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„Wer wenn nicht wir“: Vesper vs. Ensslin vs. Baader

Die Männer hatten Schuld: Der Berlinale-Beitrag „Wer wenn nicht wir“ versucht sich an einer privatpolitischen Deutung von Gudrun Ensslins Wandel von der Studentin hin zur Terroristin – und gibt August Diehl und Alexander Fehling eine große Bühne.

Katzen passen nicht zu Menschen. Sie stammen aus dem Orient, sie sind die Juden des Tierreichs. So zumindest erklärt der völkische Dichter und ehemalige NS-Sympathisant Will Vesper seinem zehnjährigen Sohn Bernward, warum er dessen geliebtes, aber Vogelküken fressendes Haustier erschossen hat. Es ist auch Beginn und Schlüsselszene von „Wer wenn nicht wir“, der wahren Geschichte des späteren Vaters von Gudrun Ensslins Sohn.

Tübingen, 1961: An der Universität lernt der herangewachsene Bernward Vesper (August Diehl), heute ein belesener Student und feuriger Verehrer des Schriftstellers Hans Henny Jahnn, die Kommilitoninnen Dörte und Gudrun kennen. Er verguckt sich erst in die eine, gründet dann mit der anderen einen Buchverlag. Sie werden ein Paar, das keines ist: Immer wieder betrügt Vesper die junge Gudrun Ensslin (Lena Lauzemis) mit anderen Frauen, immer wieder kehrt sie zu ihm zurück. Weltpolitisch spitzt sich indes der Kalte Krieg zu: Die Amerikaner streuen Napalm über Vietnam, die Russen rüsten auf Kuba zum Atomschlag gegen die USA auf. Es muss mehr getan werden als nur Streitschriften publizieren, findet der aktivistische Neuling Andreas Baader (Alexander Fehling), und das gefällt auch Ensslin. Sie heiratet Vesper, bringt den gemeinsamen Sohn Felix zur Welt und sympathisiert doch längst mehr mit dem aggressiven wie tatkräftigen Baader. Also verlässt sie ihren Sohn und den immer noch mit Worten und der NS-Propaganda-Vergangenheit seines Vaters kämpfenden Vesper. Der zerbricht psychisch und finanziell zunehmend, während seine Frau 1968 erst Brandbomben in Kaufhäusern legt und dann zum größeren Schlag ausholen will. Der Rest ist Geschichte, die oft erzählte und nie abschließend aufgeklärte Geschichte des Deutschen Herbst.

Wer wenn nicht wir
Drei sind eben doch einer zuviel: Vesper (Diehl), Baader (Fehling) und Ensslin (Lauzemis)

„Wer wenn nicht wir“ basiert auf Gerd Koenens Biografie „Vesper, Ensslin, Baader“ und der 1977 veröffentlichten Roman-Autobiografie „Die Reise“ von Bernward Vesper selbst. Die schrieb er unter starkem Drogeneinfluss und am Rande der Verzweiflung, schließlich war er sich noch immer das Buch schuldig, das die Welt verändern sollte. Auf diesen Höhepunkt arbeitet nun, 34 Jahre später, auch Regisseur Andres Veiel in seinem Spielfilmdebüt hin, und er lässt sich Zeit dafür.

Die weltpolitischen Ereignisse werden als aus Medienberichten gesammeltes Originalmaterial eingespielt, im Mittelpunkt des Films aber steht die persönliche Familien- und Beziehungsgeschichte von einer persönlich verunsicherten Gudrun Ensslin auf der einen und einem politisch verunsicherten Bernward Vesper auf der anderen Seite. Die eine – und in dieser Emotionalisierung liegt ein möglicher Hauptvorwurf gegenüber dem Film – hat nur Pech mit Männern, gibt also scheinbar denen die Schuld und verbittet sich deshalb am Wendepunkt ihrer eigenen Radikalisierung jeglichen Rückzug ins Private; der andere weiß nicht, ob er zuerst den Glauben an die Liebe, an die friedliche Revolution oder an sich selbst verloren hat. Die tragischen Ereignisse enden trotz zeitlicher und szenischer Überschneidungen dort, wo „Der Baader Meinhof Komplex“ anfängt, und man sollte beide Real-Inszenierungen nicht ohne ihr direktes Gegenüber betrachten. „Wer wenn nicht wir“ ist kein Dokument deutscher Zeitgeschichte (denn das ist nur die Vorlage von Vesper selbst), sondern ein familienpolitisches Beziehungsdrama, das den Deutschen Herbst als ein Ende und nicht als den Anfang von etwas Neuem darstellt. Und das ist immerhin ein Ansatz, der August Diehl („Inglourious Basterds“, „Salt“, „Die Buddenbrocks“) erneut brillieren lässt, ohne Moritz Bleibtreu auskommt und dem Drama eine Wettbewerbsteilnahme bei der diesjährigen Berlinale bescherte. Dort feierte „Wer wenn nicht wir“ am Donnerstagabend Premiere.

Pre-RAF-Drama:

„Wer wenn nicht wir“
(Deutschland, 2011, 124 Minuten)
Regie: Andres Veiel
mit: August Diehl, Lena Lauzemis, Alexander Fehling, Thomas Thieme, Imogen Kogge, Michael Wittenborn, Susanne Lothar u.a.

seit 10. März 2011 im Kino

www.werwennnichtwir-film.de

(erschienen auf: BRASH.de, 17. Februar 2011)

Das Stottern des Königs

Über Sinn und Unsinn der britischen Monarchie, des Zweiten Weltkriegs und der Erfindung des Radios: Colin Firth als stotternder Tronfolger und Geoffrey Rush als Sprachlehrer glänzen im komischen Geschichtsdrama „The King’s Speech“.

Dieses verdammte Mikrofon. Steht da wie ein Mahnmal. Bewegt sich nicht. Starrt nur. Sagt nichts und schreit doch aus jeder Pore und Perspektive: „Benutze mich! Sprich mit mir! Komm schon, das bist Du Dir schuldig! Oder hast Du es nicht drauf?“ Wenn es noch länger ohne Input bleibt, dieses olle Stück Metall, dann wird es seinen stummen Sprecher fressen. Mit dieser vielsagenden Nahaufnahme dieses einen Mikrofons in der Sprechkabine des BBC, 1925 in London, fängt er an: „King‘s Speech“, der mit zwölf Oscarnominierungen bedachte Kinofilm von Tom Hooper. Dieses Mikrofon ist stellvertretend für jede Form von Öffentlichkeit der größte Feind von Albert, Herzog von York, und es ist Sinnbild eines fast zwei Stunden lang großartig unterhaltsamen Geschichtsdramas: Selten wurde der Aufstieg eines Königs persönlicher, nie wurde die Macht der Worte tragikomischer verfilmt.

Herzog Albert (Colin Firth) hat ein paar Probleme. Er ist der Sohn des sterbenskranken Königs George V. (Michael Gambon) und jüngere Bruder des irrlichternden Tronfolgers David, der Prince of Wales (Guy Pearce). Das Radio wurde gerade für Ansprachen entdeckt, sein Vater ist da Profi, nur: Albert stottert seit seiner Kindheit wie ein schrotter Ottomotor. „Vielleicht sollte er den Job wechseln“, kommentiert der Sprachlehrer Lionel Logue (genial: Geoffrey Rush) flapsig, als Alberts Ehefrau Elizabeth (Helena Bonham Carter) bei ihm Hilfe sucht. Da weiß Logue noch nicht, welch prominenten Patienten er da bald behandeln würde. Doch auch als der für seine Sprachprobleme längst bekannte Herzog Albert leibhaftig vor ihm sitzt, bemüht Logue sich nicht um Höflichkeiten, Ehrfurcht vor der Monarchie oder konventionelle Arbeitsweisen. „Rauchen entspannt den Rachen? So einen Unsinn erzählen nur Idioten“, beschimpft der stets schelmische Logue seinen paffenden Patienten, worauf Bertie, wie Logue Albert gegen dessen Willen nennt, sich erbrüstet: „Diese Herren wurden geadelt!“ Logues Antwort: „Bitte, dann ist ihre Idiotie ja amtlich!“

1936 stirbt der König. Alberts Bruder David, der Herzog von Windsor, gibt als König Edward VIII sein Amt nach nur zehn Monaten wieder auf, um die bürgerliche US-Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten. Bühne frei für Albert, den, der die Öffentlichkeit so scheuen muss. Der findet trotz Stolz und Streitereien nicht nur Gefallen an Logues Arbeit, sondern in ihm auch einen Freund. Fasziniert von Hitlers Rhetorik (seinen Töchtern Elisabeth und Margaret antwortet er einmal: „Ich weiß nicht was der Mann im Fernsehen da sagt, aber er macht es offenbar gut!“) macht er sich auf, nicht nur dem Nationalsozialismus, sondern zuerst sich selbst die Stirn zu bieten.

„The King‘s Speech – Die Rede des Königs“ bewegt sich elegant zwischen Buddymovie, Geschichtsdrama und Satire und fällt nie ins Extrem. Der Respekt vor den Figuren ist größer als der schnelle Gag. Vor dem historischen Hintergrund (Kirche vs. Staat, die britische Monarchie zwischen zwei Weltkriegen) liefern die weltpolitischen Geschehnisse lediglich den Rahmen für ein persönliches Drama, dessen Absurdität durch die schauspielerischen Glanzleistungen des kompletten Ensembles, allen voran Firth und Rush, die nicht minder faszinierende Kameraarbeit, das Setdesign, die Musik und besonders seinen Wahrheitsgehalt an ungeahnter Tiefe und Größe gewinnt: Ja, der Herzog von York aus der Familie Windsor hat tatsächlich gestottert. Er hat die Rede im Wembley-Stadion versemmelt, er hatte einen Sprachtrainer an seiner Seite, er wurde wegen Wallis Simpson Tronfolger seines Bruders, er führte sein Land durch den Zweiten Weltkrieg. Nur eine Anekdote ist nicht verbrieft: Logue, so heißt es, habe Albert weder als Herzog noch als King George VI gewiss niemals Bertie genannt. Die erhabene, rührende und unfassbar komische Erzählung wäre indes jeden Oscar wert.

Königliche Tragikomödie:
„The King’s Speech – Die Rede des Königs“
(Großbritannien, 2010)
Regie: Tom Hooper
mit: Colin Firth, Geoffrey Rush, Helena Bonham Carter, Guy Pearce u.a.

Kinostart: 17. Februar 2011

(erschienen auf BRASH.de, 17. Januar 2011)

Ein Indiana im Frühstücksfernsehen

Vom Abendprogramm ins Frühstücksfernsehen: Für die mediensatirische Liebeskomödie „Morning Glory“ wechselt Hollywoodstar Harrison Ford das Fach. Im Interview erklären er, Hauptdarstellerin Rachel McAdams und Regisseur Roger Michell den Spaß daran.

Popcornkino: Patrick Wilson, Rachel McAdams und Harrison Ford bei der Premiere in New York
Als Harrison Ford, der den Einspielergebnissen seiner 33 Filme zufolge einer der reichsten Schauspieler der Welt sein dürfte, am vergangenen Wochenende zu Werbezwecken in Deutschland war, hätte man schon ahnen können: „Morning Glory“, die neue Komödie von „Notting Hill“-Regisseur Roger Michell, kann jede PR gebrauchen. Zum vierten Mal in seinem Leben war Weltstar Ford in Berlin, und jedes Mal geht es „vom Flughafen ins Hotel, von Termin zu Termin, zurück ins Hotel und wieder in den Flieger“, wie der 68-Jährige im Interview-Marathon im Ritz Carlton mit professioneller Bedacht (oder Langeweile?) berichtet. Zum Reichstag hatte er es noch geschafft, an Seite von Berlinale-Chef Dieter Kosslick, beim Frühstücksfernsehen war er auch. Eine Art außerordentlicher Pflichttermin, schließlich geht es im mit alten und kommenden Stars besetzten „Morning Glory“ um genau dieses Sujet. Ums Frühstücksfernsehen.

Erfolg vs. Liebe, Unterhaltung vs. Information

Die Lokalsender-Produzentin Becky Fuller (Rachel McAdams) kann ihr Glück kaum glauben: Nach ihrem überraschendem Rausschmiss bekommt sie einen neuen Job bei „Daybreak“, der Morning Show im New Yorker Sender IBS. Was sie nicht ahnt: Programmchef Jerry Barnes (Jeff Goldblum) hat die Aufgabe, den heruntergewirtschafteten Laden zu schließen. Will sie ihren Job und ihr Gesicht bewahren, muss die scheinbar überforderte Becky also alles tun, um die Einschaltquoten innerhalb weniger Wochen in die Höhe zu treiben. Sie kündigt dem neurotischen Anchorman und versucht fortan alles Erdenkliche, ihren alten Helden Mike Pomeroy (Harrison Ford), den grimmigen Dinosaurier des Senders, für den Job zu gewinnen – der als erfahrener Nachrichtenjournalist von der Idee genauso wenig begeistert ist wie die nicht minder narzisstische Co-Moderatorin Colleen Peck (Diane Keaton). Und nebenbei trifft die naive wie süße Becky, natürlich, einen äußerst smarten jungen Mann aus der Nachbarabteilung (Patrick Wilson). Das Chaos der Leidenschaften kann beginnen.

„Ob Becky wegen ihrer Unwiderstehlichkeit oder wegen ihrer fachlichen Kompetenz am Ende Erfolg hat? Gute Frage“, findet Rachel McAdams, deren eigene Karriere nach frühen Teenie-Komödien über „Wie ein einziger Tag“ und „Sherlock Holmes“ nun steil nach oben geht und die privat auf greenissexy.org über Dildo-Recycling und andere ökologische Spielereien bloggt. „Mit Honig fängt man mehr Fliegen“, sagt sie schließlich und lächelt ihr unwiderstehlichstes Lächeln. Und ob Erfolg die Liebe nach sich zieht? „Schön wär’s!“.

„Morning Glory“, mit der 32-jährigen McAdams in ihrer ersten großen Hauptrolle, arbeitet sich oft unterhaltsam an den großen und kleinen Fragen der Medienbranche im Besonderen und des Berufsleben im Allgemeinen ab: Liebe oder Erfolg? Unterhaltung oder Information? Für eine Mediensatire sind die Seitenhiebe nicht bissig genug, für eine romantische Liebeskomödie ist der Cast eigentlich zu stark: Harrison Ford glänzt zwar als misanthroper Journalisten-Opa, der plötzlich vor der Kamera Omelett brutzelt und auch privat nach dem Aufstehen zuerst den Fernseher einschaltet, bleibt aber drehbuchgemäß unter seinen Möglichkeiten.

Vom Anchorman zum Frühstückskasper: Mike Pomeroy (Harrison Ford)

Ford macht den Pomeroy

„Mag ja sein, dass ich zu den erfolgreichsten Schauspielern gehöre“, räuspert sich Ford, „aber ich nehme Erfolg oder Misserfolg nicht persönlich. Ich mag einfach meinen Job.“ Glück habe er natürlich auch gehabt, weil er in den Heydays der Industrie zum Film kam, wie er sagt. Nach seinem Durchbruch als Han Solo in „Star Wars“ und seiner Paraderolle als „Indiana Jones“ glänzte Ford vor allem in Politthrillern wie „Air Force One“ oder „Das Kartell“. Mit „Morning Glory“ wechselt er nun ins seichtere Fach – ganz wie seine Rolle Mike Pomeroy. Das von Aline Brosh McKenna („Der Teufel trägt Prada“) geschriebene Drehbuch mochte er besonders, er war als erster an Bord. Mit Regisseur Roger Michell („Notting Hill“) und dem Rest des Cast besuchte er Frühstücksfernseh-Redaktionen, die in Wahrheit ja noch viel chaotischer seien als im Film porträtiert. Und Michell selbst, der gerne absurde Hintergründe beobachtet und porträtiert, wusste mit seinem britischem Humor im letzten der drei Gruppen-Interviews die Geschichte und Zukunft von „Morning Glory“ und seiner Schauspieler-Wunschliste wie folgt auf den Punkt zu bringen: „Harrison war von Anfang an scharf darauf, mit zu machen. Rachel ist klinisch entscheidungsunfreudig, bei Ihr dauerte es länger. Patrick ist das eigentliche Mädchen im Film, und die einzige wirkliche Panne bei den Dreharbeiten war der Sturz auf den Hinterkopf von Diane beim Sumo-Ringen – am zweiten Dreh-Tag! Und wie ich für mich entscheide, ob ‚Morning Glory’ ein erfolgreicher Film ist oder nicht? Gute Frage“, sagt er und zögert das erste Mal kurz. „Fragen Sie mich in drei Jahren nochmal. Wenn ich mir meine Filme mit solchem Abstand angucke und mich nicht in Grund und Boden schäme, dann habe ich schon viel gewonnen!“

Frühstückskomödie:

„Morning Glory“ (USA, 2010)
Regie: Roger Michell
Drehbuch: Aline Brosh McKenna
mit: Harrison Ford, Diane Keaton, Rachel McAdams, Jeff Goldblum, Patrick Wilson u.a.

Kinostart: 13. Januar 2011

www.morninggloryfilm.de

(erschienen auf: BRASH.de, 13. Januar 2011)

Jonathan Safran Foer: Tiere Essen

Der Popstar unter den Fleischkonsum-Kritikern: Bestseller-Autor Jonathan Safran Foer und sein philosophisches Sachbuch „Tiere Essen“

Die Gastrokollegen halten ihn für einen Appetitverderber, die FAZ für den Günter Wallraff der Mastbetriebe: Bestseller-Autor Jonathan Safran Foer („Alles Ist Erleuchtet“) polarisiert mit „Tiere Essen“, einem überfälligen Sachbuch, dessen Argumente meist Fakten sind, die, einmal verdaut, einnehmlicher kaum sein könnten. Eigentlich wollte Foer nur wissen, wie er seinen Sohn am gesündesten ernährt. Nun lässt er Schlachthofarbeiter, sogenannte „Knocker“, Tierschutzaktivisten, „gute“ und „böse“ Farmer, deren Nachbarn und vor allem sich selbst zu Wort kommen. Im Grunde fördern seine dreijährigen Recherchen kaum wirkliche Neuigkeiten zu Tage – nur ihr akribisches Ausmaß ist neu und nachhaltig beeindruckend. Foer konzentriert sich auf die ethischen, ökologischen und gesundheitlichen Aspekte des Allesessens und belegt: Außer des Geschmacks und dem Hunger, unter dem wir schließlich nicht leiden müssen, gibt es keinen guten Grund, Fleisch aus Massentierhaltung zu essen, dafür viele dagegen. So ist „Tiere Essen“ kein Manifest des Vegetarismus oder Veganismus, sondern Dokument einer persönlichen Übung in Verzicht, ein Plädoyer gegen Massentierhaltung und –fischerei und ein Denkanstoß zur bewussteren Ernährung. Wegen des ausführlichen Anhangs des VEBU zur Sachlage in Deutschland trotz holpriger Übersetzung unbedingt als deutsche Ausgabe lesen. Und dann überlegteren Guten Appetit.

Aus dem amerikanischen Englisch von Isabel Bogdan, Ingo Herke und Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010. 399 Seiten,19,95 Euro

(gekürzt erschienen in: zitty 2/2011, 13. Januar, Seite 32)

Von Affen, Stolz und Wattenmeer

Man kann es drehen wie man will: Turbostaat demonstrieren auf ihrem vierten Album „Das Island Manöver“ nicht nur einen Hang zu ihren Deutschpunk-Wurzeln. Sondern auch zu menschlichen Abgründen.

Männer, die ihre eigenen Frauen köpfen. Außerehelich geschwängerte Mädchen, die ins friesische Watt geschickt werden und niemals wiederkehren. Jungs, die sich tagsüber auf dem Schulhof prügeln, nachts am Rechner hocken und morgen vielleicht Amok laufen. Frühlingsgefühle, die sich im Wunsch manifestieren, doch bitte im Maisfeld erwürgt zu werden, wenn der Sommer kommt. Man muss kein Psychologe sein, um „Das Island Manöver“, das vierte Album der Flensburger Punkrockband Turbostaat, auf zwei Arten zu lesen beziehungsweise zu hören: Entweder als hinterleuchtenden Querschnitt der KriPo-Highlights vergangener Dekaden im Newsticker, oder als fiktiven Film Noir, als Thriller der erschreckenderen Sorte. Beides läuft auf das Gleiche hinaus: Turbostaat haben einen Hang zu menschlichen Abgründen.

Seit ihrer Gründung 2001 kamen Turbostaat in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ohne ihre mutmaßlichen Ziehväter aus. Erst Jens Rachut (Angeschissen, Dackelblut, Oma Hans, Blumen am Arsch der Hölle, Kommando Sonnenmilch), weil Turbostaats erste beiden Alben „Flamingo“ und „Schwan“ auf Rachuts Label Schiffen erschienen und weil Sänger Jan Windmeier wie Rachut Szenarien und Charaktere entwirft anstatt Slogans zu dreschen. Dann die Beatsteaks, weil deren Drummer Thomas Götz die Flensburger ins Vorprogramm ihrer „Smack Smash“-Tour holte und weil „Vormann Leiss“, Turbostaats großartige Dritte, auf einem Tochterlabel von Warner, wo eben auch die Beatsteaks veröffentlichen, rauskam. Die Musik war von all diesen Nebenschauplätzen nie hörbar beeinflusst. Ihre Wahrnehmung schon.

Turbostaat sind in dieser Zeit bessere Songwriter geworden. Das behaupten sie selbst, schließlich sei „Das Island Manöver“ ihr erstes Album, das sie in zusammenhängenden Stücken geschrieben hätten. Das hört man der immer noch minimal-brachialen Rhythmus- und Gitarrenarbeit, die in ihren besten Momenten wie eine zwingende Konstante klingt, weniger an als den paraphrasierten Schicksalen von Windmeier: Selbst wenn man kein Wort versteht, versteht man sie nun doch. „Diese Affen sprechen von Stolz mein Gott was für ein Thema, jeden Morgen, wird Dir erst schlecht selbst bei mittlerem Seegang“ bellt es gleich im Opener „Kussmaul“ los, und weiter: „Hinter Dir die Enkel der Henker, ersoffen im Glauben und tosender Wut.“

„Pennen bei Gluffke (Wie soll denn so was gehen)“ ist die schwächere erste Single als „Harm Rochel“ vom Vorgänger „Vormann Leiss“, aber schon die restlichen Songtitel (ver)sprechen Bände und für sich: „Surt und Tyrann“, „Fünfwürstchengriff“, „Strandgut“. Der Frühlingshit aus Flensburg heißt „Urlaub auf Fuhwerden (Erwürg mich im Maisfeld)“, und all das hinterlässt nicht weniger als den Eindruck: Gehörten Turbostaat nicht längst zu den besten Punkrockbands des Landes, sie gäben ebenso veritable wie krude Drehbuchschreiber ab. „Das Island Manöver“ ist mindestens so zeitgeistig und politisch wie Muff Potters „Gute Aussicht“. Da wurden Lebensgefühle in Krisen umrissen, hier werden Lebensentwürfe zerissen. Vor allem aber ist „Das Island Manöver“ nicht pure Wut und Agression, sondern der Realität entnommene, in impressionistische Fetzen an die Wand geworfene und wieder abgerissene Fiktion. Und die sieht nun mal auch in Flensburg düster aus.

Turbostaat
„Das Island Manöver“
(Same Same But Different / Warner)
9. April 2010

www.turbostaat.de

(erschienen auf: Motor.de, 6. April 2010)

„Es stand im Internet!“

„Sie wollen in ein Land, in dem Menschenrechtskonventionen und Den Haag keine große Rolle spielen? Versuchen Sie Irak, China, Indonesien, oder manche Länder in Afrika!“, heißt es einmal in „The Ghostwriter“, Roman Polanskis Romanadaption von Robert Harris‘ „The Ghost“, gegenüber dem Tony Blair so ähnlichen Adam Lang (Pierce Brosnan). In Wahrheit aber ist, ganz wie im Film, natürlich alles anders als man denkt.

Man will sich die Genese von „Der Ghostwriter“, der nur eine Woche vorm offiziellen Kinostart auf der 60. Berlinale vorgestellt wurde und obendrein den Silbernen Bären für die Beste Regie einheimste, selbst so gemütlich und offensichtlich vorstellen: Da saßen einst Robert Harris, Bestseller-Autor, und Roman Polanski, Regisseurlegende, beim Tee und sponnen ein gemeinsames Projekt aus (mit Harris‘ „Pompeij“ hatte es bislang nicht geklappt). Der Eine: ein alter Kumpel des einstigen britischen Premierministers Tony Blair, mit dem er sich nach dessen überbordender USA-Hörigkeit zur Kriegspolitik in Nahost verworfen hatte; der Andere ein von den USA verfolgter Straftäter auf der Flucht, dem schon in seinem ersten Exil London die Auslieferung drohte. „Sie wollen in ein Land, in dem Menschenrechtskonventionen und Den Haag keine große Rolle spielen? Versuchen Sie Irak, China, Indonesien, oder manche Länder in Afrika!“, heißt es einmal in „The Ghostwriter“, Roman Polanskis Romanadaption von Robert Harris‘ „The Ghost“, gegenüber dem Tony Blair so ähnlichen Adam Lang (Pierce Brosnan). In Wahrheit aber ist, ganz wie im Film, natürlich alles anders als man denkt.

Robert Harris, Autor vom hochgradig fiktiven „Fatherland“ („Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?“), veröffentlichte seinen Roman „The Ghost“ tatsächlich nur wenige Monate nach Blairs letzter Amtszeit, im September 2007. Die Dreharbeiten zu „Der Ghostwriter“ aber fanden zwischen Januar und März 2009 statt, zu einer Zeit also, als Polanski noch nicht in seinem Ferienhäuschen in Gstaad festsaß und diese eigene Misere nicht hätte filmisch aufgreifen können, wie man bei „Der Ghostwriter“ meinen möchte: In seiner Ferienfestung auf der nahe Massachusetts gelegenen Atlantikinsel Martha’s Vineyard verschanzt sich der eigentlich politblasse britische Ex-Premier Adam Lang. Er wird beschuldigt, Folter veranlasst und somit internationale Menschenrechtskonventionen übergangen zu haben. Diese Presse tut ihm nicht gut und kommt doch sehr gelegen: Seine Memoiren sind bereits geschrieben und bedürfen nur noch einer Generalüberarbeitung. Eines Nachts wird sein Biograf leider tot an Land gespült und der namenlose und doch so smarte Allerwelts-Ghostwriter (blendend: Ewan McGregor) engagiert. Eine prestige- und finanzträchtige Auftragsarbeit – bis dieser „Ghost“ Unregelmäßigkeiten in Langs Biografie findet, die irgendwann in CIA-Verstrickungen auf hoher Ebene – Waffenlobby, Ölkrise, undsoweiter – münden.

Der Plot von „Der Ghostwriter“ allein würde für mehr als 90-minütige Samstagabendunterhaltung nicht reichen. Es ist vielmehr die immer am absurden kratzende Dramaturgie und die Art, wie Polanski McGregor und Brosnan inszeniert: Der Eine ein fähiger Auftragsschreiber, dem zum Durchbruch als „richtiger“ Schriftsteller schon immer der nötige Ehrgeiz und ein Quäntchen mehr Talent fehlte und der sich während seiner Nachforschungen am meisten über sich selbst wundert; der Andere ein schlagfertiger Politiker, der eigentlich gar keiner ist. Da treffen Biografien, Egos und Selbstzweifel aufeinander, da braucht es eine nur scheinbar labile Frau (in der heimlichen Hauptrolle: Olivia Williams als Ruth Lang), um dem Gefüge mächtig einzuheizen. Dazu untergekühlte und immer dunkle Bühnenbilder, gebaut und gedreht in den Filmstudios Potsdam-Babelsberg und auf der Nordseeinsel Sylt – fertig ist ein Verschwörungsthriller Marke Dan Brown, dessen Anspielungen im Plot auf die Regierung Blairs bisweilen an Plakativität grenzen und der trotzdem oder gerade deswegen bis zur letzten Sekunde spannend ist. Und einen Seitenhieb auf die Presse sparen sich Harris und Polanski, die trotz räumlicher, nun ja, Diskrepanzen bis zum Schluss eng zusammenarbeiteten, auch nicht, wenn McGregor als Ghostwriter, eigentlich kein investigativer Journalist, seine Quellen auf den Tisch haut, um einen Skandal aufzudecken: „It was on the internet!“

(erschienen auf: www.fuenf-filmfreunde.de, 27. Februar 2010)

Der Hölle so nah

Im Kinojahr 2010 führt an Hollywood-Liebling George Clooney kein Weg vorbei. Im März lief „Men Who Stare At Goats“ in den deutschen Kinos an, im Herbst folgt „The American“. Und für seine Rolle als Vielflieger Ryan Bingham in der satirischen Sozialkomödie „Up In The Air“ wurde Clooney für einen Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert. Sein Dank dafür müsste vor allen Dingen Regisseur Jason Reitman gelten.

Ryan Bingham ist ein sympathisches Arschloch. „To know me is to fly with me“, „Mich zu kennen bedeutet mit mir fliegen“, stellt er gleich zu Anfang fest. Sein Job ist es, im Auftrag großer Arbeitgeber deren Mitarbeitern die Kündigung auszusprechen. Ein krisensicheres Geschäft, möchte man in Zeiten der realen Rezession meinen – bis die aufstrebende Natalie Keener (Anna Kendrick) Binghams Boss überzeugt, durch „Mitarbeiter-Gespräche“ via Internet-Videokonferenz auch in der eigenen Firma effizienter zu arbeiten.

Bingham, der in tausenden Kündigungsgesprächen anderen ein Leben aufzeigt, das er selbst nicht führt, sieht seine eigene Existenz bedroht. Schließlich hat er außer seinem Ziel, als siebter Mensch die Zehn-Millionen-Flugmeilen-Marke zu durchbrechen und einer Affäre mit Alex (bezaubernd: Vera Farmiga), einer anderen Vielfliegerin, nichts. Aber er fühlt sich ja auch wohl in seiner Haut! Also nimmt er die junge Kollegin Keener mit auf Reisen und beweist ihr, dass nicht alles online zu regeln ist. Ehe er sich versieht, steckt Bingham in tatsächlichen zwischenmenschlichen Beziehungen – und hat allen Übels auch noch eine Einladung zur Hochzeit seiner Schwester auf dem Tisch.

Obwohl in „Up In The Air“ als Einspieler real existierende Menschen zu Wort kommen, die nach einem halben oder ganzen Leben in ihrer Firma gerade gekündigt wurden, ist der Film keine bitterböse Satire, wie Regisseur Jason Reitman sie 2004 im grandiosen Gipfeltreffen der Nikotin-, Alkohol- und Waffen-Lobbyisten „Thank You For Smoking“ auf die Leinwand brachte. „Up In The Air“ ist auch kein Liebesfilm, obwohl sich Bingham im weiteren Verlauf zu der Aussage „Wir alle brauchen einen Co-Piloten“ hinreißen lässt und sich in der beginnenden Beziehung zu Alex Bodenkontakt erhofft. „Up In The Air“ ist beides, und genau darin liegt seine größte Stärke.

Jason Reitman, Sohn von „Ghostbusters“-Regisseur Ivan Reitman, gelang zuletzt mit dem Kritiker- und Publikumsliebling „Juno“ die Gratwanderung zwischen Independent-Film und Mainstream-Kino. Natürlich ist „Up In The Air“ schon wegen George Clooney, den Frauen und dem penetranten Product Placement einer großen Hotelkette letzteres, doch in eben dieser Besetzung offenbart sich wieder Reitmans größte Gabe: Er strickt Geschichten rund im Charaktere, die bestenfalls zweifelshaft sind – und dabei so charmant durchs Leben gehen, dass man ihnen kaum böse sein will. „Who the fuck am I?”, “Wer zur Hölle bin ich schon?”, stellt Bingham zu Beginn ebenfalls selbst fest. Und? Spielte George Clooney mit seinem besten Lächeln den Teufel persönlich, man wäre plötzlich der Hölle so nah. Nun, dank Reitman, ist es der Himmel, und für Clooney vielleicht der zweite Oscar.

„Up In The Air“
(USA, 2009)
Regie: Jason Reitman
mit: George Clooney, Vera Farmiga, Anna Kendrick, Jason Bateman u.a.

(erschienen auf: BRASH.de, 3. Februar 2010)

Gott als Endgegner

Larry Gopnik ist ein bestrafter Mann. Er ist Physikdozent, Familienvater und Jude. Das ist eigentlich nicht schlimm. Aber er ist auch der tragische Hauptcharakter in „A Serious Man“, dem neuen Geniestreich der Gebrüder Coen. Und die spielen niemand Geringeren als Gott gegen Gopnik aus.

Niemand weiß warum, aber Larry Gopnik ist ein bestrafter Mann. Dabei wirkt sein Leben anfangs so normal: Gopnik ist Physikdozent, Familienvater und Jude. Ein koreanischer Student besticht ihn, um rückwirkend nicht durch die Prüfung zu fallen. Zuhause muss die Hausantenne justiert werden, weil sein Sohn sonst seine Lieblingssendung verpasst; seine Tochter spart auf eine Nasen-OP. Larrys Frau indes hat, wie sie ihm beiläufig mitteilt, eine Affäre mit Syd Ableman, dem ach so verständnisvollen Witwer von nebenan – „A Serious Man“, wie Ms. Gopnik findet. Larry findet all das unfair und seine Nachbarin scharf, aber was soll er machen? Mit seinem Bruder, Daueruntermieter und Hobbyforscher Arthur zieht er ins Hotel. Das Eine folgt auf das Andere, Larry Gopniks anstehende Beförderung wackelt plötzlich, auch sein Arzt hat schlechte Nachrichten. Nur: Eigentlich will niemand Larry Böses.

Die grundlegendere Frage in „A Serious Man“, dem neuen Geniestreich der Coen-Brüder, muss nicht lauten, warum Gopnik – glänzend abgeliefert vom bis dato unbekannten Michael Stuhlbarg – Strafe erfährt, sondern: „Von wem?“. Alle Verkettungen und Momente in Gopniks dahinstrudelndem Leben scheinen sich, still und heimlich, in Absurdität übertreffen zu wollen. Typisch Coen. Es scheint aber auch, als gehorchten sie einer höheren Macht. Das beschriebene Unheil nimmt nicht seinen Lauf, nein, vielmehr scheint Gopnik, dieser jüdische Durchschnittsamerikaner wider Willen, von Beginn an darin gefangen.

Das Böse wird man nicht los

Joel und Ethan Coen, dank anderer moderner Klassiker wie „Fargo“, „The Big Lebowski“, „No Country For Old Men“ schon mit Mitte 50 lebende Legenden, sind selbst da groß geworden wo „A Serious Man“ spielt, 1967, irgendwo in einem Vorort von Minneapolis. Dort feierten sie, die heute so großartigen Erzähler, ihre eigene Bar Mitzvah, dort erlebt sie in ihrem Film darüber Larrys Sohnemann Danny – bekifft bis über beide Augen. „A Serious Man“ ist trotzdem keine fiktive Biographie seiner, ja, Schöpfer, es ist auch kein Film über Gott beziehungsweise Haschem, wie die Juden ihn nennen. „A Serious Man“ ist ein Film über dessen Abwesenheit: Wenn Larry Gopnik hilfesuchend von einem Rabbi zum nächsten rennt, weil der Ober-Rabbi angeblich beschäftigt ist, und wenn Larry dann endlich eine Audienz bekommt und der ach so Weise ausholt: „Wenn sich die Wahrheit als Lüge rausstellt und alle Hoffnung stirbt…“ – Gopniks Augen weiten sich ob der da kommenden Moral – und wenn der Rabbi dann selbst nur fragt: „Ja, was dann?“, ja, dann ahnt auch der letzte Atheist, das zumindest sein Leben so schlimm gar nicht ist.

„A Serious Man“ beginnt mit einem Prequel, in dem eine jiddische Hausfrau einen Besucher niederstreckt, weil sie ihn für einen Dämon hält. Der tumbelt fort ins Schtetl, und sie irrt sich: „Gut, dass wir das Böse los sind“. Und so wie in der nächsten Szene Larry Gopnik seinen Studenten das Schrödinger-Paradoxon und die Unschärferelation lehrt, es selbst nicht versteht („Niemand versteht die Unschärferelation!“) und sein Leben doch wie eine Analogie auf die skizzierten Zufallsexperimente mit dem Tod anmutet, so zufällig sehen alle Protagonisten ihrem Schicksal irgendwann doch ins Auge. Und plötzlich dämmert auch eine mögliche komische wie gewichtige Deutung jenes Prequel der Coens und des ganzen großartigen Films: Irgendwas ist da draußen, oben, unten, wo auch immer, und es begleitet dich, ob du willst oder nicht. Vor allem aber: Wer und warum?

„A Serious Man“
Regie: Joel und Ethan Coen
mit: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick u.a.
ab 21. Januar 2010 im Kino

(erschienen auf: BRASH.de, 21. Januar 2010)

Nur zur Besuch

Stiller Protest: In seinem wunderbaren Zweitwerk „Ein Sommer in New York“ erzählt Regisseur Tom McCarthy die Geschichte eines verwitweten Professors, der seine Freude am Leben wiederfindet – und von der US-amerikanischen Einwanderungspolitik nach 9/11

Connecticut, USA, ein paar Jahre nach 9/11: Seit dem Tod seiner Frau ist der verdiente Wirtschaftsprofessor Walter Vale (Richard Jenkins) seines Lebens müde. Er stellt die immergleichen Klausuren, ist ein hoffnungsloser Klavierschüler, gibt vor, ein Buch zu schreiben und scheut jeden unnötigen Kontakt. Seine Karriere ist nur noch eine Fassade, hinter der er sich und seine Lethargie zu verstecken sucht – bis er als Co-Autor eines Essays nach New York muss, um einen Vortrag zu halten. In seinem von ihm lange nicht mehr besuchten Appartement überrascht Vale die Einwanderer Tarek aus Syrien (Haaz Sleiman) und Zainab (Danai Gurira) aus Senegal, die dort in seiner Abwesenheit einen Platz gefunden haben. Vale überwindet seine Misanthropie und nimmt die Flüchtlinge bei sich auf. Von diesen Besuchen also, von Tarek und Zainab als Gäste bei Walter Vale und in den USA und vom Besuch Walters in seinem Appartement und bei sich selbst erzählt Tom McCarthys wunderbares Zweitwerk „Ein Sommer in New York – The Visitor“.

Trommeln macht Spaß: Walter Vale (Richard Jenkins) lernt von Tarek (Haaz Sleiman)
Im amerikanischen Original, das in den USA bereits 2007 Premiere feierte, heißt „Ein Sommer in New York – The Visitor“ lediglich „The Visitor“. Dieser schlichte Titel trifft die Essenz dieses auf leisen Sohlen tretenden Sozialdramas besser als der deutsche, weil „The Visitor“ seine Schauplätze andeutet und ohne Fingerzeig funktioniert. Natürlich äußert Regisseur McCarthy, wenn Tarek wegen seiner Hautfarbe in der Metro festgenommen wird und wegen eines fehlenden Visas abgeschoben werden soll, Kritik an der Willkür und Rigorosität der US-Einwanderungspolitik. Aber die Besuchsszenen im Auffanglager in Queens, in denen Tarek gefängnisgleiche Zustände erlebt, gehören mit Abstand zu den lautesten eines sonst so stillen Protestfilms: Die Zeit des Settings wird allein durch ein Schild mit der Aufschrift „Support Our Troops!“, an dem Walter auf dem Weg zum College vorbeifährt, abgesteckt. Wenn der anzugtragende Walter Vale Gefallen am Spiel mit Tareks Djembe findet, spürt der Zuschauer mit jedem Trommelschlag, wie dieser auch dem verwitweten Walter neues Leben einhaucht. Und auch die Annäherung zwischen Walter und Tareks Mutter Mouna (Hiam Abbas), die aus Sorge um ihren Sohn nach New York reist, bleibt eine vorsichtige.

„Ein Sommer in New York – The Visitor“ aber berührt nicht nur als Eingeständnis an die Zweisamkeit und durch seine austarierten Details, sondern durch sein kleines Ensemble: Haaz Sleiman spielte bislang in „24“ oder „American Dreamz“ den Klischee-Terroristen und blüht in seiner Rolle als aufrichtiger Tarek entsprechend auf. Und Richard Jenkins („Burn After Reading“, „Six Feet Under“) wurde für seine Hauptrolle als Walter Vale für einen Oscar nominiert. Gewonnen hat er ihn nicht, aber auch das will zu der Geschichte seines Charakters passen: Soviel Wendung bedarf es eines Lebens gar nicht. Es sind die kleinen Dinge, die einen Unterschied machen. Wenn man sie lässt.

„Ein Sommer in New York – The Visitor“
(Pandastorm Pictures/Central Film)
USA 2007
Regie: Tom McCarthy
mit: Richard Jenkins, Haaz Sleiman, Hiam Abass, Danai Gurira u.a.


(erschienen auf: BRASH.de, 14. Januar 2010)

Das dreckige Dutzend: Pssst!

Minimal Folk mit Cher-Effekt: Neues von traurigen Amerikanern

Ein Popstar, der vor 30 Jahren noch undenkbar gewesen wäre, wurde in Amerika gerade inthronisiert. Ein Hauch von change aber weht nicht erst seit der Präsidentenwahl auch über das popmusikalische Amerika. Eine Repolitisierung des Hip-Hop war zu beobachten. Und jüngere linksorientierte Songwriter, allen voran Ryan Adams oder Conor Oberst, berufen sich auf den Country.

Ben Kweller, gebürtiger Texaner und mit 28 Jahren einer der jüngsten dieser Generation, treibt die Sache auf seinem neuen Album „Changing Horses“ (ATO, 2009) auf die Spitze. Vom rumpelnden Nachwuchs-Slacker des New Yorker Anti-Folk ist nur noch die schrullige Lausbübigkeit geblieben. Seine pubertierende Punkband Radish wurde noch – zu Unrecht – unterschätzt; erfolgreicher waren seine Experimente mit Radiopop. Nun also Country. Er jault, tänzelt wie ein Däumling auf der Pedal Steel-Gitarre, stolpert über den Kontrabass und streicht die Snares mit Besen. Country eben. Den Musiknomaden rettet, dass er trotz aller musikalischer Expertise den Eindruck macht, er erfülle sich vor allem einen Kindheitstraum. Demnächst vielleicht mit einem Metal-Album?

Von Krach oder Euphorie nicht weiter entfernt sein könnte hingegen J. Tillman. Warum sein europäisches Debüt und eigentlich fünftes Soloalbum „Vacilando Territory Blues“ (Cooperative, 2009) dennoch ein hoffnungsvolles ist, weiß nur, wer vor rund drei Jahren die Moll-Ode „Minor Works“ (Fargo Records, 2006) in dunklen Nächten lieben lernte. Josh Tillman ist hauptberuflich Schlagzeuger der zuletzt ausgiebig gefeierten amerikanischen Band Fleet Foxes. Er stammt also aus Seattle, der, 15 Jahre nach Grunge, neuen heimlichen Indierock-Hauptstadt. Tillman aber spielt leise, entschlackt den Folk seiner Band von jeder Leichtigkeit. Es bleiben allein seine Gitarre, ein Tamburin und seine glühwarme Schlafzimmer-Stimme. Maximale Nahbarkeit mit minimalen Mitteln – eine (in der Wirtschaft unmögliche) Erfolgsformel im Folkpop?

Noch besser macht es derzeit vielleicht nur Justin Vernon. Das große stille Debüt „For Emma, Forever Ago“ (4AD / Beggars, 2008) seines Projektes Bon Iver war wahrscheinlich der populärste Geheimtipp aller Jahresbestenlisten 2008. Jetzt legt Vernon mit der EP „Blood Bank“ nach und spielt darauf immerhin so gefasst, dass er, der selbst von Amor so Angeschlagene, das Anschlagen der Saiten seiner Akustischen nicht vergisst. Die Finger kratzen übers Griffbrett, der Gesang hallt aus dem Jenseits, als sei Vernon eine multiple Persönlichkeit. So schön wäre Minimal Folk, wenn Vernon mit Bon Iver dem Genre nicht noch einen zweischneidigen Gefallen täte: Er etabliert den von Kanye West wieder salonfähig gemachten Cher-Effekt, also seltsam flatternden, elektronisch manipulierten Gesang, in einem fast rein akustischen Genre.

Nur dem Gutmenschen Ben Lee ist all das immer noch zu traurig. Kein Wunder, er hat als Großstadt-Australier naturgemäß mit amerikanischer Befindlichkeit und der von Ben Folds besungenen „Redneck Past“ nur weit am Rande etwas am Hut. Gemeinsam mit Kweller und Folds tourte er als The Bens durch die Lande. Zuletzt coverte er Punkrockalben und schlug mit dem Song „What Would Jay-Z Do?“ die Brücke zwischen Hip-Hop und Singer/Songwriter-Musik so elegant wie kein zweiter. Seinem Image als braver Junge schadete es nicht, deshalb polarisiert er mit „The Rebirth Of Venus“ (New West, 2009) auf seine Art erst Recht: „I love pop music“ singt er und lässt in eben dieser Single auch prompt umweltpolitische Ansagen vom Stapel, die man von Popsängern nicht unbedingt hören möchte. Der Rest bleibt erwartungsgemäß gefällig und Lee ein heimlicher Exot unter den 2009 gar nicht mehr so traurigen Songwritern. Es liegt natürlich auch an seiner Herkunft, wenn er die charmante Nichtigkeit seiner Lieder auf den Punkt bringt: „What’s so bad about feeling good?“ So weit wird es bei seinen amerikanischen Kollegen hoffentlich nie kommen.

(erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Seite 12, Feuilleton, 13. März 2009)