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Das Stottern des Königs

21. März 2011 | Von |

Über Sinn und Unsinn der britischen Monarchie, des Zweiten Weltkriegs und der Erfindung des Radios: Colin Firth als stotternder Tronfolger und Geoffrey Rush als Sprachlehrer glänzen im komischen Geschichtsdrama „The King’s Speech“.

Dieses verdammte Mikrofon. Steht da wie ein Mahnmal. Bewegt sich nicht. Starrt nur. Sagt nichts und schreit doch aus jeder Pore und Perspektive: „Benutze mich! Sprich mit mir! Komm schon, das bist Du Dir schuldig! Oder hast Du es nicht drauf?“ Wenn es noch länger ohne Input bleibt, dieses olle Stück Metall, dann wird es seinen stummen Sprecher fressen. Mit dieser vielsagenden Nahaufnahme dieses einen Mikrofons in der Sprechkabine des BBC, 1925 in London, fängt er an: „King‘s Speech“, der mit zwölf Oscarnominierungen bedachte Kinofilm von Tom Hooper. Dieses Mikrofon ist stellvertretend für jede Form von Öffentlichkeit der größte Feind von Albert, Herzog von York, und es ist Sinnbild eines fast zwei Stunden lang großartig unterhaltsamen Geschichtsdramas: Selten wurde der Aufstieg eines Königs persönlicher, nie wurde die Macht der Worte tragikomischer verfilmt.

Herzog Albert (Colin Firth) hat ein paar Probleme. Er ist der Sohn des sterbenskranken Königs George V. (Michael Gambon) und jüngere Bruder des irrlichternden Tronfolgers David, der Prince of Wales (Guy Pearce). Das Radio wurde gerade für Ansprachen entdeckt, sein Vater ist da Profi, nur: Albert stottert seit seiner Kindheit wie ein schrotter Ottomotor. „Vielleicht sollte er den Job wechseln“, kommentiert der Sprachlehrer Lionel Logue (genial: Geoffrey Rush) flapsig, als Alberts Ehefrau Elizabeth (Helena Bonham Carter) bei ihm Hilfe sucht. Da weiß Logue noch nicht, welch prominenten Patienten er da bald behandeln würde. Doch auch als der für seine Sprachprobleme längst bekannte Herzog Albert leibhaftig vor ihm sitzt, bemüht Logue sich nicht um Höflichkeiten, Ehrfurcht vor der Monarchie oder konventionelle Arbeitsweisen. „Rauchen entspannt den Rachen? So einen Unsinn erzählen nur Idioten“, beschimpft der stets schelmische Logue seinen paffenden Patienten, worauf Bertie, wie Logue Albert gegen dessen Willen nennt, sich erbrüstet: „Diese Herren wurden geadelt!“ Logues Antwort: „Bitte, dann ist ihre Idiotie ja amtlich!“

1936 stirbt der König. Alberts Bruder David, der Herzog von Windsor, gibt als König Edward VIII sein Amt nach nur zehn Monaten wieder auf, um die bürgerliche US-Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten. Bühne frei für Albert, den, der die Öffentlichkeit so scheuen muss. Der findet trotz Stolz und Streitereien nicht nur Gefallen an Logues Arbeit, sondern in ihm auch einen Freund. Fasziniert von Hitlers Rhetorik (seinen Töchtern Elisabeth und Margaret antwortet er einmal: „Ich weiß nicht was der Mann im Fernsehen da sagt, aber er macht es offenbar gut!“) macht er sich auf, nicht nur dem Nationalsozialismus, sondern zuerst sich selbst die Stirn zu bieten.

„The King‘s Speech – Die Rede des Königs“ bewegt sich elegant zwischen Buddymovie, Geschichtsdrama und Satire und fällt nie ins Extrem. Der Respekt vor den Figuren ist größer als der schnelle Gag. Vor dem historischen Hintergrund (Kirche vs. Staat, die britische Monarchie zwischen zwei Weltkriegen) liefern die weltpolitischen Geschehnisse lediglich den Rahmen für ein persönliches Drama, dessen Absurdität durch die schauspielerischen Glanzleistungen des kompletten Ensembles, allen voran Firth und Rush, die nicht minder faszinierende Kameraarbeit, das Setdesign, die Musik und besonders seinen Wahrheitsgehalt an ungeahnter Tiefe und Größe gewinnt: Ja, der Herzog von York aus der Familie Windsor hat tatsächlich gestottert. Er hat die Rede im Wembley-Stadion versemmelt, er hatte einen Sprachtrainer an seiner Seite, er wurde wegen Wallis Simpson Tronfolger seines Bruders, er führte sein Land durch den Zweiten Weltkrieg. Nur eine Anekdote ist nicht verbrieft: Logue, so heißt es, habe Albert weder als Herzog noch als King George VI gewiss niemals Bertie genannt. Die erhabene, rührende und unfassbar komische Erzählung wäre indes jeden Oscar wert.

Königliche Tragikomödie:
„The King’s Speech – Die Rede des Königs“
(Großbritannien, 2010)
Regie: Tom Hooper
mit: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, Guy Pearce u.a.

Kinostart: 17. Februar 2011

(erschienen auf BRASH.de, 17. Januar 2011)

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  1. […] Royals sind auch nur Menschen. Colin Firth als stotternder Herzog Albert und späterer König ist einer von ihnen. Und Geoffrey Rush ein Oscar-reifer […]

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