Radar: Michael Kiwanuka

Die Retrosoul-Welle ebbt nicht ab. Nach dem Grammy-Regen auf Adele sieht die Welt nun auf einen jungen Londoner. Die Kritik feiert Michael Kiwanuka schon jetzt als Newcomer des Jahres.

Vielleicht der Newcomer des Jahres 2012: Michael Kiwanuka aus Nord-London

Michael Kiwanuka kann von Glück sagen, dass sein Debütalbum „Home Again“ bereits im Kasten ist. Der Erwartungsdruck, den die Welt seit Kiwanukas erster Single, der Motown-Hommage „Tell Me A Tale“, aufgebaut hat, würde wohl jede Kreativität im Keim ersticken. „Es freut mich natürlich, dass die Leute meine Musik hören wollen“, sagt Kiwanuka etwas unsicher, „aber ich mache das hier nicht, um allen zu gefallen. Es wird sicher Leute geben, die meine Musik nicht mögen.“ Dürfte bald nur schwer werden, die zu finden.

Eine Karriere im Rampenlicht der Popmusik hatte Kiwanuka nie geplant. Als Sohn von ugandischen Eltern, die unter dem Regime des Diktators Idi Amin in den Achtzigern nach London auswanderten, wuchs Kiwanuka mit seinem älteren Bruder in Muswell Hill in einer „weißen Mittelklasse“ auf, wie er sagt. Wie alle Kids auf seiner Schule hörte er Blur, Nirvana und The Offspring, später auch A Tribe Called Quest und Pharcyde. Zur Gitarre kam er, nachdem er Bob Dylan entdeckt hatte. „Bob Dylan und Otis Redding sind für mich dort, wo jeder hin will“, sagt er. „Was auch immer Musik erreichen kann, ihre Musik tut das.“ Vor ein paar Monaten war Kiwanuka noch Studiogitarrist für jeden, „der mir dafür Geld gegeben hat“ – bis er nach kleinen eigenen Gigs bemerkte, dass den Leuten seine souligen Folksongs offenbar gefallen.

„Schon bei ‚Tell Me A Tale‘ dachte ich, wir wären zu weit gegangen. Wer will denn schon Saxofon-Soli und Flöten hören?“, sagt Kiwanuka. Die Antwort steht fest: deutlich mehr, als Kiwanuka je zu träumen gewagt hätte. Auf Bescheidwisser-Radios ist „Tell Me A Tale“ schon ein Hit, doch das Potenzial des Songs ist universal. Mit Ausnahme von Nischensendern kann er eigentlich auf allen Heavy Rotations der Welt landen. Das Video zum Song hat Kiwanuka während seines letztjährigen Toursupports für Adele auf Super 8 in Hamburg und Berlin selbst gedreht. Das dazugehörige Album „Home Again“ ist eine Art Best-of aus drei bereits erschienenen EPs.

„Wenn Musik, wie im aktuellen Fall von Adele, nicht mehr nur ein cooles Szeneding ist, über das Pitchfork Media bloggt, sondern wieder Teil einer Kultur und von Menschen überall gehört wird … wenn meine Songs so wahrgenommen werden würden – dann wird das ein erfolgreiches Jahr für mich“, sagt Kiwanuka. Bis seine Musik in der Mainstreamkultur angekommen ist, vertreibt er sich die Zeit mit neuen Songs und Kollaborationsanfragen. „Es gehen ein paar E-Mails hin und her“, sagt er, hält sich knapp und nennt nur einen Namen: „Die Black Keys sind cool, mit denen würde ich gerne was zusammen machen.“

• Die BBC führt Kiwanuka auf Platz eins ihrer „Sound Of 2012“-Liste.

• Er spielte im Vorprogramm von Adele und Laura Marling, bevor er einen Song veröffentlicht hatte.

• Seine dritte EP erschien im Januar und heißt, wie sein Album, „Home Again“.

• Kiwanukas Vater ist Elektro-Ingenieur, seine Mutter hatte über die Jahre diverse Gelegenheitsjobs.

• Kiwanuka ist seit seiner Kindheit Fan des englischen Fußballvereins Tottenham Hotspurs. Ein Freund hatte eine Dauerkarte fürs Stadion, dessen Schwester auch. Weil die aber nicht so auf Fußball steht, „tat ich früher einfach so, als wäre ich seine Schwester und ging mit“, sagt Kiwanuka.

• Der Videodreh zu „Tell Me A Tale“ in Berlin hat Kiwanuka angefixt: Er kann sich vorstellen, nach Berlin zu ziehen. „Ist nicht zu weit weg von London, aber weit genug.“

(erschienen in: Musikexpress, April 2012)

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