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Apokalypse am Harvard Square

16. Dezember 2008 | Von |

Mit „Out Of Town News“ schließt viel mehr als nur ein Kiosk

Der Zeitungskiosk „Out Of Town News“ in Cambridge, Massachusetts, wird nach 53 Jahren geschlossen. Der Pachtvertrag zwischen Hudson News und der Stadt läuft zum 30. Januar 2009 aus. Statt Presse, Schreib- und Tabakwaren könnten in dem historischen Ladenlokal bald Fahrräder zum Verkauf stehen, verkündete der Stadtrat. Bis hierher nichts Ungewöhnliches, möchte man gerade in Zeiten finanziellen Notstands und Digitalisierung des gemeinen Leseverhaltens meinen. „Out Of Town News“ aber ist nicht irgendein Kiosk. Seit 1955 galt er als der Anlaufpunkt für Akademiker, Studenten und andere Wissbegierige, um sich auch über die Mauern ihrer berühmten Universitätsstadt hinaus ein Bild von der Welt zu verschaffen – durch Erwerb und Lektüre der French Vogue, der Times Of India oder der Süddeutschen Zeitung beispielsweise. 1994 verkaufte Gründer Sheldon Cohen seinen Kiosk an die Kette Hudson News.Die Schließung einer solchen Institution ist also erstmal bedauerlich, aber doch wohl noch lange kein Weltuntergang. Oder?

Der Anfang vom Ende wurde bereits 1985 wie folgt aufgeschrieben: „Als ich zu dem Eckgeschäft kam, war die übliche Frau nicht da. Stattdessen stand ein junger Mann hinter dem Ladentisch. Ist sie krank? fragte ich, als ich ihm meine Karte gab. (. . .) Tut mir leid, sagte er. Diese Nummer ist nicht gültig.“ So erinnert sich die Dienerin Desfred in der von Margaret Atwoods verfassten und von Volker Schlöndorff verfilmten Utopie „A Handmaid’s Tale“ an den Tag X ihrer Zeit vor der Sklaverei im totalitären Regime der gar nicht allzu fernen Zukunft. Von diesem missglückten Zigarettenkauf an kippt die Welt aus den Angeln: Die Konten aller Frauen werden gesperrt, Desfred verliert ihren Job und ihr altes Leben. Zeitungen verschwinden, und mit ihnen Desfreds Erinnerung an deren und den Namen des Ladens. Die im Roman beschriebene visionäre Szenerie sowie Atwoods Biografie aber lassen keinen Zweifel: Die Apokalypse der bekannten Welt beginnt am Harvard Square.

Vielleicht ist es Zufall, dass die Schließung des kleinen Kiosks mit den großen Hiobsbotschaften der Finanzkrise zusammenfällt. Vielleicht aber erleben Harvard, die Wall Street und die Welt die leibhaftige Einäscherung einer niedergeschriebenen Utopie. Reihenweise lösen amerikanische Bürger dieser Monate Konten auf, solange noch was zu holen ist. Die stillen Machthaber unserer noch gegenwärtigen Gesellschaft, die Broker und Aktionäre, gehen mit unter. In „Gilead“, Atwoods neuem Amerika, rafft es jeden dahin, der zur Fortexistenz des Systems keinen Beitrag leisten kann. Was ihnen und unserer Welt im kommenden Jahr blüht, wagt niemand so Recht zu erahnen. Fakt ist: Selbst an der nur einen Steinwurf vom „Out Of Town News“ entfernten Harvard University wird das Geld knapp (siehe SZ vom 10. Dezember). Wenn das kein Zeichen ist, was dann?

(erschienen in der Süddeutschen Zeitung, 16. Dezember 2008, S. 11, Feuilleton)

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