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„Wer überfällt schon ein Waffengeschäft?“

5. August 2011 | Von |

Vier Menschen über die Rolle von Krieg in ihrem Leben: Anja Selle arbeitet seit 18 Jahren bei „Waffen Wodarz“ in Berlin-Neukölln.

OPAK: Frau Selle, wie wurden Sie Inhaberin eines Waffengeschäfts?

Anja Selle: Ich bin gelernte Büchsenmacherin, das kann man heute noch lernen. Mein Vater war bereits Büchsenmacher, hatte aber nur eine Werkstatt. Ich arbeite seit 1993 hier und habe das Geschäft vor fünf Jahren vom Ehepaar Wodarz übernommen.

Kann man von legalem Waffenhandel heutzutage gut leben?

Wir müssen genauso kämpfen wie ein normaler Klamottenladen auch. Wir leben von einer Branche, die ein Hobby ausübt. Und wenn die Leute weniger Geld haben, sparen sie als erstes nicht an der Miete oder am Essen, sondern an ihrem Hobby.

Wer darf in Ihrem Laden eine Waffe kaufen?

Kunden ab 18 Jahren. Je nachdem was die haben wollen brauchen sie entsprechende Lizenzen. Ein Messer darf ab 18 jeder kaufen. Es gibt zwei Bereiche: freie Waffen sind Gas-, Schreckschuss- und Luftdruckwaffen. Scharfe Waffen bekommt man nur mit Waffenbesitzkarte. Das ist im Waffengesetz genau deklariert.

Wie sieht ein typischer Kunde von Ihnen aus?

Den gibt es nicht. Es gibt die Sammler, die sich für die Technik oder nur für eine bestimmte Zeitepoche interessieren. Es gibt die Leute die zu Silvester gerne ein bisschen mit Schreckschusswaffen schießen, das ist eine große Klientel. Und dann gibt es noch die Hobbyschützen, Jäger oder Sportschützen.

Raten Sie Kunden auch vom Kauf ab?

Ja. Wenn ich zum Beispiel sehe, dass die sehr stark unter Drogen stehen. Oder wenn die unsicher sind. Wenn es trotz mehrfacher Erklärung mit der Handhabung nicht stimmt und ich dann erfahre, dass es zur Selbstverteidigung sein soll – die wenigsten Leute nutzen es übrigens für Selbstverteidigung – dann rate ich eher zu Spray.

Wurden Sie schon mal überfallen?

Nein, es gab auch keine Versuche. Ich hatte mal einen Kunden der ausgeflippt ist. Der war mit einer Reparatur nicht ganz zufrieden und fuchtelte dann mit seiner Schreckschusspistole rum. Ich bat ihn, sich zu beruhigen, hat er nicht getan, da habe ich die Polizei gerufen. Als Kassiererin bei Schlecker hätte ich aber mehr Angst überfallen zu werden. Wer überfällt schon ein Waffengeschäft?

Es gibt in Ihrer Branche also nicht mehr schwarze Schafe als in anderen?

In dieser Branche sowieso nicht. Das Landeskriminalamt überprüft unsere Waffen regelmäßig ohne Voranmeldung. Wenn jemand Mist damit anstellen will, dann besorgt der sich die Waffen woanders.

(erschienen in: OPAK #9, „Krieg“, Juli 2011)

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