Arcade Fires Will Butler im Interview: „Natürlich klingen wir wie ABBA!“

Wir haben mit Arcade Fires Bühnenberserker und Multiinstrumentalisten Will Butler über ihre mysteriöse „Everything Now“-Kampagne, Teenieperspektiven in Popsongs und eine neue Leichtigkeit gesprochen.

Arcade Fire 2017. Hinten mit bunter Sonnenbrille: Will Butler, Bruder von Sänger Win (vorne). (Foto: Sony)
Arcade Fire 2017. Hinten mit bunter Sonnenbrille: Will Butler, Bruder von Sänger Win (vorne). (Foto: Sony)

Arcade Fire sind die größte Indierockband der Welt. Das beweisen sie nicht nur auf ihrer aktuellen „Infinite Content“-Tour, die sie – neben umjubelten Konzerten in zum Beispiel Berlin – Headliner-Shows auf den größten internationalen Festivals zwischen Lollapalooza und Roskilde spielen lässt. Das belegt auch ihr neues Album EVERYTHING NOW, das nach THE SUBURBS und REFLEKTOR ihr drittes Nummer-Eins-Album in den USA in Folge geworden ist. Dass Arcade Fire dabei nie den einen richtigen Hit hatten, den jeder kennt, ist kein Fluch, sondern ein verdammter Segen. Weil es ihnen die Narrenfreiheit gibt, sich zum Beispiel an Schlagermusik, an Souleinlagen, die an deutsche Moderatoren aus den Achtzigern erinnern,und an einem schrägen Promo-Konzept zu versuchen, das mehr Fragen als Antworten aufwirft.

Ein paar dieser Fragen haben wir Will Butler, einem von sechs Multiinstrumentalisten der Band, am Telefon gestellt, als Arcade Fire während ihrer Tour in Manchester Halt machten.

Musikexpress.de: Hast Du „Lost“ gesehen, Will?

Will Butler: Ja… Warum?

Das Logo Eurer fiktiven „Everything Now“-Corporation, das unter anderem auf Euren neuen Lederjacken prangt, erinnert an die dortige Dharma Initiative.

(lacht laut) Das kann ich nachvollziehen, ja! Den Vergleich habe ich vorher noch nicht gehört, finde ich aber wirklich lustig.

Der Dharma Initiative, einer mysteriösen Forschungsgruppe, ging es in der TV-Serie anscheinend um Macht und Kontrolle. Sie war eine höhere Instanz zwischen Gut und Böse. Was geben Euch die „Everything Now“-Logos, wenn Ihr Eure Jacken überwerft? Seid Ihr plötzlich jemand anderes?

We’re slightly more corporate! Wir kommen uns wie Rennfahrer vor. Oder Basketballspieler in einer spanischen Liga, wo jeder Zentimeter deines Körpers mit Werbung zugepflastert ist. So extrem sind wir aber auch wieder nicht.

Die EN-Corp. hat Eurer Legende nach wohl auch dieses Interview geplant, schließlich hat sie Eure Promotion übernommen.

Es ist sogar noch komplizierter, würde ich sagen.

Aber wir können uns darauf einigen, dass Ihr diese Corp. erfunden habt, um jedwede schlechte Werbemaßnahmen auf sie schieben zu können und dadurch Kritik an bestimmten Branchenmechanismen zu üben, an denen Ihr weiterhin teilnehmt?

Ich weiß das alles nicht. Sie sagten mir lediglich, es sei Zeit für dieses Interview, und ich habe eingewilligt und rede „mit wem auch immer ihr wollt“.

Mit Arcade Fire seid Ihr in einer sehr privilegierten Situation: In all den Jahren wurdet Ihr für jedes Eurer Alben respektiert und verehrt, musstet kaum Kritik einstecken.

Da sind wir in einer wahnsinnig glücklichen Lage, ja. Ich sagte immer schon, dass wir uns mehr um die internen Meinungen der Band kümmern als um die externen. Mir ist wichtig, was Win, Regine, Tim oder Jeremy sagen. Das geht aber nur, weil die Welt da draußen uns grundsätzlich sehr unterstützt (lacht). Würde uns jeder ständig anmaulen, wären diese Stimmen schwieriger zu ignorieren.

Die US-Musikwebsite „Stereogum“ brachte neulich einen Artikel mit der Überschrift „Remember when Arcade Fire were good?“. Gesehen?

(lacht) Ja, klar.

Wie geht Ihr mit der plötzlichen Kritik um?

Wenn meine Freunde mich zur Seite nehmen und mir sagen würden: „Hör mal zu, Will. Was Du da gerade machst, ist totaler Bullshit.“ Dann würde ich anfangen mir Sorgen zu machen. Aber wenn jemand, den ich gar nicht kenne, einen Blogpost schreibt, um den herum sie noch Werbeflächen verkaufen, dann kümmert mich das nicht wirklich. (lacht)

Gar keine Kritik von Freunden? 

Nein. Freunde erzählen dir ja nur von ihrer Meinung, wenn sie eine sehr schlechte haben – was gleichzeitig ein gutes Messinstrument ist: Wenn Freunde Kritik äußern, dann weißt du, dass du wirklich von der Spur abgekommen bist.

Und das ist während der EN-Sessions nie passiert.

Nein. Und dazu kommt, dass wir mit Freunden arbeiten. Die Produzenten Steve Mackey (Pulp, Anm.) und Thomas Bangalter (Daft Punk, Anm.) sind angenehme Stimmen, die wir gerne mit im Raum hatten und die dich wissen lassen, dass du nicht verrückt geworden bist.

Ihr spürt als größte Indie-Rockband keinen Druck vor einer neuen Platte?

Nur internen Druck. Druck in mir selbst oder innerhalb der Band. Es ist für Künstler nichts Ungewöhnliches, sich auch ohne die Öffentlichkeit gefoltert zu fühlen. Schon wegen des Versuchs, Kunst und Neues zu erschaffen. Die Arbeit in einer Gruppe ist besonders anstrengend, weil es in ihr so viele starke Meinungen gibt. Yeats (William Butler Yeats, 1865–1939, bedeutender irischer Dichter und fast namensgleich mit unserem Gesprächspartner – Anm. d. Red.), haderte damit, Gedichte zu schreiben. Van Gogh kämpfte mit sich um gute Gemälde. Druck ist bei der Arbeit immer da. Viele Aspekte beim neuen Album fühlten sich neu an. Aber der Druck, der kam uns doch sehr bekannt vor.

Habt Ihr das beim Songwriting gemerkt?

Wir tourten rund ein Jahr mit REFLEKTOR. Für EVERYTHING NOW haben wir solange wie für kein Album davor gebraucht. Rund anderthalb Jahre, normalerweise brauchen wir ungefähr ein Jahr.

Weitere Besonderheiten in der Entstehung von EVERYTHING NOW?

Den Großteil des Albums nahmen wir in New Orleans in einem sehr kleinen von uns gebauten Studio auf. Das war vielleicht 4 x 2 Meter groß. Wirklich winzig, um uns alle inklusive Drumkits, 45 Synthesizern und ein paar Gitarren da rein zu kriegen. Dort aber verbrachten wir die meiste Zeit mit dem Album und spielten die Songs sehr laut. EVERYTHING NOW war übrigens auch das erste Album, das wir zum Großteil in Amerika aufnahmen. Nur kleine Teile entstanden in Montreal und Paris.

Musstet Ihr Songs verwerfen?

Das ist jedes Mal der Fall, bei allem was wir aufnehmen. Wir arbeiten auf einer Song-By-Song-Basis. Erst wenn genug gute stehen, fangen wir mit der Arbeit an einem Album an. So entstehen viele Projekte. Es kommt aber immer wieder vor, dass du glaubst, was ganz Wunderbares vor dir zu haben und du versuchst, nur noch die kleinen Fehler auszubügeln, das aber einfach nicht funktioniert. Sowas bricht uns jedes Mal das Herz.

Eure Platten wecken stets den Eindruck, als steckten größere Konzepte dahinter.

Das kommt wohl daher, dass wir alle in derselben Welt leben und unterwegs sind, bevor wir Kunst machen. Wenn du nun FUNERAL nimmst und den Namen in „10 SONGS ABOUT PARTIES“ änderst, wäre es ein ganz anderes Album. Die Andeutungen und Zwischentöne wären verschwunden. Du würdest die Platte nur für eine Ansammlung von Songs halten. Wenn du das Album aber FUNERAL nennst, erzählt schon das eine Geschichte. Das passiert auch mit EVERYTHING NOW, das passiert während unserer Shows und durch das Artwork. Es mag mysteriös wirken, ist aber eine bewusste Entscheidung. Wo die wiederum herkommt, wissen wir auch nicht so genau. Da geht es uns wie manchen Philosophen!

Wie beschreibst Du den Sound Eures neuen Albums?

Wir lassen wohl wirklich mehr Synthesizer und Drum Machines als je zuvor hören. Ich sehe da aber einen roten Faden: Schon „Power Out“, „Haiti“ und „Rebellion (Lies)“ hatten viel mit dem gemein, was Arcade Fire heute ausmacht. Darüberhinaus ist das Album kürzer als seine Vorgänger. Eine Single-LP hatten wir seit FUNERAL nicht mehr. Das gibt EVERYTHING NOW eine gewisse Leichtigkeit. Die Songs klingen teilweise luftiger, andere sind weiterhin sehr dicht. Von denen gibt es aber weniger als zuvor, das stimmt. Für mich fühlten sich deshalb sowohl die Aufnahmen als auch die bisherigen Liveshows sehr erfrischend an. Ich habe aber auch nicht die beste Perspektive auf unsere Musik, weil ich mitten in ihr drin stecke.

Der Titelsong „Everything Now“ klingt anfangs sehr nach Schlager. Weißt Du, was das heißt?

Nein.

Das ist ein deutscher Genrebegriff für Musik, die bis vor ein paar Jahren nur ältere Menschen hörten.

(lacht)

Die andere, für viele Hörer sehr offensichtliche Referenz ist ABBA. War das eine bewusste Entscheidung, wie skandinavische Disco-Legenden zu klingen?

ABBA. Schlager. ABBA. Schlager. (Sagt sich die Worte immer wieder vor). Ich glaube, ABBA waren schon immer ein großer Einfluss auf alles, was wir tun. Schon vor FUNERAL.  Pianolinien, starke Melodien, ein Discobeat – das klingt natürlich nach ABBA!

„Put Your Money On Me“ ist ja noch viel näher an ABBA angelegt. Ein richtiger Ohrwurm. Aber erkläre mir mal die vermeintliche Pan- oder Querflöte auf „Everything Now“. Ist ja gar keine.

Es ist eine so genannte Pygmy-Flöte! Eine zentralafrikanische Flöte mit nur einer Note. Der französisch-kamerunische Francis Bebey spielte sie so. Die anderen Noten, die höheren und tieferen, sind seine Stimme (imitiert es). Nur der mittlere Ton ist die Flöte.

Warum ist der Vorabsong, „I Give You Power“ mit Mavis Staples, den Ihr am Vorabend von Trumps Amtseinführung veröffentlicht habt, nicht auf dem Album?

Er passte nicht in den Kontext, weder textlich noch musikalisch. Es fühlte sich aber richtig an, den Song vorab und pünktlich zu Trumps Amtseinführung zu veröffentlichen. Der Song musste schnell raus, solange er uns frisch vorkam.

„Der eigentliche Erschaffer ist ein Idiot, wenn es darum geht, die eigene Arbeit zu interpretieren“ (Will Butler)

Eins Eurer wiederkehrenden Themen sind Kinder, Teenager und deren Perspektiven. Was macht die so interessant für Eure Musik?

Ich kann dir diese Frage nicht beantworten – und ich bezweifle sogar, dass Win oder Regine das könnten! Als ich 16 war, hatte ich ein paar sehr beeindruckende und starke musikalische Erfahrungen. Es gibt bestimmte Musik, die ich immer noch durch dieses Prisma sehe und höre. Sogar wenn es Musik ist, die ich damals noch nicht kannte. Dieses Alter markiert eine sehr prägende Zeit im Leben eines Heranwachsenden. Außerdem glaube ich fest an den Hörer als den Interpreten und daran, dass der eigentliche Erschaffer ein Idiot ist, wenn es darum geht, die eigene Arbeit zu interpretieren. (lacht)

Was ist Dein Lieblingslied auf dem neuen Album?

Eine Zeitlang mochte ich „Electric Blue“ sehr. Das klingt so erfrischend.

Das Stück erinnert mich an Phoenix, MGMT und andere, jüngere Synthiepopbands.

Oh, interessant. Ja, das kann ich nachvollziehen.

Während Eurer laufenden Tour fandest Du Zeit für einen neuen eigenen Song, in dessen Refrain Du Roy Orbison coverst.

Das war am 4. Juli, den Song hatte ich schon geschrieben. Unser Langzeitproduzent Marcus Dravs hat ein Studio in London. „Lass‘ uns mal eben dieses Demo aufnehmen“, schlug ich vor. Der Song fühlte sich passend für den Feiertag an: Er hat etwas von Roy Orbison und etwas über Amerika!

Du planst drei Jahre nach Deinem schmissigen Debüt POLICY aber kein neues Soloalbum?

Nein, wir stecken gerade inmitten harter Arbeit in der Arcade-Fire-Welt. Und die hält noch länger an.

Dieses Interview ist zuerst am 9. August 2017 auf musikexpress.de erschienen.

1 Kommentar

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