„Es wäre besser gewesen, wenn ich einfach gar nicht geredet hätte“

The Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan im Interview über Wrestling, sein eigenes Ego und verlogene Musikerkollegen

Samstagabend vor Halloween, 19 Uhr in Berlin, 9 Uhr morgens in Los Angeles. Von dort aus ruft Billy Corgan persönlich an (!), um die anstehende Tour seiner Smashing Pumpkins, einer der größten Rockbands der neunziger Jahre, die heute nur noch aus Corgan und vier (ziemlich guten) Aushilfsmusikern besteht, zu bewerben – zumindest muss man dies als Anlass glauben, wenn man weiß, dass Corgan auf seinen letzten Deutschlandbesuchen noch außer ein Fernsehteam kaum Journalisten an sich heran ließ* und ich im Erstauftrag eines Stadtmagazins agierte. Aber man muss ja nicht gleich über Musik sprechen. Uncut-Protokoll eines Telefonats.

Billy, zuhause in Chicago haben Sie mit zwei Partnern eine Wrestlingfirma gegründet! Ist „Resistance Pro“ eine Talentschmiede oder haben Sie schon echte Stars unter Vertrag?

Oh ja! Es ist das, was wir Independent Wrestling Promotion nennen. Wir haben Leute aus den Topklassen, aus der WWE, die jetzt unabhängig arbeiten. Es ist der Alternative- und Punkrock-Szene sehr ähnlich: Wir haben viele junge Untergrundtalente, aber auch ältere bekannte Namen, die für die WWE gearbeitet haben. Einer unserer zentralen Typen ist Harry Smith, der war sechs Jahre bei der WWE.

Und mit all diesen Wrestlern organisieren Sie Kämpfe. Nur in Chicago? Oder gehen Sie auch auf US-Tour?

Wir würden gerne auf US-Tour gehen, aber nur, wenn wir TV-Plätze bekommen. Daran arbeiten wir noch.

In einem Fernsehinterview auf FOX sagten Sie: „Wir versuchen, die glorreichen Tage zurück zu bringen“. Sie meinten die des Wrestlings, oder?

(Pause) Wollen Sie wirklich, dass ich darauf eingehe?

Entschuldigung, aber wir reden doch von dem Show-Wrestling, in dem Stars wie Hulk Hogan, der Undertaker und Konsorten in den Neunzigern bekannt wurden?

Schon, in der Independent-Szene sehen Sie aber eine andere Version davon. Die ist nicht ganz so wie die große Show.

Was fasziniert Sie daran? Sie sagen es ja selbst: Das ist doch alles nur Show.

Ich mag die Psychologie dahinter, ich mag die griechische Tragödie des Ganzen. Die großen Themen im Wrestling sind Betrug, Freundschaft, Loyalität, das fasziniert mich. Im Grunde reflektiert Wrestling das Drama und die Psychologie unseres Lebens, und das interessiert mich.

Auf YouTube kann man sich Videos ansehen, in denen Sie den Kämpfern Tipps geben. Einmal sagen Sie Ihnen: „Es ist so, wie ich es damals schon meiner Band sagte: In dem Moment, in dem du Erfolg hast, wenden sich die Leute von dir ab.“ Wie meinten Sie das?

In jedem Bereich der Kultur gibt es ein übergreifendes Schema, egal ob es Malerei, Videokunst oder sonst was ist. Wenn du auf einem Independentlevel als Künstler erfolgreich bist und dich dann dem Mainstream öffnest, wendet sich die Kunstmeute von dir ab. Sie halten dich für nicht mehr pur genug, weil du ein breiteres Publikum erreichen willst. Das Problem findest du in der Musik, im Wrestling, in jeder Art von Kultur gibt es diese Gruppen, die denken, das alles rein bleiben muss und falls es das nicht ist, ist es nicht wichtig.

Sie schreiben auch Storylines für Kämpfe und Karrieren der Wrestler.

Ich bin verantwortlich für die Storylines unserer Wrestling Promotion, ja. Was die Karrieren angeht, da können wir bestenfalls etwas Sicherheit anbieten.

Mit Poesie, wie Sie sie seit 2004 immer wieder veröffentlichen, hat das nicht viel zu tun. Oder?

Kreativität ist Kreativität. Ich mag es genauso, mit den Wrestlern an ihren Charakteren und ihren Storylines zu arbeiten, wie ich mit meiner Band an neuen Songs arbeite. Für mich ist das die gleiche Art von Leidenschaft. Der Leidenschaft, kreativ zu sein.

Zu Schulzeiten waren Sie selbst ein Sportler und Baseball-Fan. Sind Sie jemals selbst in den Ring gestiegen?

Ja, in den späten Neunzigern und 2000 habe ich etwas Zeugs im Wrestling-Ring gemacht, ja.

Ach, etwa mit Kerlen wie Basketball-Star Dennis Rodman? Der stieg ja zur gleichen Zeit in den Ring!

(lacht) Ich war auf einem kleinen Level, er war auf einem großen Level!

Er ist ja auch größer als Sie. Wären Sie heute noch ein Catcher und würden Ihr eigenes Drehbuch schreiben, wären Sie ein good guy oder ein bad guy?

Bad Guy!

Warum?

Weil das mehr Spaß machen würde.

Weil Sie keine Rücksicht nehmen müssten?

Manchmal, wenn du auf der Bühne stehst, sagst du Dinge, die du nicht sagen solltest. Es würde Spaß machen, all diese Dinge sagen zu dürfen. Wie ein Kind in der Schulklasse, das all das sagt, was es eigentlich nicht darf. Um mehr ginge es mir gar nicht.

Einige Ihrer Wrestler oder die Nachwuchskids haben möglicherweise noch nie von Ihrer Band gehört. Erklären Sie denen, dass vor ihnen der Frontmann einer der größten Rockbands der Neunziger steht?

Nein, das ist mir nicht wichtig.

Ihnen nicht, aber finden die es nicht cool, von Billy Corgan unterstützt zu werden?

Das weiß ich nicht, ich kann nicht für sie sprechen. Mir bedeutet das aber nichts. Ich gehe auch nicht in ein Restaurant und sage „Ich bin Billy Corgan von den Smashing Pumpkins, geben Sie mir einen guten Tisch“. Ich habe verschiedene Leben. Musik ist ein Leben, Wrestling ein anderes, mein persönliches Leben ist wieder ein anderes.

Und wenn Sie ein Wrestlingkid fragen würde, was Sie so für Musik machen, weil es von den Smashing Pumpkins noch nie gehört hat?

Ich würde gar nicht erst darüber reden.

Sie könnten ihm ein Album in die Hand drücken.

Nein, ich würde das Thema gar nicht erst anschneiden. Es ist mir nicht wichtig.

Als Wrestler braucht man ein großes Ego, muss stark sein, wissen, wer man ist. Können Rockstars von denen lernen oder umgekehrt?

Eigentlich sind die meisten Wrestler, die ich kenne, sehr bescheiden, nette und unkomplizierte Zeitgenossen. Im Wrestling habe ich noch nicht viele große Egos gefunden. In der Musik habe ich sehr viel größere Egos ausmachen können.

Deren Namen Sie natürlich nicht nennen möchten nach all den Jahren.

Hahahaha! Ich denke, die haben ihre Namen längst selbst genannt.

Rückblickend: Hat Ihr Ego Ihnen geschadet oder geholfen? Wären die Smashing Pumpkins heute eine andere Band, wenn Sie Dinge anders gemacht hätten als Sie es taten?

Yeah, ich glaube, es wäre besser gewesen, wenn ich einfach gar nicht geredet hätte.

Aber das taten Sie.

Nun, ja, Sie fragten mich danach, was ich tun würde, könnte ich es noch mal tun. Und wenn ich das alles noch mal tun müsste, ich würde einfach ruhig sein.

Klappe halten und Musik machen, sozusagen.

Ja, ich denke, ich hätte meine Energie besser in die Musik investieren können. Und das feige Gebrabbel den Politikern überlassen.

Denken Sie gerade an eine konkrete Situation, in der Sie lieber nichts gesagt hätten und es heute bereuen?

Hahahaaaaaaa… (müder werdendes Lächeln, das sagt: Ich sag dir gar nichts….)

via BillyCorgan.jp


Na, zum Beispiel die Anzeige, die Sie 2005 in der Chicago Tribune und der Chicago Sun-Times schalteten und darin sagten, dass Sie Ihre Band zurück wollen. Bereuen Sie das auch oder würden Sie es wieder tun?

Das würde ich wieder tun. Ich habe kein Problem damit, was ich dort gesagt habe. Ich finde, das war doch ziemlich ehrlich und aufrichtig.

Sie sagten in einem jüngeren Interview, dass die Zukunft der Smashing Pumpkins maßgeblich von der Akzeptanz des Online-Albums „Teargarden by Kaleidyscope“ and seinem Nachfolger „Oceania“ abhängt.

Nein, das haben Sie falsch verstanden.

Wie war es dann gemeint?

Wir leben heute in einer anderen Welt, wegen Facebook, wegen Twitter, wegen all der Sozialen Medien. Die Wahrnehmung der Leute ändert sich viel schneller als früher. Die Werte einer Karriere, eines Stücks Arbeit, einer Musik, eines Song, sie werden seichter. Was am Ende passiert: du verwendest mehr Zeit auf die ständige Wahrnehmung als auf die Musik selbst. Da kommt der Punkt, an dem du als Musiker in einer modernen Welt nachdenken musst: Wenn das Publikum nicht annimmt, was du tust, dann solltest du vermutlich etwas anderes tun. Das heißt nicht, dass du mit der Musik aufhören sollst, aber du solltest das Publikum nicht mehr in diese eine bestimmte Richtung drängen. Das wollte ich damit sagen. Es ist aus dem Zusammenhang gerissen und künstlich aufgeblasen worden. Als ob ich da sitzen und darauf warten würde, dass mir das Publikum sagt, ob ich gut bin oder nicht. So gesehen höre ich nicht darauf, was das Publikum sagt. Wenn ich aber immer noch versuche, CDs und Alben zu veröffentlichen, das Publikum aber immer wieder sagt, dass es das nicht interessiert, dann sollte eine Band nicht weiter ihre Energie darauf verschwenden, Alben und CDs zu machen. Sie sollte ihre Energie für zum Beispiel eine DVD, Filme oder irgendeine andere Form der Kreativität aufwenden. Das Publikum sollte aber niemals diktieren, was der Künstler tut, weil das Publikum immer die falsche Wahl treffen wird.

Sie verdienen keinen Cent damit, Ihre Songs gratis online zu veröffentlichen, oder?

Nein, null.

Sie müssen also Touren, DVDs produzieren, eine neue Form der Vermarktung finden. Stephen Malkmus sagte neulich, man könne grundsätzlich jedes Album vergessen, das eine Band nach ihrer Reunion herausbringt, weil sie nie mehr so gut wie früher klängen. Hat er recht?

Er sagt das, weil seine Band nicht imstande ist, neue Musik zu machen.

Er macht jetzt andere Musik mit The Jicks.

Ja, aber die will sich doch auch keiner anhören.

Verglichen mit den Verkaufszahlen, die Sie mal hatten, stimmt das wahrscheinlich sogar.

Verglichen mit mir in diesem Moment!

Ist das so? Ich kenne Ihre Download- und Verkaufszahlen nicht. Naja, jedenfalls…

Lassen Sie mich diese Frage beantworten, bitte.

Gerne.

Er ist der Typ von Musiker, der sich eine eigene Philosophie ausdenken muss, um sein eigenes Handeln zu rechtfertigen. Was er macht: Er negiert, was andere Leute tun, um seine Geschichte sinnvoller dastehen zu lassen. Er hat seine Band nur deshalb wieder zusammengebracht, um Kohle zu machen. Also muss er sich eine Geschichte ausdenken, damit es so aussieht, als wäre es cool, was er macht. Was er macht, ist nicht cool. Deine Band zusammenzubringen um alte Songs zu spielen und Geld zu machen ist nicht cool. Aber anstatt das zu sagen und es zuzugeben und ehrlich zu sein, denkt er sich eine Geschichte aus und macht damit andere Leute runter. Das macht mich verrückt, er ist ein Lügner.

Er hat keine Namen genannt.

Er hätte sagen sollen, dass er seine Band wieder am Start hat, um Geld zu machen. Ich hätte Respekt für einen Künstler, wenn er die Wahrheit sagen würde. Aber stattdessen denkt er sich eine Geschichte aus um Journalisten und Fans vorzugaukeln, er hätte Integrität. Er hat keine Integrität. Wenn er die hätte, hätte er seine Band nicht wieder zusammengetrommelt um Shows zu spielen um Geld zu machen.


The Smashing Pumpkins – Bullet with Butterfly… von EMI_Music

Wenn Sie das so sagen, schließt sich zwingend die Frage an, warum Sie die Smashing Pumpkins reanimierten. Über die damaligen Gründe haben wir gesprochen. Aber heute geht es auch darum, Geld zu verdienen, oder etwa nicht?

Ehm, warum würde ich dann meine Musik umsonst hergeben?

Weil sie Sie dann auf Tour gehen lassen. Nicht, dass eine Band Ihrer Größenordnung solche Argumente bräuchte. Aber sie schaden bestimmt auch nicht.

Ich möchte nicht versuchen, mich mit Ihnen zu streiten. Als Musiker mache ich das, was ich immer schon tat: Ich bringe Musik raus und spiele Shows. Vertrauen Sie mir: Wenn die Musik gut ist, kommen die Leute. Wenn sie nicht gut ist, kommen sie nicht. Es ist nicht so einfach zu sagen: „Hey, ich will Kohle machen“. Glauben Sie mir, wenn ich Kohle machen wollte, könnte ich hier in Hollywood bleiben und Filme machen, oder Werbung. Wer im Rock’n’Roll-Business arbeitet, der weiß: Da ist nicht viel Kohle. Mir ist egal, was andere sagen, es gibt einfach kaum Geld im Moment. Die Menschen sind pleite, die Wirtschaften der Welt stehen übel da, schauen Sie nur nach Griechenland und all diesen Orten. Es ist gerade eine schwierige Zeit für die Menschen. Es geht also nicht um’s Geld, es geht um die Musik. Und wenn du gut in dem bist, was du tust, dann solltest du dein Geld damit verdienen. Wenn es dir aber nur um Kohle geht, dann bist du kein Musiker. Dann bist du ein Gebrauchtwagenhändler. Ich bin kein Gebrauchtwagenhändler, ich bin ein Musiker.

Dieser Tage erscheinen die Re-Issues ihren ersten beiden Alben „Gish“ und „Siamese Dream“.  War das Ihre Idee oder die des Labels?

(in einem Tonfall, der fragen ließ, was die Frage soll) Es war meine Idee?!

Wer soll die kaufen, alte Fans von früher oder Kids, die vorher von den Smashing Pumpkins noch nie etwas gehört haben?

Alle Neuauflagen sind dazu da, mit der Musik ein neues Publikum zu erreichen.

Ich frage mich nur, wie die damalige Rockmusik wohl heute bei den Kids ankommt, ich bin ja keines mehr.

Ich bin auch kein Kid mehr!

Stimmt. Während der Auszeit der Smashing Pumpkins haben Sie andere Bands gegründet, Poesie geschrieben, jetzt sind sie ins Wrestlinggeschäft eingestiegen. Was kommt nach den Pumpkins? Werden Sie vielleicht Geschäftsmann? Schriftsteller? Gründen Sie eine Familie?

Tatsächlich schreibe ich gerade ein Buch über mein Leben. Das sollte also nächstes Jahr herauskommen. Ich spreche auch mit Leuten darüber, ein Broadway-Musical zu schreiben.

Ach. Sie schreiben aber nicht schon heimlich daran?

Nein. Diese Welt bewegt sich sehr langsam und braucht eine Menge Zeit. Das können Sie sich vielleicht vorstellen, wegen der Kosten und wegen der vielen Leute, die involviert sind. Das ist nicht wie ein Album, wo du sagst: „Okay, lass uns ein Album machen“, und schon gehst du ins Studio.  Broadway-Musicals brauchen bestimmt drei Jahre.

Und über Familie möchten Sie lieber nicht sprechen?

Oh, doch, das macht mir nichts. Ich möchte mal Familie haben. Ja, doch, das wäre toll.

Mit Ihrer Freundin Jessica Origliasso, wenn sie denn noch Ihre Freundin ist? Sie müssen mir das natürlich nicht verraten.

Hahahaaa! (Lacht lauter auf)

Immerhin sagt das Ihre Wikipedia-Seite, Sie sollte also ein gesteigertes Interesse an der Auflösung der Frage haben, ob es stimmt oder nicht!

Und wenn Wikipedia das sagt, muss es stimmen, nicht wahr?

Oh ja, es muss stimmen, zumal dort Twitter und einer Ihrer Tweets zitiert wird!

Ja, das stimmt, alles im Internet ist die Wahrheit!

Ja, all die Katzeninhalte und alles andere auch. Letzte Frage: Jetzt wo Sie wieder auf Tour kommen, auch nach Deutschland und Berlin: Dürfen wir außer neuer und hoffentlich alter Songs auch wieder Uli Jon Roth oder andere Mitglieder der Scorpions oder sonst welche Gäste auf der Bühne erwarten?

Nein, niemanden. Nur zwei Stunden puren Rock’n’Roll.

Puren Rock’n’Roll, mit alten und neuen Songs und mit all dem, was da noch so kommen mag?!

Yes, sir!

Billy, vielen Dank für Ihre Zeit. Alles Gute heute in L.A. und bei allem, was da noch so kommen mag.

Danke, Ihnen auch, Bye bye.

*Die Tour wurde in der Zwischenzeit, offiziell wegen „internationaler Verpflichtungen“, auf ein einziges Deutschlandkonzert in Berlin am 23.11. verkürzt

(gekürzt erschienen bei: Teleschau, 16. November 2011)

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