Grim104 im Interview: „Ich kann und will nirgends mitspielen“

9. April 2026 | 0 Kommentare

Grim104 wuchs in Friesland auf. Als Rapper groß wurde er in Berlin. Auf seinem neuen Soloalbum rechnet der Zugezogen-Maskulin-MC mit beiden Welten ab. Ein Themeninterview für den „Musikexpress“ über Klootschießen, Hausverbote, Klaus & Klaus, die AfD und den Begriff der Heimat. Hier als Langversion.

Moritz, nach Hendrik Bolz’ Ausstieg wegen anderer Podcasts und Projekte sprechen nun Du und Alex Barbian im Podcast „Zum Dorfkrug“ mit kreativen Persönlichkeiten über ihre Herkunft. Was hast Du dadurch gelernt?

Grim104: Sie alle eint, dass sie für ihre künstlerische Karriere ihr Dorf verlassen wollten, aber auch mussten. Oft schlägt ihr Herz noch immer dörflich. Andere wollen dort nie mehr einen Fuß reinsetzen. Jennifer Weist zum Beispiel. Bei mir ist das anders. Ich will nicht, dass in Zetel alles abbrennt. Ich verkläre mein dortiges Großwerden aber auch nicht als schönste Zeit, in der wir über die Felder rannten und Bretterburgen im Wald bauten.

Deine ersten vier Lebensjahre hast Du in Krefeld verbracht.

Ich habe kaum Erinnerungen daran. Wir wohnten in der Philadelphia-Straße. Es gab einen Supermarkt namens „Schätzlein“. Wenn ich heute im benachbarten Düsseldorf bin, merke ich: ‚Mensch, hier müsste ich eigentlich hin. Hier geht mir das Herz auf.‘

Der Heimatbegriff zieht sich als Kernthema durch Dein neues Album NO COUNTRY FOR OLD GRIM.

Ich saß immer und überall schon zwischen den Stühlen. Jetzt fragte ich mich: Wo gehöre ich hin? Auf dem Dorf bemerke ich meine Fremdheit. Das ach so hippe und moderne Großstadtleben ist auch nicht meines.

Woran machst Du das fest?

In Bars und Restaurants beschleicht mich noch immer das Gefühl, die Leute sähen mir meine konventionelle Herkunft an der Nasenspitze an. Als ich vor ein paar Jahren aber mit meiner heute vierjährigen Tochter brötchenholend durchs Dorf radelte, auf einem Schrottrad und in Jogginghose, fühlte ich mich dort mit diesem Berlin-Style genau so fremd. Ich kann und will nirgends mitspielen.

Du hast länger im Stadtteil Wedding gewohnt.

Ich mochte es dort. So schön trist. Aber keine objektive geile Gegend. Wenn ich heute mal wieder am Leopoldplatz bin und die Cracksüchtigen sehe, denke ich: Gott, ist das elendig geworden. Selbst da bin ich fremd geworden.

Woran denkst Du beim Begriff „Provinz“ zuerst?

Zuerst denke ich an die dumme Indie-Band gleichen Namens! Danach nicht an ein Dorf. Diesem leicht magischen, von der Welt vergessenen Zauber von wirklich kargen Dörfern mit leerstehenden Autohäusern am Rande der B96 Richtung Ostsee kann ich mich manchmal nicht entziehen. Bei Provinz denke ich nicht an Verfallenes, Gottverlassenes. Sondern an Küchenhäuser. An die kleine Fußgängerzone in der nächsten größeren Stadt. Es riecht nach Duschgel. Der Rasen ist giftig grün. An gepflegtes Mittelmaß.

Hattest Du eine gute Kindheit?

Ja. Wegen des Mangels an einschneidenden, meine Persönlichkeit zum Nachteil formenden Erlebnissen und Situationen.

In Eurem Podcast sagt Autor und Musiker Thorsten Nagelschmidt, dass es sich nur so lange schicke, über Leute und Orte zu lästern, wie man selbst noch dort lebt. Mit Abstand, zumal aus Berlin, nicht mehr. Mit Deiner Single „Nie so cool“ machst Du das Gegenteil und rappst: „Ich werde bis ans Ende aller Tage cooler als ihr sein“. Ironie oder Wahrheit?

Zu 100 Prozent Wahrheit! Viele meiner alten Klassenkameraden mutierten zu Kindergreisen. Tragen beige, Karos und kurzärmelige Maschinenbaustudenten-Shirts.  Daneben fühle ich mich schon mit bunten Turnschuhen wie eine Drag Queen, wenn ich bunte Turnschuhe trage. Die denken wahrscheinlich auch nicht so viel über mich nach, wie ich es über sie tat. Der Eindruck einer Generalabrechnung verstärkt sich aber durch das Musikvideo zum Song, das so nicht beabsichtigt war. Das Publikum hätte mich ja auch auf Händen tragen können!

Die Geschichte des Clips: 2005 wurde Dir Hausverbot auf dem Volksfest „Zeteler Markt“ erteilt, weil Du Sekt und Wein geklaut hast. 20 Jahre später kehrst Du zurück, trittst in einem Festzelt auf – und wirst ausgebuht.

Eigentlich waren es zwei Flaschen Saurer Apfel von Berentzen. Ganz feines Zeug! Ich wollte, dass mein Livebesuch und unser Mitschnitt „Stromberg“-Vibes versprüht. Ich dachte, die jungen Leute kennen vielleicht Rap. Aber weder sie, der Techniker oder der Lokal-DJ brachten mir Liebe entgegen. Es ist ein Unterschied, wenn man selbst der Ernie ist, für den sich alle fremdschämen.

Pflegst Du noch Kontakt zu alten Freunden? Wie finden die Deine Rap-Karriere?

Die meisten finden cool, was ich mache. Niemand fühlt sich von „Nie so cool“ beleidigt, weil sie wissen, dass sie nicht gemeint sind und abstrahieren können. Allerdings habe ich auch einen kritischen Wert überschritten. Als es mit Zugezogen Maskulin richtig durch die Decke ging – Auftritte auf dem Deichbrand, bei Joko und Klaas, ausverkaufte Tour – hatte das noch eine andere Größe. Jetzt ist es einfach ein Job mit Öffentlichkeit. Und ehrlich gesagt: Die Leute, die bei der Marine oder bei Airbus als Zerspaner arbeiten, verdienen deutlich besser als ich. Das Finanzamt bleibt mein Angstgegner. Das wirkt in meinem Alter nicht mehr so sexy.

In Deinem Track „Zum Griechen“ rappen Mehnersmoos über das Phänomen, seit Jahren über das Gleiche mit den Gleichen zu reden. Spricht daraus Verachtung oder Verwunderung?

Gerade in großstädtischen Kulturindustrie-Zusammenhängen steckt ein unglaublicher Kraftaufwand dahinter, zwei Leute an einen gemeinsamen Ort zu bringen. Sich dagegen die ganze Zeit über den Weg zu laufen oder seine Freunde mindestens im Zwei-Wochen-Rhythmus sehen zu können, empfinde ich fast als romantisch.

Aussöhnung erschien mir trotzdem nicht als Dein Ziel beim Kirmes-Auftritt – und Zetel dürfte nicht derart stolz auf Dich sein wie es Aachen auf Danger Dan war, nachzuhören in seinem Song „Ingloria Victoria“.

Würde ich einen Hit wie er landen, auf den sich von SPD bis MLPD alle einigen können, würde sich das vielleicht ändern.

Danger Dan ging gegen einen Wikipedia-Eintrag vor, in dem sich sein Gymnasium mit ihm als „bekannter Schüler“ schmücken ließ. Du stehst in Zetels Eintrag immerhin unter „Personen in Verbindung mit Zetel“ – gleich unter einem gewissen Hans-Georg Bolken, „Der Bär von Ellens“, Europameister im Klootschießen. Bitte was?

Mit 14 fand ich das super uncool. Es ist immer sonntags. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Bei uns hieß das Boßeln. Es geht darum, eine Kugel nach Anlauf und Absprung möglichst weit zu werfen oder eine Straße entlang zu rollen. Je älter ich werde, desto versöhnlicher werde ich auch damit. Schade, wenn so weirdes Brauchtum, so Schönes und Regionales, ausstirbt. Warum habe ich das so gehasst? Wenn ich das jetzt sehe, geht mir das Herz auf. Ich denke mir: ‚Ach, meine norddeutschen Brüder und Schwestern, lasst es Euch gut gehen und ja, weiter so.‘

Klingt ein wenig nach Schützenfest, wo die Hauptmotivation im Saufen liegt.

Alkohol und Boßeln kann durchaus Hand in Hand gehen, sage ich mal. Alkohol und Fußball aber auch.

In unserer Rubrik „Blind Date“ zeigtest Du Dich mal neidisch auf die Neuversion von „Friesenjung“ von Joost und Ski Aggu mit Otto Waalkes.

Ich bin immer noch neidisch auf die Idee und den Erfolg! Ich wollte auch eine Version davon machen, so nach dem Motto „Jetzt kommt der echte Friesenjung“. Wäre leider zu unsympathisch gewesen. Dafür kann ich Dir mit Stolz das hier zeigen (hält einen niederländischen Pass in die Kamera). Meine Mutter ist Niederländerin. Ich spreche ganz wenig holländisch, die Sprache ist dem Plattdeutschen sehr ähnlich.

Und der Eurodance-Gabberpop in „Friesenjung“ kommt ebenda her. Ich habe einen anderen Sample-Vorschlag mit Lokalbezug zur Güte für Dich: „An der Nordseeküste“ von Klaus & Klaus aus dem Jahr 1985.

Oh, gute Idee! Die hatte ich noch nicht und das kenne ich trotz meines Alters sogar noch. Lief ständig auf irgendwelchen Kinderkarnevals-Umzügen in Norddeutschland.

Vielleicht macht der „kleine Klaus“, der sich auch mit seiner Band Torfrock und als Synchronsprecher von „Werner“ einen Namen machte, sogar mit. Zu dem Gute-Laune-Schunkelschlager wurde damals in Dorfzelten gerne Alkohol konsumiert. Die gängigen Provinz-Klischees lauten bis heute immer wieder: Saufen, Langeweile – und manchmal auch Gewalt. Würden betroffene Jugendliche aus Berlin nicht teilweise das gleiche antworten, trotz anderer Möglichkeiten?

Als ich ein Jugendlicher auf dem Dorf war, wurde das Thema Gewalt auch durch den Aufstieg von Gangster-Rap ein Ding. In Reportagen hieß es ständig: Wir haben halt Langeweile und hängen rum. Ich dachte: Stimmt, in Berlin hingegen ist doch immer was los. Aber ja, man kann sich hier trotzdem ganz doll langweilen. Auch wenn es mehr Discos gibt. Junge Leute haben eine Tendenz zum Scheißebauen. Das gehört zu einer Adoleszenz dazu. Die Vorstellung von einem enthemmten Dorfleben, in dem sich die Leute alkoholbedingt die ganze Zeit auf die Glocke hauen, entspricht ja auch nicht ständig der Wahrheit. Nur an hohen Feiertagen, beim Schützenfest oder dem Zeteler Markt. In Berlin gibt es mehr Gewalt, weil hier mehr Menschen eng auf eng aufeinander hocken. So entstehen soziale, politische oder religiöse Spannungen. Eine Mischung aus Gewalt, Alkohol und Langeweile kannst du überall haben.

Hast Du selbst Gewalterfahrungen gemacht? Dein Buddy Hendrik Bolz in Mecklenburg-Vorpommern ja ganz extrem, wie er beeindruckend in seinem Buch „Nullerjahre“ schildert.

Die Sprengkraft der Gewalt war eine andere. Die Alltäglichkeit ebenfalls. Das liegt aber auch daran, mit wem ich so abgehangen habe. Im Austeilen und Einstecken hätte ich bestimmt mehr Erfahrungen sammeln können. Aber dafür war ich zu feige. Es gab mir auch kein Adrenalin-Thrills. Wenn, dann habe ich eher auf die Fresse gekriegt. In unserer Kiffer-Clique hing ich dafür mit jemandem ab, der später nach Wilhelmshaven zog, sich einer Jugendgruppe anschloss und sie zu dritt bei einem Raubversuch einen Rollstuhlfahrer abgestochen haben. Jedes Jahr an Weihnachten und Ostern fahre ich mit dem Auto an dessen Haus vorbei und denke daran. Politische Gewalt in der Größenordnung, die Henrik erlebte, gab es Friesland zum Glück aber nicht.

„Provinz ist das Herzstück unserer Demokratie“ hörte ich neulich den Journalist Markus Feldenkirchen im Podcast „Apokalypse & Filterkaffee“ sagen. In Zetel ist mindestens in dieser Hinsicht die Welt noch in Ordnung. Nach den Kommunalwahlen 2021 blieb es eine SPD-Hochburg, die AfD war nicht vertreten. Wie wird das 2026 aussehen?

Die AfD macht ihre Arbeit dort leider sehr „gut“ mit ständigen Veranstaltungen. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Sichert wohnt in Zetel, hat ein Wahlkreisbüro in Wilhelmshaven. Beatrix von Storch ist geborene Herzogin von Oldenburg. Der Vater von Björn Höcke wurde im zehn Kilometer entfernten Westerstede. Mögen nur Zufälle sein, und 2021 war das auch noch ein anderer Schnack. 2026 aber sieht das anders aus. Auch dort ließ man Dinge schleifen. Gemeindeteile wurden nicht mehr mit dem Bus angefahren. Zeug, das für ein zunehmendes Unzufriedenheitsgefühl sorgt, obwohl Zetel weit davon entfernt ist, ein abgehängtes Dorf zu sein, wie einige in Brandenburg oder Sachsen-Anhalt. Der Vibe-Shift ist genereller. Obwohl die Gemeinden SPD-Hochburgen sind, erkenne ich zunehmend offene Rechtsradikalität in Aussagen von Bekannten oder ihrem WhatsApp-Status. Einer davon war mal ein Hip-Hop-Typ und ist es eigentlich immer noch. Selbst das schließt sich ofenbar nicht mehr aus.

Auch Ost oder West spielt längst keine Rolle mehr.

Damals ließ sich auch ein Reichsbürger in der Gegend nieder. Der hat ständig die Reichskriegsflagge gehisst, die wir regelmäßig beworfen haben. Es gab auch richtige Nazis. Zwei gefürchtete Brüder. Aber gleichzeitig Freaks, Aussätzige, die in meiner Erinnerung in der Hackordnung noch unter irgendwelchen Punkern gestanden haben. Die hatten nichts zu lachen, genossen keine breite bürgerliche Zustimmung, wie es die AfD heutzutage zunehmend tut.

Warum wolltest Du 2007 gerade nach Berlin ziehen?

Mich hat jemand mitgenommen. Für mich hätte es auch Oldenburg, Hamburg oder Bremen getan. Städte, die ich schon von meinen Sommerferien-Expeditionen mit dem Schülerferienticket kannte. Ich war Fan von Rap aus Berlin und hatte gehörig Respekt. Junge Männer mit einer Affinität zu Härte – das fand ich irgendwie geil. Mitte der Nuller war das die krasseste Stadt, in die man ziehen konnte. Heute ist sie es noch, wenn es um einen guten Match Latte geht. Mein erster Winter damals dort war eiskalt und düster. Die Stadt hat sich wirklich große Mühe gegeben, mich so auszuspucken wie viel zu viele andere Neuankömmlinge auch.

Deine Rap-Karriere hätte es in dem Fall nicht gegeben. Oder anders.

Vielleicht hätte sich in Hamburg auch etwas ergeben. Aber hier hat dann alles gut zusammengepasst. Allein die Voraussetzungen, die es damals auch so in der Form ja wirklich noch so gab! Günstige Studios und Leute, die überall Scheiß machen können, sich bei Freestyles ausprobieren. Ich verdanke dieser Stadt, zu der ich ein so ambivalentes Verhältnis habe, auch einfach wahnsinnig viel.

Würdest Du Deine vierjährige Tochter nicht trotzdem lieber auf dem Land großziehen, wo die „Welt noch in Ordnung“ und Familie in der Nähe ist? Oder in einem „Haus in Lübars“?

Die Nähe der Großeltern ist mir als Kunstfigur des düsteren Grafs zu profan – aber gleichzeitig ein Punkt. Sagen wir so: Sollte ich nach meinem „An der Nordseeküste“-Megahit ein paar Millionen Euro auf dem Konto haben und dadurch in andere Lebensrealitäten reinschnuppern können, würde ich mal für ein paar Monate hier, mal dort, mal ganz woanders wohnen. Aber das sind Tagträumereien. Ich habe mir hier eine Existenz aufgebaut, wenngleich eine gespenstische. Ich kann mir das nicht mehr anders vorstellen. Ich hätte gar keinen Bock mehr auf ein einfaches, gottgefälliges Landleben und würde das auch nicht mehr gut hinkriegen.

Wird es denn Neues von Zugezogen Maskulin geben und wenn ja, wann?

Noch gibt es nichts und auch keinerlei Planungen. Aber sag niemals nie. Sogar Oasis sind wieder back on track.

Und „Don’t Look Back in Anger“ ist ein schöner Songtitel für deine Grundattitüde.

Absolut. Und ein Motto, das ich mir nach „Nie so cool“ auf die Fahnen schreiben sollte.

Zumal Ihr beide nicht unausgelastet seid. Du drehst nicht Däumchen und wartest wie Liam darauf, dass Noel endlich „Let’s go again“ ruft.

Die Lebenssituation von Liam war ja auch vor der Reunion eine andere. Sein Überleben war auch so gesichert, er musste sich finanziell vermutlich keine Sorgen machen.

Grim104 wurde als Moritz Anton Wilken 1988 in Meerbusch am Niederrhein geboren und wuchs in der niedersächsischen Gemeinde Zetel in Friesland auf. 2007 zog er nach Berlin, lernte bei einem rap.de-Praktikum Hendrik „Testo“ Bolz kennen und gründete mit ihm Zugezogen Maskulin. Seit 2021 co-moderiert er den Interview-Podcast „Zum Dorfkrug“. Am 27. März ist mit NO COUNTRY FOR OLD GRIM sein fünftes Soloalbum erschienen.

Neues Album: „No Country For Old Grim“ von Grim 104 hier im Stream hören

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