59 Ergebnis(se) werden angezeigt

„Die verrücktesten Ideen für ‚Jackass‘ wurden noch immer gedreht“: Johnny Knoxville und Jeff Tremaine im Interview

Fremdschmerz und kein Ende: Auch im dritten Kino-Teil aus dem Hause „Jackass“ bleibt alles beim Alten. Trotz 3D. Protokoll eines Gruppeninterviews.

Die gute Nachricht aus dem Jackass-Franchise ist auch die schlechte: Es hat sich absolut nichts geändert. Das simple Erfolgsrezept, mit dem Johnny Knoxville und seine ach so durchgeknallten Freunde 2001 erst das Format Reality-TV auf eine neue Ebene hievten und damit MTV von einem Musik- in einen Showsender mitüberführten, wurde über die Filme „Jackass – The Movie“ (2002) und „Jackass 2“ (2006) bis hin zum neuen „Jackass 3D“ geschleppt: Fremdscham, Fremdschmerz, Fremdekel, Freakshow. Profiskater, Stuntmen und Schauspieler zünden ihre Furzluft an, trinken den Schweiß des übergewichtigen Kollegen, bauen einen menschlichen Kotvulkan in eine Modelleisenbahnlandschaft, lassen ein Schwein einen Apfel aus dem Hintern eben jenes dicken Kollegen naschen, kotzen um die Wette oder treten sich zwischen die Beine. Sie spielen die kleinen anarchischen Jungs, vielleicht sind sie es auch trotz ihres sichtbaren Alters tatsächlich. Lustig ist das leider manchmal immer noch.

Dem öffentlichen Interesse tun diese nichtvorhandenen Neuigkeiten keinen Abbruch: Zur Deutschland-Premiere von „Jackass 3D“ ließen Johnny Knoxville und Regisseur Jeff Tremaine zu Gesprächen laden – mit jeweils zehn Journalisten innerhalb von 20 Minuten Massenabfertigung. Protokoll einer Pressekonferenz.

Homoerotischer Fäkalhumor als Erfolgsrezept: Johnny Knoxville, Bam Margera und Jeff Tremaine bei der Premiere von "Jackass 3D" in Berlin


Mr. Knoxville, Mr. Tremaine, Sie sind heute den ganzen Tag in Berlin unterwegs – schon Spots für neue Stunts entdeckt?

Jeff Tremaine: Wir waren heute Morgen im Verlagshaus einer großen Zeitung, da gab es diese Aufzüge ohne Türen, die nicht stoppen. Da macht sich so ein Fahrgast ganz schön verletzlich! (grinst)

Johnny Knoxville: In diesen Teilen können dir viiiiele schlechte Dinge passieren.

Sind Sie angstfrei?

Knoxville: Nein, ich bekomme schon Angst. Ein kleiner Mann in mir sagt: „Hahaha! Lache!“ In allen Drehs habe ich Angst, blende sie aber aus, in dem ich an das lustige Videomaterial denke, was dabei herauskommen wird.

Tremaine: Ich kann Ihnen sagen: All diese Typen bekommen es regelmäßig mit der Angst zu tun, das sehe ich denen immer wieder an!

Knoxville: Wir sind die am wenigsten machohaften Stuntmen der Welt. Wir haben nicht mal Angst, zu weinen!

(zwei gezapfte Biere werden den Herren an den Tisch gebracht)

Haben Sie gelernt, den Schmerzreflex zu umgehen?

Einer geht noch: Johnny Knoxville bei der Berliner Premierenfeier zu "Jackass 3D" (Zoom durch Klick)

Knoxville: Sie meinen dem Kampfinstinkt? Wenn der behornte Bulle auf dich zugerannt kommt? Der Performer in mir will wegrennen, aber der Produzent in mir sagt, dass ich besser still stehen bleibe.

Es muss einen Moment in Ihrem Leben gegeben haben, an dem Sie mit dem Training dafür begonnen haben.

Knoxville: Es gibt kein Training, es gibt nur den Gedanken: „Du willst Videomaterial? Bleib stehen. Du willst keines? Renn!“

In welchen Situationen klinken Sie sich aus?

Knoxville: Wir sind neun Typen. Wenn einer eine Aktion nicht durchziehen will, wird sich ein anderer finden. Für gewöhnlich bin ich der Typ für…

Nein, alltägliche Situationen, in denen Sie den Schwanz einziehen.

Knoxville (überlegt): Ich weiß nicht. In der Regel halte ich mich nirgends gerade zurück.

Tremaine: Ich kann mich zumindest an kein Beispiel erinnern.

(die Biergläser sind leer)

Gibt es Dinge, die Sie niemals tun würden?

Knoxville: Da gibt es tonnenweise Dinge, klar. Zum Beispiel…Ähm… (Gelächter) Was wir im Team versuchen, ist: Wir wollen wie die größten Trottel von allen aussehen.

Tremaine: Der Spirit bei allem was wir tun ist uns sehr wichtig. Je lächerlicher etwas ist, desto positiver ist es auch für uns.

Knoxville: Positiv dumm!

Tremaine: Ja, der Erfolg von „Jackass“ rührt daher, dass die Leute positiv darauf reagieren, nicht negativ. Sie lachen.

Gibt es Aktionen, die Sie mit „Jackass“ schon immer einmal tun wollten, aber bisher nie taten?

Knoxville: Nein. Wenn wir etwas drehen wollen, gehen wir raus und drehen es auf der Stelle. Für diesen Film nun hatten wir so viele Stücke geschrieben, dass uns die Zeit ausging. Wäre aber etwas richtig Großes liegengeblieben, hätte ich die Hölle aus Jeff rausgeprügelt, bis wir es drehen.

Tremaine: Wir schrieben noch nie eine Idee, die wir nicht auch gedreht hätten, solange sie greifbar gewesen ist. Das heißt aber auch, dass noch keine Idee so verrückt war, dass niemand von uns sie machen würde. Die verrücktesten Ideen werden immer gedreht.

Was Sie in diesem Bild nicht sehen: Wo Knoxville landen will, da fließt kein Wasser (Zoom durch Klick)

Wo kommen all diese Ideen nach all diesen Jahren noch her?

Knoxville: Ich weiß es nicht. Für diesen Film schrieben wir mehr Ideen, sie kamen einfacher als jemals zuvor. Ich fragte mich nie, was wir jetzt tun sollten. Wir taten einfach, und das ist das Ergebnis. Keine Ahnung.

Tremaine: Wenn etwas lustig ist, dann ist es das meist auf Anhieb und wird nicht durch zahllose Takes besser.

Knoxville: Aber selbst wenn etwas auf Papier nicht für jeden zwingend lustig ist – durch all die verschiedenen Charaktere gewinnt alles ein Eigenleben und entwickelt sich. An einem Drehtag regnete es in einer Tour, obwohl wir eigentlich draußen drehen wollten. „Was machen wir stattdesssen?“ fragten wir uns – und klebten im nächsten Moment sechs Menschen mit Superkleber am Tisch und sich selbst fest. Das war die Idee, und jede Persönlichkeit trug zur weiteren Entwicklung bei. Wir sind in der wirklich glücklichen Lage, dass…

Tremaine: Es zeigte sich auch, dass die Ideen, die sich am Ende am besten umsetzen ließen, diejenigen sind, die auf dem Papier am Schwierigsten erschienen. Zum Beispiel „High Five“, die übergroße Hand, die wir durch die Tür kommenden Kollegen vor die Schnauze knallten. Das funktionierte wunderbar, damit hatten wir nie gerechnet, das ist für mich der beste Teil des Films.

Gerieten Sie jemals in ernsthafte moralische Probleme mit, sagen wir, religiösen Gruppen?

Knoxville: Chris Pontius bekam mal Ärger mit einem gläubigen Christen, als er für eine Fernsehshow als Teufel verkleidet durch LA lief und ein Schild mit der Aufschrift „Keep God out of Los Angeles“ vor sich her trug. Da lief dieser Kerl auf ihn zu, zerbrach sein Schild und fing an, ihn zu schlagen.

Würden Sie „Jackass“ homoerotisch nennen?

Beide: Yeeah! Sehr homoerotisch! Wir sitzen auf einem Regenbogen!

„Jackass 3D“ ist der dritte „Jackass“-Film in acht Jahren – mussten die Jungs aus Ihrem Team überzeugt werden, schon wieder bei dem gleichen Quatsch mitzumachen?

Knoxville: Nein, von Anfang an hätte niemand glücklicher sein können über die Tatsache, dass wir einen neuen Film machen. Alle waren sofort dabei.

Keiner war müde davon?

Knoxville: Nein, wir lieben es! Wir lieben es wirklich, auch wenn da natürlich Dinge wie, nun ja, Gefahren mit einhergehen.

Tremaine: Es dauert eh mindestens vier Jahre, sich physisch von einem Dreh zu erholen. Es scheint uns also allen ein guter Rhythmus, alle vier Jahre einen neuen Film zu machen.

Knoxville: Ich bin wiederhergestellt!

Wieviele gebrochene Nasen und Knochen trugen Sie davon?

Knoxville: Eine Menge. Ich habe meinen Geruchssinn verloren, so oft brach ich mir schon die Nase. Was gut ist, wenn du den ganzen Tag neben Jeff sitzen musst.

Und was war die schlimmste Verletzung von allen während dieses Drehs?

Knoxville: Da gibt es viele Verletzungen während des Films, aber die schlimmste passierte vermutlich Loomis. Es gibt diese Szene, wo er vom Trampolin aus mit einem Regenschirm in die Turbinendruckluft eines Kampfjets springt. Er segelte förmlich Richtung Boden zurück und brach sich seine Schulter an drei verschiedenen Stellen und musste seine Hand operieren lassen. Wir ließen ihn bis dahin nie Stunts machen, weil wir ihn nicht verletzen wollten. Das peitschte ihn umso mehr an, endlich einmal einen Stunt zu machen. Einmal ließen wir ihn, dann rannte er zu Jeff und bettelte förmlich, den Stunt nochmal machen zu dürfen. Er durfte ja vorher nie und fühlte sich nicht wertgeschätzt. Das hat er nun davon.

Die einzige Neuheit in "Jackass 3D": Menschliche Windbeutel

Stand jemals die Idee im Raum, eine Frau ins Team zu holen?

Knoxville: Nun, Bam’s Mutter ist eine Frau. Sie ist im Team, ganz groß sogar.

Tremaine: Wir zogen noch nie aus, um jemanden zu casten. Das passiert alles sehr natürlich. Und hat sich bisher nie ergeben, bisher war einfach nie eine dabei. Aber nicht, weil wir nicht wollten.

Können Sie sich vorstellen, an einen Punkt in Ihrem Leben zu kommen, an dem Sie zu alt für dieses Spiel sind?

Knoxville: Alles, was ich für „Jackass“ tun muss, ist, auf einer Stelle stehen zu bleiben. Dafür braucht es keine Koordination, das kannst du in jedem Alter. Stehen bleiben und den Bullen dich umrennen lassen.

Tremaine: Die meisten unserer Aktion bedürfen keiner besonderen Fähigkeiten. Es verlangt nur die Blödheit, sich da hin zu stellen und die anderen machen zu lassen.

Die Heilung dauert länger.

Knoxville: Ja, aber wir sind neun Typen! Wenn einer verletzt ist, wird der nächste reingebracht.

Sie werden also auch in 20 Jahren noch neun Freunde sein, die sich vor der Kamera wehtun.

Knoxville: Solange es noch witzig ist!

Mehr Glück als Verstand? Johnny Knoxville, eine Sekunde vor einer Rippenprellung

Eine Frage, die sich bei „Jackass“ immer wieder stellt: Wie viel ist echt, wie viel ist Fake?

Knoxville: Außer der Anfangs- und Endsequenz des Films ist alles hundertprozentig echt. Nichts pisst mich mehr an als ein Video im Internet, das ich erst unglaublich finde und dann erfahre, dass es gefälscht ist. So denken wir alle.

Die Gorillaszene hat Familie Margera also wirklich überrascht?

Knoxville: Phil, Bam’s Vater, hat sich vor Angst wörtlich in die Hosen geschissen. „Wo ist Phil?“ „Der scheisst sich gerade voll!“

Tremaine: Aprils Reaktion ist der Wahnsinn. Als ich es zum ersten Mal sah, dachte ich auch an einen Fake. Ich fragte sie danach, ob sie wirklich glaubte, dass das ein echter Gorilla in ihrem Hotelzimmer ist und nicht Chris Pontius in einem Kostüm. Sie sagte: „Natürlich hielt ich ihn für echt, Ihr Typen habt uns schon mal einen echten Alligator ins Haus gesetzt!“

Knoxville: Wissen Sie, was noch nach Fake aussieht aber nicht ist? Als Dave England auf das Dixie-Klo geht, sich vorm dortigen Spiegel seine Haare macht und dann unsere blaue Farbbombe explodiert. Wir heulten vor Lachen. Es sah so aus, als hätte er alles gehabt, damit es urkomisch aussieht. Er ist unser Profi-Scheisser. Niemand außer ihm kann Poo auf Kommando produzieren.

PR-Managerin: Letzte Frage!

Welche physischen Voraussetzungen braucht es, um ein Stuntman wie Sie zu werden?

Knoxville: Körperliche Voraussetzungen gibt es wenige, wenn Sie mich fragen. Du musst nur den Mut haben, da zu stehen.

Ist das Mut?

Knoxville: Mut, oder… Sie wissen schon…magisches Denken, Dummheit… nennen Sie es, wie Sie wollen!

Tremaine: Was das alles ausmacht: Wir haben da neun wirklich sehr verschiedene Persönlichkeiten und haben über die Jahre gelernt, uns die zum Vorteil zu machen. Ich kenne die Stärken der Leute. Bam ist ein Profiskateboarder, also schreiben wir hin und wieder eine Szene für ihn. Du Johnny lässt Dir gerne in die Eier treten oder bist dumm genug stehen zu bleiben, also machen wir auch das mit schöner Regelmäßigkeit.

Haben Ihre Kinder Ihre Filme gesehen?

PR-Managerin: Nein, keine Frage mehr, sorry! Aber wenn jemand Fotos machen möchte, dann bitte jetzt.

Knoxville (steht auf): Ja, meine Tochter hat „Jackass 3“ gesehen. Aber sie saß dabei neben mir und ich sorgte dafür, dass sie an manchen Stellen die Augen und Ohren zu hielt.

Fremdschmerz-Evergreen:

„Jackass 3D“
(USA, 2010)
Regie: Jeff Tremaine
Produzent: Jeff Tremaine, Spike Jonze, Johnny Knoxville
mit: Johnny Knoxville, Bam Margera, Steve-O, Jason „Wee Man“ Acuna, Chris Pontius, Ryann Dunn, Preston Lacy, Dave England, Ehren McGhehey u.a. (und als Gäste u.a. Weezer, Will Oldham, Tony Hawk, Sean William Scott)

seit 28. Oktober 2010 im Kino

www.jackass3d.de

(erschienen bei: BRASH.de, 29. Oktober 2010)

In 100 Jahren Rockmusik

Ein Bein im Grunge, das andere in neuer deutscher Popmusik: Selig galten als hoffnungsvollste deutschsprachige Band der neunziger Jahre – bis ihnen der Erfolg und ihre Egos über den Kopf wuchsen. Seit ihrem letztjährigen Comeback beeilen sich die fünf geläuterten Hamburger trotzdem nicht, keine Zeit zu verlieren. Schließlich „wird Rockmusik auch in 100 Jahren noch da sein“, sagt Sänger Jan Plewka. Eine Bestandsaufnahme.

Christian Neander sitzt auf der Couch und wartet auf seine neuen alten Freunde. Die Haare und Lederjacke offen, das Gesicht glattrasiert. Mit seinem Smartphone sucht er W-Lan und ist ansonsten die Ruhe selbst. Im fürstlichen Kaminzimmer des Münzsalons in Berlin-Mitte residierte der Gitarrist und Songschreiber mit seiner Band Selig schon öfter für Interviews, auch weil es „schön ruhig hier“ ist. In der Selbstbeschreibung des Salons fallen Sätze wie „Modernes Interieur trifft auf nostalgische Substanz“ oder „Funktionales Design integriert sich reibungsfrei in antike Pracht“, sie könnten auch Selig damit meinen. Es ist ein Raum wie eine Band, wie sich in der nächsten Gesprächsstunde herausstellen wird: bedacht, erhaben, ein bisschen von gestern, ein bisschen im heute, in der Mitte angekommen. Heute, elf Jahre nach ihrer einstigen Trennung, geht es um Seligs fünftes Album „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“, ihr zweites nach dem letztjährigen Comeback.  Es ist mit Ausnahme des heute verhinderten Bassisten Leo Schmitthals „das erste Interview mit der ganzen Band seit Ewigkeiten“, wie die geschätzten Enddreißiger Jan Plewka (Gesang, Gitarre), Malte Neumann (Keyboards), Stephan „Stoppel“ Eggert (Schlagzeug) feststellen, als sie sich zu Neander setzen. Für andere Bands sind Gesprächskonstellationen nur eine Zeit- und Prioritätenfrage. Für Selig, mit ihren Alben „Selig“ (1994), „Hier“ (1995) und „Blender“ (1997) eine der national erfolgreichsten deutschsprachigen Rockbands der neunziger Jahre, vor allem eine Frage der Egos.

"Modernes Interieur trifft auf nostalgische Substanz": Selig im Jahre 2010 (Foto: Matthias Botor)

Im deutschen Roadmovie „Knocking On Heaven’s Door” gibt es diese eine sentimentale Szene, in der Jan Josef Liefers als krebskranker Rudi Wurlitzer seinen letzten Wunsch beschreibt: „Ich möchte einmal das Meer sehen“. Im gleichen Moment schlagen Selig aus dem Off die Akkorde von Bob Dylans „Knocking On Heaven‘s Door“ an. Das war 1997. Als Selig den Soundtrack zu diesem für sie wie gemachten Film ablieferten, hatten sie den Höhepunkt ihres damaligen Schaffens rückblickend schon hinter sich. Die Singles „Ist es wichtig?“ und „Wenn ich wollte“ rotierten im Radio, auf MTV und landeten auf so verschiedenen Samplern wie „Bravo Hits“ oder „Crossing All Over“, ihre Touren waren ausverkauft. Der Trubel war von Selig nicht anders gewollt. „Wir wollten mit deutschen Texten international klingen. Das war unser großer Anspruch“, erinnert sich Plewka heute daran und hat eine Erklärung für den Erfolg: „Dass im Radio die Red Hot Chili Peppers liefen und danach Selig zeigt, wonach sich die Jugend gesehnt hat. Nach emotionalen Rockbands, die nicht  Die Toten Hosen oder Die Ärzte waren.“

Dieser jeden Moment bevorstehende absolute Durchbruch, der nie eintrat, stieg Selig zu Kopf. Man muss sich nur mal Videos alter Auftritte angucken, zum Beispiel vom Bizarre-Festival 1996, auf dem sie neben anderen deutschen Bands wie Such A Surge, Tocotronic, den Toten Hosen, Rammstein oder Mr. Ed Jumps The Gun auftraten. Mit langen Mähnen und offenen Hemden posen Selig dort, als wären sie die Chili Peppers höchstpersönlich. Plewka, der einzige mit kahlgeschorenem Kopf, kann seine genugtuende Freude kaum verbergen, als er die Herzschmerz-Trennungs-Ballade „Ohne Dich“, ihren bis heute größten Hit, anstimmt, und rund 20.000 Zuschauer an seinen Lippen hängen. Von dort an stand fest: Das hier ist was Großes. Und etwas Gefährliches.
http://www.youtube.com/watch?v=xmRK3NMZO-k
„Vielleicht merkst Du es: Das sind schon große Egos, die ihren Platz brauchen“, erklärt ein entspannter Jan Plewka mit freundlichem Hamburger Dialekt die damalige und heutige Bandsituation, während er sich seine übergroße Reggae-Strickmütze gerade rückt. „Diesen Platz haben wir uns damals gegenseitig nicht mehr eingeräumt. Ich dachte, ich könnte die anderen Typen in der Band alle verändern. Heute respektieren wir uns. Wenn Malte einen Alltag braucht, sage ich nicht mehr, dass er spinnt und ‚doch Künstler sein‘ müsse. Und Malte stört es nicht mehr, dass ich Alltag fürchterlich finde.“

Einen Mindestalltag ohne Selig haben alle fünf Musiker in der Zwischenzeit gefunden und finden müssen. Plewka und Eggert gründeten erst Tempeau, später Zinoba, Neumann tüftelte, Neander schrieb Songs für Echt, Niels Frevert, Cinema Bizarre oder Heinz Rudolf Kunze und gründete die Band Kung-Fu und sein eigenes Studio in Berlin. Familien gründeten sie alle. Die Reunion war neun Jahre so ausgeschlossen wie die Trennung im Rückblick unausweichlich. „Jeder hatte sein eigenes Kraftfeld entwickelt“, sagt Plewka. „Und wenn diese Felder zusammenkamen: Boom.“ Bis, irgendwann im Jahre 2007, Plewka und Eggert bei Neander, Neumann und Schmitthals  anriefen, waren alle mit ihrer neuen Welt zufrieden. Sie trafen sich, redeten fast ein Jahr lang über eine Reunion. „Erst als wir wieder gemeinsam im Proberaum standen, spürte ich, was mir gefehlt hat“, sagt Neander. Und alle legen sie heute einen sehr spürbaren Wert auf ihre neugefundene Balance.

Inszenierung ist die halbe Miete: Christian Neander, Malte Neumann, Jan Plewka, Stephan Eggert, Leo Schmitthals (v.l.)

Jan, über die Zeit vor Eurer Trennung sagtest Du einmal: „Wenn Christian ins Zimmer kam, hatte ich körperliche Schmerzen“. Was denkst Du heute über diese Runde?

Plewka: „Ich bin positiv überrascht. Die Zeit hat uns gut getan. In den vergangenen zehn Jahren haben wir uns selbst gefunden und finden müssen und dabei alle den Traum der Musik über das 27. Lebensjahr hinaus gerettet. Sonst würden wir heute nicht wieder hier sitzen. Am Ende von Selig waren wir nicht wir selbst. Wenn wir heute aus dem Kreis der Band heraustreten, ist jeder Privatperson. Das wussten wir damals nicht besser, weil wir etwas wollten, das wir im Endeffekt auch erreicht haben. Aber die Zeit war abgelaufen.“

Euer Best-Of-Album hieß „Für immer und Selig“, das Comeback „Und Endlich Unendlich“, jetzt titelt Ihr„Von Ewigkeit zu Ewigkeit“. Welches Verhältnis haben Selig zur Zeit?

Neander: „Wir wollen unsere Lebenszeit möglichst bewusst mit Musik und unseren Familien wahrnehmen. Beim Comeback schwang natürlich auch die Ansage „jetzt machen wir für immer Musik“ mit. Das Schöne am Musikmachen ist, dass man sich entfernt und in einer Unendlichkeit bewegt. Bei Liveauftritten löst sich manchmal alles auf. Das ist für mich ein Glücksgefühl. Man beruft sich damit auch auf Ewigkeit.“

Gibt es zeitlose Musik?

Plewka: „Auf jeden Fall. Rocktitel von den Stones, den Beatles, ja, das ist zeitlos. Im Grundgedanken von Rockmusik steckt auch ein sehr spiritueller Wert. Sie kommt vom Blues, der aus der Erde heraus entstand und Urbedürfnisse des Menschen weckt. Akkorde, um weiterzukommen. Ob nun wegen einer Nähe zu Gott,  um Mut zu machen oder eine Erlösungsfantasie frei zu legen. All das ist so bei Rockmusik. Deshalb wird sie auch in 100 Jahren noch da sein.“

Neander: „Es gibt einen Urnenner, der immer wieder auftaucht. Ein Urbedürfnis zu beschreiben wer man ist oder was man ändern will. Diese Urkraft hat Bestand.“

Grunge war auch eine Spielart des Rock. Euer Debüt wurde als deutsche Antwort darauf wahrgenommen.

Neander: „Lustig, in welche Kategorien man damals so gesteckt wurde: „German Grunge“, zum Beispiel. Wenn ‚Selig‘ irgendwo zu zuordnen ist, dann zu den Siebzigern.“

Plewka: „Die Seattle-Jungs hatten damals einen sehr ähnlichen Anspruch wie wir. Sie beherrschten ihre Instrumente, liebten Blues und Jimi Hendrix, haben den Big Muff vor den Verstärker gespannt und die Bluesakkorde auf ihre Art und Weise übertragen. Von Grunge wussten wir aber nichts. Nirvana spielte damals in der Hamburger Markthalle, als wir im Studio waren – und wir sind nicht hingegangen. Unser Produzent kam an: ‚Alter, ich hab da Hippies gesehen, ein Wahnsinnskonzert! Lange Haare, zerrissene Hosen!‘ Und wir nur: ‚Aha‘, und haben weiter unsere Schlaghosen getragen und wollten aussehen wie Deep Purple!“

„Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ wurde im Februar dieses Jahres geschrieben und aufgenommen. Es ist lauter und noch spielfreudiger als sein Vorgänger und schlägt wieder die Brücke zwischen Seligs zwei größten Talenten, zwischen bedachtem Songwriting und muckendem Jamrock. Es geht ums „Du“, ums „Früher“, um abgehobene Überheblichkeiten und somit immer auch um sich selbst. Der Titeltrack ist die erste Single und am ehesten das, was als Ballade durchgehen könnte. „Die unzähligen Auftritte im letzten Jahr gaben uns eine sichere Gewissheit, dass wir gut sind und unsere Reunion richtig war“, erklärt Neander noch die zügige Entstehung der Platte und die eigene Souveränität. Die wird sich auch im Oktober zeigen: Selig treten bei Stefan Raabs Bundesvisionsongcontest für ihre Heimat Hamburg auf. „Die Macher sind alte Schulfreunde von uns“, sagt Eggert und freut sich ein bisschen. „Bisher haben wir immer abgelehnt, aber schließlich sind wir ja keine Angsthasen. Für andere größere Bands ist das eine Statusfrage. Was nicht der Sieg ist, bedeutet abgeschmiert.“ Und wenn Selig, die Geläuterten, nicht den Titel holen? „Wird es trotzdem ein Spaß gewesen sein. Wir machen so oder so nur einmal mit!“

Heimat: www.selig.eu

(erschienen in: unclesally*s, Oktober 2010, Titel)

Nachtrag: Beim Bundesvisionsongcontest am 1. Oktober 2010 landeten Selig auf dem achten Platz. Sieger wurden Unheilig, gefolgt von Silly und Ich & Ich.

“Bon Jovi waren die Coolsten”

Dashboard Confessional sind die Grateful Dead des neuen Jahrtausends: Als erste Band ohne Charterfolge trat die US-amerikanische Emopop-Band 2002 in der legendären MTV Unplugged-Serie auf und versammeln auf ihren Konzerten seitdem Pilger, keine Fans. Wir sprachen mit dem 35-jährigen Sänger und Songschreiber Chris Carrabba über Pin-Up-Boys, seine Kollaboration mit Eva Briegel von Juli und Bon Jovis Publikum.

Herr Carrabba, in der Vergangenheit galten Sie nicht nur als veritabler Songwriter, sondern vor allem als Pin-Up-Boy spätpubertierender Emo-Mädchen. Wie lebt es sich mit diesem Image?

Chris Carrabba: Es tut nicht weh! So ein Image ist zwar nicht das, worauf ich in meiner Musikkarriere am stolzesten wäre. Aber es öffnet mir Türen.

Und füllt Konzertsäle. Funktionieren in den USA all Ihre Shows so messianisch wie Ihr MTV Unplugged-Konzert 2002? Eine derart mitsingende Jüngerschaft kennt man in Deutschland so kaum.

Chris Carrabba: Lustig, dass Sie das sagen. Unsere europäischen Shows laufen nämlich genauso ab. Vielleicht deshalb, weil die Fans US-Shows von mir im Netz, auf DVD oder eben auf MTV gesehen haben. Und für unsere Shows in den Staaten ist das allemal typisch.

Wie erklären Sie sich die Faszination, die Ihrer Musik gerade von jungen Menschen entgegen gebracht wird? Sie liefern ja regelmäßig kleine Hymnen zur Adoleszenz ab.

Chris Carrabba: Die kann ich mir nicht erklären. Ich fange an darüber nachzudenken und ärgere mich schnell, weil ich zumindest verstehe, dass es vergänglich ist. Deshalb denke ich nicht weiter darüber nach. Früher oder später wird dieser Ruhm unvermeidlich vorbei sein.

Zehn Jahre hält dieser Erfolg schon an. Spüren Sie schon beim Songschreiben eine große Verantwortung, weil Sie wissen, dass die Fans wieder jede Zeile mitsingen werden?

Chris Carrabba: Es wäre gefährlich, darüber nachzudenken, während ich schreibe. Ich kann nicht vorhersagen, was die Leute mögen werden und was nicht. Gut so, weil ich mich sonst an den Erwartungen entlang hangeln und nichts Neues versuchen würde. ich weiß nicht, welches Puzzleteil welche Reaktion hervorruft.

Sie wissen nicht, warum die Leute es mögen. Aber denken Sie darüber nach, ob sie es mögen werden?

Chris Carrabba: Nicht beim Schreibprozess, aber bei den Aufnahmen. Beim Schreiben erlaube ich mir eine Art willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit. Ich isoliere mich. Bei den Aufnahmen habe ich die Verantwortung für jeden, der dabei ist. Beim Schreiben kann ich anonym sein und nur die Frage berücksichtigen: Mag ich es selbst? Hat das Qualität? Später machst du die Platte und fängst an dich zu fragen: Wird das funktionieren? Ich glaube aber, es ist ganz normal, sich während des Schreibens zu fragen, was man da gerade macht. Jeder Songwriter wünscht sich doch, dass sein Song irgendjemanden auf der Welt findet, der ihn umarmt.

Umarmen ist ein gutes Stichwort. Sie sind ein Erzähler, der es versteht, allgegenwärtige Gefühle und eigene Erlebnisse in ein „Wir-Gefühl“ zu packen. Sie mögen die erste Person Plural.

Chris Carrabba: Interessant, so habe ich das noch nie gesehen. Ja, mir fallen spontan Momente ein, wo ich „wir“ singe, zum Beispiel in „Everbody Learns From Disaster“: „We went rolling up the coast…“

Plus: Der Titel ist so allgemein gehalten, dem muss jeder in irgendeiner Art und Weise zustimmen.

Chris Carrabba: Ich erzähle in erster Linie eine Geschichte, die mir etwas bedeutet. Bleiben wir bei dem Song: Da ging es nicht um einen Einzelfall, aber um etwas, das ich immer wieder erfuhr. Mit drei Mädchen und zwei Jungs auf einem Trip. Das könnte es sein.

Ihr neues Album „Alter The Ending“ beginnt mit „Get Me Right“, einem Song, der mit Ihrem Powerpop herrlich wenig zu tun hat. Und er klingt nach einer Band. Herr Leffler, Sie machen seit acht Jahren mit Chris Carrabba Musik. Warum brauchen Songwriter eine Band?

John Leffler: Wegen der Abwechslung. Wir brauchen uns gegenseitig. Es gibt Shows nur mit Chris, welche mit uns beiden, andere mit kompletter Band. Und als Band sind wir in den vergangenen acht gemeinsamen Jahren zusammengewachsen. Das hört man unseren Platten hoffentlich auch an.

Herr Carrabba, Sie geben den Ton trotzdem alleine an, oder?

Chris Carrabba: Es war so. Ich war nie Dirigent, hatte aber größeren Einfluss. Es lief den ganz normalen Weg: Anfangs spielten die Jungs nur hier und da mit, eben bei Songs, die mehr Instrumentierung benötigten. Zu der Zeit spielten sie das, was ich auf der Platte spielen wollte. Obwohl jeder Musiker einen anderen Instinkt hat, spielten sie es, wie ich es spielte. Bei der nächsten Platte hatte ich alle Songs geschrieben, bevor ich die Band einlud, ich hatte also schon eine Meinung über die Songs und wie sie sein sollten. Nur selten fragte ich später noch, wie es ihrer Meinung nach klingen sollte. Dann kam „Dusk And Summer“ und „The Shade Of Poison Trees“, und heute erzähle ich ihnen nur noch die Geschichte in meinem Kopf und frage: „Wie würdet Ihr das interpretieren?“

Trotzdem behaupten nicht Wenige, Dashboard Confessional schrieben die immergleichen Songs.

Chris Carrabba: Sie sagen, dass jedes Album wie das andere klingt?

Zumindest 90 Prozent der neuen Sachen klingen wie schon mal gehört. Liegen neuen Alben auch neue Ansätze zugrunde?

Chris Carrabba: Ich versuche jedes Album komplett anders als das vorige zu gestalten. Mein Stil bleibt natürlich gleich, die Kritik ist also vermutlich vollkommen berechtigt.

Was muss denn ein Song denn haben, um ein guter Dashboard Confessional-Song zu sein?

Chris Carrabba: Es geht mehr um ein Gefühl, nicht um einen Baustein. Ich weiß nicht was ein Song braucht, ich merke lediglich, wenn einem Song etwas fehlt. Wenn ich also Glück habe, merke ich, wenn etwas nicht funktioniert und nehme es nicht auf das Album.

Als Kontrollfunktion haben Sie auch die Bandmitglieder.

Chris Carrabba: Ja, und für gewöhnlich sehe ich schon an ihrer Reaktion, wenn sie die Demos hören, wie sie meine Ideen finden.

Seit MTV Unplugged sind Sie auch kommerziell erfolgreich, ohne jemals ganz oben in den Charts mitgemischt zu haben. Werden Sie in den USA oft im Radio gespielt?

Chris Carrabba: Nicht oft, nein. Unsere Fanbase rekrutiert sich eher durch Touren, durch Konzerte, durch Mund-zu-Mund-Propaganda.

Und wenn Sie doch einen Song von sich im Radio hören machen Sie was?

John Leffler: Aufdrehen!
Chris Carrabba: Ja, aufdrehen. Es passiert so selten, dass wir uns immer noch freuen, wenn wir uns hören. Wir fahren ja sonst nicht durch die Gegend und hören uns unser Album an. Ich höre unsere Platten beim mixen und mastern, danach in der Regel nicht wieder, nur zufällig.

Zur Jahrtausendwende brachten Sie ein Album und eine EP mit der christlichen Emocore-Band Further Seems Forever raus, seit zehn Jahren sind Sie als Dashboard Confessional unterwegs. Haben Sie schon einmal daran gedacht, etwas komplett Neues zu beginnen?

Chris Carrabba: Ja, schon. Ich frage mich nur, wann ich mich in diese Richtung gezogen fühle. Ich sehe etwas kommen, aber ich weiß noch nicht was es ist.

Das klingt, als blieben uns Dashboard Confessional noch eine Weile erhalten.

John Leffler: Und das klingt, als könnten Sie unser Ende nicht abwarten!

Nein, es ist nur nicht jedermanns Sache, etwas zehn Jahre am Stück zu tun.

Chris Carrabba: Mit Dashboard Confessional ist das auch mein erstes Mal, und wenn ich sage, dass ich mir noch zehn weitere Jahre vorstellen kann, dann, weil die letzten zehn Jahre so schnell vorbeigingen. Hättest du mir damals gesagt, dass ich das für zehn Jahre machen werde, wäre mir das wie ein ganzes musikalisches Leben vorgekommen. In der Musikindustrie macht niemand etwas zehn Jahre lang! Ich beeile mich nicht, das hier zu beenden. Früher oder später aber werden wir alle was Neues finden.

Zu Deutschland haben Sie eine besondere Verbindung: 2007 nahmen Sie Ihren Song „Stolen“ zusammen mit Eva Briegel von Juli auf. Wie konnte das denn passieren?

Chris Carrabba: Das war cool. Wir haben ein paar gemeinsame Freunde. Sie gaben uns Julis Album und umgekehrt. Eine ungeheuer kraftvolle Band. So kamen wir in Kontakt und sprachen immer öfter darüber, mal was gemeinsam zu machen.

Wer war dieser Freund?

Chris Carrabba: Ein US-Musiker, den Sie wahrscheinlich nicht kennen werden. Er heißt Kevin Devine.

Der New Yorker Songwriter, der hier in Deutschland im Winter sein fünftes Soloalbum veröffentlichte. Und dann haben Sie sich also Julis Album angehört.

Chris Carrabba: Ja, und obwohl ich anfangs kein einziges Wort verstand, hat es mich gleich gefesselt. Eigentlich sind es die Texte, die mich bei Musik in ihren Bann ziehen. Dort aber packten mich schon die Songs allein.

Und als Sie dann das Duett mit Eva Briegel aufgenommen hatten: Mochten Sie es?

Chris Carrabba: Ja!

Es spielte für Sie also nie eine Rolle, wer diese Band ist oder wie sie in Deutschland wahrgenommen wird?

Chris Carrabba: Ich wusste es nicht und weiß es immer noch nicht. Sie waren hier sehr bekannt, richtig?

Ja. Sie waren es und sind es immer noch und feiern als Gitarrenpop-Band große Charterfolge. Bei einem Publikum, das eher Indie und Alternative hört – also das Publikum, das Sie mal erreichten – haben Juli einen schwierigeren Stand.

Chris Carrabba: Vielleicht hatte ich also glücklicherweise davon keinen Schimmer?

Juli gehörten immerhin zu den ersten Bands, die auf Deutsch sangen und damit kommerziell sehr erfolgreich wurden.

Chris Carrabba: Und heute singen viele Bands deutsch?

Heute tut das jeder, aber vor zehn oder 15 Jahren war das noch die Ausnahme.

Chris Carrabba: Warum sollten Musiker nicht in ihrer Muttersprache singen?

Oft versteckt man sich hinter der englischen Sprache. Wenn du deutsch singst, ist es viel schwieriger, die richtigen Worte zu finden, weil es viel schneller kitschig klingt. Der Texter kann sich hinter der englischen Sprache leichter verstecken, der Hörer überhört vieles, was er auf Deutsch als seiner Muttersprache unmittelbarer wahrnehmen würde.

Chris Carrabba: Hm. (Schweigen.)

Dieses Jahr spielen Sie im Vorprogramm von Bon Jovi.

Chris Carrabba: Ja, diesen Monat. Bis jetzt nur in den USA.

Wurden Sie von der Band eingeladen?

Chris Carrabba: Ja.

Ein größeres Publikum kann man kaum erreichen.

Chris Carrabba: Vor allem erreichen wir ein anderes Publikum. Groß, weil es Bon Jovi ist, vor allem aber anders als unseres. Wir haben Respekt vor einer Band, die etwas so lange tut und das so gut, dass wir gespannt sind, was wir von ihnen lernen können auf der Bühne.

Wie groß werden die Spielstätten sein?

Chris Carrabba: 20-30000 Gäste werden schon passen.

Hier in Deutschland kennt man Bon Jovi vor allem als Rockband, die in den frühen Neunzigern noch einen Namen hatte.

Chris Carrabba: Und sie verschwanden nie. Sie veränderten sich und erreichen heute sogar ein modernes Country-Publikum.

Und wir haben die Scorpions.

Chris Carrabba: Sind die nicht in Rente?

Nein, die feiern gerade Ihr letztes Comeback mit einem neuen Album. Und hier versteht niemand, warum diese Band in den USA so erfolgreich ist.

Chris Carrabba: Mit den Scorpions aber verbindet jeder nur die europäischen Achtziger, oder? Bon jovi hingegen blieben relevant.

Blieben sie? Als coole Rockband gelten sie doch seit den Achtzigern nicht mehr.

Chris Carrabba: Sie waren mit Abstand die coolsten!

Und was man heute von Bon Jovi so im Radio hört, klingt wie ein lauwarmer Aufguss, ein misslungener Spagat. Es ist für eine Band natürlich trotzdem schwer auszuschlagen, vor einem so großen Publikum zu spielen.

Chris Carrabba: Und ich verrate Ihnen noch was: Sie haben ein verdammt großes Publikum, falls wir darüber noch nicht sprachen.

Ihre jetzige Minitour ist kleiner. Heute spielen Sie im Roten Salon, vorgestern verkauften Sie eine kleine Show in Mailand.

Chris Carrabba: Ja, innerhalb von drei Wochen. 250 passten rein, 500 Fans waren da.

Ihre Platte ist dort ebenfalls noch nicht erschienen.

Chris Carrabba: Nein, und wir hatten noch nie eine Veröffentlichung in Italien. „Alter The Ending“ wird die erste.

Viel Erfolg dort!

Chris Carrabba: Danke, ich bin gespannt!

Songwriter-Pop:
Dashboard Confessional – „Alter The Ending“ (Geffen/Universal), 2. April 2010.

www.dashboardconfessional.com

(erschienen auf: BRASH.de, 9. April 2010)

“Ich möchte keine Stripperin sein”

Ein Blind Date mit Juliette Lewis? Keine Angst, nichts unterhaltsamer als das: „Quentin, Brad, Omar, Dave“ – die singende Schauspielerin, Ex-Tarantino-Göre und, nun ja, bekennende Scientologin kennt sie alle. Da darf Lewis auf „Terra Incognita“, ihrem ersten Album ohne The Licks, gerne wieder eigene Sache machen.

Fantomas – „Cape Fear“

Juliette Lewis (imitiert die Gitarre): Daa daa daa daa… Oh mein Gott, das ist der Cape Fear-Soundtrack! In einer Metalversion, wie ein Rockoper. Wahnsinn, diese Chords sind wirklich sehr metal! Ist das Judas Priest? Ich möchte wissen, wer diesen Sinn für Humor besitzt, den Cape Fear-Soundtrack so zu arrangieren.

ME: Mike Patton mit Fantomas. Vom 2001er-Soundtrack-Cover-Album “Directors Cut”.

Lewis (klatscht in die Hände): Oh shit. Ich bin tief beeindruckt von diesem Menschen. Seit ich denken kann, will ich ihn treffen. Er ist so radikal, fast wie von einem anderen Planeten. Ich mag Patton, weil er all seinen verrückten Ideen nachgeht. Er hat eine ganze Symphonie in seiner Stimme.

Oskar Sima, Willi Fritsch, Paul Kemp – „Ich wollt ich wär ein Huhn“

Lewis: Klingt wie deutsche Musik aus den Dreißigern oder Zwanzigern. Das ist schön. Dieses Horn…

Der Song heißt übersetzt soviel wie „I wish I was a chicken“.

Lewis: DAS hätte ich nie erraten!

Und er ist Teil des neuen Tarantino-Soundtracks. Gestern feierte „Inglourious Basterds“ Premiere, gleich hier vorne am Potsdamer Platz.

Lewis: Ich weiß, das wäre eine schöne Reunion mit Brad und Quentin geworden! Ich bin aber letzte Nacht erst spät angekommen und habe erst dann davon erfahren. Quentin hat die Beziehung von Musik und Dramaturgie im Film verstanden wie kein anderer. Er pusht unbekannte Musik und hat einen ausgezeichneten Geschmack.

Vincent Gallo – „Honey Bunny“

Lewis: Klingt ein bisschen wie Vincent Gallo.

Ist es auch.

Lewis (frenetisch): Ist es? Oh mein Gott! Für gewöhnlich singt er mit einer höheren Stimme. Trotzdem dachte ich intuitiv an ihn: Er hat eine so süße Stimme, weich, wie ein Crooner aus den Fünfzigern. Vincent hat mich längst getoppt: Er hat rund fünf Karrieren, ich nur zwei. Er ist auch ein guter Maler und ein Model. Er ist Avantgarde.

At The Drive-In – „Sleepwalk Capsules“

Lewis: Das sind At The Drive-In, oder? Klingt ein bisschen wie Rage.

Mit dieser Platte hätten sie die Größten werden können.

Lewis: Ich weiß Bescheid! Mit Omar habe ich sehr viel darüber geredet. Er ist einer der seltenen Spezies: Er trifft radikale Entscheidungen, wird für eine Sache bekannt und macht prompt was komplett Neues. Oh, das ist ein guter Breakdown gerade…

Er produzierte Ihr Album „Terra Incognita“. Wie kam es dazu?

Lewis: Ich brauchte für mein neues Album einen besonderen Produzenten, der in mir nicht nur die Rock’n‘Roll-Sängerin sieht. Ich musste ihm meine Vision anvertrauen können, denn du willst niemanden, der dir nur seinen Stempel aufdrückt. Wir beide sehen Sounds visuell, er versteht meine musikalische Sprache. Anfangs dachte ich, er wäre eine Liga zu hoch für mich. Aber uns verbindet etwas.

The Prodigy – „Run With The Wolves (feat. Dave Grohl)“

Lewis (nach zwei Tönen): The Prodigy!? Yeah! Das erkannte ich wegen ihrer Beats. Ist das vom neuen Album?

Ja, und Dave Grohl spielt Drums.

Lewis: Ach ja, Dave erzählte mir, dass er an Tracks für The Prodigy arbeitet. In dieser Musik geht es vor allem um Hooks und Wiederholung, nicht um Verse und Chorus. Ich will dieses Album auf der Stelle haben. Niemand macht Beats wie The Prodigy. Ich will irgendwann mehr elektronische Musik mit fetten Beats machen. Das will ich schon, seit ich auf The Prodigys letztem Album mitgemacht habe.

The Dead Weather – „Treat Me Like Your Mother“

Lewis: Ich kenne diese Echo Drums. Und jetzt klingt das wie Led Zeppelin. Die neue Mars Volta? Oh, ich weiß: The Dead Weather! Dean Fertita ist ein Freund von mir! Und Jack White spielt Drums. „Dananana“, das ist so Lep Zeppelin! Ich mag die Vibes. White folgt seiner Leidenschaft und lässt uns ihm folgen. Er fragt nicht: Kann ich oder kann ich nicht?

Ihr Song, Juliette, „Hard Loving Woman“ erinnert mich an Jack White.

Lewis: Das nehme ich als Kompliment. Neben Omar ist Jack White für mich der Elvis seiner Generation. Er hat Charisma auf der Bühne, und als Gitarrist seinen eigenen Style aus Blues und Rock’n‘Roll. Omar als Gitarrist ist wie ein Gott. Er bricht alle Regeln und kreiert eine neue Sprache. The Dead Weather inspiriert mich auch, weil ich mit Alison Mosshart eine neue weibliche Stimme höre, die ihren eigenen Style kreiert. Da gibt es heute nicht mehr viele von.

Joe Cocker – „With A Little Help From My Friends“

Lewis: Joe Cocker. Ich spielte mal mit ihm auf einem Festival. Das ist… lass uns erstmal zuhören! Ach, so schön. Er singt heute noch genauso.

Sie wissen, warum ich Ihnen das vorspiele?

Lewis: Nein…

In der Serie „Wunderbare Jahre“ haben Sie Anfang der Neunziger Delores, die Freundin von Wayne Arnold, gespielt. Der Song war die Titelmelodie.

Lewis: Oh, stimmt ja! Die meisten Leute wissen nicht, dass ich dort mitspielte. Wissen Sie, warum Delores immer Kaugummi kaute? Weil ich beim Vorsprechen Kaugummi kaute und damit rumgespielt habe. Danach schrieben sie den Kaugummi zu meinem Charakter ins Drehbuch! Ich verbinde mit dem Song aber andere Dinge: Mein Vater führte mich an die Großen heran. Joe Cocker, Janis Joplin oder The Who. In meinem damaligen Traum von Rock’n‘Roll stand ich an der Seite einer Bühne, guckte mir Joe Cocker an und trat dann im selben Line-Up auf. Irgendwann kam es so!

Bruce Springsteen – „The Wrestler“

Lewis: Oh, wow. Manche Texte treffen mich wie ein Schlag. Es gibt Menschen, die schreiben oder malen und das Ergebnis wird spürbar lebendig. Bei anderen sind die Texte völlig egal, wie bei Radiohead. Da geht es um den Sound. „Yesterday I woke up sucking a lemon in my head“ – was soll das bedeuten? Conor Oberst oder Bob Dylan aber erzählen dir Geschichten. Ich schätze beide Ansätze, schreibe selbst aber lieber in Metaphern.

Mochten Sie den Film „The Wrestler“?

Lewis: Oh ja. Ich mag, wie ehrlich alles ist. Aber ich möchte keine Stripperin sein.

Juliette Lewis – „Terra Incognita“ (Roadrunner / RoughTrade), 28. August 2009.

www.juliette-lewis.com

(erschienen in: Musikexpress, 09/2009)

„Es werden viel zu viele mutlose Platten gemacht“

Popmusik, eine Gratwanderung: Virginia Jetzt! veröffentlichen ihr neues Album „Blühende Landschaften“ und sprechen im Blind Date mit dem Musikexpress über Jochen Distelmeyer, die Münchener Freiheit und den Mut zu Kitsch und Indieschlagern. Was zu dieser Zeit noch niemand wusste: Im Mai 2010 würden sich Virginia Jetzt! auflösen.

Blumfeld – „So lebe ich“

Alle (vorm ersten Ton): Blumfeld!
Mathias Hielscher: „So lebe ich“. „Old Nobody“, Lied neun. Wegweisendes Album für uns. Auf unseren letzten drei Platten war immer ein Blumfeld-Moment drauf.

Thomas Dörschel, Mathias Hielscher und Nino Skrotzki. Nicht am Tisch: Drummer Angelo Gräbs.

ME: Wie klingt der?

Thomas Dörschel: Nur eine bestimmte Textzeile, eine Akustikgitarre, Schlagzeug, weicher Gesang. Seit „Old Nobody“ war ich nie mehr richtig aufgeregt, eine neue Platte das erste Mal zu hören.
Nino Skrotzki: Früher habe ich immer meine Eltern belächelt, die ständig sagten, das klänge doch wie die und die Band. Heute denke ich das oft selbst.
Thomas: Blumfeld kam bei uns gerade so rausgeschossen, weil wir damit gerechnet haben. Und wenn bei uns ein Blumfeld-Moment drauf ist, dann beim ersten Lied „So schlägt mein Herz“.
Nino: Bei der Platte mussten sich Blumfeld ja auch viel Kritik anhören wegen des weichen Sounds.

War es nicht Jochen Distelmeyer, der daraufhin gegen Deutschpopbands wie Euch gewettert hat?

Mathias: Eher gegen eine allgemeine Deutschtümelei. Das bezog sich im Nachhinein gar nicht auf uns direkt. Ein Bekannter, der mit Distelmeyer aufgenommen hat, sagte neulich zu mir: „Ach, der mag Euch ja richtig.“

Herbert Grönemeyer – „Halt mich“

Mathias: Elton John?
Thomas : (Gesang setzt ein) Herbert! Wegen „Halt Dich an mich“?

Und weil dieser Song ein Paradebeispiel für die hohe Kunst des unpeinlichen Liebeslieds ist.

Mathias: Gänsehaut. Unfassbar echt. Der sitzt nicht auf einem Turm, sondern macht Fehler wie wir alle.
Thomas: Grönemeyers Saxophonist Frank Kirchner hat übrigens auch auf unserem Album gespielt.

Element Of Crime – „Death Kills“

Mathias (noch vorm Gesang): Element Of Crime? Neue Platte? Nein?
Thomas: Ach, das ist von einer der beiden englischen Platten von früher. Auch nicht? B-Seite?

Vom letztjährigen Soundtrack „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“. Regeners erste englischen Songs seit rund 20 Jahren.

Thomas: Was deutschsprachige Texte angeht, sind Element Of Crime – mit einigen anderen – das Maß aller Dinge. Seine eigene Art hat Regener auf den letzten 25 Alben konsequent durchgezogen, großartig.

Waren englische Texte für Euch jemals eine Option?

Mathias: Wir haben englisch angefangen. Oder eher mit dem, was im Osten als englisch durchgewunken wurde.
Nino: In Poptexten ging es hauptsächlich um Phonetik, kaum um Inhalte. Es ging um Popmusik und Wohlklang.
Thomas: Es gab keine Poesie. Man spielt ja auch das, womit man aufwächst. Wir haben immer auch viel deutsche Musik gehört. Ich könnte mir uns auch auf englisch vorstellen. Aber wir sind nicht vermögend darin, das zu leisten.
Nino: Wir sind mit der Hamburger Schule aufgewachsen, wo vieles sehr kryptisch und sperrig war. Vieles ist in die Alltagssprache übergangen. Wegen Tocotronic. Empfindungssachen wurden rausgerufen. Dann kam HipHop. Und wenn du heute eine Band gründest, ist es nicht mehr sehr unique, deutsche Texte zu machen.

The Killers – „I can’t stay“

Alle: Killers.
Mathias: Der Mut auf ihrer neuen Platte war tatsächlich auch für uns ein Ansporn. Ein Ansporn zu Saxophonsolos, zu Mike Oldfield-Glocken. Was die sich trauen!
Nino: Die wollten auf ihrer zweiten Platte viel zu viel.
Mathias (lacht): Wir wollten aber auch viel zu viel!
Nino: Das klang wie Wolle Petry, nur besser produziert. Und dann den Mut zu haben, sich dem zu stellen, war analog für uns.
Mathias: Es werden viel zu viele mutlose Platten gemacht.
Thomas: Der Mut, kitschige Sachen zu machen, die erst einmal über die Grenzen des guten Geschmacks hinausschießen, finde ich stark.

Ist “Blühende Landschaften” mutig?

Nino: Auf jeden Fall für uns. Es gab Stellen, an denen wir uns fragten, ob man das wirklich bringen kann. Vor zwei Jahren hätten wir mit “nein” geantwortet.
Mathias: Wir haben uns lange gegen den Begriff Indieschlager gewehrt. Bis andere Bands sagten, wie cool das ist, einen eigenen Begriff zu etablieren. Seitdem versuchen wir nicht mehr, jemand anderes zu sein.
Nino: Pop ist unsere Stärke. Nicht Rock. Früher waren wir Everybody’s Darling in Indieland. Mit “Ein ganzer Sommer” dann kam all der Hass. Im Endeffekt hätten wir es nicht anders machen sollen.
Mathias: Wann kommen denn die Beatles?

Münchener Freiheit – „Ohne Dich“

Thomas: Logisch!
Mathias: Wahnsinn. Unsere Lieblingsband, noch vor Blumfeld, vor Tocotronic, vor den Ärzten. Ich sehe mich noch als Achtjähriger mit meiner Cousine im Wohnzimmer stehen und das Lied kommt im Radio. Schon wieder Gänsehaut. 20 Jahre später spielt Stefan Zauner, der Typ also, den ich damals total super fand, auf unserer Platte mit, wir arbeiten mit ihm. Die haben ja selber gesagt: „Solange man Träume noch leben kann“.
Thomas: Diese Band ist ja eindeutig mit dem Schlagersegment behaftet. Aber es muss etwas dran sein, wenn alle Menschen die Augen weiten, die Mundwinkel nach oben ziehen und das Radio lauter drehen. Wahnsinns-Songwriting, Hut ab vor den Texten, auch wenn die manchmal, das muss auch ich sagen, übers Ziel hinausgeschossen sind. Was sie von vielen anderen Schlagerpopbands der Achtziger unterscheidet: Sie haben sich nicht an mittelmäßigen Bands orientiert, sondern an den Beatles, den Bee Gees, Beach Boys, das hört man. Ausgefuchste Arrangements, die Chöre, Wahnsinn. Harmonisch eine Offenbarung.
Nino: Mit 20 hätten wir auch nicht gesagt, dass die Münchener Freiheit das Maß aller Dinge sind. Das kommt erst aus einem gewissen Selbstbewusstsein heraus. Wenn du so was sagst, sagst du ja vermeintlich mehr über dich aus. Dass du auch Heinz-Rudolf Kunze magst und so.

Jupiter Jones – „Nordpol/Südpol (feat. Jana Pallaske)“

Nino: Kettcar? Muff Potter? Ist aber deutsch? (Gesang setzt ein) Heinz-Rudolf Kunze? Die Stimme klingt ja nicht so indie. Eher so Laith Al-Deen-mäßig.
Thomas: Doch die ist schon indie… aber wer das ist?

Ihr habt garantiert schonmal mit denen gespielt. Fangen mit J an.

Nino: Jupiter Jones?! Wirklich?

Mit „Holiday In Catatonia“ sind sie gerade in die Charts eingestiegen.

Mathias: Wenn die nicht tätowiert sind… Jeder Punk entdeckt, dass da ein vierter Akkord ist!
Nino: Man kann ja auch nicht ewig Punkrock machen.
Thomas: Kann man schon! Der einzigen Band, der ich diesen Wandel nicht verzeihen würde, wären Motörhead.

Rio Reiser – „Junimond“

Mathias: Schon wieder Gänsehaut.
Nino: Viele finden den Song ja so verheizt. Aber der ist unkaputtbar. Ich fand auch die Version von Echt super.
Thomas: Auch Reiser hat seine Steinwerfersongs irgendwann gegen Liebeslieder eingetauscht.

Ist er der beste Songschreiber Deutschlands?

Nino: Nein. Einer von denen. Aber dazu gehört auch Stefan Zauner.
Thomas: Grönemeyer. Regener. Holofernes. Udo Jürgens. Stephan Sulke.

Olli Schulz – „Bloß Freunde“

Mathias: Oliver Schulz.
Thomas: Ich muss dringend pinkeln, hat aber nix mit Oliver Schulz zu tun.
Mathias: Ich auch! Zugegeben: Ich finde Schulz persönlich sympathisch, habe aber mit der Musik Probleme. Ich weiß nicht, was das alles soll. Natürlich ist das Leben genauso lustig wie traurig, so verstehe ich auch seine Musik. Für mich hat er sich mit „Bibo“ beim Bundesvisionsongcontest selbst auf den Punkt gebracht. Das ist die Olli Schulz-Essenz. Konsequenterweise müsste er zwei Bands machen. Die würde ich dann auch beide hören.
Nino: Olli hat damals unseren Spruch geklaut: „Ohne proben ganz nach oben“. Da hatten wir sogar Patent drauf angemeldet. Haben uns aber bereits gerächt dafür…
Mathias: Kommen jetzt die Beatles?

Virginia Jetzt! – „Das Beste für Alle“

Mathias: Endlich! Die Beatles des Ostens! Lange nicht mehr gehört.

Könnt Ihr Euch gut Eure alten Songs anhören?

Thomas: Den hier nicht. Das ist kein Lied mit einem großen Haltbarkeitswert. Dafür mit vielen Fehlern.
Nino: Ich war beeindruckt, wie anders Mieze das damals eingesungen hat. Bei uns herrschte Aufbruchsstimmung.

Ihr singt: „In jedem Falle wär‘s das Beste für alle wenn endlich was geschieht auf dem Gebiet der Rockmusik“. Was ist seitdem passiert?

Mathias: Es sind verdammt gute Platten rausgekommen: Tomtes „Hinter all diesen Fenstern“, Wir Sind Helden, zum Beispiel. Auch bei uns ist was passiert.
Nino: Natürlich war das damals augenzwinkernd. Wir waren keine harte Rockband, wir kamen aus bürgerlichen Verhältnissen. Es ging um ein anderes Selbstverständnis. Wir nahmen unsere Musik ernst, aber nicht uns.
Thomas: Wie Nino sang: Schluss mit diesen Eitelkeiten, diesen Ellbogen, diesem Szenedenken.
Mathias: Was haben Tocotronic im Osten nur angerichtet?


Virginia Jetzt! – „Blühende Landschaften“ (Motor/ RoughTrade), 28. August 2009.


www.virginia-jetzt.de

(in gekürzter Fassung erschienen in: Musikexpress, 08/2009, Seite 26)

Dredg 2009

Das Wunder von San Francisco

Die Hoffnung starb nie: Vier Jahre nach ihrem letzten Lebenszeichen haben Dredg ein in Licht und Dunkel erstrahlendes „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ ins Jetzt losgelassen. Endlich. Labelwechsel und der Drang nach Perfektion ließen sie nicht früher. Nur: viel reden wollen sie darüber lieber nicht.

Dredg 2009
Drew Roulette, Dino Campanella, Mark Engles, Gavin Hayes (v.l.)
Wahre Kunst bedarf meist keiner Worte. Sie verliert in dem Moment ihr Gesicht, da sie erklärt werden soll. Im Boulevard und in der Popmusik verkehrt sich dieses ungeschriebene Gesetz gern ins Gegenteil. Kein Wort gelesen, noch keinen Ton gehört: oft reicht die Nachricht selbst zur Sensation. Im Falle der kalifornischen Rockband Dredg, die mit Gossip und Mainstream noch nie groß was am Laufen hatte, reichte allein die Ankündigung eines neuen Albums dieses Frühjahr für Endorphinflashs in der halben rockaffinen Generation U20. Von Erhabenheit, Ehrfurcht, Dunkel, Licht und anderen fast-religiösen Vergleichen ist da die Rede. Die noch nicht gehörte Musik auf „The Pariah, The Parrot, The Delusion“, so scheint der einhellige Tenor, wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder über jeden Zweifel erhaben sein. Schließlich ist sie das schon seit über zehn Jahren. Und schließlich haben Dredg – „due to perfectionism“, wie sie auf ihrer kargen Homepage nach der dritten Verschiebung der Veröffentlichung verlautbaren ließen – schlappe vier Jahre am Nachfolger zu „Catch Without Arms“ gearbeitet. „Es hat einfach so lange gedauert“, sagt Sänger Gavin Hayes knapp und teilnahmslos in einem an freundlicher Egalität nicht armen Gespräch bei ihrer neuen alten Berliner Plattenfirma. Neben ihm lümmeln sich auch Dino Campanella (Drums), Mark Engles (Gitarre) und Drew Roulette (Bass) am Konferenztisch. „Wir wollten einfach, dass es gut wird.“ Das ist nur die halbe Wahrheit.

Ein Blick zurück: Ihren kleinen Meisterwerken – man muss das auch mal so sagen dürfen – haben die vier ins Land gezogenen Jahre nicht geschadet. Im Gegenteil: Dredgs Musik legt zu wie ein guter Wein. So funktionierte das schon immer mit Lieblingsalben, so erklärt sich auch das Phänomen Dredg, einer Band als frühe Helden einer Alternative Rock-Szene im Wandel. Wir schreiben das Jahr 1999. Korn befinden sich bereits auf dem absteigenden Ast, die Deftones sollen eine eindrucksvolle Neuauslotung ihrer Grenzen mit „White Pony“ noch beweisen. Die Kids wollen nicht mehr nur frustrierte Typen in dicken Hosen sehen. Tool gelten weiter als unerreichbar. Plötzlich geistert eine Platte namens „Leitmotif“ durch die Plattenläden und frühen Online-Foren. Man weiß nicht viel über diese Band mit dem komischen Namen: Dredg kommen aus der Bay Area, und sie versuchten sich auf ihren ersten EPs noch an progressivem New Metal – einer Musik, die schon dem Namen nach zum Scheitern verurteilt war. Die Etikettierung Alternative Rock löst sich, heute gliche sie einer Beleidigung, wie jeder andere Beschreibungsversuch auch. Den New Metal haben Dredg als schimmernder Sargnagel mitbegraben, ihre Progressivität haben sie behalten.

2002 entdeckt „Interscope“ die Band, nimmt sie unter Vertrag und veröffentlicht Dredgs Major-Debüt „El Cielo“, ein fesselndes Konzeptalbum über Schlafstörungen. Besonders in Deutschland schlagen Dredg durch, mausern sich auch wegen ihrer energetischen Liveshows – Drummertier Campanella verfeuert gerne mal mehrere Sticks und spielt gleichzeitig Piano – zur Lieblingsband unter jungen wie gestandenen Rockfans. Drei Jahre und lange Touren später endlich ein neues Album. Wo andere die Flucht im Experiment suchen, versuchen Dredg sich im Pop. Dino Campanella schüttelt noch heute den Kopf: „Warum empfindet alle Welt „Catch Without Arms“ als konventioneller? Nur, weil wir uns dort gegen Instrumentals und für mehr Energie entschieden hatten?“

Jetzt, vier Jahre später, verkörpert „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ die absolute Verschmelzung von Dredgs Trademark-Sound, diesem Höchstmaß an atmosphärischer Dichte und einer rockgewordenen Weltentrücktheit, einem offensiveren Gespür für die Kompaktheit des Pops (trotz Instrumental-Zwischenstücken) sowie zwei Neuheiten in ihrem grenzenlosen Kosmos: Industrial und R’n’B. „Ich hab schon immer R’n’B gehört“, sagt Bandmotor Dino Campanella freundlich distanziert. Das war’s, nächste Frage.

Gibt es irgendwelche Instrumente, die ihr noch nicht ausprobiert habt?

Dino (ungläubig): „Ja, tonnenweise!“

Konkreter?

Dino: „Ich möchte Songs mit einem Barbershop-Quartett versuchen! Hat bisher aber nie geklappt.“

Gavin: „Ich würde gerne so eine traditionelle Barbershop-Band gründen mit vier Sängern aus anderen Bands. Wenn das hier also jemand liest: Schreibt mir eine Mail.“

Dino: „Um zur Frage zurückzukommen, ob es Dinge gibt, die wir wirklich noch ausprobieren wollen? Natürlich. Genau darum geht es in dieser Band. Wir denken über nichts anderes nach.“
Wie könnt Ihr Eurem einmal genügten Anspruch noch eins drauf setzen? Steht ihr Euch da nicht selbst im Weg?

Mark: „Es ist schwer, ja. Du willst dich verändern, gleichzeitig aber gewisse Aspekte beibehalten, die für uns Dredg ausmachen. Du bist ein bisschen ängstlich, Sachen zu schreiben, die sich auf Territorien bewegen, auf denen Du vorher nicht warst. Aber genau das ist das Spannende.“

Und jetzt? Zufrieden?

Mark: „Irgendwas ist immer, das du anders machen möchtest. Gerade bei vier Leuten. Irgendwann kommst du an einen Punkt, an dem du weißt: Okay, das ist das Album. Aber niemand ist jemals 100 Prozent glücklich damit. Maximal 95 Prozent.“

Dredg, © Universal Music 2009
Pressearbeit engt sie ein: Dredg im Kofferraum
Die Aufnahmen zu „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ beginnen Ende Juli 2008 und dauern insgesamt neun Wochen. Das Artwork geben Drew, der auf der Bühne mit durchschnittlich anderthalb Sätzen mehr spricht als im Interview, und Gavin, die zusammen das Booklet zu „Catch Without Arms“ selbst gestalteten, diesmal komplett in die Hände eines Freundes. Dredg geht es um ein Maximum an Ambition, Perfektion und Abstimmung, schließlich geht es um ihre Kunst und um vier Jahre ihres Lebens. Während der Aufnahmen trennt sich Interscope nach acht Jahren von Dredg. Das ist der andere Teil der Wahrheit, warum sich die schlussendliche Veröffentlichung verzögert. Dredg gründen ihr eigenes Label Ohlone Records und schließen sich damit der Promotions- und Vertriebsfirma International Label Group an. In Deutschland stehen sie exklusiv bei Universal unter Vertrag, die sich damals schon für Interscope um Dredg kümmerten. „Jetzt sind wir in einer hervorragenden Lage“, findet Gavin. Von den wirtschaftlichen Nebenschauplätzen wollen Dredg sonst nichts wissen beziehungsweise nur das Nötigste wissen lassen. Die Musik ist wegen der Touren natürlich auch ein Fulltime-Job, sagt Dino. Die Band allein reicht nicht zum Überleben, ein paar Teilzeitjobs hatten sie in der Zwischenzeit immer wieder, verrät Gavin gelangweilt. Dino stöhnt:

„Warum fragen uns das die Leute? Warum ist das so interessant?“

Ich kenne Euch nicht. Aber Eure Musik klingt so, als stecke Euer Leben darin.

Dino: „Ah, okay, das ist ein nettes Kompliment, dankeschön.“

Mark: „Wir sind definitiv pleite, das kannst Du aufschreiben.“

In Szenekreisen genießen Dredg Kultstatus, für den kommerziellen Durchbruch hat es bisher nie gereicht. Nicht, weil Dredg sich konsequent verweigert hätten. Sondern weil es ihnen egal ist. Ein bisschen was vom Zauber der vergangenen und immer noch anwesenden Platten hat „The Pariah, The Parrot, The Delusion“ leider eingebüßt, weil seine Musik mehr im Jetzt verankert zu sein scheint. Die Single „Information“ schlägt die Brücke zum hochmelodischen „Catch Without Arms“, schöner flirrt nur „Ireland“ und die stellenweise gar an Ryan Adams erinnernde Ballade „Cartoon Showroom“ durch die Hemisphäre. „I Don’t Know“ und „Savior“ stampfen wie ungewohnte Standortbestimmungen nach vorne. Dredg haben sich selbst gefunden, in dem sie sich aufmachten. Dann dürfen sie außerhalb ihrer wirklich bedeutsamen Geschichten auf den Alben auch gerne erzählen, was sie wollen. Bis zum nächsten, wieder über fast jeden Zweifel erhabenes Album.

Ihr redet nicht gerne über Euch, oder? Solche Interviewtage…

Alle: „Horror! Sterbenslangweilig!“

Es steckt also alles in der Musik.

Dino: „Ja – wie ironisch ist das denn?“

Danke trotzdem!

Dino: „Was für ein Ende! Ein zweckloses Interview, das sich erst in der letzten Zeile als solches herausstellt!“

www.dredg.com

(erschienen in: Westzeit 5/2009)

Dein Herz schlägt schneller

Jetzt ist es raus: „Quicken The Heart“ heißt Maximo Parks dritte rockgewordene Liebeserklärung an ihre Heimat Newcastle und die Menschlichkeit da draußen. Frontbarde Paul Smith will damit nicht mehr viel verändern – nur das Leben der Anderen in drei Minuten. Die Zeit läuft.

Sonne in LA statt Regen in Newcastle: Maximo Park
Um seinen Mitteilungsdrang zu stillen, muss heute niemand mehr Popalben aufnehmen: „Gruseliger Traum diese Nacht – in letzter Minute sollte ich in einem Wohltätigkeitsboxkampf gegen Morrissey antreten, der seit Monaten dafür trainierte. L“ heißt es übersetzt im Twitter-Account von Maximo Park am 11. April 2009. Die Nachricht am Tag davor fällt kürzer und reflektierter aus: „To Romanticise is not to Mythologise. P“. L steht für Lukas. Wenn Lukas Wooller nicht gerade davon träumt, von Englands altehrwürdigster Indierock-Ikone eins auf die Zwölf zu bekommen, spielt er Keyboard bei Maximo Park, Newcastles größtem Exportschlager seit dem Fussballverein Newcastle United und dem süffigen Newcastle Brown Ale. P steht für seinen Kumpel Paul. Paul Smith singt in dieser größtmöglichen Lokalband, die sich als erste Band der zweiten britischen New New Wave-Welle aufmachte, ihre Stadt in die Welt zu tragen. Und er, Paul, der Romantiker, tut das mit einer Inbrunst, die an Bestimmung grenzt.

Eigentlich, so will es die Legende, wollte er nie Sänger einer Band werden. Gemeinsame Bekannte aber gabelten diesen stimmlich durchschnittlich talentierten Kunststudenten vor fünf Jahren in einer Karaoke-Bar auf und schleppten ihn zu Duncan Lloyd (Gitarre), Archis Tiku (Bass), Tom English (Schlagzeug) und Lukas Wooller in den Proberaum. Zack, da hatten sie ihren agilen Frontpoeten, den sie suchten. Seitdem verbindet Smith auf seiner künstlerischen Projektionsfläche namens Maximo Park, benannt nach einem öffentlichen Platz in Havanna, seine Liebe zum Pop mit seinem ungebrochenen Interesse an Literatur, Straßenlyrik, Kulturgeschichte und der Wiederkehr vergangener Epochen im Jetzt. Wenn er twitternd feststellt, dass Romantisierung nicht der Mythologisierung gleicht, dann gleicht das in Wahrheit einer Mahnung an sich selbst, zwischen all den besungenen Allgemeinplätzen über die Liebe und die Mädchen das Besondere nie zu vergessen. Maximo Parks Twitter-Impressionen mögen nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt ihres Alltags sein. Aber sie unterstreichen den musikalischen Ansatz ihrer Verfasser: Maximo Park messen sich mit den Großen ihrer Zunft und bedienen sich dazu an den Mitteln, die ihnen ihre Beobachtungsgabe zur Verfügung stellt und die die letzten 20 Jahre Popgeschichte zu dem gemacht haben, was sie ist: eine Ansammlung von persönlichen Geschichten, Liebesschwüren oder Versagungen, von Tagträumen, eine große Referenz auf die unerträgliche und allgegenwärtige Leichtigkeit des Seins. Maximo Park betreten zu einer Zeit die Popbühne, da sie mit ihren Ambitionen nicht alleine dastehen. Diese Zeit aber hat den anhaltenden Erfolg von diesen fünf Kerlen aus Newcastle überhaupt erst möglich gemacht.

„In unseren Songs steckt unser Leben!“ (Paul Smith)

„Hey Paul, sieh mal hier: Starsailor haben ein neues Album! Bizarr…“. Lukas Wooller sitzt unter goldverziertem Stuck und Wandmalereien im königlich restaurierten Flügelzimmer eines Berliner Hotels und blättert in der aktuellen unclesally*s-Ausgabe. Er trägt ein weißes Micky Maus-T-Shirt, Smith seine obligatorische Hutmode über nackenlangen schwarzen Haaren. Obwohl oder vielleicht weil sie schon den ganzen Tag über „Quicken The Heart“, ihr drittes und in Los Angeles aufgenommenes Album, sprechen, sind beide in bester Laune und gewohnt mitteilungsbedürftig. Sie grinsen in einer Tour, wie kleine Jungs, die sehr wohl wissen, was für ein Segen es ist, so zu leben wie gerade jetzt. Mit der gesamten Band waren sie vor zwei Wochen erst in der Stadt, gaben im Kreuzberger Lido die weltweite Livepremiere ihrer neuen Songs. „The Kids Are Sick Again“, die erste Single, war einer der eingängigsten davon. Smith, dieses Duracell-Häschen des Britpops, gab alles, wie immer. Er kann nicht anders. Auf Anhieb aber zündeten die neuen Lieder kaum, sie tun es auch auf dem Album lange nicht. Es fehlt die unbedingte Hetze nach der Hookline, der bittersüße Zuckerguss, der fast jeden Song auf „A Certain Trigger“ und viele von „Our Earthly Pleasures“ zu einem Disco- und Autofahrgaranten machte. Maximo Park haben 2009 keine Hitsingle-Kollektion aufgenommen, sondern ein Rockalbum.

„Heute morgen fragte uns jemand, ob wir nur noch Alben machen, um auf Tour zu gehen und Geld zu verdienen“, erinnert sich Lukas und legt wieder sein schelmisches Grinsen auf. „Was für eine schreckliche Vorstellung.“ „Wir alle haben unsere musikalischen Spielflächen. In unserer Musik mit Maximo Park aber stecken unsere Leben“, sagt Paul vollkommen unironisch und führt den Gedanken aus. „Würde ich es wegen der Kohle machen, hätte ich mir längst einen einfacheren Job gesucht. Wir opfern uns jeden Abend auf Tour auf, das sind wir uns und den Fans schuldig.“ Natürlich, sagen beide, war die Grundmotivation zur Bandgründung, es besser zu machen als alle anderen da draußen; sie ist es bis heute geblieben. „Als wir damals in Newcastle Musik mit unseren Freunden machten, waren wir inspiriert von Bands wie Pavement“, erinnert sich Lukas an die Anfangstage seiner Band. „Dann gehst du in den Pub und triffst Leute, die in ihren Lederjacken herumstehen und ernsthaft denken, Oasis machen herausragende Musik. Und du denkst dir: Da steckt doch viel mehr in Popmusik als das. Wir wollten den Leuten zeigen, dass es auch Echtes gibt von dort, wo wir herkommen. Die Menschen in Newcastle wollten lieber jemand anderes sein.“ „Aus Manchester wollten sie sein!“ wirft Paul, der nicht länger als zehn Sekunden nichts sagen kann, ein. „Und wir dachten uns: warum nicht du selbst sein?“ fährt Lukas fort. „Daher kommen Maximo Park. Wir wollten uns auf eine ehrliche Art und Weise selbst ausdrücken und ohne Klischees direkt mit den Leuten kommunizieren. So war es schon immer, so ist es immer noch.“

„Ich will kein medioker Mensch sein“ (Paul Smith)

Als Maximo Park im Frühjahr 2005 ihr Debüt „A Certain Trigger“ veröffentlichen, ist die Indie-Jugend eigentlich längst gesättigt. Der Erfolg der Strokes aus New York hatte seit 2001 auch den Gitarrenrock der Insel befeuert. Die Presse feiert 2004 Franz Ferdinands Debütalbum als Speerspitze einer New New Wave-Welle, die nach Joy Division auch lebensbejahendere Bands der Achtziger wie die Gang Of Four für sich wiederentdeckt hatte. Davor und danach machen sich unzählige, darunter auch unzählige gute, britische Bands auf, es ihnen gleich zu tun. Dieses Fahrwasser also spült auch Maximo Park mit nach oben, weil sie dem kommerziellen Erfolg nicht hinterher hecheln, ihr Dasein als getriebene, aber bodenständige Künstler in den Vordergrund stellen und auch darüber hinaus vieles richtiger als andere machen: Seit ihrer ersten Single „The Coast Is Always Changing“ haftet jedem ihrer Songs ein unverkennbarer Trademark-Sound an. Lloyds Gitarrenarbeit hat die Hooklines für sich gepachtet; Woollers Purzelbäume auf dem omnipräsenten Keyboard, die in schlechteren Bands mit schlechteren Songs längst die Grenze zum Unerträglichen überschritten hätten, werden von der knackigen Rhythmus-Fraktion im Zaum gehalten; Smiths unkitschige Liebeslyrics kommen mit betont eigenem nordenglischen Akzent um die Straßenecke. Auch abseits der Musik kreieren Maximo Park sich eine Corporate Identity: Ihre Alben und Singles bemühen eine wiederkehrende Weiß-Rot-Ästhetik, auf dem Cover von „A Certain Trigger“ tanzt sich ein stilisierter Paul als Symbol seiner unbändigen Bühnenagilität in Ekstase. Vielleicht fällt er auch im nächsten Moment um. Das „i“ im Bandnamen schreibt sich als sogenannter Heavy Metal-Umlaut (im Englischen: „röck döts“) mit zwei Punkten, wie man es sonst nur von Hardlinern wie Mötley Crüe oder Motörhead kennt. Das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen, wie die Musik von Maximo Park im Indierock der Nuller Jahre. Limitieren diese selbst gesetzten Marken nicht eine Band, die sich auf ihrem dritten Album vom Image lossagen müsste, auf ewig zum Erfüllungsgehilfen vergangener Jugendträume degradiert zu werden?

Paul: „Nicht wirklich. „Quicken The Heart“ hat von seinen Vorgängern gelernt und kreiert etwas Neues. Uns ist bewusst, dass wir limitiert sind in dem, was wir tun. Ich kann nur auf eine Handvoll verschiedene Arten singen, das klingt alles nach mir. Wir alle haben unsere Herangehensweisen. Aber was wir auch versuchen, es kommt immer auf die alles entscheidende Frage zurück: „Ist das ein guter Popsong?“ Außerhalb dessen wollen wir gar nichts. Das ist die Schönheit eines Popsongs: Innerhalb von drei Minuten kannst du soviel behandeln. Du kannst Ideen aus der Avantgarde stehlen und sie in den Mainstream schmuggeln. Für mich klingt das neue Album definitiv wie eine neue Version von uns. Ich fühle mich nicht eingeschränkt, weil ich weiß: falls wir beginnen, uns zu wiederholen, hören wir einfach auf.“

Würdet Ihr selbst merken, wenn es soweit ist?

Paul: „Ich hoffe doch! Wir Fünf sind sehr selbstkritisch. Ich frage mich ständig: Ist das relevant für andere Leute? Ich rede jetzt über den Auswahlprozess der Songs, nicht das Songwriting selbst. Mit Maximo Park haben wir diese Qualitätskontrolle. Wir verstoßen gegen den Mainstream, von dem wir ein Teil sind. Ich möchte nicht wie eine dieser Bands klingen, die im Radio laufen, wie alle anderen klingen und es nur wegen der Kohle tun. Für drei Minuten möchte ich das Leben der Leute ändern! Das ist ambitioniert, aber nur so will ich an unsere Musik herangehen. Ob unsere Songs das Potential dazu haben, fühle ich, bevor wir sie veröffentlichen. Falls wir diese Begeisterung schon in uns nicht finden, hören wir auf. Ich will keine mediokre Person in einer mediokren Band sein.“

Nur Mittelmaß waren Maximo Park bisher nie, ihr Streben nach dem perfekten Popsong in drei Minuten ist ihnen bis heute in jeder Sekunde anzuhören. „Quicken The Heart“ aber will mehr sein als ein Sammelbecken von zwölf Ohrwürmern und ist selbst das erst auf den dritten Blick. Der Opener „Wraithlike“ (frei übersetzt: gespenstisch) wurde vorab zum kostenlosen Download ins Netz gestellt und könnte die Fährte nicht falscher legen: „ Here’s a song that finally you can understand, a minor statement meant to counteract the plan, a list of wraith-like things, that quicken the heart“ singt Smith ungewohnt düster. Klingt so der Soundtrack dieses Frühlings? Ja. „Du kannst zu allen Songs tanzen, obwohl sie keine Tanzsongs sind. Wenn du sie in einem Nachtclub hörst, kannst du mit deinem Kopf dazu nicken“, entwarnt Smith vorsichtig – und soll natürlich Recht behalten. Zum ersten Mal haben Maximo Park ein Album aufgenommen, das sich Zeit lässt, sich keine Zeit zu lassen. „Time Is Overrated“, eine andere Zeile eines an starken Zeilen nicht armen Albums, war ebenfalls als Titel im Rennen. „Es zählt der Moment und nicht die Frage, ob du etwas lieber zu dieser oder jener Zeit tun solltest“, erklärt Smith. Der endgültige Titel blieb bis zuletzt ungewiss. Maximo Park veröffentlichten ihn auf ihrer Homepage, also dort, wo sie twittern und mit ihren Fans auch abseits des Promokarussells der Musikindustrie in Kontakt treten. Die Zeile „Quicken The Heart“ summiert das Grundgefühl der zwölf neuen Songs so, wie es schon die Titel der ersten beiden Alben von Maximo Park ihrerzeit taten. „Die Platte kann dein Herz rasend machen“, glaubt Smith. „Sie ist wie etwas, das zurückkehrt, dich zu jagen, nachdem jemand gegangen ist. Es klingt vermutlich primitiv, das so zu benennen. Aber unser Hauptantrieb lässt sich auf diese Formel runterbrechen: Alles, was uns zu unserer Musik bewegt, ist all das, was dein Herz schneller schlagen lässt.“

Bier für die Flaneure des Indierocks

Die Kunst, die Smith und Maximo Park vor fünf Jahren als die ihre entdeckten, haben sie sich bis heute bewahrt: Sie erkennen das Besondere im Allgemeinen und die Welt als keine Selbstverständlichkeit. Sie führen sich das jeden Tag vor Augen; in ihren Tweets, Songs und Alben auch ihrer Anhängerschaft. „Let’s Get Clinical“ ist vielleicht das chirurgische und lyrische Herzstück eines dritten Albums, das sich selbst nur langsam zur Herzensangelegenheit entwickelt. „I want to map your body out, inch by inch, head to toe“ singt Paul Smith und ist sich der polarisierenden Nebenwirkung seiner Texte in jeder Sekunde bewusst: „All unsere Songs behandeln Details, die andere Leute sich nicht rauspicken würden. Weil sie es nicht interessant genug finden oder so noch nicht darüber nachgedacht haben. Wir wollen eine kleine Geschichte erzählen und durch eine nachvollziehbare Sprache den Leuten erlauben, hereinzutreten. Sie sollen sagen können: „Das ist auch mein Leben, ja“.“

Bei anderen Bands scheppern solche Zeilen mit solchen Umschreibungen haarscharf am Schlager vorbei. Bei Maximo Park gehören sie zum romantischen Selbstbildnis. Smith findet die Erkenntnis „bare ankles used to mean adventure, and with you they still do“ romantischer als die tausendste Beschreibung eines schönen Gesichts. „Romantik ist mehr als physische Liebe“, erkennt er und vergleicht sie mit dem Leben, das er einatmet, bis seine Songs ausgeatmet werden: „Du läufst die Straße herunter, lässt dich von den Dingen inspirieren und suchst nach Schönheit. Ob es nun ein Gebäude von Le Corbussier ist, aus der Ära des Barocks oder aus der Moderne stammt: Die Welt ist voll von diesen Dingen, die jede Zeitperiode zurückgelassen hat. Die Liebe einer Person kannst du anwenden auf diese Umwelt, in der du dich befindest. Es hilft dir, dich an die andere Liebe zu erinnern, und es gibt deinem Leben eine Bedeutung: Du läufst nicht nur die Straße runter, du tust etwas Bedeutungsvolles.“ Frank Zappa sprach einst den oft zitierten Satz: „Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen.“ Paul Smith schreibt Musik darüber, wie er zu Architektur tanzt. Er flaniert durch die Straßen Englands und die Weltgeschichte, absorbiert dieses Erleben mit allen Poren und ist sich im Klaren: Der Weg ist sein Ziel. „Baudelaire nannte das den Versuch, dem alltäglichen Leben Poesie zu geben“, schwärmt Smith, dieser Flaneur des Indierocks, über seine lyrischen Vorbilder. Im selben Moment beginnen Selbst- und Fremdwahrnehmung dieser Band sich auf wundersame Weise zu decken. Auch die Auseinandersetzung mit Maximo Parks Musik gleicht einer Entdeckungsreise in scheinbar so bekanntem Terrain.

Ihre Heimat Newcastle haben Maximo Park auf diese Weise schon oft durchwandert. Entwachsen sind sie, die plötzlichen Popstars, ihr nicht. Im Gegenteil: Anlässlich eines diesjährigen Homecoming-Gigs vor 12 000 Daheimgebliebenen hat Newcastle Brown Ale eine Limited Edition ihres Bieres auf den Markt gebracht: Maximo Brown Ale. Paul freut sich darüber genauso wie über sein Privileg, mit der Band die ganze Welt bereisen zu können:

„Vorher hatten sie nur eine Limited Edition hergestellt: Für Alan Shearer, als er als Spieler bei Newcastle United in den Ruhestand ging! Dabei trinke ich noch nicht einmal Bier.“

Lukas: „Ich trinke Bier. Und es war uns eine Ehre, auf so einer Flasche drauf zu sein. Es gibt nicht viele davon. Wenn du also eine in die Finger kriegst, behalte sie – sie ist eine Menge wert, bestimmt 50 p.“

Paul: „75 p!“

www.maximopark.com

(erschienen in: unclesally*s 5/2009)

zur gedruckten Version

Krise? Zeitgeist!

Punk? Pop? Mittelfinger? Durch ihre siebte Platte „Gute Aussicht“ rumpeln Muff Potter so disharmonisch wie noch nie, so angepisst klangen sie zuletzt auf „Bordsteinkantengeschichten“. Mit dem Wechsel vom Majorlabel zu Huck’s Plattenkiste habe das nichts zu tun, erklärt Sänger Nagel. Mit einer Krise schon.

Eigentlich wollten Muff Potter ja eine Pause machen. Ende 2007, nach der Tour zu „Steady Fremdkörper“, ihrem zweiten Album für Universal und sechsten seit der Bandgründung 1993 in Münster. Diese Pause aber währte nur kurz: Sänger Nagel zog mit seinem Debütroman auf Lesetour, Gitarrist Dennis produzierte und veröffentlichte Ghost Of Tom Joad und Myagi, Bassist Shredder widmete sich seinem Job als Schreiner, Nachbar und Drummer Brami putzte Fenster für Omas und spielte die Hauptrolle in einem No Budget-Film. Bis plötzlich ihr 15-jähriges Bandjubiläum vor der Türe stand – und kurz darauf, im vergangenen Herbst, Nagel selbst, mit haufenweise neuen Ideen. Muff Potter bezogen ein Haus im Emsland, schrieben neun Songs in fünf Tagen, spielten Universal erste Hörproben vor. „Da war deren Entscheidung wohl längst gefallen“, vermutet die Band. „Gute Aussicht“ aber musste raus, Nagel brannte es unter den Fingern. Er war dieses Mal der Hauptantrieb, den drei anderen erschien das anfangs ein wenig voreilig. Andere Labels bekundeten Interesse, die gegenwärtige Musikindustrie aber war Muff Potter zu wackelig. Also zurück zum bandeigenen Label „Huck’s Plattenkiste“. Das bedeutete Arbeit: alte Strukturen mussten neu belebt, bezahlbare und altbekannte Promo- und Bookingagenturen überzeugt, ein neuer Vertrieb gefunden werden. Alles aus eigener Vorkasse. Jetzt heißt es wieder mehr denn je: Touren – die einzig nennenswerte Einnahmequelle für Bands jedweder Größenordnung.

Berlin-Neukölln. Nagels Küchentisch zieren Platzdeckchen mit dem Boxermotiv seiner Band. Ein Relikt aus alten Tagen, ein Symbol ihres Durchhaltevermögens. Nagel quetscht eine Zitrone aus. Er ist froh, dass die Wahl der Plattenfirma noch nie Einfluss auf Muff Potters Musik hatte. „Wir haben immer die Platten gemacht, die wir gerade machen wollten. Manchmal haben wir es zu 80 Prozent geschafft, manchmal zu 100 Prozent. Bei der „Von Wegen“ waren es 100 Prozent, bei „Gute Aussicht“ auch. Bei den anderen wäre im Nachhinein noch ein bisschen Luft nach oben gewesen.“ „Gute Aussicht“, ein Mittelfinger gegen Radiotauglichkeit und Melodieversoffenheit, entstand über einen komprimierten und intensiven Zeitraum, „deshalb haben die Songs so eine Wucht, eine Lebendigkeit. Die Live-Einspielung tut da nur ihr Übriges.“ Die schlägt fast teurer zu Buche als reguläre Studioaufenthalte, schließlich brauchten Muff Potter plötzlich „24 statt zwei“ ordentliche Mikrofone, auch Haus- und Hof-Produzent Nikolai Potthoff (Tomtes Live-Bassist) und der neue Engineer Torsten Otto mussten irgendwie bezahlt werden.

Eine wie auch immer geartete Krise aber beeinflusste nicht allein die wirtschaftlichen Nebenschauplätze der Musik. Die entstand bei Muff Potter nie im luftleeren Raum, sie reagierte auf ihre jeweilige Umgebung. Nagel und Dennis wohnen seit zwei Jahren in Berlin, der Stadt also, die sich selbst als „arm aber sexy“ empfindet. Das eingefangene Gefühl aber ist umgreifender. Eine Rhetorik der Angst macht sich in den Köpfen breit, Antworten auf einfache Fragen lauten heute „Danke, gut – aber…“. Niemand weiß, wie lange noch. „Gute Aussicht“ verzichtet auf Liebeslieder und bedient sich dieses Zeitgeistes, in dem es keine klaren Aussagen gibt. „Der schönste Platz ist immer an der Hypotheke“ kläfft Nagel in der ersten Single „Blitzkredit Bop“ und geht noch weiter: „Ich möchte 2009 die Platte hören, die den Nerv der Zeit mehr als „Gute Aussicht“ trifft.“ So wie Unternehmen und Einzelkarrieren der Reihe nach zusammenbrechen, so wenig traut man sich eine Schadenfreude. Man könnte ja der Nächste sein. Diese Unsicherheit, dieses daraus entstehende Gefühl ist allgegenwärtig, diese Wiedersprüchlichkeit bestimmt auch „Gute Aussicht“, sagt Nagel, aus dessen Feder diesmal alle zwölf Songs stammen: „Wahrscheinlich ist es leider eine zeitlose Platte“ – er betont das „leider“ – „weil nächstes Jahr nicht wieder alles oben auf sein wird.“

„Die Party ist vorbei – lass uns tanzen“ („Die Party ist vorbei“)

Aus jeder Krise resultiert naturgemäß eine Chance. So wie Muff Potter sich mit ihrem neuen Album auf das Wesentliche zurückbesinnen (Spielfreude, Punkrock, ihre Umgebung), so trennt sich in der Musikbranche die Spreu vom Weizen. Muff Potter schielten noch nie auf schnelle Hits, „wir sind ja froh, überhaupt Geld damit zu verdienen.“ Seit 15 Jahren liefern sie Qualität ab, das goutieren auch die Fans. „Die Chance gerade ist, dass Inhalte wieder mehr wahrgenommen werden“, hofft Nagel. „Wir sind von so einer Krise weniger stark betroffen als ein „Vanity Fair“-Magazin, wo man einfach sagen kann: das war scheiße, das hat nicht funktioniert, weg vom Fenster, der Nächste bitte.“

Dieses Punkrock-Dasein ist Muff Potter in all den Jahren trotz Majorlabel-Ausflügen nicht verloren gegangen. Im Gegenteil, es spendete ihnen die nötige Puste. Der Niedergang vermeintlich sicherer Karrieren bestätigt sie in ihrem Weg, sagt auch Nagel: „Eigentlich finde ich es ja immer gut, wenn Sachen kaputt gehen. Ich habe nichts gelernt, Karrierismus war Muff Potter schon immer fremd. Wenn nun ein Schema F nicht mehr funktioniert, gleicht das einer Befreiung: ich muss über dieses Schema also nicht mehr nachdenken und kann einfach machen.“ Zum Beispiel eine Platte schreiben, die wütend klingt, weil die Welt wütend ist. Nagel und Muff Potter selbst könnte es ja schlechter gehen: „Ich bin mit mir im Reinen, mache gute Sachen und kann davon leben. Im Umfeld meiner Mutter werden alle arbeitslos, niemand hält einen Job sein Leben lang. So kapiert sie endlich auch, dass ich mein Talent nicht vergeude.“

www.muffpotter.net

(erschienen in: unclesally*s 5/2009)

Der Provokateur

In den letzten Jahren der DDR reizte Jörg Prüße das Regime bis aufs Blut – indem er seinen Kunden „antisozialistische Frisuren“ verpasste. 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnert er sich

Das Licht geht aus, „The War“ von Bruce Springsteen tönt durch die Messehalle. Schüsse, Gefechtsdonner, Handgranaten. Models in NVA-Uniformen marschieren auf das Publikum zu, tragen im Schwarzlicht leuchtende Gasmasken im Gesicht und Panzer, Flugzeuge und Kriegsschiffe auf dem Kopf. Plötzlich stoppt die Musik, Finale: die Models kämpfen, sich der Maskerade zu entledigen. Als Sowjetpräsident Michael Gorbatschow verkleidet betritt Jörg Prüße die Bühne – und befreit die jungen Frauen von ihren Kriegsgerätschaften.

„Auch als Friseur konntest du dir Gedanken machen und gegen das Regime protestieren“, erinnert sich Prüße über 20 Jahre nach dem Mauerfall an seine skandalträchtige Abrüstungsshow auf der „Messe der Meister von Morgen“. Er sitzt im Geschäft seines Sohnes, „John’s ARTiger Frisiersalon“ in Prenzlauer Berg. Prüße ist mittlerweile 58 Jahre und immer noch ein bunter Hund. Er trägt Laufschuhe und Jeans, Lederjacke und Hut, blättert durch alte Zeitungsartikel, erzählt einer Kundin amüsiert von der angeblichen Bisexualität, die in seinen Stasi-Akten vermerkt war. Jahrelang reizte Prüße in der DDR die Funktionäre und den Sicherheitsapparat bis aufs Blut – trotzdem oder gerade deswegen war der Friseurmeister aus Prenzlauer Berg ein Star in einem Regime, das jede Form von Individualismus unterdrücken wollte. Er fiel auf in einer grauen Republik, in der sich niemand etwas trauen durfte.

Ende 1980 eröffnet „Jörgs Frisierstübchen“ in der Greifswalder Straße. Prüße, im väterlichen Salon in Stralsund quasi aufgewachsen, lebt zu diesem Zeitpunkt bereits seit elf Jahren in Ost-Berlin und tobt sich aus. Er ging zur Armee, wurde Diplom-Ingenieur, lernte Arzthelfer, trat in TV-Shows auf. Er musste das alles ausprobieren, sagt er, „um zu merken, dass ich wirklich Friseur werden will.“ Schnell mausert sich der Laden zum Geheimtipp – die unkonventionellen Frisuren grenzen an offene Regimekritik. „Wenn wir damals Haare färbten, war das ein unvorstellbarer Protest. Ich musste zum Ministerium, weil die jugendlichen Kunden wegen roter oder blauer Haare von der Schule geflogen sind“, erinnert er sich an die alte Zeit in seinem ersten Salon, diesem „Sammelbecken der bunten Hunde“. Gabi, Amanda, Mike, jeder Mitarbeiter war ein Original, bei Prüße konnten sie es sein. Frank Schäfer fällt ihm zuerst ein, „den kannte zu Ostzeiten jeder“. Schäfer war tätowiert, frisierte auf Rollschuhen. Prüße ließ ihn machen.

Sein Team sorgte besonders wegen seines künstlerischen Selbstverständnisses für Aufsehen. Jeden Donnerstag war Shownacht, Prüße stylte die Besucher, es gab Live-Musik und immer viel zu trinken. Der Salon wird zum Anlaufpunkt für Punks und Bohemians – aber bald auch für Kunden aus der Politik und sogar aus West-Berlin. Zum Beispiel Frau N., die gerne mal den „Spiegel“ und andere Westzeitungen im Salon liegen ließ. Weil Frau N. „eine nicht unbedeutende Mitarbeiterin der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik“ war, ließ der rasch informierte Abschnittsbevollmächtigte den Vorfall durchgehen.

Weil er eine öffentliche Person war, konnte sich Prüße einiges erlauben – die Aufmerksamkeit schützte ihn. Aber immer öfter provozierte er die Auseinandersetzung mit dem Regime auf der größeren Bühne. Er wollte nicht bloß Haare schneiden, sondern Entertainer sein und entwickelte eine eigene Schaufrisiershow namens „Chic und Choc mit Jörg“. Ein Scout von Vidal Sassoon sah eine seiner ersten Shows in Ost-Berlin und holte ihn, den Exoten, nach Paris. Ein Beamter des Ministeriums für Kultur ließ sich mit harter Währung schmieren, stufte Prüße als Unterhaltungskünstler ein. Mittlerweile musste er selbst an Narrenfreiheit glauben. Von Rostock bis Dresden schnitt er Haare mit Samuraischwertern, präsentierte Intimfrisuren in Schwarz-Rot-Gold. Bei der Premiere seiner Abrüstungsshow, dem Gipfel der Gratwanderung zwischen Kunst und Protest, saß Konrad Naumann im Publikum. Naumann war erster Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin, seine Frau Vera Oelschlegel Schauspielerin und längst Kundin von Prüße. Ihr verdankte er auch seinen Lada, während andere Ostbürger noch auf ihren Trabant warteten.

Von jetzt an schien es nur noch eine Frage der Zeit, bis Prüße von der Bühne verschwinden musste. Die Berliner Friseurinnung attestierte ihm einen antisozialistischen Frisurenstil und distanzierte sich nach der Abrüstungsshow ganz von ihm. Prüße war das egal. Dann aber, während einer weiteren „Chic und Choc“-Show in der Berliner Kongreßhalle am Alex, stürmte ein Trupp der Bereitschaftspolizei auf die Bühne, nahm Prüßes Leute fest. Die Stasi legte ihm die Ausreise nahe – ein unerhofftes Privileg für jeden anderen Ostbürger. Aber Prüße wollte nicht. Also häuften sich die Repressalien, Steine flogen durch die Fenster von „Jörgs Frisierstübchen“. Prüßes Team ließ sich nicht unterkriegen, bemalt die Steine und lässt sie als Kunstwerk liegen. „Der Letzte macht das Licht aus“ war ihr Running Gag. Dann fiel die Mauer.

"Früher war ich ein Casanova": Jörg Prüße über die Entstehung seiner Biografie "Haarscharf - Geständnisse"„Wir waren uns einig“, sagt Prüße und rührt in seinem Milchkaffee, „hätten die uns verhaftet, dann sollte das so sein.“ Er nimmt seine mittlerweile elf Jahre alte Biografie „Haarscharf – Geständnisse“ zur Hand, sieht sich auf dem Cover und lacht auf: „Mensch, hab mich ja kaum verändert seitdem!“ Die Glatze ist geblieben, der Schnurrbart ist jetzt ab. Auch die unzähligen Frauengeschichten während der Frisiertouren, von denen seine Frau in dem Buch erfuhr, sind Vergangenheit, die Ehe hat es überstanden. Die Aufmerksamkeit hat er immer genossen, er genießt sie auch heute noch. „Natürlich habe ich das Buch auch wegen meiner Profilneurose geschrieben. Nach der Wende aber wollte mir jeder Wessi erzählen, wie wir im Osten gelebt haben. Denen wollte ich zeigen, dass nicht alles scheiße war.“

Je näher das wiedervereinigte Deutschland zusammenrückte, desto ruhiger wurde es um Prüße. Nach der Wende tingelte er durch Talkshows und eröffnete „Jörgs Frisiercabinet“. Sogar Lothar de Maizière, der letzte DDR-Ministerpräsident, ließ sich die Haare schneiden, weil seine Frau Ilse ihn mitbrachte. Von 1997 an schmiss das Ehepaar Prüße jeden Donnerstag Clubshows im neuen Domizil am Ostbahnhof, das sie bis 2005 betrieben. Heute, an der Danziger Straße, ist es ruhiger, obwohl der Laden besser läuft. Auf Show und Livemusik verzichten Prüße und sein Sohn inzwischen ganz. Wahrscheinlich würden sie damit auch kaum noch auffallen. Bunte Hunde gibt es in Berlin schließlich längst überall.

(erschienen in: zitty, Februar 2009)