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Die purpurrote Liste

Ist die Demokratie ein überholtes Staatsmodell? An der Humboldt-Universität rufen „Die Monarchisten“ ihr Königreich aus

„Wir vertreten 93 Prozent der Wähler“, erklärt Alexander Klute, nippt an seinem kalten Kaffee und unterdrückt ein Grinsen. „Jeder, der an der Demokratie nicht teilnimmt, ist doch auf unserer Seite.“ Klute sitzt im Uni-Café des Campus Unter Den Linden. Am Mantel trägt er einen kleinen ver.di-Anstecker. Aber der ist wohl eher Tarnung. Klute ist 38, studiert im 30. Semester auf Lehramt und ist einer von derzeit vier aktiven Monarchisten an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Als sich die studentische Liste „Die Monarchisten“ im Wintersemester 2006/2007 mit dem Claim „Mehr Absolutismus wagen“ erstmals zu den Wahlen zum 15.Studierendenparlament (kurz:StuPa) aufstellte, waren die Reaktionen ganz nach ihrem Geschmack. „Eine Referentin fragte entgeistert: Sind das jetzt linke Rechte oder rechte Linke?“, erinnert sich Klute. Ihre Spitzenkandidatin Claudia Reggentin, die wirklich so heißt, bezeichnen sie als „ihre Majestät, die Königin“, in Sitzungen erscheinen sie mit grauhaarigen Perücken und fordern die Einführung des Zottelparagraphen („pro Haarwuchs, gegen Wissensvortäuschung durch gute Kleidung. Solidarität mit den Kapitalschwachen!“) oder vergoldeten Mülleimern auf dem Campus. Zu den weiteren Forderungen gehören beispielsweise die Abschaffung von Anwesenheitslisten, die Einrichtung von Raucher-Refugien, der Ausschank von Spätburgunder, die Freiheit von Studiengebühren oder die Ernennung von Hofnarren. „Ein Königreich für Deine Stimme“ versprechen die tiefschwarzen Wahlplakate der Monarchisten in Frakturschrift auf den Fluren der altehrwürdigen Humboldt-Universität im Januar und zitieren Otto von Bismarck: „Revolutionen machen in Preußen nur die Könige“.

Ein Monarchist und seine Königin: Alexander Klute und Claudia Reggentin (© Dirk Hasskarl)

Mit dem Slogan „Wenn schon rot, dann purpurrot! Wählt das Original!“ schicken die Monarchisten bei den diesjährigen Wahlen „ihre Majestät Königin“ Claudia Reggentin als Spitzenkandidatin ins Rennen und gewinnen mit 3,4 Prozent aller abgegebenen Stimmen immerhin zwei von 60 Sitzen im Studierendenparlament. Als stärkste Liste geht die Linke Liste (LiLi) mit 13,5 Prozent der Stimmen hervor. Ein demokratisch erwähltes Königreich liegt noch in weiter Ferne. Von über 32000 Studenten an der Humboldt-Universität nehmen gerade einmal 7,8 Prozent ihr Recht war. Vor drei Jahren lag die Beteiligung bei 6,2 Prozent. „Die Legitimation der Demokratie ist Geschichte“ schlussfolgerten Die Monarchisten und stellten den Antrag, das StuPa durch den Exzellenzwettbewerb „Die HU sucht die Superkönigin“ zu ersetzen.

3,4 Prozent aller abgegebenen Stimmen konnte die Liste bei den letzten StuPa-Wahlen im Februar auf sich vereinen, dank fehlender Speerklausel haben sie immerhin zwei von 60 Sitzen im Studierendenparlament inne. Als stärkste Fraktion ging die Linke Liste (LiLi) mit 13,5 Prozent der Stimmen hervor. Bloß: Von über 32.000 Studenten an der Humboldt-Universität nahmen gerade einmal 7,8 Prozent ihr Wahlrecht wahr. Vor drei Jahren lag die Beteiligung bei 6,2 Prozent: „Die Legitimation der Demokratie ist Geschichte“, schlussfolgern die Monarchisten. Den Antrag, das StuPa durch den Exzellenzwettbewerb „Die HU sucht die Superkönigin“ zu ersetzen, haben sie bereits gestellt – er kam nicht durch.

Die Wahlbeteiligung ist eines der Lieblingsthemen der Monarchisten – und in dieser Frage wird ihre munter bis alberne Parodie zur beißenden Kritik. Eine „Scheindemokratie“ sei die studentische Selbstverwaltung, meint Alexander Klute. Die Studenten würden vom amtierenden ReferentInnenRat (kurz: RefRat) seiner Universität schlichtweg nicht ausreichend über ihr Wahlrecht informiert, die Bachelor-/Master-Umstellung würde da nur ihr Übriges tun, meint er: „Die Studenten müssen durchstudieren, die haben gar keine Zeit mehr für politisches Engagement.“ Klute schlägt eine schriftliche Wahlbenachrichtigung vor. Zu teuer, kontert der RefRat, der wiederum vom StuPa gewählt wird. „Ach, der RefRat ist ein linker Haufen“, sagt Klute. „Inoffiziell wollen die nur ihre eigene Mehrheit der LiLi nicht verlieren. Ich bin auch links, aber außerdem bin ich für Transparenz.“

Es geht um viel Geld und viel Geklüngel. Von den Semestergebühren der Studenten kassiert und verwaltet der RefRat als Vertretung der Studierendenschaft derzeit zwölf Euro pro Jahr, insgesamt also rund 400.000 Euro. Ein Drittel dieses Haushalts bekommen die Fachschaften, ein Drittel das StuPa, der Rest bleibt beim RefRat. Ein Großteil dieser Gelder ist zweckgebunden, der RefRat finanziert davon unter anderem Sozial-, Bafög-, Ausländer- oder Rechtsberatungsstellen und eine Kita. Die Ausgaben will Klute für alle Studenten offengelegt sehen, schließlich ginge es um ihre Gelder. Eine derartige Transparenz habe es bisher nicht gegeben. „Da wurden auch Fahrten zu G8-Demonstrationen als Bürobedarf deklariert“, sagt er.

Jüngst schrieben sich die Monarchisten noch die Unterstützung eines anderen Gradmessers der Demokratie auf die Wahlplakate: den unabhängigen Journalismus. Mit der Begründung, er finanziere das Projekt, wollte der RefRat Einfluss nehmen auf die redaktionelle Berichterstattung der Studierendenzeitung „UnAufgefordert“ (zitty berichtete). Die Monarchisten schlugen sich auf die Seite der Zeitungsmacher. Schließlich wusste schon Friedrich der Große: „Gazetten dürfet nicht genieret werden“. Auch hier fordert Klute Transparenz. In den Protokollen der entscheidenden Sitzungen wurden nie die vollständigen Namen der Teilnehmer festgehalten, moniert er. Als Entscheidungshilfe zur Wahl aber hätten die Studenten doch ein gutes Recht, zu sehen, welcher ihrer Abgeordneten wofür und wogegen stimmt. Also nahm Klute kurzerhand eine Sitzung auf Tonband auf und veröffentlichte sie auf der Homepage der Monarchisten. Der RefRat schaltete einen Anwalt ein, der Rechtsstreit dauert an. Und wenn die Angelegenheit tatsächlich vor Gericht käme? „Dann müssten sich die Leute auch fragen, warum ich die Sitzung mitgeschnitten habe“, sagt Klute. „Und endlich bekäme die Öffentlichkeit Wind von den Machenschaften des RefRats.“

Bei Hofe wohlgelitten: Alexander von Humboldt, © Heike Zappe

Die Mehrheit der Studenten bekommt von all dem Gerangel nicht viel mit. Ein demokratisch erwähltes Königreich liegt an der Humboldt-Universität noch in weiter Ferne. Aber Klute, der seine E-Mails mit dem Gruß „Lang studiere die Königin!“ unterzeichnet, stört sich daran nicht. Es geht eben um längere Zeiträume. So gesehen wissen Klute und seine Mitstreiter um zwei prominente Förderer – wenn auch nur im Geiste: „Alexander und Wilhelm Humboldt waren eingefleischte Monarchisten. Die hätten uns natürlich unterstützt!“

www.monarchisten-hu.de

(erschienen in: zitty 8/2009, 9. April 2009, Seite 32)

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Durchstudieren oder ausprobieren

Was ist besser: Bachelor oder Diplom? Studenten berichten über ihre Erfahrungen mit einer Reform

In der Staatsbibliothek am Potsdamer Platz geht alles recht gemach vor sich. Das Semester läuft erst langsam an. Ines und Alexa lernen für ihre mündliche Examensprüfung. Doch jetzt brauchen sie „erstmal eine Kaffeepause“. Ines studiert Europäische Ethnologie, Soziologie und Politik an der Humboldt-Universität Berlin und ist froh, noch auf Magister studieren zu können. „Was wäre ich denn mit einem Bachelor-Abschluss? Und dann nochmal Motivation tanken für einen Master? Nein danke“, sagt die 27-Jährige.

Alexa ist 28 und studiert an der Freien Universität Niederlandistik, Philosophie und neue deutsche Literatur – klassische Geisteswissenschaften also. Ihr Studium hatte sie 1998 in Trier begonnen. Mehrere Semester verbrachte sie in Antwerpen und Prag und wechselte 2003 nach Berlin: „Ich musste lange rumrennen, bis ich jemanden gefunden hatte, mir das alles anerkennen zu lassen“, sagt sie. Dafür konnten sich beide Studentinnen die Zeit nehmen, um alles Notwendige unter einen Hut zu bringen: Nebenjobs, Kurse, die sie interessierten und die ihnen bei der Orientierung im bürokratischen Hochschulalltag helfen sollten.

„Um mich auszuprobieren und zu überlegen was ich will – dafür habe ich diese Fächer gewählt“, sagt Ines. „Da musste ich mich nicht gleich zu sehr festlegen. Vorgaben gibt es nur wenige.“

Aber je länger die beiden nachdenken, desto mehr mögliche Vorteile erkennen sie im Bachelor-Studium, das nach und nach flächendeckend eingeführt wird. „Andauernd überschneiden sich bei uns Lehrangebote“, berichtet Ines vom herkömmlichen Magisterstudium, „in Seminaren sind die kleinen Räume bis unter die Decke mit Studenten vollgepackt, manche sitzen sogar auf den Fluren. Und direkte Ansprechpartner gibt es praktisch keine, das ist ein ewiges Suchen nach vertrauenswürdigen Informationen. Ein bisschen mehr Struktur wäre wünschenswert.“

Alexa ergänzt: „Auch wenn es anfangs eine ungeheure Freiheit bietet: Ich fände es cooler, wenn nicht nur die Noten der Examensarbeit und der beiden mündlichen Prüfungen, sondern alle bewerteten Leistungen für das Endergebnis zählen würden. Wenn es drauf ankam, hatte ich dummerweise meist einen schlechten Tag, meine Noten waren vorher immer besser – und eine mündliche Prüfung hatte ich seit dem zweiten Semester nicht mehr.“

Das Studium von Ines und Alexa ist ein Auslaufmodell. Bis 2010 müssen alle Hochschulen auf das neue Studienmodell umstellen. So wurde es 1999 in Bologna für ganz Europa beschlossen. Zum Sommersemester boten in Deutschland bereits 338 Hochschulen 5 660 Bachelor- und Masterstudiengänge an. Die Berliner Unis mischen oben mit: An der Humboldt-Uni gibt es 50 Bachelor- und 37 Masterstudiengänge, das entspricht 90 Prozent der Abschlüsse. An der Freien Universität sind schon 94 Prozent umgewandelt, und die TU hat zum jetzigen Wintersemester bis auf drei Studiengänge die neuen Abschlüsse eingeführt.

Kristin gehört zu den unfreiwilligen Pionier-Studenten dieser Reform. Die 24-jährige studiert seit 2004 Geografie an der FU, ist bald fertig und gehört damit zum ersten Bachelor-Jahrgang ihres Fachbereiches. Ihre Nebenfächer Geschichte und Kulturwissenschaft konnte sie immer noch aus dem Lehrangebot frei wählen – wie beim Magister. Glücklich ist sie mit dieser Kombination nicht: „Ich liebe zwar das Chaos bis zu einem gewissen Punkt, aber das hier kann ich wirklich niemandem empfehlen“, sagt sie. Zwar habe sich die Struktur des Bachelorstudiums seit seinem Beginn durchaus verbessert, aber wirklich überdacht sei das alles immer noch nicht. „Es wurden doppelt so viele Studenten zugelassen wie vorgesehen. Und die Kommilitonen, die ein Semester ins Ausland gehen, planen fest ein, ein Jahr länger studieren zu müssen. All diese neuen Module sind alles andere als kompatibel. In anderen Fachbereichen läuft das vielleicht besser. Ich komme mir aber wie ein Versuchskaninchen vor.“ Außerdem hat sich bei vielen Arbeitgebern der Bachelor als neuer Abschluss auch noch nicht durchgesetzt. „Als ich mich neulich für ein Praktikum bewarb, war die Antwort: ,Bewerben sie sich doch nach Ihrem Vordiplom nochmal'“, erzählt Kristin. Einen Vorteil ihres Studium sieht sie dennoch: „Den Abschluss habe ich in greifbarerer Nähe. Ich trödele nicht, sondern ziehe das durch. Auch wenn ich noch nicht weiß, wofür.“

Ein solches Problem hat Ulrich Wendland nicht. Der 21-jährige Sportfan will später in der Luft- und Raumfahrttechnik arbeiten, forschen und entwickeln. Er kommt gerade von einer Sprechstunde und hat leider erfolglos versucht, ein paar Tipps für die anstehende Mechanik-Klausur zu bekommen, für die er in der Volkswagen-Bibliothek lernt. Ulrich studiert an der TU im fünften Semester Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Verkehrswesen und ist dort Teil des letzten Diplom-Jahrgangs. „Gott sei Dank“, sagt er und wirft einen Blick auf den Stundenplan seiner künftigen Bachelor-Kommilitonen: „Da werden einfach aus dem Lehrplan Veranstaltungen rausgekürzt oder zweisemestrige auf einsemestrige Kurse zusammengestaucht. Teilweise schustert man das Fächerangebot aus unserem Hauptstudium mit in den neuen Stundenplan, damit alles irgendwie abgedeckt wird.“

Mit seinem bevorstehenden Vordiplom kann Ulrich ironischerweise gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: „Den Bachelor-Abschluss bekäme ich quasi nebenher, da ich locker alles abdecke, was auch Teil dessen ist. Ich müsste mich nur dafür anmelden und schon hätte ich einen Abschluss sicher.“ Bessere Berufsaussichten bringt der Bachelor alleine aber nicht, auch wenn es in Deutschland bald an Wirtschaftsingenieuren mangeln wird. Gerade im technischen Bereich sei anwendungsorientiertes Fachwissen gefragt, sagt Ulrich. Das Arbeiten mit Bachelorabschluss sei zwar in den US-amerikanischen Standards möglich, „für einen guten Job brauchst du hier aber definitiv einen Master.“

Spätestens hier könnte die Realität das Wunschdenken einholen: Die prognostizierte Zahl zukünftiger Bachelor-Absolventen, so warnen Kritiker, übersteige bei weitem die Kapazitäten der angebotenen Masterplätze. Die mögliche Auswirkung liegt auf der Hand: Aus Mangel an Vertiefungsmöglichkeiten strömten dann nur sehr bedingt berufsqualifizierend ausgebildete Bachelorabsolventen auf den Arbeitsmarkt. Jörg Steinbach, Vizepräsident der TU, bedauert zwar den Abschied der „Marke Dipl.-Ing.“, gibt aber zumindest kurzfristig Entwarnung: „Es stimmt, wir dürfen laut Senat nur 75 Prozent unserer Bachelor-Plätze für den Master bereithalten. Bemessen an den Erfolgsquoten unserer letzten Diplom-Jahrgänge und den kommenden Neuanfängern aber muss erstmal keiner Angst haben: Ein Bachelor-Absolvent hat jede Chance, auch ein Master-Programm machen zu können.“ Und bis dahin, sagt Steinbach, müsse „die tatsächlich gewünschte Durchlässigkeit, die internationale Vergleichbarkeit erreicht werden.“

Wie gut oder schlecht ausgebildet der neue Typus des Bachelor- und Masterabsolventen aus dem Uni-Leben tritt, bleibt sowieso reine Spekulation: „Das werden wir ja erst dann sehen, wenn die Absolventen zu arbeiten anfangen.“, sagt Ulrich Wendland und macht sich wieder an seine Bücher.

(erschienen in: Berliner Zeitung, Semesterstartbeilage, 16. Oktober 2007)