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Dann trinken wir aus Tüten

10. Februar 2008 | Von |

Die Berliner CDU fordert ein Alkoholverbot an allen öffentlichen Plätzen. Die Drogenbeauftragten des Landes stimmen ein. Muss die Institution Kiosk Angst vor schwindenden Kunden haben?

Die vor Monaten entbrannten Diskussionen um das bundesweite Rauchverbot vernebelten noch die klare Sicht der Berliner Ordnungsämter, als zum Jahreswechsel ein weiteres Gesetz für dünne Luft in der Innenstadt sorgen sollte: Eine Umweltplakette musste her. Während Gastwirten und Autofahrern gleichermaßen der Kopf raucht, wer denn nun wo was darf und was nicht, kommen im Überwachungswahn auch die partylustigen Fußgänger, egal welchen Alters, nicht ungeschoren davon. Frank Henkel, parlamentarischer Geschäftsführer und innenpolitischer Sprecher der Berliner CDU-Fraktion, forderte vergangene Woche „ein generelles Alkoholverbot auf Straßen, Plätzen und im öffentlichen Nahverkehr.“ Entsprechende Anträge will er dieser Tage im Landesparlament einreichen, weil „niemand mit der Flasche am Hals über den Kurfürstendamm spazieren muss.“

In anderen Städten ist so ein Verbot teilweise bereits Realität: In Magdeburg herrscht rund um den Hasselbachplatz seit dem 01. Februar Trinkverbot, das Kneipenviertel „Bermudadreieck“ in Freiburg ist bereits seit Jahreswechsel alk- und glasfreie Zone. Zumindest abends und am Wochenende und erstmal auf Probe. Marburg zieht nach. Die Stadt Hamburg sprach bisher nur eine Empfehlung an ihre Tankstellen und Trinkhallen aus. Berlin-Spandau bemühte sich erst vor drei Jahren um die Einführung eines öffentlichen Alkoholverbots, vergeblich. Das Berliner Straßengesetz untersagte 1999 erstmalig öffentlichen Alkoholkonsum, 2006 wurde dieses Verbot wegen mangelnder Durchsetzung wieder gestrichen. Seit sich im vergangenen Jahr ein Jugendlicher zu Tode gesoffen hat – in einer Bar – halten die Diskussionen erneut an. Der Prozess gegen den Wirt und zwei Angestellte begann letzte Woche, Henkel nahm das Thema wieder auf seine Agenda. Er argumentiert, die Bürger hören nur bedingt zu.

Das Bier auf der Hand hat sich besonders in jungen Berliner Bezirken wie Kreuzberg, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg genauso im Ortsbild verankert wie Dönerbuden, Latte Macchiato-Trinker oder Kinderwagen. Berlin ist groß, die Wege lang, der nächste Kiosk immer in Sichtweite. Längst ist das Geschäft mit Alkohol nicht mehr nur ein Nebenverdienst, sollte man meinen. Würden wegen eines Konsumverbots in der Öffentlichkeit etliche Kleinunternehmer um ihre Existenz bangen müssen, weil Ihnen die Kunden ausblieben?

Flanieren und trinken

„Ach, der Verkauf von Alkohol macht vielleicht 20 Prozent unseres Gesamt-Umsatzes aus“, sagt Jonas Gebrelassie und beschwichtigt. „Den größten Umsatz machen wir mit Tabakwaren, den größten Gewinn mit Süßigkeiten.“ Gebrelassie arbeitet im Akuna Matata, Berlins wahrscheinlich höchstfrequentiertem Kiosk. Seit über 18 Jahren steht das Geschäft im Zentrum von Prenzlauer Berg, am Treppenaufgang zur U-Bahn-Station Eberswalder Straße. Die Linie U2 verkehrt hier überirdisch, unter ihr treffen Kastanienallee, Schönhauser Allee, Pappelallee, Danziger Straße und Konnopkes alteingesessener Currywurst-Imbiß aufeinander. Ein Verkehrsknotenpunkt, ein Magnet und Ausgangspunkt gleichermaßen.

Hier wird nicht nur getrunken: Das Akuna Matata an der Eberswalder Straße, © prenzlauerberger.wordpress.com


Am Freitagabend um 21 Uhr feiert das Akuna Matata – bei den Suaheli bedeutet sein Name „keine Probleme“ – Hochbetrieb. Es ist warm für einen Februartag und die Leute kaufen sowieso mehr Bier als unter der Woche. Vor allem Touristen landen hier freitags und samstags regelmäßig, die alternative Flaniermeile Kastanienallee findet in jedem Reiseführer Erwähnung. Die nächste U-Bahn fährt unter lautem Geröll ein, die nächste Meute Unternehmungslustiger fällt in das Szeneviertel ein. Flaschen klimpern, Koffer rollen, Sprachen treffen aufeinander. Gebrelassies Radio beschallt das Fußvolk mit lauter Musik. Ein Mann mit Anzug und Aktentasche ist in Eile, kauft eine Packung Zigaretten und verschwindet mit dutzend anderen Passanten über die Straße. Ein Pärchen hat mehr Zeit, kauft auch Zigaretten und wählt aus der durchschnittlichen Bierauswahl zwei Flaschen Becks. 1,40 € pro halber Liter, „günstig hier in Berlin“. Die gleiche Menge Sternburg kostet sogar nur 80 Cent. Andere kaufen ein Bier oder kein Bier, trinken, lesen, beobachten andere Passanten und warten. „Das ist ein Treffpunkt hier“, sagt Gebrelassie gutgelaunt und verkauft eine Flasche Cola über den Tresen.

Christine Köhler-Azara, Berlins Drogenbeauftragte, sieht in Läden wie dem Akuna Matata ein Problem. Alkohol sei in Deutschland viel billiger und überall verfügbar. Zwar hält sie Verbote für kontraproduktiv, wenn sie nicht umzusetzen sind und entkräftet somit die Realisierung von Henkels Vorhaben. Es sei aber „eine Überlegung wert“, in den Spätkaufläden oder Tankstellen den Alkoholverkauf in Abend- und Nachtstunden zu verbieten.

Das Akuna Matata gleicht einem Flagschiff unter den Seinen. Nicht wegen der eigentlich überschaubaren Auslage, sondern wegen seines Durchlaufs. Allein in einem 200 Meter-Radius lassen sich über eine Handvoll weiterer Geschäfte finden, die Alkohol verkaufen. Konkurrenzdenken herrscht nicht. Die Kiosk-Kultur in Berlin boomt. 695 Unternehmen sind in der Branche „Einzelhandel mit Getränken, darunter Wein, Sekt, Spirituosen und sonstige Getränke“ bei der Industrie- und Handelskammer der Hauptstadt gemeldet. Dazu kommen 304 Tankstellen. Das Geschäft mit Alkohol zieht Kunden. Zeitungsläden und Trinkhallen in ehemaligen Arbeiterbezirken wie Moabit oder Wedding begrüßen schon morgens Stammgäste zu Bier und BZ. Touristen oder Discobesucher verlaufen sich in der Regel nicht dorthin. Die Betreiber sind auf jeden Kunden angewiesen.

Das Akuna Matata ist das nicht, und Alkoholiker lungern vor dem freistehenden Kiosk heute Abend keine. Uwe Witter, Stammkunde und Kiezkenner, trinkt Kaffee aus der Selbstbedienungsmaschine, raucht und beobachtet das Treiben. Nebenan begrüßt eine Gruppe Jugendlicher unter Jubel und Applaus zwei verspätete Freunde, die einen Kiste Sternburg im Handgepäck haben. Ein konkretes Ziel haben sie noch nicht, „aber wir gehen hier gerne raus. Manchmal auch an der Warschauer Straße. Discos, Bars, nix Spezielles, Hauptsache Stadt“, sagt die 17-jährige Birgit aus Charlottenburg. Auch ihre Freunde Robert und Moni, beide 18, sind sich einig, dass ein Alkoholverbot Ihnen das Bier auf der Hand vor dem Bier in der Bar nicht nehmen würde. „Dann würden wir es heimlich trinken, aus der Jacke oder einer Tüte. Das ist billiger als in der Kneipe“, erklärt Robert mit tief ins Gesicht gezogener Wollmütze, „und außerdem gehört Vorglühen doch einfach dazu.“ Moni beschreibt die Problematik eines Verbots noch pragmatischer: „Ob ich mich zuhause besaufe und dann auf die Straße gehe oder gleich hier trinke ist doch egal“.

Alter Wein in neuen Tüten?

Jonas Gebrelassie verdient sein Geld nicht zuletzt dank dieser Mentalität seiner Kunden, deren Streifzüge immer öfter in Saufgelage ausarteten. Aber ein Alkoholverbot, wie Henkel es wieder vorgeschlagen hat? „Am liebsten sofort, da wäre ich absolut dafür!“ sagt Gebrelassie entschieden wie überraschend. Der 42-Jährige lebt seit 15 Monaten in Berlin, kam aus Kassel. So was wie hier habe er noch nie gesehen, die Kinder hätten keinerlei Hemmungen mehr, wie die hier alle die Sau rausließen. Natürlich würde der Verkauf etwas zurückgehen, aber das Geschäft mit Alkohol sei eben nicht die Haupteinnahmequelle, und außerdem müsse man nur wegen der paar Euro mehr nicht an sich denken, sondern auch an die anderen. Die Kids würden immer dreister, beauftragten fremde Erwachsene, wenn er Ihnen nichts verkauft. Während er davon erzählt, greift ein Jugendlicher wortlos zur Kaffeemaschine, erschleicht sich drei Pappbecher und stiehlt sich gewollt unauffällig davon. „So geht das nicht, Kollege“, ruft Gebrelassie freundlich und bestimmt, man würde doch wohl noch mal fragen können. Geduckten Hauptes entschuldigt sich der Junge, bedankt sich für die Plastikbecher, die er stattdessen bekommt und geht. Amüsiert wie verständnislos kommentiert Uwe Witter, seit 18 Jahren trockener Alkoholiker, das Geschehen: „Der will sich und seinen Kumpels natürlich um die Ecke ne Schnapsmischung basteln.“ Gebrelassie und seine Kollegen passen auf, nicht nur auf ihre Kunden, auch auf sich selbst und ihren Ruf.

Großstadtidylle. © reifenwechsler.blogspot.com

Ein paar Meter weiter, im Ladenkiosk Notlösung, sieht Besitzer Ingo Reckin das alles nicht ganz so streng: „Dit jehört ins Sommerloch“, schimpft der Berliner, „wieder sone bepisste Idee von Deutschland, die nich umzusetzen is“. Neben Lebensmitteln, Süß- und Tabakwaren hat er außer Bier auch eine große Auswahl an Wein und Spirituosen. Auch sein Umsatzanteil von Alkohol liegt bei vielleicht 25 Prozent, und obwohl hier regelmäßig junge Leute auf dem Weg zur Diskothek Icon vorbeikommen, lebt Reckin von seinen Stammkunden, 60-70 Prozent der Verkäufe machten die aus. Wenn mal jemand zu sehr schwanken würde, ginge Reckin sicherheitshalber selbst zum Kühlschrank und hole dem Kunden sein Bier. Nur wenn der viel zu hacke wäre, würde er sich das mit dem Verkauf noch mal überlegen. Und bei einem Alkoholverbot draußen? „Papptüte und erledigt, wie in Amiland“.

Ein mögliches Alkoholverbot in der Öffentlichkeit: Alter Wein in neuen Tüten? Eine Verschiebung des Problems von außen nach innen? Ein ernstzunehmendes Zukunftsszenario oder ein Thema fürs post-karnevalistische Loch? Fest steht: Wo kein Kläger, da kein Richter. Über einen U-Bahn-Fahrgast mit Feierabend-Bier wird sich wohl kein Berliner echauffieren. Über ausschreitende Besoffene, egal welchen Alters, schon. Sind die Teilverbote von Magdeburg und Freiburg vielleicht tatsächlich ein Vorbild? Unwahrscheinlich. Berlin hat nicht ein Zentrum, sondern jeder Stadtteil sein eigenes. Die Ordnungsämter kämpfen auch in Zukunft weiter mit dem Anti-Raucher-Gesetz, die Polizei hat ebenfalls anderes zu tun. Köhler-Azaras Frage in allen Ohren: Wer soll das alles bloß kontrollieren? Solange es die Gesellschaft nicht tut, lässt sich der Berliner sein Wegebier nicht nehmen.

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Ein Kommentar
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  1. Wenn man sich überlegt wie gravierend das Alkoholproblem in unserer Gesellschaft ist (siehe zum Beispiel unter http://www.kenn-dein-limit.de [aktuelle Kampagne des … Bundes?]) macht das schon Sinn. Oder doch nicht? Zumindest wäre es vertretbar. Dann müsste man aber dringend auch noch mal über die Sache mit den Zigaretten reden!

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