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„Die Leute sind verrückt nach Vampir- und Exorzismusgeschichten“: Eli Roth und Daniel Stamm im Interview

11. November 2010 | Von |

„Man wird nie mehr so erschrocken werden wie bei ‚Der Exorzist‘“: Eli Roth und Daniel Stamm im Interview über ihren Kino-Überraschungserfolg „Der letzte Exorzismus“

Die Horror-Mockumentary „Der letzte Exorzismus“ über einen Prediger, der mit inszenierten Exorzismen scheinbar Besessenen das Geld aus der Tasche nimmt und sich für seinen letzten Fall von einem Kamerateam begleiten lässt, spielte in den USA in der ersten Woche das Zehnfache seines Budgets ein – und damit „mehr als der letzte Tom Cruise“, sagt Produzent Eli Roth. Wir sprachen mit dem „Bärenjuden“ und Hitlermörder aus „Inglourious Basterds“ und dem deutschen Nachwuchsregisseur Daniel Stamm über Horror und Humor, besessene Mädchen und die Legende, dass Eli Roth kein Blut sehen kann.

Herr Stamm, wieso sind die Opfer von Dämonen immer junge Mädchen?

Daniel Stamm: Weil sie in unserer Gesellschaft die zerbrechlichsten, schützenswertesten, wehrlosesten und zartesten Wesen sind. Wenn mit einem jungen Mädchen etwas gegen ihren Willen geschieht, sträubt man sich sofort. Es ist emotional ergiebiger als ein vom Teufel besessener alter Mann.

Sie hatten sich für „Der Letzte Exorzismus“ andere Genreproduktionen wie „Requiem“ also zum Vorbild genommen?

Daniel Stamm: An „Requiem“ fand ich immer toll, dass der Film aufhört, bevor der wahre Exorzismus beginnt. „The Exorcism Of Emily Rose“ und „Requiem“ basieren beide auf dem Fall der Anneliese Michel und fokussieren sich auf verschiedene Teile der Geschichte. Wir haben uns vor allem den Klassiker „Der Exorzist“ und den noch nicht weit zurückliegenden „The Exorcism Of Emily Rose“ angeguckt, weil die Leute sich gerade an diese Filme erinnern. Weil wir nichts wiederholen wollten, durfte es uns nicht um Effekte gehen. Wir mussten uns immer wieder vor Augen führen, dass wir einen psychologischen Film machen, in dem die Hauptfrage lautet: Ist dieses Mädchen verrückt oder ist sie wirklich vom Teufel besessen?

Und der Zuschauer fragt sich: Wieviel Fakt steckt in der Fiktion?

Daniel Stamm: Alle Fakten, die im Film gesagt werden, sind tatsächlich so. Beispielsweise, dass in jeder Religion Exorzismen gemacht werden. Heute werden auch mehr Exorzismen praktiziert als jemals zuvor in der Geschichte. Obwohl man fälschlicherweise immer denkt, dass das goldene Zeitalter des Exorzismus im Mittelalter war.

Sie haben mit praktizierenden Exorzisten und mit Besessenen gesprochen. Gab es einen Punkt, an dem Sie selbst begannen, an Dämonen zu glauben?

Eli Roth: Nein, aber wir haben die Dreharbeiten mit Respekt begonnen anstatt es von Vornherein besser zu wissen. Der Charakter von Cotton Marcus kommt in die Gemeinde und denkt bis zum Ende des Films, dass er es besser weiß als alle anderen. Er glaubt nicht an Gott oder den Teufel, er fühlt sich allen überlegen und bezahlt letztlich den Preis dafür. Wir wollten nie so sein.

Cotton Marcus ist ein Prediger und Betrüger, der wegen seines Humors eine sympathische Seite hat. Wieviel Humor verträgt Horror?

Daniel Stamm: Ich glaube, dass Horror und Komödie sehr gut Seite an Seite leben können. Nehmen wir das Beispiel „Hostel“ von Eli Roth: In der ersten Hälfte passiert auch kein Horror, sondern Witz. Danach ist es ein subtiler Film, der nicht wegen des Blutes, sondern wegen der Thematik gruselt, dass es Leute gibt, die dafür Geld bezahlen andere zu Tode zu foltern. Oder, besseres Beispiel: „Scream“, eine richtige Horrorkomödie. Weil bei uns aber Horror bereits neben Dokumentation leben muss, wollten wir in die zweite Hälfte des Films keine Komödie mehr reinbringen. Das wäre nicht zu balancieren gewesen.

Als Blockbuster-Produktion hätte die Rolle des Cotton Marcus auch von Woody Harrelson oder Hugh Grant gespielt werden können. Warum fiel die Wahl auf den so gut aufgelegten Patrick Fabian?

Daniel Stamm: Hugh Grant? (lacht) Wegen des Doku-Touchs wollten wir von Anfang an keine namhaften Schauspieler. Wir brauchten Leute, die nach Drehbuch spielen und improvisieren können. Die Rolle von Cotton Marcus hatten wir für Wochen gecastet und hunderte von Leuten gesehen. Ashley Bell hingegen, die die Rolle der Nell Sweetzer spielt, war das zweite Mädchen das reinkam. Die hat mich einfach umgehauen. Weil mich im Gegensatz zu Eli Roth niemand erkennt, setzte ich mich beim Vorsprechen mit den Schauspielern in den Warteraum und tat so, als wäre ich einer von ihnen. Sie haben keinen Grund mir etwas vorzumachen. So habe ich vor dem Casting schon einen Eindruck wie die Bewerber ungefähr im wahren Leben sind und mit anderen Leuten harmonieren. Ashley Bell war so süß und intelligent und hat mich aufgebaut und mir immer Mut zugesprochen, weil sie dachte, dass ich da gleich rein muss. Dann haben wir während des Castings den Exorzismus improvisiert. Ashley ist richtig abgegangen, hatte aber nichts von diesen Verbiegungen gemacht, die Sie im Film sehen.

Die hat sie selbst gemacht?

Daniel Stamm: Ja, da entstand nichts am Computer. Sie hat mir nie gesagt, dass sie das kann. Einen Abend bevor wir die Exorzismus-Szene gedreht haben saß ich mit ihr in der Hotel-Lobby. Ich fragte, ob sie Ideen für die Szene hätte. Da stand sie einfach auf, beugte sich rückwärts mit ihrem Kopf Richtung Boden, schlug fast auf und fragte mich, ob sie nicht das machen soll. Ich konnte nicht glauben, was ich sah und habe daraufhin die Szene komplett umgeschrieben. Das Tolle war, dass Patrick Fabian auch nicht wusste, dass sie das kann. Wir haben beim Dreh also die Kamera auf ihn gerichtet und sie das Zeug machen lassen. Seine Reaktionen im schlussendlichen Film sind die des ersten Takes. Weil er wirklich da stand und dachte: „Oh Gott, was macht die da?“

Mr. Roth, auch „Hostel“ oder „Cabin Fever“ waren Low-Budget-Produktionen. Was aber bewegte Sie dazu, ein Drehbuch über ein so oft verfilmtes Thema wie Exorzismus zu produzieren?

Eli Roth: Man muss sich nur beispielsweise Vampire anschauen, die mit Dracula anfingen und heute zu „Twilight“ und „True Blood“ geworden sind: die Leute bekommen einfach nicht genug von ihnen. Bei Zombies ist es das gleiche Phänomen. Wieso also nicht das Gleiche mit Besessenheit tun? Die Leute sind verrückt nach Teufel- und Exorzismusgeschichten. Es entspricht auch der Wahrheit, dass Exorzismus heute verbreiteter ist als er es jemals war. Es ist Zeit für ein Update, für eine andere Version. Man wird nie mehr so erschrocken sein wie bei „Der Exorzist“, aber es ging uns ja um keine Kopie, sondern um eine eigene Geschichte, einen Psychothriller. Wenn man nicht an Gott glaubt, glaubt man sicher alles, was Cotton Marcus sagt, und akzeptiert nur den Psychiater als Lösung. Ist man aber sehr religiös, glaubt man dem Pater und will den Dämon austreiben. Der Film nimmt in dieser Frage keine Stellung, er stellt beide Positionen intelligent gegenüber. Wir haben ihn für etwas mehr als eineinhalb Millionen US-Dollar gemacht und enden ihn so wie er endet. Die Leute gehen aus dem Kinosaal, diskutieren und denken darüber nach. Im Vergleich zu teuren Blockbuster-Produktionen aus Hollywood, wo vor der Veröffentlichung sogar das Zuschauerverhalten getestet wird, ist der Spaß unseres Films zu provozieren und nicht nur die Geschichte zu beenden, sondern neue Fragen zu stellen. An der grundsätzlichen Thematik sind die Leute auch persönlich interessiert. Vor fünfundsiebzig Jahren gab es beispielsweise sehr viel Böses. Die Leute haben nach dem Tod Hitlers gelechzt. Heutzutage gibt es immer noch viel Böses, bloß kann man es nicht mehr eindeutig personalisieren: Terrorismus, Aktienmärkte, Bankindustrie oder die Kirche. Wenn man die schrecklichen Dinge keinem anhängen kann, wendet man sich der Religion zu und schiebt es an den Teufel ab. Ich fühlte deshalb einfach, dass es an der Zeit war, dieses Thema in einem Film anzusprechen. Und die nackten Zahlen lügen ja auch nicht: Zwanzig Millionen Kinobesucher in den USA in der ersten Woche sprechen Bände, das sind mehr als beim letzten Tom Cruise-Film! Wenn zudem auch noch der Cast und Regisseur unbekannt sind, zeigt das, dass die Leute vor allem wegen der Thematik ins Kino gehen.

Sie hingegen sind seit „Inglourious Basterds“ auch in Deutschland bekannt. Ruft man Sie auf der Straße den „Bärenjuden“?

Eli Roth: Ja, die ganze Zeit! Die aktuellen Interviewtermine sind für mich das erste Mal seit dem Filmdreh von „Inglourious Basterds“, dass ich wieder zurück in Berlin bin. Davor riefen sie „Hostel, Hostel“, und jetzt ist es immer „Oh, der Bärenjude, wow!“. Man fühlt sich wie ein Held – es ist auch sicherlich sehr cool, den Mann zu treffen, der Hitler ins Gesicht geschossen hat! Beim Dreh zu „Inglourious Basterds“ hatte sich auch jeder unglaublich auf diese Szene gefreut. Endlich konnte man die Dreckskerle Goebbels und Hitler platt machen!

Ist eigentlich der im Internet kursierende Mythos wahr, dass Sie im echten Leben kein Blut sehen können?

Eli Roth: Es ist nicht so, dass ich Blut gar nicht sehen kann, aber auf jeden Fall tue ich das nicht gerne. Ich mag diese Kehrseite des Lebens nicht, habe mich aber daran gewöhnt. Gewaltszenen in Filmen sind für mich wie Gemälde oder Fotos – sie sind nicht echt, sie repräsentieren lediglich Gewalt. Reale Gewalt kann ich mir nur schwerlich ansehen. Da geht es mir wie den meisten Menschen.

Horror-Mockumentary:

„Der Letzte Exorzismus“
(USA/Deutschland, 2010)
Regie: Daniel Stamm
Produktion: Eli Roth
Drehbuch: Huck Botko, Andrew Gurland
mit: Patrick Fabian, Ashley Bell, Caleb Jones u.a.

seit 30. September 2010 im Kino

www.derletzteexorzismus.de

(erschienen auf: BRASH.de, 1. Oktober 2010)

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