Des Wahnsinns treue Meute

15. Juli 2026 | 0 Kommentare

Polit-Pogo: Mit einem raren Auftritt der armenisch-kalifornischen Metal-Band System of a Down stieg am Mittwoch, 8. Juli 2026, eines der Gitarren-Highlights des Berliner Konzertsommers. Und das fühlte sich dank der Vorbands sogar wie ein Mini-Rockfestival an – nur leider ohne Zugabe.

Ein langer Nachmittag, drei Comebacks: Die in der Szene legendäre, 2024 nach 27 Jahren wiedervereinte Sludge-Metal-Band Acid Bath begeistert als Opener um 17.30 Uhr ein paar Hundert Eingeschworene. Über den abgehangenen Stonerrock mit Hüftschwungfaktor der Queens of the Stone Age, die auf richtigen Festivals selbst ein würdiger Headliner sind, freuen sich bereits Tausende – besonders deshalb, weil die nach einer eigentlich überstandenen Krebserkrankung ihres Frontmanns Josh Homme wegen einer Not-OP ihre Tour 2024 abbrechen mussten und weil ein geplantes Akustikkonzert im Theater des Westens im Oktober 2025 aus anderen Gründen abgesagt wurde. Fans spekulieren zudem auf ein neues Album. Das Gros der über 70.000 Anwesenden will heute aber eine Band sehen, deren jüngster Deutschland-Auftritt bereits neun Jahre zurückliegt.

Die Gewitterwarnung kommt, anders als bei den Foo Fighters vor einer Woche, von der Bühne – und im nächsten Moment ist es für jede Rettung bereits zu spät: Es dauert keine zwei Minuten, bis John Dolmayan, seines Zeichens Schlagzeuger bei der armenisch-amerikanischen Metal-Rock-Band System of a Down aus Kalifornien, unter der strahlenden Berliner Abendsonne, die durchs Marathontor auf die Tribünen des ausverkauften Olympiastadions scheint, seine ersten Doublebass-Donnerschläge ins Publikum feuert.

Da ist es 20.07 Uhr. Eine Stunde und 35 Minuten später kulminiert dieses musikgewordene Unwetter unter „Disorder!“-Schlachtrufen zu windhosenähnlichen Circle Pits und Bengalos. Und auch bei ein paar anderen der 30 Songs in der Zwischenzeit könnte man anhand der tobenden Menge meinen, man erlebte hier die Band der Stunde. Dabei ist ihr bisher letztes Album 21 Jahre alt.

System of a Down: Seit über 20 Jahren kein neues Album

System of a Down galten zum Jahrtausendwechsel als unwahrscheinliche Nutznießer des Nu-Metal-Hypes: Während andere wie Limp Bizkits Fred Durst mit Sex, Partys und Kohle protzten, sangen sie in scheinbar schiefen Harmonien und in einem bis dato so unerhörten wie kompromisslosen Clash aus Alternative Metal, Crossover und armenischer Folklore über den Genozid am Volk ihrer Familien, Kriegsverbrechen, Kindersoldaten und Charles Manson – Themen, zu denen sich eigentlich nicht leichtfertig die Fäuste recken lassen.

Ihr 2001 erschienenes zweites Album „Toxicity“, produziert vom legendären Rick Rubin, gilt bis heute als eines der prägendsten Metal-Alben des 21. Jahrhunderts. Es folgten drei weitere Platten, ein Grammy-Gewinn und eine bis auf sporadische Konzerte oder Tourneen wie die jetzige anhaltende Auszeit – mit Ausnahme von zwei Songs im Jahr 2020 haben sie seit „Hypnotize“ keine neue Musik herausgebracht.

Als Grund nannten ihre Mitglieder immer wieder mal künstlerische, organisatorische und politische Meinungsverschiedenheiten, die aber nichts an ihrer grundsätzlichen Freundschaft änderten. Dolmayan etwa ist, anders als der regierungskritische, linksliberale Aktivist, Ausnahmesänger und Songwriter Serj Tankian (ihre Ehefrauen sind übrigens Schwestern), seit Jahren bekennender Trump-Supporter. Heute Abend trommelt er in ärmellosem Shirt mit Bundesadler-Aufdruck und lässt seine Tochter zu „Radio/Video“ die Rassel schlagen.

Dem überwiegend in schwarzen Bandshirts gekleideten Publikum, darunter naturgemäß fast ausnahmslos Fans der ersten Stunden, scheint der Mangel an neuen Lieblingsliedern herzlich egal – sie haben ja die alten. „Aerials“, „B.Y.O.B.“, „Prison Song“, „Forest“ oder „Lost In Hollywood“ zum Beispiel. Ihren größten Rockdiscohit „Chop Suey!“ hauen SOAD nach einer Stunde raus, 70.000 Kehlen grölen so manische Zeilen wie „I don’t think you trust in my self-righteous suicide, I cry when angels deserve to die“ voller Inbrunst mit.

Der sonst so dadaeske Tankian, der neben traditionellem armenischen Gesang Frank Zappa, die Beatles und Mike Patton als seine größten Einflüsse nennt und auf Platte stets so voller Wahnsinn singt, schreit und growlt, als habe er eine Opern-Ausbildung abgebrochen, weil er das Haus lieber mit einer Abrissbirne zum Einsturz brachte, spielt Midi-Keyboard und Synthesizer, hebt bisweilen seine Hand wie ein Prediger – und überlässt aber jedwede Ansagen dem zweiten Sänger, Gitarristen und Co-Songwriter Daron Malakian.

Ausnahmesänger und Dada-Metal-Prediger: Serj Tankian. (Foto: Clemente Ruiz)<br />

Circle Pits und keine Zugabe

Der sieht mit Hut und Kajal aus wie Diedeldum oder Diedeldei aus „Alice im Wunderland“ (1951) im Robert-Smith-Kostüm – oder wie eine Tante, die mit ihren zu gruseligen Gute-Nacht-Geschichten Kinder verschreckt. Bassist Shavo Odadjian wiederum gibt in Shorts, Unterhemd, gelben Socken und mit stechendem Blick alles, nur seinen Trademark-Ziegenzwirbelbart aus den 90ern noch immer nicht her. Fun Fact: Seine Plektren hat er für den Berliner Auftritt mit David Hasselhoffs Konterfei bedrucken lassen.

Nach „Toxicity“, ihrem anderen großen und hier und jetzt noch melodischer gespielten Rockdisco-Überhit, domptiert Malakian die längst in Dutzenden Kreisen Pogo tanzende Meute mit „Round and Round“-Aufforderungen in ihr letztes Rund: Im stolpernden 4/4-Takt mit typisch synkopierten Riffs spielen sie „Sugar“ vom Debüt mit der surrealen Kultzeile „The kombucha mushroom people, sitting around all day …“. Hier sitzt niemand. Der Abgang ohne Zugabe um 21:50 Uhr erschien dennoch arg plötzlich und trotz demonstrativer Umarmungen zwischen den Bandmitgliedern wie Soll-Erfüllung. Auch das war bei der Show der Foo Fighters mit dreistündigem Set und Feuerwerkfinale anders.

Dieser Nachbericht über das Berlin-Konzert von System of a Down erschien am 9. Juli 2026 auf maz-online.de sowie am 10. Juli 2026 in der gedruckten Märkischen Allgemeinen Zeitung.

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