Über die Vorwürfe gegen Feine Sahne Fischfilets Jan „Monchi“ Gorkow: Bitte glaubt den mutmaßlichen Opfern – so schwer es fallen mag

Gegen FSF-Sänger Monchi wurden im Mai 2022 schwere Vorwürfe anonymer Absender*innen erhoben. Dass sie ohne Beweise daherkommen, liegt in der Natur der Sache. Verurteilen sollte man die mutmaßlichen Opfer trotzdem nicht. Genauso wenig den mutmaßlichen Täter. Ein Kommentar.

Jan Gorkow von Feine Sahne Fischfilet auf PR-Fotos zu seinem Buch „Niemals Satt“ (Foto: KiWi)

Das Internet zeigt sich erneut von seiner diffusesten Seite: Am Donnerstag, den 12. Mai 2022, postete die linke Punkrockband Feine Sahne Fischfilet auf ihren Instagram- und Facebook-Accounts ein mysteriöses Statement. Es hieß darin: Man wisse, dass bald Vorwürfe ihnen oder ihren Mitgliedern gegenüber öffentlich gemacht werden würden. Worum es konkret ginge, war ihnen angeblich nicht bekannt. Die Tatsache, dass sie in einer Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und dem Versuch einer vorzeitigen Deeskalation aber schrieben, dass sie jeden Vorwurf ernstnehmen und zudem bereits mit einer externen Agentur zusammenarbeiten würden, mit der bereits das Label Audiolith im Zuge von #MeToo-Vorwürfen im Jahr 2021 zusammenarbeitete, die anonym und unter Mithilfe von Psycholog*innen weitere Vorwürfe per Mail entgegennehme, in die die Band keine Einsicht hätte, ließ jedoch vermuten, dass Feine Sahne Fischfilet sehr wohl ahnten, was da ungefähr kommen würde. Genährt wurde diese Vermutung durch einen Satz in ihrem Statement: „Uns ist bewusst, dass eine Band, die nur aus Typen besteht zu Problematiken führen kann. Genau aus diesem Bewusstsein heraus, haben wir verstanden, dass wir zuerst bei uns anfangen wollen und befinden uns hier mitten im Prozess.“

 

Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an

 

Ein Beitrag geteilt von Feine Sahne Fischfilet (@feinesahnefischfilet)


Von dem Augenblick an entfalteten Teile des sogenannten Streisand-Effekts ihre volle Wirkung: Von Fans bis Feinden waren plötzlich sämtliche Lager alarmiert und checkten minütlich den Instagram-Account @keinermusstaetersein. Ein Account, der bis vor einigen Wochen noch anders hieß, feministische Treffen organisierte und dessen neuer Name und die Schriftart in dem Ankündigungspost zu den da kommenden Vorwürfen dem FSF-Slogan „Niemand muss Bulle sein“, einer Textzeile aus ihrem Song „Wut“ entlehnt ist. Fast alle älteren Postings wurden entfernt. Am 3. Mai erklärten die Betreiber*innen, dass sie ihren Account eigentlich komplett löschen wollten. Dann seien sie aber von einer „Gruppe“ angesprochen worden, die „ein unglaublich starkes Ziel verfolgen will und dafür schnell Reichweite braucht“. Weiter hieß es: „Es wird um jemanden gehen, den ihr wirklich alle kennt, viele die Gerüchte schon gehört und viele sich nicht getraut haben gegen ihn und seinen Einfluss vorzugehen.“

Klar: Hätten Feine Sahne Fischfilet ihr Posting unterlassen, wäre die Aufmerksamkeit auf jenen Account nicht von 0 auf 100 hochgefahren. Zugute hielten einige Internetuser der Band, dass sie es trotzdem tat. Weil es einen offenen und ehrlichen Umgang mit dem Thema darstelle und keine Reaktion, die erst nach den öffentlichen Vorwürfen erfolge. Andererseits liegt der Verdacht nahe, dass Feine Sahne Fischfilet sich nie an einem derart transparenten Umgang mit den mutmaßlich intern ja längst bekannten Vorwürfen versucht hätten, wenn deren Öffentlichmachung von mutmaßlichen Opfern nicht unmittelbar bevorgestanden hätte.

So lauten die Vorwürfe gegen Jan „Monchi“ Gorkow und Feine Sahne Fischfilet

Eine kurze Zusammenfassung der weiteren Geschehnisse: Am Donnerstagabend folgte der angekündigte Post von „Keiner muss Täter sein“. Auf der Instagramseite sowie auf einem eingerichteten Blog werden die Vorwürfe gegen Feine Sahne Fischfilet konkretisiert. Demnach soll sich ihr Sänger Jan Gorkow der Ausübung sexueller Gewalt und des Machtmissbrauchs schuldig gemacht haben. Dort heißt es unter anderem:

„Wir meinen: Jan Gorkow ist „schonungslos“, „gewalttätig“, „narzisstisch“, „hart“, „maßlos“, grenzüberschreitend und bekennender Lokalpatriot. Gegen Jan Gorkow gibt es Anschuldigungen sexualisierter Gewalt und des Machtmissbrauchs. Wir wissen, dass er ein Täter ist. Wir wollen hier allen Betroffenen größtmöglichen Schutz bieten und werden daher an dieser Stelle keine Einzelheiten über die Taten veröffentlichen. Wir fordern: Schaut hinter die Fassade! Solidarität mit allen Betroffenen!“

Die Vorwürfe betreffen nicht nur Jan Gorkow direkt: „Wir können das Handeln und das Schweigen des Labels audiolith, des Managements JKP und vor allem von Feine Sahne Fischfilet in keinster Weise verstehen und sind erschüttert, wie sich das öffentliche Bild dieser Person, die sich nach außen mit solidarischen und politischen Aktionen schmückt, halten kann. Wir schenken allen Betroffenen uneingeschränkten Glauben und fordern: Keine Bühne für Täter! Schluss mit dem Mackertum! Schluss mit sexuellen Übergriffen!“

Lest hier das komplette Statement:

 

Auch klar: Über die Art ihrer Kommunikation kann man streiten. Die erhobenen Vorwürfe kommen ausreichend konkret, aber gleichzeitig schwierig vage und grundsätzlich daher. Dass Buchautor („Niemals satt – Über den Hunger aufs Leben und 182 Kilo auf der Waage“) und Ex-Hooligan Gorkow „schonungslos“, „gewalttätig“, „narzisstisch“ und ein Lokalpatriot sei, macht ihn vielleicht zu einem unsympathischen Menschen, aber nicht unbedingt zum Täter, der sexualisierte Gewalt ausübte. Es heißt, dass es „Anschuldigungen sexualisierter Gewalt und des Machtmissbrauchs gebe, Betroffene aber geschützt werden sollen und „wir daher an dieser Stelle keine Einzelheiten über die Taten veröffentlichen werden“. Wer „wir“ sind, sprich Absender*innen und Quellen, geht aus den Postings aber nicht hervor. Nachdem offenbar nicht nur Zuspruch, sondern auch Kritik laut wurde, wurde aufgrund der „Vielzahl an unangebrachten und widerwärtigen Kommentare“ die Kommentarfunktion deaktiviert, obwohl es im Text zum Posting weiterhin heißt: „Wenn ihr kommentieren wollt, denkt daran, dass eventuell betroffene Personen hier mitlesen.“ Eine Mailadresse soll erst in den kommenden Tagen eingerichtet werden.

Ja, Moderation ist ein Scheißjob, aber gerade bei diesem Thema unersetzlich. In der jetzigen Form grenzt die Aktion für einige Kommentator*innen in den Kommentarspalten der Band selbst an eine Art Rufmord. Andere behaupten, dass die Macher*innen von @keinermusstaetersein durch ihr „unprofessionelles und unseriöses Vorgehen“, unter anderem durch für die Vorwürfe irrelevante Quellenangaben, ihrer eigentlich ja wichtigen und richtigen Sache einen „Bärendienst“ erwiesen hätten, ihr also mehr geschadet als geholfen hätten. Sich darauf zu konzentrieren, hilft der Aufarbeitung aber ebenso wenig. In erster Linie Stilkritik zu üben, ist selbst kein guter Stil.

„Im Zweifel für den Angeklagten“ darf nicht „im Zweifel gegen die Kläger*innen“ bedeuten

Zu Recht gilt in unserem Rechtssystem die Linie: Im Zweifel für den Angeklagten. Seit es Social-Media-Plattformen gibt, hat sich dieser Ansatz – wie besonders oft männliche Kommentatoren bei #MeToo-Themen behaupten – mitunter ins Gegenteil verkehrt. Sobald Vorwürfe im Raum stehen, gelten die mutmaßlichen Täter als stigmatisiert. Selbst wenn es zur juristischen Klage kommt und ein Gericht sie eines Tages freisprechen würde, bleibt ihr Ruf ruiniert. Der richtige Umgang mit solchen Vorwürfen ist also schwierig und komplex, keine Frage. Was derweil eigentlich ganz einfach und logisch ist: „Im Zweifel für den Angeklagten“ darf nicht „im Zweifel gegen die Kläger*innen“ bedeuten. Es gibt „gute“ Gründe, warum sie anonym bleiben wollen. Warum sie bisher nichts gesagt haben. Warum viele sich, wenn überhaupt, erst Jahre später an die Öffentlichkeit trauen. Einer dieser Gründe ist: Machtmissbrauch der mutmaßlichen Täter. Durch Kleinhaltung, durch emotionale oder finanzielle Abhängigkeit, durch Androhung von Sanktionen, zum Beispiel. Ein anderer, damit einergehender Grund: Angst der mutmaßlichen Opfer mangels Beweisen. An die Öffentlichkeit gehen kann nur, wessen mutmaßlicher Täter selbst in der Öffentlichkeit steht (und somit selbst zur öffentlichen Person wird). Privateren Personen bleibt nur der Weg zur Polizei. Ich bin keine Frau, war noch nie Opfer sexualisierter Gewalt und bin auch sonst in keiner Weise marginalisiert. Ich bin mir trotzdem ziemlich sicher: Niemand denkt sich solche Vorwürfe aus, weil er – meist aber sie – in die Öffentlichkeit oder Geld allein will. Oder glaubt Ihr wirklich, dass es Amber Heard Spaß macht, seit Wochen von Johnny Depps Hardcore-Fans beleidigt zu werden? Zudem wir im Falle von Jan „Monchi“ Gorkow ja von vergleichsweise überschaubarer Prominenz reden – und bei seinen mutmaßlichen Opfern von jungen Frauen, die – ebenfalls mutmaßlich – Fans von Feine Sahne Fischfilet sind oder waren und die Hürde der Erkenntnis, dass ihnen was Falsches und eventuell Strafbares geschah, noch einmal größer ist.

Natürlich kann es sein, dass der als sympathisch und woke geltende Jan Gorkow privat ein übergriffiger, Grenzen überschreitender Übeltäter ist, der sich mit seinem neuen Buch und dem linken Aktivismus seiner Band Selbstreflexion nur auf die Fahnen schreibt. Es kann – theoretisch und unwahrscheinlicher – auch sein, dass die mutmaßlichen Opfer von ihm menschlich anderweitig enttäuscht wurden und ihn deshalb öffentlich bloßstellen wollen. Wie auch immer er das im Schatten der neuen Vorwürfe gemeint haben könnte – dass er kein perfekter Mensch ist, sagte er schon vor Jahren in Charly Hübners Doku „Wildes Herz“ über Feine Sahne Fischfilet: „Ich habe Rassismus und Sexismus zuhauf in meinem Kopf, das hält man gar nicht aus, aber ich versuche, darüber nachzudenken und mich nicht davon leiten zu lassen.“ So oder so: Wir werden es als Außenstehende niemals genau erfahren, weil im Zweifel Aussage gegen Aussage steht und ein Gericht entscheiden müsste. Lieber das, als ein öffentlicher Mob. Immerhin: Sollten die Vorwürfe stimmen, hilft ihre Bekanntmachung vielleicht anderen mutmaßlichen Opfern, ebenfalls über ihre Erfahrungen zu sprechen.

+++ Dieser Kommentar erschien am 13. Mai auf musikexpress.de. Ebenda wurde auch über weitere Vorwürfe und Reaktionen berichtet. +++

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*