geäußerten Gedankens: „Kann jemand, der diese Musik gehört hat, noch ein schlechter Mensch sein?“ Irgendwann spielt Dreymann jene Sonate vom guten Menschen auf dem Klavier an. Und zwischen all der Dunkelheit, Sterilität und Einsamkeit meint man, zwischen Stasi-Hauptmann Wieslers Kopfhörern eine Träne zu entdecken.

Diese Kernszene aus Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-prämiertem Regiedebüt „Das Leben der Anderen“, das sowohl ein historisches Dokument als auch eine Charakterstudie darstellt, porträtiert Ulrich Mühes Anspruch an und Leistung in seiner Rolle auf bemerkenswerte Art und Weise. „Ich bin dem Regisseur sehr dankbar, dass er dieses Zutrauen hatte, dass ich mit minimalen Mitteln diese zarte Wandlung spielen kann und hier nicht die große Mimikkiste aufgemacht wird.“, sagte er. Wie hier besonders, so glänzte Mühe in der international umstrittenen französisch-deutschen Theaterverfilmung „Der Stellvertreter“ (2002) als SS-Doktor nicht durch große Gesten, sondern durch ungeheures Feingefühl für die innere Zerrissenheit samt ihrer intensiven weil realistischen Umsetzung seines Charakters. Mühe schauspielte nicht mehr als angemessen, setzte Akzente durch Zurückhaltung und präsentierte dadurch seine größte Stärke. Dass diese Züge die Absurdität von starren Ideologien nicht nur trefflich abbilden, sondern auch persiflieren können, stellte der damals 53-jährige Mühe neben Helge Schneider als lebendigem Hitler in Dani Levys „Mein Führer – die wirkliche Wahrheit über Hitler“ Anfang 2007 unter Beweis.

Auf den ersten Blick noch absurder erschien die Paraderolle als Gerd Wiesler hinsichtlich Mühes damaliger Privat-Schlagzeilen: In einem Interview mit Henckel von Donnersmarck zu dessen Buch zum Film beschuldigte Mühe seine Ex-Frau Jenny Gröllmann – mit der er in zweiter Ehe bis 1990 verheiratet war und außerdem die Bühne teilte – selbst, eine IM („inoffizielle Mitarbeiterin“) des Ministeriums für Staatssicherheit gewesen zu sein. Der Rechtsstreit in dieser Sache dauerte lange an; als Hauptmann Wiesler observierte Mühe zwischen Dreymann und dessen Liebe Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck) ähnlich Verdächtiges.

Die Blütezeit und den schnellen Zerfall der damaligen DDR erlebte Mühe, der sich – ohne selbst im zu scharfen Fokus der Stasi gestanden zu haben – maßgeblich an öffentlichen Diskussionen diesbezüglich beteiligte, prägend mit. Nach einer Lehre als Baufacharbeiter und seiner anschließenden schauspielerischen Ausbildung an der Leipziger Theaterhochschule „Hans-Otto“ holte Heiner Müller ihn vom Städtischen Theater Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) 1983 als MacBeth an die Berliner Volksbühne. Seitdem überzeugte Mühe unter anderem als Ensemblemitglied beim Deutschen Theater sowie nach der Wende auf den Salzburger Festspielen oder am Burgtheater Wien. Vielleicht ist seine Öffnung zum Fernsehen und Kino schon seit Mitte der Achtziger neben der Suche nach neuen Herausforderungen auch dem politischen Wandel zuzuschreiben. Mühe kommentierte einst: „In der DDR habe ich eine ganz andere Art von Theater gemacht, die von einer unglaublichen Wichtigkeit bestimmt war. Damals hockten die Leute in der Vorstellung vorne auf der Stuhlkante. Heute sitzen sie nach hinten zurückgelehnt meist mit vollem Bauch. Und das bestimmt eben auch die Art der Rezeption. Das kann man bedauern, aber das ist eben so wie es ist.“ Gut heißt Mühe die DDR-Zeiten deshalb natürlich noch lange nicht. Obwohl der im sächsischen Grimma Geborene schon 1986 in „Das Spinnennetz“ des Schweizer Filmregisseurs Bernhard Wicki im Film auf sich aufmerksam machte, habe er erst im Nachhinein begriffen, wie unfrei er in seiner Entfaltung eigentlich gewesen sei.

So zeigt sich in der Rückbetrachtung schon 1991 die ungewollte Affinität zur satirischen Spielerei mit polarisierenden Regime-Nachlässen und deren Wirkungsfeld auf das kulturelle Gedächtnis: In Helmut Dietls „Schtonk“ mimte Mühe neben Uwe Ochsenknecht, Götz George, Harald Juhnke und Veronica Ferres den gutgläubigen Verlagsleiter Dr. Wieland, der die unwissentlich gefälschten Hitler-Tagebücher im „HHpress“ veröffentlichen lässt. Im Jahre 2000 war er gar als Goebbels-Double im Fernsehfilm „Goebbels und Geduldig“ zu sehen. Dass er auch anders konnte, bewiesen Neben- und Hauptrollen in so verschiedenen Filmen wie „Rennschwein Rudi Rüssel“ (1996) bis zum herrlich-bitterbösen und für den Zuschauer schmerzhaften „Funny Games“ (1997).

Ulrich Mühe inszenierte seine zahlreichen Rollen – 2007 konnte er auf über 50 Stück aus Film und Bühne zurückblicken – nicht aber sich selbst. Das ist noch etwas Positives, das er aus DDR-Zeiten mitgenommen hatte: „Wichtig ist, Person und Rolle zu trennen – man darf sich nicht auffressen lassen. Das ist manchmal nicht ganz einfach. (…) In der DDR war die Figur wichtig, die man spielte, nicht der eigene Marktwert. Diese Erfahrung schützt mich noch heute.“ So war sein Privatleben sein Privatleben, das er so unsichtbar wie möglich hielt. Fünf Kinder aus drei Ehen, aber bis auf den aktuellen Prozess mit Gröllmann fand seine Person samt Umfeld nie in Klatschpressen oder abseits seiner jeweiligen Projekte statt. In dieser Professionalität konnte er trotz der optischen Ähnlichkeit als das Gegenteil eines Heiner Lauterbachs herhalten.

Ulrich Mühe war mit der Schauspielerin Susanne Lothar verheiratet, die zusammen mit ihm zuletzt in „Der Stellvertreter“ in einer Nebenrolle zu sehen war. Beide lebten mit den gemeinsamen Kindern Marie und Jacob in Berlin. Seit 1997 dürfte er der breiteren Masse als Gerichtsmediziner Dr. Robert Keelmaar aus der ZDF-Serie „Der letzte Zeuge“ ein bekanntes Gesicht gewesen sein. Hier dann auch mal ohne seinen favorisierten Mitspieler Ulrich Turkur, der neben Mühe zuletzt als Wieslers Vorgesetzter Anton Grubitz oder als Hauptdarsteller Kurt Gerstein in „Der Stellvertreter“ glänzte. Beide ergänzten sich in ihrem emphatischen Wesen nur zu gut.

Zuletzt inszenierte Mühe sich sogar selbst. Zum 75. Geburtstag seines engen Freundes und Begleiters Heiner Müller feierte er sein Regiedebüt mit Müllers „Auftrag“ und der 83-jährigen Grande Dame des Berliner Schauspiels, Inge Keller, als „neue Liebe“. Sein facettenreiches Schaffen wurde immer wieder durch diverse Auszeichnungen honoriert. So erntete Mühe für seine Werke bisher „Die große Klappe“, den Kritikerpreis der Berliner Zeitung, die Helene-Weigel-Medaille, den Bayerischen Filmpreis, den Deutschen Darstellerpreis der Film- und Fernsehregisseure, den Gertrud-Eysold-Ring, einen Bambi, die Kainz-Medaille, den „Telestar“ und den „BZ“ Kulturpreis. Für „Das Leben der Anderen“ erhielt er 2006 den Deutschen Filmpreis und abermals den Bayrischen Filmpreis als „Bester Hauptdarsteller“. Seinen Gesundheitszustand verheimlichte er der Öffentlichkeit bis zuletzt: Als „Das Leben der Anderen“ im März 2007 als bester nicht-englischsprachiger Film einen Oscar gewinnt, ist Ulrich Mühe bereits schwer krank. In seinem Sommerhaus in Walbeck bei Helmstedt erliegt er am 22. Juli desselben Jahres im Alter von 54 Jahren seinem Magenkrebs-Leiden.

„Der Dichter ist der Ingenieur der Seele“ heißt es in Mühes größtem Film, das habe laut Minister Hempf zumindest mal ein großer Sozialist gesagt. Und der nicht mehr ganz so systemtreue Hauptmann Wiesler entgegnet im allmählichen Zuge der Vermenschlichung seiner selbst der ahnungslos Observierten auf ihr abwinkendes „Ein Schauspieler ist nie so, wie er ist“ ein Hoffnung spendendes: „Sie doch.“ Darauf sie: „Und Sie sind ein guter Mensch.“ Mit dem Klang der Sonate im Ohr ließ er sich von den Künstlern, deren Feind er war, andere, neue Seiten des Lebens zeigen. Und wäre von seinem Darsteller vielleicht ähnlich erreicht worden: Ulrich Mühe zeigt diese verschiedenen Seiten seinem Publikum, ohne die Kunst hinten anzustellen. Mühe, der einstige Profil-Schauspieler des feinfühligen Volkes.