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Jupiter Jones im Reunion-Interview: „Wir sind heute bessere Freunde, als wir es je waren“

30. Januar 2021 | Von |

Exklusiv-Interview: Ich habe mit Sascha Eigner und Nicholas Müller für musikexpress.de über Jupiter Jones‘ Trennung, über Streit und Aussprache, über Punk, Pop und Plattenfirmen, über Familiengründungen, über Crowdfunding und über, Trommelwirbel, ihr neues Reunion-Album gesprochen.

Jupiter Jones im Jahr 2021: Sascha Eigner (links) und Nicholas Müller (Foto: Tessa Meyer und Niclas Moos)

Aus der Eifel in die Charts: Dass die Geschichte von Jupiter Jones dort gipfelt, wo sie gipfelte, war 2002 nicht abzusehen. Ihr vorläufiges Ende aber auch nicht.

Damals auf einer Bank gegründet von Nicholas Müller (Gesang und Gitarre) und Sascha Eigner (Gitarre) machte sich die Punkrockband zu viert auf, ihre eigene Version von Einflüssen wie Muff Potter, Hot Water Music und Kettcar zu spielen. 2004 erschien nach einer ersten EP in Eigenregie ihr rohes DIY-Debüt RAUM UM RAUM, voll von Hesse-Zitaten, Hemdsärmeligkeit und Herzschmerz. Es folgten unzählige Konzerte in den Jugendzentren und Kellerclubs dieses Landes, zwei weitere Alben auf dem eigenen Label Mathildas Tonträger – und 2011 der kommerzielle Durchbruch: Ihr viertes Album JUPITER JONES erschien beim Majorlabel Sony und warf mit der Ballade „Still“ nicht nur den größten Hit in der Geschichte der Band ab, sondern einen, dessen Erfolg deutschlandweit seines gleichen suchte: „Still“ schaffte es zwar „nur“ bis auf Platz 10 der deutschen Charts, hielt sich darin aber insgesamt 52 Wochen, wurde dreimal mit „Gold“ ausgezeichnet, hält den Rekord als das 2011 meistgespielte Lied im deutschen Radio, wurde von einer niederländischen Band gecovert (und schaffte es in Holland auf Platz 14 der Charts). Den Radio-ECHO konnte Jupiter Jones damit 2012 niemand streitig machen.

Was damals noch niemand ahnte: Das Nachfolger-Album DAS GEGENTEIL VON ALLEM sollte ihr vorerst letztes mit Sänger Nicholas sein. Depressionen und eine Angststörung zwangen ihn 2014 zum Ausstieg. Eigner, Marco „Hont“ Hontheim (Drums) und Andreas „Becks“ Becker machten schließlich mit dem neuen Sänger Sven Lauer (Ex-Caracho) weiter, veröffentlichten mit BRÜLLENDE FAHNEN ein weiteres Album – und lösten sich 2018 komplett auf. Und Müller? Ging in Therapie, gründete sein Zwei-Mann-Projekt Von Brücken, schrieb ein Buch über seine Erkrankung („Ich bin mal eben wieder tot. Wie ich lernte, mit Angst zu leben“, Knaur Taschenbuch, München 2017) und arbeite als Dozent an verschiedenen Akademien.

Eine Reunion erschien unwahrscheinlich – bis jetzt: Mitte Januar 2021 wurden Jupiter Jones wieder auf ihren Social-Media-Kanälen aktiv und kündigten in Videobotschaften an, dass es sie tatsächlich wieder geben würde – zu zweit. Sie feierten das unter anderem mit einem Konzert auf dem Hausboot von Fynn Kliemann und Olli Schulz, das in den Amazon Music Sessions am 19. Januar 2021 um 19 Uhr live auf dem Twitchkanal von Amazon Music zu sehen war. Dort spielten sie nicht nur Songs von jedem Album, auf dem Müller mit von der Partie war – sondern auch zwei neue Stücke. Denn: Ein Reunion-Album ist bereits geschrieben und soll im Laufe des Jahres erscheinen. Eine neue Single namens „Überall waren Schatten“ schon Ende Januar.

Ich habe für musikexpress.de mit Sascha Eigner und Nicholas Müller über Streit und Aussprache, Punk, Pop und Plattenfirmen, Familiengründungen, ihr neues Album und über Crowdfunding gesprochen.

Glückwunsch zum Zusammenraufen! In welchem Moment war Euch klar, dass es Jupiter Jones sieben Jahre nach seinem Ausstieg mit Nicholas wieder geben würde?

Nicholas Müller: Der Moment war nahezu kitschig: Fünf Jahre lang hatten wir verschwindend geringen bis keinen Kontakt, erst 2019 sprachen wir uns aus. Aus völlig beschissenen Gründen mussten wir uns damals trennen. Bei mir ging es gesundheitlich nicht, für alle anderen war diese Situation nicht mehr tragbar. Jetzt ging es wieder. Sascha und ich bauten diese Band auf, sie war viele Jahre unser Leben. In der Zwischenzeit wurde wir beide Papas. Wir haben dieses Bild im Kopf, dass wir unsere Töchter mit zu Konzerten nehmen könnten und sie uns zusehen. Ein Bild, das programmatisch für unsere eigentlichen Beweggründe steht: Das Ding war noch nicht zu Ende, musste aber zu Ende sein. Deswegen machen wir das jetzt weiter.

Natürlich könntet Ihr jetzt behaupten, dass Ihr schon immer wusstet, dass es eines Tages weitergehen wird…

(Beide schütteln den Kopf)

…aber die Trennung verlief nicht freundschaftlich. Klar, Du warst krank, Nicki und konntest nicht mehr auf Bühnen stehen. Gingst bald nach Deinem Ausstieg aber mit Deinem neuen Projekt Von Brücken doch wieder auf Tour. Da gab es schon Streit, oder?

Eigner: Natürlich. Das war kein Friede, Freude, Eierkuchen, da müssen wir nicht um den heißen Brei herumreden. Sowas trägt man nicht nach außen oder gar in der Öffentlichkeit aus. Wir haben versucht, die Trennung so friedlich wie möglich darzustellen. Innerhalb der Band aber gab es Enttäuschungen. Wir waren sauer aufeinander. Vieles war einfach nicht cool. Deswegen haben Nicki und ich fünf Jahre kein Wort gewechselt. Begegneten wir uns auf Aftershowpartys, liefen wir einen großen Bogen umeinander.

Müller: Die ganze Situation um mich herum hat alle wahnsinnig mürbe gemacht. Wir haben uns aus einer Freundschaft heraus gegründet, nicht um berühmt zu werden. Ein Business wurde trotzdem irgendwann aus der Band. Beides litt darunter, dass ich zum Ende hin nie richtig am Start war. Immer nur gerade so, dass ich nicht im nächsten Moment abscheiße. Niemand konnte damals in die Zukunft denken. Was wir alle scheiße fanden, war genau das. Ich war platt und müde von Panikattacken und Medikamenten. Und die Jungs auch, weil ich in diesem Zustand war und als Sänger nicht mal eben so ersetzt werden konnte. So tendiert man irgendwann dazu, sich auch gegenseitig scheiße zu finden.

Du sprachst von Enttäuschung, Sascha. Was musste von welcher Seite ganz konkret ausgesprochen werden? 

Müller: Ich war von nichts und niemandem konkret enttäuscht. Alles war so bräsig, dass ich es für das Beste hielt, auch den persönlichen Kontakt abzubrechen. Weil so viel dazwischen lag. Wie wir die Band geschäftlich auseinanderziselierten, lief auf eine gute Art und Weise. Die Jungs machen weiter, ich hatte meine Freiheit nur das zu tun, was ich tun kann. Bei Jupiter Jones hingen viele Existenzen dran. Bei Von Brücken war der Druck nicht da, dass Menschen ihre Jobs verlieren, wenn ich länger ausfalle. Menschliche Zerrüttungen gab es nicht, nur Stille. Enttäuschend war, dass ich dadurch auch meine Freunde verlor und zurückwollte. Mein komplettes Leben drehte sich um den Tourbus. Aussteigen, sich anfurzen, spielen, abends wieder stinkend einsteigen. Das fehlte. Deshalb war ich auch wütend.

Eigner: Das Familiäre war einer der Hauptgründe, warum wir uns entschlossen, wieder gemeinsam Musik zu machen. Als wir 2018 die Band komplett auflösten, ist für mich eine Welt zusammengebrochen. Mein ganzes privates Umfeld war plötzlich weg. Weil ich nur mit diesen Leuten zu tun hatte, ständig mit ihnen unterwegs war und auch meine Freizeit mit ihnen verbrachte. Nach ein paar Monaten merkte ich: Oh scheiße, du stehst hier wirklich total alleine da. Nach 16 Jahren musste ich komplett neu anfangen.

Und, hast Du?

Eigner: 2019 hatte ich eine Herz-Muskel-Entzündung. Ich lag Monate flach, teilweise auf der Intensivstation, Wochen auf meiner Couch. Mag esoterisch klingen, aber da gingen mir viele Sachen darüber durch den Kopf, was im Leben wichtig ist. Ich dachte schon öfter daran, das war dann aber wirklich der Moment, in dem ich mit Nicki wieder Kontakt aufnehmen wollte. Zur Aussprache. Wir haben so viel Geiles erlebt. Gerade in den ersten Jahren, durch die Gegend getingelt und die kleinsten Konzerte gespielt. Da ist Funkstille das Dümmste, was man machen kann. Bei der Trennung gab es keinen Abschluss. Sie passierte Knall auf Fall. Ein Anruf zwischen Nicki und mir gab es, zwei Tage später sollten in der Eifel die Tourvorbereitungen beginnen. Alles wurde abgebrochen, Tour, Singlepromo. Zack, bumm, aus, fertig. Das war Bullshit. Und dem, was wir investiert hatten, nicht würdig. Ich hatte das Gefühl, aufräumen zu müssen, Kontakt aufbauen und sich aussprechen.

Du hast also den ersten Schritt gemacht?

Eigner: Unser ehemaliger Mercher Robert Kasel nervte uns alle paar Monate mit der immergleichen SMS: „Wie is dat mit Reunion?“. An Ostern 2019 kam wieder eine. An dem Tag habe ich ihn nach Nickis Mailadresse gefragt, um ihm abends zu schreiben. Dazwischen aber kriege ich eine Whatsapp-Nachricht – von Nicki. So kam der erste Kontakt zustande. Wir fanden einen Termin, Nicki besuchte mich in Hamburg. Und wir sprachen uns aus.

Wie geht es Dir mit Deiner Krankheit heute, Nicki?

Müller: Man muss von einer Angstkrankheit nicht geheilt werden, weil das Krankhafte daran sehr gut in den Griff zu kriegen ist. Die Angst nimmt mich nicht mehr in Anspruch. Ich weiß von Prädispositionen, die ich mit mir herumtrage – aber deshalb weiß ich auch, wie ich mit mir umzugehen habe. Und wie ich mit Selbstfürsorge dagegen ankomme. Ich finde mich gesund, so wie sich ein Rheumakranker im Sommer gesund fühlt. Oder ein Lungenkranker am Meer. Gelange ich in Umstände, in denen die Krankheit getriggert wird, hätte ich eventuell wieder ein Problem. Was ich den anderen Kranken aber voraushabe: Ich selbst bin der größte Einfluss auf meine Krankheit. Wenn ich auf mich aufpasse, passiert auch nichts mehr.

Die Aufregung um den Bandneustart ist also durchweg positiv? 

Wir stehen seit rund drei Monaten auf dem Gas, kaum ein Tag, auf dem ich mal entspannt auf der Couch lag – und es geht mir trotzdem hervorragend.

Rückblickend: War es eine gute Idee, ohne Nicki mit Jupiter Jones weiterzumachen?

Eigner: Am allerbesten hätte ich es gefunden, wenn wir unsere Sachen hätten regeln können und in der alten Konstellation weitergemacht hätten. Aber auch so hatten wir ein paar Jahre eine gute Zeit. Es wurde nach BRÜLLENDE FAHNEN aber auch schwierig, weil das Album kontrovers diskutiert wurde. Das war für den ein oder anderen in der Band schwierig zu ertragen und damit weiterzumachen. Wir spielten zwar große Festivals und erreichten den 2. Platz beim BuViSoCo. Nicki aber wuchs zwölf Jahre in seine Position und den Trubel hinein. Sven war all das in der Größenordnung nicht gewohnt. Schließlich wollten Hont und ich weitermachen, Sven und Becks nicht mehr. Ein erneuter Besetzungswechsel war keine Option. Das war es dann mit Jupiter Jones.

Nicki, wie fandest Du es, Deine alte Band mit neuem Sänger zu sehen?

Müller: Es war mein großer Wunsch, dass das passiert. Schon aus Gewissensgründen. Mein Austritt war schon scheiße genug. Wenn wegen mir aber noch alle anderen arbeitslos geworden wären, Band und Crew, das wäre nichts gewesen. Sven ist auch ein Eifler Jung, wir kennen uns ewig. Er sang schon in der Abiband 1994, die ich spitze fand! Über seinen Einstieg habe ich mich also gefreut. Den Rest habe ich aus Selbstschutz nicht mitgekriegt. Ich habe nie ein Livevideo gesehen, habe BRÜLLENDE FAHNEN noch immer nicht bis zum Ende gehört. Nicht, weil ich irgendwem etwas nicht gönne oder ein Problem damit hätte, dass jemand Erfolg hat, obwohl er in meine ach so großen Fußstapfen steigt. Darum ging es nicht. Ich hätte schlichtweg auch keinen Bock darauf, meine Ex mit ihrem neuen Freund knutschen zu sehen. Dass sie glücklich sind, gönne ich ihnen trotzdem.

Warum wollten Becks und Hont jetzt nicht wieder mitmachen?

Eigner: Nicki und ich haben sie natürlich gefragt. Mit Becks sprach ich eh immer wieder mal scherzhalber über eine Reunion. Hont war gedanklich schon sehr weit entfernt. Er spielte auch in einer neuen Band, Desaster. Wir trafen uns, quatschten, probten später mal ein Wochenende, jammten, haben gegrillt und Bier getrunken, eine gute Zeit gehabt. In den Wochen und Monaten danach ergab es sich aber, dass die beiden trotzdem bei der Reunion nicht dabei sein wollen.

Müller: In den zwei Jahren dazwischen fanden auch Leben statt. Beide sind in einer Festanstellung, Becks ist ebenfalls Papa geworden. Jupiter Jones war auch in den kleinsten DIY-Zeiten eine Aufgabe, die eigentlich ein Hauptjob ist. Selbst als wir null Cent damit verdienten, investierten wir mehr Zeit als in unsere eigentlichen Jobs. Deswegen habe ich bis heute keine abgeschlossene Ausbildung.

Ein neuer Bassist und ein Drummer waren keine Option? 

Müller: Die Band bleibt unser Baby. Menschen sollen sich nicht beliebig ersetzen lassen dürfen, wir sind kein Personalkarussell. Wir waren, wollen und werden mit tollen Menschen unterwegs sein. Werden live unterstützt. Dass die Hauptband aus den Übrigen von damals besteht, also aus Sascha und mir, fühlt sich am logischsten und konsequentesten an.

Schlägt sich die neue Besetzung auch auf den Sound nieder? Oder nehmt Ihr mit Studiomusiker*innen auf?

Müller: Die Platte nehmen wir mit Besetzung auf. Geschrieben haben die Songs wie damals schon Sascha und ich. Wir lassen uns unterstützen vom aktuellen Jupiter-Jones-Keyboarder Alex Mauch und von meinem Freund Timo Xanke. Gemischt wird von Arkadi Zaslavski. Das ist der Bruder von Zedd, so werden wir aber nicht klingen (lacht)! Der Sound wird ein Zeichen der Zeit sein.Wir hören andere Musik als 2002. Wie frech von uns! Die Platte wird eine Jupiter-Jones-Platte klingen und wie ein Zusammenwurf von Saschas und meinen Geschmäckern. Bei Sascha ist das viel 80s-Kram, bei uns beiden viel Pop, immer noch auch Punkrock, aber nicht mehr wie der von 2002. Heute höre ich lieber Idles.

Zumal Pop in Jupiter Jones schon immer angelegt war, nur fehlte es damals unter anderem an der entsprechenden Produktion.

Müller: Geschmäcker ändern sich, ohne dass man sich dabei häutet. Manche schockt es, wenn wir ein anderes Gusto an den Tag legen. Wichtig ist zu hören, dass wir Bock haben. Das hörst du nur, wenn die Songs gut sind. Ich mag die kommende Platte sehr gerne. Ich habe musiktheoretisch null Plan, kann aber schon aus Konsumentensicht sagen: Da werden gute Songs drauf sein. Der Rest ist Makulatur.

Wieviel von der Weiterentwicklung zu offenkundigerem Pop, die ja auch im neuen Song „Überall waren Schatten“, ein Lied über Corona und Depression, zu hören ist, war damals Euer Wunsch? Wie viel der vom Majorlabel? Und ist der Grund, wieder auf Eurem eigenen Label zu erscheinen, auch der, dass Euch niemand mehr reinreden kann?

Eigner: Wenn du beim Majorlabel so einen Riesenhit hattest wie wir mit „Still“, wird die Chefetage auf dich aufmerksam. Der Erfolg war für eine Band wie uns, aber auch für jeden anderen Act, außergewöhnlich. Die Erwartungen steigen danach, aber auch der Vorschuss. Die finanziellen Mittel sprudeln, alle pudern dir den Hintern. Aber bei der nächsten Platte mögen dann bitte auch wieder kommerziell verwertbare Songs bei rauskommen. Das finde ich sogar verständlich: Wer Geld ausgibt, will ja, dass wieder was reinkommt und dass die Band entsprechend im Popgame mitspielt. Uns hat niemand explizit gezwungen, alles mitzumachen, aber die hohen Erwartungen spürten wir. Mit DAS GEGENTEIL VON ALLEM haben wir das gut gelöst, finde ich. Haben uns dafür zwar einen Wolf produziert, waren zehn Wochen im Studio. Ist aber eine meiner Lieblingsplatten von uns.

Rock und Pop und Punkrock und Balladen waren da drauf – aber für die Wiederholung des „Still“-Erfolgs hat es nicht gereicht.

Eigner: Beim großen Label musst du dich nach Misserfolgen auch erstmal wieder hochkämpfen und deine Stellung behaupten, dich wieder etablieren. Beim eigenen Label sind wir nun wieder viel kreativer und spontaner. Eine Idee kann sofort umgesetzt werden und es müssen nicht erst noch 15 Leute drüber schauen, fünf Leute mitreden und die Idee so verweichlichen.

Angebote von größeren Plattenfirmen aber gab es bestimmt, oder?

Müller: Ja, die gab es. Aber was ändert sich dieser Tage noch groß mit einem Label? Es selbst zu machen heißt ja nicht, dass Sascha und ich 17 Stunden am Tag Faxe rausschicken. Wir haben ein tolles Team, ein erfahrenes Management (Ex-Sparta), „Believe“ als Vertrieb. Es ist mehr Arbeit, aber auch mehr Selbstbestimmtheit. Deswegen machen wir das so. Schiss hatte ich davor schon, finde es jetzt aber fantastisch. Das fängt schon bei den neuen Fotos an, die wir vor ein paar Tagen in Hamburg gemacht haben. Das sind zum ersten Mal Jupiter-Jones-Fotos, auf denen ich uns drauf erkenne.

Jetzt wo Du es sagst: Vor ein paar Jahren sah ich neue Pressefotos von Euch, bei denen ich mich fragte, wer denn diese schmierigen Typen sein sollen.   

Müller: Frag Sascha und mich mal!

Eigner: Ich fand es auch furchtbar.

Müller: Das war immer gut gemeint und wir wollen hier kein Labelbashing betreiben. Wir hatten immer fantastische Partner. Je mehr Meinungen aber reinkommen, desto verwässerter ist das Ergebnis. Heute reden Sascha und ich mit Florian (Brauch, Anm.) und Böde (Florian Böhlendorf, Anm.). bei denen ich vor 14 Jahren ein Praktikum machte und die seitdem zu meinen besten Freunden gehören. Die Wege sind kurz, die Meinungen wichtig und das Ergebnis stark.

Wieder beste Freunde: Sascha Eigner und Nicholas Müller sind Jupiter Jones (Foto: Tessa Meyer und Niclas Moos)

Seid Ihr beide heute auch wieder beste Freunde – oder Kollegen?

Müller: Ohne Flachs, wir sind heute bessere Freunde als wir es je waren.

Eigner: Sehe ich genauso. In den Endjahren hatten wir uns sehr entfernt voneinander. Aber besser als jetzt war es noch nie.

Wie weit denkt Ihr in die Zukunft? Plant Ihr überhaupt längerfristig?

Eigner: Der Plan fürs Jahr 2021 steht. Und einiges darüber hinaus auch.

Müller: Jupiter Jones war nie nur eine Band. Nie nur ein Job. Es war eine Lebensaufgabe. Auch wenn das klingt wie aus einem Musikerkäseblatt abgeschrieben. Ich bin Berufsmusiker, ich brauche Musik nicht als Hobby. Ich habe auch andere Aufgaben. Gebe Workshops, unterrichte an Akademien als Dozent, würde gerne mal wieder ein neues Buch schreiben. Damit fühle ich mich erfüllt. Jupiter Jones darf trotzdem gerne wieder der Hauptjob werden. Der, der viel Zeit einnimmt und viel Liebe bringt. Und der auch finanziell was abwirft, so schwer das gerade dieser Tage allen Bands fällt, die nicht zufällig schon mal einen Nr.1-Hit abgeworfen haben. Jupiter Jones darf gerne der Weg sein, auf dem ich innerhalb dieser Schwierigkeiten existiere.

Eigner: Im Februar starten wir ein Crowdfunding für die Platte. Vieles muss noch aufgenommen und produziert werden, was in Coronazeiten nicht so einfach ist. Alles dauert länger als gewohnt.

Müller: Crowdfunding in erster Linie deshalb, weil wir keinen Bock haben Schrott zu produzieren. Natürlich wollen wir Vinyl und eine wie auch immer geartete Deluxebox herausbringen. Wie man das so macht. In dem Produktionsprozess aber geht die Nachhaltigkeit oft Flöten. Du produzierst immer auf Halde für einen Überseecontainer, dessen Inhalt dann irgendwo bei Müller auf‘m Wühltisch landet oder im Schredder. Darauf haben wir keinen Bock. Ich kann meiner Tochter nicht sagen, dass es kacke ist, wenn sie in der Stadt ihr Schokoladenpapier auf den Boden schmeißt und ich selbst 10000 Plastikleichen im Keller stehen habe. Vinyl und Deluxebox wird es bei uns nur auf Bestellung geben. Eventuell mit ein paar Goodies extra wie einer digitalen Releaseparty. Wir wollen ein wertiges und nachhaltiges Ding machen. Digitalrelease wird es ganz normal geben, klar, auch CDs, wer auch immer die noch kauft. Aber da, wo wir Einfluss nehmen können, nehmen wir und machen von allem nur so viel wie es wirklich braucht.

Jupiter Jones‘ neue Single „Überall waren Schatten“ ist am 29. Januar erschienen, ein neues Album folgt voraussichtlich zwischen Mai und September 2021.

Dieses Interview erschien zuerst am 19. Januar 2021 auf musikexpress.de.

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