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Listenwahn: Die Alben des Jahres 2013

Schwermut, Rotwein, Grummelrock: The National haben mit „Trouble Will Find Me“ mal wieder ein ziemlich gutes Album aufgenommen.

Wenn ich doch wenigstens von Prokrastination sprechen könnte. Schlappe sechs Monate hat es gedauert, bis ich mir nun eine halbe Stunde Zeit nehme, um hier meine Lieblingsalben 2013 aufzulisten. Ein eigentlich liebgewonnenes Hobby, diese Listen, das aber schon letztes Jahr einriss, als ich bereits drei Monate dafür brauchte – immerhin aber über meine Lieblingsalben 2012 noch meine Lieblingsserien sowie -filme zusammenstellte. Später irgendwann.

Im Kalenderjahr 2013 lagen die Prioritäten anders: Jobwechsel, Familiengründung, neues Blog, solche Sachen. Für ein paar gute Serien – „Breaking Bad“-Finale, „Walking Dead“, „Hannibal“, „Game Of Thrones“, „Bored To Death“, „Freaks And Geeks“, „Pan Am“ und Co., nur die letzte Staffel „Dexter“ nicht – blieb noch Zeit, für noch mehr gute Musik berufsbedingt sowieso. Beim Musikexpress kürte ich bereits die 20 für mich besten Alben des Jahres 2013, die da lauten:

1. The National – TROUBLE WILL FIND ME

2. Arcade Fire – REFLEKTOR

3. Kanye West – YEEZUS

4. Iron & Wine – GHOST ON GHOST

5. Moderat – II

6. James Blake – OVERGROWN

7. Volcano Choir – REPAVE

8. Jon Hopkins – IMMUNITY

9. Turbostaat – STADT DER ANGST

10. Queens Of The Stone Age – …LIKE CLOCKWORK

11. Blood Orange – CUPID DELUXE

12. Daft Punk – RANDOM ACCESS MEMORIES

13. Cut Copy – FREE YOUR MIND

14. Low – THE INVISIBLE WAY

15. Tocotronic – WIE WIR LEBEN WOLLEN

16. Babyshambles – SEQUEL TO THE PREQUEL

17. Phoenix – BANKRUPT!

18. Chuckamuck – JILES

19. Arctic Monkeys – AM

20. Biffy Clyro – OPPOSITES

Völlig verpasst und 2014 nachgeholt habe ich SCHAU IN DEN LAUF HASE, das ganz und gar wunderbare Debüt von Die Höchste Eisenbahn. Auch gut waren unter anderem Okkervil Rivers THE SILVER GYMNASIUM, Erdmöbels KUNG FU FIGHTING, Frank Turners TAPE DECK HEART und stellenweise sogar noch Jupiter Jones‘ DAS GEGENTEIL VON ALLEM sowie Pearl Jams LIGHTNING BOLT. Was ich deshalb eher als Enttäuschung abhaken müsste. Aber was solls, das Popjahr 2014 ist ja längst in vollem Gange.

Listenwahn 2012: Die Alben des Jahres

Pünktlich zur schon im Vorfeld depperten Echo-Verleihung 2013: meine 20 besten Alben des vergangenen Kalenderjahres. Mit Qualitätsgarantie, garantiert auch ohne Frei.Wild und mit nur einem Megaseller.


1. Max Prosa – „Die Phantasie Wird Siegen“

Kitsch. Pathos. Sturm. Drang. Altklugheit. Reife. Aufgekratzheit. Abgeklärtheit. Versoffenheit. Herz. Schmerz. Beflissenheit. Geste. Gute Ratschläge. Bob Dylan im Geiste. Max Prosas über- und aufgeladenes Debüt „Die Phantasie wird siegen“, mit dem der in Berlin lebende Prosa als Bester seiner Zunft im deutschen Feuilleton eine „Schmerzensmänner“-Debatte anstiftete, hat von allem zuviel, man müsste sich eigentlich angewidert davon abwenden. Vor allem aber hat es Songs wie „Mein Kind“, „Flügel“ und „Visionen von Marie“ in seinen Reihen; Songs, die andere Liedermacher ein ganzes Leben so nicht zu Papier und auf Platte kriegen. Und das Beste: Der Nachfolger „Rangoon“ erscheint bereits im April 2013.

2. Ben Folds Five – „The Sound Of The Life Of The Mind“

Ben Folds, dieser Teufelspianist und Entertainer vor dem Herrn, kann keine schlechten Songs, Melodien, Harmonien und Geschichten schreiben. Das wusste ich spätestens seit „The Unauthorized Biography Of Reinhold Messner“, dem live schon 2008 wieder gemeinsam aufgeführten dritten Bandalbum aus dem Jahre 1999; Folds’ Soloalben zwischen 2001 und 2011 bestätigten das aufs Herzlichste. Beim Reunion-Album „The Sound Of The Life Of The Mind“ aber hatte ich das vier Durchgänge lang fast vergessen. Bis Folds mich mit „Draw A Crowd“, der ersten Single „Do It Anyway“ (inkl. Fraggles-Video) und über allem dem Titelsong daran erinnerte. Und plötzlich war ich wieder verliebt.

3. The Avett Brothers – „The Carpenter“

Weniger Drama, mehr Introspektive: „The Carpenter“ ist ein nach „I And Love And You“ einmal mehr aufrichtig herzliches Folkrockalbum, mit dem die Avett Brothers einmal mehr im Vorbeigehen beweisen, wie gut sie 1. Popmomente schreiben und einfangen, 2. die verwurzelteren Mumford & Sons werden und 3. als Hochzeitsband Nächte retten könnten. All das alleine wäre ihnen aber vermutlich zu langweilig. Zum Glück.

4. The Gaslight Anthem – „Handwritten“

Auf „American Slang“, ihrem dritten Album, waren The Gaslight Anthem der Sturm und Drang und die Ideen verloren gegangen, sie verwalteten sich bloß selbst. Mit „Handwritten“ und Hymnen wie „45“ und dem Titelsong haben die Arbeiterklasse-Punkrocker aus New Jersey (ja, da wo auch der Boss und Bon Jovi herkommen) zu sich selbst zurückgefunden und sind gleichzeitig den Stadien noch näher gekommen. Karohemden und, Achtung, Kreationismus – eine Mischung, die in Amerika noch besser ankommen müsste als bei uns.

5. Hot Water Music – „Exciter“

Nein, Hot Water Music aus Gainesville haben auf ihrem ersten neuen Album seit acht Jahren weder sich selbst noch den Punkrock neu erfunden. Aber genau das macht „Exciter“ zu so einer Wohltat: Chuck Ragan und Chris Wollard klingen mit all ihrem Herzblut und ihrer Hemdsärmeligkeit gemeinsam einfach markiger als allein, eine so zwingende Lebenskrisenhymne wie „Drag My Body“ haben sie in all den Solojahren und Bandprojekten nicht hinbekommen. Besser waren sie nur auf der Split-EP mit Alkaline Trio.

6. Benjamin Gibbard – „Former Lives“

Solodebüt des Frontmannes von Death Cab For Cutie, das gemessen an den Erwartungen und den Bandvorlagen ein fast zu gefälliges ist. Gibbard fühlt sich hier im Midtempo ein bisschen zu wohl, schon das Duett mit Aimee Mann aber reisst alles raus. Und wenn diese Liste eines verrät, dann, dass ich eine Schwäche für Bens habe.

7. Ben Kweller – „Go Fly A Kite“


Nach seinem Country-Ausflug besinnt sich Ben Kweller auf seine alten Stärken: „Go Fly A Kite“ vereint LoFi-Popsongs mit verschrobener Slackerattitüde, ist kein zweites „Sha Sha“ und zeigt Kweller dennoch als das geschichtenerzählende Songwriter-Wunderkind, das der Texaner auch mit seinen 31 Jahren noch ist.

8. Mumford & Sons – „Babel“

Das zweite Album, mit dem sie durch die Decke gingen: Die Grammy-Preisträger, die Mumford & Sons mittlerweile sind, legten mit „Babel“ einen zwar würdigen Nachfolger ihres umjubelten Debüts vor, aber auch ein Album, auf dem das Banjo präsenter und prägnanter war als die einzelnen Songideen selbst.

9. Kettcar – „Zwischen den Runden“

Nach dem – für Männer über 35 – vergleichsweise wütenden „Sylt“ und eine Dekade nach ihrem maßgeblichen Debüt „Du und wie viele von Deinen Freunden“ besinnen sich Kettcar auf Introspektive, Einsichten und auf das Erzählen daraus resultierender Geschichten über das Leben und den Tod. Sie trauen sich dabei an Bläser, Streicher und fast keinen Ausbruch. Schlecht steht ihnen all das trotzdem nicht. (zum Interview)

10. Michael Kiwanuka – „Home Again“

So jung und schon so schön von gestern: Michael Kiwanuka hat mit seinem Debüt „Home Again“ genau das Songwriter-Soulalbum aufgenommen, das Bob Dylan, Otis Redding, Marvin Gaye und Ben Harper gemeinsam nicht gemacht haben. (zum Interview)

11. Nada Surf – „The Stars Are Different To Astronomy“
12. First Aid Kit – „The Lion’s Roar“
13. The XX – „Coexist“
14. John K. Samson – „Provincial“
15. The Weeknd – „Echoes Of Silence“
16. Frank Ocean – „Channel Orange“
17. Deftones – „Koi No Yokan“
18. Absynthe Minded – „As It Ever Was“
19. Jessie Ware – „Devotion“
20. Kidd Kopphausen – „I“

Auch gut 2012 war zum Beispiel: Die Höchste Eisenbahn (EP), Jake Bugg (Deutschland-VÖ erst 2013), Silversun Pickups, The Lumineers, Sport, Aimee Mann, Kendrick Lamar, Captain Planet, The Shins, Two Gallants, Tom Liwa, Tallest Man On Earth, Muse, Gary, Manual Kant, Ellie Goulding, Sigur Ros, Bloc Party, Maximo Park, Die Türen, Band Of Horses, Kilians, Adam Arcuragi, Regina Spektor, Jens Lekman, Taylor Swift, Carly Rae Jepsen, Enno Bunger, Coheed & Cambria, Benjamin Biolay, Rocky Votolato

Die Wahrheit über Die Ärzte: Maja, Dr. Schernberger, Klaus Wowereit

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum auch veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens Die Wahrheit über Die Ärzte verschiedenen Wegbegleitern der besten Band der Welt eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Die Ärzte-Fan Maja, der Arzt Dr. Ralph Schernberger und der Regierende Bürgermeister Berlins Klaus Wowereit.

Maja, Die Ärzte-Fan

Sind Die Ärzte sexy?

Maja: Nee! Die sind ja schon älter. Aber es gibt ganz junge Mädchen, die kreischen auf den Konzerten extrem. Ich kann mir vorstellen, dass da manche auf mehr aus sind. Aber mit denen hab ich nichts zu tun.

Dr. Ralph Schernberger

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Sind Die Ärzte krank?

Dr. Ralph Schernberger: Da sie sich schon so lange gehalten haben, würde ich ihnen eine gute Gesundheit attestieren. Es gibt speziellen Gehörschutz für Leute, die schon etwas länger im Business sind, damit sie keinen Tinnitus und keinen Hörschaden kriegen. Das würde ich ihnen raten. Und ein Prostata-Screening.

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Sind Die Ärzte die beste Band Berlins, Herr Wowereit?

„Vielen Dank für Ihre Anfrage. Der Regierende Bürgermeister wird sich daran nicht beteiligen“.

Klaus Wowereit über Die Ärzte

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, eine Plattenhändlerin, Hagen Liebing, Nagel und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Die Wahrheit über Die Ärzte: Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum auch veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens Die Wahrheit über Die Ärzte verschiedenen Wegbegleitern der besten Band der Welt eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Corinna Bochmann, 42, juristische Referentin bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Wegen stumpfer Neonazis und anderen Gewaltbereiten hier ohne Bild.

Sind Die Ärzte noch eine Gefahr für die Jugend?

Corinna Bochmann: Es gibt noch zwei Alben, die aufgrund des Titels „Geschwisterliebe“ als indizierungsrelevant eingestuft sind, „Die Ärzte“ und „Ab 18“. Da wird Inzest und Mißbrauch in der Familie verherrlicht, das ist als Satire nicht klar genug erkennbar. Die Alben stehen noch auf dem Index. Seitdem gab es keine neuen Anträge zur Prüfung neuerer Stücke. Wenn Die Ärzte „Geschwisterliebe“ auf Konzerten spielten, was sie ja manchmal tun und ihr Publikum singen lassen, wäre das nach wie vor ein Problem. Aber eben nicht unseres, weil wir nicht für Konzerte zuständig sind. Da kann das Jugendamt oder das Ordnungsamt hingehen und so ein Konzert für einen jugendgefährdenden Ort erklären.

Und was ist mit den Songs „Schlaflied“ und „Claudia hat `nen Schäferhund“?

Corinna Bochmann: Die Ärzte haben sich 2004 an uns gewandt. Bei uns besteht die Möglichkeit, zehn Jahre nach Aufnahme in die Liste einen Antrag auf Streichung zu stellen. Das wird dann etwa damit begründet, dass heutige Jugendliche medienerfahren sind und das alles anders verstehen. Damals ging es um drei Lieder, um das „Schlaflied“, „Claudia hat `nen Schäferhund“ und „Geschwisterliebe“. Bei „Claudia hat `nen Schäferhund“ und „Schlaflied“ hat das Gremium bei der Prüfung gesagt: Das ist heute eindeutig als Satire erkennbar, auch für Jugendliche. Deswegen konnte das Album „Debil“ gestrichen werden. Die Ärzte hatten alle drei Alben zur Streichung beantragt – auf „Die Ärzte“ und „Ab 18“ war aber „Geschwisterliebe“ drauf.

Liegt Ihnen auch schon vor?

Corinna Bochmann: Nein. Uns liegt nichts vor, wir machen nichts von Amtswegen. Wir werden erst tätig, wenn von einer der im Jugendschutz genannten Behörden etwas zur Prüfung eingereicht wird. Wir machen keine Marktbeobachtung. Bei Musik und anderen Tonträgern gibt es anders als bei Filmen und Computerspielen ja auch keine Alterskennzeichnung. Wenn also ein Album oder ein Song auftritt, das oder der einem Elternteil nicht gefällt, wendet der sich vielleicht an das örtliche Jugendamt – und die würden das bei uns einreichen.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und Nagel.

Die Wahrheit über Die Ärzte: Hagen Liebing

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Hagen Liebing, Ex-Bassist von Die Ärzte und Redakteur des Berliner Stadtmagazins tip.

Hagen Liebing
Früher mal einer von Die Ärzte, heute Redakteur beim Berliner Stadtmagazin tip: Hagen Liebing

Waren Die Ärzte früher besser?

Hagen Liebing: Ich würde nicht sagen, dass sie früher besser waren. Sie waren authentischer. Vor allem bezogen auf das Verhältnis zu ihren Fans. Als ich damals mit den Ärzten auf der Bühne stand, war ich 25, und die Zuschauer zehn Jahre jünger als wir. Diesen Unterschied empfand ich schon als schräg. Nun sind Die Ärzte doppelt so alt wie ihr Publikum. Das ist wirklich schräg, belegt aber auch die Attraktivität der Band. Dazu noch ein Beispiel: Ich selbst habe einen 18-jährigen Sohn. Als ich beim letzten Album die Single „Junge“ hörte, musste ich erstaunt feststellen, dass meine Ex-Bandkumpels zwar so alt sind wie ich, aber gedanklich und in ihren Texten die Erlebniswelt meines Sohnes einnehmen und ihm Ratschläge erteilen. Komische Sache.

Einmal abgesehen vom Publikum: Waren Die Ärzte früher besser?

Hagen Liebing: Da will ich jetzt nicht ungerecht sein. Schon damals, als ich sie kennengelernt habe, waren das sehr gute Musiker. Jetzt läuft das aus dem Effeff. Da fehlt mir inzwischen ein bisschen die Dringlichkeit von jungen Leuten, die nicht so viel können, aber das Wenige so intensiv wie möglich machen. Aus dem entspannten Alleskönnen ist für mich mittlerweile so eine relaxte Beliebigkeit geworden.

Sind Die Ärzte nicht bald zu alt für diesen Popzirkus? Wie lange werden sie noch durchhalten?

Hagen Liebing: Also ich persönlich würde mich zu alt fühlen. Ich hätte nicht gedacht, dass sie solange durchhalten. Ab jetzt kann es auch noch ewig gehen. Das ist ihre Identität. Die sind nicht Geier Sturzflug oder die Wildecker Herzbuben, wo sich Leute ein Kostüm anziehen und sagen, sie sind jetzt diese oder jene. Die Ärzte sind wie sie sind. Vielleicht machen sie irgendwann keine Platten mehr, weil sie keine Lust mehr haben. Aber anders als Die Ärzte würden sie dann eh nicht wahrgenommen werden.

Und wenn ein neuer Bassist gesucht werden würde, Du würdest nicht nochmal „Ja“ sagen?

Hagen Liebing: (lacht) Nein, ich würde nicht nochmal „Ja“ sagen, das stimmt!

Von einer derart langen Karriere ahntest Du ja damals nichts.

Hagen Liebing: Nein, natürlich nicht, ganz im Gegenteil. Wir haben uns damals freiwillig aufgelöst, in meinem Beisein, 1988, weil wir das Gefühl hatten, das Maximum wäre erreicht, mehr geht nicht an Erfolg und Belastung durchs Musikgeschäft. Wir wollten das nicht ertragen oder uns dem unterwerfen.

Wäre im Nachhinein aber wohl ein lukrativerer Job gewesen als Dein jetziger.

Hagen Liebing: Naja, mein Leben ist ja kein Job. Das was ich in meinem Leben erreicht habe, liegt für mich weit oberhalb von dem, was man mit Geld bezahlen kann.

Auch gefragt waren: Nagel, ein Arzt, ein Fan, Florian Hayler, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, John Niven und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Die Wahrheit über Die Ärzte: John Niven

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Schriftsteller, Dozent und Ex-A&R John Niven, Autor der Pop-Satiren „Kill Your Friends“ und „Gott Bewahre“. Bela B. las Nivens Hörbuch und ging mit ihm auf Lesetour.

John Niven / Jas Lehal
John Niven. So unbequem und schräg wie seine Bücher. (Foto: Jas Lehal)

Zuerst: Kennen Sie auch die Musik von Die Ärzte oder nur die Typen?

John Niven: Ich kenne Bela, die anderen nicht. Ihre Musik habe ich kaum gehört bisher.

Hat Bela eine schöne Stimme?

John Niven: Ha, eine reizende Stimme sogar! Ich hatte keine Ahnung, dass er hier so ein großer Rockstar ist. Für gewöhnlich kommen rund 100 Leute zu meinen Lesungen. In Leipzig waren da plötzlich über 500, und ich dachte nur: „Boa, in Leipzig bin ich offenbar sehr beliebt!“ Und dann waren sie doch nur wegen Bela da.

Wie entstand denn die Zusammenarbeit?

John Niven: Mein Redakteur Markus schickte Bela damals eine sehr frühe Kopie von „Kill Your Friends“. Für das Hardcover gab er uns darauf ein fantastisches Zitat – er war einfach von Anfang an ein großer Fan des Buches.

Und warum mögen Sie seine Stimme, warum passt Sie gut zu „Kill Your Friends“ auf Lesungen und als Hörbuch?

John Niven: Ich glaube einfach, weil er das Buch so gut verstanden hat. So gut, dass er es mit der richtigen Portion Autorität lesen konnte. Es gibt da eine Szene im Buch, die besonders lusig ist, wenn er sie liest. Nämlich die, wenn Steven Stelfox mit einem deutschen Dance-Produzenten namens Rudi spricht. Wir lasen die Stelle immer gemeinsam, ich Steven, er Rudi, und er immer so: „Schteven!“

Sie waren mal A&R-Manager – hätten Sie Die Ärzte unter Vertrag genommen?

John Niven: Ich bin ein großer Punkrockfan. Musikalisch mag ich den Sound, den sie machen. Als sie begannen, hätte ich sie deshalb wahrscheinlich unter Vertrag genommen. Heute ist es für eine Band deutlich schwieriger, einen Vertrag zu bekommen. Aber ja, wahrscheinlich hätte ich.

Haben Die Ärzte noch eine Chance auf eine internationale Karriere?

John Niven: Ich weiß es nicht. Deutschland hat… wir haben U2… Ach, ich will nicht nein sagen. Es ist ja bekanntlich immer alles möglich.

Sie sind also nicht zu alt dafür?

John Niven: Als ich mit Bela abhing, kam er stets deutlich jünger rüber als er ist!

Ihr aktuelles Buch „The Second Coming“ (dt. Titel: „Gott bewahre“) dreht sich im Pop, Fernsehen und Religion. Es…

John Niven: Deutschland ist das Land, in dem mein Buch den größten Erfolg hat!

Wie erklären Sie sich das?

John Niven: Ich weiß es nicht! Es läuft auch in UK, Italien und Spanien gut. Aber in Deutschland waren sie gleich alle auf die Hardback-Copies wild, seit Monaten. Ein phänomenaler Erfolg.

Es liest sich wie ein Drehbuch, das es ja ursprünglich auch war.

John Niven: Ja, die ersten 70 Seiten schrieb ich als Drehbuch und machte erst dann einen Roman daraus, weil ich nicht glaubte, dass daraus einer einen Film machen würde. Ironischerweise gibt es aber ein paar Angebote, nun doch einen Film daraus zu machen, ja. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Und ein neues Buch?

John Niven: Ja, ich beende gerade ein neues, es heißt „Cold Hands“ und soll im Oktober oder November erscheinen.

Und siehe da: Mittlerweile ist John Nivens „Cold Hands“, ein Thriller, sogar auf deutsch unter dem Titel „Das Gebot der Rache“ erhältlich.

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Auch gefragt waren: Nagel, ein Arzt, ein Fan, Florian Hayler, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Die Wahrheit über Die Ärzte: Flo Hayler

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Flo Hayler vom Berliner Ramones-Museum (und Musikjournalist). Einer, der sich mit Punk doch auskennen müsste.

Sind Die Ärzte noch Punkrock, Flo?

Hey Ho, Let's Go: Flo Hayler, Gründer des Berliner Ramones-Museums

Flo Hayler: Sie waren Punkrocker, sind Punkrocker und werden immer Punkrocker bleiben. Wenn man einmal Punk war, verliert man das nicht mehr. Die Art, wie sie ihre Alben machen, wie sie sich geben, ihre Konzerte spielen und mit ihren Fans umgehen, das ist alles sehr nett, freundschaftlich und familiär. Punk ist das total. Weil auch dieser Community-Aspekt im Punk ganz wichtig ist.

Dennoch: Waren sie früher mehr oder weniger Punkrock als heute?

Flo Hayler: Die waren früher wahrscheinlich sogar noch weniger Punkrock, oder? Die haben doch mal gesagt, sie möchten auch eine Popband sein und das, was Anfang der Achtziger als Punk gegolten hat – dieses Politische, dieses Steife, dieses Arme-Verschränker-Punksein – aufbrechen. Sie nannten sich also bewusst provokativ Popband. Und sie heute als Rockphänomen zu beschreiben ist glaube ich passender als Popphänomen. Und auch passender als Punkphänomen, weil sie ihre Fans nicht nur aus Punkkreisen rekrutieren, sondern gesamtgesellschaftlich relevant sind.

Aber Rockstars sind sie auch.

Flo Hayler: Sie sind Rockstars, total. Sehr gut aussehende Rockstars sogar. Die sitzen dir gegenüber und du denkst: Wie damals in der Bravo!

Kann sich so eine Band überhaupt noch ausverkaufen?

Flo Hayler: Wir kennen das doch alle. Die haben jeden von uns begleitet und beeinflusst. Das ist das Tolle an den Ärzten, dass jeder eine Geschichte zu denen hat. Jeder bringt einen Lebensabschnitt mit den Ärzten in Verbindung. Von daher kannst du da so oder so nicht rangehen. Jeder ist parteiisch. Die Ärzte haben einen nie enttäuscht. Es gab nichts in ihrer Karriere, von dem man gesagt hätte, dass das jetzt wirklich kacke war.

Auch gefragt waren: John Niven, Nagel, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Die Wahrheit über Die Ärzte: Mr. Dead and Mrs. Free

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum “auch” veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens “Die Wahrheit über Die Ärzte” verschiedenen Wegbegleitern der “besten Band der Welt” eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Ina Winkels, Plattenhändlerin bei Mr. Dead and Mrs. Free in Berlin-Schöneberg, dem Plattenladen, dem auch Die Ärzte vertrauen.

Sind Die Ärzte gute Kunden?

Ina Winkels: Anderthalb Ärzte bedienen wir. Bela kommt häufiger, Rod selten, den anderen habe ich noch nie hier gesehen. Doch, einmal.

Ina Winkels, Mr. Dead And Mrs. Free
Kennt Die Ärzte auch als ihre Kunden: Ina Winkels vom berühmten Berliner Plattenladen Mr. Dead And Mrs. Free

Was heißt häufig?

Ina Winkels: Kommt darauf an, wie oft er in Berlin ist, Bela pendelt ja immer zwischen Berlin und Hamburg hin und her. Je seltener er kommt, desto mehr kauft er dann. Er neigt zum Großeinkauf. Und er bevorzugt Damen! Er kauft gerne Musik von attraktiven Frauen. Nicht etwa von krawalligen tätowierten Männern, dann doch eher von gut geschminkten tätowierten Frauen!

Zum Beispiel?

Ina Winkels: Zum Beispiel Lanie Lane, eine Australierin. Fifties-Retrolook, Ausschnitt, rote Lippen, enge Röcke.

Vinyl oder CDs?

Ina Winkels: Er kauft CDs.

Nochmal: Die Ärzte sind also gute Kunden?

Ina Winkels: Sie sind sehr gerne gesehene Kunden. Bela ist ein sehr angenehmer, einfacher Kunde, der weiß, was er will, sich aber auch gerne beraten lässt. Wir können seinen Geschmack gut einschätzen. Ein dankbarer Kunde, ein echtes Win-Win. Rod weiß immer was er will. Diese eine Platte, die ihm fehlt. Der kauft nicht so Tonnen.

Die Ärzte haben also einen guten Musikgeschmack?

Ina Winkels: Ja. Für Jan kann ich nicht sprechen, aber Bela definitiv. Der hat auch einen sehr offenen, breiten Geschmack und ist kenntnisreich, hört nicht nur Sachen die sich zum Beispiel anhören wie Die Ärzte.

Gab es denn nie einen Fehlgriff?

Ina Winkels: Eigentlich nie, nein. Er ist auch ein sehr treuer Käufer von anderen deutschen Bands, ein richtiger Unterstützer des lokalen Nachwuchses. Da fragen wir manchmal schon: „Bist Du sicher, dass Du das wirklich brauchst?“ Und er sagt: „Ich weiß, dass das nicht so gut ist, aber ich muss die unterstützen!“ Er oder seine Entourage müssten dort nur einmal anrufen, und die Bands würden ihm ihre CDs mit Kusshand schenken. Er legt aber Wert darauf, sie zum vollen Preis zu kaufen. Und wenn er sie dann weiterverschenkt. Dafür kauft er die Platten manchmal gleich zweimal. Er ist ja auch wie seine Band ein großer Unterstützer ihrer Supportbands. Das finde ich total sympathisch.

Ist er Euch immer treu geblieben oder geht er fremd?

Ina Winkels: Wenn er nicht in Berlin ist, kauft er sich natürlich mal eine Platte im Internet – und ist danach immer ganz aufgelöst. „Die musste ich mir jetzt schon bei Amazon kaufen, weil ich nicht warten konnte bis ich wieder in Berlin bin“. Und dann kommt er ein zweites Mal und verschenkt die dann. Damit er sie nicht nicht hier gekauft hat! Echt total nett, noch netter geht es nicht. Die Ärzte sind sehr einfach lieb zu haben.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, Nagel, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.

Die Wahrheit über Die Ärzte: Nagel

Irgendwann im letzten Frühjahr, kurz bevor Die Ärzte ihr zwölftes Studioalbum „auch“ veröffentlichten, stellte ich für eine zitty-Titelgeschichte namens „Die Wahrheit über Die Ärzte“ verschiedenen Wegbegleitern der „besten Band der Welt“ eine Frage. Weil daraus meist doch ein paar mehr wurden, an dieser Stelle: Autor und Künstler Nagel, der mit seiner ehemaligen Band Muff Potter mal im Vorprogramm von Die Ärzte spielte.

Nagel
Früher mal mit Muff Potter im Vorprogramm von Die Ärzte unterwegs, heute ohne Ärzte und mit neuer Band, die so heißt wie er: Nagel

Sind Die Ärzte gute Gastgeber?

Nagel: Sehr gute! Als wir 2008 eine Woche mit ihnen tourten fühlten wir uns sehr willkommen. Wir wurden als Vorband sogar bezahlt. Das sollte natürlich normal sind, ist es aber leider ganz und gar nicht. Farin, Bela und Rod haben uns abwechselnd angesagt, da hat einen das Publikum gleich etwas lieber. In Hannover haben mir deswegen sogar 14.000 Leute „Happy Birthday“ gesungen. Da war ich schon ein bisschen gerührt. Nach dem ersten Soundcheck kamen sogar deren Techniker und haben uns erstmal unsere Gitarren alle schön bundrein gemacht. Das war ein bisschen onkelig, aber schön onkelig. Die Großen kommen an und helfen den Kleinen.

Sind Die Ärzte ordentlich im Backstage?

Nagel: Da hat ja jeder seinen eigenen Backstageraum. Ich kann nicht sagen, was darin passiert. Aber von Farin weiß man ja, dass dort drogenmäßig totale Abstinenz herrscht. Unsere Backstageräume sahen wahrscheinlich schlimmer aus als deren.

Sind Die Ärzte Rockstars für Dich?

Nagel: Ich kenne Farin und Bela ja nun einigermaßen. Mit dem Wort Freunde muss man vorsichtig sein, aber wir sind schon recht freundschaftlich verbunden und haben auch außerhalb von Die Ärzte und Muff Potter gemeinsame Sachen gemacht. Dadurch ist es schwer, jemanden noch als Rockstar zu sehen. Aber klar: Wenn irgendwelche Musiker in Deutschland dieses Rock- oder Popstar-Ding zu recht tragen, diese Aura, die sie auch zurecht umgibt, dann sind das auf jeden Fall Die Ärzte.

Und das schließt nicht aus, dass sie auch noch eine Punkrockband sind?

Nagel: Ja, das ist doch super, dass bei den Ärzten so viel zusammen kommt. Dass sich eine gewisse Art von Glamour und Integrität nicht ausschließen, sieht man ja an der Band ganz wunderbar, das ist doch das Schöne. Integer und smart zu sein heißt nicht, für immer immer der Typ von nebenan in Jeans und Turnschuhen zu bleiben. Diese Aura von Glamour, die die Band umgibt, gehört für mich zur Popmusik dazu. Wunderbar, wie Die Ärzte dazu in ihren Songs und Kostümen immer schon gespielt haben. Wie sich inszenieren, „Ich bin ein Papapapapa-Papapapapa-Popstar“, solche Sachen. Das macht den Reiz dieser Band aus.

Sind Die Ärzte für Dich Vorbilder?

Nagel: Musikalisch: null. Gar nicht.Vorbild ist auch ein schwieriges Wort, davon möchte ich mich eigentlich fernhalten. Aber für so eine gewisse Art, wie man eine Band macht, könnten sie natürlich Role Models sein. Ich habe Die Ärzte neulich erst im Auftrag der „Intro“ interviewt. Beim Pre-Listening des neuen Albums fiel mir auf, dass ich dort wirklich zum ersten Mal seit 20 Jahren eine Ärzte-Platte von vorne bis hinten gehört habe. Soviel zum Thema, wie wichtig mir die Band musikalisch ist.

Sagen Die Ärzte immer die Wahrheit? Oder stricken sie Legenden um sich?

Nagel: Ob Wahrheit oder Legende weiß ich jetzt nicht, aber sie sind natürlich die absoluten Promomaschinen. Auch mir gegenüber. Thomas Venker von der Intro bat mich, das Interview zu machen, weil ich Die Ärzte doch gut kennen würde. Könnte doch ein persönliches und intimes Interview werden, dachte er. Da habe ich schon laut gelacht und gesagt, dass er das doch nicht ernsthaft glaubt. Die Band gibt es seit 30 Jahren, die sind die absoluten Vollprofis. Ich werde ankommen, der Kumpel Nagel sein, dann werde ich das Aufnahmegerät anmachen und 45 Minuten lang der Typ von der Intro sein. Dann werde ich das Gerät ausmachen und wieder der Kumpel Nagel sein. Und genau so war’s auch. Ich finde das beeindruckend, wie man so professionell unterscheiden kann.

Und muss.

Nagel: Ja, Die Ärzte sind da ja auch gebrannte Kinder, auf eine Art, wegen Bravo und Co. damals. In diesem Kontext funktionierten die plötzlich. Da wurde es schnell sehr privat, da sind die einfach vorsichtig.

Auch gefragt waren: John Niven, Flo Hayler, ein Arzt, ein Fan, eine Plattenhändlerin, Klaus Wowereit, Hagen Liebing und die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien.