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„Wir bauen kein Fernsehen nach“

9. April 2012 | Von |

Aus der zitty-Serie „Berliner Internet-Start-ups“, Folge 9: Wie Tweek Fernsehen wieder zum Erlebnis machen will

Die Gründer von Tweek.tv: Koerbitz, Hartl, Düe (v.l.)

Das Fernsehen hat Marcel Düe irgendwann nur noch gelangweilt. Seit ein paar Jahren, seit der rasenden Verbreitung von Breitbandinternet, Social Media und Tablet-Computern, frustriert es ihn, sich nach der Arbeit in der einzigen Hoffnung auf die Couch zu knallen und die Glotze anzuschalten, irgendein Programm zu finden, das ihm gefällt. Wäre doch toll, dachte Düe, wenn Fernsehen wieder ein Erlebnis werden würde. Wenn er als Zuschauer das „Was“, „Wann“ und „Wo“ selber so bestimmen und sich Tipps von Freunden holen könnte, wie es Anbieter wie Spotify und Last.fm für das Radio längst vorgemacht hatten. Fertig war die Geschäftsidee, aufgrund derer Düe gemeinsam mit Klaus Hartl und Sven Koerbitz vor rund einem Jahr Tweek gründete.

Tweek.tv will kein eigener Online-Sender werden. „Wir bauen kein Fernsehen nach, wir verhandeln keine eigenen Lizenzen“, sagt der 31-jährige Düe heute im Tweek-Quartier, einem verglasten Erdgeschoss-Büroraum in einem Hinterhof in der Münzstraße in Mitte. Das heißt konkret: Tweek.tv hostet keine eigenen Inhalte, es bündelt das Angebot der kostenpflichtigen Video-On-Demand-Anbieter iTunes, Amazon VoD, Netflix, Lovefilm, Crackle und Vudu unter einem Dach und verrät, welche Filme meinen Freunden gefallen – der Login funktioniert ausschließlich über den eigenen Facebook-Account. So sieht der Nutzer auf Tweek.tv zwar, welche seiner digitalen Bekanntschaften „The Big Lebowski“ mögen oder „Dr. House“ gesehen haben und erfährt, wo er sich diese Empfehlungen zu welchem Preis anschauen kann. Beliebte US-amerikanische Serien etwa werden aber vor ihrer deutschen Erstausstrahlung auch bei Tweek nicht zu finden sein. Düe, der seit zehn Jahren in der Berliner Internetbranche, zuletzt als Plattformmanager bei einem Mobilfunkunternehmen, arbeitet, ist dennoch optimistisch: „Ich lehne mich zurück und entdecke für mich spannende Inhalte – zusammengestellt von Kuratoren, deren Interessen und Geschmack ich teile. Das können Freunde, Celebrities oder andere interessante Menschen sein“, so sein Szenario.

Tweek.tv befindet sich noch in der geschlossenen Beta-Phase und wird vorerst nur auf dem iPad funktionieren, ein Launchtermin steht noch nicht fest. Auch andere Anbieter machen sich in ihren Sparten auf, Fernsehen einem veränderten Nutzerverhalten anzupassen, tape.tv oder TunedIn, zum Beispiel. Grund zur Eile sieht Düe nicht und versucht, den Erfolg realistisch einzuschätzen: „Fernsehen ist stark habitualisiert. Das wird noch dauern, bis wir oder irgendwer den Service hin bekommt, der so richtig cool ist. Das ist aktuell noch kein Rennen gegen die Zeit.“

(erschienen in: zitty, 5/2012, S. 63)

Update: Tweek.tv launchte seine iPad-App am 19. März 2012

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