Auf ihrer „Take Cover Tour“ machte die Band des früheren Nirvana-Mitglieds Dave Grohl am Mittwoch, den 1. Juli 2026, Station im Berliner Olympiastadion. Dabei zeigten die Könige des Stadionrocks, dass sie diesen Ruf immer noch verdienen – und auch nach dem Tod ihres Schlagzeugers in neuer Besetzung perfekt harmonieren. Mein Nachbericht für die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ).
Kaum zu glauben: Satte neun Jahre ist es her, dass die seit über drei Jahrzehnten präsenten Foo Fighters zuletzt in Berlin und Brandenburg gastierten. Damals trat die Band um Sänger, Gitarrist und Rampensau Dave Grohl als Headliner beim Lollapalooza Festival 2017 auf der Rennbahn Hoppegarten auf. Auch danach besuchten sie Deutschland, spielten auf Festivals wie Hurricane, Southside, Rock am Ring und Rock im Park sowie ein Konzert in Hamburg. So groß wie dieses im fast ausverkauften Olympiastadion vor über 70.000 Menschen aber war hierzulande noch keines.
Anlass ihrer aktuellen „Take Cover“-Tour durch Europa ist das im April veröffentlichte zwölfte Studioalbum „Your Favourite Toy“. Neu ist auch der Mann am Schlagzeug: Ilan Rubin (Nine Inch Nails, Angels & Airwaves u. a.) ersetzt neuerdings den 2022 verstorbenen und eigentlich unersetzbaren Taylor Hawkins. Darüber hinaus erschien vieles beim Alten und die Frage ist berechtigt: Können die Foo Fighters ihr Publikum und sich selbst noch begeistern? Spoiler: Ja, sie können.
Wie waren die Foo Fighters drauf?
Professionell gut gelaunt. Der halbtaube Punk- und Metalfan Grohl schreit derart laut ins Mikro, als wäre der Abend der letzte seiner Tour. Als würde er hier und jetzt alles geben – und das tut er schließlich auch.
Seine Fans, die er in jeder Ansage liebevoll „motherfuckers“ nennt, bittet er um Entschuldigung für den wegen einer Gewitterwarnung verspäteten Beginn. Er versichert unter zeitweiligem Nieselregen, dafür nun Song um Song um Song zu spielen, bis man seine Band aus dem Stadion werfe – und hält knapp drei Stunden und 26 Songs Wort. Gitarrist Pat Smear, der schon während Nirvanas legendärem „MTV Unplugged“-Auftritt an Grohls Seite saß, lächelt derweil so selig vor sich hin wie eh und je. Und Keyboarder Rami Jaffee erinnert zum Glück nur optisch an Michael Wendler.
Welche Songs standen auf der Setlist?
Das erste Drittel kommt arg routiniert daher. „All My Life“, „Pretender“, „Times Like These“, sogar ein frühes „My Hero“ – ein Alternative-Rock-Hit jagt in der Setlist den nächsten. Überraschungen: Fehlanzeige. Erst bei Grohls Solo-Akustikversion von „Under You“, einem Song des ersten nach Hawkins’ Tod aufgenommenen Albums „But Here We Are“, springt der Funke in einem echten, wirklich nahbaren Moment über.
Cool: Weil Grohl, der bei älteren Stücken gerne von „old school“ spricht, seine Mitstreiter über die Bands vorstellt, in denen sie vor den Foo Fighters spielten, hören wir wahrlich altes Zeug von Szenelieblingen wie No Use For A Name, Germs, Sunny Day Real Estate und The Wallflowers, nur nicht von Nirvana. Als Rubin an der Reihe war, wechselten er und sein neuer Vorgesetzter kurzerhand die Instrumente.
Wie ging es dem Publikum?
Allem Anschein nach ausnahmslos gut. Die meisten der Besuchenden dürften zwischen 35 und 60 gewesen sein und die Foo Fighters schon seit den Neunzigern gekannt haben. Dem „Dadrock“-Klischee entsprechend waren einige Elternteile mit ihren Kindern zugegen, trugen Shorts, Bandshirts und Caps und hatten eine gute Zeit. Die Abläufe funktionierten reibungslos, Grund zur Beschwerde schien es abgesehen von den aktuellen Bierpreisen keinen zu geben. Auch die Vorbands Fat Dog und Idles kamen an. Der „Ooh oh ooooh“-Mitsingpart aus „Best Of You“ hallt noch auf dem Heimweg unter Hunderten lange nach.
Was waren die besonderen Momente?
Die meisten Highlights gelten im Set der Foo Fighters schon im Vorfeld als ausgemacht und sind deswegen nur bedingt welche. Zu Hawkins’ Lebzeiten kamen noch die Einlagen von Queen-Covern wie „Another One Bites The Dust“ und „Under Pressure“ dazu. Heute widmet Grohl seinem „brother from another mother“, wie er das grinsende Getriebe seiner Band einst nannte, das beschwingt ausufernde „Aurora“ aus dem Jahr 1999.
Das für seine verstorbene Mutter geschriebene „The Teacher“ wiederum widmet Grohl heute seiner Familie, die wegen einer „außerhelichen Vaterschaft“ im vergangenen Jahr öfter in den Boulevard-Schlagzeilen stand, als allen Beteiligten lieb gewesen sein dürfte. Ihre unkaputtbare Überhymne „Everlong“ bildet das zwar wiederum erwartbare, aber würdige Finale – Feuerwerk inklusive.
Foo Fighters live in Berlin: das Fazit
Wer kann, der kann – auch im 31. Jahr ihres Bestehens: Die Foo Fighters sind und bleiben eine gut geölte Dampfmaschine. Ein Rock’n’Roll-Unternehmen, dem die Gratwanderung zwischen Funktionalität und Emotionalität anhaltend gelingt. Mit Nirvana schrieb Grohl Musikgeschichte, durch Kurt Cobains Suizid endete diese Ära jäh. Jetzt muss und soll die Show weitergehen. „Während mancher Konzerte denke ich ans Wäschewaschen am Tag danach oder an andere Belanglosigkeiten“, gibt Grohl angeblich zu, „aber jetzt gerade nicht. Jetzt denke ich, dass wir hier in Berlin vielleicht eines unserer besten Konzerte aller Zeiten zusammen feiern.“
Ein leichtfertig und übrigens so ähnlich schon öfter dahergesagtes Bekenntnis, dessen Wahrheitsgehalt nichts am Erlebnis im gemeinsamen Moment ändert. Mit seinem 1995 als Ein-Mann-Projekt gestarteten Grunge-Gegenentwurf hält er schließlich nicht nur sich selbst, sondern die Massen bei Laune, die sich zumindest in diesem Livesommer über einen Mangel an „guter alter Rockmusik“, die schon oft totgesagt wurde, nicht beschweren können: In der Vorwoche spielten Guns N’ Roses in der Uber Arena und Limp Bizkit in der Wuhlheide. Am Vorabend die Pixies in der Zitadelle Spandau. Nächste Woche die armenisch-amerikanischen Nu-Metal-Legenden System of a Down an derselben Stelle wie Grohl und seine fünf Freunde und Arbeitskollegen. Und die Foo Fighters, keine Frage: Auch sie kommen wieder, wie ihr Boss einst als Absicht erklärte, bis ans Ende ihrer Tage.
+++ Dieser Text erschien am 2. Juli 2026 auf maz-online.de sowie am 3. Juli 2026 in der gedruckten Märkischen Allgemeinen Zeitung +++




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