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Sam Fender im Interview: „Ich bin ein Kontrollfreak, der seine Musik nicht teilen möchte“

12. Juli 2019 | Von |

Newcomer Sam Fender im Interview über Bruce Springsteen, Musik als letzten Rückzugsort und Playlists, Singles und Alben im Zeitalter einer neuen Aufmerksamkeitsökonomie.

Hat noch viel vor und das Zeug dazu: Sam Fender aus North Shields bei Newcastle Upon Tyne

Hat noch viel vor und das Zeug dazu: Sam Fender aus North Shields bei Newcastle Upon Tyne

Als wir Sam Fender Ende März auf einen Döner in Berlin-Kreuzberg treffen, hatte der Newcomer sein Debütalbum noch nicht angekündigt. Mittlerweile wissen wir: HYPERSONIC MISSILES, so der Titel, nach dem auch seine aktuelle Single benannt ist, erscheint im August. Unser Gespräch über Freud und Leid mit Fast Food auf Tour im Allgemeinen und in England im Speziellen könnt Ihr in der August-Ausgabe des Musikexpress nachlesen. Wir haben mit dem 24-jährigen Songwriter aus Newcastle aber auch über Musik gesprochen – über Bruce Springsteen, den DIY-Gedanken und Sinn und Unsinn von Playlists und Alben im Zeitalter einer neuen Aufmerksamkeitsökonomie.

Musikexpress: Deine Referenzen, weil stimmlichen Ähnlichkeiten zu Nothing But Thieves und City And Colour, lagen bisher auf der Hand. Dein Song „Hypersonic Missiles“ erinnert sehr an Bruce Springsteen. Das Saxofon!

Sam Fender: Auf dem Album wirst du noch mehr davon hören. DAS ist wirklich sehr Springsteen-mäßig geworden.

Hast du die darauf zu hörenden neuen Songs alle in den zurückliegenden Monaten geschrieben oder lagen die schon länger in deiner Schublade?

Das älteste Stück schrieb ich vor fünf Jahren, als ich 19 war. Den neuesten Song schrieb ich Anfang dieses Jahres, als wir das Album schon zur Hälfte fertig hatten. Insgesamt standen 24 Songs zur Auswahl, von denen es nun 13 werden. Fünf davon sind bereits als Singles veröffentlicht.

Die neuen Songs haben einen ähnlichen Sound wie die, die wir bisher kennen?

Das Album ist ein großer Mix. Weil es ein Debüt ist, das insgesamt über fünf Jahre hinweg aufgenommen wurde. Du hörst alles von meiner Embryo-Phase an mit 19, 20, als ich mit der Gitarre noch unschuldige, naive Musik machte. Neue Songs wie „Hypersonic Missiles“ sind vielschichtiger, haben zum Beispiel mehr Springsteen in sich. „Play God“ war ein Einschnitt.

Warum hast du so viele Singles bisher einzeln veröffentlicht? Hat sich dein Label darüber geärgert – oder war es deren Entscheidung?

Es war die Entscheidung meines Managers.

Ü-30-Musikhörer wie ich warten auf ein Album. Jüngeren ist das Format egal, sie wollen die Songs in ihren Playlists hören.

Ich könnte bis zum Ende aller Tage Singles veröffentlichen, falls das gewünscht ist. Kids haben nicht mehr die Aufmerksamkeitsspanne. Deswegen gibt es auch so viel Madheads da draußen, die gleich zwei Alben in einem Jahr raushauen. Nur, um wahrgenommen zu werden. Das ist doch verrückt! Mein Plan ist es, Alben und dazwischen einzelne Bits zu veröffentlichen. Hier mal eine Single, da mal eine EP.

Aber entsprach es denn nun auch deinem Wunsch, die Songs einzeln zu veröffentlichen?

Ich möchte in erster Linie Alben schreiben und aufnehmen. Da bin ich oldschool, und das aus einem egoistischen Grund. Ich will einfach was in der Hand halten und sagen können: Das habe ich gemacht. Ich will einen Body Of Work haben. Danach will ich ein anderes Album schreiben. Es ist eine Kunst, ein Album zu schreiben. Singles kannst du machen und raushauen, wird schon keiner infrage stellen. Mein Debüt entstand über einen langen Zeitraum. Ich bin jetzt schon gespannt darauf, etwas zu schreiben, das zusammenhängender ist. Der einzige jetzige Zusammenhalt ist meine Stimme.

Werden auf dem Album nur du und deine Band zu hören sein oder auch Gastmusiker?

Geschrieben habe ich alles allein. Auch die Gitarren-, Drum-, Keys- und Bass-Parts. Manchmal spiele ich es selbst, manchmal spielen die Jungs es ein.

Keine Features mit angesagten britischen Acts wie Sampha, den wie du aus Newcastle stammenden Maximo Park oder sonst wem?

Nein. Vielleicht versuche ich das später mal. Für mein erstes Album finde ich es wichtig, dass nur ich darauf zu hören bin. Um meine Identität zu erschaffen und aufzubauen. Bruce Springsteen muss also warten!

Als hoffnungsvoller Newcomer wirst du schon länger gehandelt. Wurdest du nicht deshalb schon von anderen Künstlern oder deinem Label nach Features gefragt?

Bruce fragt jeden Tag! Ich wimmle ihn immer ab. „Bruce, es ist vier Uhr morgens hier!“ Im Ernst: Bisher wurde ich bloß von random kids auf Instagram gefragt. „Ich will auf einem deiner Songs singen, Dude!“, sagen sie. „Oh, äh, cool… “, antworte oder denke ich. Ich bin ein Kontrollfreak, der seine Musik nicht teilen möchte.

Komisch für einen Musiker, der gehört werden will.

Das Ergebnis soll die Welt hören, klar. Der Entstehungsprozess aber gehört mir, den will ich nicht teilen. Der hat was Therapeutisches. Ich mache das, seit ich 14 bin. Tatsächlich ist er das einzige, was ich noch habe, das alleine mir gehört.

Wie meinst du das?

Ich bin ständig unterwegs, selten zuhause und deshalb fast nie allein. Und wenn ich dann doch mal allein zuhause bin, fühlt es sich auch komisch an, eben weil ich zwischendurch so lange weg bin. Ich erkenne mein Zuhause manchmal kaum noch wieder. Umso wichtiger ist es, dass ich die Musik allein für mich habe. Darauf kann ich mich verlassen, dahin kann ich mich zurückziehen.

Deine Familie besteht aus Musikern. Auch dein Bruder oder dein Vater arbeiten aber nicht an deinen Songs mit?

Nein. Sie schreiben nichts und spielen nichts mit. Das hat wohl auch mit Stolz zu tun: Mein Bruder würde niemals irgendwas mit mir aufnehmen!

Weil er der ältere ist und alles hasst, was der kleine Bruder tut?

Genau deshalb, ja. Mein Bruder ist zehn Jahre älter. Ich liebe ihn, aber er ist ein total dickhead!

Sam Fender macht sich seit rund zwei Jahren zunehmend einen Namen: Anfang 2018 landete der Songwriter und Indierockmusiker aus der Nähe von Newcastle auf der vielbeachteten „Sound of 2018“-Liste der BBC. Seine Single „Play God“ schaffte es auf den Soundtrack des Videospiels „FIFA 19“. Anfang 2019 gewann der 24-Jährige den Kritikerpreis der BRIT Awards. Bisher veröffentlichte er neun Singles – fünf davon werden auch auf seinem Albumdebüt zu hören sein: Sam Fenders HYPERSONIC MISSILES erscheint am 9. August 2019.

Sam Fender auf Deutschland-Tour 2019 – die Termine:

  • 8. November – Wiesbaden, Schlachthof
  • 9. November – Köln, Live Music Hall
  • 12. November – Berlin, Astra Kulturhaus
  • 13. November – München, Backstage

Dieses Interview erschien zuerst am 12. Juni 2019 auf musikexpress.de.

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