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Was das Ende von „Dark“ für seine Serien-Charaktere bedeutet

3. Juli 2020 | Von |

Und jedem Ende wohnt ein Zauber inne: Die deutsche Netflix-Produktion „Dark“ ist mit der Ausstrahlung ihrer dritten Staffel Geschichte. Was bedeutet das für ihre Zeit- und Weltenreisen und das Schicksal ihrer Figuren? Der Versuch einer ganz groben Zusammenfassung.

+++ ACHTUNG, MASSIVE SPOILER ZU ALLEN DREI STAFFELN „DARK” AHEAD! +++

Sie sind Adam und Eva, mit ihnen beginnt und endet (fast) alles in „Dark“: Jonas Kahnwald (Louis Hofmann) und Martha Nielsen (Lisa Vicari)

Seit dem 27. Juni 2020 ist sie Geschichte, die wohl beste deutsche Serie der jüngeren Zeit und vielleicht beste deutsche Sci-Fi- und Mystery-Serie aller bisherigen Zeiten – und mit ihr auch das Dasein vieler ihrer Protagonist*innen: Die dritte und finale Staffel „Dark“ ist an jenem Tag auf Netflix erschienen. In ihr werden die Geschehnisse rund um die Apokalypse im fiktiven Dorf Winden erzählt, und in den acht neuen Folgen geht es nicht länger „nur“ um das Zeitreisen und den Versuch des Durchbrechens eines ewig währenden Zyklus, es tut sich mindestens eine weitere Ebene auf: Parallelwelten, so lernten wir schon im Finale von Staffel 2, existieren offenbar ebenfalls. Und damit eben auch alternative Leben und Schicksale der Familien Nielsen, Kahnwald, Doppler und Tiedemann.

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Wir wollen und können an dieser Stelle nicht den Versuch wagen, alle Zusammenhänge, Deutungen, Ebenen und Beziehungen vollumfänglich zu erklären. Zu komplex das Konstrukt, das sich Jantje Friese und Baran Bo Obar da erdacht haben – die innere Logik in „Zurück in die Zukunft“ etwa ist im Direktvergleich so leicht verständlich wie die Handlung eines Kinderfilms. Wir versuchen in den folgenden Absätzen viel mehr, uns selbst das Ende von „Dark“ sowie die Verwandtschaftsverhältnisse seiner Figuren wenigstens halbwegs zu beleuchten.

„Dark“: Was das Ende von Staffel 3 bedeutet

In der achten und damit finalen Folge der dritten und letzten Staffel „Dark“ haben die Zuschauer*innen und einige der Hauptfiguren gelernt, was bis dahin nur Claudia Tiedemann bekannt war: Sie sind nicht bloß in verschiedenen Zeiten und zwei verschiedenen Welten gefangen. Nein, die eigentliche Welt, in der sich Staffel 1 und Staffel 2 abspielten sowie die Parallelwelt, in der sich ein Großteil von Staffel 3 abspielt, sind lediglich sogenannte Offshots einer anderen, nämlich der wirklichen ursprünglichen Welt. Im Jahr 1986 war es der Wissenschaftler H.G. Tannhaus, der die beiden neuen Welten aus Versehen erschuf: Er wollte lediglich in der Zeit zurückreisen, um die Familie seines Sohnes vor einem Autounfall zu bewahren. Dies mißglückte, stattdessen teilte er die bisherige Welt und die Zyklen fanden ihren Ursprung.

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Von dieser Tatsache erfährt Jonas als Adam von Claudia Tiedemann, der ehemaligen Leiterin des Atomkraftwerks Winden, die fortan auch Weißer Teufel genannt wird. Für ihn einerseits eine frustrierende Erkenntnis, hatte er doch sein Leben in der Dauerschleife darauf ausgerichtet, den Zyklus dadurch zu durchbrechen und „die absolute Annihilation“ herbeizuführen, dass er sein jüngeres Ich, Martha sowie deren ungeborenes Kind (das sich als der bis dahin unbekannte Drei-Generationen-Killer herausstellt) tötet. Andererseits erfährt er von Claudia, dass es deshalb aber einen anderen Weg gebe, alles Geschehene ungeschehen zu machen: Es müsse lediglich jemand ins Jahr 1986 reisen und verhindern, dass Tannhaus‘ Familie in jener verregneten Nacht mit dem Auto von der Brücke stürzt, damit der an H.G. Wells angelehnte H.G. Tannhaus niemals an der Zeit rumpfuschen wird.

Dieser Junge taucht in der 3. Staffel „Dark“ stets mit seinen zwei älteren Ichs auf und bringt andere Menschen um. Seine Identität stellt sich erst im Serienfinale heraus.

Enter Jonas aus Welt 3 und Martha aus Welt 2: Sie werden mit dieser Aufgabe betreut, bewegen das noch nicht verunglückte Paar mit Baby zur Umkehr – und lösen sich ein paar Minuten später langsam und unter Funkeln auf. Wir erleben jetzt den größten und bewegendsten Sci-Fi-Moment einer an Sci-Fi-Momenten nicht armen und stets spektakulären Serie: Martha und Jonas finden sich in einer Art Sternentunnel wieder, der der Darstellung einer in den Achtzigern visualisierten Reise durch ferne Galaxien und Zeiten gleicht. Jonas sieht Martha als Kind durch ihren Kleiderschrank hindurch (eine Referenz an Christoper Nolans „Interstellar“), das kleine Mädchen hat ihn auch gesehen („Mama, der Mann da sieht traurig aus!“), die heutige Martha erinnert sich an diese Erscheinung in ihrer Kindheit. Auch Martha sieht den kleinen Jonas durch seinen Kleiderschrank, während der sie beobachtet – bis sein Vater Michael Kahnwald ihn in den Arm nimmt.

Das Bootstrap-Paradoxon

Jetzt nimmt die von Adam aka Jonas so herbeigewünschte Auslöschung ihren Lauf: Dadurch, dass das ursprüngliche, Welten teilende Ereignis nie stattgefunden hat, haben nicht nur die Adam (Jonas)- und Eva (Martha)-Welt nie existiert – auch sämtliche Einwohner*innen Windens, die durch die Zeitreisen erst gezeugt und geboren wurden, existieren in der Ursprungswelt nicht mehr, Stichwort „Bootstrap-Paradoxon“. Neben Jonas und Martha hat es jetzt unter anderem Marthas Vater Ulrich Nielsen und seine Kinder Magnus und Mikkel, Ulrichs Bruder Mads, Silja, Agnes und Tronte Nielsen, Hanno Doppler aka Noah, Bartosz Tiedemann und Charlotte Doppler nie gegeben.

In der Finalszene sehen wir – untermalt von Soap & Skins Version von „What A Wonderful World“ – schließlich doch ein paar alte Bekannte beim gemeinsamen Abendessen, aber in so nie da gewesener Konstellation: Peter Doppler ist mit der aus dem Prostitutions-Wohnwagen bekannten Transgender-Frau Bernadette Wöller zusammen, Katharina Nielsen heißt hier noch Albers. Und Hannah Kahnwald ist in der Ursprungswelt mit dem Polizist Torben Wöller zusammen. Sie erwarten ein Kind, und nachdem Hannah ein Déjà-vu schildert, denkt sie laut darüber nach, wie ihr noch ungeborener Sohn heißen soll: „Jonas wäre ein schöner Name“, findet sie schließlich, und obwohl dadurch kurz nahegelegt wird, dass der Zyklus doch wieder beginnen könnte, ist dieser Ausspruch wohl eher als Hommage an ihren Sohn aus den anderen Welten gemeint, dem wir drei mindblowing Staffeln lang durch Raum und Zeit folgten. Aber so ganz genau wissen wir das natürlich nicht, so wie bei „Dark“ trotz dieses versöhnlichen Endes inklusive Nenas „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ im Abspann nichts gewiss ist.

Wer en detail wissen will, wer in Dark mit wem wie und in welcher Zeit und Welt verwandt ist, vertiefe sich gerne in das Abhilfe schaffende „Dark“-Wiki oder eines der zahlreichen Erklär-Videos auf YouTube:

Dieser Text erschien zuerst am 2. Juli 2020 auf musikexpress.de.

 

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