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„Aus dem Knast kommt keiner von alleine raus“: Interview mit einem Schließer

4. Dezember 2010 | Von |

(Fortsetzung von: „Ich bin dann mal weg“ – Ausbrecherkönige)

Peter Wacker (33, Name geändert) arbeitet seit 2005 als so genannter „Schließer“ in einer deutschen Haftanstalt. Eine Flucht hat er noch keine miterlebt.

OPAK: Herr Wacker, Sie sind gelernter Gas-Wasser-Installateur. Warum sind Sie in den Knast gegangen?

Peter Wacker: Beamter ist ein sicherer Job. Ich bin aber auch vorbelastet, mein Vater arbeitete dort.

Sie absolvierten eine Ausbildung und wurden Schließer.

Justizvollzugssekretär im mittleren Dienst, nicht Schließer oder Wächter. Da legt mein Chef großen Wert drauf. Das wird dem Berufsbild nicht gerecht.

Warum nicht?

Es wertet den Beruf ab. Das Aufgabenfeld umfasst mehr als Essen bringen, an die Luft lassen und wieder wegschließen. So ein Gefängnis ist eine Stadt für sich, alles ist darauf ausgerichtet, den Gefangenen Freizeitmöglichkeiten aufzuzeigen und ihre schulischen und beruflichen Defizite aufzuarbeiten. Wir sind eine Ausbildungsanstalt. Die Gefangenen sehen es vielleicht anders, aber wir Bediensteten sehen es so, dass wir mit ihnen arbeiten.

Wie sieht ein gewöhnlicher Arbeitstag aus?

Der Tagesablauf in einer JVA ist komplett durchorganisiert. Um 5:45 Uhr ertönt ein Gong zum Wecken. Um 6 Uhr holen wir Beamte mit unseren Hausarbeitern – Gefangene, die für die Versorgung auf der Abteilung zuständig sind – das Frühstück aus der Küche, um 6:10 Uhr wird die Morgenkost ausgegeben. Wir gehen von Haftraum zu Haftraum und machen dabei eine Lebenskontrolle, ohne Ausnahmen. 6:40 Uhr ist Arbeitsausrücken, die Häftlinge gehen in ihre Betriebe und Werkstätten. Vorher können sie ihre Post abgeben, die dann zur Briefzensur geht. Halb 12 Arbeitseinrücken, 12 Uhr Mittagskost. In der Zwischenzeit wurde die eingehende Post zensiert, Haftraumkontrollen gemacht, Stellungnahmen und Gutachten für Staatsanwaltschaften und Psychologen geschrieben. Um 16 Uhr, wenn die Arbeiter wieder einrücken, müssen wir die Bestände abmelden – wir prüfen, ob die Anzahl der Gefangenen mit der tatsächlichen Zahl übereinstimmt. 17 Uhr Abendessen, dann duschen. Ab 18:30 Uhr fängt die Freizeit an: Sport-, Schach-, Musik- oder religiöse Gruppen, VHS-Kurse, Sprachen, EDV. Um 21 Uhr ist der große Einschluss, da gleichen wir noch mal die Bestände ab. Die stimmten bisher noch immer.

Sitzen bei Ihnen auch die schweren Jungs?

Bei uns sitzen Gefangene mit Haftstrafen ab zwei Jahren aufwärts, vom Gefährlichkeitsgrad sind wir durchmischt. Aus Erfahrung kann ich aber mittlerweile sagen, dass man mit Leuten, die einen Mord oder ähnlich Schwerwiegendes begangen haben, wesentlich besser arbeiten kann als mit Kurzstrafen-Insassen, Drogenabhängigen oder psychisch Auffälligen. Langstrafen-Häftlinge versuchen eher, einen Weg zu finden, mit sich selber klarzukommen, um diesen Zeitraum zu schaffen. Sie haben sich damit abgefunden, hier zu bleiben.

Es gab keine Fluchtversuche seit Sie dort arbeiten?

Nein. Justiz ist Ländersache, viele Anstalten wurden bei uns saniert. Die Knäste sind zwar überbelegt, aber so sicher, der Fluchtgedanke müsste bei jedem Gefangenen schwinden. Aus dem Knast kommt einer von alleine nicht raus.

Sagen Sie aus Erfahrung?

Es gibt keine Gegenbeispiele. Fluchten sind entweder aufgrund von Geiselnahmen passiert oder durch Justizvollzugsbeamte, die helfen. Wenn jemand so bekloppt ist und eine Geiselnahme plant, dann schafft er es vielleicht bis zur Außenpforte, weiter nicht. Bei einer Geiselnahme wird sofort die Polizei gerufen. Wir tragen zwar auch Schusswaffen, aber nur im Nachtdienst oder bei Ausführungen. Ich musste meine Waffe noch nie ziehen.

Wurden Sie schon mal bestochen?

Ich glaube nicht, dass bisher ein ernstes Angebot dabei war, wenn einer sagt: „Geben Sie mir doch mal den Schlüssel!“ Ich als Bediensteter werde aber tagtäglich von den Gefangenen angetestet, wie weit sie bei mir gehen können. Die probieren alles aus, da sind auch richtige Schlitzohren und Betrüger dabei. Leute, die eine bessere Ausbildung in Menschenkenntnis haben als wir. Man darf sie nie unterschätzen, auch wenn man sich mit der Zeit kennt.

Verdient man überhaupt genug, um nicht bestechlich zu sein?

Übermäßig verdient man nicht. Es ist ein sicherer Job mit gutem Geld, aber für das, was man macht, eigentlich noch zu wenig. Und vom Spaßfaktor her wäre ich sowieso gerne Installateur geblieben.

(erschienen in: OPAK #7, Schwerpunkt „Flucht“, November 2010)


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