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Ricky Gervais‘ „After Life“: Dem Tod so nah

10. April 2019 | Von |

Die dunkle Seite eines Comedians: Wer politisch inkorrekten „Hat der das wirklich gesagt?“-Humor erwartet, wird von „After Life“ enttäuscht sein. Ricky Gervais überrascht mit einer todernsten Serie voller Herz, die das Leben verneint und bejaht. Seine Schnauze hat der britische „Stromberg“ trotzdem nicht verloren.

Lernen sich am Friedhof trauernd kennen und schätzen: Tony (Ricky Gervais) und Anne (Penelope Wilton) in „After Life“ (Foto: Netflix)

Lernen sich am Friedhof trauernd kennen und schätzen: Tony (Ricky Gervais) und Anne (Penelope Wilton) in „After Life“ (Foto: Netflix)

Man kann das komödiantische Werk und Wirken von Ricky Gervais kaum hoch genug einschätzen: Der britische Schauspieler, Stand-Up-Comedian, Moderator und Autor, der sich übrigens in den 80ern mal als Sänger eines kurzlebigen New-Wave-Duos und als Manager der jungen Suede versuchte, erfand unter anderem die Kultserie „The Office“ und damit die Vorlage für „Stromberg“. Es folgte unter anderem die Sitcom „Extras“, „Life’s Too Short“, „Derek“, das „The Office“-Filmsequel-Spin-off „David Brent: Life On The Road“ und bisher vier gefürchtete „Golden Globes“-Moderationen. Seine Witze sind immer arg drüber oder tief drunter, aber stets auf den Punkt. Man könnte meinen, Gervais sei einer dieser Dampfplauderer, die für einen guten Gag ihre Großmutter verkaufen.

Dass er auch anders kann, weiß, wer ihm auf Twitter folgt oder Zeuge seines aktuellen „Humanity“-Tourprogramms wurde: Dort lernt man etwa, dass Gervais großer Tierschützer ist. Und dass er sehr genau weiß, wie Komik und Tragik funktioniert und haarklein erklären kann, warum man zum Beispiel GERADE über Randgruppen Witze machen sollte. Gervais‘ neue Serie „After Life“,  ist ein neuer Höhepunkt von Gervais‘ tragischerer Seite.

Tony ist Lokaljournalist in einem britischen Küstenkaff. Seine Frau ist gerade an Krebs gestorben und er plötzlich mit ihrem Hund allein. Er sieht keinen Sinn mehr in seinem eigenen Leben. Freunden, Vorgesetzten und Kollegen erzählt er täglich, dass er an Suizid denke und erpresst sich so einen Freifahrtsschein dafür, ein Arschloch zu sein: Egal, wie er sich verhalten wird –kündigen wird ihm sein Chef garantiert nicht, um am Ende bloß keine Schuld an dessen Tod zu tragen. Tony tobt sich aus: Er beleidigt Passanten und Kollegen, säuft, probiert Drogen aus – und sieht sich immer wieder das berührende Video an, das seine Frau kurz vor ihrem Tod für ihn aufnahm. Darin erklärt sie ihm Lappalien wie Haushaltsführung, warnt ihn aber auch vor genau dem Lebensstil, in den er gerade verfällt.

Ein Komiker hält inne

Ohne derbe Sprüche und Komik kommen auch die sechs Folgen á 25 Minuten der ersten Staffel „After Life“ nicht aus. Die Beleidigungen etwa, die Tony seinen Kollegen um die Ohren haut (und die sie dummerweise sehr gelassen hinnehmen), könnten so auch in „The Office“ gefallen sein. Richtig lustig wird es, wenn sie die vermeintlich armen Seelen besuchen, die glauben, ihre Geschichte gehöre in die Lokalzeitung – und aus Mangel an wirklichen Storys dort auch landen: Einer, der Kenneth Brannagh in einer feuchten Wandfleck erkennen will. Eine Familie, deren Kind angeblich wie Hitler aussieht. Ein Junge, der mit seiner Nase zwei Blockflöten gleichzeitig spielen kann. Sie alle wollen, obwohl die Serie in der Gegenwart spielt und Twitter genannt wird, von der Presse und dadurch von ihrem indirekteren Umfeld wahrgenommen werden. Wie so viele Menschen nicht oder zu wenig wahrgenommen werden. Auch die Prostituierte oder der Junkie: Beide repräsentieren (selbstgewählte) Schicksale, vor denen man im Alltag die Augen verschließt – Gervais öffnet sie seinem Tony zögernd und damit auch dem Zuschauer.

So ist auch „After Life“ zu verstehen: Gervais hält hier eine Ode an die (Nächsten-)Liebe. Erzählt von Trauerbewältigung. Und davon, dass der Sinn im Leben und Arbeiten wohl wirklich nur im Erkennen der kleinen Dinge und des Zwischenmenschlichen zu finden sein kann. Zumindest für Gervais‘ Verhältnisse gerät „After Life“ stellenweise ein bisschen zu cheesy, das Ende zu happy – aber wie gut das gleichzeitig auch mal tut. Dass einer, der Provokation, Ironie, Zynismus und politischer Inkorrektheit stets ins Zentrum seines Schaffens stellt, auch mal inne und seine Klappe halten kann und sich auf das besinnt, was wirklich wichtig ist. Aber eben nicht immer witzig.

„After Life“ von und mit Ricky Gervais (Idee, Drehbuch, Regie, Produktion, Hauptrolle), seit 8. März auf Netflix im Stream verfügbar.

Dieser Text erschien zuerst am 10. März 2019 auf musikexpress.de.

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