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Was da klappert, trennt den Körper vom Geist

19. November 2008 | Von |

Mit der Schreibmaschine begann die Automatisierung intellektueller Tätigkeiten: Rückblick auf ein altertümliches Instrument

Jack Nicholson hämmerte in Stanley Kubricks „The Shining“ mechanisch diesen einen Satz tagelang in seine Schreibmaschine: „All work and no play makes Jack a dull boy“ – „Arbeit statt Spiel macht Jack zum dumpfen Jungen“. Dies ist die zweitbekannteste Interpretation einer Errungenschaft des späten 19. Jahrhunderts: Die Schreibmaschine erscheint hier als verlängerter Arm des Geistes – und zwar eines zerrütteten. Der niedergeschriebene Wahnsinn in „The Shining“ führte 1980 ein Bild fort, das der Romancier Bram Stoker 83 Jahre früher in „Dracula“ zu zeichnen begonnen hatte. (Fiktive) Manuskripte, Briefwechsel und Zeitungsartikel, gerade aber die eifrig getippten Tagebucheinträge von Jonathan Harkers Verlobter Mina als „Diskursangestellte“ dokumentieren im ersten Vampirroman der Literaturgeschichte die Klimax des Grauens. Denn mit welchen Mitteln wird der Vampir, diese Erscheinung aus einem geographisch abgelegenen und historisch völlig überholten Osteuropa überwunden? Mit dem Grammophon, der Schallaufzeichnungsmaschine eines Wissenschaftlers, und der Schreibmaschine, dem Schriftaufzeichnungsgerät einer frühen Sekretärin.

Der Bau der ersten marktfähigen Schreibmaschine geht auf ein dänisches Taubstummeninstitut im Jahr 1865, über 400 Jahre nach dem ersten Typenbuchdruck, zurück. In Deutschland hält die Technik des mechanisch reproduzierten Wortes 17 Jahre später Einzug; im Jahr 1898 nehmen die Adler-Werke, damals noch Heinrich Kleyer GmbH, die Produktion auf. Seit Menschengedenken wurde all jenes Gedankengut nachfolgenden Generationen überliefert, das in die jeweiligen „Aufschreibesysteme“ ihrer Zeit aufgenommen wurde. In seinem gleichnamigen Standardwerk beschrieb der Medientheoretiker Friedrich Kittler 1985 Aufschreibesysteme primär als technische, analoge wie digitale Einrichtungen zur Speicherung von Daten – von der Höhlenmalerei über Tonaufnahmen bis zum Schriftdruck und darüber hinaus. „Akten verlieren an Macht“, heißt es im Vorwort zu Kittlers „Grammophon. Film. Typewriter“, „wenn die realen Datenströme unter Umgehung von Schrift und Schreiberschaft nur noch als unlesbare Zahlenreihen zwischen vernetzten Computern zirkulieren.“ Der Anfang vom Ende der Handschrift war in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, als Friedrich Kittler dieses Buch verfasste, längst eingeläutet, argumentieren Kulturpessimisten. Und es stimmt ja auch: ein papierloses Büro ist kein Büro. „Von den Leuten gibt es immer nur das, was die Medien speichern und weitergeben können“, heißt es in jenem Vorwort zeitlos weiter. Von den Auswirkungen des heutigen Datenverkehrs war Kittlers Arbeit damals noch unbehelligt.

Tatsächlich spinnt sich um die Einführung der Schreibmaschine im späten 19. Jahrhundert eine Kulturgeschichte in vielen Kapiteln. Die Alphabetisierung großer Bevölkerungsgruppen lag noch nicht lange zurück, die Handschrift in ihrer Schulform – als unendliche, geschwungene Linie – hatte sich gerade durchgesetzt, auch als Ausdruck der Person, des einzigartigen Menschen. Da löste die Schreibmaschine diese Bindung wieder auf, indem sie (nach einiger Übung) die Schrift blind werden ließ: Man musste ja nicht einmal mehr hinschauen. Und gleichzeitig waren die Grundlagen für eine bald unendliche Reproduktion gelegt – zuerst als Durchschlag, dann als Kopie. Es dauerte also nicht mehr lange, bis Heerscharen von Stenotypistinnen damit beschäftigt waren, unendliche Mengen von Texten anzufertigen, die sie oft nicht verstanden und auch nicht verstehen mussten. Und auch die Philosophie entdeckte die Schreibmaschine: Friedrich Nietzsches (minus 14 Dioptrien) Aphorismen wären kaum entstanden – und vor allem: so nicht entstanden –, hätte er nicht eine Schreibmaschine benutzen können.

Seit der flächendeckenden Einführung elektronischer Datenverarbeitung, seit nunmehr rund 20 Jahren also, fristet die Schreibmaschine ein immer blasser werdendes Schattendasein. In ihren Erben lebt sie als Computer, Laptop oder Handy freilich weiter, in immer höheren Automatisierungsgraden. In Film und Fernsehen aber versinnbildlicht die Darstellung ihrer Nutzung den Schreibenden als letzten Puristen seiner Art, als Romantiker – oder als heillosen Chaoten, der im Wahnsinn seines Genies von der Klippe springt. Das längste geläufige englische Wort übrigens, das sich mit einer Buchstabenreihe einer amerikanischen „QWERTY“-Schreibmaschine wie auch mit dem US-Computer-Keyboard tippen lässt, lautet: „typewriter“.

(erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 19. November 2008, Seite 20, Wirtschaft)

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