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Die Kinder fressen ihre Revolution

Das britische Graffiti-Phantom Banksy gilt als Popstar unter den Straßenkünstlern. Jetzt könnte ihm der größtmögliche Hoax der popmodernen Kunstgeschichte gelungen sein: die Film-Dokumentation „Exit Through The Gift Shop“.

Banksy ist ein Popstar, der keiner ist. Sein Werk steht vor dem Künstler, aber das nur, weil eben jener Künstler als Phantom die Öffentlichkeit meidet – und sich dadurch zu einem Popstar stilisiert, wie es Popstars seit Jahren nicht mehr gibt: Er inszeniert eine größtmögliche Unnahbarkeit. Banksy ist mit seinen via Schablone gesprühten Scherenschnitt-Graffiti, von Ratten bis zu knutschenden Polizisten, von Los Angeles bis Palästina, längst selbst eine Marke geworden. Er weiß das natürlich ebenfalls, und so wirft auch sein neuester Streich, der Film „Exit Through The Gift  Shop“, mehr Fragen als Antworten auf. Er ist eine Dokumentation, die vielleicht keine ist.

„Das hier ist eine Dokumentation über einen, der versucht, über mich eine Dokumentation zu drehen“, erklärt ein im Dunkel sitzender und vermummter Banksy zu Beginn. Er meint Thierry Guetta, einen Filmnerd aus Frankreich, dessen Cousin sich als Street Artist „Space Invader“ entpuppt. Als Kameramann rutscht der so faszinierte Guetta Ende der Neunziger in die noch junge Szene, die die größte Gegenbewegung seit Punk werden sollte. In seiner Heimat Los Angeles trifft er den Sprayer Shepard Fairey, hört von Banksy und will den Star der entdeckten Subkultur vor die Kamera bekommen. Ihm gelingt das Unwahrscheinliche, er dreht einen Film, Banksy findet ihn schrottig und schickt Guetta mit ein paar warmen Worten weg. Mit fatalen Folgen: Von Banksy motiviert macht Thierry Guetta sich als „Mr. Brainwash“ auf, der Größte zu werden und vermischt fortan Kunst und Kommerz, wie es vor ihm keiner tat. Er kopiert die ohnehin schon als Kopien angelegten Werke seiner Vorbilder, „er macht sie wirklich bedeutungslos“ (Banksy über Guetta). Guetta will sich selbst ein Denkmal zimmern – und hämmert so den Sargnagel auf das, was ihn inspirierte. Street Art wird bei Sothebys und Co. gehandelt. Die Subkultur ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und im gleichen Moment tot. Plötzlich kommt man nur noch durch den Souvenirladen raus.

Ob Grungemusik, Skateboarding oder Street Art: „Exit Through The Gift Shop“ ist eine Parabel auf alle Bewegungen, die in Nischen heranwuchsen und vom Mainstream vereinnahmt wurden. Und deshalb ist es egal, ob das, was diese Dokumentation zeigt – der Aufstieg und Fall der Street Art und des Thierry Guetta – der Wahrheit entspricht oder nicht: Ein unterhaltsamer „Behind The Scenes“-Kommentar von Banksy zur Lage der Nation und ein Paradebeispiel viralen Marketings ist es allemal. Und falls Guetta selbst tatsächlich eine Erfindung von Banksy sein sollte, wäre er mehr als nur ein Popstar. Er wäre ein anonymes Genie.

(erschienen in: unclesally*s, Oktober 2010)

Selbst wenn das Geld die Wut erstickt

Limp Bizkit gehen wieder auf Tour, Korn und Linkin Park immer noch. Ist Nu Metal wieder lebendig oder immer noch nicht tot?

Fred Durst ist alt geworden. Wenn er nicht gerade auf der Bühne herumspringt, die Hände in die Höhe reißt und wie vor zehn Jahren „I did it all for the nookie!“ („Es geht mir um nichts als Sex!“) in die Menge ruft, trägt der 40-jährige Frontmann der US-Rockband Limp Bizkit statt roter Baseballkappe und weiten Shirts heute Glatze, graumelierten Bart und Nadelstreifenanzug. Durst ist Labelboss, Schauspieler und Videoregisseur. Auch privat kam bei dem einstigen Sprachrohr einer von lauter Hedonismus gelangweilten Generation dank Verlobungen, zweier Kinder, Hochzeit, Trennung und aufgetauchter Sex-Videos keine Langeweile auf. 2009 aber, sechs Jahre nach dem vierten und bis dato letzten offiziellen Bandalbum „Results May Vary“, muss ihm das damals leicht verdiente Geld endgültig ausgegangen und das traute Dach auf den Kopf gefallen sein: Limp Bizkit, neben Korn die Speerspitze des vor zehn Jahren so angesagten Nu Metal-Genres, gingen auf Comeback-Tour. Und tun es jetzt wieder.

Noch einmal jung und reich sein: John Otto, Fred Durst, Wes Borland, DJ Lethal, Sam Rivers (© Universal 2010)

Im Rückblick konnte Nu Metal nur in den Neunzigern entstehen: Die US-amerikanische Rockmusik hatte zwischen Bush Sr. und Jr. außer sich selbst nichts, über das sie sich ernsthaft hätte beschweren können. Erst machte Grunge Wut und Gitarren, HipHop Sprechgesang und Turntables sowie Crossover beides gemeinsam salonfähig. Dann machte ein neuer Haufen junger Wilder, die mit Bands wie Public Enemy, Rage Against The Machine und Slayer aufwuchsen, mit weiten Hosen, großen Klappen und – das unterschied sie von ihr Vorbildern – unpolitischer Attitüde von sich reden. Einer von ihnen: Jonathan Davis, ein ehemaliger Leichenbestatter und langhaariger Dudelsackspieler, der sich und seine Texte nur mit der Droge Prozac aufrecht erhalten konnte. Ein anderer: Fred Durst, ein Tätowierer und Ex-Roadie, der über Dollars und Bitches rappte. Solche Typen gab es bislang nur im HipHop. Korns gleichnamiges Debüt wurde von Metalszene und Mainstream gleichermaßen als Revolution gefeiert, Limp Bizkits George Michael-Cover „Faith“ landete bei MTV in der Heavy Rotation. Weil es dem etablierten Musikbusiness finanziell so gut wie danach nie mehr ging, ließen Majorlabel-Verträge artverwandter Bands wie System Of A Down, Staind oder Disturbed nicht lange auf sich warten.

Auch jüngere Bands hatten die neue Marschrichtung erkannt. Zu Beginn des neuen Jahrtausends, als Korn und Limp Bizkit ihren kreativen Zenit längst überschritten hatten, tourten Linkin Park noch im Vorprogramm von Szenegrößen wie Incubus und den Deftones. Schon mit ihrer ersten Single „One Step Closer“ enterten sie Charts und Radiosender. Ihr Wegbereiter Fred Durst brüstete sich indes damit, in seinem Song „Hot Dog“ 48-mal „fuck“ zu singen und hatte offenbar sonst nichts mehr zu sagen. Dem kommerziellen Erfolg des Genres tat das keinen Abbruch: Jonathan Davis und Korn gingen trotz zuletzt drei peinlich schwacher Alben weiterhin auf Welt-Tournee, Linkin Park avancierten zu Megasellern und füllen auch zehn Jahre nach ihrem Durchbruch Stadien. Limp Bizkit hielten ihr Erbe mit Live- und „Greatest Hitz“-Alben künstlich am Leben. Auf kreativer Ebene ist Nu Metal seit Jahren tot. Wenn Fred Durst und seine Jungs nun in Ursprungsbesetzung und mit neuem Album „Gold Cobra“ trotzdem wieder „am Start“ sind, lässt das nur einen Schluß zu: Das Geld fließt wieder. Für ein bisschen Party und Nostalgie zahlt man doch noch immer gerne.

KONZERTE:
Limp Bizkit, 23.9., 20 Uhr, C-Halle, Tickets 45 Euro, www.limpbizkit.com
Korn, 6.10., 20 Uhr, C-Halle, Tickets 40 Euro, www.modlife.com/korn
Linkin Park, 20.10., 20 Uhr, O2-World, Tickets ab 59 Euro, www.linkinpark.com

(erschienen in: zitty 20/2010)

Frauen, Autotune und Michael Jackson

Der 20-jährige Jason Derulo (in den USA: „Derülo“) gilt als kommender Superstar des US – amerikanischen R’n’B. Wem hat er diesen Erfolg nur zu verdanken?

Hat hier jemand Michael Jackson gesagt? Jason Derulo.

1. „Crush On You“, seinem ersten Song, den er als Achtjähriger auf dem Piano schrieb. Ja, so heißen sonst nur Nummern von Aaron Carter oder Sarah Connors Schwester Lulu. Aber wer weiß, was aus dem kleinen Jason ohne diese richtungsweisende Initialzündung geworden wäre. Balletttänzer, Opernsänger, Schauspieler, Basketballer? Hat er alles probiert.

2. Seiner Herkunft. Derulo stammt aus Haiti und heißt eigentlich Jason Joel Desrouleaux. Aber weil Popstars nun mal nicht so heißen, hat er die Lautsprache gewählt. Inklusive Umlaut – ein bisschen französische Exotik muss schon sein!

3. Dem deutschen Produzenten Fuego (u.a. Aggro Berlin). Zusammen mit J.R. Rotem hat er Derulos Debütsingle „Whatcha Say“ poliert, die daraufhin allein in den Staaten über dreimillionenmal verkauft wurde.

4. Autotune. Dem Vocoder-Gesangssound, der von Cher („Believe“) 1998 so populär wie untragbar und von Kanye West 2008 wieder salonfähig gemacht wurde. Derulos Debüt „Jason Derulo“ kommt kaum eine Minute ohne aus, der Effekt gehört auch bei Kaufhaus-Schmuserappern wie Drake längst zum guten Ton.

5. Den Frauen. „Ich will jemanden mit einem großen Herzen. Wie meine Mom“, sagt Derulo in Interviews. Gerade ist er solo. Die zweite Single „In My Head“ sollte ursprünglich „In My Bed“ heißen. Gegen Groupies hat er nichts, oder wie er es sagt: „I have fun“.

6. Lady Gaga. Der weibliche Superstar der Popmusik nahm Derulo mit auf seine „Monster’s Ball“-Tournee durch Nordamerika. So verschafft man sich Publikum.

7. Usher, Justin Timberlake und Michael Jackson. Derulo war und ist erklärtermaßen großer Fan der drei Herren, hat als Teenager ihre Moves und Songs einstudiert und kopiert ihren Stil bis heute. Und wer weiß, ob er ohne diese Vorbilder nicht ein ganz anderer geworden wäre. Vielleicht Balletttänzer.

Konzert: 16.9., 19 Uhr, Astra Kulturhaus, Berlin-Friedrichshain, Tickets 20 Euro

www.jasonderulo.com

(erschienen in: zitty, 19/2010)

Arcade Fire! Live! Berlin! Sold Out!

Arcade Fire wissen, wie sie Schlagzeilen schreiben. Drei Jahre nach dem epischen „Neon Bible“, das ihnen den kommerziellen Durchbruch und den Ruf als Retter des Indierock bescherte, veröffentlicht das kanadische Kollektiv um das Paar Win Butler und Régine Chassagne im August „The Suburbs“, ein vergleichsweise zurückhaltendes Konzeptalbum über, richtig, Vorstädte. Die Platte chartet in sechs Ländern auf #1, ihren Auftritt beim diesjährigen englischen Reading-Festival stellen Arcade Fire als Dank an ihre Fans und Beweis ihrer Klasse komplett ins Netz (momentan leider wieder verschwunden). Und dann kommen sie plötzlich mit „The Wilderness Downtown“ um die Ecke, einem beeindruckenden, unter Regie von Chris Milk programmierten Google-Street-View- und HTML5-Showcase, das als interaktives Musikvideo zu „We Used To Wait“ und als nostalgische Zeitreise in die eigene Kindheit zugleich funktioniert. Wenn also nicht durch all das, dann hätte man spätestens beim den gestrigen Abend eröffnenden Owen Pallett, dem solo als Final Fantasy agierenden und sich selbst sampelnden Tour-Geiger der Band, wissen müssen, dass auch das seit Monaten ausverkaufte Konzert von Arcade Fire im Berliner Tempodrom (danke, radioeins!) ein erinnerungswürdiges werden würde.

Sie kamen, den Pop zu revolutionieren: Arcade Fire
„Lewis Takes Off His Shirt“ hieß der letzte Song von Pallett, der die wenigen anstrengenden Momente seines Sets vergessen ließ und die Bühne für Arcade Fire frei machte. Pallett stand also 20 Minuten später wieder da oben, aber mit was für einer Unterstützung: Neben ihm geigten, durchweg bezaubernd, Marika Shaw und Sarah Neufeld, und auch der Rest der neunköpfigen Gruppe überbot sich 17 Songs lang in Spielfreude und Ausstrahlung. In den wenigen Momenten zwischen den Stücken, in denen sie sprachen oder durchatmeten, da hätte man fast meinen können, dass da doch nur ein Haufen junger und sehr talentierter Musiker auf der Bühne steht. Schon mit dem frühen ersten Höhepunkt „No Cars Go“ aber machte die Band einen in ihrer Perfektion nachhaltig glauben, sie wäre wirklich nicht von dieser Welt. Allen voran Butler und Chassagne wechselten sie über Akkordeon, Piano, Schlagzeug, Ukulele, Gitarre oder Mikrofon die Instrumente durch wie auf einer Reise nach Jerusalem. Neue Songs von „The Suburbs“, das zeigte sich an diesem Abend auch, stehen ihren Vorgängern in nicht viel nach, bis „Neighborhood #3 (Power Out)“ und „Rebellion (Lies)“ vom Debüt „Funeral“ in sich selbst und dem Ende des Hauptsets gipfelten. Die Musik wurde lauter, das Licht greller, die Blitzlicht-Intervalle kürzer, und wenn im nächsten Moment die Welt implodiert wäre, man hätte eine euphorische Nahtoderfahrung erlebt. Aber es ging ja weiter! Spätestens bei der finalen  Zugabe „Wake Up“ (Butler: „Dankeschon!“) glaubte man dann immerhin zu wissen: Gäbe es einen Soundtrack des Lebens für Gutmenschen, er klänge wie Arcade Fire.

Eine Epiphanie: Arcade Fire, eigentlich aus Montreal, im Berliner Tempodrom

Wenn es keine Blasphemie ist, in der Popmusik von göttlichen Momenten zu sprechen (und wenn Kitsch erlaubt ist), dann erschienen sie einem während dieser 90 Minuten Arcade Fire. Einen Tag später, im Licht betrachtet, war es zumindest immer noch ein sehr gutes Konzert. Eines, das mich nicht nur auf Folgealben namens „The Downtowns“ und „The Deserts“ spekulieren und immer wieder große Lust verspüren ließ, bald noch einmal „Where The Wild Things Are“ anzuschauen. Es belegte auch auf eindrucksvolle Art und Weise, dass in der Popmusik noch längst nicht alles gesagt ist. Und wie viel mehr kann man von einem Popkonzert erwarten?

Flattr this

Wenn der Gavin mit den Streichern

Mit „7th Symphony“ veröffentlicht die finnische Cello-Rockband Apocalyptica ihr siebtes Album – und schlägt gewohnt versiert die Brücke zwischen Gothic-Nische und Mainstream-Metal

Gavin Rossdale ist zurück. Nach zweieinhalbfacher Babypause, Hollywoodausflügen, einem Soloalbum und anhaltendem Celebrity-Dasein als Ehemann von Gwen Stefani kündigt der britische Musiker für den Oktober 2010 ein neues Album seiner in den Neunzigern sehr erfolgreichen und 2002 verschiedenen Grungerock-Band Bush an. Aber darum soll es an dieser Stelle noch nicht gehen. Als Warm-Up nämlich tritt Rossdale auf einer ganz anderen musikalischen Baustelle in Erscheinung: Auf „7th Symphony“, dem siebten Album der finnischen selbsternannten Cello-Rocker Apocalyptica, verleiht Rossdale als Gastsänger der Single „End Of Me“ seine Stimme.

Wer Apocalyptica sagt, der sagt erstmal beziehungsweise immer noch auch Metal und Metallica. Ein Blick zurück: Im Jahre 1996 gründen die klassische ausgebildeten Metal-Fans Eicca Toppinen, Paavo Lötjönen, Max Lilja und Antero Manninen in Helsinki eine Band, mit der sie ausschließlich auf Violoncelli Songs ihrer Lieblingsband Metallica covern wollen. Düster muss es klingen, apokalyptisch, der Name ist also schnell gefunden. Das Ergebniserscheint noch im selben Jahr, heißt „Apocalyptica Plays Metallica By Four Cellos“ und findet gerade wegen seines originären Ansatzes auch außerhalb der Szene großen Zuspruch. Es folgen Besetzungswechsel und Alben, auf denen sie unter anderem Stücke von Slayer, Sepultura oder Faith No More neu inszenieren und vermehrt eigene Songs aufnehmen.


Ihre folgenden Veröffentlichungen und Kollaborationen geraten gerade in Deutschland so grenzwertig wie erfolgreich: Apocalyptica arbeiten mit den Guano Apes, Nina Hagen, Rammstein oder Joachim Witt zusammen. Zu dieser Zeit, zur Jahrtausendwende, ist Crossover als Genre-Bastard in der Rockmusik zwar schon seit einer halben Dekade durch, ihre Alben „Cult“, „Reflections“, „Apocalyptica“ und „Worlds Collide“ schaffen es aber allesamt in die TOP 30 der deutschen Charts, „Apocalyptica“ sogar auf Platz 5. Das haben vor Ihnen nur HIM und The Rasmus geschafft.

„7th Symphony“, ihr neues Album, schlägt folgerichtig einmal mehr die Brücke zwischen Szene und Masse. In der äußeren Ästhetik bedienen sich Apocalyptica weiterhin ihrem Gothic-Image aus schwarzen Klamotten, Kajalstift und Metalrelikten im Schriftzug. Ihre damalige Zugänglichkeit aber – ein „Nothing Else Matters“ bekommt man mit Celli nicht kaputt – haben sie sukzessive über Bord geworfen und an Härte zugelegt. Kein Wunder, wenn sich neben Gavin Rossdale als andere illustre Gäste der legendäre und bei Apocalyptica schon öfter in Erscheinung getretene Slayer-Drummer Dave Lombardo oder Brent Smith von der gerade in den USA angesagten Alternative-Rock-Band Shinedown ins Zeug legen. Genau diese Songs mit Gastsängern aber – vom eher peinlichen „Broken Pieces“ mit Lacey von Flyleaf abgesehen – gehen als solide Mainstreamrocknummern durch, der Rest will Metal sein und ist es mehr als damals – Double-Bass und Gitarren-, pardon, Celli-Soli inklusive. Unterm Lidstrich bleibt zu sagen: Die Fans der zweiten Stunde werden anhand von „7th Symphony“ keine Enttäuschung erleben. Selbiges wird man, so lässt zumindest die Vorabsingle „Afterlife“ erahnen, auch bestenfalls über das Comeback-Album von Bush um Gavin Rossdale sagen können. Aber das ist ja eine andere Baustelle.

Cellometalrock:
Apocalyptica – „7th Symphony“ (Columbia/Sony), 20. August 2010.

www.apocalyptica.com

(erschienen auf: BRASH.de, 20. August 2010)

Im Tal der nackten Männer

Neulich im Radio behauptete der Moderator, dass im Popjournalismus ja jedes Jahr ein neuer Bob Dylan ausgerufen würde. Erst musste ich an die NBA denken, die immer noch auf den nächsten Michael Jordan wartet. Dann an die argentinische Nationalmannschaft, deren Messi bis jetzt auch noch nicht einem (aktiven) Diego Maradona gleicht. Und dann hörte ich den Künstlernamen des Mannes, der die Dylan-Referenz provoziert hatte und dem es laut Moderator „an Selbstbewusstsein nicht mangeln kann“: Tallest Man On Earth. Hinter diesem Pseudonym steckt der schwedische Songwriter Kristian Mattson. Im Frühjahr hatte Mattson sein zweites Album „The Wild Hunt“ veröffentlicht. Kombiniert mit dem darauffolgenden Song, der da aus dem Radio kam und sich hörbar unwohl gefühlt haben muss, wurde mir schnell der doppelte Boden dieser Namenswahl bewusst: Da oben muss es ganz schön einsam sein. Und warum sollte ich mir Songwriter anhören, wenn sie nicht entweder von Einsamkeit, Melancholie und den üblichen Wirrungen des Lebens, von Dir und mir und der Liebe, von oben und unten, von der bösen Welt, von all diesem emotionalen Kram singen – oder die tollsten Geschichten der Welt erzählen? Eben.

Als kleine Empfehlung für das, was nach dem Sommer kommt, hier also eine kleine, unsortierte und je nach Maßstab jederzeit erweiterbare Auswahl meiner Lieblings-Songwriter der letzten Jahre, von denen ich nicht behaupte, sie seien die Nachfolger von Bob Dylan oder irgendwem. Sie sind plötzlich einfach da gewesen.

Justin Vernon (Bon Iver) – „For Emma“ (a-cappella mit Band im Treppenhaus):

Sufjan Stevens – „John Wayne Gacy Jr.“:

(vom letzten „richtigen“ Album „Illinoise“, 2005)

J. Tilman – „Jesse’s Not A Sleeper“:

(Fleet Foxes-Drummer, vom dritten Soloalbum „Minor Works“, 2006, leider nur mit plapperndem Publikum live zu finden)

Dallas Green (City And Colour) – „The Girl“:

(Alexisonfire-Sänger und -Gitarrist)

Damien Rice – „Rootless Tree“ (mit Lisa Hannigan, live):

Glen Hansard & Marketa Irglova (The Swell Season)- „When Your Mind’s Made Up“:

(vom „Once“-Soundtrack, live)

Pete Yorn – „Crystal Village“:
Pete_Yorn_Crystal_Village

Rocky Votolato – „Suicide Medicine“:

Ryan Adams – „My Winding Wheel“:

Elliott Smith – „Angeles“:

Ben Harper – „Amen Omen“:

(live im Hollywood Bowl, 2003)

Ben Folds – „Magic“:

Antony & The Johnsons – „Cripple & Starfish“:

Gisli – „Worries“:

(ohne Video, von seinem meines Wissens nach bislang einzigen, sechs Jahre alten Album „How About That“)

Nichts zu danken.


(Disclaimer: Der Titel dieses Eintrags ist übrigens auch der Titel einer Hommage des deutschen Liedermachers Tom Liwa an seine Heimatstadt Duisburg, in der ich auch drei Jahre gelebt habe)


Ein Pilgerleben

Gestern vor zehn Jahren sind bei einem Auftritt von Pearl Jam in Roskilde neun Menschen gestorben. Gestern hat mich Eddie Vedder persönlich daran erinnert. Mit Tränen in den Augen und der Rotweinflasche in der Hand. Es war das vierte Konzert von Pearl Jam in der wunderbaren Berliner Wuhlheide, und eigentlich war alles wie immer: Die Show war seit Monaten ausverkauft, 18000 Menschen aus der ganzen Welt, darunter Gruppenreisende aus Italien, Spanien oder Polen, Die Hard-Fans, die für eine Tour ihrer Lieblingsband ihren Jahresurlaub in Anspruch nehmen, trafen sich bei über 30 °C im Schatten schon mittags, um ihre alten Helden, ihre eigene vergangene Jugend und somit auch sich selbst zu feiern. Und weil eine der größten und aufrichtigsten Rockbands der Welt sich in meiner jugendlich unverdorbenen Wahrnehmung nicht nur das Venue ihres Gastspiels, sondern auch die Vorbands aussuchen kann, spielte um 18:30 Uhr schon ein gewisser Ben Harper auf und an seiner Lapsteel-Gitarre herum. Zwischendurch lud Harper seinen Kumpel Eddie auf die Bühne, und beide coverten gemeinsam Queens „Under Pressure“. Und weil ich in dem Moment gar nicht wusste, wie sehr Pearl Jam tatsächlich unter Druck gestanden haben müssen, fühlte ich mich lediglich darin bestätigt, was ich schon vorher wusste: Das wird ein guter Abend.

Ben Harper und Eddie Vedder unter Druck

Wie sich das für Lieblingsbands gehört, könnte ich jetzt über Pearl Jam viele persönliche und unpersönliche Geschichten erzählen. Wie ich 2006 vom Ruhrgebiet bis nach Berlin fuhr (Fanclubs wie der Vitalogy Health Club werden über solche Lappalien nur müde schmunzeln), den Weg fast ohne Hilfe fand (siehe Foto oben) und auch deswegen so froh war, weil ich bei ihrer „No Code“-Tour 1996 als 15-Jähriger NICHT nach Berlin oder Hamburg fahren durfte (EinsLive übertrug damals von Radio Fritz, ich kann dank Kassettenrekorder jede Moderation mitsprechen). Wie ich nach diesem Konzert bis 6 Uhr morgens im Magnet Club war, nur um zwei Tage später zu erfahren, dass Eddie Vedder, dank seines Bodyguards angeblich unübersehbar, ebenfalls dort abhing, um sich die Black Keys anzusehen. Wie ich mir 2003 am ersten Tag des australischen Vorverkaufs um Punkt 9 Uhr mein Online-Ticket für Melbourne sicherte, nur um damit unter die Hallendecke der Rod-Laver-Arena verdammt zu werden. Wie ich mir wann und wo welches Album kaufte, wie es mir davor und danach ging und wie das Wetter war. Oder wie ich bei Rock Am Ring 2000 Pearl Jam zum ersten Mal live sah – rund drei Wochen, bevor Roskilde passierte.

Es sind solche Geschichten, die Lieblingsbands ausmachen. Geschichten, die man selbst gerne erzählt und die doch nur den interessieren, der sie auch erzählen könnte. Mehr als solche Peripherien sind es aber die Momente, die einen Unterschied machen. Wenn in Melbourne trotz aller Sicherheitsvorkehrungen ein Kerl auf die Bühne rennt, Vedder bei „Bushleaguer“ die George W.-Maske klaut und Vedder selbst die Securitys zur Entspannung auffordert und den Flitzer auf die Schultern nimmt. Wenn gestern Abend statt eines erwartungsgemäßen Ben Harpers plötzlich Peter Buck und Scott McCaughey von R.E.M. auf die Bühne kommen und mit Pearl Jam „Kick Out The Jams“ von MC5 dahinbrettern (sie waren wegen ihrer neuen Band Tired Pony in der Stadt, vermute ich). Wenn 18000 Kehlen „Black“ mitjaulen und diesen Song trotz „Dudududuudududuuuu“-Lauten einfach nicht kaputt kriegen. Näher können sich Leidenschaft und Wirtschaftsunternehmen, das eine Band und Marke wie Pearl Jam auch längst ist, nicht sein, zumindest habe ich das noch nicht erlebt. Oder wenn einer auf dem Höhepunkt des Sets sagt, dass heute vor zehn Jahren vor seinen Augen neun Menschen zu Tode getrampelt worden sind, nur weil Boxen ausfielen und die hinteren Reihen ihre Lieblingsband hören wollten (über diese Gründe sprach er natürlich nicht). Vedder fragte vorher schon, ob es allen gut ginge, ob jeder bitte auf seinen Nebenmann achten könne. Aber seit Roskilde sagt er das immer. Danach wollten sie schließlich eigentlich nur noch bestuhlte Konzerte spielen.

Es wurde ruhig in der Wuhlheide, es wurden Feuerzeuge gezückt und nach einer Gedenkminute von ungefähr 20 Sekunden fegten Mike McCready, Stone Gossard, Jeff Ament, Matt Cameron, Boom Gaspar und Eddie Vedder mit dem Doppelschlag „Comeback“ / „Alive“ alle Zweifel hinweg: Dieser Moment der Erinnerung an einen anderen Moment, der alles veränderte, hat die Stimmung des Abends nicht gedrückt. Im Gegenteil: Er hat aus einem außerordentlich soliden, zweieinhalbstündigen Konzert, auf dem es längst nicht mehr um gespielte oder nicht gespielte Songs ging, ein besonderes gemacht. Pearl Jam bleiben noch ein bisschen, ich habe mir wieder ein T-Shirt gekauft.


“Ich möchte keine Stripperin sein”

Ein Blind Date mit Juliette Lewis? Keine Angst, nichts unterhaltsamer als das: „Quentin, Brad, Omar, Dave“ – die singende Schauspielerin, Ex-Tarantino-Göre und, nun ja, bekennende Scientologin kennt sie alle. Da darf Lewis auf „Terra Incognita“, ihrem ersten Album ohne The Licks, gerne wieder eigene Sache machen.

Fantomas – „Cape Fear“

Juliette Lewis (imitiert die Gitarre): Daa daa daa daa… Oh mein Gott, das ist der Cape Fear-Soundtrack! In einer Metalversion, wie ein Rockoper. Wahnsinn, diese Chords sind wirklich sehr metal! Ist das Judas Priest? Ich möchte wissen, wer diesen Sinn für Humor besitzt, den Cape Fear-Soundtrack so zu arrangieren.

ME: Mike Patton mit Fantomas. Vom 2001er-Soundtrack-Cover-Album “Directors Cut”.

Lewis (klatscht in die Hände): Oh shit. Ich bin tief beeindruckt von diesem Menschen. Seit ich denken kann, will ich ihn treffen. Er ist so radikal, fast wie von einem anderen Planeten. Ich mag Patton, weil er all seinen verrückten Ideen nachgeht. Er hat eine ganze Symphonie in seiner Stimme.

Oskar Sima, Willi Fritsch, Paul Kemp – „Ich wollt ich wär ein Huhn“

Lewis: Klingt wie deutsche Musik aus den Dreißigern oder Zwanzigern. Das ist schön. Dieses Horn…

Der Song heißt übersetzt soviel wie „I wish I was a chicken“.

Lewis: DAS hätte ich nie erraten!

Und er ist Teil des neuen Tarantino-Soundtracks. Gestern feierte „Inglourious Basterds“ Premiere, gleich hier vorne am Potsdamer Platz.

Lewis: Ich weiß, das wäre eine schöne Reunion mit Brad und Quentin geworden! Ich bin aber letzte Nacht erst spät angekommen und habe erst dann davon erfahren. Quentin hat die Beziehung von Musik und Dramaturgie im Film verstanden wie kein anderer. Er pusht unbekannte Musik und hat einen ausgezeichneten Geschmack.

Vincent Gallo – „Honey Bunny“

Lewis: Klingt ein bisschen wie Vincent Gallo.

Ist es auch.

Lewis (frenetisch): Ist es? Oh mein Gott! Für gewöhnlich singt er mit einer höheren Stimme. Trotzdem dachte ich intuitiv an ihn: Er hat eine so süße Stimme, weich, wie ein Crooner aus den Fünfzigern. Vincent hat mich längst getoppt: Er hat rund fünf Karrieren, ich nur zwei. Er ist auch ein guter Maler und ein Model. Er ist Avantgarde.

At The Drive-In – „Sleepwalk Capsules“

Lewis: Das sind At The Drive-In, oder? Klingt ein bisschen wie Rage.

Mit dieser Platte hätten sie die Größten werden können.

Lewis: Ich weiß Bescheid! Mit Omar habe ich sehr viel darüber geredet. Er ist einer der seltenen Spezies: Er trifft radikale Entscheidungen, wird für eine Sache bekannt und macht prompt was komplett Neues. Oh, das ist ein guter Breakdown gerade…

Er produzierte Ihr Album „Terra Incognita“. Wie kam es dazu?

Lewis: Ich brauchte für mein neues Album einen besonderen Produzenten, der in mir nicht nur die Rock’n‘Roll-Sängerin sieht. Ich musste ihm meine Vision anvertrauen können, denn du willst niemanden, der dir nur seinen Stempel aufdrückt. Wir beide sehen Sounds visuell, er versteht meine musikalische Sprache. Anfangs dachte ich, er wäre eine Liga zu hoch für mich. Aber uns verbindet etwas.

The Prodigy – „Run With The Wolves (feat. Dave Grohl)“

Lewis (nach zwei Tönen): The Prodigy!? Yeah! Das erkannte ich wegen ihrer Beats. Ist das vom neuen Album?

Ja, und Dave Grohl spielt Drums.

Lewis: Ach ja, Dave erzählte mir, dass er an Tracks für The Prodigy arbeitet. In dieser Musik geht es vor allem um Hooks und Wiederholung, nicht um Verse und Chorus. Ich will dieses Album auf der Stelle haben. Niemand macht Beats wie The Prodigy. Ich will irgendwann mehr elektronische Musik mit fetten Beats machen. Das will ich schon, seit ich auf The Prodigys letztem Album mitgemacht habe.

The Dead Weather – „Treat Me Like Your Mother“

Lewis: Ich kenne diese Echo Drums. Und jetzt klingt das wie Led Zeppelin. Die neue Mars Volta? Oh, ich weiß: The Dead Weather! Dean Fertita ist ein Freund von mir! Und Jack White spielt Drums. „Dananana“, das ist so Lep Zeppelin! Ich mag die Vibes. White folgt seiner Leidenschaft und lässt uns ihm folgen. Er fragt nicht: Kann ich oder kann ich nicht?

Ihr Song, Juliette, „Hard Loving Woman“ erinnert mich an Jack White.

Lewis: Das nehme ich als Kompliment. Neben Omar ist Jack White für mich der Elvis seiner Generation. Er hat Charisma auf der Bühne, und als Gitarrist seinen eigenen Style aus Blues und Rock’n‘Roll. Omar als Gitarrist ist wie ein Gott. Er bricht alle Regeln und kreiert eine neue Sprache. The Dead Weather inspiriert mich auch, weil ich mit Alison Mosshart eine neue weibliche Stimme höre, die ihren eigenen Style kreiert. Da gibt es heute nicht mehr viele von.

Joe Cocker – „With A Little Help From My Friends“

Lewis: Joe Cocker. Ich spielte mal mit ihm auf einem Festival. Das ist… lass uns erstmal zuhören! Ach, so schön. Er singt heute noch genauso.

Sie wissen, warum ich Ihnen das vorspiele?

Lewis: Nein…

In der Serie „Wunderbare Jahre“ haben Sie Anfang der Neunziger Delores, die Freundin von Wayne Arnold, gespielt. Der Song war die Titelmelodie.

Lewis: Oh, stimmt ja! Die meisten Leute wissen nicht, dass ich dort mitspielte. Wissen Sie, warum Delores immer Kaugummi kaute? Weil ich beim Vorsprechen Kaugummi kaute und damit rumgespielt habe. Danach schrieben sie den Kaugummi zu meinem Charakter ins Drehbuch! Ich verbinde mit dem Song aber andere Dinge: Mein Vater führte mich an die Großen heran. Joe Cocker, Janis Joplin oder The Who. In meinem damaligen Traum von Rock’n‘Roll stand ich an der Seite einer Bühne, guckte mir Joe Cocker an und trat dann im selben Line-Up auf. Irgendwann kam es so!

Bruce Springsteen – „The Wrestler“

Lewis: Oh, wow. Manche Texte treffen mich wie ein Schlag. Es gibt Menschen, die schreiben oder malen und das Ergebnis wird spürbar lebendig. Bei anderen sind die Texte völlig egal, wie bei Radiohead. Da geht es um den Sound. „Yesterday I woke up sucking a lemon in my head“ – was soll das bedeuten? Conor Oberst oder Bob Dylan aber erzählen dir Geschichten. Ich schätze beide Ansätze, schreibe selbst aber lieber in Metaphern.

Mochten Sie den Film „The Wrestler“?

Lewis: Oh ja. Ich mag, wie ehrlich alles ist. Aber ich möchte keine Stripperin sein.

Juliette Lewis – „Terra Incognita“ (Roadrunner / RoughTrade), 28. August 2009.

www.juliette-lewis.com

(erschienen in: Musikexpress, 09/2009)

„Es werden viel zu viele mutlose Platten gemacht“

Popmusik, eine Gratwanderung: Virginia Jetzt! veröffentlichen ihr neues Album „Blühende Landschaften“ und sprechen im Blind Date mit dem Musikexpress über Jochen Distelmeyer, die Münchener Freiheit und den Mut zu Kitsch und Indieschlagern. Was zu dieser Zeit noch niemand wusste: Im Mai 2010 würden sich Virginia Jetzt! auflösen.

Blumfeld – „So lebe ich“

Alle (vorm ersten Ton): Blumfeld!
Mathias Hielscher: „So lebe ich“. „Old Nobody“, Lied neun. Wegweisendes Album für uns. Auf unseren letzten drei Platten war immer ein Blumfeld-Moment drauf.

Thomas Dörschel, Mathias Hielscher und Nino Skrotzki. Nicht am Tisch: Drummer Angelo Gräbs.

ME: Wie klingt der?

Thomas Dörschel: Nur eine bestimmte Textzeile, eine Akustikgitarre, Schlagzeug, weicher Gesang. Seit „Old Nobody“ war ich nie mehr richtig aufgeregt, eine neue Platte das erste Mal zu hören.
Nino Skrotzki: Früher habe ich immer meine Eltern belächelt, die ständig sagten, das klänge doch wie die und die Band. Heute denke ich das oft selbst.
Thomas: Blumfeld kam bei uns gerade so rausgeschossen, weil wir damit gerechnet haben. Und wenn bei uns ein Blumfeld-Moment drauf ist, dann beim ersten Lied „So schlägt mein Herz“.
Nino: Bei der Platte mussten sich Blumfeld ja auch viel Kritik anhören wegen des weichen Sounds.

War es nicht Jochen Distelmeyer, der daraufhin gegen Deutschpopbands wie Euch gewettert hat?

Mathias: Eher gegen eine allgemeine Deutschtümelei. Das bezog sich im Nachhinein gar nicht auf uns direkt. Ein Bekannter, der mit Distelmeyer aufgenommen hat, sagte neulich zu mir: „Ach, der mag Euch ja richtig.“

Herbert Grönemeyer – „Halt mich“

Mathias: Elton John?
Thomas : (Gesang setzt ein) Herbert! Wegen „Halt Dich an mich“?

Und weil dieser Song ein Paradebeispiel für die hohe Kunst des unpeinlichen Liebeslieds ist.

Mathias: Gänsehaut. Unfassbar echt. Der sitzt nicht auf einem Turm, sondern macht Fehler wie wir alle.
Thomas: Grönemeyers Saxophonist Frank Kirchner hat übrigens auch auf unserem Album gespielt.

Element Of Crime – „Death Kills“

Mathias (noch vorm Gesang): Element Of Crime? Neue Platte? Nein?
Thomas: Ach, das ist von einer der beiden englischen Platten von früher. Auch nicht? B-Seite?

Vom letztjährigen Soundtrack „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“. Regeners erste englischen Songs seit rund 20 Jahren.

Thomas: Was deutschsprachige Texte angeht, sind Element Of Crime – mit einigen anderen – das Maß aller Dinge. Seine eigene Art hat Regener auf den letzten 25 Alben konsequent durchgezogen, großartig.

Waren englische Texte für Euch jemals eine Option?

Mathias: Wir haben englisch angefangen. Oder eher mit dem, was im Osten als englisch durchgewunken wurde.
Nino: In Poptexten ging es hauptsächlich um Phonetik, kaum um Inhalte. Es ging um Popmusik und Wohlklang.
Thomas: Es gab keine Poesie. Man spielt ja auch das, womit man aufwächst. Wir haben immer auch viel deutsche Musik gehört. Ich könnte mir uns auch auf englisch vorstellen. Aber wir sind nicht vermögend darin, das zu leisten.
Nino: Wir sind mit der Hamburger Schule aufgewachsen, wo vieles sehr kryptisch und sperrig war. Vieles ist in die Alltagssprache übergangen. Wegen Tocotronic. Empfindungssachen wurden rausgerufen. Dann kam HipHop. Und wenn du heute eine Band gründest, ist es nicht mehr sehr unique, deutsche Texte zu machen.

The Killers – „I can’t stay“

Alle: Killers.
Mathias: Der Mut auf ihrer neuen Platte war tatsächlich auch für uns ein Ansporn. Ein Ansporn zu Saxophonsolos, zu Mike Oldfield-Glocken. Was die sich trauen!
Nino: Die wollten auf ihrer zweiten Platte viel zu viel.
Mathias (lacht): Wir wollten aber auch viel zu viel!
Nino: Das klang wie Wolle Petry, nur besser produziert. Und dann den Mut zu haben, sich dem zu stellen, war analog für uns.
Mathias: Es werden viel zu viele mutlose Platten gemacht.
Thomas: Der Mut, kitschige Sachen zu machen, die erst einmal über die Grenzen des guten Geschmacks hinausschießen, finde ich stark.

Ist “Blühende Landschaften” mutig?

Nino: Auf jeden Fall für uns. Es gab Stellen, an denen wir uns fragten, ob man das wirklich bringen kann. Vor zwei Jahren hätten wir mit “nein” geantwortet.
Mathias: Wir haben uns lange gegen den Begriff Indieschlager gewehrt. Bis andere Bands sagten, wie cool das ist, einen eigenen Begriff zu etablieren. Seitdem versuchen wir nicht mehr, jemand anderes zu sein.
Nino: Pop ist unsere Stärke. Nicht Rock. Früher waren wir Everybody’s Darling in Indieland. Mit “Ein ganzer Sommer” dann kam all der Hass. Im Endeffekt hätten wir es nicht anders machen sollen.
Mathias: Wann kommen denn die Beatles?

Münchener Freiheit – „Ohne Dich“

Thomas: Logisch!
Mathias: Wahnsinn. Unsere Lieblingsband, noch vor Blumfeld, vor Tocotronic, vor den Ärzten. Ich sehe mich noch als Achtjähriger mit meiner Cousine im Wohnzimmer stehen und das Lied kommt im Radio. Schon wieder Gänsehaut. 20 Jahre später spielt Stefan Zauner, der Typ also, den ich damals total super fand, auf unserer Platte mit, wir arbeiten mit ihm. Die haben ja selber gesagt: „Solange man Träume noch leben kann“.
Thomas: Diese Band ist ja eindeutig mit dem Schlagersegment behaftet. Aber es muss etwas dran sein, wenn alle Menschen die Augen weiten, die Mundwinkel nach oben ziehen und das Radio lauter drehen. Wahnsinns-Songwriting, Hut ab vor den Texten, auch wenn die manchmal, das muss auch ich sagen, übers Ziel hinausgeschossen sind. Was sie von vielen anderen Schlagerpopbands der Achtziger unterscheidet: Sie haben sich nicht an mittelmäßigen Bands orientiert, sondern an den Beatles, den Bee Gees, Beach Boys, das hört man. Ausgefuchste Arrangements, die Chöre, Wahnsinn. Harmonisch eine Offenbarung.
Nino: Mit 20 hätten wir auch nicht gesagt, dass die Münchener Freiheit das Maß aller Dinge sind. Das kommt erst aus einem gewissen Selbstbewusstsein heraus. Wenn du so was sagst, sagst du ja vermeintlich mehr über dich aus. Dass du auch Heinz-Rudolf Kunze magst und so.

Jupiter Jones – „Nordpol/Südpol (feat. Jana Pallaske)“

Nino: Kettcar? Muff Potter? Ist aber deutsch? (Gesang setzt ein) Heinz-Rudolf Kunze? Die Stimme klingt ja nicht so indie. Eher so Laith Al-Deen-mäßig.
Thomas: Doch die ist schon indie… aber wer das ist?

Ihr habt garantiert schonmal mit denen gespielt. Fangen mit J an.

Nino: Jupiter Jones?! Wirklich?

Mit „Holiday In Catatonia“ sind sie gerade in die Charts eingestiegen.

Mathias: Wenn die nicht tätowiert sind… Jeder Punk entdeckt, dass da ein vierter Akkord ist!
Nino: Man kann ja auch nicht ewig Punkrock machen.
Thomas: Kann man schon! Der einzigen Band, der ich diesen Wandel nicht verzeihen würde, wären Motörhead.

Rio Reiser – „Junimond“

Mathias: Schon wieder Gänsehaut.
Nino: Viele finden den Song ja so verheizt. Aber der ist unkaputtbar. Ich fand auch die Version von Echt super.
Thomas: Auch Reiser hat seine Steinwerfersongs irgendwann gegen Liebeslieder eingetauscht.

Ist er der beste Songschreiber Deutschlands?

Nino: Nein. Einer von denen. Aber dazu gehört auch Stefan Zauner.
Thomas: Grönemeyer. Regener. Holofernes. Udo Jürgens. Stephan Sulke.

Olli Schulz – „Bloß Freunde“

Mathias: Oliver Schulz.
Thomas: Ich muss dringend pinkeln, hat aber nix mit Oliver Schulz zu tun.
Mathias: Ich auch! Zugegeben: Ich finde Schulz persönlich sympathisch, habe aber mit der Musik Probleme. Ich weiß nicht, was das alles soll. Natürlich ist das Leben genauso lustig wie traurig, so verstehe ich auch seine Musik. Für mich hat er sich mit „Bibo“ beim Bundesvisionsongcontest selbst auf den Punkt gebracht. Das ist die Olli Schulz-Essenz. Konsequenterweise müsste er zwei Bands machen. Die würde ich dann auch beide hören.
Nino: Olli hat damals unseren Spruch geklaut: „Ohne proben ganz nach oben“. Da hatten wir sogar Patent drauf angemeldet. Haben uns aber bereits gerächt dafür…
Mathias: Kommen jetzt die Beatles?

Virginia Jetzt! – „Das Beste für Alle“

Mathias: Endlich! Die Beatles des Ostens! Lange nicht mehr gehört.

Könnt Ihr Euch gut Eure alten Songs anhören?

Thomas: Den hier nicht. Das ist kein Lied mit einem großen Haltbarkeitswert. Dafür mit vielen Fehlern.
Nino: Ich war beeindruckt, wie anders Mieze das damals eingesungen hat. Bei uns herrschte Aufbruchsstimmung.

Ihr singt: „In jedem Falle wär‘s das Beste für alle wenn endlich was geschieht auf dem Gebiet der Rockmusik“. Was ist seitdem passiert?

Mathias: Es sind verdammt gute Platten rausgekommen: Tomtes „Hinter all diesen Fenstern“, Wir Sind Helden, zum Beispiel. Auch bei uns ist was passiert.
Nino: Natürlich war das damals augenzwinkernd. Wir waren keine harte Rockband, wir kamen aus bürgerlichen Verhältnissen. Es ging um ein anderes Selbstverständnis. Wir nahmen unsere Musik ernst, aber nicht uns.
Thomas: Wie Nino sang: Schluss mit diesen Eitelkeiten, diesen Ellbogen, diesem Szenedenken.
Mathias: Was haben Tocotronic im Osten nur angerichtet?


Virginia Jetzt! – „Blühende Landschaften“ (Motor/ RoughTrade), 28. August 2009.


www.virginia-jetzt.de

(in gekürzter Fassung erschienen in: Musikexpress, 08/2009, Seite 26)

Das dreckige Dutzend: Pssst!

Minimal Folk mit Cher-Effekt: Neues von traurigen Amerikanern

Ein Popstar, der vor 30 Jahren noch undenkbar gewesen wäre, wurde in Amerika gerade inthronisiert. Ein Hauch von change aber weht nicht erst seit der Präsidentenwahl auch über das popmusikalische Amerika. Eine Repolitisierung des Hip-Hop war zu beobachten. Und jüngere linksorientierte Songwriter, allen voran Ryan Adams oder Conor Oberst, berufen sich auf den Country.

Ben Kweller, gebürtiger Texaner und mit 28 Jahren einer der jüngsten dieser Generation, treibt die Sache auf seinem neuen Album „Changing Horses“ (ATO, 2009) auf die Spitze. Vom rumpelnden Nachwuchs-Slacker des New Yorker Anti-Folk ist nur noch die schrullige Lausbübigkeit geblieben. Seine pubertierende Punkband Radish wurde noch – zu Unrecht – unterschätzt; erfolgreicher waren seine Experimente mit Radiopop. Nun also Country. Er jault, tänzelt wie ein Däumling auf der Pedal Steel-Gitarre, stolpert über den Kontrabass und streicht die Snares mit Besen. Country eben. Den Musiknomaden rettet, dass er trotz aller musikalischer Expertise den Eindruck macht, er erfülle sich vor allem einen Kindheitstraum. Demnächst vielleicht mit einem Metal-Album?

Von Krach oder Euphorie nicht weiter entfernt sein könnte hingegen J. Tillman. Warum sein europäisches Debüt und eigentlich fünftes Soloalbum „Vacilando Territory Blues“ (Cooperative, 2009) dennoch ein hoffnungsvolles ist, weiß nur, wer vor rund drei Jahren die Moll-Ode „Minor Works“ (Fargo Records, 2006) in dunklen Nächten lieben lernte. Josh Tillman ist hauptberuflich Schlagzeuger der zuletzt ausgiebig gefeierten amerikanischen Band Fleet Foxes. Er stammt also aus Seattle, der, 15 Jahre nach Grunge, neuen heimlichen Indierock-Hauptstadt. Tillman aber spielt leise, entschlackt den Folk seiner Band von jeder Leichtigkeit. Es bleiben allein seine Gitarre, ein Tamburin und seine glühwarme Schlafzimmer-Stimme. Maximale Nahbarkeit mit minimalen Mitteln – eine (in der Wirtschaft unmögliche) Erfolgsformel im Folkpop?

Noch besser macht es derzeit vielleicht nur Justin Vernon. Das große stille Debüt „For Emma, Forever Ago“ (4AD / Beggars, 2008) seines Projektes Bon Iver war wahrscheinlich der populärste Geheimtipp aller Jahresbestenlisten 2008. Jetzt legt Vernon mit der EP „Blood Bank“ nach und spielt darauf immerhin so gefasst, dass er, der selbst von Amor so Angeschlagene, das Anschlagen der Saiten seiner Akustischen nicht vergisst. Die Finger kratzen übers Griffbrett, der Gesang hallt aus dem Jenseits, als sei Vernon eine multiple Persönlichkeit. So schön wäre Minimal Folk, wenn Vernon mit Bon Iver dem Genre nicht noch einen zweischneidigen Gefallen täte: Er etabliert den von Kanye West wieder salonfähig gemachten Cher-Effekt, also seltsam flatternden, elektronisch manipulierten Gesang, in einem fast rein akustischen Genre.

Nur dem Gutmenschen Ben Lee ist all das immer noch zu traurig. Kein Wunder, er hat als Großstadt-Australier naturgemäß mit amerikanischer Befindlichkeit und der von Ben Folds besungenen „Redneck Past“ nur weit am Rande etwas am Hut. Gemeinsam mit Kweller und Folds tourte er als The Bens durch die Lande. Zuletzt coverte er Punkrockalben und schlug mit dem Song „What Would Jay-Z Do?“ die Brücke zwischen Hip-Hop und Singer/Songwriter-Musik so elegant wie kein zweiter. Seinem Image als braver Junge schadete es nicht, deshalb polarisiert er mit „The Rebirth Of Venus“ (New West, 2009) auf seine Art erst Recht: „I love pop music“ singt er und lässt in eben dieser Single auch prompt umweltpolitische Ansagen vom Stapel, die man von Popsängern nicht unbedingt hören möchte. Der Rest bleibt erwartungsgemäß gefällig und Lee ein heimlicher Exot unter den 2009 gar nicht mehr so traurigen Songwritern. Es liegt natürlich auch an seiner Herkunft, wenn er die charmante Nichtigkeit seiner Lieder auf den Punkt bringt: „What’s so bad about feeling good?“ So weit wird es bei seinen amerikanischen Kollegen hoffentlich nie kommen.

(erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Seite 12, Feuilleton, 13. März 2009)