Listenwahn: Meine Lieblingsalben des Jahres 2025

5. Januar 2026 | 0 Kommentare

Mit Sam Fender, Rosalía, Ecca Vandal und Spanish Love Songs: Welche Alben und Songs ich 2025 besonders gerne gehört habe.

Wenn ich mich einer Sache seit Jahr und Tag aufrichtig verpflichtet fühle, dann ist es die der liebgewonnenen Tradition des Jahresrückblicks. Dieses Blog mag über Jahre hinweg noch so brach gelegen haben – für einen Post über meine Lieblingsalben des abgelaufenen Popjahres fand ich noch immer Zeit und Muße. Nimm das hier, Internet:

Mit dieser Tradition möchte ich auch für das Jahr 2025 nicht brechen.

Für das Jahresrückblicks-Special des MUSIKEXPRESS blickte ich in dessen Ausgabe 01/2026 bereits ausführlich auf das seltsam goldene Popjahr 2025 zurück, in dem ich den Aufmacher-Text zum Thema schrieb, mich Erscheinungen wie Labubus und den neuen Zartmännern widmete und für die demokratisch erstellte Liste der „50 besten Platten 2025“ eine eigene, sehr subjektive Liste mit 20 von mir besonders gern gehörten Alben einreichte.

Da im Magazin aber nur die Top 5 abgedruckt wurden und da der Redaktionsschluss bereits Ende Oktober lag, haue ich hier meine milde aktualisierte Longlist raus. Rosalías LUX etwa war damals noch nicht erschienen, viele andere Neuerscheinungen hatte ich schlichtweg nicht gehört (und habe es teilweise bis heute nicht). Die Reihenfolge spielt spätestens nach Platz 5 übrigens auch keine aussagekräftige Rolle mehr.

25 Alben, die ich im Jahr 2025 gern gehört habe

 

1. Sam Fender – People Watching

Der Titeltrack! Dessen Video mit dem genialen Andrew Scott („Sherlock“, „Fleabag“, „All Of Us Strangers“, „Ripley“, „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery), auf den ich einen derben Crush hätte, wenn ich denn auf Männer stünde! Die Gesamtästhetik der Launch-Kampagne! Die (naheliegende) Produktion von Adam Granduciel (The War On Drugs)! Die Feature-Gäste von Craig Finn (The Hold Steady) über Olivia Dean („Rein Me In“) bis Elton Fucking John (auf dem Deluxe-Edition-Track „Talk To You“! Seine ausladende Liveband!

Sam Fenders drittes Album kam zwar weniger rough und hymnisch als seine hervorragenden Vorgänger „Seventeen Going Under“ und „Hypersonic Missiles“ daher. Seinen Ruf als The Boss Of Newcastle, also britischer Erbe von Bruce Springsteen, konnte der preisgekrönte Geordie mit „People Watching“  trotzdem halten. Und habe ich schon erzählt, dass ich mit Fender am Schlesischen Tor in Kreuzberg mal Döner essen war?

 

2. Ben Kweller – Cover The Mirrors

Wie hart ich sein vor 25 Jahren erschienenes, gut gelauntes Lofi-Slacker-Debüt „Sha Sha“ gefeiert habe: „I am wasted but I’m ready“ skandierte der strubbelige, gerade von Texas nach New York gezogene und dort von Evan Dando mit auf Lemonheads-Tour genommene Songwriter, Ex-Sänger und -Gitarrist von Radish, der acht Tage jünger als ich ist und wir beide damals 21. Schon damals hielt er, inmitten dieser Sturm-und-Drang-Phase, mit „In Other Words“ und „Falling“ Klavierballaden in der Hinterhand, aus denen andere mit größerem Produktions- und Marketingbudget waschechte Hits gemacht hätten.

Seitdem ist viel passiert: Ben Kweller gründete eine Familie und mit dem von mir noch höher verehrten Ben Folds und mit Ben Lee die On-Off-Supergroup The Bens, veröffentlichte eine Handvoll weiterer Soloalben – und verlor 2023 seinen 16-jährigen Sohn Dorian, der durch einen Autounfall starb.

Sein siebtes Soloalbum „Cover The Mirrors“ widmet Kweller ihm, ganz explizit sogar im Song „Oh Dorian“ feat. MJ Lenderman. Beeindruckend, wie er noch immer unaufgeregte Kleinode wie „Dollar Store“ feat. Waxahatchee aus dem Ärmel schütteln kann – und wie ihm der künstlerische Umgang mit einem Verlust gelingt, den niemand jemals am eigenen Leib erfahren möchte. Ein Verlust übrigens, wie er Nick Cave innerhalb von sieben Jahren gleich zweimal widerfuhr.

 

3. Bon Iver – sable, fable

Der vorab als EP veröffentlichte SABLE-Teil von Justin Vernons fünftem Bon-Iver-Album deutete eine Rückkehr zum intimen Indiefolk seiner frühen Tage an. Allein diese Bonnie-Prince-Billy-Optik! Auf diesen Prolog aber folgte mit fABLE ein neues Kapitel seiner Reise: Mit ausladendem Instrumentarium und ausgewählten Gästen wie Danielle Haim fand der Lieblingssongwriter anderer Songwriter sechs Jahre nach I, I zu einem noch einladenderen Sound zwischen Contemporary R’n’B, Pop, Soul, dezenter Folktronica, PR-Fotos in Lachsfarbe – und einen neuen, glücklicheren Menschen in sich selbst. Gönnt Euch und ihm.

 

4. Florence And The Machine – Everybody Scream

Nicht himmlisch, aber hymnisch: Ausgehend vom Grauen einer lebensgefährlichen Not-OP infolge einer Eileiter-Schwangerschaft, vergrub sich Florence Welch in britischem Folk-Horror und Hexen-Mythen und stieg an Halloween mit EVERYBODY SCREAM empor. „Mein bisher düsterstes Selbstporträt“, sagt die Ausnahme-Künstlerin. Geschrieben mit Idles-Gitarrist Mark Bowen, co-produziert von The Nationals Aaron Dessner. „Swans vs Adele“ stand auf einer Studio-Notiz, die sie im Vorfeld auf Instagram teilte. Ziel erreicht: Opereske Popmomente durchfunkeln ein Schlachtfeld aus Postrock, Pauken und Mittelalterchören. Mit dem fanalen „One Of The Greats“ als weiterer Höhepunkt Welchs weiblicher Selbstbestimmung in einer Männerwelt.

 

5. Rosalía – Lux

Die floskelige Redewendung „Ich verstehe nur spanisch“ ist hier keine. Auf ihrem vierten Album „Lux“ singt die katalanische Künstlerin Rosalía einmal mehr zu großen Teilen in ihrer Muttersprache – und vermag es gleichzeitig, Klassik und (Art-)Pop derart betörend zu vereinen, wie es für einen Klassikbanausen wie mich zuletzt Harfenspielerin Joana Newsom mit „Ys.“ tat. Die referenzmächtige Leadsingle „Berghain“ feat. Björk, Yves Tumor und den deutschsprachigen Textzeilen mutierte zum Schmelztiegel von Rosalias kontemporären und göttlichen Einflüssen. Aber auch ähnlich erhabene Songs wie „La Perla“ und „Reliquia“ bestätigten die Erkenntnis: Zum Erkennen großer Kunst braucht es kein rationales Verstehen, sondern ein subjektives Fühlen.

Mit „Lux“ ist Rosalia, die einst Flamenco mit HipHop und Latin Pop vermengte, trotz oder wegen ihrer Distanz zu erwartbarem Mainstream, in doppelter Hinsicht der größtmögliche Durchbruch gelungen: Das im November erschienene Album landete in etlichen Bestenlisten des Jahres 2025 – mindestens aber in all den Musikmagazinen, deren Jahresrückblicks-Ausgabe nicht schon vorher Redaktionsschluss hatte – auf dem Treppchen. Und die vielfach dekorierte Rosalía gehört mit „Lux“ als Rekordhalterin für die weltweit meisten Spotify-Streams einer spanischsprachigen Künstlerin an nur einem Tag nun in puncto Erfolg und Reichweite endgültig in eine Liga mit Latin-Superstar Bad Bunny.

Auf den weiteren Plätzen:

6. Beirut – A Study Of Losses

7. Ways Away – I’m Not You

8. Drangsal – Aus keiner meiner Brücken die in Asche liegen ist je ein Phönix emporgestiegen

9. Die Höchste Eisenbahn – Wenn wir uns wiedersehen schreien wir uns an

10 Little Simz – Lotus

11. Blood Orange – Essex Honey

12. Deftones – private music

13. Rise Against – Ricochet

14. Tocotronic – Golden Years

15. Ikkimel – Fotze

16. Turbostaat – Alter Zorn

17. Press Club – To All The Ones That I Love

18. Haim – I quit

19. Biffy Clyro – Futique

20. Herrenmagazin – Du hast hier nichts verloren

21. Lorde – Virgin

22. Fuffifuffzich – Feel zu spät

23. Coheed & Cambria – Vaxis – Act III: The Father of Make Believe

24. Big Thief – Double Infinity

25. Mumford & Sons – Rushmere

Die neuen Platten von Last Dinner Party, Suede, Pulp, Manic Street Preachers, Lady Gaga, Matt Berninger oder FKA Twigs gehörten gewiss auch in so eine Liste, vielleicht sogar Taylor Swifts „Life Of A Showgirl“ – hätte ich sie mir ausreichend warm gehört. Auch Turnstile könnten mir gefallen, mutmaße ich.

Das Album, das ich 2025 öfter als andere anderen hörte

Das Album, das ich laut Statistik des Streamingdienstes meines Vertrauens (es ist nicht Spotify) übrigens mit Abstand am meisten gehört habe, taucht in dieser Liste gar nicht auf. Es heißt „Brave Faces Everyone“, erschien bereits 2020 und stammt von der Punkrock-Emo-Poppunk-Band Spanish Love Songs aus Los Angeles.

Ich hatte sie auf eine herzliche Empfehlung hin erst fünf Jahre danach entdeckt, aber Zeit spielte in dem Falle zum Glück so gar keine Rolle: Eigentlich beschwingte „Fuck You, Ihr könnt mich alle mal, und ich mich selbst manchmal auch“-Herzschmerz-Hymnen wie „Routine Pain“ und „Self-Destruction (As A Sensible Career Choice)“ holten mich genau dort ab, wo ich mich in schwachen Momenten ohnehin seit über 20 Jahren immer mal wiederfinde – in den späten Neunzigern und frühen Nullern, irgendwo zwischen Taking Back Sunday, Samiam, The Get Up Kids, Jimmy Eat World, Rival Schools, Piebald und The Weakerthans, später auch Against Me!, The Gaslight Anthem und The Menzingers. And I’m still loving it, this bittersweetness.

Was oder wer 2025 auch gut war: Linkin Park, „Golden“, Jassin, Ecca Vandal

Honorable mention auch für das Comeback von Linkin Park, das aber schon Ende 2024 erschien, für den „Wicked“-Soundtrack und, natürlich, den Soundtrack von Netflix‘ „K-Pop Demon Hunters“ inklusive Familien-Ohrwurm-Banger „Golden“. Siehe Jahresrückblickstext!

Dieser Song von Jassin hat mir ebenfalls sehr gut gefallen:

 

Der allergrößte Kracher 2025 aber war der hier von Ecca Vandal – und bildet deshalb einen würdigen Abschluss dieses Best-Of-Posts:

Playlist: „2025: No spanish love songs“

Coming soon: Serien, die ich 2025 gerne sah. Und Podcasts, die ich 2025 gerne hörte.

(Foto von Sam Fender: Mac Scott / Universal)

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