Durchstudieren oder ausprobieren

Was ist besser: Bachelor oder Diplom? Studenten berichten über ihre Erfahrungen mit einer Reform

In der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz geht alles recht gemach vor sich. Das Semester läuft erst langsam an. Ines und Alexa lernen für ihre mündliche Examensprüfung. Doch jetzt brauchen sie „erstmal eine Kaffeepause“. Ines studiert Europäische Ethnologie, Soziologie und Politik an der Humboldt-Universität Berlin und ist froh, noch auf Magister studieren zu können. „Was wäre ich denn mit einem Bachelor-Abschluss? Und dann nochmal Motivation tanken für einen Master? Nein danke“, sagt die 27-Jährige.

Alexa ist 28 und studiert an der Freien Universität Niederlandistik, Philosophie und neue deutsche Literatur – klassische Geisteswissenschaften also. Ihr Studium hatte sie 1998 in Trier begonnen. Mehrere Semester verbrachte sie in Antwerpen und Prag und wechselte 2003 nach Berlin: „Ich musste lange rumrennen, bis ich jemanden gefunden hatte, mir das alles anerkennen zu lassen“, sagt sie. Dafür konnten sich beide Studentinnen die Zeit nehmen, um alles Notwendige unter einen Hut zu bringen: Nebenjobs, Kurse, die sie interessierten und die ihnen bei der Orientierung im bürokratischen Hochschulalltag helfen sollten.

„Um mich auszuprobieren und zu überlegen was ich will – dafür habe ich diese Fächer gewählt“, sagt Ines. „Da musste ich mich nicht gleich zu sehr festlegen. Vorgaben gibt es nur wenige.“

Aber je länger die beiden nachdenken, desto mehr mögliche Vorteile erkennen sie im Bachelor-Studium, das nach und nach flächendeckend eingeführt wird. „Andauernd überschneiden sich bei uns Lehrangebote“, berichtet Ines vom herkömmlichen Magisterstudium, „in Seminaren sind die kleinen Räume bis unter die Decke mit Studenten vollgepackt, manche sitzen sogar auf den Fluren. Und direkte Ansprechpartner gibt es praktisch keine, das ist ein ewiges Suchen nach vertrauenswürdigen Informationen. Ein bisschen mehr Struktur wäre wünschenswert.“

Alexa ergänzt: „Auch wenn es anfangs eine ungeheure Freiheit bietet: Ich fände es cooler, wenn nicht nur die Noten der Examensarbeit und der beiden mündlichen Prüfungen, sondern alle bewerteten Leistungen für das Endergebnis zählen würden. Wenn es drauf ankam, hatte ich dummerweise meist einen schlechten Tag, meine Noten waren vorher immer besser – und eine mündliche Prüfung hatte ich seit dem zweiten Semester nicht mehr.“

Das Studium von Ines und Alexa ist ein Auslaufmodell. Bis 2010 müssen alle Hochschulen auf das neue Studienmodell umstellen. So wurde es 1999 in Bologna für ganz Europa beschlossen. Zum Sommersemester boten in Deutschland bereits 338 Hochschulen 5 660 Bachelor- und Masterstudiengänge an. Die Berliner Unis mischen oben mit: An der Humboldt-Uni gibt es 50 Bachelor- und 37 Masterstudiengänge, das entspricht 90 Prozent der Abschlüsse. An der Freien Universität sind schon 94 Prozent umgewandelt, und die TU hat zum jetzigen Wintersemester bis auf drei Studiengänge die neuen Abschlüsse eingeführt.

Kristin gehört zu den unfreiwilligen Pionier-Studenten dieser Reform. Die 24-jährige studiert seit 2004 Geografie an der FU, ist bald fertig und gehört damit zum ersten Bachelor-Jahrgang ihres Fachbereiches. Ihre Nebenfächer Geschichte und Kulturwissenschaft konnte sie immer noch aus dem Lehrangebot frei wählen – wie beim Magister. Glücklich ist sie mit dieser Kombination nicht: „Ich liebe zwar das Chaos bis zu einem gewissen Punkt, aber das hier kann ich wirklich niemandem empfehlen“, sagt sie. Zwar habe sich die Struktur des Bachelorstudiums seit seinem Beginn durchaus verbessert, aber wirklich überdacht sei das alles immer noch nicht. „Es wurden doppelt so viele Studenten zugelassen wie vorgesehen. Und die Kommilitonen, die ein Semester ins Ausland gehen, planen fest ein, ein Jahr länger studieren zu müssen. All diese neuen Module sind alles andere als kompatibel. In anderen Fachbereichen läuft das vielleicht besser. Ich komme mir aber wie ein Versuchskaninchen vor.“ Außerdem hat sich bei vielen Arbeitgebern der Bachelor als neuer Abschluss auch noch nicht durchgesetzt. „Als ich mich neulich für ein Praktikum bewarb, war die Antwort: ,Bewerben sie sich doch nach Ihrem Vordiplom nochmal'“, erzählt Kristin. Einen Vorteil ihres Studium sieht sie dennoch: „Den Abschluss habe ich in greifbarerer Nähe. Ich trödele nicht, sondern ziehe das durch. Auch wenn ich noch nicht weiß, wofür.“

Ein solches Problem hat Ulrich Wendland nicht. Der 21-jährige Sportfan will später in der Luft- und Raumfahrttechnik arbeiten, forschen und entwickeln. Er kommt gerade von einer Sprechstunde und hat leider erfolglos versucht, ein paar Tipps für die anstehende Mechanik-Klausur zu bekommen, für die er in der Volkswagen-Bibliothek lernt. Ulrich studiert an der TU im fünften Semester Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Verkehrswesen und ist dort Teil des letzten Diplom-Jahrgangs. „Gott sei Dank“, sagt er und wirft einen Blick auf den Stundenplan seiner künftigen Bachelor-Kommilitonen: „Da werden einfach aus dem Lehrplan Veranstaltungen rausgekürzt oder zweisemestrige auf einsemestrige Kurse zusammengestaucht. Teilweise schustert man das Fächerangebot aus unserem Hauptstudium mit in den neuen Stundenplan, damit alles irgendwie abgedeckt wird.“

Mit seinem bevorstehenden Vordiplom kann Ulrich ironischerweise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: „Den Bachelor-Abschluss bekäme ich quasi nebenher, da ich locker alles abdecke, was auch Teil dessen ist. Ich müsste mich nur dafür anmelden und schon hätte ich einen Abschluss sicher.“ Bessere Berufsaussichten bringt der Bachelor alleine aber nicht, auch wenn es in Deutschland bald an Wirtschaftsingenieuren mangeln wird. Gerade im technischen Bereich sei anwendungsorientiertes Fachwissen gefragt, sagt Ulrich. Das Arbeiten mit Bachelorabschluss sei zwar in den US-amerikanischen Standards möglich, „für einen guten Job brauchst du hier aber definitiv einen Master.“

Spätestens hier könnte die Realität das Wunschdenken einholen: Die prognostizierte Zahl zukünftiger Bachelor-Absolventen, so warnen Kritiker, übersteige bei weitem die Kapazitäten der angebotenen Masterplätze. Die mögliche Auswirkung liegt auf der Hand: Aus Mangel an Vertiefungsmöglichkeiten strömten dann nur sehr bedingt berufsqualifizierend ausgebildete Bachelorabsolventen auf den Arbeitsmarkt. Jörg Steinbach, Vizepräsident der TU, bedauert zwar den Abschied der „Marke Dipl.-Ing.“, gibt aber zumindest kurzfristig Entwarnung: „Es stimmt, wir dürfen laut Senat nur 75 Prozent unserer Bachelor-Plätze für den Master bereithalten. Bemessen an den Erfolgsquoten unserer letzten Diplom-Jahrgänge und den kommenden Neuanfängern aber muss erstmal keiner Angst haben: Ein Bachelor-Absolvent hat jede Chance, auch ein Master-Programm machen zu können.“ Und bis dahin, sagt Steinbach, müsse „die tatsächlich gewünschte Durchlässigkeit, die internationale Vergleichbarkeit erreicht werden.“

Wie gut oder schlecht ausgebildet der neue Typus des Bachelor- und Masterabsolventen aus dem Uni-Leben tritt, bleibt sowieso reine Spekulation: „Das werden wir ja erst dann sehen, wenn die Absolventen zu arbeiten anfangen.“, sagt Ulrich Wendland und macht sich wieder an seine Bücher.

(erschienen in: Berliner Zeitung, Semesterstartbeilage, 16. Oktober 2007)

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