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Scheiße-schöne neue Welt

22. März 2021 | Von |

Instagram ist im Herbst 2020 zehn Jahre alt geworden. Was hat uns die erfolgreichste Foto-App der Welt (Gutes) gebracht?

Screenshot meiner Instagram-Seite @newkidandtheblog. @whatthefab gibt es auch noch.

Als Kevin Systrom und Mike Krieger am 6. Oktober 2010 in Palo Alto ihre neue App Instagram, die kurz vorher noch burbn hieß, in den iOS­Store luden, konnten sie unmöglich geahnt haben, wie sehr sie damit nicht nur ihre, sondern die ganze Welt verändern würden. Nach zwei Mona­ten registrierten sich bereits eine Million User*innen. Nach einem Jahr zehn Millionen. 2012 kaufte Facebook Instagram für eine Milliarde US­-Dollar auf. Im Juni 2018 knackte der Dienst die Eine-­Milliarde­Grenze. Allein in Deutschland nutzten 2020 über 21 Millionen Menschen aktiv die disruptive Smartphone-­Applikation, auf der Fotos mit kurzen Texten sowie sogenannte Stories, für 24 Stunden sichtbare Kurzvideos, gepostet und geliked werden können. Instagram ist aus unserem Social­-Media-­Alltag, der Werbung und dem Weltgeschehen nicht mehr wegzudenken.

Der Spruch „pics or it didn’t happen“ wurde vor Corona zu unser aller Motto: Wer aus dem Urlaub, vom Restaurant­ oder Konzertbesuch kein Foto postete, ist für seine digitalen Freund*innen nicht da gewesen. Auf dem Lollapalooza Berlin bauten sie 2019 sogar bildstarke Insta­-Kulissen auf, damit sich auch bloß jede*r ins rechte Licht setzen kann. Dieses Jahr wäre es, wie auch auf dem Influencer­-Festival schlechthin, dem Coachella, nicht anders gewesen. Während auf Twitter und in Facebooks Kommentarspalten oft ungefilterter Hass regiert, domi­niert in den verschiedenen Insta­-Bubbles oft die Vortäuschung einer perfekten Welt. Die Grün­de sind naheliegend: Erstens entwirft jede*r User*in online schon aus psychologischen Mecha­nismen heraus eine bessere Version von sich selbst. Zweitens müssen gerade diejenigen, die sich aus ihrer Reichweite ein Geschäftsmodell erschaffen haben, ihre Werbekund*innen bei der Stange halten.

Vielleicht sind die kids doch noch alright

Für deren Follower*innen ist der vermittelte Eindruck, bei den anderen liefe immer alles rund, nicht unbedingt gesund. Einen positiven Nebeneffekt bringt dieses Streben nach Per­fektion sowie die Hürde, für ein Posting nicht lediglich Text, sondern auch ein Foto oder ein Video hochladen zu müssen, dennoch mit sich: Die Verbreitung von Fake News, die auf Face­book und Twitter sogar Wahlmanipulationen und handfeste Unruhen nach sich zogen (siehe dazu auch die neue Netflix­-Doku „The Social Dilemma“), müsste hier geringer ausfallen. Abhän­gig macht die Nutzung der App zwar auch, zumal Umfragen schon 2019 ergaben, dass Insta­gram Facebook unter 18-­ bis 24-­Jährigen als Nachrichtenquelle Nummer 1 abgelöst habe. Gleichzeitig besagen Studien aber auch, dass jüngere Menschen geteilten „Wahrheiten“ zunehmend kritisch gegenüberstünden und sie sich bei News nicht allein auf soziale Netz­werke, sondern auch auf sogenannte klassischere Medien verlassen würden.

Auch das unter­strich Trumps vorerst letztes Amtsjahr: Mündige Mediennutzung war nie unerlässlicher. Und wenn die nach Cristiano Ronaldo weltweit meistgefolgte Person auf Instagram mit Ariana Grande eine junge Frau und Musikerin ist, die ihre Reichweite nicht nur für Selfies und Wer­bung, sondern zur Motivation für mehr Selbstliebe und zur Schärfung eines politischen Bewusst­seins nutzt, sind die kids vielleicht doch noch ziemlich alright.

Im gebeutelten Corona­-Jahr 2020 hat Instagram teilweise wieder zu seinem Kern, dem Zusammenbringen von Menschen, zurückgefunden: Erstens bieten gerade die Stories Künstler*innen und anderen von der Krise besonders Betroffenen ein Tor zur Außenwelt, das ihnen im sogenannten RL (Real Life) genommen wurde. Ohne die so kostenfreie wie daten­sammelnde App, deren sinkendes Wachstum und steigendes User­-Desinteresse wie bei Face­book ohnehin nur eine Frage der Zeit ist, wären viele wohl wirklich ärmer dran gewesen – Mark Zuckerberg freilich auch. Zweitens launchte Instagram im Sommer die In­App „Reels“. Ein TikTok­-Klon, der Musiker*innen mehr (und aufwendigere) Inszenierungsmöglichkeiten bietet, aber eben auch ihrer Musik. Durch die Verwendung in einem viralen TikTok­-Clip schaffte es sogar der Fleetwood-­Mac­-Oldie „Dreams“ 2020 wieder in die Charts. Da sage noch wer, all diese Apps seien nur was für junge Leute!

Dieser Text erschien in der Jahresrückblicks-Ausgabe 2020 des Musikexpress.

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