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Die Hauptstadt des Internet

Amen, Gidsy, Tweek und Co.: Über zehn Jahre nach Platzen der Dotcom-Blase entwickelt sich Berlin für Kreative, Programmierer und Investoren zum Knotenpunkt der neuen Gründerszene. Eine Bestandsaufnahme.

Sie heißen 6Wunderkinder, Readmill oder Mag10.my und sie wollen die neuen Aushängeschilder von Berlin werden. Wer eine Internetfirma gründen will, den zieht es seit einiger Zeit fast automatisch in die Hauptstadt. Mathias Fiedler kam aus Leipzig. „Es war cool und familiär dort“, sagt er. „Aber man lernte irgendwann keine neuen Leute mehr kennen. In Berlin herrscht einfach viel mehr Dynamik und Austausch.“ Fiedler ist Chief Technology Officer (CTO) bei Artflakes.com und einer der vier Organisatoren des „Webmontags“.

In der mobilesuite, einem Co-Working-Space neben dem Suhrkamp-Gebäude in Berlin-Prenzlauer Berg, trifft sich die Start-up-Szene seit über einem Jahr an jedem zweiten Montag im Monat. Das Treffen geht zurück auf die re:publica-Mitbegründer Markus Beckedahl und Andreas Gebhard. Nun, am 60. Berliner Webmontag, erzählen sie von den Anfängen. Netzwerken, Ideen präsentieren, Feedback einholen, darum ging es damals wie heute.

SoundCloud und barcoo zum Beispiel waren da, bevor sie groß wurden, erinnert sich Gebhard. Und Anwesende der ersten Stunde erinnern sich daran, dass vor sechs Jahren zwei Typen eine Seite namens Studiverzeichnis.de vorstellten – und ausgelacht wurden. „Wie Facebook in rot, vergesst es!“, so lautete das damalige Feedback des Publikums.

Heute sprechen alle vom Feuer, von Synergieeffekten und davon, dass Berlin zu einer Standortmarke geworden ist. „Woanders bist Du fast schon verloren“, glaubt Fiedler, „wirklich, es brennt hier“. Diese Euphorie erweckt den Eindruck, das neue Silicon Valley liege am Alexanderplatz. Mit der Plattform Siliconallee.com hat der Hype auch schon einen angemessen albernen Namen.

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Weiterlesen auf ZEIT Online: „Berlin euphorisiert die Gründerszene“

(erschienen bei: ZEIT Online, 13. Januar 2012)

Tee wie Teenager

Blubbert so bunt: Warum Bubble Tea das neue Kultgetränk unter Berliner Jugendlichen ist

Klassiker, aber kein Renner: Tapioka-Perlen für den Bubble Tea

Samstagmittag, Marburger Straße, Ecke Ku‘damm. Ein paar Mädchen stehen auf dem Bürgersteig vor einem Teeladen, mit Handys und Bechern in der Hand. Sie kichern. Und schlürfen. Die eine erzählt ihrer Freundin aufgeregt, sie habe ihm gerade eine SMS geschickt, dass sie wieder hier seien, „aah, er antwortet!“, kreischt sie auf und kichert weiter. Auch Vico und Anton aus Lichtenrade treffen sich hier. Shoppen, bummeln, Leute treffen. Zum Ku‘damm kommen die 13-jährigen Schüler schon länger, aber der Treffpunkt ist ein neuer: „BoboQ“, Berlins erster Bubble Tea Shop. Freunde haben ihnen vor ein paar Wochen davon erzählt. Vicco und Anton, bis dahin keine großen Teetrinker, probierten es aus, fanden es „für Tee extrem lecker“ und sind seit einem Monat jeden Samstag in dem Laden, der mit seinen quietschorangenen Couches und der weißen Theke wie eine Cocktailbar aussieht. Erfrischend findet Vico seinen kalten Mango Green Tea, den bestellt er immer, nur die platzenden Kugeln, die sogenannten Poppings, davon probiert er immer neue. Anton mag es umgekehrt und am liebsten mit Lychee. Warum sie hierher kommen? In Lichtenrade gibt es keinen Bubble Tea. Noch nicht.

„BoboQ“ ist laut eigener Aussage Berlins erster Bubble Tea Shop von mittlerweile über 20. Im Februar 2010 eröffnete Ming Lai den Laden, Idee und Rezept brachte er aus Taiwan mit. Dort wurde Bubble Tea in den Achtzigern erfunden. Damit die Kinder mehr Tee tranken, versetzten die Erwachsenen ihn mit Tapiokakugeln. Die werden aus der Mehlstärke der Maniokwurzel, einer Art Kartoffel des Ostens, gewonnen, mit Ahornsirup oder Karamell gekocht, schmecken süß und glitschig und sind deshalb ein Erlebnis. Zum US-Exportschlager wurde der Tee in den Neunzigern, als statt der geschmacksarmen Tapiokakugeln auch „popping bobas“ gereicht wurden, saftgefüllte Kugeln mit verschiedenen Geschmäckern, die im Mund platzen. Auch der schwarze oder grüne Tee kann mit Fruchtsäften variiert und statt mit Kugeln mit Kokosnussfleischstücken getrunken werden. In der Marburger Straße gehen täglich ungefähr 800 Becher des „Fun-Drinks aus Fernost“ (Selbstbeschreibung) über die Theke. „BoboQ“ hat innerhalb des letzten Jahres 13 Filialen in Berlin und neun weitere in anderen deutschen Städten eröffnet, weiter sollen folgen. Die Konkurrenz ließ nicht lange auf sich warten: „Babbel T“ oder „Buddha Bubble Tea“ heißen die Läden in Prenzlauer Berg und Charlottenburg, in der Rosenthaler Straße in Mitte macht im Oktober der Flagship Store von „Come Buy Bubble Tea“ auf, eine der größten Ketten Taiwans.

Warum der Trend über 20 Jahre brauchte, um Deutschland zu erreichen, weiß keiner. Auch nicht Tarkan Beyhaz. Aber er freut sich, noch einer der ersten zu sein, der das Geschäft mit Bubble Tea entdeckt hat. „Schneidest Du denn wenigstens noch gegenüber, Tarkan?“, fragt ihn ein ehemaliger Stammkunde, Beyhaz entschuldigt sich. 15 Jahre lang war er Friseur, hatte den Laden seines Vaters in der Oranienstraße in Kreuzberg übernommen. Bis er vor ein paar Monaten keinen Bock mehr auf Haare schneiden hatte. Aus dem Friseurgeschäft hat Beyhaz „Bubble O“ gemacht und verkauft dort seit Juni dieses Jahres Frozen Yoghurt und Bubble Tea. Die Zutaten bezieht er wie „BoboQ“ von Possmei, dem größten taiwanesischen Lieferanten, dessen deutscher Vertrieb auch von den „BoboQ“-Gründern geschmissen wird. Kinder sieht Beyhaz aber nicht als die Hauptzielgruppe. „Bubble Tea ist ein Lifestyle-Getränk für körperbewusste Menschen“, findet der 35-Jährige, Tee sei schließlich gesund, und in allen anderen Zutaten sei kaum Chemie drin. Nur Fructose, essbare Farbstoffe und pflanzliche Gelatine, wie er auch seinen muslimischen Kunden immer wieder erklärt. „Das ist wie Molekularküche“, sagt Beyhaz. Die Topseller hier sind Yoghurt mit Erdbeer und Passionsfrucht mit grünem Tee, sagen seine Angestellten.

War mal ein Friseursalon: "Bubble O" in der Kreuzberger Oranienstraße

Auch bei „BoboQ“ in der Marburger Straße gehen nicht nur Kids ein und aus. Marcel, Nadine und drei ihrer Freunde kommen aus Bonn, kannten von dort und aus dem Fernsehen schon Bubble Tea und suchten jetzt gezielt nach einem Laden während ihres Hauptstadtbesuchs. „Schmeckt wie Cocktails ohne Alkohol“, finden die 25-Jährigen, „mit Schuss, das würde boomen!“. Kalle und Malin aus Stockholm sind mit ihrer fünfmonatigen Tochter auf dem Weg zum KaDeWe zufällig vorbeigeschlendert. Von Bubble Tea hatten sie noch nie gehört, auf dieses Experiment ließen sie sich ein, so was hätten sie schließlich in ganz Schweden noch nicht gesehen. Sie probieren Peach Tea. Schmeckt das? „Gibt einen Energieschub und fühlt sich gesund an“, findet Kalle.

Am gesündesten ist wahrscheinlich noch die ungesüßteste und vergleichsweise geschmacksneutrale Variante mit Tapioka und Milchtee. Aber die mögen in Berlin bisher noch die Wenigsten, auch Vico und Anton nicht. Die anhaltende Beliebtheit des Bubble Teas kann das aber kaum bremsen, „BoboQ“ beschäftigt sogar einen Sicherheitsmitarbeiter, der vor dem Laden Wache schiebt. Grund: In Kombination mit den dicken Strohhalmen eignen sich die Poppings zum Ärgernis der Nachbarn auch ganz wunderbar als Spuckgeschosse.

(erschienen in: zitty, Oktober 2011)

Wenn das Netz stumm bleibt

Für Gehörlose ist das Internet längst nicht so zugänglich, wie es sein könnte. In Videos fehlen Untertitel und Gebärden. Die Bloggerin Julia Probst will das ändern.

Julia Probst hatte nie ein Schrifttelefon. Wenn sie sich im Teenageralter mit hörenden Freunden verabreden wollte, rief ihre Mutter für sie an. Probst ist eine von 80.000 Gehörlosen in Deutschland und doch nicht wie die anderen. Die 29-Jährige ging auf eine Grundschule für Hörende, ist lautsprachig aufgewachsen, Deutsch in Wort und Schrift ist für sie nicht Fremd-, sondern Muttersprache. Die Gebärdensprache hat sie erst mit 17 gelernt.

Trotzdem hatte sie Mühe, die Technik zu nutzen, die Hörenden so selbstverständlich ist. Dann, 1997, kam der heimische AOL-Anschluss und Probst ins Internet.

Heute bloggt sie über ihren Alltag als Gehörlose und twittert, was sie bei Fußballturnieren den Spielern auf dem Platz von den Lippen abgelesen hat. Sie lebt vor, dass das Internet für Gehörlose so wichtig ist, wie es die Einführung des Telefons für Hörende gewesen sein muss. Und gleichzeitig ist sie ein prominentes Beispiel dafür, wie Gehörlose in eben diesem Internet benachteiligt werden.

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Weiterlesen auf ZEIT ONLINE:„Wenn das Netz stumm bleibt“

(erschienen auf ZEIT.de am 18. Juli 2011)

tape.tv-CEO Conrad Fritzsch im Interview: „Als MTV zu Ende ging, bin ich in die Luft gesprungen“

Conrad Fritzsch (41), Gründer und Geschäftsführer des Internetsenders tape.tv, über Musikfernsehen im Netz, nervige Werbung und Günther Jauch als Vorbild.

Herr Fritzsch, welches ist Ihr Lieblingsmusikvideo?

Conrad Fritzsch: Mein Evergreen ist „Drop“ von The Pharcyde. Aktuell und vom Style her ist es „Sekundenschlaf“ von Marteria, ich finde auch die visuelle Idee von Mike Skinners „Going Through Hell“ schön, diese Schablonen… Der ganze Film ist eine simple Idee, aber so variiert, dass sie nicht langweilig wird.

Wer schaut sich heute überhaupt noch Musikvideos an: Die Generation Justin Bieber, hartgesottene Fans also – oder etwa doch derjenige, der früher MTV als Begleitmedium flimmern ließ?

Im Allgemeinen gibt es drei Zielgruppen. Die Generation der unter 30-Jährigen kennt Kai Böcking, Formel 1, Ronny’s Popshow oder Ray Cokes nicht mehr, guckt aber trotzdem Musikvideos. Die 30-40-Jährigen kennen das von früher noch, schauen auch ältere Sachen und freuen sich, wenn Depeche Mode ein neues Video machen. Und die über 40-Jährigen sind selektive Gucker. Wir kategorisieren aber am liebsten nach Zuschauern, Kennern und Experten.

Für viele Zuschauer hört die musikalische Welt immer noch hinter den „Bravo Hits“ auf.

Denen wollen wir helfen, sie brauchen Empfehlungen. YouTube stellt die Videos hin und sagt: mach doch. Dann tippen die Leute ihre Bravo-Charts ein. Unsere Redaktion stellt dir Sachen vor. Wenn du die magst, dann findet schnell etwas Ähnliches zu dir. Wir wollen dich besser kennenlernen. Die Leute haben keinen Bock auf Neues, weil zum Beispiel die Nutzungssituation falsch ist – im Auto willst du verdammt nochmal mitsingen! Abends ab 18 Uhr willst du aber unterhalten werden. Entertainment bedeutet überrascht zu werden – aber bitte mit Dingen, die mir gefallen.

Foto:Marijan Murat
Conrad Fritzsch ist Gründer, Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter von tape.tv und guckt gerne Musikvideos

Bei tape.tv beschäftigen Sie 50 Mitarbeiter und konnten bei der Gründung 2008 nicht ahnen, ob Ihre Idee funktionieren würde. War das Mut oder Harakiri?

Ich habe lange Werbung gemacht, das hat auch gut funktioniert. Irgendwann saß ich in einer Präsentation bei einem Kunden, für die ich ein Jahr gearbeitet hatte. Und der sagte: Können wir das nicht alles anders machen? Ich dachte: Entweder bringe ich die alle um oder mich. Du arbeitest intensiv für einzelne Kunden und hast immer das Gefühl, dich nicht verwirklichen zu können. Dazu kam: ich hatte wenig mit Musik und Bewegtbild zu tun, bin aber Filmfan. Die Idee zu tape.tv war damals zehn Prozent von dem, was es heute ist. Es gibt einen Satz bei uns: Keiner hat uns verboten heute schlauer zu sein als gestern. Ich bin jetzt 41 und also in einem Alter, in dem viele andere es lieber belassen, wie es ist. Ich finde Veränderung spannend, diskutiere gerne und habe kein Problem damit, wenn ich mich geirrt habe.

Als MTV, die ja mit Musik schon lange nur noch peripher beschäftigt waren, im Oktober 2010 ankündigten, die Bezahlschranken fürs TV-Programm ab 1. Januar 2011 herunterzulassen, sind Sie da vor Freude in die Luft gesprungen? Oder war das längst egal?

Doch, ich bin in die Luft gesprungen – und habe dankbar den Sendeauftrag von MTV übernommen (lacht). Ich hatte ursprünglich vor, erst im Sommer 2011 sehr stark redaktionell zu arbeiten. Aber mir war klar, dass jetzt die Aufmerksamkeit für Alternativen zu MTV besonders groß ist. Anfang 2010 schon hatten wir mit dem Relaunch gemerkt, dass die Verweildauer immer dann steigt, wenn wir eigene redaktionelle Produkte machen. Ein Dachkonzert von Marteria zum Beispiel finden die User sonst nicht im Netz. Als MTV beschloss aufzuhören, wussten wir, dass wir Vollgas geben müssen und haben bislang zehn Formate geschrieben.

Sie finanzieren sich wie andere Bewegtbildanbieter durch Werbung.

Weil ich aus der Werbung komme, weiß ich, wie genervt die Leute von Pre-Rolls, von vorgeschalteten Werbeclips, sind. Bewegtbild ist weit mehr als ein Pre-Roll. Ein Pre-Roll ist ungefähr so eine Denkleistung wie damals, als die ersten Fernsehspots gemacht wurden, da wurde der Radiotext vor der Kamera vorgelesen. Bis heute ist da eine große Entwicklung passiert, und eine ähnliche Entwicklung passiert gerade im Internet. Ich habe damals mein ganzes Geld dort hinein gesteckt, die Werbeagentur verkauft und gesagt: Das mache ich jetzt, und seit drei Jahren mache ich im Grunde nichts anderes. Es ist ein Prozess, den Leuten beizubringen, dass wenn man über das Internet nachdenkt, mit dem Internet und dem User nachdenken muss. Der User ist nämlich der Boss, und wenn er keinen Bock mehr auf den Scheiß hat, macht er ihn aus. Und das geht relativ schnell.

Dafür muss der Nutzer zuerst auf tape.tv geholt werden. Der Erfolg von zum Beispiel Google oder Facebook aber beweist doch: Man muss zu den Nutzern hingehen.

„Im Internet surfen“ ist ein schwieriger Begriff, weil ein Großteil der Nutzer lediglich zu seinen fünf gleichen Seiten geht. Wenn ich morgens aufstehe, checke ich Facebook und E-Mails. Warum sollen wir die sechste Seite werden, die es schafft, so eine Relevanz zu bekommen? Du hast drei Möglichkeiten: Der Fernseher hat es durch Sendeformate und Personen geschafft. Durch Günther Jauch zum Beispiel, durch Identifikationsfiguren. Auch wir wollen Köpfe etablieren und schreiben gerade an Konzepten, bei denen Musiker Interviews mit anderen führen, Roadtrips machen und so weiter. Zweitens: Multi-Access, mehr Touchpoints, mehr Zugang zum Produkt schaffen, auch über unterschiedliche Geräte und unterschiedliche Websites. Drittens: die Ausweitung des Produkts. Warum muss es 25 Services geben, wenn ich mich im Internet mit Musik beschäftigen will? Shazam, wenn ich’s erkennen will. Soundcloud, wenn ich es tauschen will. Spotify, wenn ich es hören will. Wir bauen unseren Service mit dem Ziel aus, die erste Anlaufstelle im Netz zu werden, wenn du irgendwas mit Musik zu tun haben willst. Das ist zumindest unsere in die Zukunft gedachte Vision. Es ist nämlich richtig, dass es ein Irrglaube ist, dass die Leute auf deine Webseite kommen. Die Integration bei Facebook ist auch für uns eine wichtige, um unser Produkt da stattfinden zu lassen. Mit einem großen Autohersteller haben wir einen Channel zur Fashion Week gemacht und dabei haben wir 40 Prozent des Traffics von außen eingesammelt, von Blogs zum Beispiel oder von den Homepages der Bands. Wir könnten aber für andere Seiten ein tape.tv mit anderer Musik machen. Auf tape.tv direkt muss eine Marianne Rosenberg nicht stattfinden.

Sie kommen aus der Werbung, haben vorher Regie studiert, sind nun Unternehmer. Wenn es mit Musikvideos mal nicht mehr laufen sollte, wohin geht Ihre Reise dann? Was ist das nächste große Ding im Internet?

Ich würde in Security investieren. Ist zwar nicht wirklich sexy, aber wichtig. Wenn ich dir sage, pass mal auf, deine Daten sind total sicher und du hast jederzeit völlige Kontrolle darüber, ich würde sofort zehn Euro dafür zahlen. Einen richtigen Plan habe ich aber nicht. tape.tv bietet noch so viele Möglichkeiten der Weiterentwicklung. Ich kann auch sofort in der Branche bleiben. In den letzten zwei Jahren habe ich gefühlt 3000 Vorträge gehalten, ich kann sofort als Bewegtbildexperte irgendwo anfangen. Ich habe nie gedacht, dass ich noch so viel lernen würde in meinem Leben. Ich habe auch noch nie so viel gearbeitet wie in den letzten drei Jahren, vielleicht würde ich also danach auch einfach mal nichts tun. Aber wenn ich dann müsste und total pleite wäre, dann fiele mir schon was ein.

Zur Person:
Conrad Fritzsch studierte Regie an der HFF Babelsberg. 1993-2007 leitete er die Werbeagentur Fritzsch & Mackat. 2008 gründete er gemeinsam mit Stephanie Renner und Lars Diettrich tape.tv. Das Unternehmen zählt aktuell 50 Mitarbeiter und hat Büroflächen und ein eigenes Sendestudio in der Langhansstraße in Berlin-Weißensee. Ein neues interaktives Format heißt ontape, läuft seit dem 12. Mai geplanterweise einmal im Monat live um 21 Uhr und wird einen Tag später im ZDF Kultur ausgestrahlt.

(erschienen bei: BRASH.de, 10. Mai 2011)

Dieses Video ist in Deinem Land verfügbar

Das Prinzip Youtube ist erfolgreich. Das Internet kann aber mehr als wackelige Filmchen zu verbreiten, um sich berieseln zu lassen.

Als das ZDF den Datenschutzkrimi „Wer rettet Dina Foxx?“ ausstrahlte, sollten die Zuschauer ein kleines Stück Netzgeschichte erleben: Gesendet wurden nur 50 Minuten der Low-Budget-Produktion, seitdem kann jeder mithelfen, im Internet den Mord aufzuklären. Zur Verfügung stehen dazu 300 Minuten Videos, Chatrooms und Drittplattformen. Bislang beschränkte sich Interaktion in öffentlich-rechtlichen Programmen vor allem auf Telefon- oder Onlinevotings. Der SWR traute sich zumindest an ein trimediales Projekt namens Alpha 0.7, das Fernsehen, Radio und Internet verschmolz. Die erzählte Geschichte über futuristische Szenarien im Cyberspace war der von Dina Foxx ähnlich – interaktiv aber war sie nicht…

weiterlesen auf ZEIT Online: „Der Weg zur Interaktion ist noch lang“

(erschienen auf ZEIT.de am 20. April 2011)

„Verbraucher wissen nicht, was sie wollen“: Adam Fletcher im Interview

Adam Fletcher verkauft Mystery-Shirts, die er für seine Kunden aussucht – und sieht in Überraschung und Entmündigung ein Geschäftsmodell, das dem Verbraucher sein Leben erleichtern soll

Des Rätsels wegen möchte er, dass man ihn Dr. Willem nennt. Der 27-jährige Brite Adam Fletcher zog 2007 nach Deutschland. Zwei Jahre, eine Reise und verschiedene Jobs in der T-Shirt-Branche später zog er nach Berlin und gründete im August 2009 den T-Shirt-Online-Shop Hipstery.com. Im Mai 2010 launchte er die deutsche Version, im Dezember dieses Jahres eröffnete der dazugehörige Hipstery Store in Neukölln. Unter dem Motto „liberating you from the burden of choice“ hält er ein Plädoyer für ein bisschen mehr Mysterium beim Einkauf – und denkt die Wundertüte aus dem Spielwarenladen weiter.

Dr. Willem und Kollege Mad Dog: Diese T-Shirts würden sie Angela Merkel, Wash Echte und Klaus Wowereit verkaufen (v.l.)

zitty: Herr Fletcher, nein, Dr. Willem, freuen Sie sich auf Weihnachten?

Dr. Willem: Oh, ja. Weil es natürlich auch für unser Geschäft eine gute Zeit ist. Wer bei uns Geschenke kauft, minimiert sein Risiko: Wenn du dir nicht sicher bist, welches T-Shirt zu der zu beschenkenden Person passt, dann lässt du uns entscheiden. Und wenn es schlecht ankommt, schiebst du die Schuld auf uns.

Glaubt man Ihrem Motto „liberating you from the burden of choice“, müsste sich jeder Konsument freuen, dass Sie ihm die Qual der Wahl abnehmen.

Hinter unserer Idee steht keine rationale wirtschaftliche Entscheidung. Wir haben nie versucht, eine Martktlücke zu finden und zu schließen. Die Idee kam auf einer Party. „Wer war doch gleich Fußball-Weltmeister 1990?“, fragte einer. Ein anderer griff zu seinem Smartphone, googelte die Antwort – und schon war das Interesse an der Frage verloren. Wir finden das praktisch und traurig: Es gibt kaum noch Mysterien, fast jedes Wissen ist zu fast jeder Zeit verfügbar. Die Faszination bei Zauberern aber ist auch nicht die Erklärung des Tricks, sondern dessen Vorführung. Also gründeten wir ein Unternehmen, das ein bisschen Mysterium wiederbelebt. „Fight the demise of surprise“ – bekämpfe den Untergang der Überraschung – lautet unser anderes Motto.

Und das funktioniert?

Die Herausforderung ist, Leute davon zu überzeugen, dass Sie Hilfe bei Dingen brauchen, von denen sie gar nicht wussten, dass sie dort Hilfe bräuchten oder bekommen könnten. Es gibt so viele T-Shirt-Anbieter mit so vielen verschiedenen Stilen und Produktionswegen, da braucht es einen, der diese fragmentierte Welt für einen vorsortiert.

Wo dürfen Ihre Kunden noch mitreden?

Sie dürfen die sechs Fragen unseres Psychotests beantworten. Sie bestimmen Größe, Geschlecht und nennen eine Farbe, die sie auf keinen Fall wollen. Wir fragen auch, wo sie in der Regel einkaufen. Wenn das Europa ist, geben wir ihnen ein Shirt aus den USA und umgekehrt. Sie sollen nach Möglichkeit immer was bekommen, das sie und ihr Umfeld vorher noch nicht gesehen haben. Einer unserer deutschen Lieferanten ist Yackfou. Deren Shirts verkaufen wir bewusst nicht an deutsche, mindestens aber nicht an Berliner Kunden. Weil sie die Marke wahrscheinlich kennen.

Sie behaupten auch über T-Shirts hinaus: Der Verbraucher möchte entmündigt werden.

Ob Schokolade, Websites oder T-Shirts, er kommt um individualisierte Massenanfertigung kaum noch herum. Jeder kann sich heute alles selbst gestalten. Nur: Der durchschnittliche Verbraucher weiß nicht, was er will, er ist damit überfordert. Das habe ich bei meinem vorherigen Job gesehen. Sie können ihm ein weißes T-Shirt hinlegen, und er fragt Dinge wie: „Kann ich vielleicht einen Hund oder so drauf haben?“

Ist das Anhören des mündigen Verbrauchers nicht eine der großen Errungenschaften unserer heutigen Konsumgesellschaft?

Nicht überall. Bei meiner Freundin oder bei Politikern zum Beispiel will ich die Wahl haben, klar. Aber nehmen wir Starbucks, den Vergleich verstehen die Leute immer: Dort hast Du soviel Auswahl und musst eine neue Sprache lernen, um all die Kaffeesorten und Größen zu verstehen. Dabei willst Du nur einen verdammten Kaffee! Viele Anbieter brüsten sich damit, Millionen Produkte im Sortiment zu haben. Diese Auswahl will ich nicht. Also brauche ich jemanden, der mir ein paar Vorschläge macht oder mich in die richtige Richtung lenkt. Das ist die Idee von Hipstery: „Du willst ein T-Shirt? Lass uns die Wahl für Dich treffen. Wir sind Experten, wir sichten den ganzen Tag hunderte, wir arbeiten mit zahlreichen Lieferanten. Vertraue uns und entspanne Dich in der Zwischenzeit.“ T-Shirts sind es übrigens geworden, weil welche sammle, seit ich 16 bin, über einen Vertrieb meine Abschlussarbeit schrieb und zuletzt bei einem großen Versandhandel arbeitete.

Bevormunden Sie nicht die Konsumenten, wenn Sie von Vornherein behaupten, dass man Ihnen die Entscheidung abnehmen müsse?

Nein, wir sprechen ja nur die Kunden an, die ein bisschen Mysterium in ihr Leben zurückbringen wollen und uns, den Experten, vertrauen. Das ist nicht jedermanns Sache. Ich persönlich aber fühle den ständigen Druck, ein bewusster Konsument sein zu müssen: Arbeitet diese Firma ethisch korrekt? Ist es umweltfreundlich, wenn ich dieses Waschmittel kaufe? Ist das T-Shirt kohlenstoffneutral? Soll ich in dieses Flugzeug steigen? Die Unternehmen laden all ihre Informationen bei den sogenannten mündigen Verbrauchern ab, die sich dort durchschlagen und irgendwie die richtige Entscheidung treffen müssen. Wir nehmen den Kunden diese Entscheidungslast ab und können sagen: Wir haben genügend Auswahl, unsere Shirts wurden nicht in chinesischen Sweatshops hergestellt, die Designer wurden fair bezahlt.

Der sieht nur aus wie Adam Fletcher: Dr. Willem, Fan von T-Shirts und Rätseln

Mit dieser Idee sind Sie nicht der Erste.

Es gibt ein Buch namens „The Paradox Of Choice – Why More Is Less“ von Barry Schwartz, das war auch unser Anstoß. Für einfache Entscheidungen ist zuviel Auswahl schädlich. Mit der getroffenen Auswahl wirst Du nie zufrieden sein, weil Du ahnst, vielleicht doch die falsche Wahl getroffen zu haben. Einen anderen Anstoß gab uns der Produzent der so erfolgreichen TV-Serie „Lost“, J.J. Abrams. Für das Wired Magazine schrieb er ein Essay über die Wichtigkeit von Mysterie und ihren maßgeblichen Anteil bei „Lost“. Ich selbst war großer Fan und kann mich an keine andere Sendung erinnern, die dem Bewusstsein seiner Zuschauer so sehr zugesetzt hat und dabei so wenig verriet. Wir waren also fasziniert von den Gedankenkomplexen „The Importance Of Mystery“ und „The Burden Of Choice“ und wollten beides zusammenbringen – ohne dass es eine allzu bewusste Entscheidung gewesen wäre.

Und damit wird man reich?

Wir arbeiten momentan mit rund 45 Zulieferern zusammen und haben mittlerweile über 4000 Kunden und ständig über 1000 Shirts auf Lager. Aber wir werden nie ein Mainstream-Angebot wie Amazon oder Zalando werden. Wir alle bei Hipstery haben auch andere Jobs, mit denen wir unser Geld verdienen.

Wo fühlten Sie sich selbst zuletzt zu Unrecht entmündigt?

Wo ich gerne mehr Auswahl gehabt hätte? Gute Frage. Mir fällt gerade nichts ein.

Und zu Recht?

Meine Eltern besuchten mich neulich in Berlin. Ihr Hotel fanden sie über eine Website, auf der man nur eine Preisklasse und die ungefähre Lage angibt. Sie landeten in Tiergarten und waren sehr zufrieden. So funktioniert auch Hipstery: Erst kauft Du es, und dann erfährst Du, was Du gekauft hast. Den Rest erledigt die Mund-zu-Mund-Propaganda im Internet. Heutzutage kann man sich nicht erlauben, schlechte Arbeit zu machen, das weiß sofort jeder. In Zukunft wird es mehr Geschäfte wie unseres geben, die vorher keine Chance gehabt hätten. Weil nun jeder sehen kann, ob einer gute Arbeit macht oder nicht.

Hipstery Store, Hobrechtstr. 18, 12047 Berlin-Neukölln, www.hipstery.com

(erschienen in: zitty 24/2010, 15. Dezember 2010)

„Aus dem Knast kommt keiner von alleine raus“: Interview mit einem Schließer

(Fortsetzung von: „Ich bin dann mal weg“ – Ausbrecherkönige)

Peter Wacker (33, Name geändert) arbeitet seit 2005 als so genannter „Schließer“ in einer deutschen Haftanstalt. Eine Flucht hat er noch keine miterlebt.

OPAK: Herr Wacker, Sie sind gelernter Gas-Wasser-Installateur. Warum sind Sie in den Knast gegangen?

Peter Wacker: Beamter ist ein sicherer Job. Ich bin aber auch vorbelastet, mein Vater arbeitete dort.

Sie absolvierten eine Ausbildung und wurden Schließer.

Justizvollzugssekretär im mittleren Dienst, nicht Schließer oder Wächter. Da legt mein Chef großen Wert drauf. Das wird dem Berufsbild nicht gerecht.

Warum nicht?

Es wertet den Beruf ab. Das Aufgabenfeld umfasst mehr als Essen bringen, an die Luft lassen und wieder wegschließen. So ein Gefängnis ist eine Stadt für sich, alles ist darauf ausgerichtet, den Gefangenen Freizeitmöglichkeiten aufzuzeigen und ihre schulischen und beruflichen Defizite aufzuarbeiten. Wir sind eine Ausbildungsanstalt. Die Gefangenen sehen es vielleicht anders, aber wir Bediensteten sehen es so, dass wir mit ihnen arbeiten.

Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag aus?

Der Tagesablauf in einer JVA ist komplett durchorganisiert. Um 5:45 Uhr ertönt ein Gong zum Wecken. Um 6 Uhr holen wir Beamte mit unseren Hausarbeitern – Gefangene, die für die Versorgung auf der Abteilung zuständig sind – das Frühstück aus der Küche, um 6:10 Uhr wird die Morgenkost ausgegeben. Wir gehen von Haftraum zu Haftraum und machen dabei eine Lebenskontrolle, ohne Ausnahmen. 6:40 Uhr ist Arbeitsausrücken, die Häftlinge gehen in ihre Betriebe und Werkstätten. Vorher können sie ihre Post abgeben, die dann zur Briefzensur geht. Halb 12 Arbeitseinrücken, 12 Uhr Mittagskost. In der Zwischenzeit wurde die eingehende Post zensiert, Haftraumkontrollen gemacht, Stellungnahmen und Gutachten für Staatsanwaltschaften und Psychologen geschrieben. Um 16 Uhr, wenn die Arbeiter wieder einrücken, müssen wir die Bestände abmelden – wir prüfen, ob die Anzahl der Gefangenen mit der tatsächlichen Zahl übereinstimmt. 17 Uhr Abendessen, dann duschen. Ab 18:30 Uhr fängt die Freizeit an: Sport-, Schach-, Musik- oder religiöse Gruppen, VHS-Kurse, Sprachen, EDV. Um 21 Uhr ist der große Einschluss, da gleichen wir noch mal die Bestände ab. Die stimmten bisher noch immer.

Sitzen bei Ihnen auch die schweren Jungs?

Bei uns sitzen Gefangene mit Haftstrafen ab zwei Jahren aufwärts, vom Gefährlichkeitsgrad sind wir durchmischt. Aus Erfahrung kann ich aber mittlerweile sagen, dass man mit Leuten, die einen Mord oder ähnlich Schwerwiegendes begangen haben, wesentlich besser arbeiten kann als mit Kurzstrafen-Insassen, Drogenabhängigen oder psychisch Auffälligen. Langstrafen-Häftlinge versuchen eher, einen Weg zu finden, mit sich selber klarzukommen, um diesen Zeitraum zu schaffen. Sie haben sich damit abgefunden, hier zu bleiben.

Es gab keine Fluchtversuche seit Sie dort arbeiten?

Nein. Justiz ist Ländersache, viele Anstalten wurden bei uns saniert. Die Knäste sind zwar überbelegt, aber so sicher, der Fluchtgedanke müsste bei jedem Gefangenen schwinden. Aus dem Knast kommt einer von alleine nicht raus.

Sagen Sie aus Erfahrung?

Es gibt keine Gegenbeispiele. Fluchten sind entweder aufgrund von Geiselnahmen passiert oder durch Justizvollzugsbeamte, die helfen. Wenn jemand so bekloppt ist und eine Geiselnahme plant, dann schafft er es vielleicht bis zur Außenpforte, weiter nicht. Bei einer Geiselnahme wird sofort die Polizei gerufen. Wir tragen zwar auch Schusswaffen, aber nur im Nachtdienst oder bei Ausführungen. Ich musste meine Waffe noch nie ziehen.

Wurden Sie schon mal bestochen?

Ich glaube nicht, dass bisher ein ernstes Angebot dabei war, wenn einer sagt: „Geben Sie mir doch mal den Schlüssel!“ Ich als Bediensteter werde aber tagtäglich von den Gefangenen angetestet, wie weit sie bei mir gehen können. Die probieren alles aus, da sind auch richtige Schlitzohren und Betrüger dabei. Leute, die eine bessere Ausbildung in Menschenkenntnis haben als wir. Man darf sie nie unterschätzen, auch wenn man sich mit der Zeit kennt.

Verdient man überhaupt genug, um nicht bestechlich zu sein?

Übermäßig verdient man nicht. Es ist ein sicherer Job mit gutem Geld, aber für das, was man macht, eigentlich noch zu wenig. Und vom Spaßfaktor her wäre ich sowieso gerne Installateur geblieben.

(erschienen in: OPAK #7, Schwerpunkt „Flucht“, November 2010)


Ich bin dann mal weg

Von „Natural Born Killers“ bis „Prison Break“: Die Liste spektakulärer Fluchtversuche ist so lang wie ihre Heroisierung in Film und Literatur. Aber nicht alle verliefen so erfolgreich wie die Ausbrüche der Meister ihres Fachs – der gern genannten Ausbrecherkönige.

Name: John Dillinger (geb. 1903)
Spitzname: Staatsfeind Nr. 1
Verbrechen: Diebstahl (u.a. 41 Hühner), schwerer Bankraub, Beihilfe zum Mord
erfolgreiche Fluchtversuche: 3
Hilfsmittel: gewaltbereite Freunde, Pistolenattrappen aus Holz und Schuhcreme
Status: Am 22. Juli 1934 von FBI-Agenten erschossen

25.000 US-Dollar – ein höheres Kopfgeld hatte das FBI bis zum Jahre 1934 noch nie ausgeschrieben. John Dillinger und seine Gang töteten bei ihren Raubüberfällen mehrere Polizisten und FBI-Beamte. Vier Monate nach Dillingers Tod fand auch das Leben seines Weggefährten Babyface Nelson ein jähes Ende – und die Ära der letzten großen Verbrecher ward Geschichte.

Name: Vasilis Paleokostas (geb. 1966)
Spitzname: Robin of the Poor
Verbrechen: Einbrüche, Raubüberfälle, Erpressung, Entführung
erfolgreiche Fluchtversuche: 3
Hilfsmittel: gepanzerte Fahrzeuge, Bettlaken, Hubschrauber
Status: seit 2009 auf der Flucht

Erst lernte er bei seinem Bruder Nikos, dann gab er die griechische Justiz der Lächerlichkeit preis: Vasilis Paleokostas gelang 2006 und 2009 auf exakt die gleiche Weise ein filmreifer Ausbruch aus dem größten griechischen Gefängnis Korydallos – mit Hilfe eines Hubschraubers, der ihn vom Innenhof der Anstalt „abholte“.

Name: Michel Vaujour (geb. 1955)
Spitzname:
Verbrechen: Fahren ohne Führerschein, Diebstahl, Einbruch
erfolgreiche Fluchtversuche: 5
Hilfsmittel: Obst, Seife, Hubschrauber
Status: 2003 entlassen, seitdem auf freiem Fuß

In den Siebzigern stilisierten französische Medien Michel Vaujour zum Überheld, tatsächlich war er eigentlich ein Kleinkrimineller mit allzu gesundem Freiheitsdrang und dreisten Ideen: Vaujour flüchtete mit als Granaten getarnten Orangen, der Nachbildung eines Zellenschlüssels mittels Käseabdruck, einer aus Seife gefertigten Pistolenattrappe und einem Hubschrauber, den seine Ehefrau flog. Seit 2003 schreibt er Drehbücher und berät Krimi-Autoren.

Name: Steven Jay Russell (geb. 1957)
Spitzname: Houdini, King Con
Verbrechen: Betrug, Diebstahl
erfolgreiche Fluchtversuche: 5
Hilfsmittel: Identitätswechsel: min. 14 Decknamen, Verkleidungen als Richter, Arzt, Polizist oder Handwerker
Status: seit 1998 in einem texanischen Gefängnis zu 144 Jahren Haftstrafe verurteilt

'Hi Phillip, ich bin Steven. Schön, Dich kennenzulernen': Jim Carrey als 'King Con' Steven Jay Russell (Alamode Film)

Steven Jay Russell wurde die Liebe zum Verhängnis: Im Knast verliebte sich der homosexuelle Familienvater und Ex-Polizist in seinen Mithäftling Philip Morris – und inszenierte sogar seinen eigenen Aids-Tod, um zu seinem Geliebten in Freiheit zurückzukehren. Dieser absurden Geschichte setzten Jim Carrey und Ewan McGregor in der Verfilmung „I Love You Philip Morris“ ein ebenso absurdes Denkmal.

Name: Eckehard Wilhelm August Lehmann (geb. 1947)
Spitzname: Ausbrecherkönig
Verbrechen: Vergewaltigung, gefährliche Körperverletzung, Raub, Einbruch, Fahren ohne Führerschein
erfolgreiche Fluchtversuche: 11
Hilfsmittel: Charme, becircte Sozialarbeiterinnen und Polizistinnen
Status: auf freiem Fuß

Von der Presse gekürte Ausbrecherkönige gab es im deutschsprachigen Raum viele: Theo Berger (der „Al Capone vom Donaumoos“), Christian Bogner, Walter Stürm („Bin beim Ostereier Suchen“). Ins Guiness-Buch der Rekorde schaffte es aber nur „Ekke“ Lehmann. Der Neuköllner floh seit 1969 elfmal aus Berliner Gefängnissen. 1999 erschien seine Biografie „Ohne Kompromiss“. Ben Becker ist Fan.

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(erschienen in: OPAK #7, Schwerpunkt „Flucht“, November 2010)