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I’m totally Lost

2. Juni 2010 | Von |

Ein Mann liegt auf seinem Rücken. Blutverschmiert, im Anzug. Er schlägt die Augen auf, orientierungslos. Wald. Ein Golden Retriever streunt vorbei. Idylle? Über einem Baum hängt ein Schuh. Geräusche. Aufstehen. Umherirren. Plötzlich: weißer Sandstrand. Meer. Und schreiende Menschen. Flugzeugwrackteile. Rotierende Turbinen. Ein anderer Mann unter Trümmern. Eine schwangere Blondine. Ein angeblich ausgebildeter Rettungsschwimmer, der einen Luftröhrenschnitt mit einem, wie heißt es doch gleich, genau, Kugelschreiber vorschlägt. Keiner zur Hand. Herunterbrechende Tragflächen, Explosionen. Es sind noch soviele Menschen zu retten, unter diesem blauen Urlaubshimmel. „Hier, ich wusste nicht, welchen Sie brauchen“, sagt der Rettungsschwimmer, als er mit mehreren Stiften von seinem Trümmerstreifzug zurückkehrt und dem noch unbekannten, gutaussehenden Gentleman aus dem Wald mehrere Stifte hinhält.

Screenshot Lost

"Wo bitte geht's zum Strand?" Dr. Jack Shepard, noch ganz am Anfang einer Odyssee (Screenshot)

Was in seiner nach Aufmerksamkeit gellenden Gratwanderung aus Galgenhumor, Situationskomik und Mystery-Drama schon jetzt wie ein Assoziations-Mash-Up aus „Airplane“, „Cast Away“, „Giant Shark vs. Mega Octopus“, „Braindead“ und unzähligen B-Katastrophenmovies aussieht, waren die ersten acht Minuten von „Lost“. Der Sendung, deren Pilotfolge am 22. September 2004 dem Sender ABC mit über 18 Millionen Zuschauern die beste Einschaltquote seit dem Start von „Who Wants To Be A Millionaire?“ bescherte; die in sechs Staffeln und 121 Folgen einer bis dato nicht dagewesenen Fangemeinde aus Bloggern, Verschwörungstheoretikern, Philosophen und Kulturkritikern rund um den Globus schlaflose Nächte und Rätsel bereiten und als Golden Globe- und achtfacher Emmy-Gewinner in die Geschichte des Fernsehens als gehyptester Mystery-Dauerbrenner seit „Twin Peaks“ (gefühlt) eingehen würde. Genug Grund zur Skepsis. Die beschriebene Anfangsszene dürfte für Fans im Rückblick wie ein nostalgisches Kinderfoto aussehen, das Dazwischen konnte keiner eindeutig einordnen, nur Vermutungen anstellen und Deutungsmuster bemühen. „Mit die beste Serie, die es je gab“, sagt auch Tanja vollkommen unironisch. „Das Ende hätte schlechter sein können“, sagt Malcolm. Einig sind sich alle Befragten anscheinend in einer Sache: Zum Kapieren ist „Lost“ tatsächlich nicht gemacht.

Der Typ, ein Kerl namens Jack Shephard (Matthew Fox), entpuppt sich im weiteren Verlauf dieser ersten aller Folgen als Arzt mit einem Alkoholproblem. Er trifft die hübsche Kate Austen (Evangeline Lilly), und das Mysterium beginnt. Nach dem flammenden Inferno kehrt Stille ein, die Gestrandeten sammeln und beraten sich und ihre Rettung am Lagerfeuer – und beobachten plötzlich ein unsichtbares Etwas, das die Palmen plattmacht und wie Godzilla röhrt. „Was immer es auch ist, es ist nichts Natürliches“, stellt einer prophetisch fest – der Bruchpilot, den Jack, Kate und ein anderer Kerl während ihrer ersten Inselerkundung samt Cockpit finden, wird das am Ende dieser Episode am eigenen Leib erfahren. Ich stelle fest: Wer oder was immer es auch ist, das dieser Truppe noch widerfahren wird – falls ich dranbleibe (und ich mochte schließlich früher auch „Gilligans Insel“ und „Herr der Fliegen“), bin ich als Spätzünder klar im Vorteil. Schließlich wurde die allerletzte Folge, der die „Lost“-Jünger der ersten Stunde ob einer etwaigen Auflösung noch sechs Jahre lang entgegenfiebern mussten, am 23. Mai dieses Jahres in den USA ausgestrahlt. Ich könnte mir also die werbefreie Breitseite geben – wenn ich mir nicht lieber die achte Staffel von „24“, die bereits in den USA und auf einem deutschen Pay-TV-Sender läuft, gebe. Deren sieben Vorgänger habe ich mal mit mehr, mal mit weniger Leidenschaft verfolgt, in Jack Bauers Leben ist dafür noch kein Ende in Sicht. Spoiler sind hier in beiden Fällen nicht willkommen. Und ich habe immerhin neben ein paar anderen wackeligen Bildern ein besonders wackeliges Bild als Aufhänger für mein erstes Blogposting bemühen können: Ich kram dann mal meine Stifte zusammen und bin jetzt auch verloren. Hier.

Screenshot Lost

Ein Pilot, ein Baum: "Lost" (1. Staffel, 1. Episode, Screenshot)

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Ein Kommentar
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  1. […] jeweils rund 42 Minuten lang, macht 5082 Minuten oder 84,7 Stunden Rätselraten und kein Ende. Anfangs wollte ich verstehen, was den Hype um diese Serie ausmachte. Ich wurde bald unterhalten und verwirrt. Und habe alles […]

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